Hingehört: Pink – “Try This”
| Künstler | Pink |
| Album | Try This |
| Label | Arista |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | *** |
Blöderweise ist Pink jetzt ein Superstar. Sie hüpft im Ketten-Minirock gemeinsam mit Beyoncé, X-Tina und Enrique Iglesias durch den Pepsi-Werbespot, betrinkt sich noch immer auf reichlich Award-Shows, ist das neue Vorbild der Girlpower-Bewegung. Pink hat es geschafft.
Das ist das Problem an Try This. Auf dem großartigen Vorgänger Missundaztood wollte Alicia Moore es noch allen zeigen, hatte Wut im Bauch, Feuer in der Stimme – und jede Menge klasse Songs. Nun will sie einfach mal rumprobieren. Schauen, was sich mit dem neuen Status so anfangen lässt. Testen, wie weit die neue Pink gehen kann. Try this.
Was hat die Experimentierfreude zu Tage gebracht? Zunächst mal einen neuen Look, mehr Grand Dame als Girlie, im Booklet in den Varianten Saloon-Groupie, Zirkus-Artistin, Flamenco-Königin, Skater-Vamp und Sado-Maso-Ballerina. Und einen neuen musikalischen Schwerpunkt, ganz weg von den HipHop-Anfängen, hin zu deutlich mehr Gitarren.
Verantwortlich dafür ist auch Produzent Tim Armstrong, der quasi die Linda Perry dieses Albums ist. Der “letzte echte Punk Amerikas” (Rolling Stone) und Rancid-Frontmann war bisher nicht gerade bekannt dafür, Hits zu schreiben. Dieses Stigma legt er auch auf Try This nicht ab.
Mit gutem Willen enthält das Album drei passable Singles. Zunächst natürlich den Opener Trouble, mit klasse Bridge und mächtigem Chorus. Den beschwingten Party-Track Tonight’s The Night, angenehm leichtfüßig und entspannt. Schließlich das ebenfalls mit feinen Bläsern angereicherte Walk Away, den besten Song der Platte.
Ein paar weitere Songs schaffen es noch auf die Habenseite. Voller Drive steckt die beleidigte-Leberwurst-Geschichte von Last To Know, auch wenn der Refrain das Level der Strophe nicht ganz halten kann. Catch Me While I’m Sleeping, einer von drei Linda-Perry-Beiträgen, ist immerhin eine durchschnittliche (wenn auch überladene) Ballade. Try Too Hard rockt nach einem Ramones-Gedächtnis-Intro ganz passabel, was auch für das runde Save My Life (mit robusten Beats von Blink-182-Drummer Travis Barker) gilt.
Dazu kommen leider auch reichlich Ausfälle. God Is A DJ ist eine Schrott-Single, lahm, selbstverliebt und dazu reichlich dämlich. “If God is a DJ / life is a dancefloor / love is the rhythm / you are the music.” Weder sinnlich noch schmutzig, sondern bloß kokett und ordinär ist die Zusammenarbeit mit Peaches, Oh My God.
Dass intensiver Gesang etwas anderes ist als Schreien, muss Waiting For Love erst noch lernen. Humble Neighbourhood ist ein vollkommen misslungener Electro-Punk-Versuch. Bei Unwind stimmen Form (Las-Veags-Rocker) und Inhalt (Lebensbeichte) nicht überein. Feel Good Time aus dem Charlie’s Angels-Soundtrack ist nochmal drauf, wird aber auch in diesem Kontext nicht besser.
Zum Schluss gibt es noch einen Song, der nirgends angekündigt ist. In dem Stück, nennen wir es Hooker, steckt eine Menge von dem, was man sonst auf Try This vermisst: Entschlossenheit und Aggressivität. Pink hat diesmal offensichtlich ein bisschen zu oft die falschen Ideen mit den falschen Leuten ausprobiert. Und damit gezeigt: Was ihr noch immer fehlt, ist eine Mitte. Auch wenn Try This deshalb eine Enttäuschung ist: Pink bleibt unser aufregendstes Sorgenkind.
