Hingehört: Sheryl Crow – “The Very Best Of”
| Künstler | Sheryl Crow |
| Album | The Very Best Of |
| Label | A&M |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | **** |
Ein Greatest-Hits-Album. Weil das Managment meinte, es sei ein guter Zeitpunkt dafür. Kurz vor Weihnachten und an diesem Punkt der Karriere. Sheryl Crow hat damit kein Problem. Es sei eine gute Möglichkeit, einen Abschnitt zu beenden und danach noch einmal ganz neu zu beginnen.
Das stimmt zwar, doch (auch) dann ist der Zeitpunkt für diese Werkschau falsch gewählt. Denn tabula rasa hatte Sheryl Crow bereits mit dem Jahrtausendwechsel gemacht. Und der Neuanfang war eigentlich schon das letzte Album C’mon C’mon. Wenn man dann trotzdem ein Greatest-Hits-Album veröffentlicht, sollte wenigstens die nur als Single erschienene famose Coverversion von Sweet Child O’ Mine drauf sein. Fehlt aber.
Stattdessen gibt es das mittelmäßige It’s So Easy vom letzten Album, bei dem für den deutschen Markt das schiefe Nuscheln von Wolfgang Niedecken die Original-Vocals von Don Henley ersetzt. Und eine neue Aufnahme des grandiosen Titeltracks des letzten Werks, den die Corrs hier (trotz zäher Versuche) immerhin nicht kaputtdudeln.
Ansonsten gibt es an The Very Best Of Sheryl Crow allerdings wenig herumzunörgeln. Wie keine andere Künstlerin hat es die ehemalige Musiklehrerin geschafft, ein unglaubliches Qualitätsniveau zu halten, zehn Jahre lang klasse Songs und reichlich Hits abzuliefern. Auf der Werkschau gibt es erstaunlich viel Frühwerk (gleich fünf Stücke vom Tuesday Night Music Club), dazu Crow poppig (Soak Up The Sun, Everyday Is A Winding Road, A Change Would Do You Good), rockend (If It Makes You Happy, There Goes The Neighbourhood) und reif (My Favourite Mistake, Home).
Natürlich sind auch zwei neue Songs dabei: eine gelungene, weil sanft modernisierte Version von The First Cut Is The Deepest als Single und das etwas mediokre Light In Your Eyes, schließlich das rührende Duett mit Kid Rock, Picture. Unterm Strich ein fragwürdiger, aber repräsentativer Querschnitt. Zumindest für Einsteiger.
Vom süßen Picture gibt es hier eine Live-Version, weil Kid Rock da noch ein bisschen beknackter aussieht als sonst:
Jeden Abend bei Susi
“Das ist aber das Letzte. Dann machen wir Feierabend”, sagt Susi, als sie mir das widerwillig gezapfte Bier in die Hand drückt. “Ist ja kaum noch was los. Und du kannst ja nicht jeden Abend hier versumpfen”, fügt sie an.
Sie meint das liebevoll, aber es klingt wie ein Vorwurf. Susi hat gut reden. Was soll ich denn sonst machen, jeden Abend? Früher gab es da noch was. Einen festen Anlaufpunkt, eine Routine, eine Institution. Da wurden alle, die einem tagsüber wieder zum Kopfschütteln und Haareraufen gebracht hatten, zünftig abgestraft. Das tat gut, danach konnte man beruhigt schlafen. Doch das ist lange her.
Nun verbringe ich die Abende meistens hier bei Susi an der Theke. Heute ist wirklich nicht viel los. Nur ein einziger Gast ist außer mir noch da. Ein ziemlich großer Mann, die Haare schlecht blondiert, das Sakko sehr, sehr abgewetzt. Vorhin hat er noch Gesellschaft gehabt. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit wirrer Frisur scharwenzelte die ganze Zeit um den großen Mann herum und führte sich dabei auf wie ein Lakai. Als er dann endlich seine Jeansjacke nahm und sich verabschiedete, schien der große Mann unendlich erleichtert. Er nahm einen sehr, sehr großen Schluck von seinem Bier und hob das Glas dabei, als hätte diese Geste irgendeine tiefere Bedeutung.
Als ich mich zu ihm an den Tisch setze, schaut er kurz auf. Er sieht schlimm aus. In den weißen Bartstoppeln über der Lippe hat sich Bierschaum verfangen, das Brillenglas ist gesprungen, die Augen sind rot unterlaufen. Seine riesigen Hände klammern sich um das Bierglas, das ihm der einzige Halt in dieser Welt zu sein scheint. Er nimmt noch einen kräftigen Schluck und erzählt mir dann seine Geschichte.
