Hingehört: Blur – “Parklife”

Dezember 31, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Aus Dissonanz und Harmonie wird auf "Parklife" ein Klassiker.

Künstler Blur
Album Parklife
Label Food
Erscheinungsjahr 1994
Bewertung *****

Parklife wird in 20 Jahren den vernünftigsten Leuten meiner Generation etwa so viel bedeuten wie Revolver oder Exile On Main Street Menschen, die kurz nach dem Krieg geboren worden sind. Ein Klassiker, nichts weniger.

Blur vollenden die auf dem Vorgänger entdeckten Fähigkeiten, verknüpfen Zynismus mit Überzeugung, Dissonanz mit perfekter Harmonie. Dabei kann so etwas heraus kommen wie der grandiose Disco-Track Girls And Boys. Ein Lied voller Sonnenbrillen, Cocktails und Rhythums. Genau wie in Tracy Jacks kehren Blur ihren immer schon enthaltenen Massenappeal nun nach außen.

Inzwischen sind sie auch reif genug, um Hymnen zu schreiben. End Of A Century heißt die erste. “End of a century / it´s nothing special.” Unverschämt bescheiden. Vollends in der Beatles-Liga spielt dann der Titelsong: ein Ausbruch von Kreativität.

Spätestens ab Parklife gibt es für Blur keine Beschränkungen und schon gar keine Konventionen mehr. “Nichts ist unmöglich”, lautet die Devise – und für einen Moment glaubt man, dass die Popmusik vielleicht doch gar nicht so tot ist. Noch nicht ganz im überdrehten Bedhead, vollkommen aber schließlich im unsagbar abgefahrenen Far Out. Ab jetzt muss man dieser Band alles zutrauen. Sogar französische Textzeilen in To The End, der zweiten Hymne. Damon singt herrlich oberflächlich, dann übernehmen die Streicher.

Als Appetizer für The Great Escape wirkt im Rückblick London Loves. Eher noch in der Modern Life Is Rubbish-Tradition steckt Trouble In The Message Center: Ein lupenreiner Rocksong duelliert sich mit einer 1980er-Indie-Keyboard-Melodie und reichlich “ooh-la-la-las”. Am Ende siegt der Rock – und es ist ein Heidenspaß, ihm dabei zuzusehen.

Überhaupt ist die Instrumentierung der heimliche Star dieses Albums. In Clover Over Dover ist eine extrem billig klingende (also wahrscheinlich sauteure) Orgel zu hören, die irgendwann von einem Cemballo abgelöst wird. Auch das verschrobene Magic America ist voller Gimmicks und Geräusche, einige dieser Klangquellen kann man wohl eher in der Spielzeug- als in der Gitarrenabteilung kaufen. Passend dazu sind im rabiaten Jubilee einige Sounds zu hören, die man von den Schlüsselanhängern nervender Kleinkinder kennt. Wie gesagt: keine Grenzen.

Die dritte Hymne, This Is A Low macht den Rausschmeißer. “And into the sea / goes pretty England and me.” Es wäre verdammt schade drum.

Natürlich müssen wir hier ironisch werden: Parklife, live bei T in the Park (alles klar?):

Blur bei MySpace.

Hingehört: Blur – “Modern Life Is Rubbish”

Dezember 30, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 5 Comments 

"Modern Life Is Rubbish": der erste Quantensprung für Blur.

Künstler Blur
Album Modern Life Is Rubbish
Label Food
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung ****1/2

Es gibt Bands, für die jedes neue Album ein Quantensprung ist. Blur zählen dazu. Nicht, dass das Debüt Leisure schlecht gewesen wäre. Bei weitem nicht. Doch was die Jungs auf dieser Platte veranstalten, ist eine ganz andere Liga.

