Hingehört: Wir sind Helden – “Die Reklamation”

August 7, 2003 · Posted in CD-Regal, Musik 

Wir sind Helden vollbringen auf "Die Reklamation" jede Menge Wunder.

Künstler Wir sind Helden
Album Die Reklamation
Label EMI
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****

Das ist fast ein Wunder. Da kommt eine Band daher, natürlich aus Berlin, hat eine schicke Sängerin und einen schrägen Namen, bei dem man nicht weiß, ob er nun Größenwahn bedeutet oder doch eine Bowie-Reminiszenz (beides wäre natürlich sehr begrüßenswert). Die Band spielt ein paar Auftritte, erregt Aufmerksamkeit. Sie schreibt einen gutes Lied, der Song wird ein Hit. Die Musiker bekommen einen Plattenvertrag und werden Stars. Einfach so. Ohne Marketingbudget, ohne Viva. Nur mit Musik und Enthusiasmus. Sowas geht sonst nur in England.

Wir sind Helden schafften es auch hier. Da war Glück dabei. Aber eben auch Enthusiasmus. Und: Musik. Gute Musik. Judith Holofernes nennt sich die Sängerin und kommt tatsächlich so angriffslustig und verletzlich daher wie der assyrische Feldherr Holofernes, der von Judith, jaja, ermordet wurde.

Das muss man allerdings nicht wissen, um die Helden zu verstehen. Denn alles hier ist eindeutig, unmissverständlich und direkt. Auch, weil die Texte nicht erst den Umweg über eine fremde Sprache nehmen müssen. Wir sind Helden singen Deutsch, und sie schaffen es sogar, daraus einen Vorteil zu machen. In der Tat sind die Texte von Judith Holofernes nicht nur das Beste an dieser Platte, sondern sogar das Beste, was man seit langer Zeit auf deutschsprachigen Popplatten gehört hat. Nur, damit wir uns richtig verstehen: dreimal besser als Grönemeyer.

Das Erstaunliche ist, dass Wir sind Helden immer stilvoll bleiben, obwohl sie vor Engagement nur so strotzen. Wie sehr sie den Stillstand hassen, eingefahrene Bahnen und das unkritische Alleshinnehmen macht schon der Opener Ist das so deutlich, mit aggressiven Drums und Surf-Gitarre. “Wer hat das abgestimmt, wer hat das vorgeschlagen? Ich glaub es stimmt bestimmt, doch ich wollte noch mal fragen: Ist das so, muss das so sein?”

In dieselbe Richtung zielt Rüssel an Schwanz, das überhaupt nichts mit Geschlechtsteilen zu tun hat, sondern mit Elefanten, die aber in Wirklichkeit Lemminge sind – und auch Menschen. Die Musik dreht dazu völlig durch, könnte Blur sein, kurz vor The Great Escape.

Dann kommt Guten Tag, der Wirbelwind, die Peitsche, der Hit. Dann kommt die Hymne Denkmal, eine Art Sportfreunde Stiller mit mehr Hirn und dem Slogan “Hol den Vorschlaghammer”. Dann kommt Du erkennst mich nicht wieder und damit die Gänsehaut und das schönste deutsche Liebeslied seit Seligs Ohne dich. “Ich erkenn hier nichts wieder / alles müde und alt / und ich male uns beide / als Umriss aus Kreide / auf den Asphalt.” Lyrik ist das, nichts weniger. Am Schluss entläd sich alles, so schön wie bei Coldplay. Dann kommt Die Zeit heilt alle Wunder, ein so grandioser Song über den Verlust der Kindheit, dass man heulen muss.

Heldenzeit ist NDW at its best, das unfassbar eingängige Müssen nur wollen hingegen ganz im Hier und Jetzt verankert und so verspielt wie man das bisher nur aus dem HipHop kannte. Auch Außer dir steckt voller Fantasie, leider steckt irgendwo im Refrain aber der Wurm. Der Rausschmeißer Die Nacht ist herrlich verloren und betörend. “Siehst du, der Mond hat sich ein Fernglas gebaut / Mit dem er nachts in unser Schlafzimmer schaut / Wer hätte das gedacht / dass der Mond so etwas macht?” Schon wieder so ein Text, den man kaum glauben kann.

Natürlich sind gelegentlich auch Zeilen dabei, die aus dem Mund von sagen wir mal Kim Frank schrecklich blasiert klingen würden (das noisige Monster) oder in einem Song von meinetwegen Michelle nichts anderes als Schlager wären (der bezaubernde Riesenhit Aurelie). Aber erstaunlicherweise merkt man das nicht. It’s the singer, not the song.

Wir sind Helden sind wahre Meister des Wie (und Wie ist im Pop entscheidend). Wie sie diese rührenden, verspielten und intelligenten Texte verpacken, ist famos. Dass sie es sogar schaffen, etwas so Abgeschmacktes wie Gesellschafts- und gar Konsumkritik plötzlich logisch und wichtig und aktuell klingen zu lassen, ist fast ein Wunder, schon wieder. Sie sind Helden.

Ein ziemlich gelungenes Fanvideo zu Guten Tag:

Wir sind Helden bei MySpace.

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Comments

5 Responses to “Hingehört: Wir sind Helden – “Die Reklamation””

  1. Interview mit Wir sind Helden : shitesite on August 21st, 2010 10:32

    [...] da ein bisschen vor wie ein Blender. Stop gedrückt hätte ich vielleicht deshalb wahrscheinlich nach der zweiten Tour zur Reklamation. Da haben wir in Hallen vor 2000 bis 3000 Leuten gespielt. Das ist die Ebene, die mir am besten [...]

  2. [...] Wir sind Helden waren da mutiger, wären damit aber fast auf die Nase gefallen. Mit Denkmal betraten sie die Bühne — und es war sofort ein Ereignis. “Das fängt ja gut an”, meinte Sängerin Judith Holofernes (der übrigens immer noch erstaunlich viele Deppen in der ersten Reihe ein beherztes “Ausziehen!” entgegenrufen, wann immer es geht), als schon beim ersten Stück die Fans den Gesang übernahmen. Judith Holofernes und Wir sind Helden kamen erst spät in Schwung. [...]

  3. [...] Nach dem forschen Debüt Die Reklamation (2003) und dem im Rausch des Aufstiegs entstandenen Nachfolger Von hier an blind (2005) hatten sich Wir sind Helden schon mit dem letzten Album Soundso (2007) ein wenig widerspenstig gezeigt. Da gab es schräge Elemente, böse Seitenhiebe und unterm Strich immer wieder den Versuch, sich gegen die Vereinnahmung zu wehren. [...]

  4. [...] Rückkehr der Neuen Deutschen Welle wurde schon 2003 prophezeit, als Wir Sind Helden & Co. für Furore sorgten. Natürlich war das ein Missverständnis. Denn viele, die im Gefolge der Helden kamen, hatten nichts [...]

  5. [...] mutig ist das. Wir sind Helden, eine Band, deren erste Single sich immerhin nach allgemeiner Einschätzung gegen den Konsumwahn wandte, bringen ein Best-Of-Album raus. Nach nur vier regulären Longplayern, zudem nur wenige Monate nach [...]

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