Durchgelesen: Albert Camus – “Der Fremde”

November 11, 1999 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Nie war Lakonie so vollendet wie in "Der Fremde" .

Autor Albert Camus
Titel Der Fremde
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 1942
Bewertung *****

Ein tolles Buch. Und ein erschreckendes. Nicht ob der Lakonie, mit der die Hauptperson alles hinnimmt, sondern ob der Tatsache, dass man sich damit identifizieren kann.

Hingehört: Blur – “13″

August 30, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

"13" ist eine Trennungsplatte. Und ein Meisterwerk.

Künstler Blur
Album 13
Label Food
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung *****

Vielleicht ist sie ja an allem schuld. Ist sie sowieso. Sie ist jedenfalls weg und hat damit sicher großen Anteil daran, dass ich das neue Blur-Album 13 für die bisher beste Platte dieses Jahres halte. Sänger Damon Albarn wurde im Vorfeld des neuesten Studiowerks von seiner langjährigen Freundin Justin Frischman verlassen. Und hatte offensichtlich daran zu knabbern. Somit teilen wir nun unser Leid.

Und dieser Mann hat gelitten. So sehr, dass er anscheinend alle Hoffnung in die Welt und die Menschen verloren hat. So geht es halt, wenn man sich dem Kummer hingibt. Als Resultat ist 13 ein schwarzes Loch geworden, das alle Hoffnung, allen Glauben und allen Optimismus in sich hineinzieht. Soviel Kälte, Zynismus und Destruktivität hat man zuletzt auf Nirvanas In Utero gehört.

Für den unbedarften Hörer, der Blur noch immer mit singalong-Popsongs wie Girls And Boys oder Country House assoziiert, kann das erste Hören der Platte mitunter zu einer Tortur werden. Der erste Durchlauf der CD kann durchaus mit körperlichen (und das meint hier nichts anderes als KÖRPERLICHEN) Schmerzen verbunden sein. Für die andere Hälfte der Menschheit, nämlich arme Hunde wie Damon, Dich und mich, formt sich aus der Kälte plötzlich so etwas wie ein Kuscheltier, aus der Verzweiflung wird Trost, aus Zerstörungslust entsteht die Erkenntnis: schön, dass es auch noch andere liebeskranke Idioten gibt.

Erwartungen sollte man besser gar keine haben an diese Scheibe. Denn weder die Pop-Blur der Anfangsjahre, noch die Indie-Blur des vielumjubelten letzten Albums sind aufgekreuzt. Stattdessen hat sich die Band mit Hilfe des Produzenten William Orbit, Damons Verzweiflung und dem neuen Selbstvertrauen des Gitarristen Graham Coxon, der auf dieser Platte endgültig den Schritt aus der zweiten Reihe vollzieht, wieder einmal neu erfunden.

Schon im Opener schlagen einem gänzlich ungewohnte Klänge um die Ohren. Im Refrain von Tender wird Damons Gesang von einem Gospelchor unterstützt. Dazu ein unglaublich guter Text und Gitarrenarbeit, für die wohl einst das Wort “phänomenal” erfunden wurde. In knapp acht Minuten entwickelt das schlichte Stück einen fast mantra-artigen Charakter. Sweet soul music.

Bereits im zweiten Song wird der Hörer auf die erste Bewährungsprobe gestellt. Wer noch nicht wusste, was “Verzerrung” bedeutet, sollte sich dringend Bugman anhören und einsehen: Eine Gitarre kann wie ein Zahnarztbohrer klingen. Coffee & TV erinnert an die Modern Life Is Rubbish-Phase und bleibt der einzige echte Popsong, den Blur diesmal liefern. Dass sie es immer noch können, hatte niemand bezweifelt. Dass sie es trotzdem noch einmal beweisen, ist auch diesmal sehr schön. Ein solides Fundament aus Schlagzeug und Bass, die Strophe von Graham gesungen. Zeilen wie “take me away from this big bad world / and agree to marry me” behält sich Damon aber für den Refrain vor.

