Durchgelesen: Hermann Hesse – “Roßhalde”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Roßhalde |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1956 |
| Bewertung | ****1/2 |
Diesmal kein Selbstmord. Der kleine Pierre stirbt auf natürliche Weise. Der 7-Jährige ist der heimliche Herrscher auf dem Gut Roßhalde, weil er die einzige Verbindung zwischen seinen übrigen Bewohnern und vor allem seinen einander entfremdeten Eltern ist.
Pierres zentrale Position wird gerade deshalb so deutlich, weil Hesse als auktorialer Erzähler Einblicke in das Seelenleben aller Beteiligten gibt. Dadurch wird deutlich, wie herrlich unschuldig Pierre ist, wie resigniert und im doppelten Sinne selbstlos sich seine Mutter verhält und wie tot und feige sein Vater durchs Leben geistert. Pierre ist nicht nur alles, was sie zusammenhält, sondern auch alles, was sie am Leben erhält.
Wie er dann qualvoll stirbt und seine Eltern so ohne Halt im Leben zurücklässt, ist herzzerreißend und mehr als eine Träne wert.
Beste Stelle: “Dieselbe Einsamkeit, in welcher er Jahre und Jahre gelebt und gegen die er sich in so langer Gewöhnung hart und beinahe unempfindlich gemacht hatte, überfiel ihn nun wie ein unbekannter, ganz neuer Feind und sank von allen Seiten erstickend über ihm zusammen.”
Hingehört: Glow – “At Your Own Risk”
| Künstler | Glow |
| Album | At Your Own Risk |
| Label | Drakkar Records |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | * |
Im Sommer 1999 hatten Glow ihren ersten (und bisher einzigen) Top-40-Hit Mr. Brown. Seitdem hat sich eine Menge getan. Bill Clinton ist nicht mehr amerikanischer Präsident, Ulm spielt nicht mehr in der Bundesliga – und wenn deutsche Künstler englisch singen, klingt das nicht mehr automatisch peinlich.
Mittlerweile gibt es auch hierzulande ein paar Produzenten, die wissen, wie Pop geht. Die Singles von Sarah Connor zeugen davon, meinetwegen auch die von Sasha und den No Angels. Im HipHop hat jüngst wieder DJ Tomekk bewiesen, dass es geht. Und im Indie-Rock gibt es gar eine ganze Szene, die international konkurrenzfähig ist – auch dank geschickter Leute hinter den Reglern.
Auch Glow sind mit ihrer neuen Scheibe At Your Own Risk in guten Händen. Die Produktion von Chris Wolff ist nicht nur state-of-the-art, sondern dazu auch noch kreativ. Vieles beeindruckt, manches geht ins Ohr oder reißt kurz mit. Doch seine Fähigkeiten retten die Platte nicht. Zu oft können sich die Songs des Trios aus München nicht entscheiden, ob sie nun ins Radio oder in die Clubs wollen.
Dazu kommt das Problem, dass Glow eben doch teutonisch klingen. Da wird “walking” natürlich auf “talking” gereimt und “fear” of “tear”. Um Worte ins Metrum zu pressen, werden sie notfalls falsch betont. Was diese Worte ausdrücken sollen, bleibt zudem völlig unklar. “Wir hatten nur ein Ziel vor Augen: ein persönlicheres, direkteres Album zu machen”, verkündete Frontmann Danny Humphreys. Da wundert man sich doch sehr. Die Songtitel sind Stereotypen, die Texte nicht einmal austauschbar, denn es wird schwer werden, etwas ähnlich Substanzloses zu finden.
Der Produzent ist ein Könner. Leider ist er bei Glow an eine Band geraten, die nichts zu sagen hat, wenig Talent und null Stil.
Eine Band im Kornfeld und Realsatire vom Feinsten: Der Clip zu She Knows:
Glow sind nicht bei MySpace.
