Durchgelesen: Nick Hornby – “How To Be Good”

Dezember 25, 2002 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

In "How To Be Good" wird Nick Hornby zum Aktivisten - zumindest beinahe.

Autor Nick Hornby
Titel How To Be Good
Verlag Penguin Books
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

Alle schreiben, dieses Buch sei unheimlich “clever” und “witty”, aber niemand schreibt, was das Buch noch viel mehr ist: “touching” und “true”.

Natürlich ist es humorvoll, schließlich ist es Hornby (deshalb gibt es auch wieder ein paar, teilweise gut versteckte, Musikanspielungen: Bob Dylan, Air, die Beatles und endlich endlich endlich Oasis), aber vor allem ist es rührend und fast aktivistisch.

“How To Be Good” schafft es beinahe, einen zum Hippie zu machen, jedenfalls sorgt es dafür, dass man Hippies nicht mehr verachtet oder belächelt. Im letzten Viertel geht die Dynamik etwas verloren, auch das Ende (schon ab der Mitte des Buches fragt man sich, wie Hornby diese Story überhaupt zu Ende bringen will) bleibt etwas unbefriedigend. Aber gerade das ist auch die Message: “How To Be Good” hat mich womöglich zu einem besseren Menschen gemacht, und ein bisschen hasse ich es dafür.

Beste Stelle: “What alarms me is just how easy it is to remember things I’ve done wrong, as if they are floating on the surface of my consciousness all the time and I can simply skim them off with a spoon. I’m a good person, and yet there’s all this stuff.”

Hingehört: Black Rebel Motorcycle Club – “Black Rebel Motorcycle Club”

Dezember 21, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Der Black Rebel Motorcycle Club hat jede Menge Hymnen an den Rock dabei.

Künstler Black Rebel Motorcycle Club
Album BRMC
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ***1/2

“Rock is back” steht in diesem Monat auf dem Cover des Rolling Stone. Der Black Rebel Motorcycle Club hat schon vor einem Jahr die Hymne zum Revival geschrieben. Die Single Whatever Happened To My Rock ‘N Roll (Punk Song) brachte Trotz, Energie und Selbstvertrauen der Bewegung auf den Punkt. “I fell in love with the sweet sensation / I gave my heart to a simple cause / I gave my soul to a new religion / whatever happened to my rock ‘n roll.” So neu ist die Religion dann aber natürlich nicht. Vom 1-2-3-4-Ramones-Einstieg bis zum Feedback-Nirvana-Ausklang kennt man ihren Katechismus. Doch es gibt wieder Propheten.

Im Fall des Black Rebel Motorcycle Clubs heißen sie Nick Jago, Peter Hayes und Robert Turner. Sie haben die Lehren der Glaubensväter eifrig studiert, sind nach eigenen Angaben folgsame Jünger der Nine Inch Nails, von Nirvana und Jesus & Mary Chain. Sie erlauben sich aber auch ein wenig Ketzerei: Auf der Bühne und im CD-Booklet ist das Trio in rot und schwarz getaucht, die Farben der Hölle. Denn genau wie seine Vorbilder legt der Black Rebel Motorcycle Club einige Grundsätze neu aus, deutet Dogmen um und findet so zu seiner eigenen Lehre.

Dazu gehört ein wenig Goth und jede Menge Psychedelik. Wenn der Rolling Stone deshalb im BRMC das moderne Gegenstück zu Velvet Underground sieht, ist das gar nicht so daneben und zeigt auch, wie sehr sich das Trio aus San Francisco von Strokes, Hives, Vines & Co. unterscheidet.

Erstens ist der Black Rebel Motorcycle Club (trotz des Bandnamens und der Lederjacken) viel weniger plakativ. Dass es hier keinen Frontmann gibt, sondern zwei sich abwechselnde Sänger und Gitarristen, ist dafür nur das vordergründigste Indiz.