Damit hat es sich aber nach einer guten Viertelstunde auch schon mit guter Laune. Was nun folgt, lässt sich kaum anders als “Trip” nennen.
Obwohl sie nach diesem Album nicht nur in einer anderen Liga, sondern in einer ganz anderen Sportart spielen als die alten Rivalen von Oasis, können es Blur nicht lassen, auch diesmal einen Seitenhieb nach Manchester abzulassen. Swamp Song heißt der vierte Track – wie eine B-Seite der Gallaghers. Slide-Gitarren, viele Phrasen, dazu lalala, Damon macht auf Bowie: Alles zusammen klingt, als sei das Mischpult betrunken gewesen.

Fast ohne Gitarre kommt 1992 aus. In diesem Jahr haben sich Damon und Justin getroffen. Jetzt wirft er ihr ein “what do you owe me? / the price of your peace of mind” an den Kopf. Ein an Sing erinnerndes Klavier trägt das Stück, bevor Feedback alles zur Seite schiebt. Am Ende ein Donner. Vertonte Ohnmacht.

B.L.U.R.E.M.I. ist ein Space-Punk-Witz. Battle wartet mit einem Neandertal-Schlagzeug auf und ist so dunkel wie die Asche eines verbrannten Liebesbriefes. Noch nie hat Damon so gut gesungen, noch nie hat ein einziges Wort so viel ausgesagt. Im trefflich betitelten Mellow Song klingen Blur so erfrischend wie eine Band, die die letzten zwanzig Jahre im sibirischen Arbeitslager verbracht hat. “Guilotine” kommt im Text vor und “alcohol low”. Sie haben ja so recht.

In Trailerpark packt Damon noch einmal seinen amerikanischen Akzent aus und hat zudem die geniale Textzeile “I lost my girl to the Rolling Stones” auf Lager. Die Band spielt dazu Country-HipHop. “I got to get over / I got to get better / I love you forever.” Noch nie klang das Ende so absolut wie in Caramel. Karamel ist verbrannter Zucker. Jeder Ton dieses Liedes sticht an einer anderen Stelle des Körpers. Jede Silbe lässt einen ein Stück weiter in das eigene Selbstmitleid sinken. Doch wenn das Lied vorbei ist, fühlt es sich sehr gut an, dass es einem sehr schlecht geht.

“That´s just the way it is”, heißt die Einsicht von Trimm Trabb. Es ist alles sooo zu Ende. Das Stück beginnt tanzbar, doch selbst der Gitarrenorkan am Ende bleibt gleichgültig. “I sleep alone. I can´t go back.” Zum Schluss hört man Händeklatschen, dazu schreit ganz weit hinten ein Mann so verzweifelt, als habe er gerade seine Seele verkauft.

Früher hat man Blur oft vorgeworfen, sie hätten genau dies getan. Doch wo damals in der dritten Person über allerlei Skurrilitäten des britschen Alltags erzählt wurde, steht heute die persönliche Entäußerung. Bestes Beispiel und Sahnestück der Platte: No Distance Left To Run. Jeder Ton aus Grahams Gitarre weint, Damon singt, als sei er kurz davor, ganz wenig Klavier. Eine dieser wundersamen Nummern, die Dir einfach das Herz brechen, wenn es noch im Ganzen ist. Und die es kitten, wenn es in Stücke zu fallen droht.
Einen ganzen Tag lang habe ich nur dieses Lied gehört. Und genau wie das gesamte Album wurde es mit jedem Durchlauf besser.

Natürlich ist das nicht gerade Popmusik im herkömmlichen Sinne. Nichts an 13 ist leichtverdaulich oder zugänglich. Wo immer es ging, haben Blur und William Orbit ihrer Zerstörungswut freien Lauf gelassen. Jede Melodie wird von einem unpassenden Effekt getrübt, jedem straighten Rhythmus werden atonale Gitarren- oder Gesangsläufe zur Seite gestellt. “Kopfhörermusik” sagen Blur dazu. “Drogenmusik” hat mein Vater dazu gesagt. Beide haben recht. Dadurch hat das Werk aber eine Substanz, wie man das neuzeutlicher Gitarrenmusik gar nicht mehr zugetraut hatte.