Einst habe er einen tollen Job gehabt. Gutes Geld, Bewunderung, einige Auszeichnungen. Doch dann sei das Ende gekommen. Gleich zu Weihnachten gab es wieder einmal Streit über das Heiraten, dann war die Frau weg. Die Freunde verabschiedeten sich fast ebenso schnell. Dabei habe er das doch alles der Freundschaft wegen durchgezogen. Nur dieser Kriecher, den er noch nie leiden konnte, rede ihm noch regelmäßig ins Gewissen. “Und dann haut er ab und zahlt noch nicht mal sein Bier”, sagt der große Mann – jetzt schon sehr laut. Schnell fügt er hinzu, dass er sich nicht so aufregen soll, der Blutdruck und so.
In ihm brodelt offensichtlich eine ganze Menge, und es scheint ihm ein Ventil zu fehlen, das alles rauszulassen. Als er dann auch noch die Titelstory über den “Late-Night-König” Thomas Koschwitz in der Zeitung entdeckt, droht er die Fassung zu verlieren und klammert sich noch fester an das Bierglas. Ich bekomme ein wenig Angst. Um mich abzulenken, wühle ich auch ein bisschen in dem Zeitungsstapel und entdecke eine Ausgabe des Stern vom November 2001. “Ohne die Show würde ich saufen”, lautet die Schlagzeile eines Harald-Schmidt-Porträts. Und da erkenne ich plötzlich den großen Mann.
“Feierabend”, ruft Susi.
Legendär: Eine ganze Harald-Schmidt-Show auf Französisch:
Hingehört: Bob Dylan – “Time Out Of Mind”
| Künstler | Bob Dylan |
| Album | Time Out Of Mind |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1997 |
| Bewertung | ***** |
Für Dylan-Biograph Howard Sounes ist dies “the record that marked his resurgence as an artist.” Für Elvis Costello ist Time Out Of Mind gar “die beste Platte, die Dylan je gemacht hat”. Trotz all der Großtaten in den 1960ern, trotz Blood On The Tracks kann man diesem Urteil getrost folgen.
Denn nach sieben Jahren Pause meldet sich Bob Dylan hier mit einer Platte zurück, auf der er all seine Stärken vereint – und sie in seltener Konsequenz ausspielt. Drei Grammys waren für Time Out Of Mind das Mindeste, der Preis als “best album of the year” eine Selbstverständlichkeit.
In nur elf Tagen nahm Bob Dylan das Album auf. “Bei Time Out Of Mind wollte ich, dass meine Musik durch diesen ganzen technischen Apparat hindurchläuft und so schnell wieder am anderen Ende herauskommt, dass der Apparat gar nicht merkt, was er da eigentlich gemacht hat”, hat er später darüber gesagt. Vielleicht auch wegen dieser zeitlichen Konzentration ist es ein Album geworden, dass in seiner atmosphärischen Dichte so gut wie einmalig ist. Dylan: “It’s a spooky record. Because I feel spooky.”
Das Geheimnisvolle mag auch daher kommen, dass viele Songs nach Einbruch der Nacht entstanden. Es manifestiert sich nicht nur im Sound, sondern auch in den Themen. “Zu essenzieller, roher Musik und einem Sound der Vergangenheit spricht Dylan lauter letzte Sätze”, bringt der Rolling Stone die Sache auf den Punkt. Dylan selbst erklärt: “Ich wollte kein Album, das die Songs in ein zeitgenössisches Umfeld setzt. Meine Musik hat keine Affinität zu moderner Technologie. Entweder sie funktionieren, oder sie funktionieren nicht. Wenn sie richtig geschrieben sind, sind sie in Stein gemeißelt.”
In der Tat erreichen Dylans Songs hier eine Gravität, wie man sie sonst höchstens von Johnny Cash kannte. Durch die Gerüchte um die Lungenkrankheit des Meisters und angebliche Todesahnungen wurde vieles als Dylans Abschied missverstanden. Doch Time Out Of Mind ist kein Testament, sondern ein Monument.
Der Opener Love Sick schleppt sich aus dem Staub heran, hat eiserne Ketten an den Füßen und noch viel schlimmere Qualen durchlitten. Wie auf dem gesamten Album erklingt kein Ton zu viel: “Sometimes the silence can be like thunder.” Die Gelassenheit und Weisheit (aber auch die Ungeduld und Wehmut) des Alters dominieren. “I’m sick of love / I hear the clock tick / this kind of love / I’m love sick”, heißt das hier, im schleichenden Standing In The Doorway dann: “I got no place left to turn / I got nothing left to burn / don’t know if I saw you / if I kissed you or killed you / it probably wouldn’t matter to you anyhow.”