Alles ist eine Nummer größer: die Affektiertheit, das Artwork, das Studio-Budget, die Produktion. Doch Gott sei Dank auch die Texte und die Songs. Es gab wohl 1993 kaum bessere Bands in Britannien, und Blur wussten das. Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn eine Band die Gitarrenakkorde mit ins Booklet druckt und die Kompositionen auf diese Weise vollkommen transparent macht.

So können im Opener For Tomorrow gleich Kinks-Text, Phil-Spector-Streicher und Led-Zeppelin-Chöre aufeinanderprallen. Und irgendwo dazwischen (wahrscheinlich im “lalala”) stecken auch noch Blur.

Kleine Brötchen können ab jetzt die anderen backen, Advert ist gleich eine ganze Konditorei – inklusive Spielzeug-Klavier-Intro, Punk-Gitarre, Radio-Refrain und Sirenen. Wie für Colin Zeal gilt: Trotz aller Ambitionen funktionieren die Stücke in erster Linie emotional. Man kann wahlweise mitsingen oder Pogo dazu tanzen. Zudem ist Colin Zeal praktisch der Stammvater einer ganze Familie von namentlich bekannten Blur-Geschöpfen. Gleich im nächsten Song wird er den unter Druck stehenden Julian kennenlernen. Später sollten noch Peeping Thomas, Miss America, Rosie (mit der Villa), Tracy Jacks, Bill Barret, Yuko & Hiro, Ernold Sane und weitere dazukommen. Die Dominanz der dritten Person. Bis irgendwann jemand den neuen Slogan ausgab: Irony is over.

Doch Blur nutzten diese Phase der textlichen Distanz zu ihren Persönlichkeiten, um musikalisch zu sich selbst zu finden. Damon sucht nicht mehr (wie noch auf einigen Leisure-Stücken) nach seiner Stimme und bereichert den Band-Sound zudem mit allerlei Tasteninstrumenten. Alex James kann plötzlich richtig Bass spielen (und trotzdem noch dabei rauchen), Dave Rowntree schlägt so effektiv und unauffällig wie möglich seine Drums und Graham Coxon beginnt hier, die ungeahnten Möglichkeiten der elektrischen Gitarre auszuloten. Man höre sich nur Blue Jeans an: unverwechselbar Blur.

Ein Markenzeichen sollten auch die seltsamen Kirmesorgel-Lieder werden, die hier erstmals als Intermission und Commercial Break zu hören sind. Blur wussten wohl bereits um ihre erreichte Unverwechselbarkeit und Klasse, bei der sie sich so etwas erlauben dürfen. Sunday Sunday erinnert musikalisch und textlich an die Beatles und verliert das Duell gegen die Fab Four keineswegs. Was ja schon etwas heißen will.

Natürlich ist hier dennoch nur manches ganz gerade heraus. Oily Water beschwört Sonic Youth herauf, Miss America leiert vorzüglich. Coping ist nichts weiter als ein verkleideter Punk-Song, Turn It Up könnte beinahe von The Clash stammen.

Zum Schluss darf es in Resigned dann sogar noch einmal richtig melancholisch werden. “I think too much / on things I want too much / it makes me feel hateful / and I say stupid things / only you can fill my blank heart / an I´m resigned to that.”

Auf dem Cover ist übrigens eine Lokomotive zu sehen, und im letzten Satz heißt es im Booklet “Full steam ahead”. Wie treffend.

Der Clip zu For Tomorrow hätte auch gut zu London Loves gepasst:

Blur bei MySpace.

Hingehört: Blur – “Leisure”

Dezember 29, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

Schon "Leisure" zeigt: Blur sind sophisticated punks.

Künstler Blur
Album Leisure
Label Food
Erscheinungsjahr 1991
Bewertung ***1/2

Eine der unterbewertetsten Platten der 1990er Jahre. Was um so erstaunlicher ist, da man Blur auf dem Kontinent lange für eine der überbewertetsten Bands der 1990er Jahre hielt. Inzwischen hat man zwar auch hierzulande den Stellenwert dieser Gruppe erkannt. Doch “Leisure” hat selbst unter Blur-Fans nach wie vor wenig Freunde.