Zweitens ist der Black Rebel Motorcycle Club viel müder. Die Platte beginnt so, wie andere Platten aufhören: Gitarren-fade-in, Gitarren-fade-out, erst dann kriecht der Opener Love Burns hervor, räkelt sich im ersten Refrain und wird erst zum Schluss richtig wach. Ganz ähnlich konstruiert ist lustigerweise auch das wenig später folgende Stück namens Awake. Auch Red Eyes And Tears hat eine nicht zu unterschätzende Wucht, aber “tumbe Mimikry und bemüht attitüdenhafte Wildheit ist hier kein Anliegen” (Rolling Stone).

Drittens ist der Black Rebel Motorcycle Club viel britischer. Das könnte schlicht daran liegen, dass Drummer Nick Jago tatsächlich Brite ist. White Palms könnte man sich jedenfalls auch sehr gut von den Happy Mondays oder sogar Blur vorstellen. As Sure As The Sun, das mit einem famosen Bass-Riff beginnt, Rifles, das von einem quasi-Mantra eingeleitet wird, und vor allem Too Real klingen sogar wie Radiohead-Stücke, ungefähr aus der The Bends-Phase.

Viertens ist der Black Rebel Motorcycle Club viel tiefgründiger. Textlich geht es hier nicht ums jugendliche Gewinnen und Aufbegehren, sondern ums immerwährende Verlieren und Verlorensein, in letzter Konsequenz sogar um Salvation, wie der famose Rausschmeißer heißt.

Natürlich gibt es auch hier kurze Wutanfälle oder Höhenflüge wie den tollen Boogie Spread Your Love. Aber wo andere nur wild um sich schlagen, alles verdammen und jeden anklagen, schauen sich BRMC erst einmal um. “I keep my head up high to ease my mind of all these true sensations”, singen sie in Head Up High. Dass sie mit dieser Methode womöglich den längeren Atem haben werden, ist gar nicht so unwahrscheinlich.

Boogie, baby: Der Videoclip zu Spread Your Love:

Der BRMC bei MySpace.

Durchgelesen: Gottfried Blumenstein – “Mr. Tambourine Man. Leben und Musik von Bob Dylan”

Dezember 19, 2002 · Posted in Bücher, Bücherregal · 3 Comments 

"Mr. Tambourine Man" ist eine Biographie, die Dylan auch stilistisch gerecht wird.

Autor Gottfried Blumenstein
Titel Mr. Tambourine Man. Leben und Musik von Bob Dylan
Verlag Henschel
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung ****

Wirklich lesenswert, stilistisch ungemein gelungen und Bob Dylan damit durchaus würdig. Blöderweise übersetzt Gottfried Blumenstein allerdings die Songzitate. Außerdem misst er Ereignissen und Songs, die für ihn prägend waren, aber eigentlich marginal sind, zu viel Bedeutung und Platz bei.

Die Stärke des Buches ist also seine Subjektivität, aber gerade das ist auch seine Schwäche.

An der besten Stelle spricht die Freundin eine Cafehausbesitzers über ihren ersten Eindruck von dem jungen Sänger. “Mir war immer, als hätte er Polypen und sollte sie sich rausnehmen lassen. Es war wirklich geschäftsschädigend, wie der gesungen hat. Er sang ständig daneben, fürchterlich daneben, und wenn er eine Weile gesungen hatte, standen schon die ersten auf und gingen. Er trieb mich zur Verzweiflung, und er trieb auch manche Gäste zur Verzweiflung.”

Hingehört: Sheryl Crow – “C’mon C’mon”

Dezember 16, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Der Imperativ soll auf "C'mon C'mon" das Altern verbergen.

Künstler Sheryl Crow
Album C’mon C’mon
Label A&M
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ***1/2

Alle Menschen werden älter, doch Rockstars werden alt. Wenn sie sich der 40-Jahre-Marke nähren, scheinen sie plötzlich einem fast schon pathologischen Zwang zu Imperativen ausgesetzt zu sein. Bryan Adams ist so einer, dessen Songs sich kaum retten können vor lauter “ya ya”, “do it”, “rock on” und eben “c’mon c’mon”. Genau so heißt jetzt die neue Platte von Sheryl Crow.

Beide (würden ein tolles Paar abgeben, übrigens) klammern sich verzweifelt an das Jetzt und wollen nicht wahrhaben, dass es schon Vergangenheit ist. Bei beiden nimmt die zwanghafte Jugendhaftigkeit inzwischen Ausmaße an, die einen Hilfeschrei vermuten lassen.

Passend dazu turnt Sheryl Crow im Video zur ersten Single halbnackt herum, ohne Fältchen, umschwärmt von knackigen Surfern, lachend in der Sonne. Soak Up The Sun heißt das Stück, das auch ohne Bilder durchaus Wärme und Freude vermittelt. Sommerhit sagt man dazu. Liz Phair singt eine famose zweite Stimme. Erst ganz am Schluss wird es verkrampft, weil der zwanghafte Imperativ seinen Auftritt hat: “I’m gonna soak up the sun / I’ve got my 45 on / so I can rock on.”

Im nächsten Stück wird gleich zu Beginn aufgefordert (“Give me what you got, girl you got a lot”) außerdem hat in You’re An Original der umtriebige Lenny Kravitz einen mediokren Gastpart. Stevie Nicks macht sich da im ganz großartigen Titelsong schon besser. Trockene Drums, Akkordeon, 12-saitige Gitarre und schließlich der famose Refrain: “C’mon, c’mon, c’mon, break my heart again / for old times´ sake.” Tom Petty hätte da sicher auch gerne mitgewirkt. Der ist zwar nicht dabei, dafür darf im soliden It’s So Easy dann Don Henley mitsingen und dabei kurioserweise wie Bryan Adams klingen.

Die Liste der prominenten Gäste wird noch deutlich länger: Scott Weiland hat am etwas zu bemühten Lucky Kid mitgearbeitet. Gwyneth Paltrow macht It’s Only Love (ganz richtig, Bryan Adams hat auch mal ein Duett dieses Namens aufgenommen) mit ihren Vocals noch ein bisschen niedlicher. Heartbreaker Benmont Tench versucht, das müde Abilene zu veredeln. Er ist auch beim intimen Weather Channel mit von der Partie, genau wie Emmylou Harris und Mitchell Froom. Es ist eine der typischen Balladen am Ende eines Sheryl-Crow-Albums: getränkt in Selbstmitleid, durchlitten bis ins Existenzielle.

Auch sonst hat sich im Vergleich zu den Vorgängerplatten wenig geändert. Sheryl Crow kann noch immer (und auch ohne fremde Hilfe) tanzbaren Radiorock schreiben wie den Opener Steve McQueen und ganz betörende Balladen wie den Rausschmeißer Missing. Dazwischen finden sich auch diesmal ein paar Belanglosigkeiten. Aber wie lautet doch ein weiterer Imperativ im gelungenen Diamond Road: “Walk with me the diamond road / tell me every story told / give me something of your soul that I can hold onto / and don’t miss the diamonds along the way.”

Da merkt man fast, das Sheryl Crow mal als Musiklehrerin gearbeitet hat: Soak Up The Sun in der Sesamstraße:

Sheryl Crow bei MySpace.

Durchgelesen: Greil Marcus – “Mystery Train”

Dezember 13, 2002 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Greil Marcus schreibt über Musik, meint aber Politik.

Autor Greil Marcus
Titel Mystery Train. Rock’n'Roll als amerikanisch Kultur
Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1975
Bewertung **1/2

Mit diesem Werk aus dem Jahr 1976 wurde Greil Marcus zum “Papst des Rock ‘N’Roll” – wahrscheinlich weil er der erste war, der sich mit solcher Ernsthaftigkeit an das Thema heranmachte und den Kontext für die Betrachtung von populärer Musik enorm erweiterte.

Doch genau darin liegt das Problem dieses Buches. Viel zu oft will Greil Marcus offensichtlich gar nicht über Musik schreiben, sondern über Politik und Literatur. Das Buch will eine amerikanische Kulturgeschichte sein, dabei hat Amerika (mit Verlaub) weder Kultur noch Geschichte.