Später wird es in Tryin’ To Get To Heaven nicht nur lakonisch, sondern erhaben: “Every day your memory grows dimmer / it don’t haunt me like it did before / I’ve been walking through the middle of nowhere / tryin’ to get to heaven / before they close the door.” Der Tod ist nicht so nah, wie er manchmal scheint – aber er ist nicht mehr zu leugnen. Oder aber: “It’s not dark yet, but it’s getting there”, wie es im besten Lied der Platte heißt. Definitiv vorbei ist nur die Jugend, und mit ihr hat sich fast all die Kraft verabschiedet, die man braucht, um immer wieder neue Hoffnung zu schöpfen: “I’ve been down on the bottom / of a whirlpool of lies / I ain’t looking for nothing / in anyone’s eyes.”
Ein kurzer Moment der Zuversicht ist das grandiose Make You Feel My Love, wo sich Dylan noch einmal selbst überzeugen (oder betrügen) kann, dass sich das Aufbäumen vielleicht doch lohnt. Weil dies eine Verheißung ist, wird der Song so groß, weil es auch bloß eine Illusion sein könnte, ist er so tragisch – und beides liegt in Dylans Stimme, die allen Stolz aufgibt und sich völlig ausliefert: “I could make you happy, make your dreams come true / nothing that I wouldn’t do / go to the ends of the earth for you / to make you feel my love.”
Das Gegenstück dazu ist der Rausschmeißer Highlands. Wieder geht es ums Anbandeln. Doch diesmal ist es kein fragiler letzter Versuch, auf den Dylan alles setzt und von dem alles abhängt. Diesmal ist es das alte Spiel, ganz alltäglich und beiläufig. Mit viel Anlauf nährt sich Dylan einer kecken Kellnerin, doch irgendetwas steht zwischen ihnen, lässt den Flirt zum Kampf werden. Vielleicht ist es das Schicksal, vielleicht auch nur die Müdigkeit über “the same old rat race”.
Selbst in diesen sechzehneinhalb Minuten ist kein einziger überflüssiger Moment. Genau deshalb ragt Time Out Of Mind so heraus. Weil Dylan sich konzentriert, sich nicht mehr auf Nebenschauplätzen verzettelt oder in bloßer Koketterie ergeht. “Nichts scheint dylanesk. Kein Hirnfick, kein Schwurbel, kein Literatenlatein, keine Mystik, überhaupt keine Beflissenheit. Kein Nuscheln, kein Nölen, keine verschluckten Endsilben”, hat der Rolling Stone richtig erkannt.
Das trifft auch auf die Themen zu. Im Mittelpunkt fast aller Songs steht das Dilemma, das in Dylans Werk schon immer zentral war, das er aber selten so glorios durchlitt: “Die Sinnlosigkeit der Liebe, zu der es doch, wie Dylan barmt, keine Alternative gibt.”
Adele singt das herzzerreißende Make You Feel My Love live bei Jools Holland:
Hingehört: The Strokes – “Room On Fire”
| Künstler | The Strokes |
| Album | Room On Fire |
| Label | RCA |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ****1/2 |
Eigentlich hatten sie keine Chance. Was konnte nach dem famosen Debüt Is This It für The Strokes schon kommen? Ein fades Sichwiederholen. Ein unverzeihlicher Stilbruch. Ein sklavisches am-Erfolgsrezept-Kleben. Auf jeden Fall: die Enttäuschung.
Doch Pustekuchen! Die Strokes nahmen sich laut Sänger Julian Casablancas vor, in allen Bereichen noch ein Stück besser zu werden – und schaffen das auch. Sie bleiben sich treu und entwickeln sich dennoch weiter. Sie bleiben relevant. Und aufregend.
Room On Fire mag etwas weniger plakativ sein als das Vorgängerwerk, doch die typischen Strokes-Elemente sind noch da. Julian Casablancas (dieser Name!) klingt noch immer, als habe man ihn gerade erst geweckt und als würde er nur ganz, ganz langsam Spaß am Singen gewinnen. Der Rhythmus ist straight wie eh und je.
Auch die Gitarren klingen wieder alt und weise. Doch was Nick Valensi und Albert Hammond Jr. diesmal an ihren insgesamt zwölf Saiten veranstalten, ist der helle Wahnsinn. Überall schlummern Melodien, die die Welt retten wollen. Manchmal gut versteckt, manchmal fast ein bisschen zu aufdringlich. Jedenfalls immer: zum ewig-lang-Mitsummen.
Das klappt vom Start weg: What Ever Happened? hat gleich zwei Stellen, die man sich einrahmen möchte. Wie der Gesang einsetzt und “I wanna be forgotten / and I don’t wanna be reminded” singt: ein Traum. Und wie der etwas konfuse Beat sich endlich berappelt und von einem unfassbar schlüssigen Gitarrensolo gekrönt wird: verflucht gut. Reptila packt einen schon mit dem Schlagzeug-Intro und wirbelt einen dann durch eine Welt, in der die Luft brennt.