Nur so ist es auch zu erklären, dass Kritiker 1997 die Gitarrenlast des Blur-Albums für ein neues Element im Sound der Band halten konnten. Hätten sie sich Leisure (noch) einmal angehört, hätten sie vieles von Blur, sogar einiges von 13 schon gefunden. Denn auf dem Debüt ist unüberhörbar, wo Blur eigentlich herkommen: aus dem Punk. Zu The Great Escape-Zeiten konnte man diese musikalische Heimat zwar höchstens noch bei Konzerten erahnen, doch hier ist das Rohe und Direkete auch noch auf Platte hörbar. Auf die später oft beschworenen Beatles- und vor allem Kinks-Verweise wäre hingegen wohl kaum jemand gekommen.

Die Schlichtheit von She´s So High, der Text von Bang sind da schon eher Iggy Pop rivisited. Ganz zu schweigen von der brachialen Gitarrenattacke Slow Down.

Eine regelrechte Gehirnwäsche wird Repetition. Man möchte kaum glauben, dass es von Stephen Street produziert wurde, der ja schon bei den Smiths den unseligen Hang hatte, alle Gitarren möglichst in irgendwelchen Ecken des Sounds zu verstecken und stattdessen den Gesang und seltsame Schlagzeugklänge nach vorne zu holen. Hier hingegen darf nach Herzenslust verzerrt und reverbed werden. Beinahe schon Nirvana, auch textlich.

Einen kompositorisch schlechteren Tag hatten die Jungs wohl beim überdehnten Bad Day. Gerade bei diesem Track erstaunt aber, wie reduziert hier noch das Bass-Spiel des ansonsten ja stets zur großen Pose neigenden Alex James daherkommt.

Sing, das später noch auf dem Trainspotting-Soundtrack zu Ehren kommen sollte, wäre auch auf 13 keineswegs aufgefallen, zumal es perfekt in die zynisch-schaurige Atmosphäre des Albums gepasst hätte. Der Single She´s So High hingegen hört man die frühen 90er an. Ein Dance-Beat, ein Tamburin, kurze Orgeleinsätze. Man darf durchaus kurz an längst verschollende Bands wie EMF, The Farm oder James denken. Rave hat man damals dazu gesagt, vor zehn Jahren.

Fool geht noch weiter zurück, sagen wir bis 1986: Damon Albarn darf kurz Morissey spielen. “I´m amazed at how cold you can be / well may my weak and insipid soul / grow stronger in your absence.”

Im Schlussteil der Platte darf der Sänger ohnehin schon etwas von den bissigen Texten des nächsten Albums vorwegnehmen. Siehe Come Together oder High Cool. Völlig unironisch ist hingegen Birthday gemeint. Selbstveräußerung mit ganz einfachen Mitteln. Fraglos das beste Geburtstagslied, das je geschrieben wurde. Wear Me Down überzeugt textlich ebenfalls und ist von der Komposition her das beste Stück auf Leisure. Der Rausschmeißer schlägt damit bereits die Brücke zu einer großen Zukunft.

So sah 1990 aus: Der Clip zur Debütsingle She’s So High:

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Hingehört: Blur – “The Great Escape”

Dezember 28, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

"The Great Escape" bietet tolle Songs. Leider zu viele davon.

Künstler Blur
Album The Great Escape
Label Food
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung ***1/2

The Great Escape. Überproduziert. Hybrid. Ohne Seele. Das Album, das beim battle of the bands gegen Morning Glory abgekackt hat. Aber noch immer das meistverkaufte Blur-Album aller Zeiten. Nur scheinbar ein Widerspruch.

