Durchgelesen: Peter Richter – “Blühende Landschaften”

Mai 28, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

Peter Richter ist ein Ossi auf dem Weg in den Westen - und in die Verwirrung.

Autor Peter Richter
Titel Blühende Landschaften
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung *1/2

Theoretisch könnte jemand, der am Tag des Mauerfalls geboren wurde, inzwischen schon wieder selbst Kinder haben. So lange ist das schon her. Trotzdem sind Wende, Ostalgie und Fördergelder noch immer brandaktuelle Themen.

Hüben wie drüben rätselt man, warum es noch nicht so richtig geklappt hat mit der Wiedervereinigung – und merkt dabei nicht, dass diese Diskussion eher hinderlich ist, weil sie den Blick zurück richtet und darauf zielt, Eigenheiten und Unterschiede zu definieren. Ost und West reden zu viel über- und zu wenig miteinander. Man pflegt lieber seine Vorurteile statt sich kennen zu lernen.

Wie das Kennenlernen ablaufen kann (und wie aktuell die Thematik ist), zeigen zwei neue Bücher. In “Schweineöde” lässt der Wessi Carsten Otte seine Hauptfigur Raimund Kuballa von Bonn nach Ostberlin ziehen. Dort erhofft sich Kuballa, vom Leben in der alten Bundeshauptstadt gelangweilt und durch eine Erbschaft steinreich geworden, irgendeinen Kick. In Berlin-Schöneweide (von den Einheimischen nur Schweineöde genannt) verbringt er acht Jahre voller obskurer Begegnungen und grotesker Missverständnisse, bis er schließlich in einen Wahn verfällt und sich für einen talentierten Stasispitzel hält.

Ottes Roman lebt von der Absurdität dieser Geschichte, vom Kontrast zwischen Vorstellung und Realität. “Schweineöde” verzichtet auch auf alle Rührseligkeit und Verklärung. Nicht zuletzt findet Otte in der Beziehung zwischen Kuballa und der Thälmann-Pionierin Jana auch ein passables Bild für die Geschichte der Wiedervereinigung: echte Sehnsucht (wobei sich die Vorfreude als schöner erweist als die Erfüllung des Traums) auf der einen Seite und eine seltsame Faszination für das Exotische und Unbekannte auf der anderen.

Den umgekehrten Weg beschreitet Peter Richter in “Blühende Landschaften”. Der gebürtige Dresdner beschreibt seine Erfahrungen auf dem Weg nach Westen – nicht als Roman, sondern als Gedächtnisprotokoll, autobiographisch.

Darin liegt auch das Problem des Buchs. Erstens verallgemeinert Richter seine persönlichen Erfahrungen. Zweitens findet er keine Form für all seine Eindrücke, die so unterschiedliche Bereiche wie Musik, Drogen, Architektur, Essen oder Tätowierungen umfassen. Damit wirkt Richter schnell wie jemand, der lange nicht zu Wort gekommen ist und sich jetzt alles von der Seele reden will. Daneben stören stilistische Ausrutscher (“Sie waren Trümmerfrauen gewesen, jetzt waren sie Frauentrümmer”) und blöde Manierismen (beispielsweise werden die Namen aller Figuren abgekürzt).

Richters Problem mit der Einheit ist in erster Linie, dass er ein notorischer Außenseiter (und zudem etwas neidisch) ist, der sich nicht ändern und schon gar nicht integrieren will – aber auch niemandem auf die Füße treten. Immerhin gibt es gelegentlich gute Einfälle wie diesen: “Der Osten greift nach einem, sobald man sich auf den Weg in den Westen macht, denn der ist auch nicht mehr, was er mal war und er gibt einem ständig das Gefühl, man sei schuld daran.”

Und auch Richter findet ein Bild für die Wiedervereinigung (ohne es selbst zu merken), als er über die angeblich typisch ostdeutsche Begrüßung per Händedruck schwadroniert: Einer reicht die Hand, der andere schlägt nicht ein, weil er diese Geste nicht kennt – und beide sind am Ende peinlich berührt.

Durchgelesen: Carsten Otte – “Schweineöde”

Mai 28, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"Schweineöde": Ein Wessi sucht den Kick in Ost-Berlin.