Hingehört: Cracker – “Countrysides”
| Künstler | Cracker |
| Album | Countrysides |
| Label | Cooking Vinyl |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | *** |
“Cracker goes Country”, schreibt die Plattenfirma – und das klingt fast wie eine Warnung. Im ersten Moment ist man sich auch wirklich nicht sicher, ob sie das ernst meinen können. Das volle Programm wird aufgefahren, vom Banjo bis zum Akkordeon. Für einen Augenblick muss man eine Parodie vermuten: Nicht viel anders kamen die Country-Songs von Ween daher, und so ähnlich würde wohl auch eine Countryplatte der Beastie Boys klingen.
Doch schnell wird deutlich, wie sehr die Band um den ehemaligen Camper-van-Beethoven-Kopf David Lowery schon immer den amerikanischen Traditionen verbunden war – und wie kritisch Cracker stets damit umgingen. Auch einige der auf Countrysides versammelten Stücke haben nach dem “Krieg gegen den Terror” und seinen Folgen eine erstaunliche Aktualität.
Eine Sammlung von Coverversionen ist also kein Stilbruch, sondern nur konsequent. Zumal auch bei Soundchecks oder im Zugabenteil ihrer Konzerte gelegentlich Merle-Haggard-Songs oder Dwight-Yoakam-Stücke erklangen. Beide kommen auch hier zu Ehren. Yoakams Buenas Noches From A Lonely Room fehlt in der Cracker-Version die letzte Inbrunst und das Existenzielle. Die Haggard-Stücke gelingen besser: The Bottle Let Me Down scheppert herrlich unbelehrbar, in Reasons To Quit klingt Lowerys Stimme völlig kaputt, und will doch gar kein Mitleid.
Weitere Höhepunkte sind Ike Reileys unzerstörbares Duty Free, ein augenzwinkerndes Family Tradition (im Original von Hank Williams Junior) und vor allem das mitreißende Up Against The Wall Redneck Mothers, geschrieben von Ray Wylie Hubbard. Eine Eigenkomposition gibt es zum Schluss auch noch. Ain’t Gonna Suck Itself ist eine ebenso amüsante wie bitterböse Abrechnung mit Crackers Ex-Plattenfirma Virgin. Die wollte keine Countryplatte veröffentlichen und feuerte die Band lieber.
Auch das neue Label ist offensichtlich etwas vorsichtig, doch Warnungen müssen gar nicht sein. “Cracker goes Country” ist eher die lange erwartete Einlösung eines Versprechens.
Unkaputtbar und herrlich laid back: Eine Live-Performace von Duty Free, von ganz oben:
Hingehört: Adriano Celentano – “Greatest Hits”
| Künstler | Adriano Celentano |
| Album | Greatest Hits |
| Label | Zyx |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | *** |
Der Mann, der seit Der gezähmte Widerspenstige und Bingo Bongo der coolste Mensch der Welt ist, hat also auch noch den Rap erfunden. Im Oktober 1972, also lange vor Grandmaster Flash, Eminem und, ähem, Giovanotti, nahm Adriano Celentano einen Song namens Prisencoli auf, den vermeintlich ersten Sprechgesang der Musikgeschichte. Ob es wirklich ein Rap ist, kann ich nicht nachprüfen, denn das Stück ist leider nicht auf dieser Platte vertreten. Genauso wenig wie Azurro oder einer der zahlreichen italienischen Nummer-eins-Hits des Mannes, der bei einem Jerry-Lewis-Imitatorenwettbewerb entdeckt wurde. Von Greatest Hits kann also keine Rede sein.