Auch Atomic Stop wimmelt wieder nur so vor Gitarren-Ideen und wenn es am Ende des letzten Refrains (“I’m not your friend / I never was”) dann endlich eine Oktave höher geht, ist das erlösend wie ein Sonnenaufgang. Der Refrain von You Talk Way Too Much ist so fiebrig, dass sich das Stück zwischendurch zweimal selbst abkühlen muss. In Flammen steht auch der alles in den Schatten stellende Rausschmeißer I Can’t Win. Eine Gitarre, die Lahme gehen macht, eine Wahnsinns-Strophe, phantastisch gesungen.
Sogar das als Vorab-Single noch etwas befremdende 12:51 fügt sich plötzlich nahtlos ein. Wie man im Video sehen kann, ist die Melodie (wie auch im grandiosen The End Has No End) gar kein Nena-Keyboard, sondern eine Gitarre – und die Handclaps gehören einfach dahin. Between Love & Hate hat Reggae zumindest angedacht. The Way It Is kreuzt Computerbeats mit brachialen Riffs.
Innerhalb ihres Universums machen die Strokes mit solchen Verschiebungen also tatsächlich noch einen Schritt nach vorne. Weil sie dabei etwas subtiler vorgehen als bisher, entfaltet sich die ganze Pracht der Platte erst nach einer Weile. Dafür bleibt sie aber länger erhalten. This is it.
Ein Kracher: 12:51 auf dem Akkordeon:
Durchgelesen: Hermann Hesse – “Peter Camenzind”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Peter Camenzind |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1953 |
| Bewertung | ****1/2 |
Wie im “Steppenwolf” geht es auch hier um Entwurzelung. Camenzind sucht nach einer Liebe, die im ganzen Stück vollkommen körperlos bleibt und damit noch reiner und edler erscheint. Er weiß auch um seine Entwurzelung, aber er ist mit diesem Zustand seltsam einverstanden, fast versöhnt.
Trotzdem gibt es Passagen voller Menschenhass und Isolation, die ebenfalls an den “Steppenwolf” erinnern. Daneben finden sich aber auch Szenen wie die Begegnung zwischen der angebeteten Elisabeth und dem verkrüppelten Boppi, die voller Menschenliebe sind.
Beste Stelle: “Es ist das Tragische an der Schwermut, dass sie einen nicht nur krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht.”
Durchgelesen: Clemens Stadlbauer – “Quotenkiller”
| Autor | Clemens Stadlbauer |
| Titel | Quotenkiller |
| Verlag | Haymon |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Dass man sterben muss, ist betrüblich genug. Aber ausgerechnet bei einem Mariah-Carey-Stück zu sterben, muss die Hölle sein. Das findet auch Tommy. Er nimmt noch einmal alle Kraft zusammen, um den Regler zu schieben, die Rolling Stones ertönen, dann verlassen ihn die Lebensgeister.
Tommy ist Radio-DJ und gerade während seiner Sendung mitten im Sender erschlagen worden. Die Szene steht am Anfang von “Quotenkiller”, dem ersten Roman des Österreichers Clemens Stadlbauer. Der 40-Jährige hat selbst reichlich Radio-Erfahrung. Und dass er weiß, wovon er spricht, merkt man in seinem Buch sehr schnell. Liebhaberei und Geschmack haben im Radio schon längst nichts mehr zu suchen. Stattdessen geht es um Quote, Karrieren und Dienstleistung.
Herrlich deutlich wird das in der Szene, als ein Kollege den blutüberströmten Tommy im Studio findet, aber zunächst noch die Nachrichten spricht (die Uhrzeit erfordert es) und dann, als er endlich den Rettungsdienst rufen will, aus lauter Gewohnheit zunächst die Nummer der Pressestelle wählt, die mitten in der Nacht natürlich nicht mehr besetzt ist.
Stadlbauers Einblicke in den Sender, in den Journalismus und die Journalisten, sind erhellend, manchmal schonungslos, aber auch nie frei von Klischees. Zudem lässt der Autor keine Gelegenheit für ein noch so geschmackloses Wortspiel oder einen hoffnungslos abgestandenen Kalauer aus (eben ganz der Radio-Mann). Da scheint dann mitunter Gerhard Delling Pate gestanden zu haben, was Sätze wie “Seinen Samenstau war Tony nicht losgeworden, jetzt ging ihm dafür auch noch der Verkehrsstau am Außenring fürchterlich auf die Eier” oder “Doch im Gegensatz zu Tom Cruise, der stets zielsicher wie die gleichnamige Missile am Ort des Geschehens einzutreffen pflegte, irrte er herum wie ein Abfangjäger des österreichischen Bundesheeres auf der Suche nach dem Feind.” zur Folge hat.
