Durchgelesen: Matt Dickinson – “Tod im Eis”
| Autor | Matt Dickinson |
| Titel | Tod im Eis |
| Verlag | Goldmann |
| Erscheinungsjahr | 2002 |
| Bewertung | **** |
Spannende Bücher gibt es viele. Was der Engländer Matt Dickinson seinen Konkurrenten aber voraus hat, ist, dass sie nicht bloß spannend sind. Sondern, im Falle seines zweiten Romans “Tod im Eis”, auch: exotisch, gut rechechiert und ebenso action- wie lehrreich.
Wer ein bisschen naturwissenschaftlich interessiert ist, wird seine helle Freude an dem Buch haben, das sich um ein geheimnisvolles Forschungsprojekt und eine dramatische Rettungsaktion in der Antarktis dreht. Dickinson, der selbst an einer Antarktis-Expedition teilgenommen hat, schildert eindrucksvoll die Reize und die Strapazen, die der Kontinent für Menschen bereithält. So lässt er die Faszination verstehen, die die Antarktis auf seine Figuren ausübt. Durch geschickte Perspektivwechsel entwickelt das Buch geradezu einen Sog. Spannend ist es natürlich auch. Von der ersten bis zur letzten Seite.
Durchgelesen: Besnik Mastafaj – “Kleine Saga aus dem Kerker”
| Autor | Besnik Mustafaj |
| Titel | Kleine Saga aus dem Kerker |
| Verlag | Frankfurter Verlagsanstalt |
| Erscheinungsjahr | 1995 |
| Bewertung | ***1/2 |
Alles in diesem außergewöhnlichen Roman des Albaners Besnik Mustafaj dreht sich ums Gefängnis. In drei eindringlichen Episoden werden die Erfahrungen von drei Generationen einer Familie mit dem Eingesperrt- und Getrenntsein erzählt.
Mustafaj schlüpft dabei ganz tief in die Betroffenen hinein und wählt eine Sprache, die oft an Fabeln und Märchen erinnert. Zunächst erzählt ein Kind, das sich seinen Vater bloß vorstellen kann, weil der seit fast zehn Jahren ein politischer Häftling ist. Die von dem kleinen Jungen an den Tag gelegte Aufmüpfigkeit funktioniert ganz hervorragend. Denn Mustafaj macht zwischen den Zeilen deutlich, dass man naiv und unwissend wie ein Kind sein muss, um so tapfer und stolz zu sein.
Noch besser gelingt der zweite Teil. Nach sechs Monaten in Gefangenschaft darf der Erzähler erstmals Besuch von seiner Frau erhalten und eine Nacht mit ihr verbringen. Doch als er sie endlich trifft, ist er von Angst und Paranoia zerfressen. Wie viel guter Wille da ist, wie viel Erwartung sich auf beiden Seiten aufgebaut hat, und wie sich die tatsächliche Situation dann entwickelt, ist herrlich grotesk – und unsagbar traurig.
Beste Stelle: “Normalerweise ist das menschliche Gehirn empfänglicher für Verdacht als für Vertrauen. Es heißt ja, erst durch die Fähigkeit zu zweifeln gelange der Mensch zur Vollendung. Als Gegenbewies könnte ich das Wachpersonal anführen. Beim Wärter mordet Misstrauen noch das letzte bisschen Menschlichkeit. Das gilt auch für viele andere Menschen, die nicht Wärter in des Wortes unmittelbarer Bedeutung sind. Vielleicht geschieht der Mord bei ihnen anders, doch das Ergebnis ist das gleiche. Meiner Meinung nach gelangt der Mensch durch Vertrauen zur Vollendung. Immer nur durch Vertrauen, niemals durch das Gegenteil.”
Durchgelesen: Jenni Zylka – “Beat Baby, Beat!
| Autor | Jenni Zylka |
| Titel | Beat baby, beat |
| Verlag | RoRoRo |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | **** |
Wer so originelle Ideen hat, den muss man mögen. Jenni Zylka erzählt in “Beat baby, beat” die Geschichte einer Musikgruppe, die nur aus Frauen besteht. Sie alle schwärmen für Bands, die Frauen eigentlich gar nicht kennen (The Sonics!), haben eine echte Mucker-Vita und werden dann plötzlich als “Beat-Bande” berühmt – mit Sixties-Sound ohne Gesang.
Das umwerfende an “Beat baby, beat”, Zylkas zweitem Roman nach “1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann”, ist aber gar nicht dieser Plot, sondern der Enthusiasmus, der einem aus dem Buch entgegenspringt. Sofort identifiziert man sich mit den Figuren und spürt etwas Geheimniskrämerisches, ein Wir-Gefühl, das gelegentlich fast an Jugendbücher erinnert, an unter-der-Bettdecke-mit-der-Taschenlampe-weiterlesen.
Schnell merkt man, wie viel Spaß die Autorin offensichtlich selbst beim Schreiben hatte, und wird von dieser Leichtigkeit angesteckt. In diesem Buch stecken viel Liebe zum Detail (die Initialen, die Bilder), eine Menge schlauer Gedanken und unzählige witzige Dialoge. Mit so viel Schwung hat schon lange niemand mehr über Jungsein, Freundschaft, Liebe und Musik geschrieben. Gönnen wir es der Autorin und sagen wir ruhig: Mit so viel Swing.
Feuer und Flamme für das Land Valencia
Dem Mann mit der roten Mütze fließt der Schweiß übers Gesicht. In fast zehn Metern Höhe schmirgelt er an einem überdimensionalem Kopf herum. Vom Gerüst, auf dem er steht, rieselt Staub auf den Boden. Es riecht nach Putz, Gips und Holz. Weiter hinten hört man sägen und hämmern. In der Ecke formt eine junge Frau ebenfalls einen Kopf. Immer wieder greift sie nach Pinseln, Messern und Spachteln, um damit eine braune Masse zu bearbeiten. Man sieht ihnen an, dass sie mit viel Liebe zum Detail bei der Arbeit sind. Doch wenn ihr Werk erst einmal fertig ist – wird es verbrannt.
Denn die beiden arbeiten in der Werkstatt von Jesús Grao in Alicante. Der Bildhauer stellt aus Styropor und Pappmaché Figuren für die jährlichen Hogueras-Feiern her: kunstvolle Gebilde, die aktuelle Ereignisse oder Politiker aufs Korn nehmen, und zum Höhepunkt der Feiern am 24. Juni verbrannt werden. Sein Entwurf für dieses Jahr wird 17 Meter hoch. Ein Verein, der ihm mit der Arbeit betraut hat, lässt sich das Ensemble aus verschiedenen Figuren 50.000 Euro kosten.
Seit Januar sind Grao und seine Mitarbeiter mit den Arbeiten beschäftigt, die fertigen Teile stehen bunt bemalt und in Folie eingewickelt in den Ecken der riesigen Fabrikhalle am Stadtrand. Dass von all dieser Mühe am Ende bloß ein bisschen Asche übrig bleiben wird, stört den studierten Bildhauer nicht. “Die erste meiner Figuren, die verbrannt wurde, hat wehgetan. Aber dann habe ich verinnerlicht: Ich arbeite wie ein Koch”, erzählt der 33-Jährige. Bei den Hogueras feiert man in Alicante “den Wechsel von Leben und Tod, Feuer, Asche und neues Leben”, erklärt er.
Zum Höhepunkt des Festes stehen überall in der Stadt brennende Skulpturen, erleuchten die Nacht und tauchen die Stadt in einen Schleier von Rauch – man feiert auch die Dekadenz, samt Feuerwerk, Musik und einer Schönheitskönigin.
Feiern ist ohnehin ein gutes Stichwort wenn man von der 370.000-Einwohner-Stadt an der spanischen Costa Blanca spricht. Neben den Hogueras am Tag des Heiligen Johannes ist Alicante auch für sein Jazzfestival im Juli bekannt.
Und auch ohne speziellen Anlass versteht man es hier, eine gute Zeit zu haben: Das Nachtleben der Stadt ist ebenso ansteckend wie vielfältig. Das Angebot reicht dabei vom Rockschuppen mit viel Atmosphäre (Tipp: “Blackdog” im Barrio) über schicke House-Clubs (nicht verpassen: “Desaferiado”) bis zur klassischen Salsa-Disco (“Guaracha” am Hafen).
Natürlich hat Alicante, das auf die römische Festung Lucentum zurückgeht, nicht nur Feiern zu bieten, sondern auch Kultur. Auf sehr moderne Weise wird im archäologischen Museum MARQ die Geschichte der Stadt über einen Zeitraum von 100.000 Jahren präsentiert. Ein Besuch ist unbedingt empfehlenswert – und lässt beim Stadtrundgang die Spuren erkennen, die Iberer, Römer und Mauren hinterlassen haben.
Über Alicante thront die Burg Santa Bárbara. Neben einem beeindruckenden Blick über die gesamte Bucht bietet die Burg, in deren Hof im Sommer exklusive Konzerte stattfinden, auch die weltweit größte Ausstellung von zeitgenössischer spanischer Bildhauerei. Unter anderem ist der “Newton” von Salvador Dalí zu sehen. Zum Pflichtprogramm gehören auch der malerische Stadtteil Santa Cruz mit weißen Häusern, vielen Blumen und steilen Treppen sowie ein Bummel unter Palmen über Alicantes Flaniermeile, die Explanada de Espana. Hier sollte man sich mit einer lokalen Spezialität erfrischen: Die Horchata besteht aus geriebener Erdmandel, Milch und Eis. Die beste gibt es übrigens am Kiosko Peret.
Schließlich lockt Alicante mit einem milden Klima. Der herrliche Strand von San Juan schließt sich quasi unmittelbar an den Stadtkern an. Weiter südlich in Albufereta gibt es reichlich Möglichkeiten für Wassersportfans.
Wer Abwechslung zum Strandleben sucht, wird in der Umgebung und im Hinterland von Alicante ebenfalls schnell fündig. Hier prägt nicht das Meer die Landschaft, sondern Berge. Eigentümlich, fast extrovertiert geformt, oft steil und unvermittelt ansteigend, eng beieinander stehend und beinahe nackt bilden sie einen eigentümlichen Kontrast zum flachen Land, zu Palmen und Nispelhainen. Es ist eine Landschaft, die man nicht einfach durchfahren kann. Die Bilder zwingen den Betrachter, sich mit ihnen zu beschäftigen – und am Ende höchstwahrscheinlich fasziniert zu sein.
Die Berge im Land Valencia laden aber auch deshalb zum Wandern ein, weil es hier neben einem beeindruckenden Ausblick, der oft bis ans Meer reicht, auch eine ursprüngliche Vegetation sowie ein durch die vielen Kräuterarten eigenes Aroma zu entdecken gibt – und viele Höhlen.
Im unberührten Städtchen Bocairent, das mit seinen mittelalterlichen Brunnen, zahlreichen Kirchen und arabischen Überresten komplett aus dem Fels gemeißelt zu sein scheint, kann man diese genauer kennen lernen. Schon von der Altstadt aus erkennt man die 112 Öffnungen, die hoch oben in den steilen Berg gehauen worden sind. Die Mauren sind zwar Namensgeber dieser “Covetes dels moros”, möglicherweise haben aber schon die Westgoten das Labyrinth aus größeren Räumen und engen Gängen geschaffen. Man vermutet, dass hier früher Getreide gelagert wurde, vielleicht war es auch eine religiöse Kultstätte.
Heute kann man die Höhlen nutzen, um seine Fähigkeiten als Kletterer zu testen, sich einen atemberaubenden Ausblick über die Umgebung zu verschaffen oder sich die Geschichten anzuhören, die sich um das “Captain’s eye” oder den “Beichtstuhl” ranken. Paco, der Herrscher der Höhlen von Bocairent, hat allerlei Anekdoten dazu auf Lager. Er weiß auch, dass es in den Höhlen weder Vögel noch Fledermäuse gibt. “Ich bin das einzige Tier, das hier lebt”, meint er lachend.
Bei der Treckingtour durch die Sierra de Mariola tags darauf weiß er von über 100 Schmetterlingsarten zu erzählen, die es in der Gegend gibt. Der Weg führt zunächst zur Tropfsteinhöhle “La Sarsa” und dann zur fast 1000 Meter hoch gelegenen Casa San Miguel. In diesem Turm aus dem 15. Jahrhundert lagerte man früher den Schnee – und transportierte das kostbare Gut mit Eseln dann bis zu 30 Kilometer weit in die Umgebung, um es dort zu verkaufen. Natürlich feiert man auch in Bocairent gerne, beispielsweise beim einmal jährlich stattfindenden Stierkampf in der 1834 erbauten Arena.
Höhepunkt des Festkalenders im nahe gelegenen Alcoy ist das Mauren-und-Christen-Fest. Dabei spielen die Menschen im Land Valencia Jahr für Jahr die Reconquista nach. Mit prächtigen Kostümen, lauter Musik und den unentbehrlichen Feuerwerkskörpern ziehen sie in die Schlacht oder paradieren durch die Stadt.
“Die Christen gewinnen zwar jedes Jahr. Aber die meisten wollen sich trotzdem als Mauren verkleiden. Die haben nämlich die prächtigeren Kostüme”, erzählt der Meister in einer Werkstatt in der Küstenstadt Villajoyosa, der hier gemeinsam mit seinem Sohn die Kostüme und Waffen baut – teilweise nach historischen Vorbildern, teilweise als eigene Entwürfe. Aus Messing, Eisen und Aluminium macht er die Schwerter, Säbel, Schilde und Schmuckstücke der Teilnehmer. Zusammen mit den Kostümen, die meist Einzelanfertigungen sind und deren Aussehen von den Teilnehmern bis zum Tag des Festes wie ein Staatsgeheimnis gehütet wird, kann eine solche Ausstattung schon einmal 20.000 Euro kosten. Dafür können die Teilnehmer dann fast das ganze Jahr in ihre Rolle schlüpfen, denn das Mauren-und-Christen-Fest wird in verschiedenen Etappen von Februar bis Dezember gefeiert.
Ein ähnlich farbenprächtiges und noch weitaus traditionsreicheres Spektakel im Land Valencia ist das Mysterium von Elche. Am 14. und 15. August werden dabei in der Marienbasilika der Stadt in einem mittelalterlichen Drama der Tod, die Auferstehung und die Krönung der Jungfrau Maria gezeigt. Dank einer päpstlichen Urkunde aus dem Jahr 1632 ist das Mysterium von Elche heute das einzige Schauspiel, das im Innern einer Kirche stattfinden darf.
Die Unesco hat das Mysterienspiel ebenso zum Weltkulturerbe erklärt wie den Palmenhain von Elche: Die Stadt verfügt über den größten zusammenhängenden Palmenhain Europas – und über eine ganz besonders attraktive grüne Lunge. Unbedingt ansehen sollte man sich den “Huerto del Cura” (Garten des Priesters). Die Palmen in diesem Kleinod wurden einst nur gepflanzt, damit sie den anderen Gewächsen Schatten spenden. Heute gibt es hier bis zu 180 Jahre alte und 20 Meter hohe Palmen. Von Kaplan José Castano Sánchez haben sie alle die Namen von berühmten Persönlichkeiten bekommen, die Spanien besuchten.
Besonders stolz ist man auf die siebenstämmige Kaiserpalme, benannt nach der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Insgesamt gibt es in Elche genauso viele Palmen wie Einwohner: 200.000. Auch hier lohnt es sich, einen Abstecher an den Strand oder zu den zahlreichen archäologischen Fundstätten (die Region ist seit dem 5. Jahrhundert vor Christus besiedelt) zu machen. Elche gilt außerdem als Zentrum der spanischen Schuhindustrie. Die Firma Pikolinos hat neben der Fabrik ein eigenes kleines Museum, das die 200 Jahre alte Geschichte der Schuhherstellung in Elche erzählt.
Eine andere lokale Spezialität kann man in der Callosa d’en Sarriá entdecken: Mispeln. Diese hierzulande wenig bekannte Frucht, die ähnlich wie ein Pfirsich aussieht, aber wie eine Mischung aus Kiwi und Erdbeere schmeckt, kommt eigentlich aus China und ist seit dem 15. Jahrhundert im Mittelmeerraum verbreitet. In den Restaurants der Gegend kann man sich neben Mispeln frisch vom Baum auch mit Mispelkompott, -Wein, -Saft, -Likör, -Schnaps, -Honig oder -Marmelade verwöhnen lassen.
Die örtliche Kooperative sammelt die Ernte von 250 Bauern und beliefert Portugal, Italien und Deutschland mit Mispeln. In den weitläufigen Plantagen, die das Bild des Tales prägen, züchtet man außerdem neue Arten, wie Agrar-Ingenieur Esteban Soler erklärt. “Ich esse jeden Tag drei Dutzend Mispeln”, sagt er stolz – und die Begeisterung, mit der er über die leckeren Früchte spricht, lässt diese Zahl sogar realistisch erscheinen. Zu Beginn der Ernte im März gibt es in der Gegend übrigens einen Mispeltag – man lässt im Land Valencia eben keine Gelegenheit zum Feiern aus.
Durchgelesen: Francesca Delbanco – “Wen man wann wie küssen soll”
| Autor | Francesca Delbanco |
| Titel | Wen man wann wie küssen soll |
| Verlag | Heyne |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | *** |
Wen man wann wie küssen soll? Ganz schön viele Fragen sind das, die Francesca Delbanco da in ihrem Debütroman beantworten will. Als sei das “wen” und “wie” nicht schon schwierig genug herauszufinden, will die Amerikanerin sogar die Lösung für das ewige Mysterium des “wann” liefern. Immerhin nimmt sie sich dafür 382 Seiten Zeit.
Dass ihre Liebesgeschichte dabei nicht langweilig wird, verdankt sie vor allem ihrer Form: Am Beginn jedes Kapitels stehen Briefe von Teenagern, die sich mit ihrem Herzschmerz an eine Zeitschrift wenden. Eben dort sitzt Rosalie Preston, die Ich-Erzählerin des Romans, und gibt weise Ratschläge à la Doktor Sommer.
Eben durch diesen Kunstgriff muss die Autorin gar nicht aussprechen, dass sich die Probleme der Pubertierenden gar nicht so sehr von den Sorgen der halbwegs Erwachsenen unterscheiden. So begleitet man Rosalie gerne auf ihrer Odyssee durch die New Yorker Theaterwelt, Partys von fremd werdenden Freunden und die Betten verheirateter Männer. Und freut sich letztlich über einen Roman, der erstaunlich schlau und vollkommen frei von Peinlichkeiten ist; leicht, aber nicht seicht. Und jedenfalls viel besser als “Sex and the city”.
Beste Stelle: “Vielleicht sind wir gerade deswegen seit Jahren so eng befreundet: damit ich mir wild und unkompliziert vorkommen kann und sie mir mit selbstgerechter Frömmigkeit dabei zusehen kann.”
Hingehört: New Found Glory – “Catalyst”
| Künstler | New Found Glory |
| Album | Catalyst |
| Label | Geffen |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | *** |
Man braucht eine gewisse Portion Mut, um sich als Fan von Blink 182 zu bekennen. Denn für den zart besaiteten Musikhörer sind das die seltsamen Typen, die ständig nackt umherrennen, schrecklich tätowiert sind und viel zu nervige Musik machen. Für die härteren Jungs sind es Clowns, die ständig nackt umherrennen, über deren Hardcore-Nebenprojekte man höchstens lächelt und die man gerne mal als Comic-Punks beschimpft.
Was soll man da erst von New Found Glory halten? Schließlich klingen die genau wie Blink 182 und gestalten ihr Albumcover, ihr Video und ihre Homepage auch noch freiwillig als Comic. Also Trittbrettfahrer – und auch noch mit schlechten Vorbildern.
Dabei gab es New Found Glory schon längst, als man erstmals etwas von Blink 182 hörte. Dabei hat das Quintett aus Florida das ganze Programm von den Anfängen in der Garage über jahrelanges Tingeln quer durch die Staaten (unter anderem auf der Warp-Tour und mit den Get Up Kids) bis zu ihrem mittlerweile fünften Album namens Catalyst hinter sich. Und dabei scheren sich New Found Glory ohnehin nicht um Genrediskussionen, Images und Glaubwürdigkeit.
Stattdessen liefern sie seit 1997 beständig Platten, zu denen man (wenn man sich ebenfalls nicht um Genrediskussionen, Images und Glaubwürdigkeit schert) schlicht und einfach eine gute Zeit haben kann. Das trifft auch auf Catalyst voll und ganz zu. Der Titel klingt zwar eher nach Schlaumeierei als nach Party, ist aber treffend gewählt: Ein Katalysator führt Reaktionen und Veränderungen herbei, ohne sich dabei selbst zu verändern. Und so funktioniert auch das Album.
Im Kern ist es ganz und gar New Found Glory, also Emo-Riffs, Bubblegum-Melodien und Texte über Freude, Freunde und Freundinnen. Dazu kommen diesmal kleine Verschiebungen, Ausflüge und Experimente. Für die Ballade I Don’t Wanna Know hat der Vater von Beck die Streicherparts geschrieben. Failure’s Not Flattering (der bezeichnende Arbeitstitel des Stücks hieß Belinda Carlisle) spielt unverschämt mit 1980er-Pop, samt Keyboards und Background-Harmonien. Ending In Tragedy kommt gar im Walzertakt daher.
Dank der bewährten Produktion von Neal Avron (Everclear, Wallflowers, Sum 41) klingt das alles genau richtig und gleichzeitig knüppelhart und watteweich. Vielleicht ist es waghalsig, sich an New Found Glory heranzutrauen. Doch der Mut wird belohnt.
In letzter Zeit haben sich New Found Glory auf schräge Coverversionen verlegt, wie hier mit Justin Timberlakes Cry Me A River:







