Hingehört: Ryan Adams – „Love Is Hell 2“ 2


Ryan Adams singt Lieder, die keine Leben retten können.

Künstler Ryan Adams
EP Love Is Hell, Part Two
Label Lost Highway
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****1/2

Eine Freundin hat mir unlängst einen Sampler empfohlen mit dem Untertitel „34 songs that will save your life“. Das war nicht mal gelogen: ein Lied schöner als das andere! Im Gegenzug habe ich ihr ebenfalls eine Zusammenstellung versprochen. Arbeitstitel: „Mal du siècle“, Untertitel natürlich: „34 songs that will not save your life“. Neulich musste ich ihr leider mitteilen, dass aus meinem angekündigten Sampler nichts wird. Denn eine solche Platte sei bereits erschienen. Von Ryan Adams.

Ich bin natürlich ein großer Gegner von Selbstmorden, aber hier findet man wirklich ein paar gute Gründe dafür – und den perfekten Soundtrack dazu. AllesAllesAlles hat sich auf Love Is Hell, Part Two gegen Ryan Adams verschworen. Die Stadt ist zu anstrengend: „It’s you against me most days“, schimpt er auf My Blue Manhattan. Das Zuhause macht sich über ihn lustig: „If the walls in this room could talk / I wonder to myself: would they laugh?“, muss sich Adams in Please, Do Not Let Me Go eingestehen. Das Bett taugt auch nicht mehr als letztes Refugium: „Oh, the city rain / it floods the city streets / and in my city bed“, beginnt City Rain, City Streets. Selbst die (Tag)Träume sind eine Qual: Still I See Monsters.

Die Liebe, mein Gott, ist auch kein Trost, sondern bloß der tiefste Dorn im Fleisch: „You said you didn’t love me, it was right on time / I was just about to tell you, but okay, alright / said you didn’t love me, didn’t want a thing / English girls can be so mean“, heißt es in English Girls Approximately. Ganz am Schluss, in Hotel Chelsea Nights, kann Ryan Adams es dann kaum mehr ertragen: „I feel like getting rid of all my things / Maybe just disappear into the fog.“

Das wäre nur konsequent, könnte man meinen, spätestens wenn man den unfassbaren Bonustrack gehört hat, der Fuck The Universe heißt – und auch so klingt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich finden sich auf Love Is Hell auch wieder genug Gründe, um am Leben zu bleiben. Denn wer weiß, ob man nach dem Tod nochmal so etwas verdammt wunderschönes zu hören bekommen wird wie das einsetzende Klavier im fantastischen Please, Do Not Let Me Go. Oder die Streicher in Thank You Louise. Oder den himmlischen Gesang in Hotel Chelsea Nights, mit viel Hall fast an Purple Rain von Prince erinnernd und keinen Deut schlechter. Oder die reizvolle Paarung der Stimmen von Ryan Adams und Marianne Faithfull in English Girls Approximately. Nachdem in diesem Stück schon die ganze Katastrophe dargestellt ist, macht Adams mit zwei Zeilen eine Tragödie daraus und zerreißt einem das Herz: „Just three words my love: you meant everything.“ Der größte Moment der Platte, ganz knapp vor dem Urschrei: „Fuck you and fuck the universe“.

Natürlich ist das, wie der Slogan Love Is Hell nur halb Ernst gemeint. Beides verwünscht Adams nicht, weil er es für Illusionen hält oder unvollkommen findet. Im Gegenteil: Er weiß (oder ahnt), dass die Liebe irgendwann seine Erfüllung und die Welt einst sein Zuhause werden kann, auch wenn sie diesem Anspruch jetzt noch viel zu selten gerecht werden. Doch gerade das ist das famose (und hinterhältige) an einem Ideal: Es lässt einen immer weiterkämpfen. Und weiterleben.

Eine seltsamerweise zunächst leicht humoristische (oder stark alkoholisierte) Live-Performance des wunderhübschen Please Do Not Let Me Go aus Liverpool.

Ryan Adams bei MySpace.


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