Auch die (zugegebenermaßen treffend geschilderte) Wiener Schickeria, in der sich die durchweg reichen und schönen Protagonsiten des Buches herumtreiben, droht nach einem Drittel des Buches langweilig zu werden.
Doch gerade da gibt Stadlbauer seiner Handlung eine interessante Wendung und verlegt den Kriminalroman in ein sizilianisches Fischerdorf.
Der Autor überzeugt nun (meist) mit cleveren Zitaten, originellen Ideen und einer irrwitzigen Pointe und entwickelt so eine (manchmal zu) spektakuläre, in ihren besten Momenten sogar atemlose Geschichte. Um davon allerdings gefesselt zu sein, muss man eher Musik- denn Krimifan sein. Denn auf Plausibilität legt Stadlbauer keinen Wert. Aber wie heißt es so schön: You can’t always get what you want.
Beste Stelle: “Tommy switchte sich durch die fünfzig Knöpfe der Telefonanlage und lauschte den verschiedenen Gesprächen, die da die Leitungen zum Glühen brachten. Meist waren bescheuerte Hörer dran, die irgendeinen Musikwunsch äußerten, wobei sie größtenteils nach Titeln fragten, die auf der Hitstation ohnehin auf und ab gespielt wurden, was für ihn ungefähr so sinnvoll war, wie wenn sich ein Lawinenverschütteter Schneefall wünschte. Aber gut, Tommy hatte es aufgegeben, sich über die Intelligenz der Hörer den Kopf zu zerbrechen.”
Hingehört: Black Eyed Peas – “Elephunk”
| Künstler | Black Eyed Peas |
| Album | Elephunk |
| Label | Interscope |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Natürlich Philadelphia. Schon die Roots, Ursula Rucker, Jill Scott oder India.Arie kamen dorther und machten angenehm von sich reden. Dann war “der neue Philly-Sound” sogar dem Rolling Stone eine Story wert. Die Ostküsten-Metropole “setzt auf musikalische Virtuosität und politisiert in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung”, stand dort zu lesen. Die Musiker seien “Menschen mit schwarzem Geschichts- und Selbstbewusstsein”. Und nun kommen die Black Eyed Peas und setzen dem Ganzen die Krone auf.
Sie weisen auf Elephunk ebenfalls die aktuellen Tugenden ihrer Heimatstadt nach: echte Instrumente, echte Anliegen, echte Gemeinschaft. Dass sie ob dieses Albums als die neuen Fugees gefeiert werden, ist nichtmal übertrieben.
Hands Up macht den Auftakt und zeigt gleich: Hier sind Leute am Werk, die nicht nur die richtigen Samples auswählen können (mexikanische Trompeten und bluesige Gitarren), sondern diese auch zu einem stimmigen Sound zusammenfügen können. Man kann dazu auch sagen: komponieren. Labor Day (It’s A Holiday) bringt noch etwas mehr Schwung in den Laden, samplet James Brown und verweist clever auf Madonna.
Ab Let’s Get Retarded gibt es dann kein Halten mehr. Der Basslauf macht schwindlig, der Beat bringt Lahme zum Gehen, dazu der beste Hip-Hop-Refrain seit O.P.P. Mit Dancehall hält Hey Mama die Party am Laufen, Shut Up setzt auf leichten Disco-Flavour samt Surf-Gitarre. Auch Smells Like Funk lebt von der (hier etwas subtileren) Spannung zwischen den männlichen und weiblichen Stimmen. Latin Girls wirft derlei Zurückhaltung über Bord und wird so zur höchst verführerischen Liebeserklärung. Quasi das echte Dirty Dancing. Ähnlich sinnlich (und mit enorm entspanntem Salt’n'Pepa-Zitat) gelingt auch Sexy, trotz Zeilen wie: “I put l.o.v. in you / I like putting me in you.”
In Fly Away und Third Eye hat Sängerin Fergie ihren großen Auftritt. Nicht nur wegen der lateinamerikanischen Elemente und ihrer Phrasierung erinnert sie dabei an Nelly Furtado. Dazu gibt es das etwas müde (und sehr europäische) The Boogie That Be und das komplett fantastische (und sehr afrikanische) The Api Song. Zusammen mit Papa Roach haben sie das unvermeidlich kraftmeiernde Anxiety geschrieben.
