Durchgelesen: Christian Seidl – “Oasis. What’s the story?”

Januar 23, 2005 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Das Buch ist eine knappe Liebeserklärung. Mit der Betonung auf Erklärung.

Autor Christian Seidl
Titel Oasis – What’s the story
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung ****

Die beste Stelle sagt schon sehr vieles über dieses Büchlein aus: “Die Geschichte von Oasis ist eine kurze, aber heftige.”

1996, im Zenit der Gallaghers, konnte man das noch mit Fug und Recht behaupten. Seidls Werk gerät deshalb für den Insider enttäuschend knapp und oberflächlich, zumal das meiste aus anderen Quellen abgeschrieben ist. Aber kaum ein anderes Buch kann wohl auf weniger als hundert Seiten klarmachen, was an dieser Band so großartig ist und warum man ihr so leicht mit Haut und Haar verfallen konnte.

Gerade, weil es euphorisch und unkritisch ist, wird “What’s the story” ein Fest – zumal heute, wo es gilt, die Glanzzeit von Oasis zurückzuerinnern. Als knappster Überblick und gekonnte Liebeserklärung (durchaus mit der Betonung auf Erklärung) sehr wohl empfehlenswert.

Durchgelesen: Quim Monzó – “Die Aktentasche”

Januar 22, 2005 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

 

Als Autor profitiert Quim Monzó von seiner Umtriebigkeit.

Autor Quim Monzó
Titel Die Aktentasche
Verlag Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 1985
Bewertung ****

Quim Monzó ist ein wahrer Tausendsassa. Er schreibt, zeichnet, macht Radiosendungen und Grafiken. Gerade diese Umtriebigkeit scheint die Stärke des Katalanen zu sein. Denn er steht hier mitten im Leben, kennt all die Abgründe und Verführungen des Alltags in seiner ganzen Tragik.

Nicht selten geht es in diesen Geschichten um überraschende Perspektiven und gerne auch um verpasste Chancen, etwa in “Eisenbahn” oder “Philolgie”. Ein andernmal wird es tiefer, etwa bei “Die Aktentasche” oder “Barcelona”, Monzós Epizentrum. Oder einfach bloß komplett absurd wie in “Mundgeruch” oder “Seien sie sich da nicht so sicher.”

Gelegentlich nimmt der Erzähler auch die Sicht eines Kindes (“Fieber”, “Ländliche Literatur”) oder eines Bettes (“Das Mobiliar als Menschenfreund”) ein. Ein Erzählband von seltener Güte – so bunt, komisch, kurzweilig und erotisch.

Hingehört: The Rasmus – “Hellofacollection”

Januar 4, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

The Rasmus: Schrott.

Künstler The Rasmus
Album Hellofacollection
Label Warner
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung *

Wir wollen nicht unfair sein. Nur weil The Rasmus den bescheuertsten Bandnamen seit Äonen haben. Nur weil sie aussehen wie Hape Kerkeling, wenn er sich mit ein paar Kumpels für einen Auftritt bei Viva als finnischer Rockstar verkleidet. Nur weil sie ihren internationalen Durchbruch vor allem der riesigen Marketingkampagne einer riesigen Plattenfirma verdanken, die sich wohl dachte: Bestimmt können wir den Leuten auch Placebo ohne Lieder, dafür mit Babyspeck andrehen. Trotz all dem müssen The Rasmus noch lange keine hundsmiserable Band sein.

Sind sie aber. Und waren sie schon immer. Den letzten Beweis liefert die Restverwertung Hellofacollection, eine Zusammenstellung mit 18 Stücken von den drei ersten Alben des Quartetts aus den Jahren 1995 bis 1999. Nur damit wir uns nicht missverstehen: The Rasmus sind keineswegs eine Band, die bloß unsympathisch, uncool und unnötig ist, davon abgesehen aber ganz brauchbare Musik macht. Keineswegs: Die Musik ist das schlimmste.

Der mickrige Refrain von City Of The Dead, der gerne ganz groß sein möchte. Liquid mit einem Ausmaß an berechenbarem Schwurbel, das wohl selbst Meat Loaf abschrecken würde. Das schlecht bei Bon Jovi geklaute Every Day, das man auf jedem Provinz-Nachwuchswettbewerb besser hört. Der lächerlich ernsthaft-modernistische Anstrich von Wicked Moments. Das auch mit jugendlicher Unbekümmertheit nicht zu entschuldigende Playboys. Die an Verbrechen grenzende Coverversion von Ghostbusters. Der sagenhaft schlechte Funky Jam, das Jamiroquai mit den Red Hot Chili Peppers kreuzt und tatsächlich so furchtbar klingt, wie man sich diese Paarung vorstellt. Das pseudo-intensive Life 705, das einem die Haare jedenfalls nicht aus den von den Künstlern gewünschten Gründen zu Berge stehen lässt.

Nach 62 Minuten ist es überstanden und man weiß: Die Sache mit der Hölle ist durchaus wörtlich zu nehmen.

So ähnlich sieht wohl das Bühnenprogramm im Fegefeuer aus: The Rasmus covern gemeinsam mit Fräuleinwunder einen Song von Tokio Hotel:

The Rasmus bei MySpace.

Durchgelesen: Niels ‘t Hooft – “Toiletten”

Januar 2, 2005 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Toiletten" heißt das Buch. Doch natürlich geht es nicht um Exkremente, sondern um Emotionen.

Autor Niels ‘t Hooft
Titel Toiletten
Verlag Reclam Leipzig
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ***

Klos. Liegt ja nahe, da mal einen Roman nach zu benennen. Und dann kommen in “Toiletten” tatsächlich Wörter vor wie “Scheißwurst” und Passagen wie “Ich wollte nicht über Entleerung nachdenken, aber ich hatte nur Scheiße im Kopf! Während ich den Geruch meiner Exkremente einsog, schossen mir tausend vergebliche Schreie durchs Bewusstsein.”

Doch – das zur Beruhigung – der Niederländer Niels ‘t Hooft setzt in seinem ersten Roman keineswegs auf Ekel, auf Schockeffekte oder billige Provokation. Hier geht es nicht um Fäkalien. Es geht um die erste Liebe. “Toiletten” heißt das Buch nur, weil die winzige Wohnung, die das junge Pärchen am Anfang des Romans bezieht, zwei Toiletten hat, die sich im Verlauf der Geschichte, als die erste Leidenschaft langsam nachlässt, zu Rückzugsmöglichkeiten und Orten der Reflexion entwickeln.

“Jungsein bedeutet wohl vor allem, wenig zu wissen”, vermutet ‘t Hooft, selbst Jahrgang 1980 und bisher als Rezensent von Videospielen tätig. Das macht auch sein Roman deutlich. Mit einer ganz naiven Sprache entwickelt er eine subtile Spannung und zeigt die ganze Unfähigkeit der Akteure, ihre großen Gefühle in einfache, funktionierende Bahnen zu lenken. Das Ganze ist (nach 107 Seiten) bloß viel zu schnell vorbei. Aber so ist das ja manchmal mit der ersten Liebe.