Die These, dass der Rock’N'Roll vielleicht die wahre (oder eben einzige) Kultur und Geschichte Amerikas sein könnte, ist gar nicht so verkehrt. Aber als wissenschaftliche Arbeit ist “Mystery Train” ein Witz. Marcus argumentiert nicht, sondern assoziiert und spekuliert – und selbst das nicht sonderlich profund oder überzeugend. Das Buch ist keine Untersuchung, sondern eine Betrachtung, Marcus kein Forscher, sondern ein Fan. Immerhin ein Fan mit viel Fantasie und Sprachgewalt, wodurch das Werk spannend und unterhaltsam bleibt.

Am besten gelingt das Kapitel über Elvis Presley, weil hier nicht so sehr abstrahiert und romantisiert wird.

Hingehört: The Animals – “Good Times”

Dezember 11, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Good Times" ist so etwas wie Etikettenschwindel der besseren Sorte.

Künstler Eric Burdon & The Animals
Album Good Times
Label Polystar
Erscheinungsjahr 1990
Bewertung ****

Zur Zeit gibt es in Deutschland knapp über 100 Tonträger zu kaufen, auf denen man House Of The Rising Sun hören kann. Von den Walkabouts, Nina Simone oder Jimi Hendrix, auch von Udo Jürgens, Ricky King und Vicky Leandros. Die definitive Version des Traditionals haben aber zweifellos die Animals abgeliefert. Denkt man an diesen Klassiker, hat man das Arrangement von Mickie Most, die Orgel von Alan Price und natürlich die Stimme von Eric Burdon im Ohr.

Dass der Song auch auf dieser Platte den Auftakt macht, überrascht allerdings. Denn als “Eric Burdon & the Animals” brachte die schwärzeste Stimme Englands erst ab 1967 Platten heraus, lange nach dem ersten großen Erfolg – und lange, nachdem sie sich mit den Original-Animals überworfen hatte. Dass deren Hits, von jenem House Of The Rising Sun über Don’t Let Me Be Misunderstood bis zu We’ve Gotta Get Out Of This Place und It’s My Life, allesamt auch auf diesem Sampler enthalten sind, ist Etikettenschwindel der besseren Sorte.

An diese Erfolge konnte Eric Burdon nach dem Umzug nach Kalifornien, reichlich LSD-Konsum und kurzen Soloplänen nicht mehr ganz anknüpfen. Doch als “Eric Burdon & The Animals” hatte er mit neuer Begleitband doch einige beachtliche Hits. Musikalisch hatte er sich im Vergleich zum rauhen R&B-Sound der frühen Tage an der amerikanischen Westküste von sanfteren, vor allem psychedelischen Klängen inspirieren lassen.

Schon das famose Good Times legt davon Zeugnis ab. Ein zartes Intro, die etwas stolpernde Melodie, eine Western-Bar-Piano-Einlage, dazu der herrlich nostalgische Text: When I think of all the good times that I’ve wasted / having good times. Auch When I Was Young, blickt zurück, bereut aber nichts. Von Anfang an strotzt der Song vor Energie, setzt aber auf Dramaturgie statt Kraftmeierei.

San Francisco Nights gibt im Intro erst einmal eine Gebrauchsanweisung, wie man das Stück zu verstehen hat. Dabei liegt es auf der Hand: Old child, young child, feel alright / on a warm San Francisco night. Optimismus ist angesagt, natürlich aus dem Jahr 1967. Die Gitarre klingt ein wenig nach Balkan und beweist die neue Experimentierfreude bei Eric Burdon (die nicht immer nur überzeugende Früchte trug, wie das Cover von Ring Of Fire zeigt). Winds Of Change setzt auf eine Mixtur aus mittelalterlichen und orientalischen Sounds, überlagert von etwas abwesendem Sprechgesang. Hätte den Doors nicht schlecht zu Gesicht gestanden.