Und dann ziert Elephunk ja noch eine andere Zusammenarbeit. Mit Justin Timberlake haben die Black Eyed Peas Where Is The Love fabriziert, einen Traum von einem Song. Welchen Beitrag der notorisch vom Glück verfolgte Schelm dabei geliefert hat, erschließt sich nicht, ist aber auch egal. Stakkato-Streicher machen den Auftakt, dann ein Rap, der aggressiv ist, ohne kalt zu sein, schließlich der Refrain, smooth und eine Offenbarung. Dazu ein herrlich schräges Gitarrensolo (!), Celli und Dramatik. Elegant.
Drummer sind durchweg durchgeknallt. Der Beweis anhand von Let’s Get Retarded:
Die Black Eyed Peas bei MySpace.
Hingehört: Belle And Sebastian – “Dear Catastrophe Waitress”
| Künstler | Belle And Sebastian |
| Album | Dear Catastrophe Waitress |
| Label | Rough Trade |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ****1/2 |
Waren Belle And Sebastian bisher eine Daunenfeder, die vom Frühlingswind über eine Wiese gehaucht wurde, so sind sie nun Schmetterlinge. Will sagen: Sie sind unschuldig und bezaubernd und verspielt wie eh und je, bestimmen jetzt aber selbst die Richtung. Sie sind etwas greifbarer geworden, etwas kraftvoller. Natürlich nur schmetterlingskraftvoll.
Dear Catastrophe Waitress, ist deshalb vielleicht die geeignetste Platte für Belle-And-Sebastian-Einsteiger. Das hat auch mit dem neuen Produzent Trevor Horn zu tun. Er verbirgt das Kauzige etwas – und stellt dafür den großen Pop in den Vordergrund.
Das Schlagzeug, bisher eher ein Randelement im beträchtlichen Instrumentarium der Schotten, scheint schon im Opener Step Into My Office, Baby endgültig aus der zweiten Reihe hervorpreschen zu wollen. Mit kräftigen Toms beginnt das Stück und verblüfft danach mit einer Klangvielfalt und einem Ideenreichtum, wie man es vielleicht seit Sgt. Pepper nicht mehr gehört hat. Allerlei Blech- und Holzbläser erklingen da, Streicher, ein Klavier und wunderhübscher A-Capella-Gesang. Von Überfrachtung kann dabei keine Rede sein: Alles ordnet sich fein dem Song unter und stützt ihn, statt ihn zu verbergen. Dass die Texte famos sind wie eh und je, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
Fast fassungslos macht dann das Titelstück. Eigentlich eine fast typische kleine Hymne. Doch was spielt sich da im Hintergrund ab? Pauken, Streicher, eine ganze Revue. Ein Wirbel voller Schönklang, der an Musicals oder (Achtung!) Operetten denken lässt und die Frage aufwirft, warum sich eigentlich sonst niemand mehr so viel Mühe bei seinen Liedern gibt.
If She Wants Me ist dann eine Alltagstragödie, wie wir sie von Belle And Sebastian kennen und schätzen, natürlich auch mit einem Spruch fürs Poesiealbum: “You are too young to put all of your hopes in just one envelope.” I’m A Cuckoo bezaubert mit seiner Gitarrenmelodie und kommt so nahe an Mainstream-Pop heran, wie es Belle And Sebastian vielleicht noch nie waren. Eine herrlich wehmütige Orgel und ein selbstverständlich altmodisches Flöten-und-Saxofon-Break zieren das famose Wrapped Up In Books.
Dann wird es vollkommen größenwahnsinnig und betörend. Zunächst Lord Anthony, das Highlight der Platte. Hier noch von einem “Lied” zu sprechen, wäre eine Frechheit. Es ist ein Werk, ein Diamant, ein Himmel! Von einem kleinen Jungen singt Stuart Murdoch da, von einem Außenseiter. Er weiß, wovon er spricht, daran gibt es keinen Zweifel – bei dieser Stimme, die so zerbrechlich ist und so voller Stolz wie die Geste am Ende des Stücks: “They call you Lord Anthony, but hey – it suits you anyway / you’ll soon be old enough to leave them / and without a notion of a care / you’ll lift two fingers in the air / to linger there.”
Dann If You Find Yourself Caught In Love, ein Gospel und eine Hymne. Schließlich Roy Walker mit reichlich wahnsinnigen Klängen (vom Glockenspiel bis zum Tischtennisball) und einem Refrain, der so platt ist und doch so unwiderstehlich, dass man an die Carpenters denken muss. Diese Musik ist so schön, wie Musik sein kann, und wie sie Heinrich Heine in einem Paganini-Konzert erlebt hat. Er soll hier das Schlusswort haben, weil es so gut passt – und wegen der Schmetterlinge:
“Die Töne treiben ein heiteres Spiel, wie Schmetterlinge, wenn einer dem anderen ausweicht, sich hinter einer Blume verbirgt, endlich erhascht wird und dann mit dem anderen, leichtsinnig beglückt, im goldenen Sonnenlichte hinaufflattert.”