Trotzdem ist die Platte enorm unterhaltsam. Adriano Celentano bietet darauf einen Sound, der verdammt italienisch ist und richtiggehend old-timey. Das klingt in den schnulzigen Momenten nach Roy Orbison (La mezza luna, Una notte vicino el mare, Nata per me oder Si è spento il sole). Wenn es beschwingter zugeht, steht Frank Sinatra (ein bekennender Fan Celentanos) Pate, wie in Buona sera, signorina, Cosi no, Un sole caldo caldo caldo oder Forse forse. Swing wird da geboten, Ragtime, Dixieland und jede Menge exotische Rhythmen. Wenn sich Celentano dem Rock annähert, kann das schon mal leicht nach Chuck Berry klingen (Ciao amore, Teddy Girl, Giarettiera Rossa).
Frappierend sind auch Parallelen zu Sam Cooke. Celentano hat zwar (bei aller erstaunlichen Markanz und Variationsbreite seines Gesangs) nicht dessen Stimmgewalt, setzt aber ähnlich oft auf originelle Orchester-Sounds und spielt für sein Leben gern mit dem (Background-)Chor. Man smart und Personalita sind solche Fälle, die Duette Coccolona und Ritorna Lo Shimmy mit Anita Traversi ebenfalls. Ein unbezahlbares Vergnügen sind auch die beiden Coverversionen Hello Mary Lou und Blueberry Hill.
Unterm Strich wird klar, warum man den gelernten Uhrmacher von Mailand bis Palermo so liebt und warum seine Fernseh-Shows Fantastico und Francamente me ne infischio unfassbare Einschaltquoten erzielt haben: Celentano schafft als, ein perfekter Entertainer zu sein, ohne sich dabei zu verbiegen. La Republica hat ihn einmal den “Wortführer der kollektiven Frustration des italienischen Volkes genannt”. Und darüber hinaus ist Adriano Celentano eine Konstante. Und davon hat Italien nicht allzu viele.
Falls er wirklich den Rap erfunden hat, dann hat Adriano Celentano danach nicht mehr viel dazugelernt. Trotzdem sieht er auch 1991 unschlagbar aus:
Adriano Celentano bei MySpace.
Hingehört: Johnny Cash – “Greatest Hits”
| Künstler | Johnny Cash |
| Album | Greatest Hits |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1995 |
| Bewertung | **** |
Als sich Johnny Cash und Bob Dylan 1963 zum ersten Mal trafen, waren sie so aus dem Häuschen, dass sie wie kleine Kinder wild auf dem Bett umhersprangen. Man muss sich das einmal vorstellen: Der finstere Man in Black und His Grumpy Bobness als ausgelassene Trampolinturner! Unglaublich.
Die gegenseitige Bewunderung, die dieser Szene schon lange Zeit vorausgegangen war, ist hingegen leicht nachzuvollziehen. Denn Dylan steht mitten in der Tradition des Mannes, dessen Debüt 1957 die erste Sun-LP überhaupt war. Cash hingegen profitierte davon, dass der Jungspund gerne auf die Wurzeln seines Sounds hinwies und vor allem dafür sorgte, dass bei Musik auch auf die Texte geachtet wurde.
Natürlich ist What Is Truth kein The Times They Are A-Changing, doch der Tenor ist derselbe. Dylan hat sich auch das Rollenspiel Cashs meisterlich angeeignet, und beide schlüpfen besonders gerne in den Charakter des Outlaws. Die größte Parallele ist aber das Storytelling, das beide in ihren Songs zur Perfektion gebracht haben. Fast immer erzählt Johnny Cash eine abgeschlossene Geschichte in seinen Liedern, und Bob Dylan übernahm diese Methode.
So wundert es auch nicht, dass Johnny Cash hier Bob Dylan covert, und zwar Wanted Man und It Ain’t Me Babe. Die Band spielt insbesondere bei Letzterem fast ein wenig zu beschwingt, doch es fasziniert diese “rissige, aber auratische, autoritative Stimme, die noch immer klingt wie Granit und nach wie vor im Stande ist, den Nachgeborenen heilige Furcht einzuflößen” (Rolling Stone).
