Durchgelesen: Louis Begley – “Mistlers Abschied”
| Autor | Louis Begley |
| Titel | Mistlers Abschied |
| Verlag | List |
| Erscheinungsjahr | 1998 |
| Bewertung | ***1/2 |
Der Tod und Venedig sind zentrale Themen in Louis Begleys Roman. Denn Thomas Mistler, erfolgreicher Chef einer Werbeagentur, hat nur noch ein paar Monate zu leben, bis der Leberkrebs ihn besiegen wird. Die Zeit, die ihm bleibt, will Mistler in seiner Lieblingsstadt verbringen.
Und in Venedig wird er heimgesucht: von einem unstillbaren Hunger nach Leben, der ihn sich in eine Liebesaffäre stürzen lässt, und den Geistern der Vergangenheit, die ihn fast noch mehr umtreiben.
Wie eindringlich Begley beides zeigt, ist die Stärke dieses Buches. Mistler, der sich sehr gut kennt und von sich selbst behauptet, ein rationaler Mensch zu sein und nicht besonders am Leben zu hängen, giert nach jedem Tropfen unsinnigen Vergnügens. Noch rührender sind aber seine Versuche, etwas zu erreichen, was ihm Abenteuer mit jungen Frauen, geschäftlicher Erfolg und Macht über Andere nicht bieten können: Segen.
In der Stadt, in der Tizian und Tiepolo allgegenwärtig sind, überkommen ihn religiöse Horrovisionen, schreckliche Träume vom jüngsten Gericht und die Gewissheit, dass er nicht sterben darf, ohne noch ein paar Dinge zu klären. Die Beziehung zum verstorbenen Vater gehört dazu, zu alten Freunden und zum eigenen Sohn. Wie Mistler in einem Brief an Sam über seinen eigenen Schatten springt und im Angesicht des Todes seinen Stolz endlich fahren lässt, ist ein großer Moment.
Beste Stelle: “Aber wie würde Sam zumute sein, wenn er es erfahren hatte? Er brauchte dann vielleicht jemanden, an dem er sich festhalten konnte, jemanden, der nicht starb und nicht seine Mutter war. Einen Menschen, zu dem er nachts ins Bett kriechen konnte.”
Hingehört: The Hives – “Tyrannosaurus Hives”
| Künstler | The Hives |
| Album | Tyrannosaurus Hives |
| Label | Polydor |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ****1/2 |
Mit Albumtiteln haben sie sich schon immer schwer getan. Barely Legal: seltsam unterbelichtet. Veni Vidi Vicious: misslungenes Wortspiel. Und nun: Tyrannosaurus Hives. Was sollte man bloß von einem derart bescheuerten Titel erwarten? Glamrock? Texte über Archäologie? Ein Konzeptalbum?
Wer eifrig forschte (und es forschten viele Hives-Jünger, die nach dem kolossalen Vorgänger und den fulminanten Liveshows heißhungrig auf mehr waren, aber geschlagene vier Jahre auf neues Material warten mussten), fand andere Indizien. Verwirrende Spuren, die angeblich zum neuen Sound der Hives führten. Von New Wave war da die Rede. Von Keyboards und Soundeffekten. Gar von einer Ballade.
All dies stimmt, und doch stimmt es nicht. Die Hives klingen noch immer so roh, heiß und aggressiv wie eh und je. Die Gitarren klingen rattenscharf und übercool. Der Schlagzeuger haut so fest und schnell wie er nur kann auf die vor ihm aufgespannten Tierfelle. Der Sänger gibt Geräusche von sich, wie man sie sonst nur von störrischen Kleinkindern hört. Was will man mehr?
Und trotzdem klingen sie auch anders, haben sich weiterentwickelt. Smartness war schon immer eine Stärke der Hives, und so entgehen sie dem hohen Erwartungsdruck einfach, indem sie vollkommen unerwartete Dinge tun. Bei all dem Spaß steckt in Tyrannosaurus Hives auch eine ganze Menge harter (Komponier-)Arbeit. Bei all der Wucht wartet das Album mit einer Raffinesse auf, die man dem Fagersta-Fünfer nach dem Rockabilly-Inferno des Debütalbums beim besten Willen nicht zugetraut hatte.
Ein Song wie Diabolic Scheme mit Horrorfilm-Geigen und Stakkato-Gitarre, den Sänger Howlin Pelle Almqvist “die intensivste Ballade des 21. Jahrhunderts” nennt, hätte man ihnen nie zugetraut. Ein Epos wie Walk Idiot Walk (dreieinhalb Minuten!) wäre undenkbar gewesen. In einem Brecher wie No Pun Intended stecken komplizierte Taktwechsel. Der Psycho-Soul von A Little More For Little You, schon bei den jüngsten Konzerten ein Highlight, ist auf Platte noch besser.
Ihr Sound kommt dabei nach wie vor nicht bloß aus der Garage, sondern sogar aus dem Keller unter der Garage. Und so vollbringen die Hives schon wieder mühelos das Wunder, Rockmusik frisch, aufregend und bedeutsam klingen zu lassen. Sie durchstöbern die Geschichtsbücher des Rock’n'Roll, haben dabei aber ihr eigenes Gesicht. Und sie haben mit Tyrannosaurus Hives ein Album gemacht, das tatsächlich so gut ist, wie man es sich erträumt hat. So kraftstrotzend, archaisch und gefährlich wie ein bescheuerter Dinosaurier.
Gleich noch ein paar Fossilien: Die Hives covern in Sydney den Rolling-Stones-Feger Beast Of Burden:
Durchgelesen: Luciano Canfora – “Caesar”
| Autor | Luciano Canfora |
| Titel | Caesar. Der demokratische Diktator |
| Verlag | C. H. Beck |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | **1/2 |
Luciano Canfora weiß, mit wem er sich auf diesem Terrain misst. Die angesehensten Historiker haben Caesars Wirken analysiert und ihm die Romanisierung des keltischen Europas und die Entstehung einer universalen Monarchie im Alten Rom zugeschrieben. Sie haben längst erkannt, dass seine Machtbasis zunächst die Partei der Popularen war, nach dem Gallien-Feldzug dann die eigenen Legionen.
Auch viele großer Herrscher haben sich mit Caesars Leben beschäftigt. Napoleon Bonaparte und Napoleon III., Karl V., Heinrich IV., Ludwig XIV, um nur einige zu nennen. Canfora weiß auch, dass die Überlieferung “eigentlich schon von Anfang an”, also in Caesars commentarii manipuliert ist. Er wagt sich dennoch in dieses Gebiet – und er darf es tun, weil er ein ausgezeichneter Kenner der antiken Texte ist.
Dies ist die Stärke von “Caesar. Der demokratische Diktator”, aber auch seine Schwäche. Denn öfter hat das Buch mehr von einer ausführlichen Quellenkritik als von einer Lebensbeschreibung.
Thematisiert wird zuerst der Zerfall der Römischen Republik, dann erst die Person Caesars. Der Leser erfährt deshalb eher, was Caesar tat und weniger, wer Caesar war. Dank Canforas exzellenter Kenntnis und Darstellung der Quellenlage werden dafür aber auch Caesars Motive klar.
Für Lateiner ist diese anspruchsvolle Lektüre eine helle Freude, für den historischen Laien hingegen ein schwerer Brocken (trotz des vorzüglichen Anhangs mit Kurzbiografien der wichtigsten Personen aus dem Umfeld Caesars, einer Chronologie und einem Glossar). Anschaulich oder gar populär ist diese Biografie nicht. Canfora überzeugt stattdessen vor allem dann, wenn er bewertet und einordnet. So legt er aktuelle Fragen und Streitfälle der Forschung dar und interpretiert sie streng und schlüssig anhand der Quellen.
Manchmal schweift er allerdings auch extra vom Thema ab, um seine Ansichten zu diesen Problemen darlegen zu können. Canfora will einige Male lieber diskutieren als schildern. Nicht nur dann fragt man sich, ob die Biografie eigentlich die richtige Form für die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit ist. Hätte er stattdessen ein Handbuch über die Geschichte Roms zur Zeit Caesars geschrieben, hätte man an diesem Werk kaum etwas auszusetzen.
Beste Stelle: “Caesars außergewöhnliche Fähigkeit bestand darin, auf beiden Ebenen zu agieren: als geschickter Parteiführerim politischen Tageskampf und als weitsichtiger Gesetzgeber. Eine Mischung aus Kleingeisterei und Größe.”
Durchgelesen: Herman Melville – “Moby Dick”
| Autor | Herman Melville |
| Titel | Moby Dick |
| Verlag | Oxford University Press |
| Erscheinungsjahr | 1851 |
| Bewertung | **** |
“This is an odd book” erkannten schon die ersten Rezensenten von “Moby Dick”. In der Tat handelt es sich um ein Werk, das so einzigartig, schwer zu fassen, monströs und gelegentlich auch anstrengend ist wie, ähm, ein Wal.
Das Buch, das denn auch zuerst unter dem Titel “The whale” erschien, beginnt wie ein Reiseroman (und zwar ein sofort packender), erinnert manchmal an ein populärwissenschaftliches Handbuch (das dann “Die Welt der Harpunen” oder “Meeresbiologie für Anfänger” heißen könnte) und enthält auch Elemente des Dramas (nämlich Regieanweisungen, Szenenbeschreibungen und innere Monologe von shakespeare’schem Ausmaß).
Was ist also “Moby Dick” – ein Roman, ein Handbuch, ein Drama? Es ist nichts von alledem und alles zugleich. Will man es gattungstechnisch unbedingt verorten, kann man es wohl am ehesten als Epos bezeichnen. Denn wie die “Ilias” oder “Don Quichote” erzählt Melville hier eine große Geschichte, unglaublich verspielt, sprachgewaltig und belehrend. Dass er sich selbst dabei nicht so ernst nimmt, gerne auch komisch, ironisch und satirisch wird, macht das Werk noch angenehmer.
Seine wahre Größe gewinnt “Moby Dick” aber gar nicht aus dem Plot, sondern aus dem Subtext (bösartigerweise könnte man auch sagen: aus der Rezeptionsgeschichte). Melvilles Erkenntnis (wohlgemerkt zur Blütezeit der Industrialisierung) ist ganz simpel: Menschen lassen sich in eine Maschinerie einspannen, um die größten Aufgaben zu bewältigen. Und sie fragen sich dabei zunehmend: Warum?
In der Jagd nach dem Wal findet Melville ein ungeheuer schlüssiges Bild für die Moderne, in Ahab, Ishmael, Flask und Stubb ihre Charaktere und Prototypen. Sie alle versuchen (und Melville setzt das genial in seine Form um), mit Hilfe irgendwelcher Systeme, Kategorien und Listen irgendeine Ordnung in ihr Leben zu bekommen. Sie alle fragen die Welt nach Sinn, und die Welt antwortet nicht. Albert Camus hat das einmal “das Wesen des Absurden” genannt.
Wie nah Melville den späteren Existenzialisten steht, wird vor allem dann deutlich, wenn Ishmael reflektiert. Beispielsweise hier: “As the profound calm which only apparantly preceeds and prophesies of the storm, is perhaps more awful than the storm itself, for, indeed, the calm is but the wrapper and envelope of the storm; and contains it in itself, as the seemingly harmless rifle holds the fatal powder, and the ball, and the explosion; so the graceful repose of the line, as it silently serpentines about the oarsmen before being brought into actual play – this is a thing which carries more of true terror than any other aspect of this dangerous affair. But why say more? All men live enveloped in whale-lines. All are born with halters round their necks, but it is only when caught in the swift, sudden turn of death, that mortals realize the silent, subtle, ever-present perrils of life. And if you be a philosopher, though seated in the whale-boat, you would not at heart feel one whit more of terror, than though seated before your evening fire with a poker, and not a harpoon, by your side.”
Und natürlich auch an der besten Stelle: “Consider the subtleness of the sea; how its most dreadful creatures glide under water, unapparent for the most part, and treacherously hidden beneath the loveliest tints of azure. Consider also the devilish brilliance and beauty of many of its most remorseless tribes, as the dainty embellished shape of many species of sharks. Consider, once more, the universal cannibalism of the sea, all whose creatures prey upon each other, carrying on eternal war since the world began. Consider all this; and then turn to this green, gentle, and most docile earth; consider them both, the sea and the land; and do you not find a strange analogy to something in yourself? For as this appalling ocean surrounds the verdant land, so in the soul of man there lies one insular Tahiti, full of peace and joy, but encompassed by all the horrors of the half known life. God keep thee! Push not off from that isle, thou canst never return!”
Hingehört: 213 – “The Hard Way”
| Künstler | 213 |
| Album | The Hard Way |
| Label | TVT Records |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ***1/2 |
Was ist eigentlich G-Funk? Man könnte sagen: sanfter Sprechgesang, gerne auch mit richtigen Melodien. Der Bass nahe an George Clinton, der Gesang nicht weit weg von Marvin Gaye. Die beste Antwort auf diese Frage ist aber wohl immer noch: Regulate. Die Debütsingle von Warren G. war 1994 der Urknall des Genres und ist bis heute einer der herausragendsten HipHop-Tracks überhaupt.
Mit seinem Halbbruder Dr. Dre und Kumpels wie Nate Dogg und Snoop Dogg hielt Warren G. seitdem die Flagge des entspannten Westküstensounds hoch. Nun hat er mit zwei von ihnen das Album The Hard Way gemacht. 213 (Warren G., Nate Dogg und Snoop Dogg) sind eine echte HipHop-Supergroup. Und The Hard Way ist das Nonplusultra des G-Funk.
Hier wimmelt es von tollen Hooks (Twist Yo Body und das karibisch-kolossale Absolutely), todsicheren Hits (Groupie Luv, Mary Jane), eleganten Samples (Another Summer, Gotta Find A Way) und cleveren Coverversionen (aus Monicas So Gone machen 213 kurzerhand So Fly).
Dazu ist The Hard Way angenehm unaufgeregt und als komplett durchhörbares HipHop-Album ohne Ausfall eine echte Rarität. Man wünschte sich zwar ein bisschen mehr Biss und ein paar Überraschungen. Beides darf man von einer Supergroup aber wohl kaum erwarten.
Snoop Dogg hat im Video zu So Fly sichtlich Spaß:
Durchgelesen: Sebastian Faulks – “Das Mädchen vom Lion d’Or”
| Autor | Sebastian Faulks |
| Titel | Das Mädchen vom Lion d’Or |
| Verlag | Schöffling |
| Erscheinungsjahr | 1989 |
| Bewertung | **** |
“Das alles ist Faulks: der neue Flaubert, Maupassant, Simenon, Balzac, Colette”, hat niemand anderes als die “Times” behauptet, die auch zu dem Schluss kommt: “Ein wunderschönes Buch und zum Ende außerordentlich rührend”. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen.
Faulks berherscht die Kunst des Erzählens und schafft so aus einer eigentlich ganz belanglosen Anekdote das Porträt einer starken Frau, die Geschichte einer großen Liebe und zudem ein Sittengemälde Frankeichs zwischen den beiden Weltkriegen.
Das Zimmermädchen Anne kommt aus Paris aufs Land und nimmt eine neue Stelle an. In ihr schlummern bittere Erfahrungen und dunkle Geheimnisse. Sie verliebt sich in den deutlich älteren (und verheirateten) Hartmann, vertraut sich ihm schließlich an. Hartmann wiederum, der zunächst Mitgefühl, dann Bewunderung und Liebe für das Mädchen empfindet, hinterfragt ob der Affäre seine ganze Biografie. Oder, wie es an einer Stelle heißt: “Neben diesem unbestimmten Mitleid verspürte er auch Ehrfurcht vor ihrer gefassten Haltung. Ihr Leben baute sich allmählich wie ein Vorwurf vor seinem eigenen auf.”
So knapp, treffend und plastisch formuliert Faulks ständig, so dass schnell schillernde Charaktere und eine flirrende Atmosphäre entstehen, in die man sofort eintaucht – und aus der man tief bewegt wieder herauskommt.
Beste Stelle: “Nichts hätte sie lieber getan als ihm zu vertrauen und ihn in die Geheimnisse und Ängste ihres Lebens einzuweihen, aber es war unmöglich. Es war eine doppelte Belastung; sie musste nicht nur mit einer Geschichte leben, von der niemand sonst wissen durfte, sondern ihr Geheimnis machte es noch viel schwerer, Beziehungen aufzubauen, die ihr erlaubt hätten, es zu enthüllen.”