Das Video zum grandiosen Lord Anthony:
Belle And Sebastian bei MySpace.
Ein rabenschwarzer Abend
Auch in den neuen schwarzen Trikots hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihre schwarze Serie gegen große Gegner nicht beendet. Mit einem 0:3 (0:1) gegen Europameister Frankreich beschloss die DFB-Elf das Länderspiel-Jahr und verlebte dabei in der zweiten Hälfte einen rabenschwarzen Abend.
Zugegeben: Es hätte anders kommen können. Denn die deutsche Mannschaft spielte in der ersten Halbzeit engagiert und mutig und hatte durchaus ihre Chancen. Doch Kuranyi traf nur die Latte, als er sich nach Zuspiel von Ballack gekonnt durchsetzte und dann knallhart abzog (11.). Schneider schoss nach einer schönen Kombination über die rechte Seite knapp vorbei (14.).
Den satten 18-Meter Schuss von Jeremies nach Schneider-Pass (22.), einen Kopfball von Ballack nach einer Ecke (23.) und Bobics Schuss aus spitzem Winkel nach Fehler von Lizarazu parierte Frankreichs Keeper Coupet (34.). Möglicherweise wäre das Spiel auch anders gelaufen, hätte der bereits verwarnte Sagnol nach seinem Foul an Hinkel Mitte der ersten Halbzeit Gelb-Rot gesehen.
Doch Spekulieren hilft nichts. “Am Ende zählt das Ergebnis. Und das spricht eine klare Sprache”, erkannte auch DFB-Teamchef Rudi Völler nach dem Spiel. “Gegen solche Gegner musst du die wenigen Chancen, die du bekommst, einfach nutzen. Und eine Mannschaft wie Frankreich bestraft knallhart jeden Fehler, den du machst.”
In der Tat: Während Deutschland für wenig Ertrag erneut hohen Aufwand betrieb, kamen die Franzosen über ganz wenige Stationen immer wieder brandgefährlich vor Kahns Tor. Noch etwas hatte der Europameister den Deutschen voraus: Frankreich agierte taktisch viel flexibler. Beim 1:0 kamen diese beiden Tugenden zusammen: Rechtsaußen Pires tauchte plötzlich auf links auf, spielte Lizarazu frei, dessen Flanke nickte Henry am langen Pfosten ein (21.). Schon kurz nach dem Wechsel fiel das 2:0. Henry vernaschte Wörns, war damit frei durch und brauchte nur noch auf Trezeguet quer zu legen, der keine Mühe mehr hatte.
Mit diesem Gegentreffer brach die deutsche Mannschaft völlig ein. Nicht nur die Ordnung ging nun verloren. Bei einigen fehlte auch der Wille, dieses Spiel noch umzudrehen – und bei allen der Glaube, dass dies noch möglich ist. Die Equipe Tricolore glänzte nicht einmal, sondern ergötzte sich einfach an der eigenen Ballsicherheit, wartete auf die Fehler des Gegners und schlug dann unbarmherzig zu. Während die DFB-Elf in dieser Phase nur noch Statist war, zeigte Frankreichs Offensivquartett mit Zidane, Pires, Henry und Trezeguet, was es alles drauf hat. So beim wunderschönen 3:0, als Trezeguet eine klasse Kombination über Henry und Zidane abschloss.
“Auf Wiedersehen” skandierten danach die französischen Fans – und die deutschen Zuschauer ließen sich das nicht zweimal sagen. Scharenweise verließen sie die Schalker Arena. Wer blieb, feuerte die Gäste an und musste sehen, wie die deutsche Nationalmannschaft vorgeführt wurde wie schon lange nicht mehr.
“Das Problem ist, dass von diesem Spiel nur die letzten 20 Minuten in Erinnerung bleiben. Und da war Frankreich eine Klasse besser. Zu Beginn sah das anders aus. Gerade deshalb ist es ja so schade”, so das Fazit von Rudi Völler.
Deutschland: Kahn – Friedrich – Nowotny (76. Rehmer), Wörns, Hinkel – Baumann (71. Ernst), Jeremies – Schneider (67. Freier), Ballack – Bobic (67. Klose), Kuranyi.
Frankreich: Coupet – Sagnol (61. Gallas), Thuram, Silvestre, Lizarazu – Dacourt, Makelele – Pires (73. Wiltord), Zidane – Trezeguet (83. Govou), Henry.