Auch deshalb bleiben Blur eine der wenigen Bands, die für wirkliche Überraschungen gut sind. Nachdem der Weg von den punkigen Anfängen bis zum Bombast-Pop von The Great Escape noch relativ stringent war, haben die vier Engländer mit Blur gleichzeitig den Sprung aus der Britpop-Falle und über den großen Teich geschafft. Mit 13 haben sie nun gezeigt, wie aufregend Rockmusik im Jahr 1999 klingen kann.

Schließlich spuckt das schwarze Loch, das da 13 heißt, nach gut einer Stunde auch alle Hoffnung, allen Glauben und allen Optimismus wieder aus. Und plötzlich erstrahlen sie heller als je zuvor. Dank solcher Alben kommt man über seinen Liebeskummer hinweg. Auch Damon.

Das ganz und gar vollkommene No Distance Left To Run, live bei Jools Holland und noch untröstlicher als das Original:

Blur bei MySpace.

Hingehört: The Beautiful South – “Choke”

Juli 17, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Auf ihrem zweiten Album wollen The Beautiful South oft zu viel.

Künstler Beautiful South
Album Choke
Label Go! Discs
Erscheinungsjahr 1990
Bewertung ***

Angeblich ist das dritte Album ja das schwierigste. Hier soll sich die Spreu vom Weizen trennen. Doch ich behaupte: Wenn das Debüt bereits kommerziell wie künstlerisch erfolgreich war, ist das zweite Album das schwierigste. Vor allem, wenn man wie Ex-Housemartin Paul Heaton längst kein Neuling im Geschäft und auch nicht mehr Anfang 20 ist, man also schon einiges abgeliefert und die Erwartungshaltung so präzisiert hat.

Das Songwriterduo Heaton/Rotheray hat sich jedenfalls offensichtlich schwer getan mit dem Zweitling. Die Herren hätten wohl gerne weiter auf die bewährten Zutaten gesetzt, wollten die Weiterentwicklung aber doch auch nicht vor der Tür lassen. Hätten sie aber mal gesollt. Denn oft genug wollen sie hier zu viel. Richtig klasse wird es nur, wenn sie alle Ambitionen beiseite lassen und ihr Heil in der Einfachheit und Beschränkung suchen. Etwa im wunderschönen Let Love Speak Up Itself, im bekannt doppelbödigen Should´ve Kept My Eyes Shut oder im kämpferischen I´ve Come For My Award.

Selbst für Beautiful-South-Verhältnisse ist I Think The Answer´s Yes enorm poppig. Natürlich nicht, ohne ein paar Widerhaken einzubauen: I´m walking down these pastures / I´m picking up sweet fruit / I´m shaking hands with people / that previously I´d shoot. Der Hit war trotzdem A Little Time, musikalisch sehr laid back, textlich gewohnt treffsicher. Und, wie Paul Heaton richtig feststellte, ist es “die Ironie der Ironie”, das solch ein Song ein Nummer-1-Hit wird.

Mit The Rising Of Grafton Street haben sie unverständlicherweise noch ein Instrumental draufgepackt. Jaja, der Anspruch… Das zweite Album ist wohl doch das schwerste.

Das Video zum wunderhübschen Let Love Speak Up Itself:

The Beautiful South bei MySpace.

Durchgelesen: Nick Hornby – Fever Pitch

Juli 12, 1999 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Fußball ist besser als Sex? Nach der Lektüre von "Fever Pitch" mag man das fast glauben.

Autor Nick Hornby
Titel Fever Pitch
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1992
Bewertung ****

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, etwas derartiges zu lesen. Deshalb habe ich “Fever Pitch” auch nicht gekauft, sondern mir bloß ausgeliehen von einem dieser Menschen, die Nick Hornby in höchsten Tönen loben.

Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich von Büchern über Fußball halten soll. Aber Nick Hornby schreibt so gut, dass er derlei grundsätzliche Bedenken durchaus zerstreuen kann. Und natürlich ist “Fever Pitch” am Ende gar kein Buch über das runde Leder, sondern über das reine Leben.