Denn dieses Album hat in Wirklichkeit nur einen Fehler: Es ist zu lang. Drei, vier Stücke weniger und niemand hätte je an der Platte herumgenörgelt. Die Singles lassen ohnehin keinerlei Zweifel an Blurs Klasse aufkommen. Stereotypes und Entertain Me haben mindestens Parklife-Niveau und Country House ging (Achtung!) völlig zu Recht als Sieger aus dem Rennen gegen Roll With It (wenn auch knapp) hervor. “I am professional cynic / but my heart´s not in it.”

Kompositorisch enorm und hoffnungslos überdreht ist Charmless Man. Dem steht The Universal in nichts nach. Wohl der beste Refrain, den Blur je geschrieben haben. Und Zeilen wie “everynight we´re gone / singing karaoke-songs / how we like to sing along / though the words are wrong” erklären auch, warum die Vier mit dieser Platte in den Staaten nie so richtig Fuß fassen konnten. Kinks statt R. Kelly.

Mit dem Singles-Standard mühelos mithalten kann etwa das melodiös-bezaubernde Best Days. Auch das mitreißende It Could Be You, He Thought of Cars, Yuko And Hiro oder Ernold Sane sind auf jeden Fall mehr als okay. Der Rest ist tatsächlich nur textlich gelungen, manches nicht mal das.

Der mit Modern Life Is Rubbish eingeschlagene Weg führte genau bis The Great Escape, aber er führte eben kein Stück weiter. Stücken wie Mr. Robinson´s Quango oder Dan Abnormal fehlt das Unerwartete. Erst mit dem nächsten Album hatten Blur das Überraschungsmoment wieder auf ihrer Seite. Und wie.

Ganz in Weiß: Der Clip zum wunderschönen The Universal:

Blur bei MySpace.

Hingehört: Blur – “Blur”

Dezember 22, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Ein Neustart für Blur - sie werden Amerikaner.

Künstler Blur
Album Blur
Label Food
Erscheinungsjahr 1997
Bewertung ****1/2

Blur erfinden sich selbst neu. Blur sprengen die Grenzen des konventionellen Songwritings. Blur werden Amerikaner. In Island schaffen Blur den Sprung aus der Britpop-Falle. Blur retten die Rockmusik.

All das haben Kritiker über dieses Album geschrieben. Und auch wenn alle diese Aussagen nicht komplett falsch sind, so lautet die treffendere Quintessenz doch ganz klar: Blur kehren zu ihren Wurzeln zurück. Kein Studio-Schwurbel mehr wie beim überproduzierten Vorgänger The Great Escape. Stattdessen wieder Gitarren, Bass und Schlagzeug wie zu Leisure-Zeiten. Nur ein bisschen besser.

Etwa im superben Beetlebum. “In dem ganzen Lied ist nicht ein gerader Ton”, hat ausgerechnet Robin Gibb einmal über dieses Stück gesagt. Wie sollte da ein noch größeres Kompliment aussehen?

Natürlich besser als Song 2, aber das “wooh-ooh” haben dafür sogar die Amerikaner (miss)verstanden. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich Song 2 zum ersten Mal hörte. Mein erster Gedanke war natürlich “wow”, mein zweiter war “Nirvana” mein dritter war “Blur werden diesen Song noch zu hassen lernen”. Und so kam es dann auch. Noch in zehn Jahren werden sie keine Show in den Staaten spielen können, ohne dass ständig das halbe Publikum “woo-ooh” ruft. Und noch in zehn Jahren werden Menschen dazu Pogo tanzen. I feel heavy metal.

Erst zum Ende des ersten Drittels sind dann erstmals Tasteninstrumente zu erahnen. On Your Own hat einen Riesengroove, einen tollen Refrain und die Unbeschwertheit von Girls And Boys. Es wäre wirklich ein Schande gewesen, den Song nicht als Single zu veröffentlichen.

You´re So Great, gesungen von Graham, ist die beste Oasis-Parodie, die je geschrieben wurde. Leider hat das bisher noch keiner gemerkt. Und Blur werden es wohl auch kaum selber ausplaudern, sind sie die leidige Rivalität mit den Mancunians doch mit diesem Album endlich losgeworden. Seitdem herrscht friedliche Koexistenz, denn freilich gilt für beide, was Graham in bester Noel-Gallagher-Phrasierung singt: “You´re so great and I love you.” So einfach ist das.