Sky Pilot treibt das Ganze dann in knapp siebeneinhalb Minuten auf die Spitze. Flanger auf dem Schlagzeug, der Bass stoisch, der Gesang längst entschwebt: How high can you fly? / you’ll never reach the sky. Dann lärmt es, sind plötzlich Dudelsäcke zu hören, schließlich kehrt der Song wie unvermittelt zurück, in ganz neuem Gewand, gekleidet in Streicher, Flöten und Trompeten.

Dass Eric Burdon auch weiterhin ein ausgezeichneter Interpret von Fremdmaterial war, beweisen seine Versionen von Paint It Black (das sich hier ganz langsam aus dem Schlamm hervorwühlt, energisch den Dreck von sich schüttelt, dann ob der eigenen Nacktheit erschrocken zu sein scheint, schließlich aber doch alle Schüchternheit ablegt) und River Deep, Mountain High, das sofort Fahrt aufnimmt und durch die verzerrte Orgel und die sehr feinfühlige Gitarrenarbeit gewinnt.

Über all dem thront noch immer seine Stimme – nicht klassisch gut, aber facettenreich in der Phrasierung und immer aus tiefster Seele. “Rarely, if ever, has the United Kingdom produced a white guy who could sing the blues like Eric Burdon”, meint die Great Rock Discography. Nicht zu Unrecht.

So sah 1967 aus: Eine Performance von When I Was Young aus dem US-Fernsehen:

Eric Burdon bei MySpace.

Hingehört: Air – “10000 Hz Legend”

Dezember 11, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Air verschmelzen Technik und Sehnsucht.

Künstler Air
Album 10000 Hz Legend
Label Source
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ***1/2

Da haben sich zwei gefunden. Beck Hansen hat man früher oft vorgeworfen, er sei nur ein seelenloser Schreibtischtäter, der aus fremden Zutaten geschickt etwas angeblich Neues bastelt. Auch die Franzosen von Air mussten lange mit diesem Vorurteil leben. Aus Retro-Elementen würden sie ihren Sound beziehen und den auch noch als Zukunft verkaufen. So attestierte der Rolling Stone dem Duo “den Perfektionismus, den Hang zum Basteln und zum Frickeln und das Wissen, dass ein großer Popsong die leuchtende Klarheit eines Coca-Cola-Werbespots der 1950er Jahre haben muss.”

Mit derlei Einordnung übesieht man aber, dass sowohl Beck als auch Air zwar großen Wert auf Design legen (man denke nur an die stets brillanten Videos), aber durchaus auch eigenständige Songwriter sind, die nicht bloß selektieren, sondern komponieren. “Wir haben mit DJ’s nichts gemein, wir sind reine Musiker. Uns interessieren Harmonien, Akkorde – und dann erst der Rhythmus”, betonen Air, die in ihren Anfangstagen nicht zufällig eine klassische Rockband namens “Orange” waren.

Zur Elektronik haben sich Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel dann gewandt, weil sie mit einem ganz klassischen Selbstverständnis etwas Neues, Unkonventionelles schaffen wollten. Der Rolling Stone hat es erkannt: Bei Air “funktioniert die Eskapade als Utopie, aber Utopie ist hier eine Angelegenheit von vorgestern.” Noch eine Parallele zu Beck.

Der singt zwei der Stücke auf 10000 Hz Legend. Dem feinen The Vagabond, zu dem er noch eine Mundharmonika und Teile des Textes beisteuerte, drückt er seinen Stempel auf. Mit Schrammelgitarre, gedrosseltem Tempo und abgefahrenem Arrangement klingt das Stück wie ein Outtake von Odelay. In Don’t Be Light erkennt man Becks Stimme dank reichlich Effekten zunächst fast nicht. Der Song beginnt mit treibendem Beat, einem Orgel-Riff und Fuzz-Bass, beruhigt sich dann und verfällt in die typische Atmosphäre, die Air-Platten zu “großartigen Lümmel- und Knutschmatratzen” (Rolling Stone) macht.