Sehr schön die Stelle, an der der Erzähler erklärt, warum Sex besser als Fußball ist.

Durchgelesen: Sämtliche Werke von Oscar Wilde

Juli 8, 1999 · Posted in Bücher, Bücherregal · 4 Comments 

Oscar Wilde ist der entzückendste Lügner der Literaturgeschichte.

Autor Oscar Wilde
Ausgabe Sämtliche Werke
Verlag Weltbild
Erscheinungsjahr 1854-1900
Bewertung *****

Oscar Wilde hat in fast allen dingen Recht. Und wenn er einmal nicht Recht hat, dann begründet er seine Lügen so entzückend, dass man ihm auch glaubt. Ein großartiger Dichter. Vergötterung der Jugend, der Kunst, der Schönheit. “Dorian Gray” muss man gelesen haben, “The Importance Of Being Earnest” sowieso. Ruhig auch mal in die Lyrik reingucken!

Hingehört: Frank Black & The Catholics – “Frank Black & The Catholics”

April 24, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Frank Black rettet die Rockmusik. Mit einer Horde Katholiken.

Künstler Frank Black & the Catholics
Album Frank Black & the Catholics
Label Play it again, Sam
Erscheinungsjahr 1998
Bewertung ****1/2

Der Mann hat ja schon so einiges geleistet. Als er noch Black Francis hieß, hat er mit seinen Pixies die 1980er davor bewahrt, komplett scheiße zu sein. Dann hat er als Frank Black quere Popsongs über Außerirdische und Kopfschmerzen gemacht. Und nun rettet er – ausgerechnet mit den Katholiken – mal eben die Rockmusik.

In wenigen Tagen waren diese zwölf Songs aufgenommen und abgemischt. Dann machte sich Frank Black auf, einen Produzenten für diese Demos zu finden. Doch alle sagten ihm: “Nee, du, lass mal, besser kriege ich das auch nicht hin.”

Sie hatten Recht. Schon lange nicht mehr klang ein Album mit Gitarrenmusik so unverbraucht, frisch, direkt und kraftvoll. Die Songs dazu sind ausnahmslos klasse, die Band ist spielfreudig, der Sound ist kompakt.

Highlights? An Tom Petty und seine Heartbreakers erinnert Back To Rome mit den lebensweisen Textzeilen “life is so fine / then it goes wrong / love is so hard / then it goes wrong.” Für einen Querkopf unglaublich straight ist Do You Feel Bad About It? Wie man bei diesem Titel hätte vermuten können, ist I Gotta Move enorm treibend. Solid Gold wäre sicher auch bei Neil Young und Crazy Horse nicht in den Papierkorb gewandert. Suffering kommt enorm wuchtig. Und natürlich die Geschichte vom Man Who Was Too Loud.

Diese Platte ist so gut, dass Frank Black jetzt ruhig auch wieder zwei spinnerte Alben über Aliens aufnehmen darf, ohne dass wir an ihm zweifeln.

Eine ausufernde und extrem schlecht gelaunte Live-Version von 666:

Frank Black bei MySpace.

Hingehört: The Beautiful South – “Welcome To The Beautiful South”

April 17, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Ein zeitloses Album aus den 80ern - der ultimative Beweis für Geschmack und Talent.

Künstler The Beautiful South
Album Welcome To The Beautiful South
Label Go! Discs
Erscheinungsjahr 1989
Bewertung ****

Sarkasmus, Zynismus und Ironie sind die drei grundlegenden Elemente des britischen Humors. Nur eine Band von der Insel kann wohl ein Lied wie Song For Whoever schreiben: Oh Cathy, oh Alison, oh Philippa, oh Jane / I wrote so many songs about you / I forgot your name. Und die Texte von The Beautiful South sind selbst für britische Verhältnisse noch bissig.