Besonders auffällig werden die Parallelen zwischen diesem Album und Blurs Frühwerk in der zweiten Hälfte des Albums. Death Of A Party ist fast Miss America, Chinese Bombs könnte auch Bang heißen. I´m Just A Killer For Your Love ähnelt von der Atmosphäre her Oily Water, das beinahe klassische Look Inside America wäre auch nach Villa Rosie nicht aufgefallen.

Ganz die neuen Blur ist dann aber Strange News From Another Star. “All I wanna be / is washed out be the sea / I don´t believe in me.” Das hätte es früher nicht gegeben. Damon sieht in sein Innenleben, und Bowie guckt dabei zu. Danach noch Movin´ On, ein beinaher typischer Blur-Kracher, Essex Dogs, auf das sicher auch Sonic Youth stolz gewesen wären, und – die größte Überraschung – kein hidden track.

Rückblickend hatten Blur gar keine Möglichkeit, ein anderes Album als dieses herauszubringen. Gut, dass sie es nicht versucht haben. Kurz vor dem Ende der Einbahnstraße haben sie noch die Kurve gekriegt. The great escape.

Ein Riesenspaß: Der Clip zu On Your Own:

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Hingehört: The Beautiful South – “Miaow”

Dezember 17, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Entspannt und verschmitzt, also ein bisschen wie eine Katze: "Miaow".

Künstler Beautiful South
Album Miaow
Label Go! Discs
Erscheinungsjahr 1994
Bewertung ****

Ich habe inzwischen aufgehört, Beautiful-South-Platten zu kaufen, und ich höre sie auch nur noch selten. Ich wusste nicht mehr, was mich an diese Band noch binden sollte. Hold On To What? Aber irgendwann, When I´m 84, werde ich in meinem Rocking Chair am Kamin sitzen und Pfeife rauchen. Dann werde ich sie wieder rauskramen, mich an der herrlich entspannten Musik erfreuen und mir bei den gemeinsten Textzeilen kurz verschmitzt durch meinen grauen Vollbart streichen.

Denn Songs wie Good As Gold sind nichts weniger als klassisch. Denn Texte wie Especially For You, das nun wirklich nichts mit dem Duett von Jason Donavan und Kylie Minougue zu tun hat, erfreuen noch immer das Herz und geben einem kurz den Glauben an intelligente Popmusik zurück. Only buy this if you´re lonely / only listen if you´re blue / if you are married and you´re happy / this song is not to do with you.

Ein Song für jedermann hingegen ist die Beautiful-South-Version von Everybody´s Talkin´: allumfassende Harmonie, aus einem Guss. Prettiest Eye nimmt beinahe die Angst vorm Alter. Herrlich romantisch, ein einziger Seufzer.

Das Motiv des gemeinsam-alt-Werdens taucht noch einige Male auf. Hold Me Close (Underground) ist zur Hälfte ein Versprechen, auf der anderen Seite aber auch eine Drohung. Worthless Lie hat ebenfalls den Herbst des Lebens im Blick, hier aber sehnsüchtig und wehmütig ob einer wohl für immer verpassten Chance. Das passende Instrument dafür ist natürlich ein Akkordeon, und im Outro ertönt es dann auch endlich.

Nicht halb so geschmackssicher ist das zumindest lustig betitelte Hooligans Don´t Fall In Love. Mit seinem Dance-Beat und der E-Gitarre erinnert es an die schwächsten Stücke von Choke, doch es bleibt der einzige Ausrutscher. Bereits Hidden Jukebox findet wieder zu alter Angriffslust (textlich) und Klasse (melodiös) zurück. Das vollkommen selbstmitleidige Tattoo steht dem in nichts nach.Ein Highlight ist das bitterböse Geschlechterspiel in Mini-Correct. Der Rausschmeißer Poppy ist dafür einhundertprozentig humorfrei.

