Hingehört: Nelly Furtado – “Whoa, Nelly”

Februar 19, 2003 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Nelly Furtado zeigt auf "Whoa Nelly" ganz viel Enthusiasmus, aber zu wenig Fokus.

Künstler Nelly Furtado
Album Whoa Nelly
Label Dreamworks
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung **1/2

Whoa Nelly. Der Titel klingt etwas albern, ist aber gar nicht so verkehrt gewählt. Denn wenn man Nelly Furtado live erlebt, ist man überrumpelt – und will das junge Ding erst einmal bremsen. Sie stürzt sich mit Haut und Haaren in ihre Musik, und an der Energie, die sie dabei vermittelt, merkt man, wie viel ihr diese Musik bedeutet. “Ich mag den Klang meiner Stimme am liebsten in einem Stadion. Ich will so viele Leute wie möglich erreichen, nicht nur eine Handvoll”, sagt sie. Mangelnden Ehrgeiz kann man ihr wirklich nicht vorwerfen. Fehlenden Enthusiasmus auch nicht.

Vielleicht ist gerade das aber auch das Problem von Nelly Furtado. Sie will ganz nach oben – aber sie weiß noch nicht so recht, wie sie dorthin kommen soll. Produzent oder Plattenfirma wären die üblichen Verdächtigen, die ihr dann ein paar wenig hilfreiche Empfehlungen gegeben haben (Widerstand von Nelly war wohl kaum zu erwarten, denn sie selbst sagt von sich: “Ich bin zu aufrichtig, um Popstar zu sein. Ich bin Kanadierin.“).

Die Herren haben ihr wohl eingeredet, dass HipHop das ganz große Ding und außerdem auch genau das Richtige für sie sei. Deshalb hat sie spinnerte Tex-Mex-Raps wie Baby Girl aufgenommen. Außerdem haben sich auch ein paar TripHop-Elemente eingeschlichen, denn vor ihrer Solokarriere sang Nelly in einer solchen Band. Dehalb hat sie My Love Grows Deeper, Part 1 aufgenommen, das allerdings nicht einmal Atmosphäre erzeugen kann.

Schließlich wollte sie wohl auch ihre Wurzeln nicht verleugnen (Nellys portugiesische Eltern stammen von den Azoren). Deshalb sind am Schluss im ausufernden Scared Of You und dem öden Rausschmeißer Onde Estás auch exotische Einflüsse zu hören. Diese Mischung ist spannend, aber längst nicht stimmig.

Am besten ist Nelly Furtado, wenn sie sich an unverfänglichem Pop versucht und ihn mit ihrer Stimme unverwechselbar macht. Beim Opener Hey Man! deutet sie das schon an – insbesondere, wenn ganz am Ende alle Streicher und Scratches plötzlich weg sind, und der Blick auf den Song (bezeichnenderweise sind gerade die besseren Stücke von ihr allein komponiert) nicht mehr verstellt ist. Auch im entspannt mediterranen Legend, dem sexy-country-something Trynna Find A Way und dem spielerisch-gelassenen Well, Well finden sich Spuren davon.

Ganz und gar offenbart Nelly Furtado ihre Fähigkeiten aber erst in I’m Like A Bird. Schon die Strophe groovt und swingt und federt, der Refrain hebt dann ab, ohne jede Kraftanstrengung – und schwebt. Ein Riesenhit. Auch durch Turn Off The Light zieht sich die Thematik der Unsicherheit (über die Welt, die Beziehung und sich selbst). Der Refrain ist catchy as catchy can, der Gesang (insbesondere im grandiosen Break) noch ein bisschen kratzbürstiger als sonst.

Diese Stücke lassen das Potenzial von Nelly Furtado erkennen und machen es um so ärgerlicher, dass sie sich für konfusen Quatsch wie Party oder I Will Make U Cry hergibt. Das nächste Mal sollte sie sich keine Kostümierungen mehr aufschwätzen lassen. In Shit On The Radio thematisiert sie diesen Konflikt sogar und beschwört auch gleich den richtigen Weg: “Stay true to myself.”

Reduziert ist sie am besten: eine Akustik-Version von Turn Off The Light:

Nelly Furtado bei MySpace.

Durchgelesen: Hermann Hesse – “Unterm Rad”

Februar 13, 2003 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

Ein be- und unterdrückter Held reicht, um "Unterm Rad" zu tragen.

Autor Hermann Hesse
Titel Unterm Rad
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1906
Bewertung ****

Erneut ist der Held des Romans vor allem eines: allein. Er hat nichts als den Druck und die Erwartungen seines Umfelds und er ist auch fast nichts als ein Be- und Unterdrückter. Dennoch erträgt er alles mit einer Lakonie, die an Camus’ “L’Étranger” erinnert.

Im Unterschied dazu ist hier aber alles auch äußerlich ganz unspektakulär, ist der Held nicht einmal auf der Suche nach einem Sinn jenseits des Nichts.

Beste Stelle: “Er wusste nicht, dass im Kleide dieser Erinnerung seine Kindheit und sein Knabentum noch einmal fröhlich und lachend vor ihm aufstand, um Abschied zu nehmen und den Stachel eines gewesenen und nie wiederkehrenden großen Glücks zurückzulassen.”

Durchgelesen: Fjodor M. Dostojewski – “Der Idiot”

Februar 13, 2003 · Posted in Bücher, Bücherregal · 3 Comments 

Ein Dutzend Figuren - und Dostojewski blickt jeder von ihr in ihr Innerstes.

Autor Fjodor M. Dostojewksi
Titel Der Idiot
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1868
Bewertung ****

Am beeindruckensten sind der Fleiß, die Disziplin und die Konzentration, die Dostojewski in dieses Werk gesteckt hat. Das Figurenensemble ist ungeheuer komplex und durchdacht. Drei Dutzend Leute treten auf, und fast jeder einzelne davon ist ganz genau ausgestaltet, unverwechsel- und unverzichtbar.

Noch komplizierter ist das Geflecht von Intrigen, in das sie alle verwickelt sind. “Der Idiot” ist dabei der einzige, der immer ehrlich ist, eben deshalb halten ihn die anderen für einen Idioten. Er wehrt sich vergebens gegen ihre Attacken und scheitert schließlich – an der Welt der wahren Idioten.

Die Kapitel beginnen oft ganz abstrakt, häufig gibt es auch plötzliche Sprünge, in denen der Erzähler auf Distanz geht, um über sich selbst, die Welt oder die Gegebenheiten des Erzählens zu reflektieren, dann schleicht sich fast ebenso überraschend Humor ein und all das gleitet unmerklich wieder in die eigentliche Handlung über, zu den Personen und bis in deren Innerstes.

Beste Stelle: “Wie kommt es, dass man nach dem Erwachen, schon ganz der Wirklichkeit wiedergegeben, fast immer die Empfindung hat, als ließe man mit dem Traum irgendein ungelöstes Rätsel hinter sich? Man lacht über die Unsinnigkeit des Traums und fühlt zugleich, dass in der Verkettung dieser Unsinnigkeiten irgendein Gedanke enthalten ist, und zwar ein wirklicher Gedanke, etwas zu unserem wirklichen Dasein gehörendes, etwas, das in unserem Herzen lebt und immer darin gelebt hat; der Traum hat gleichsam etwas Neues, Prophetisches und Erwartetes verkündet; der Eindruck ist stark, er ist freudig oder qualvoll, aber worin er besteht und was einem gesagt worden ist – das kann man weder verstehen noch sichdarauf besinnen.”

Durchgelesen: Howard Sounes – “Down the highway. The life of Bob Dylan”

Februar 9, 2003 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

Howard Sounes setzt in seiner Dylan-Biographie auf Recherche statt Vergötterung.

Autor Howard Sounes
Titel Down the highway. The life of Bob Dylan
Verlag Black Swan
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

Eine unfassbar faktenreiche und durchaus aktuelle Biographie. Sounes legt seinen Schwerpunkt auf bisher unbekannte Aspekte in Dylans Leben, insbesondere seine finanzielle und familiäre Situation.