Eine Version des in mehreren Ausfertigungen erhältlichen Albumcovers zeigt ein ästhetisch perfektes Foto von einer Frau, die sich gerade eine Pistole in den Mund steckt und den Finger am Abzug hat. Genau so funktioniert auch die Musik der Band, die natürlich aus dem Norden Englands kommt: Sie packen ihre oft genug hässlichen Geschichten in oft genug wunderschöne Lieder. Deshalb haben die (damals noch) Fünf wohl auch in Deutschland ein paar Platten verkauft: Wenn man die Texte nicht versteht, ist es schlicht zuckersüße Popmusik. Auch Frank Zappa kennt diesen Bobby Brown-Effekt.

Großen Anteil an der Chartkompatibilität von The Beautiful South hat natürlich die schmeichelnde Stimme von Paul Heaton, die in From Under The Covers perfekt zur Geltung kommt. Musikalisch macht dem Songwriter-Duo Heaton/Rotheray ohnehin niemand etwas vor. Um Ende der 1980er Jahre ein zeitloses Album wie dieses zu machen, musste man einfach extrem talentiert und noch geschmackssicherer sein.

I´ll Sail This Ship Alone besticht durch außergewöhnliche Schönheit und die exakt richtige Dosis Melancholie. Perfekt auch das Zusammenspiel von Heatons Stimme mit Brianna Corrigan im Hit You Keep It All In. Sehr gekonnt zudem das misstrauische Love Is, das sich in sieben Minuten von einem scheinbaren Lovesong zu einer bitterbösen Abrechnung mit großem Revue-Ende mausert.

Das Beste am Rausschmeißer I Love You (But You´re Boring) ist, dass auf dem nächsten Album ein Stück I Hate You (But You´re Interesting) heißen würde. Doch das konnte damals ja noch niemand ahnen.

Das höchst amüsante Video zum Hit You Keep It All In:

The Beautiful South bei MySpace.

Hingehört: The Beatles – “Past Masters, Volume Two”

April 17, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 
"Past Masters 2" bietet das Spätwerk der Beatles - fast ohne Spinnertes.

"Past Masters 2" bietet das Spätwerk der Beatles - fast ohne Spinnertes.

Künstler Beatles
Album Past Masters, Volume Two
Label EMI
Erscheinungsjahr 1988
Bewertung *****

Der zweite Teil der grandiosen Past Masters widmet sich den Jahren 1965 bis 1970. Gleich der Auftakt ist der Wahnsinn: Day Tripper und We Can Work It Out, als Doppel-A-Seite zeitgleich mit Rubber Soul veröffentlicht, aber gar nicht auf dem Album drauf. Dazu das nicht aufzuhaltende Paperback Writer mit der ebenso gelungenen B-Seite Rain, die erstmals eine rückwärts laufende Strophe enthält.

Weiterhin bleiben die B-Seiten enorm spannend: The Inner Light (Flipside zu dem ohnehin perfekten Lady Madonna), aufgenommen von indischen Musikern in Bombay, bevor Harrison – zurück in England – seine Vocals drübergesungen hat. The further one travels / the less one knows.

Erstaunlicherweise wurde einer der Beatles-Klassiker schlechthin, nämlich Hey Jude, nicht in der Abbey Road, sondern in den Trident-Studios in Soho aufgenommen. Wenig erstaunlich hingegen: ein first take. Die dazugehörige B-Seite Revolution war bei Erscheinen gerade einmal drei Wochen alt. Und das alles ohne Internet!

Großartig auch Get Back, das genauso wie die B-Seite Don´t Let Me Down mit Billy Preston am Klavier live aufgenommen wurde. The Ballad Of John And Yoko müsste eigentlich The Ballad Of John And Paul heißen, denn die zwei haben das Tück im Alleingang aufgenommen: Paule an Drums, Bass und Klavier; John mit Gitarren und Gesang. Ebenso wie die B-Seite Old Brown Shoe durchaus dylanesk.

Von einem Wohltätigkeitssampler für den WWF ist Across The Universe entnommen. Lennons Gesang klingt hier fast so zerbrechlich wie auf den später ausgegrabenen Real love und Free As A Bird-Aufnahmen.