Ein ganz kleines bisschen freue ich mich schon auf den Schaukelstuhl.

Realsatire: The Beautiful South präsentieren Good As Gold im Kinderfernsehen:

The Beautiful South bei MySpace.

Hingehört: Richard Ashcroft – “A Song For Lovers”

Dezember 14, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Richard Ashcroft hat das Futter für Verliebte.

Künstler Richard Ashcroft
Single A Song For Lovers
Label Hut Records
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung ****

Ich bekam die CD geschenkt. Von einem Freund. In so einer Ich-schenk-dir-eine-CD-Verpackung, auf der Notenblätter und eine rote Rose abgebildet waren. Er hatte beides sicherlich für ein Mädchen gekauft, konnte ihr die schön verpackte Single dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht mehr schenken. Er meinte dann wohl, ich könnte die CD gut gebrauchen. Und er hatte Recht.

Schließlich war ich unsterblich verliebt. Ich habe tagelang ausschließlich dieses Lied gehört. Immer wieder, auf “Repeat 1″ und laut. Dieses Schlagzeug! Großartiger Beat, die Stimme, alles klar. Und was für ein Text! Den Refrain verstehe ich immer noch nicht, aber die Strophe ist so gut, dass man sie eigentlich komplett wiedergeben müsste. I spent the night / looking for my inside in a hotelroom / waiting for you. Am Schluss singt Herr Ashcroft wieder wie bei The Verve, irgendwelches Zeug von “waiting for love / I don´t know when this dream´s gonna stop.”

Die erste B-Seite hat den sehr guten Namen (Could Be) A Country Thing, City Thing, Blues Thing und ist im Kern wohl einfach ein durchaus gelungenes Folk-Thing. Sehr smooth. Passt am Kamin und auch in der Hängematte.

Verzichtbar ist leider der dritte Track. Precious Stone erinnert von allen Sücken am stärksten an die Sachen von Verve, und zwar an die schlechteren.

Das Video zum herrlichen A Song For Lovers:

Richard Ashcroft bei MySpace.

Hingehört: Brainpool – “Painkiller”

Dezember 11, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Der "Painkiller" funktioniert hundertprozentig - aber mit Nebenwirkungen.

Künstler Brainpool
Album Painkiller
Label Epic
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung ****1/2

Der Sound ist diesmal ein bisschen dünner. Dabei hat erneut Michael Ilbert produziert. Jener Michael Ilbert, der Anfang der 1980er Jahre Gyllene Tider ganz groß gemacht hat. Zumindest in Schweden. Auch Brainpool haben – trotz englischer Texte und sagenhafter Songs – nicht den internationalen Durchbruch geschafft. Als Vorband bei Roxettes Crash! Booom! Bang!-Welttournee zu spielen, hat den vier Kerls wohl eher geschadet denn genutzt.

Die Songs haben aber nach wie vor Weltklasse-Format. Noch immer himmlische Kracher wie Ready! Steady! Go! oder Holidays, dazu auch erste Versuche mit großen Orchestersound. Das hilft natürlich bei der notwendigen Weiterentwicklung, geht aber auf Kosten der Stringenz und der Geschlossenheit.

So sind diesmal im Gegensatz zum Erstling hier auch Songs auszumachen, die aus den anderen noch herausragen. Some Days Are Made For Smoking verbindet Jan Kasks superbe Lyrik mit einer Traum-Melodie und einem Hit-Rhythmus. “I lock my door and stay in bed / I dream of love in gold and red / maybe it´s silly but I do it anyway.” Noch einen Tick treffender gelingt Invisible To Her, bei dem die vielfältigere Instrumentierung mit Tasteninstrumenten, Oboe und Hintergrund-Ahs am besten integriert wird. “And when she walks you think she´s dancing / and she´s got flowers in her hair / she´s selling Miller and Bukowski / and all the boys are going: ah.” Auch in Ha Ha Ha Ha Honey stützen die neuen Einflüsse (hier in Form von satten Blechbläsern) die Song-Dramaturgie. Ein Burner.

