Hingehört: Dinosaur Jr. – “Hand It Over”

September 20, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik 

"Hand It Over" ist der ziemlich laute Schwanengesang von Dinosaur Jr.

Künstler Dinosaur Jr.
Album Hand It Over
Label WEA
Erscheinungsjahr 1997
Bewertung ****

Nach rund zehn Jahren, in denen J. Mascis immer wichtiger und die anderen Bandmitglieder immer unwichtiger geworden waren, in denen Dinosaur Jr. nie an künstlerischer Kreativität und Glaubwürdigkeit verloren haben, in denen die Band stets zu den Speerspitzen des alternativen Rocks gehört hat, in denen die Gruppe beständig Platten mit bester Autofahrmusik veröffentlicht hat, nun also das Abschiedsgeschenk namens Hand It Over. Vor dem offiziellen Ende wenige Monate später lieferte die Gruppe noch einmal ein neues Album.

Und was für eines. Dinosaur Jr. haben sich noch einmal weiterentwickelt und ziehen auf Hand It Over alle Register. Schon der Opener ist eine Perle. Ein stumpfsinniges Riff, ein Hinterwäldler-Schlagzeug, dann aber der Gesang: Mascis singt wie eh und je, nämlich inbrünstig und desinteressiert gleichzeitig, und spätestens das Gitarrensolo führt I Don´t Think zur Vollendung. Never Bought It ist sogar noch besser. Profunde Rhythmik, dazu eine bescheidene Akustikgitarre und eine feine Orgelmelodie.

Sehr clever auch Nothin´s Goin On, das mit einer monotonen E-Gitarre beginnt, die aus zwei Akkorden eine ganze Strophe macht, dann aber von einem abstrakten Bass und einem komplexen Rhythmus überrumpelt wird.
I´m Insane wartet sogar mit einer Piccolo-Trompete auf – und gewinnt.

Denn die meisten Stücke auf Hand It Over haben mit dem breiteren Sound auch etwas mehr Aggressivität und Kraft gewonnen. Wo man sich auf Without A Sound zu den Songs noch hinbewegen musste, kommen sie einem jetzt ein Stück weit entgegen. So wird Can´t We Move This fast zur Folkrock-Nummer, die man so auch von den Gin Blossoms oder Counting Crows hätte hören können. Oder von Neil Young, der hier sowieso allgegenwärtig ist.

Herzzerreißend wird der Kampf von Alone, in dem die verwundete Stimme es mit übermächtigen Gitarren-Bataillonen aufnehmen muss. Am Ende zieht sie sich zurück und gibt das Schlachtfeld preis, das Schlagzeug feiert dort nun seinen Sieg – ein toller Anblick. Auch Sure Not Over You ist white soul, wenn auch mit ganz anderen Mitteln. Einer akustischen Gitarre, zwei Sahnehäubchen-Klavierakkorden und einem herrlichen Text (“I felt so bad I wanna puke”), nämlich. Wundervoll.

Mick ist, man möchte es kaum glauben, ein fröhliches Liebeslied und: groovy. Ebenfalls leichtfüßig tänzelnd kommt Gettin’ Rough daher; mit einem Banjo kann man auch kaum schwermütige Musik machen. Für Gotta Know packt J. Mascis dann noch einmal seine Frank-Black-Stimme und alle anderen Dinosaur-Jr.-Tugenden aus: mysteriöse Lyrik, die Musik immer ein wenig in den Seilen hängend, aber voller Stolz.

Ein würdiger Abgang, ein herber Verlust.

Auch laut will gelernt sein: Never Bought It live beim Bizarre-Festival 1997:

Dinosaur Jr. bei MySpace.

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Comments

5 Responses to “Hingehört: Dinosaur Jr. – “Hand It Over””

  1. [...] Bezugspunkte: Dinosaur Jr. (bloß mehrdimensionaler und mit weniger Lust am Lärm), manchmal auch die Rembrandts (bloß [...]

  2. [...] Dummies), einer entspannten Strophe (ein bisschen Rembrandts) und wilden Gitarrenausflügen (eine gute Dosis Dinosaur Jr.) trägt den Auftakt Arise, Watch. Danach haben She’s Not Your Thing und das sehr schöne Miss [...]

  3. [...] Flanger-Fest Holing Out oder die ausgelassene Single Georgia haben die Gitarrenwucht der Grunge-Heroen um Lou Barlow und J Mascis. Dazu kommt der Gesang von Daniel Blumberg, in dem ganz viel Schmerz steckt, sobald er verzerrt [...]

  4. [...] Song, die Musik dazu klingt, als hätte jemand den Beat von Fuckin’ In The Bushes genommen, mit einer guten Dosis Dinosaur Jr. (mit denen waren The Megaphonic Thrift übrigens schon auf Tour) gepaart und dann per Fleischwolf [...]

  5. [...] kann man gut und gerne heavy nennen, doch der Gesang ist meist ähnlich schüchtern und ätherisch wie bei Dinosaur Jr. oder Nada [...]

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