Trouble, live und akustisch bei der Eröffnung des Berliner Olympiastadions. Und dann singt sie gleich noch das Lied eines anderen Sorgenkinds: Piece Of My Heart:
Durchgelesen: Cheryl Benard und Edit Schlaffer – “Grenzenlos weiblich”
| Autoren | Cheryl Benard und Edit Schlaffer |
| Titel | Grenzenlos weiblich. Europas schwaches Geschlecht stark im Kommen |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 1990 |
| Bewertung | * |
Meine Damen und Herren, ich bin stolz Ihnen präsentieren zu dürfen: das schlechteste Buch, das ich jemals gelesen habe. Früher dachte ich einmal, es gebe gar keine schlechten Bücher, aber hier ist ein weiterer Gegenbeweis.
“Grenzenlos weiblich” ist nicht nur unsagbar wirr und dumm, sondern auch gefährlich. Sollte es in die falschen Hände geraten (zum Beispiel in die Hände von Frauen, die sich dieses Machwerk zum Leitfaden nehmen), könnte es fatale Wirkung haben. Das Buch ist dabei ausschließlich für Frauen geschrieben. Wenn von “wir” die Rede ist, sind damit nicht die Autorinnen, sondern die Frauen gemeint. “Die”, also “die anderen”, das sind die Männer.
Da ist schon der Kern des Problems: Während das Buch ihnen vorwirft, sie seien für ihre Frauen keine echten Partner, stellt es die Männer selbst ebenfalls nicht als (potenzielle) Partner dar, sondern als Konkurrenten, ja als Gegner. Trotz hochtrabender Ideen von einer neuen Organisation der Gesellschaft wird dabei in “Grenzenlos weiblich” nur eines angeregt: ein grenzenloser Egoismus.
Dazu ist das Buch lächerlich in der Argumentation (besonders, wenn es um die historische Überlebtheit Patriarchats geht, muss man fast hoffen, dass die Autorinnen ihre Beispiele ironisch meinen) und unfassbar schlecht strukturiert, auch wenn die Idee nicht schlecht ist. Erfolgreiche Frauen äußern sich in Interviews (die oft genug auch haarsträubend übersetzt sind) über ihre Karriere. Sie alle behaupten, sie seien glücklich oder zumindest zufrieden, bedienen sich dabei aber eines Vokabulars, das auf regelmäßige Sitzungen beim Psychiater schließen lässt.
Dazu steckt das Buch knietief in den 1980ern. Vorgestellt werden Jetset-Business-Frauen, kaum jemand aus der Mittelschicht, erst recht keine aus der Arbeiterklasse. Damit wird “Grenzenlos weiblich” auch noch snobbistisch und schreibt an einem Großteil der Zielgruppe vorbei.
Durchgelesen: Hermann Hesse – “Demian”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Demian |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1919 |
| Bewertung | ***1/2 |
Jemand hat mir mal gesagt, ich hätte große Ähnlichkeit mit dem Demian und meinte damit wahrscheinlich gar nicht die Figur des Demian, sondern in Wirklichkeit den Erzähler in Hesses “Demian”, der Sinclair heißt.
Ich verstehe das nicht. Denn dieser Sinclair ist die Hesse-Figur, mit der ich mich am wenigsten identifizieren kann. Natürlich ist in ihm vieles wieder enthalten, wofür man Hesse schätzt: der Weltschmerz, die Einsamkeit, die Sinnsuche. Im Sinclair ist ein zentrales Hesse-Thema auch so explizit ausgearbeitet wie zuvor nirgends: das schmerzvolle Abschiednehmen von der Kindheit.