Balladen kann man ohnehin lange suchen. Geschlafen wird nicht, stattdessen gibt es Breakfast In Bed. “We´re having breakfast in bed / and it goes straight to my head / you offer me your sugar and honey and juice / breakfast in bed.” Selten hat ein Hausmann-Lied dermaßen gerockt. Reichlich Zucker und Honig werden dann auch gleich auf Smile geschüttet. “My life was cold, my days were blue / until the day when I met you.” Erst ganz am Schluss die rettende Pointe: “My life was cold, my days were blue / and nothing changed when I met you.”

Zum Abschluss dann doch noch ein ruhiges Stück. Ganz leise, mit Jan Kasks perfekter Popstar-Stimme ganz im Vordergrund. Natürlich eine Liebeserklärung. “So if you need a hand / someone to understand / someone to share your plans / then baby I´m your man.” Schließlich übernimmt eine Schweinerock-Orgel, kurz unterbrochen von ein paar Holzbläsern.

Ja. Brainpool sind reifer geworden. Aber im Kern machen sie nie etwas anderes als Rockmusik. Naiv, lebendig, betörend.

Bandstarter gibt es leider nur mit Standbild:

Brainpool bei MySpace.

Hingehört: Brainpool – “Soda”

Dezember 8, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

"Soda" sprudelt fast über vor lauter Ideen.

Künstler Brainpool
Album Soda
Label Epic
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung *****

Debütalben. Bei wenig talentierten Bands ziellose Sammlungen halbfertiger Liedchen, von den Künstlern später gerne als “Frühwerk” abgetan. Bei Hochkarätern aber ganze Kraftwerke voller Energie, ganze Universen voller Ideen. Frische, Spielfreude, Unbeschwertheit.

Nach ein paar Sekunden besteht kein Zweifel mehr daran, zu welcher Kategorie Brainpool gehören. “Break my arm / I´ll fight you with the other one.” Und schon haben sie dich. Ganz einfache Rhythmen, ganz einfache Akkorde, ganze einfache Melodien. Ganz einfach großartige Songs. So mitreißend wie eingängig, so clever wie ehrlich. Eines dieser Alben, die man von vorne bis hinten mitsingen kann.

Man kann ruhig Fun-Punk dazu sagen. Ich sage Jungemenschenmusik dazu. Denn kaum jemand schreibt bessere Teenager-Lyrik als Jan Kask. Fast jeder Song hat eine Zeile, auf die wohl selbst Ash neidisch geworden wären. Der Text rettet dann auch die einzigen Stücke, die etwas abfallen: Wiping The Stains und Mr. Johnson. Der Rest hätte eigentlich durchweg sechs Sterne verdient.

Ein unglaublich hohes Qualitätslevel, schon nach vier Stücken ein typischer Sound, ohne dabei die Abwechslung zu vergessen. Wo diese Songs herkommen, muss es noch eine Menge mehr zu entdecken geben. Ich weiß nicht, wo diese Schweden andauernd so tolle Bands herholen. Aber sie tun es.

Verwackelt, aber eines der wenigen frühen Brainpool-Videos im Netz: Girl Lost, live im Sommer 1996:

Brainpool bei MySpace.

Hingehört: The Byrds – “The Very Best Of”

Dezember 2, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

Hier wurde der Folkrock erfunden: das allerbeste von den Byrds.

Künstler The Byrds
Album The Very Best Of The Byrds
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1997
Bewertung ****

Die Standardsätze gleich vorweg: Die Byrds waren die amerikanischen Beatles. Die Byrds waren die idealen Dylan-Interpreten. Die Byrds haben Folk-Rock, Space-Rock und Country-Rock erfunden. Die Egos der musikalischen Genies Roger McGuinn, David Crosby, Gene Clark und Gram Parsons waren zu groß, um sich auf Dauer in den Dienst einer Band zu stellen.