Autor Carsten Otte
Titel Schweineöde
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Theoretisch könnte jemand, der am Tag des Mauerfalls geboren wurde, inzwischen schon wieder selbst Kinder haben. So lange ist das schon her. Trotzdem sind Wende, Ostalgie und Fördergelder noch immer brandaktuelle Themen.

Hüben wie drüben rätselt man, warum es noch nicht so richtig geklappt hat mit der Wiedervereinigung – und merkt dabei nicht, dass diese Diskussion eher hinderlich ist, weil sie den Blick zurück richtet und darauf zielt, Eigenheiten und Unterschiede zu definieren. Ost und West reden zu viel über- und zu wenig miteinander. Man pflegt lieber seine Vorurteile statt sich kennen zu lernen.

Wie das Kennenlernen ablaufen kann (und wie aktuell die Thematik ist), zeigen zwei neue Bücher. In “Schweineöde” lässt der Wessi Carsten Otte seine Hauptfigur Raimund Kuballa von Bonn nach Ostberlin ziehen. Dort erhofft sich Kuballa, vom Leben in der alten Bundeshauptstadt gelangweilt und durch eine Erbschaft steinreich geworden, irgendeinen Kick. In Berlin-Schöneweide (von den Einheimischen nur Schweineöde genannt) verbringt er acht Jahre voller obskurer Begegnungen und grotesker Missverständnisse, bis er schließlich in einen Wahn verfällt und sich für einen talentierten Stasispitzel hält.

Ottes Roman lebt von der Absurdität dieser Geschichte, vom Kontrast zwischen Vorstellung und Realität. “Schweineöde” verzichtet auch auf alle Rührseligkeit und Verklärung. Nicht zuletzt findet Otte in der Beziehung zwischen Kuballa und der Thälmann-Pionierin Jana auch ein passables Bild für die Geschichte der Wiedervereinigung: echte Sehnsucht (wobei sich die Vorfreude als schöner erweist als die Erfüllung des Traums) auf der einen Seite und eine seltsame Faszination für das Exotische und Unbekannte auf der anderen.

Den umgekehrten Weg beschreitet Peter Richter in “Blühende Landschaften”. Der gebürtige Dresdner beschreibt seine Erfahrungen auf dem Weg nach Westen – nicht als Roman, sondern als Gedächtnisprotokoll, autobiographisch.

Darin liegt auch das Problem des Buchs. Erstens verallgemeinert Richter seine persönlichen Erfahrungen. Zweitens findet er keine Form für all seine Eindrücke, die so unterschiedliche Bereiche wie Musik, Drogen, Architektur, Essen oder Tätowierungen umfassen. Damit wirkt Richter schnell wie jemand, der lange nicht zu Wort gekommen ist und sich jetzt alles von der Seele reden will. Daneben stören stilistische Ausrutscher (“Sie waren Trümmerfrauen gewesen, jetzt waren sie Frauentrümmer”) und blöde Manierismen (beispielsweise werden die Namen aller Figuren abgekürzt).

Richters Problem mit der Einheit ist in erster Linie, dass er ein notorischer Außenseiter (und zudem etwas neidisch) ist, der sich nicht ändern und schon gar nicht integrieren will – aber auch niemandem auf die Füße treten. Immerhin gibt es gelegentlich gute Einfälle wie diesen: “Der Osten greift nach einem, sobald man sich auf den Weg in den Westen macht, denn der ist auch nicht mehr, was er mal war und er gibt einem ständig das Gefühl, man sei schuld daran.”

Und auch Richter findet ein Bild für die Wiedervereinigung (ohne es selbst zu merken), als er über die angeblich typisch ostdeutsche Begrüßung per Händedruck schwadroniert: Einer reicht die Hand, der andere schlägt nicht ein, weil er diese Geste nicht kennt – und beide sind am Ende peinlich berührt.

Hingehört: Avril Lavigne – “Under My Skin”

Mai 26, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Avril Lavigne macht auf "Under My Skin" den Mainstream-Rock wieder frisch.

Künstler Avril Lavigne
Album Under My Skin
Label Arista
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Avril Lavigne hat einen großen Vorteil: ihre Jugend. Gerade 18 ist sie geworden. Da nimmt man ihr noch all die Begeisterung ab, all das Staunen, all die Energie. Unvergessen die Chuzpe, mit der sie im Complicated-Video die Welt auf den Kopf stellte. Ein Wirbelwind, vor dem man sich erst einmal in Sicherheit bringen wollte, um nicht in irgendeiner Form Schaden zu nehmen.

Man bestaunte diesen Schwung, hatte aber auch schlechte Erfahrungen gemacht: Bei Pink oder Nelly Furtado muss derlei Enthusiasmus gelegentlich auch herhalten, um von mittelmäßigen Songs abzulenken.

Solche Zweifel zerstreute das Debütalbum Let Go. Natürlich war nicht alles so gut wie Complicated oder I’m With You. Aber eine mehr als ordentliche Platte war das trotzdem. Dieses beachtliche Niveau hält Avril Lavigne auch mit dem neuen Album Under My Skin. Es gibt kleine Qualitätsschwankungen, aber keine Ausfälle – und eine ganze Menge richtig guter Lieder.

Die Single Don’t Tell Me gehört natürlich dazu, Fall To Pieces mit einem klasse Refrain oder das hübsche How Does It Feel mit dezenten Streichern. Höhepunkt ist Who Knows, quasi tanzbarer Stadionrock mit einem Augenzwinkern. Eine leichte Selbstironie wohnt (hoffentlich) auch dem Feger He Wasn’t inne, der die besten Aussichten als Nachfolger von Sk8er Boi hat und wie Blink 182 im Quadrat klingt.

Andere Stücke wie This Confusion lassen erahnen, dass die kleine Avril abends unter der Bettdecke auch mal Papa Roach oder Linkin Park hört. Forgotten erinnert mit seinem Wut-im-Bauch-Text und den Gesangs-Manierismen an Alanis Morissette, würde aus deren Mund aber vollkommen unerträglich klingen.

Das ist der Vorteil der Teenager: Bei ihnen wirkt vieles cool und selbstverständlich, was bei älteren Semestern verkrampft und peinlich ist. Und dank dieser Narrenfreiheit drückt Avril Lavigne einer Musik, die man von den Cranberries, Die Happy oder Skunk Anansie eigentlich schon ganz ähnlich gehört hat, ihren ganz eigenen Stempel auf. Ihre Unbekümmertheit lässt selbst abgestandenen Mainstream-Rock frisch und glaubwürdig klingen. Eine Landsfrau von ihr hat das vor langer Zeit auch schon mal geschafft: Alannah Myles. Die ist aber schon fast 40.

Avril Lavigne singt Who Knows bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Vancouver:

Avril Lavigne bei MySpace.

Hingehört: Ryan Adams – “Demolition”

Mai 10, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Demolition" ist die Herbstplatte von Ryan Adams.

Künstler Ryan Adams
Album Demolition
Label Lost Highway
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ****

Im Vergleich zu Gold und vor allem Rock’N'Roll ist dies Ryan Adams’ Herbstplatte. Braun, düster und feucht. Im Vergleich zu Heartbreaker und vor allem Love Is Hell herrscht hier allerdings Frühling. Wenigstens ein Hauch vom Wärme, gelegentlich etwas Licht, zumindest die Verheißung von Leben.

Weil beides zusammenkommt, kann man hier den kompletten Adams erleben: mal später Bob Dylan, mal früher Neil Young. Und manchmal auch geprägt von der schlimmen Zeit zwischen 1979 und 1990. Beispielsweise beim Opener Nuclear, der (wie das ganz ähnlich konstruierte Starting To Hurt) unverschämt nach U2 klingt, so in der Gegend von The Joshua Tree. Es ist fast wieder eine Freude, zu sehen, wie wenig sich Ryan Adams für diese Parallele schämt, für den Chorus-Effekt auf der Gitarre und den metallischen Bass, die Ghostnotes, die Slide Guitar und der Eruption des Refrains.

Nicht weit weg von Stadion-Rock ist auch Gimme A Sign, mit kraftmeierndem Riff und Tamburin. Eine gespenstische 80er-Ästhetik, meinetwegen INXS meets The The, beschwört auch der komatöse Rausschmeißer Jesus (Don’t Touch My Baby) herauf.

Dazwischen geht es zu wie gehabt: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Manchmal wird das schlicht und rührend umgesetzt wie in Hallelujah, oftmals rein akustisch und kaum zu fassen wie in You Will Always Be The Same oder Dear Chicago, manchmal mit Hang zur ganz großen Geste und perfektem Gespür fürs Detail wie bei Desire, manchmal als Zwitter aus zuckersüßer Schale und (ver)bitter(t)em Kern wie bei Cry On Demand.

Ganz entspannt und fast schon mit Joni-Mitchell-Flair kommt Tennessee Sucks daher, Chin Up, Cheer Up ist lupenreiner Country. She Wants To Play Hearts und Tomorrow sind so zart und leise, dass sie fast gar nicht wirklich da sind. So roh und verletzlich hat man Ryan Adams noch nie gehört.

Bedenkt man, dass all dies eigentlich gar kein reguläres Album ist, sondern übriggebliebenes Material, kann man nur den Hut ziehen vor diesem Talent. Ob nun Frühling oder Herbst: Gerade wegen seines Compilation-Charakters ist Demolition das prototypische Ryan-Adams-Album.

Eine intime Performance von Dear Chicago, live aus London:

Ryan Adams bei MySpace.

Hingehört: Tokyo Sex Destruction – “Black Noise Is The New Sound”

Mai 6, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Mit "Black Noise Is The New Sound" erwächst den Hives neue Konkurrenz in Spanien.

Künstler Tokyo Sex Destruction
Album Black Noise Is The New Sound
Label Transsolar Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***1/2

Es ist nicht allzu überraschend, dann längst jedes Land seine eigene Band mit Anzügen vom Leichenbestatter hat, Frisuren aus den 1960ern und Liedern aus der Garage. Sogar Deutschland. Wahrscheinlich sogar San Marino. Und natürlich auch Spanien.

In diesem Fall kommt die Gruppe aus Barcelona und heißt aber Tokyo Sex Destruction, was ja schonmal gut klingt. Ihr zweites Album heißt Black Noise Is The New Sound, was ebenfalls ein klasse Name ist. Die vier sehen ein bisschen aus wie Supergrass beim Firmunterricht. Sie nennen sich JC Sinclair, RR Sinclair, RJ Sinclair und SF Sinclair – eine Reminiszenz an den Ex-White-Panther-Führer John Sinclair.

Ob ihre Texte auch so politisch sind, versteht man leider nicht. Denn alle paar Sekunden unterbricht ein energisches “Yeah!!” die Zeilen, oder eine Gitarre, die dringend Auslauf braucht. Diese Songs sind so verdammt wild und zupackend, dass man ohnehin nicht dazu kommt, auf die Texte zu achten.
Das ist auch gar kein Verlust und eine ziemliche Sause.

Der Auftakt ist großartig: Two Years Ago, ein Kracher mit tollen Breaks und einem breit grinsenden Farfisa-Solo, dann Black Record Store, das rockendste Instrumentalstück seit Johnny & the Hurricanes, und Birds On The Velvet Roof, eine Art So You Wanna Be A Rock’N'Roll Star mit reichlich Wut im Bauch.

Mit viel Energie und genug Ideen geht es dann weiter, bis Tokyo Sex Destruction schließlich noch ein ganz großer Wurf gelingt: Der Rausschmeißer ist tatsächlich eine Ballade, samt großem Soul-Gestus und Doors-Orgel. Nach all dieser Geschwindigkeit, dem Punk und dem Schweiß bleibt einem da erstmal die Spucke weg. Und dann hinterlässt Black Cold Heart einen ziemlich beachtlichen Kloß im Hals, so viel Schmerz und Stolz steckt in diesem Refrain. Die Hives können sich warm anziehen, dort oben in Schweden.

So ähnlich ist die Konfirmation von Supergrass wahrscheinlich wirklich abgelaufen: Der Clip zu Two Years Ago:

Tokyo Sex Destruction bei MySpace.