Sinclair sehnt sich zurück in diese heile Welt, weiß aber auch die Mündigkeit zu schätzen, die ihm erst das Ende der Kindheit gebracht hat. Er sucht eine Symbiose von beiden (in der Liebe, bezeichnenderweise zu einer reifen Frau: Demians Mutter). Herrlich wird dieser Zwiespalt deutlich: “Die Einsicht, dass mein Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem allen Lebens und Denkens sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte, wie tief mein eigenstes, persönlichstes Leben und Meinen am ewigen Strom der großen Ideen teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie bestätigend und beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindürfen, von Alleinsein.” Später dann: “Was mir wohltat, war das Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen Träume, Gedanken und Abneigungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die ich in mir trug.”
Trotzdem sind mir Demian und Sinclair höchst suspekt. Zunächst einmal missfällt mir, dass sie sich für auserwählt halten, für bessere Menschen. Vielleicht sogar: für die einzig wahren Menschen. Zum anderen ist da dieses spiritistische, zauberhafte, spinnerte Element in diesem “auserwählten” Zirkel, gipfelnd in der Telepathie.
Dazu passt die – ebenfalls zu tadelnde – Auffassung vom Schicksal. Sinclairs Schlussfolgerung, man müsse “schicksalsbereit” sein, also das Selbst zunächst einmal anerkennen, bevor man sich auf die Suche danach macht, beinhaltet für meinen Geschmack einen etwas zu großen Anteil an Vorherrbestimmung des Menschen. Wie soll das Selbst alles sein, wenn gleichzeitig das Schicksal fast allmächtig ist? Zudem fehlt in der Philosophie von Demian und Sinclair die Moral, das Absolute und Ewige: Gott.
Beste Stelle: “Wir sind Menschen. Wir machen Götter und kämpfen mit ihnen und sie segnen uns.”
Durchgelesen: Steven Gaines – “Heroes & Villains”
| Autor | Steven Gaines |
| Titel | Heroes and villains. The true story of the Beach Boys |
| Verlag | Da Capo Press |
| Erscheinungsjahr | 1986 |
| Bewertung | ***1/2 |
Passender könnte der Titel nicht sein: Steven Gaines’ Biografie zeichnet aus, dass er die Schattenseiten der Beach-Boys-Karriere nicht ausblendet. Ganz im Gegenteil: Der Einstieg lässt sogar befürchten, es handele sich hier um eine sensationsheischende Klatschfibel, sogar um Leichenfledderei. Doch der Tod von Dennis Wilson bildet nur die Rahmenhandlung.
Dazwischen erweist sich Gaines auch als Fan, was aber nie in Kritiklosigkeit mündet. Die Songs werden kurz und treffend analysiert und ins Werk eingeordnet.
Insgesamt spielt die Musik aber nur eine untergeordnete Rolle in “Heroes and villains”. Stattdessen kommen reichlich Augenzeugen zu Wort. Die Vielzahl von Primärquellen (und auch die Ehrlichkeit, abweichende Darstellungen gelegentlich in Fußnoten zu bieten) verleihen dem Buch, das auf dem Stand von 1984 ist, die nötige Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Vor allem will es zeigen, wie die Beach Boys zu Multimillionären und ernsthaften Konkurrenten der Beatles werden konnten, um dann als ruinierte Drogenwracks und psychische Pflegefälle zu enden. Das gelingt Gaines ganz vorzüglich, auch weil der Autor trotz aller Bewunderung für die Gruppe schonungslos deren Egoismen freilegt. So gelingt ihm ein erhellendes und faszinierendes Werk, nicht nur über die Beach Boys, sondern auch über ihre Zeit, über Gruppendynamik und das Musikgeschäft.
Die beste Stelle ist die Charakterisierung von Beach-Boys-Vater Murry Wilson durch Chuck Kaye von A&M Records, die den hart erarbeiteten Aufstieg und tragischen Fall der Band erklärt: “He was a sick fuck, that’s who that guy was. He reared a brilliant genius of a son, raised him as a total neurotic. Look what could have been and what is.”