Der Rest ist zur Hälfte selbst komponiert, zur Hälfte klassisch. Eine Auswahl zu treffen aus einem Werk, das bis heute über 100 Alben, 1500 Songs und 130 Hits in den Billboard-Charts umfasst, ist eine undankbare Aufgabe, wird bei diesen Greatest Hits aber ordentlich gelöst.
Den Auftakt macht I Walk The Line, und die Stimme ist gleich so tief wie die von – sagen wir es ruhig: Gott. Ausnahmsweise darf hier Bono einmal zu Wort kommen: “Johnny Cash singt nicht für die Verdammten, er singt mit den Verdammten.” In der Tat: In diesem Gesang ist kaum Hoffnung, aber jede Menge Stolz. Big River ist dann etwas näher am Rock’n'Roll und dabei ganz und gar Johnny Cash. “Er meißelte einen Sound, der nur noch Haut und Knochen war, ohne eine einzige überflüssige Note”, hat ihm der Rolling Stone attestiert. Das macht seine Songs so hart und unerbittlich, gemeinsam mit seiner “Stimme, die aus der Tiefe des Ozeans heraufzudröhnen scheint und die Geschichte der ganzen Menschheit zu erzählen scheint” (Musikexpress) und den existenziellen Themen, die er in seiner Trilogie selbst benannte: Liebe, Mord und Gott.
“Gottverdammte Schicksalsergebenheit, irritierender Optimismus” zeichnet laut Rolling Stone Johnny Cashs Stücke aus, nicht selten zugleich. Das fast schon eingängige I Got Stripes ist das beste Beispiel dafür, auch Five Feet High And Rising, das schildert, wie die Farm von Cashs Familie 1937 vom Mississippi überschwemmt wurde, kann als Beleg dafür herhalten. Fast immer scheint es, als sei Cashs Stimme der Dramatik seiner Texte gar nicht angemessen, doch gerade daraus beziehen die Songs ihre Spannung und ihren Reiz. Auch Ring Of Fire. Nur in ganz wenigen Songs ist das Begehren so stark und die Liebe so mächtig wie hier. Gerade durch die (nicht nur bildliche) Verbindung mit dem Feuer kann man das durchaus mit “Romeo und Julia” vergleichen, denn es ist nichts anderes als “die Geschichte dieser ersten, überwältigenden Gefühle von Gefahr, Sehnsucht und Liebe” (Rolling Stone).
Auch Jackson (neben dem bezaubernden If I Were A Carpenter das zweite Duett mit seiner Frau June Carter) legt davon Zeugnis ab: “We got married in a fever / hotter than a pepper sprout.” Der nächste Prototyp-Cash-Song folgt schon unmittelbar darauf: Das unerreichte A Boy Named Sue steckt voller Humor und Selbstironie und ist doch todernst. Cash schlüpft (wie auch in Kate) erneut in die Rolle des Getriebenen, der ganz und gar nicht ohne Moral ist, für den es aber Werte gibt, die über dem Gesetz stehen. Er wird vom Opfer zum Täter. Rache ist sein Anliegen, und die daraus folgende Schuld kann nie ganz ausgeblendet werden.
“Ich habe eine sehr ausgeprägte spirituelle Seite, gestehe aber trotzdem jederzeit ein, der größte Sünder von allen zu sein”, sagt Johnny Cash von sich. Der Rolling Stone abstrahiert dieselbe Erkenntnis: “Eine große Barmherzigkeit steckt in diesen doch so knochenharten Songs, die wohl seiner Religiosität geschuldet ist, die aber nicht zuletzt auf Erfahrung beruht.” Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss, hört man ihn zwischen den Zeilen fast sagen – und es gibt kaum jemanden, aus dessen Mund dieser Satz so schlüssig klingt wie bei Johnny Cash. Im monolithischen Man In Black zementiert er sein Credo und sein Image, bis heute.
