Hingehört: Depeche Mode – “The Singles 86 > 98″

Oktober 29, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik 

Depeche Mode: reizvoll dank ihrer Lustlosigkeit.

Künstler Depeche Mode
Album The Singles 86>98
Label Mute
Erscheinungsjahr 1998
Bewertung ***1/2

“Warum drängt sich bloß jemand nach einer Band, deren Sänger nicht singen kann, deren Melodien zum Verzweifeln überraschungsarm und infantil sind und deren Musik sich anhört, als hätten Ultravox total verkatert einige Kraftwerk-Nummern fehlinterpretiert?”, wollte der Kritiker Simon Witter vom NME angesichts des Erfolges von Depeche Mode gerne einmal wissen.

Noch weitere Fragen stellen sich: Wie affektiert muss man eigentlich sein, um sich nach einer französischen Modezeitschrift zu benennen? Wieso gründet man überhaupt eine Band, wenn man elektronische Musik machen will? Und wie kann man elektronische Musik machen, deren Ziel nicht Innovation, sondern Langeweile ist? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Depeche Mode machen Musik für Leute, die eine Macke haben, aber noch nicht genau wissen, welche.

Village Voice hat die Engländer einmal nicht ganz unzutreffend als die “Teenybop-Band des denkenden Schulmädchens” bezeichnet. In der Tat ist die Gruppe von je her enorm beliebt bei Heranwachsenden und allen, die auch nach der Pubertät noch keinen Schimmer davon haben, was das überhaupt alles soll. Die Songs von Depeche Mode spielen mit der Sinnsuche und sexuellen Andeutungen, sind monoton, düster, morbide, sado, maso und homo. Die Stücke wissen nicht wohin, haben kein Zuhause, kein Herz und keine Mitte. Sie sind ganz Oberfläche und Pose, Make-up und Scheinwerferlicht, Lack und Leder.

Ihren eigentümlichen Reiz beziehen sie paradoxerweise gerade durch ihre Unbestimmtheit und Lustlosigkeit. Das macht das Frühwerk der Band allerdings zu einer Angelegenheit, die ausschließlich Fans faszinieren dürfte. Die Depeche-Mode-Songs aus der ersten Hälfe der 1980er sind vollkommen schlimm und projezieren zudem hässliche Bilder von dicken, weiß geschminkten Frauen in zu engen schwarzen Kleidern, die sich seltsam theatralisch bewegen, ins Hirn.

Auch auf dieser Platte haben einige Stücke, gerade die älteren, so wenig Substanz, dass man ihnen gerne etwas zu essen anbieten würde.
Allerdings hatten die Jungs spätestens ab dem Music For The Masses-Album zumindest den Dreh raus, wie man Atmosphäre in die Tracks bekommt. Das von Martin Gore gesungene A Question Of Lust gibt davon Zeugnis, Never Let Me Down Again belegt die positive Entwicklung. Erstmals kommt Dave Gahan hier ein wenig aus sich heraus und entwickelt fast so etwas wie Aggressivität.

Ein Weg, der schnurstracks zu Personal Jesus führte. Eine Gitarre, tatsächlich. Glam-Rock, irgendwie. Ziemlich genau von da an waren Depeche Mode plötzlich eine unpeinliche Band. Rock war jetzt das Ziel, und die Etappen dahin waren immer bessere Songs. Enjoy The Silence, natürlich, so plakativ wie vielschichtig. Policy Of Truth mit seiner Elektro-Blues-Strophe und dem verführerischen Refrain.

Spätestens damit hatten sich die Synthie-Weichlinge zu echten Rabauken entwickelt. Songs Of Faith And Devotion stieg 1993 in den USA, in England und natürlich in Deutschland auf Platz eins in die Charts ein – und Depeche Mode festigten ihren Ruf als erwachsene Band mit ihren bisher besten Singles. I Feel You ist ein Monolith, acht Sekunden Gitarrengeräusche am Anfang, und dann 257 Sekunden brachiale Gewalt.

