Hingehört: David Bowie – “The Singles Collection”
| Künstler | David Bowie |
| Album | The Singles Collection |
| Label | EMI |
| Erscheinungsjahr | 1993 |
| Bewertung | ***1/2 |
Auf der Rückseite des Covers sind drei Fotos von David Bowie. Links als Ziggy Stardust mit langem, nach oben stehendem Haar. Rechts als Clown mit Hut und klassisch geschminkt. Dazwischen ein schlichtes schwarz-weiß-Portrait.
Die Bilder entsprechen der Musik. Wie kaum ein anderer Pop-Künstler hat der thin white duke seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Von den Beat-Anfängen bis zu jüngsten technoiden-Experimenten: Bowie hat alles mitgemacht. Dass er dennoch nie wie ein Wendehals wirkte, der jedem Trend hinterherhechelt, sondern stattdessen jedem Stil seinen Stempel aufdrückte, liegt an dem Element, dem Bowie seine fast vierzigjährige Karriere verdankt: seiner Stimme. Passenderweise ist er auf dem Cover dieser Greatest-Hits-Zusammenstellung auch beim Singen zu sehen. Ganz schlicht, im Studio, mit Kopfhörern vor einem Nierenmikrofon. Zeitlos.
Natürlich eröffnet die pompöse Pop-Operette Space Oddity die Werkschau. Bowies erster Hit und ein weiteres Stück, das erkennen lässt, was die Beatles mit Sgt. Pepper angerichtet haben. Immer ein Stückchen zu ambitioniert, ohne je wirklich die Klippen hinunterzustürzen. Unendlich kompakter und großartig gesungen: Changes mit dem patentierten Stotterer, der den Song so verdammt catchy macht. Und, als ob er es geahnt hat: “time may change me / but I can´t trace time.” Ebenfalls aus dem Jahr 1972: Starman, eine unverschämt unterbewertete Bowie-Single. Dabei ist der Song sowohl rhythmisch, als auch melodiös eines seiner stärksten Stücke. Hazy cosmic jive.
Erstaunlich gering sind die stilistischen Unterschiede zwischen dem 72er Ziggy Stardust und dem sechs Jahre später veröffentlichten Suffragette City: Anfang und Abgesang der Glam-Ära. Hämmerndes Klavier, stompfendes Schlagzeug, schnelle Gitarren, straightforward rock. Das akustische Gegenstück zu Plateauschuhen und aus offenen Hemden herauswuchernden Brusthaaren.
Nicht weniger affektiert, wenn auch in eine komplett andere Richtung ist Drive In Saturday. Irgendwo zwischen einem verrauchten Jazz-Club und einer Las-Vegas-Revue. Auch Life On Mars? hört man nur zu deutlich an, dass es auf dem Klavier komponiert wurde. Elvis Costello hätte sicher seine Freude daran gehabt, vielleicht auch Andrew Lloyd Webber. Rebel Rebel hat hingegen den Jungs von Supergrass sehr gut gefallen, denn sie haben mal eben Pumpin´ On Your Stereo daraus gemacht. Kann man nachvollziehen, bei diesem Riff und diesem Rhythmus. Unaufhaltsam. Bewegend auch, wie Bowie in Rock ´n Roll Suicide sein verzweifeltes “you´re not alone” durch all die Bläser und Streicher schreit, die etwas ganz anderes vermuten lassen.
Überhaupt lebte er in dieser Phase seine Vorliebe für Blechbläser aus. Das tänzelnde Young Americans erhält seinen leichten Soul-Touch vor allem durch das Saxofon. Und aus den Vocals springt einem direkt Bowies Seele entgegen, unverstellt und brennend. Das Riff von Fame ist durchaus funky, doch dann verliert sich der Song schnell in Selbstverliebtheit. Da konnte auch die Mitwirkung von John Lennon nichts mehr retten.
CD 2 steht dann vollkommen im Zeichen der Kolaborationen. Den Anfang macht das mit Brian Eno geschriebene Heroes. Großer Song, guter Text. Die erste Zeile? “I”. Kein Wunder, dass Oasis das Stück gecovert haben. So geschmackssicher war Bowie allerdings längst nicht immer, nicht mal bei den Singles. Oft genug tat da ein Korrektiv gut, verlieh den Songs Substanz und Fundament. So etwa bei Boys Keep Swinging, ebenfalls mit Eno geschrieben und enorm doppelbödig.
Ironie und Zynismus sind ab den späten 1970ern ohnehin die Lieblingssujets bei dem Mann, der eigentlich David Jones heißt. Als Resultat haben zwar fast alle Lieder noch ihre Momente, sind aber als Ganzes selten gelungen. Selbst die Space Oddity-Fortsetzung Ashes To Ashes schwächelt, manches ist vollkommen unhörbar.