Soweit der Pflichtteil, nun zu den Songs auf diesem randvollen Greatest-Hits-Album. Der Opener Mr. Tambourine Man ist vielleicht der wärmste Song, der je aufgenommen wurde. Die 12-String-Rickenbacker, die Harmonies und natürlich das Tamburin: Sommer in Tönen. Noch besser gelingt Chimes Of Freedom: selbst für Dylan-Verhältnisse ein unglaublich runder, harmonischer Song, kongenial umgesetzt. Man sieht förmlich die Hippie-Mädchen vor sich, die Blumen im Haar haben und sich zu diesem Song lachend im Kreis drehen. In Turn! Turn! Turn! kommt Roger McGuinns unnachahmliches Picking wunderbar zur Geltung, das ihn zu einem der unverwechselbarsten Gitarristen der Rock-Geschichte machte.

Diesem typischen Byrds-Sound wird alles angepasst. So kommt Dylans The Times They Are A-Changing etwas weichgespült daher, auch wenn das der Substanz des Songs natürlich nichts anhaben kann. Überhaupt hatten die Westküstler in ihren Eigenkompositionen einen leichten Hang zum Überzuckern. He Was A Friend Of Mine – bei aller guter Absicht – ist nur ein Beispiel dafür.

Schon besser gelingen da die psychedelischen Versuche Eight Miles High und vor allem Mr. Spaceman. Über So You Wanna Be A Rock´n Roll Star braucht man ohnehin nur noch ein Wort zu verlieren: Klassiker. Grandios auch der Sound in My Back Pages: Schlagzeug, Bass und Rhythmusgitarre nach außen gestellt, um im Zentrum Raum für die wirklich wichtigen Dinge zu haben: die Stimmen und das Gitarrensolo.

Mit dezentem Glockenspiel, Celli und traumhaften Gesang ist Goin´ Back schlicht perfekt arrangiert. You Ain´t Going Nowhere ist ein weiteres Stück, in dem die Byrds den Autor Dylan zwar erkennen lassen, den Interpreten Dylan aber fast vergessen machen.

Schon alleine die Zeile “What good will it do me / I know what I will find / an empty bottle, a broken heart / and you´re still on my mind” macht verständlich, warum sie Luke McDaniels You´re Still On My Mind aufnahmen. Macht der Text zwar einiges wett, hätte man aber doch nicht unbedingt alle Country-Klischees vom Klimperklavier bis zur Pedal-Steel-Gitarre bedienen müssen. In Flickory Wind kommt dann auch noch die obligatorische Fiddle dazu; bildhübsch bleibt das Stück allerdings trotzdem. Erst bei der Ballad Of Easy Rider verstellt dann nichts den Blick auf die Klasse des Liedes.

Die Version von It´s All Over Now, Baby Blue unterstreicht einmal mehr zwei bekannte Tatsachen: Der Song ist schlicht perfekt, egal ob ihn Dylan, Them, Hole oder eben die Byrds spielen. Die Stärke der Vögelchen liegt dabei – natürlich – im Gesang. Glasklare Harmonies, ein Traum. Passenderweise an den Schluss gesetzt ist Chestnut Mare, praktisch ein Prototyp-Byrds-Song.

Unterm Strich sind sie natürlich nicht die amerikanischen Beatles. Dennoch kann man das Prädikat nachvollziehen. Denn bis zum Jahr 1970 hatte dieses so große Land erst drei große weiße Bands hervorgebracht: Die Beach Boys, die Doors und die Byrds.

Noch zwei Beatles-Parallelen: die Frisuren und die Ed Sullivan Show, in der sie hier Turn Turn Turn singen:

Die Byrds bei MySpace.

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