Walking In My Shoes erinnert durch den zweistimmigen Gesang an frühere Stücke. Dennoch ist das Lied eine Klasse besser als etwa Strangelove. Denn inzwischen sind die programmierten Beats lebendig, werden die Synthies nicht mehr nur effekthaschend eingesetzt und sind vor allem die Kompositionen ausgereifter. Die Band kann es sich sogar erlauben, ein fast gänzlich akustisches Stück aufzunehmen. Condemnation ist natürlich kein Gospel, aber dennoch ein feines Lied. Dave Gahan zeigt, dass er doch singen kann; dazu Chöre, Klavier und ein Tamburin. Das Menschlichste, was man von dieser Band je gehört hat. Sogar In Your Room, vom Sound her eher an Garbage denn an die Housemartins erinnernd, ist organisch und echt.

Depeche Mode waren plötzlich so sehr Rock, dass sich Dave Gahan sogar die Pulsadern aufschnitt. Es klingt makaber, aber diese spektakuläre Verzweiflungstat passt dazu, dass Songs und Sound intensiver und emotionaler geworden waren. Nach der Erholungspause kam Ultra, und niemand hätte Depeche Mode nun noch als Teenie-Grufti-Kapelle bezeichnet. Mittlerweile konnten sie nämlich sogar einen Song schreiben, der richtig groß war: It´s No Good, ihre beste Single überhaupt. Die Keyboards wieder als wabernde Flächen wie schon bei Enjoy The Silence, doch dazu diesmal ein zwingendes Korsett und ein catchy Refrain.

Useless mit dem ultraverzerrten Bass steht dem wenig nach, auch wenn der Refrain nicht ganz so ausgereift ist. Dafür zeigt das Break, dass Depeche Mode den Hörer gelegentlich doch überraschen. Mit weniger Zug, aber geschlossenerer Atmosphäre tritt Only When I Lose Myself an, das schließlich beweist, dass Martin Gore tatsächlich auch Melodien schreiben kann.

Wie wenige Bands sonst haben Depeche Mode eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Als dümmlich-naive Elektronik-Dilettanten hatte sie begonnen, doch die Anziehungskraft des Rock hat irgendwann auch sie gekriegt. Und der Rock hat sie gerettet.

Die Verbindung der alten und neuen Depeche Mode: Never Let Me Down Again, live und verrockt im Jahr 2001:

Depeche Mode bei MySpace.

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Comments

8 Responses to “Hingehört: Depeche Mode – “The Singles 86 > 98″”

  1. [...] Joy-Division-Cover Shadowplay verweist auf den Traditionsstrang New Order/Depeche Mode/Elektro, Move Away ist hingegen fast Hardrock. The Ballad Of Michael Valentine bringt dem Gottvater [...]

  2. [...] schon beim ersten Hören muss man anerkennen, welchen Einfluss Numan auf diesem Gebiet gehabt hat. Bands wie Depeche Mode oder (etwas aktueller) The Bravery wären ohne sein Wirken gar nicht denkbar. Schließlich wird [...]

  3. [...] allerdings. Into Your Head bietet ein durchaus faszinierendes Zusammenspiel von Bass, Beat und an Depeche Mode oder Human League erinnernden Gesang. Doch dann kommt der Refrain – mit Kopfstimme und das [...]

  4. [...] klinisch — und doch voller Atmosphäre. So wie Tears For Fears, Frankie Goes To Hollywood oder Depeche Mode. Mit der Disco-Verliebtheit der Pet Shop Boys (Sunday). Mit der kühlen Eleganz von Human League [...]

  5. [...] sondern eher auf Lautmalerei. Songs wie das geheimnisvolle Nacht, das es irgendwie schafft, Depeche Mode mit der Münchner Freiheit zu vereinen, zeigen: Er benutzt seine Stimme wie ein Instrument, und [...]

  6. [...] und Humphreys am deutlichsten und könnte ganz alleine dafür verantwortlich sein, dass es ein paar Jahre später plötzlich Depeche Mode gab. Telegraph und Genetic Engineering sind reichlich schräg, wenn man bedenkt, dass beide Top40-Hits [...]

  7. [...] Leben freilich gemacht, wenn eine Band sich für eine Coverversion entscheidet. Rammstein covern Depeche Mode? Aha, eine klar Verbindungslinie aus kaltem, düsteren Sound. Saint Etienne nehmen einen Song von [...]

  8. [...] Depeche Mode noch immer eine dermaßen geachtete Band sind, weiß der Himmel. Wie viele angesagte Acts sich aber [...]

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