Doch Bowie fängt sich wieder. Das leicht punkige Scary Monsters (And Super Creeps) macht den Anfang, dann geht es bergauf. Dem dramatischen Under Pressure mit Queen hört man das Entstehungsjahr 1981 bei weitem nicht an. Selten klang Bowies Stimme so zerbrechlich wie in Wild Is The Wind. Einziges Manko am furiosen Let´s Dance: Man kann beim besten Willen nicht dazu tanzen (ich habe es versucht, mehrfach). Anders sieht das schon bei China Girl aus. Eine der besten Bass-Lines überhaupt. Enorm sexy und subtil, hätte man Co-Komponist Iggy Pop gar nicht zugetraut.
Der Zusammenarbeit mit dem Jazzer Pat Metheny entsprang das sphärische This Is Not America. Feiernd und geschwitzt kommt die Neuauflage von Dancing In The Streets mit Mick Jagger. Eines der besten Duette aller Zeiten. Kate Bush ist dann die Gesangspartnerin in Absolute Beginners aus dem gleichnamigen Film, in dem Bowie ebenfalls mitspielt. Ein guter Selbstdarsteller war er ja immer. Ein großer Sänger ist er sowieso, mit einer bemerkenswerten Karriere.
Wham, Bam, Thank you, Man!
Einfach, weil es ein klasse Song ist und so schön Eighties, gibt es den Clip zu Dancing In The Streets:
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15 Responses to “Hingehört: David Bowie – “The Singles Collection””
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[...] The West Was Won lässt mit seinen Glam-Anklängen auch Ross’ Vorliebe für David Bowie durchschimmern. Eine rund Sache. Und die richtige Platte zum ganz langsamen [...]
[...] war er schon immer. Ein Nostalgiker auch. Als kleiner Junge färbte sich Per Gessle die Haare, um wie David Bowie auszusehen (und die Nachbarn in der schwedischen Provinz zu erschrecken). Später spielte der Kopf von Roxette [...]
[...] Sängerin und einen schrägen Namen, bei dem man nicht weiß, ob er nun Größenwahn bedeutet oder doch eine Bowie-Reminiszenz (beides wäre natürlich sehr begrüßenswert). Die Band spielt ein paar Auftritte, erregt [...]
[...] Tankwart würde er immer rund um die Autos tänzeln. Ein geborener Frontmann — der zudem aussieht wie der junge David Bowie und bei Tears In Your Cup, dem letzten Lied des Konzerts vor den beiden Zugabenblöcken, als er [...]
[...] Aufregung verwundert nicht: Die 1989 gegründete Formation um Sänger Brett Anderson, einen David Bowie für das neue Jahrzehnt, und Bernard Butler, den besten Johnny Marr seit Johnny Marr, hatte nicht [...]
[...] Sakrileg war das damals. Ein Glaubwürdigkeits-Supergau wie Dylans Elektrifizierung, Bowies Technoversuche oder die Wiedervereinigung der Sex Pistols. Vielleicht sogar ein Skandal weit größeren [...]
[...] (die in der Frühphase ihrer Karriere gerne Walking The Dog auf die Bühne gebracht haben) bis zu David Bowie (der später die definitive Version von Eddie Floyds Knock On Wood hingelegt hat), von Will Smith (der sich für Gettin Jiggy With It eifrig bei den Mar-Keys bediente) bis [...]
[...] Telegram Sam ist Marc Bolan so nahe an David Bowie wie man nur sein kann. Danach verkörpert Ride A White Swan aus dem Jahr 1970 den Wandel „vom [...]
[...] dann würde er womöglich Lieder schreiben wie Over My Head. Die Theatralik und Raffinesse von David Bowie hat [...]
[...] Something That Has Already Found Me erschien, das erste Album von Ozark Henry, da war das für Bowie “das Debüt des [...]
[...] Beat, Silver wartet gar mit einem Rap à la Eminem auf, Domino besteht zu etwa 98 Prozent aus David Bowie. Erst ganz am Schluss, mit Den Romantiske Tragedien (geiler Titel!) wird es noch einmal richtig [...]
[...] Settle Petal zeigt, dass irgendwo in der DNA von LaFaro auch ein paar Punkrock-Gene stecken. Slide On hat dank der Formel „Therapy? trifft Bad Religion“ sogar so etwas wie Hitpotenzial. Meat Wagon, die zweite Single, gerät düster und psychotisch, der Rausschmeißer Maudlin erweist sich als Semi-Bowie-Ballade. [...]
[...] wie Paul Smith, dann wieder wie Bryan Ferry, und wenn es sein muss, hat er auch Morten Harket oder David Bowie drauf, wie im feinen Rausschmeißer Star Of The Age. Gut zu wissen, dass in Shearwater noch so viel [...]
[...] Elementen aus Naturdokumentationen spielt und mühelos noch eine portugiesische Version von David Bowie als Running Gag integrieren [...]
[...] Herbst in New York aufgenommene Album benennt “all die Großen – Elton, Freddie Mercury, David Bowie, im Grunde die Schrillen und Schönen. Es ist also sehr [...]