Schiedsrichter: Stefano Farina (Italien). Tore: 0:1 Henry (21.), 0:2 Trezeguet (55.), 0:3 Trezeguet (81.). Zuschauer: 53574. Beste Spieler: Hinkel, Ballack – Henry, Zidane, Pires. Gelbe Karten: Baumann – Sagnol, Dacourt, Pires.
Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik:
Oliver Kahn: Ohne Schuld an den Gegentoren und ohne Chance, seine Klasse zu zeigen.
Arne Friedrich: Hatte auf der rechten Abwehrseite jede Menge Mühe, aber auch weniger Unterstützung als Hinkel auf links. Muss das 0:1 dennoch mit auf seine Kappe nehmen. Gute Ansätze in der Offensive stellte er nach der Pause ein.
Jens Nowotny: Hatte sich sein Comeback sicher anders vorgestellt und ist längst noch nicht wieder der souveräne Chef der Abwehr. Machte aber über weite Strecken eine ordentliche Partie.
Christian Wörns: Einen Stürmer wie Henry kann man nicht komplett ausschalten. Doch Wörns bekam seinen Gegenspieler nie in den Griff. Henry machte ein Tor und bereitete zwei Treffer vor. Beim 0:2 sah der Dortmunder aus wie ein Anfänger.
Andreas Hinkel: Der Stuttgarter war der Lichtblick in der deutschen Elf, obwohl er auf der für ihn ungewohnten linken Außenbahn ranmusste. In der Defensive sicher und mit mutigen Einzelaktionen nach vorne, bei denen er aber auch einige Bälle verlor.
Frank Baumann: Hatte alle Mühe, die Löcher im deutschen Mittelfeld zu stopfen. Ungewohnt schwach in den Zweikämpfen und blass.
Jens Jeremies: Auch er hatte die Aufgabe, die Offensivaktionen der Franzosen frühzeitig zu unterbinden und erfüllte diese Aufgabe nicht. Gewährte dem ganz starken Pires viel zu große Räume. Allerdings einer der wenigen, die bis zum Schluss Zeichen setzen wollten.
Bernd Schneider: Als Spielmacher war von ihm gar nichts zu sehen. Spielte nur Sicherheitspässe. Keine Flanke, kein Dribbling und völlig zu Recht ausgewechselt.
Michael Ballack: Im ungleichen Duell mit dem überragenden Zidane hielt er zumindest in der ersten Halbzeit mit, als er Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels war und bei Standards auch torgefährlich wurde. Ging im zweiten Durchgang aber wie das gesamte Team völlig unter.
Fredi Bobic: Von Anfang an ohne Bindung zum deutschen Spiel und nahe an einem Totalausfall. Hätte eher ausgewechselt werden müssen.
Kevin Kuranyi: War der gefährlichste deutsche Stürmer und hatte bei seinem Lattentreffer Pech. Wurde nach der Pause aber lustloser und selbstmitleidig.
Paul Freier: Ohne Akzente nach seiner Einwechslung.
Miroslav Klose: Sah in 25 Minuten gegen Thuram keinen Stich.
Fabian Ernst: Dem Bremer war anzumerken, dass er das Verlieren nicht mehr gewöhnt ist. Er versuchte in den letzten 20 Minuten als einer der wenigen noch, dem Spiel eine Wende zu geben.
Marko Rehmer: Der Hertha-Verteidiger fiel zum Schluss immerhin nicht mehr negativ auf.
Hingehört: Atomic Kitten – “Whole Again”
| Künstler | Atomic Kitten |
| Single | Whole Again |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | **** |
Das konnte kein Anfänger sein. Dieser famose Beat, diese klasse Orgel, dieser göttliche Refrain. Hinter diesem Song musste ein Profi stecken. Jemand, der schon lange weiß, wie es geht. Und in der Tat: Andrew McCluskey, einst Kopf von OMD, hat Whole Again geschrieben. Der Mann, der uns Maid Of Orleans und manch anderen Radiohit beschert hat, haut wieder einmal einen Ohrwurm raus. Whole Again ist der perfekte Popsong.
Der Clou dabei ist allerdings, wie diese Hüpfer das singen: bloß angedeutet verrucht und unfassbar tief die Strophe, himmlisch den Refrain, bereuend und unschuldig das Break. Am Schluss wird fast geschrien. Natürlich ist das eine Schnulze, aber es ist auch Inbrunst und – jawohl – Soul.
Die ausgelassene B-Seite Holiday mit Pauken und reichlich Herumalbern fällt erstaunlicherweise nur wenig ab. Wenn man so etwas sagen darf: Klingt wie frühe Spice Girls.
Eine mehr oder weniger gelungene Cover-Version von Whole Again (in jedem Fall ist sie schnell vorbei):