Am Schluss singt er zwei Stücke von Bruce Springsteen, noch so einem, der viel von ihm gelernt hat. Und dass die Stücke ein Vierteljahrhundert älter sind als seine ersten Aufnahmen, hört man praktisch nicht. Wie sagte doch Rick Rubin, der Johnny Cash wieder cool gemacht hat: “Er ist zeitlos. Seit den Anfängen des Rock’n'Roll ist er immer diese düstere Figur gewesen, die nirgendwo richtig hinpasste. Der typische Außenseiter. Im HipHop wimmelt es von diesen bösen Jungs. John hat das alles vorweggenommen.” Johnny Cash selbst will von solcherart Verehrung nichts wissen: “Ich mag diese Dinge nicht, die sie über mich sagen. Die ‘amerikanische Legende’, der ‘große spirituelle Führer’, all das pathetische Zeug. Ich wollte nie etwas anderes als meine Gitarre spielen und ein einfaches Lied singen.”
Bob Dylan und Johnny Cash gemeinsam im Studio bei den Aufnahmen von One Too Many Mornings:
Durchgelesen: Diane diPrima – “Nächte in New York”
| Autor | Diane DiPrima |
| Titel | Nächte in New York |
| Verlag | Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins |
| Erscheinungsjahr | 1969 |
| Bewertung | **1/2 |
Das Buch wird als Beat-Literatur und “Underground-Klassiker” angepriesen, aber für einen keuschen katholischen Jungen wie mich ist es nichts anderes als Pornographie. Ich wollte mir eigentlich den Spaß machen und die Seiten zählen, auf denen nicht “Schwanz”, “Möse” oder “vögeln” steht. Sehr viele dürften es nicht sein.
Diane DiPrima lässt es jedenfalls nicht an Detailgenauigkeit fehlen, auch nicht an Häufigkeit (ihr Verleger forderte angeblich ständig “Mehr Sex”, und sie gehorchte ihm).
Obwohl zwischen all den Abenteuern eigentlich kaum noch Platz ist, schimmert dabei aber durchaus so etwas wie das Lebensgefühl der Prä-Beat-Ära durch. Um Selbstsuche geht es dabei, um Mündigwerden, verlorene Identität. Um Lesen, Kunst und Hunger. Und um Jazz.
DiPrima schafft es, all dies erahnen zu lassen, und mehr als erahnt hat sie diese Stimmung Anfang der 1950er wohl selbst nicht (ihre Erinnerungen sind schätzenswert, ihre neueren Ansichten jedoch empörend dumm). Die Augen öffnet ihr die Lektüre von “Howl” und passenderweise bildet eine Orgie mit ihr, Allen Ginsberg, Jack Kerouac und irgendwelchen anderen Leuten den Abschluss des Buches.
Beste Stelle: “Wir waren vollständig isoliert und unerreichbar, versuchten nicht einmal, mit dieser kleinen Handvoll Gleichgesinnter Kontakt aufzunehmen. Wir waren hauptsächlich damit beschäftigt, unsere Integrität zu wahren (viel Zeit und Energie ging dabei drauf, die verschiedenen Möglichkeiten des ‘Aussteigens’ zu diskutieren) und cool zu bleiben: eine harte, klare Haltung inmitten von angstverbreitender Indifferenz und Sentimentalität – ‘Medienmatsch’. Wir wollten Trost, Anerkennung und Liebe voneinander, und der Rest der Welt ließ uns kalt.”
Durchgelesen: Elena Stancanelli – “Benzin”
| Autor | Elena Stancanelli |
| Titel | Benzin |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 1998 |
| Bewertung | ***1/2 |
Ich habe dieses Buch im Urlaub gelesen, und da gehört es auch hin. Denn der Roman von Elena Stancanelli, der in ihrem Heimatland Italien sehr erfolgreich war, ist nicht besonders weise oder tiefgründig, sondern vor allem eines: unterhaltsam.