Eine erstaunlich lange Entstehungszeit hatte Let It Be: Im Januar 1969 angefangen und über ein Jahr später bei der letzten Beatles-Aufnahmesession überhaupt komplettiert. Noch länger (nämlich fast drei Jahre) haben sie an der dazugehörigen B-Seite You Know My Name (Look Up The Number) gearbeitet. Immer mal wieder ausgegraben und verändert, gelängt, gekürzt, in die Schublade getan. Brian Jones spielt drauf Saxofon. Wer hätte es nicht getan?

Die schlimmen Folgen von Glasnost: Der sowjetische Marinechor singt Let It Be, live in Cardiff, 1989:

Die Beatles bei MySpace.

Hingehört: The Beatles – “Past Masters, Volume One”

April 17, 1999 · Posted in CD-Regal, Musik · 6 Comments 

"Past Masters, Volume One" enthält alle frühen Beatles-Singles und zwei Lieder auf Deutsch.

Künstler Beatles
Album Past Masters, Volume I
Label EMI
Erscheinungsjahr 1988
Bewertung *****

Eine tolle Idee, diese Past Masters: Man braucht nur alle 13 Studio-Alben der Beatles und diese beiden Scheiben, dann hat man alles, was sie jemals veröffentlicht haben.

Neben zahlreichen EP-Tracks und B-Seiten sind natürlich die Singles vertreten. Love Me Do in original Mono. Sie haben dieses Stück tatsächlich auf zwei Spuren aufgenommen! In 15 Takes! Das waren noch Zeiten. Auch From Me To You, der erste von 11 aufeinanderfolgenden Nummer-1-Hits: in 13 Takes aufgenommen und schon fünf Wochen später überall als Single zu haben. Unglaubliche Aktualität, unglaublicher Output. She Loves You und die dazugehörige B-Seite I´ll Get You wurden an einem Tag aufgenommen. Ebenfalls in Mono. Yeah Yeah Yeah!

Dann stiegen sie auf 4-Spur-Technik um und die ganze Sache wurde Stereo. I Want To Hold Your Hand wurde auch prompt der erste Millionenseller. Die B-Seite This Boy ist ein echter Schmelzer, perfekte Harmonies.

Beinahe unbezahlbar: Komm´ gib mir Deine Hand und Sie liebt Dich. Ebenso beeindruckend: die Little-Richard-Coverversion Long Tall Sally, in einem Take aufgenommen und mit unglaublich dreckigen Lead-Vocals von Paul McCartney. Genauso wahrer Rock ´n Roll wie das von Ringo gesungene Matchbox (im Original von Carl Perkins, der bei den Aufnahmen auch im Studio war): if you don´t want my peaches honey / please don´t shake my tree. Mit She´s A Woman (der B-Seite zur Weihnachtssingle If I Fell) und vor allem I´m Down (B-Seite zu Help! und später immerhin von Aerosmith gecovert) beweisen Lennon/McCartney, dass sie Rocker solchen Kalibers inzwischen auch selber hinkriegen.

Beeindruckend auch, dass in der selben Session, aus der das rabiate I´m Down entstammte, auch Yesterday entstanden ist. Ebenfalls harter Stoff: das für den US-Markt aufgenommene Bad Boy, in dem McCartney (!) schon wieder erstaunliche Qualitäten als verruchter Rock-Shouter offenbart. Now junior, behave yourself.

Die deutsche Version von She Loves You mit ebenso unfassbaren Bildern von der Beatlemania in Deutschland:

Die Beatles bei MySpace.

Durchgelesen: Ernest Hemingway – “Fiesta”

April 3, 1999 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

Feine Atmosphäre, aber keine Hoffnung: Hemingways "Fiesta".

Autor Ernest Hemingway
Titel Fiesta
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 1926
Bewertung ***

Ich mag die Postmoderne nicht besonders, das ist nach diesem Buch klarer denn je. Die ganze Zeit wird nur gesoffen, alles ist zynisch und hoffnungslos. All dies ist fein erzählt, die Atmosphäre trefflich, doch bleibt es dabei rein destruktiv.

Bester Satz: “Es ist furchtbar leicht, am Tag über alles erhaben zu sein, aber nachts, mein Gott, ist es was ganz anderes.”