Außerdem versucht er sich an psychologischen Studien. Anhand der Quellen und Augenzeugen wird ein höchst widersprüchliches Bild von Bob Dylan gezeichnet, das der Wahrheit über diesen Mann wohl sehr nahe kommt.

Leider bleibt der Autor völlig im Dunkeln. Warum Howard Sounes diese Fleißarbeit betrieben hat, erklärt er uns nicht, seine Beziehung zu Dylan scheint eine fast dienstliche zu sein. Auch sprachlich bleibt er zu nüchtern. So entsteht gelegentlich der Eindruck, Sounes habe viel recherchiert, aber nichts verstanden.

Die beste Stelle ist eine Anekdote aus den “Desire”-Sessions: “‘Okay guys, that’s the end’, said the producer Don de Vito. ‘Bobby’s lost his voice.’ ‘What fucking voice?’ growled Kokomo guitarist Jim Mullen.”

Hingehört: Sugababes – “Angels With Dirty Faces”

Februar 5, 2003 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Auch "Angels With Dirty Faces" ist ein Dokument von Talent und Ehrgeiz der Sugababes.

Künstler Sugababes
Album Angels With Dirty Faces
Label Island
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ****

Es ist manchmal sehr hilfreich, wenn man genaue Vorstellungen von seiner Traumfrau hat. Meine muss sinnlich sein, sportlich und clever. Sie muss Humor haben und Stil. So wie die Sugababes.

Ihr Debüt One Touch war ein Dokument von Talent und Ehrgeiz. Nun sind sie (auf Island statt London und mit Heidi statt Siobhan) noch selbstbewusster und besser. Angels With Dirty Faces hat zwar ein paar Füller, aber keinen Ausfall – und demonstriert diese Klasse von Anfang an.

Freak Like Me ist ein gottloser Bastard aus Gary Numans Are Friends Electric und Adina Howards Freak Like Me und ein absoluter Killer. Die Keyboards schneiden ins Fleisch, die Gitarre schlägt Breschen in die Tanzfläche. Unbedingt laut hören!

Die Beats von Blue sind dann ähnlich aggressiv, doch im Refrain setzen die Mädels ihr versöhnlichstes Sonntagnachmittaglächeln auf. Round Round geht gleich in die Vollen, direkt in die Beine. Wie einst bei Overload gibt es fast nur Schlagzeug, Bass und Gesang, und diese Kombination ist auch diesmal unwiderstehlich.

Stronger ist dann der erwachsenste Track, den die Sugababes bisher aufgenommen haben. Oder wie es der NME treffend sagt: “An effectively widescreen, En-Vogue-style snooping ballad.” Die Streicher haben herrlich viel Raum, die Stimmen klingen, als hätten sie von Geburt an zusammengehört, die Dramaturgie ist perfekt.

Dieses Level kann der Mittelteil des Albums nicht halten. Supernatural und der Titelsong werden erst durch zahllose Wiederholungen wirklich eingängig, Virgin Sexy ist dann sogar etwas verkrampft, penetrant und dümmlich.

Zum Schluss geht es wieder in die erste Liga – und zwar ausgerechnet mit einem Sting-Sample. Shape basiert auf dessen Shape Of My Heart, ist herrlich entspannt, flüssig und catchy. Mutyas Stimme darf ein bisschen in den Vordergrund und verleiht dem Stück damit noch etwas verruchten Sex. Switch ist dann ein wahrer Springinsfeld und ebenfalls wie aus einem Guss. An der Zerstückelung üben sich erst die Beats in More Than A Million Miles. Das Stück entwickelt dadurch eine hinterhältige Anziehungskraft und beachtliche Komplexität.

Dass die Sugababes derlei Finessen aber gar nicht brauchen, beweist der grandiose Rausschmeißer Breathe Easy. Eine Gitarre und ihre drei Stimmen reichen vollkommen aus, um die Welt knapp vier Minuten lang wie einen perfekten Ort erscheinen zu lassen.

Der perfekte Ort ist in diesem Fall ein BBC-Studio: das bezaubernde Breathe Easy live:

Die Sugababes bei MySpace.