Die Kurzweil rührt aus seltenem Humor und moderater Spannung, vor allem aber aus einem Kunstgriff in der Erzählweise: Immer abwechselnd kommen die drei Protagonistinnen zu Wort, nämlich die Tankwartin Stella, ihre Geliebte Lenni und deren Mutter. Der Clou dabei ist, dass eben jene Mutter bereits auf der ersten Seite von den anderen beiden erschlagen wurde. Ihr Geist schwebt dann über der Szenerie, und die Distanz, mit der er beobachtet und kommentiert, was das lesbische Pärchen so alles mit seinem toten Körper anstellt, ist köstlich.
Wie sehr die beiden Frauen sich lieben und wie extrem irrational sie vorgehen, als sie versuchen, die Spuren ihres Verbrechens zu verwischen, fasziniert ebenfalls.
Beste Stelle: “Ich würde dir am liebsten Lieder über deine Schönheit singen. Stella, für dich würde ich die Eishörnchen mit allen süßen Worten füllen, ich würde daraus den Schaum für die Cappuccinos machen. Und so das Geheimnis meiner Liebe in Sicherheit bringen, in die Tiefe der Bäuche.”
Durchgelesen: Hermann Hesse – “Gertrud”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Gertrud |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1955 |
| Bewertung | ****1/2 |
Wieder die alten Hesse-Themen: der Kampf mit dem Leben, die unglückliche Liebe, die Suche nach Leidensgenossen, der Trost in der Kunst. Wieder ein gewissermaßen stoischer Erzähler, der sich seine eigene Leidenschaft und Sehnsucht kaum eingestehen möchte, wodurch sie um so intensiver wirken (auf ihn und auf den Leser). Wieder eine lange erzählte Zeit, natürlich wieder ein Selbstmord.
Doch anders diesmal: Dem Komponist Kuhn ist die Welt fremd, doch seine Umwelt sieht ihn nicht als Fremden, sondern als ‘Normalen’ und Vertrauten. Auch er selbst sieht sich so und findet im letzten Kapitel so unsagbar tröstliche Worte für sein Leben, dass sein Charakter beim besten Willen kein tragischer ist.
Beste Stelle: “Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.”
Hingehört: Wir sind Helden – “Die Reklamation”
| Künstler | Wir sind Helden |
| Album | Die Reklamation |
| Label | EMI |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | **** |
Das ist fast ein Wunder. Da kommt eine Band daher, natürlich aus Berlin, hat eine schicke Sängerin und einen schrägen Namen, bei dem man nicht weiß, ob er nun Größenwahn bedeutet oder doch eine Bowie-Reminiszenz (beides wäre natürlich sehr begrüßenswert). Die Band spielt ein paar Auftritte, erregt Aufmerksamkeit. Sie schreibt einen gutes Lied, der Song wird ein Hit. Die Musiker bekommen einen Plattenvertrag und werden Stars. Einfach so. Ohne Marketingbudget, ohne Viva. Nur mit Musik und Enthusiasmus. Sowas geht sonst nur in England.
Wir sind Helden schafften es auch hier. Da war Glück dabei. Aber eben auch Enthusiasmus. Und: Musik. Gute Musik. Judith Holofernes nennt sich die Sängerin und kommt tatsächlich so angriffslustig und verletzlich daher wie der assyrische Feldherr Holofernes, der von Judith, jaja, ermordet wurde.
Das muss man allerdings nicht wissen, um die Helden zu verstehen. Denn alles hier ist eindeutig, unmissverständlich und direkt. Auch, weil die Texte nicht erst den Umweg über eine fremde Sprache nehmen müssen. Wir sind Helden singen Deutsch, und sie schaffen es sogar, daraus einen Vorteil zu machen. In der Tat sind die Texte von Judith Holofernes nicht nur das Beste an dieser Platte, sondern sogar das Beste, was man seit langer Zeit auf deutschsprachigen Popplatten gehört hat. Nur, damit wir uns richtig verstehen: dreimal besser als Grönemeyer.