Denn dass die beiden Jungs aus Versailles nicht nur Videos und Sounds designen können, sondern vor allem auch Stimmungen, ist ihre große Stärke. “Letztlich dreht sich alles um die Emotion. Die muss da sein, die darf man nicht suchen”, wissen sie.

Der Opener fügt der Selbstdefinition noch einen Aspekt hinzu. “We are electronic performers” heißt es da neben zahlreichen Metaphern, die Technik und Sehnsucht verschmelzen: machines gave me some freedom, synthesizers gave me some wings. Passend dazu wird im schwelgerischen How Does It Make You Feel? eine wundervolle Liebeserklärung nach der anderen gemacht – von einer Computerstimme. Radio #1 macht dann da weiter, wo Sexy Boy aufgehört hat: satter Rhythmus, catchy Refrain.

Auch The Radian knüpft an Moon Safari an, beginnt fast sakral, wird dann verträumt und entspannt – alles ohne Text. Lucky And Unhappy verbleibt noch eine Weile im Ungewissen, bevor es dann wieder sehr konkret und weltlich wird. Sex Born Poison wird dank Psycho-Orgel und halbasiatischer Lyrics tatsächlich geheimnisvoll und verführerisch. Auch Wonder Milky Bitch setzt auf gespenstische Streicher und lässt den Takt gar durch eine verfremdete Maultrommel vorgeben.

Den Rausschmeißer macht Caramel Prisoner, sphärisch, instrumental und im größten denkbaren Maße ausgestaltet. “Perfekte ästhetische und inhaltliche Ausformung” hat der Musikexpress ganz richtig bei Air erkannt. Das ist mehr als Oberfläche.

Air könnens auch live, wie diese Performance von Radio #1 beweist:

Air bei MySpace.

Hingehört: Richard Ashcroft – “Human Conditions”

November 14, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

"Human Conditions" ist angenehm und entspannt.

Künstler Richard Ashcroft
Album Human Conditions
Label WEA
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ****

Was ist übrig vom Britpop? Blur gingen in die Staaten, Oasis in die Stadien. Supergrass machen neuerdings auf düster, Radiohead schon längst auf Künstler.

Richard Ashcroft hat einen anderen Ausweg gesucht: einfach einen Schritt zurück, lieber eine Nummer kleiner. Mit The Verve machte er es zuletzt nicht mehr unter urbanen Hymnen und bittersüßen Symphonien. Nun hat sich die Angriffslust gelegt, die ganz große Geste wird nicht mehr geprobt. Vielleicht weiß Ashcroft, dass sie inzwischen lächerlich wirken würde. Vielleicht hat er auch eingesehen, dass er niemandem mehr etwas beweisen muss.

Human Conditions, sein zweites Solowerk, ist deshalb eine entspannte, unaufdringliche Platte. Hysterie und Aggressivität sind verflogen. Mit dem ganz ähnlichen Vorgänger Alone With Everybody scheint Richard Ashcroft seinen Stil gefunden zu haben: einfache, gelegentlich programmierte Beats, ein großes Orchester, ein wenig Psychedelik.

Das alles kann man wunderbar bereits am Vormittag hören. Die meisten Stücke verstecken sich, wollen übersehen werden oder zumindest gesucht. Die Mühe lohnt sich durchaus – im besten Fall kommen einem die Songs aber noch immer entgegen, mit offenen Armen. Buy It In Bottles ist so ein Moment, schwelgerisch und selbstvergessen. Auch Paradise besticht schon nach wenigen Sekunden, Trompete und Gesang verhalten, Gitarre und Schlagzeug bloß skizziert. Science Of Silence, wie das nächste Highlight heißt, ist das noch nicht ganz. Aber es ist nah dran. Richard Ashcroft sucht immer noch nach dem perfekten Song, aber er verkrampft dabei nicht mehr. Man On A Mission heißt treffenderweise das beste Lied der Platte. Auch hier fließt alles ineinander, ergibt sich wie von selbst.

Sogar seinen Gesang hat Ashcroft beschränkt. Er zerdehnt die Vokale nicht mehr so, spielt seine Trümpfe nicht voll aus. Um so beeindruckender wird seine Stimme, wenn er ihre Kraft doch einmal kurz hervorbrechen lässt wie im Intro von Lord I’ve Been Trying. Das Stück ist mehrmals kurz davor, in Epik und Overkill abzugleiten, doch kurz vorher wird es immer wieder auf den Boden zurückgeholt. Dort scheint sich Richard Ashcroft inzwischen wohl zu fühlen und es sich in der neuen Bescheidenheit gemütlich gemacht zu haben.

Ziemlich episch: Science Of Silence live beim Rockpalast:

Richard Ashcroft bei MySpace.

Durchgelesen: Michel Houellebecq – “Ausweitung der Kampfzone”

Oktober 23, 2002 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Houellebecq präsentiert einem hilflosen Leser hilflose Figuren.

Autor Michel Houellebecq
Titel Ausweitung der Kampfzone
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 1994
Bewertung ***1/2

Ich habe dieses Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen, vielleicht ist das bedenklich. Ich fand es aber nur halb so schockierend wie vom Schenkenden angekündigt. Es erinnert nicht wenig an den “Steppenwolf”, nur lebt der Protagonist eben hundert Jahre später und ist nicht so konsequent.

Den Anfang fand ich etwas holprig, aber eben diese scheinbar zusammenhanglosen, scheinbar belanglosen Szenen machen dann ja die elementaren Probleme des Ich-Erzählers deutlich. Weil er sie sich zwar eingesteht, aber sie nicht zurückverfolgt, bleibt der Leser genauso hilflos, was ihre Lösung angeht und genauso ohnmächtig im Jetzt.

Erstaunlicherweise behält der Ich-Erzähler von allen Hauptfiguren dennoch die meiste Würde. Buvet wähnte sich nur in einem erfüllten Leben, erkennt nun seinen Fehler und sieht kein neues Ziel, nicht mal eine Methode, um mit der Situation zurechtzukommen. Tisserand kämpft zwar, vordergründig um Sex, in Wirklichkeit aber um Anerkennung und damit um Normalität, wird all das aber nie erreichen können, was seine Tragödie ist.

Die Fabeln fand ich eher störend, die Ansichten des Autors über das Informations- und Kommunikationszeitalter wirkten etwas holprig hineingeschustert. Ausnahmsweise gefiel mir aber das offene Ende, denn man weiß nicht, um dort nun wirklich der Selbstmord steht, ein neuer Lebenswille oder aber – worauf am meisten hindeutet – der Neubeginn durch den Tod. Lobend erwähnt werden müssen auch die Fragezeichen, die typographisch sehr schick und sehr zahlreich waren.

Beste Stelle: “Aber in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen Ihre absolute Einsamkeit, das Gefühl einer universellen Leere und die Ahnung, dass Ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endgültiges Desaster zuläuft, Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen. Trotzdem haben Sie immer noch keine Lust zu sterben.”

Hingehört: Leonard Cohen – “The Future”

Oktober 19, 2002 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"The Future" zeigt: Der verhinderte Rebell in Leonard Cohen lebt weiter.

Künstler Leonard Cohen
Album The Future
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1992
Bewertung ***1/2

Als “enttäuschten Anarchisten ohne Bombe” hat die FAZ Leonard Cohen auf einer seiner Tourneen einmal erlebt. In der Tat wollte der Kanadier immer ein Rebell sein – doch stets ist ihm etwas dazwischengekommen. Als er auf der Seite von Fidel Castro in Kuba kämpfen wollte, waren es beispielsweise Sonne, Rum und Frauen.

Sein Waffenarsenal beschränkte sich künftig auf seine Texte, “wo schöne Sentenzen kopulieren und neue gebären, wo mit geistreichen Finten wider den Ungeist der Welt gefochten wird” (Rolling Stone).

Kritisch war Leonard Cohen also schon immer. Doch The Future, inspiriert vom Fall des Eisernen Vorhangs, ist seine politischste Platte. Im Schlüsselstück Democracy versucht er sogar noch einmal die Provokation. “I’m sentimental, if you know what I mean: I love the country but I can’t stand the scene / and I’m neither left or right / I’m just staying home tonight / Getting lost in that hopeless little screen / but I’m stubborn as these garbage bags / that time cannot decay / I’m junk but I’m still holding up this little wild bouquet: Democracy is coming to the USA.”

Die Situation ist erkannt, die Aussichten sind schlimm. “Get ready for the future, it is murder”, lautet deshalb gleich zu Beginn der Platte die düstere Warnung des Titelsongs. Die Strophen rechnen mit den Krankheiten der Gegenwart ab und prognostizieren die Epidemien der Zukunft. Cohen ist nicht nur frustriert, er ist verbittert. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht auch daran, dass er sich plötzlich ohnmächtig fühlt. “I know you really loved me / but, you see, my hands were tied”, lautet die Metapher dazu, die (Er-)Lösung kann in Waiting For The Miracle nur noch das Schicksal bringen.

Vielleicht war es auch diese Desillusion, die sich auf die Musik ausgewirkt hat. Denn nur sechs Stücke hat Cohen diesmal selbst komponiert, eines davon (Tacoma Trailer) ist ein unverständlicherweise ein Instrumental. Waiting For The Miracle hat Cohen gemeinsam mit Sharon Robinson geschrieben, die auch bei seinem jüngsten Werk Ten New Songs für die Musik zuständig war.

Genau wie diese Platte krankt auch The Future am übermäßigen Keyboard-Einsatz, bleibt zu klinisch. “Ich liebe diesen synthetischen Klang, er ist so unaufwändig herzustellen”, sagt Leonard Cohen zu diesem Thema. Doch prgogrammierte Beats und künstliche Streicher erzeugen eben nicht die Intimität und Intensivität, die seine früheren Platten ausgezeichnet haben.

Dass deshalb die Coverversionen zu den Highlights zählen, ist kein gutes Zeichen. Frederick Knights Be For Real singt Cohen so rührend und so freiwillig sich selbst aufopfernd, dass man Mitleid mit ihm bekommen muss. Irving Berlins Always schlägt in die selbe Kerbe und darf sogar ein wenig staubige Luft einatmen.

Wenigstens haben die Lyrics nichts von ihrer Präzision, Schärfe und Schönheit verloren. Closing Time feiert wieder einmal den Moment der Unbeschwertheit, hat aber auch schon das Ende vor Augen, muss bereits die Torschlusspanik überspielen. Spuren dieses Widerspruchs tragen auch das im Background-Gesang etwas zu pathetische Anthem (“The birds they sang at the break of day / start again, I heard them say / don’t dwell on what has passed away / or what is yet to be”) und das versöhnlichere Light As The Breeze (“It’s dark and it’s snowing / oh my love I must be going / St. Lawrence river is starting to freeze / and I’m sick of pretending / I’m broken from bending / I’ve lived too long on my knees”).

Cohen steigert sich in die Rolle des Opfers hinein und gefällt sich immer besser in ihr, weil er immer mehr an ihr leidet. Dass er über seinen Kampf ausgerechnet im “für ihn ungeeigneten Medium Pop” (New York Times) berichtet, macht die Situation nicht einfacher und ist genauso paradox. Leonard Cohen weiß das: “Ich hatte das Glück, mit dem einen Postulat, das ich zu Beginn des Spiels aufgestellt hatte, nicht an der Realität zu scheitern”, hat er jüngst einmal festgestellt. Offensichtlich ist er immer unzufriedener mit der Welt, aber immer zufriedener mit seiner Rolle in ihr.

Die schlimmen Keyboards waren damals auch live omnipräsent. Trotzdem hübsch: Diese Perfomance von The Future bei Jools Holland:

Leonard Cohen bei MySpace.

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