Das Erstaunliche ist, dass Wir sind Helden immer stilvoll bleiben, obwohl sie vor Engagement nur so strotzen. Wie sehr sie den Stillstand hassen, eingefahrene Bahnen und das unkritische Alleshinnehmen macht schon der Opener Ist das so deutlich, mit aggressiven Drums und Surf-Gitarre. “Wer hat das abgestimmt, wer hat das vorgeschlagen? Ich glaub es stimmt bestimmt, doch ich wollte noch mal fragen: Ist das so, muss das so sein?”
In dieselbe Richtung zielt Rüssel an Schwanz, das überhaupt nichts mit Geschlechtsteilen zu tun hat, sondern mit Elefanten, die aber in Wirklichkeit Lemminge sind – und auch Menschen. Die Musik dreht dazu völlig durch, könnte Blur sein, kurz vor The Great Escape.
Dann kommt Guten Tag, der Wirbelwind, die Peitsche, der Hit. Dann kommt die Hymne Denkmal, eine Art Sportfreunde Stiller mit mehr Hirn und dem Slogan “Hol den Vorschlaghammer”. Dann kommt Du erkennst mich nicht wieder und damit die Gänsehaut und das schönste deutsche Liebeslied seit Seligs Ohne dich. “Ich erkenn hier nichts wieder / alles müde und alt / und ich male uns beide / als Umriss aus Kreide / auf den Asphalt.” Lyrik ist das, nichts weniger. Am Schluss entläd sich alles, so schön wie bei Coldplay. Dann kommt Die Zeit heilt alle Wunder, ein so grandioser Song über den Verlust der Kindheit, dass man heulen muss.
Heldenzeit ist NDW at its best, das unfassbar eingängige Müssen nur wollen hingegen ganz im Hier und Jetzt verankert und so verspielt wie man das bisher nur aus dem HipHop kannte. Auch Außer dir steckt voller Fantasie, leider steckt irgendwo im Refrain aber der Wurm. Der Rausschmeißer Die Nacht ist herrlich verloren und betörend. “Siehst du, der Mond hat sich ein Fernglas gebaut / Mit dem er nachts in unser Schlafzimmer schaut / Wer hätte das gedacht / dass der Mond so etwas macht?” Schon wieder so ein Text, den man kaum glauben kann.
Natürlich sind gelegentlich auch Zeilen dabei, die aus dem Mund von sagen wir mal Kim Frank schrecklich blasiert klingen würden (das noisige Monster) oder in einem Song von meinetwegen Michelle nichts anderes als Schlager wären (der bezaubernde Riesenhit Aurelie). Aber erstaunlicherweise merkt man das nicht. It’s the singer, not the song.
Wir sind Helden sind wahre Meister des Wie (und Wie ist im Pop entscheidend). Wie sie diese rührenden, verspielten und intelligenten Texte verpacken, ist famos. Dass sie es sogar schaffen, etwas so Abgeschmacktes wie Gesellschafts- und gar Konsumkritik plötzlich logisch und wichtig und aktuell klingen zu lassen, ist fast ein Wunder, schon wieder. Sie sind Helden.
Ein ziemlich gelungenes Fanvideo zu Guten Tag:
Hingehört: The White Stripes – “Elephant”
| Künstler | The White Stripes |
| Album | Elephant |
| Label | XL Recordings |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ****1/2 |
Was hatten sie nicht alle gewartet, geschrien, gelobt. “Everybody seems to like them, from teenage moshers to grumpy fortysomethings given to dismissing modern music with a jaded frown. No band since Oasis has achieved such blanket approval”, hatte der Guardian festgestellt. “The undisputed king and queen of the new garage movement” hatte der Rolling Stone ausgemacht. Der NME reihte Elephant unter den 100 besten Alben aller Zeiten ein (vier Wochen, bevor die Scheibe überhaupt veröffentlicht war) und schrieb dann auch gleich mal von “some of the most obliteratingly brilliant rock’n'roll of our time”. Die Platten der White Stripes seien “aggressive and tortured as an early morning journey to work” und ihr Sound am besten mit “Muddy Waters meets Led Zeppelin” zusammengefasst, posaunte sogar die sonst eher schüchterne BBC.
So etwas macht ja skeptisch. Noch dazu diese perfekte Ästhetik, die Inzest-Gerüchte, gar die Rückkehr des Blues! Ein bisschen too good to be true, das alles. Dann legt man Elephant auf – und es bleibt einem die Luft weg: Oh mein Gott, es ist alles wahr!
Am Anfang steht ein Riff, so unmittelbar wie Rock sein muss, und so roh wie die ganze Platte. Jack White spielt Gitarre (sie klingt wie ein Bass), dann kommen Megs Drums und der Gesang dazu. Dann Stopp, dann von vorne. Seven Nation Army ist ganz einfach konstruiert, fast mathematisch genau aufgebaut wie vieles auf Elephant, und dabei doch von einer unbeschreiblichen Wucht. Seit You Really Got Me meint man nicht mehr solch ein Riff gehört zu haben. Das stimmt vielleicht nicht, aber man glaubt es. Diese Musik klingt kräftig und frisch und aufregend, und das ist schließlich alles, worum es geht.
Die Bezugsgrößen bleiben so alt und gut wie das Equipment (das modernste Teil im Studio war Baujahr 1963): Black Math kommt daher wie ein Tornado und saugt Marc Bolan gleich mit ein. Led Zeppelin lassen (nicht nur) in There’s No Home For You Here grüßen. Bei In The Cold, Cold Night schlüft Meg ins Brenda-Lee-Kostüm, ganz minimalistisch zu fast nur Gitarre.
Auch Jack White tritt später einmal balladierend auf, und You’ve Got Her In Your Pocket ist ebenfalls perfekt platziert, um die Spannung immer noch ein wenig zu steigern – dazu ist der Song ohnehin ganz und gar bezaubernd, ohne sich im Geringsten für Donovan- oder gar Cat-Stevens-Parallelen schämen zu wollen. Ball And Biscuit ist blues as blues can, nimmt herrlich viel Anlauf, verliert am Ende aber leider den Faden und wird auch durch die (zugegebenermaßen beeindruckende) Gitarrenarbeit nicht mehr gerettet. Es bleibt der einzige Song auf Elephant, der nicht perfekt ist.
I Want To Be The Boy To Warm Your Mother’s Heart und The Air Near My Fingers profitieren enorm von Megs unfassbarem Schlagzeug. Sie mag den Takt nicht halten, aber sie hat Swing und Punch und ein untrügliches Gespür für den Song. Tatsächlich spielt sie ihre Drums wie eine Gitarre – genau wie Jack seine sechs Saiten nicht selten wie ein Schlagzeug behandelt.
I Just Don’t Know What To Do With Myself ist nicht nur ein Spruch, den man unbedingt auf T-Shirts drucken sollte, sondern auch eine klasse Coverversion des Dusty-Springfield-Stücks, die Theatralik und Authenzität vereint. The Hardest Button To Button ist fast schon brutal schlicht und enorm wirkungsvoll, Hypnotize noch straighter und besser. Girl, You Have No Faith In Medicine hat dann schon wieder so ein Klassiker-Riff, dazu läuft ein Tambourine Amok und Jack White gibt alles (was eine Menge ist).
Man kann die White Stripes wirklich nicht dafür hassen, dass sie so gut sind, und dass die Leute das auch noch gemerkt haben. Der NME konstatiert genau so überrascht wie richtig: “If the White Stripes hadn’t become superstars, Elephant would probably sound pretty much like this.” Believe the Hype!
Schlicht göttlich: Kate Moss räkelt sich durch das Video zu I Just Don’t Know What To Do With Myself:










