Durchgelesen: William S. Burroughs – “Auf der Suche nach Yage”
| Autor | William S. Burroughs |
| Titel | Auf der Suche nach Yage |
| Verlag | Zweitausendeins |
| Erscheinungsjahr | 1963 |
| Bewertung | ** |
Seltsam. Das mag an der sagenumwobenen südamerikanischen Droge liegen, der Burroughs hier auf der Spur ist. Doch leider taugt “Auf der Suche nach Yage”, eine Sammlung der Korrespondenz von Burroughs mit Allen Ginsberg, weder als verkappte Reise-Reportage noch als Schilderung eines Trips im toxischen Sinne.
Denn um wirklich interessant zu sein, bleibt Burroughs bei den Erzählungen über seine botanische Expedition zu zynisch. Er ist hier durchaus interessiert an Erkenntnis, aber er ist nicht daran interessiert, sie zu teilen. Das fällt um so mehr auf, wenn man seine Briefe mit denen Ginsbergs vergleicht, der in Burroughs’ Fußstapfen ebenfalls durch Süd- und Mittelamerika reiste.
Während die “Suche nach Yage” bei Burroughs bloß aus Neugier, beinahe aus Langeweile, zu passieren scheint, erhofft sich Ginsberg von dieser Reise (und von seinem Freund) echte Erleuchtung, einen tieferen Sinn. Der wird bei Burroughs kaum erwartet, bei Ginsberg jedoch erfleht.
Europa zum Anfassen
Herbeigesehnt hatte ihn wohl niemand. Auch wenn vor fünf Jahren manch einer voller Stolz und Neugier sein Starterkit öffnete: Den allermeisten Deutschen wäre es lieber gewesen, die D-Mark zu behalten. Sie schien nicht nur ein vertrauter Garant für wirtschaftliche Stärke zu sein, sondern war nach der Wiedervereinigung auch zu einem Symbol der nationalen Identität geworden.
Im Gegensatz dazu war die neue Währung ein typisches Beispiel dafür, wie Europa leider meist noch funktioniert: Der Euro wurde den Deutschen von oben verordnet. In zig Verträgen und unzähligen Verhandlungsrunden verliehen Politiker und Wirtschaftsexperten ihm Schritt für Schritt seine Gestalt, bis er schließlich – ganz zuletzt – mit Gewalt ins Leben der Menschen einbrach. Dass der Euro deshalb kein gutes Image hatte, und dass – wie unlängst eine Umfrage gezeigt hat – noch heute mehr als die Hälfte der Deutschen der D-Mark nachtrauert, verwundert deshalb nicht.
Trotzdem ist der Euro ein Segen. Wie sehr man sich schon an die Annehmlichkeiten der europäischen Einheitswährung gewöhnt hat, wird manch einem erst klar, wenn er auf Reisen geht und plötzlich Geld umtauschen und Preise umrechnen muss. Auch für die Wirtschaft brachte die Vereinheitlichung große Erleichterungen. Wechselkursrisiken sind innerhalb Europas passé, Preise und Wettbewerb werden somit transparenter.
Nicht zuletzt war auch die Sorge um die Stabilität der neuen Währung unbegründet: Langsam, aber sicher macht der Euro tatsächlich dem Dollar als beliebteste Devisenreserve Konkurrenz. Und die Prinzipien der Maastricht-Kriterien dienen mittlerweile sogar als Vorbild, wenn man in Deutschland versucht, die chronisch defizitären Haushalte der Bundesländer und die Finanzströme zwischen ihnen in den Griff zu kriegen.
Vor allem aber ist der Euro auf dem besten Weg, das zu werden, was die D-Mark einst war: ein Symbol für die neue Gemeinschaft. Nirgendwo sonst ist Europa für seine Bürger so greifbar wie im Geldbeutel. Die Vision von der Einheit in der Vielfalt spiegelt sich nirgends so wider wie auf den Münzen, deren Vorderseite einheitlich gestaltet ist und deren Rückseite jedem Land seinen individuellen Spielraum gibt.
Dass ausgerechnet der schnöde Mammon die Europäer einen soll, mag manchen Kritikern nicht passen, für die Europa ein hehres Ideal darstellt. Doch sie können beruhigt sein: Was der Euro in fünf Jahren für den europäischen Gemeinschaftssinn geleistet hat, ist mit Geld nicht zu bezahlen.
Durchgelesen: Mark Leyner & Billy Goldberg – “Warum haben Männer Brustwarzen?”
| Autoren | Mark Leyner & Billy Goldberg |
| Titel | Warum haben Männer Brustwarzen? |
| Verlag | Goldmann |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **** |
Ich bin zwar kein Arzt, aber…Medizin interessiert mich natürlich brennend. So wie alle Menschen. Aus Gründen der Prophylaxe (wenn man bereits selbst diagnostiziert hat, dass man über Nacht von diversen unheilbaren Krankheiten befallen worden ist, dann fällt das Sterben doch ein wneig leichter) und aus Gründen der Selbstmedikation. Und natürlich, weil der menschliche Körper natürlich eine Fundgrube für Absonderlichkeiten, Ekel und Bewunderung ist.
Genau diesem Punkt der Medizin widmen sich in ihrem Buch Billy Goldberg, Notarzt, und Mark Leyner, ähm: Golf-Journalist. Einen besseren Hinweis als der etwas reißerische Titel gibt der Untertitel: “Drängende Fragen, die Sie Ihrem Arzt erst nach dem dritten Martini stellen würden.”
So gibt es hier allerlei Aufklärung zu Hausmitteln (“Hilft Zahnpasta gegen Pickel?”) und Ammenmärchen (“Verbessert Möhrenessen die Sehkraft?”), natürlich auch jede Menge amüsante Anekdoten aus der Rubrik “unnützes Wissen” (“Können Kontaktlinsen hinter das Auge rutschen?”) und ein paar Dinge, auf deren Kenntnis man gerne auch verzichtet hätte (“Wirkt Joghurt gegen eine vaginale Hefeinfektion?”).
Aber es gibt auch eine Menge Antworten auf Fagen, die man sich tatsächlich schon einmal gestellt hat. Ob es schadet, mit den Handknöcheln zu knacken? Woraus Rotz besteht? Wozu die kleinen Halbmonde der Fingernägel gut sind? Ob man wirklich das Gift aus der Wunde saugen soll, wenn man von einer Klapperschlange gebissen wird? Fragen Sie Mark. Oder doch lieber Billy.
Die beste Lösung
Eine satte Rendite: Nicht einmal eine Milliarde Euro bezahlte Haim Saban vor dreieinhalb Jahren für die Aktienmehrheit an Pro Sieben Sat 1. Nun verkaufte er Deutschlands größten TV-Konzern für mehr als das dreifache. Der US-Investor hat seinen Schnitt gemacht. Doch sein Einstieg hat sich auch für das Münchner Unternehmen ausgezahlt: Nach den Wirren der Kirch-Pleite hat Saban die Sendergruppe nicht nur zusammenhalten, sondern sogar stärken können.
Nun haben die Finanzinvestoren KKR und Permira das Sagen. Keine Frage: Auch sie werden aus dem Engagement bei Pro Sieben Sat 1 ihren Profit ziehen wollen. Das Konsortium steigt nicht aus Großzügigkeit ein und verfolgt auch nicht in erster Linie publizistische Interessen. Die Investition soll Geld bringen – möglichst viel und möglichst schnell. KKR und Permira sind schließlich Private-Equity-Firmen. Ihnen gehören Autowerkstätten und Kranhersteller, Tiefkühlanbieter und Mobilfunk-Firmen. Sie zählen damit zu genau der Branche, für die Franz Müntefering den griffigen Begriff von den Heuschrecken geprägt hat.
Dennoch ist der Verkauf an KKR und Permira die beste Lösung für Pro Sieben Sat 1. Zuschauer und Mitarbeiter der Sendergruppe hätten es weitaus schlimmer treffen können: Wäre der Springer-Konzern mit seiner Offerte erfolgreich gewesen, hätte dies der Meinungsvielfalt in Deutschland einen herben Schlag versetzt. Bei einem Zuschlag für Silvio Berlusconis Mediaset-Gruppe hätte man sich um Anspruch und Qualität im Privatfernsehen (noch mehr) Sorgen machen müssen. Goldman Sachs und Apax zielten mit ihrem Gebot wohl noch stärker als die Konkurrenten auf Rendite – was mit Sicherheit viele Arbeitsplätze gekostet hätte. Und über die türkische Dogan-Gruppe, die angeblich sogar mehr geboten haben soll als KKR und Permira, hätte Springer durch die Hintertür doch noch Einfluss auf die Sender bekommen.
Für KKR und Permira hingegen spricht nicht nur, dass zahlreiche Manager sich bereits in der deutschen Fernsehlandschaft und der Sendergruppe auskennen. Vor allem das so gut wie sichere Zusammengehen mit der Sendergruppe SBS, deren Chef Markus Tellenbach einst an der Spitze des Bezahlsenders Premiere stand, macht für alle Beteiligten Sinn. Der neue europäische Fernsehriese – der Zuschauer von Skandinavien über die Benelux-Länder und Deutschland bis nach Osteuropa erreichen würde – hätte eine starke Position, aus der weiteres Wachstum möglich ist.
Für SBS ist Pro Sieben Sat 1 die ideale Ergänzung. Und die Beteiligung an beiden deutet auch darauf hin, dass die Sender für die Investoren nicht bloß irgendwelche Spekulationsobjekte sind.
Hingehört: All Saints – “Studio 1″
| Künstler | All Saints |
| Album | Studio 1 |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | *** |
Wenn es zwischen der kreischenden Wuseligkeit der Spice Girls und dem schnippischen Minimalismus der Sugababes eine goldene Mitte gibt, dann findet man dort die All Saints. Das Quartett beglückte die Musikwelt seit Ende der 1990er mit unsterblich schönen Hits wie Never Ever oder Pure Shores.
Nach der mittlerweile schon zweiten Trennung der Band und diversen Solo-Projekten sind Melanie Blatt, Shaznay Lewis und die Appleton-Schwestern Nicole und Natalie nun wieder vereint und legen mit Studio 1 ihr drittes Album vor.
Benannt wurde die Platte nach dem berühmten Label auf Jamaika. Und mit Elementen aus Reggae, Ska und Calypso schaffen es die All Saints tatsächlich, ihrem Sound, der weiter eine unfassbar unangestrengte Eleganz ausstrahlt, neue Facetten hinzuzufügen.
Die famose Single Rock Steady lässt die Vier – allesamt mittlerweile über 30 und Mütter – enorm angriffslustig klingen. Auf dem bezaubernden On And On klingt ihr Harmonie-Gesang wieder so verführerisch wie eh und je. Und Scar hat genug Dancehall-Power, um Seeed ganz alt aussehen zu lassen. Es gibt auch wieder den kleinen Durchhänger in der Mitte der Platte, aber mit Fundamental eine Belohnung zum Schluss. Alles wie früher, alles wieder gut. Willkommen zurück!
Man kann auch mit über 30 noch musikalisch nach vorne preschen und ästhetisch nach hinten schaun, wie das Video zu Rock Steady beweist:
Durchgelesen: Andreas Glaser – “DJ Baufresse”
| Autor | Andreas Glaser |
| Titel | DJ Baufresse |
| Verlag | Kiepenheuer |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | ** |
Bei manchen Büchern fragt man sich, warum es sie gibt. So auch hier. Die Antwort lautet wohl (und diesmal stimmt es ausnahmsweise): Die Wende ist schuld. Denn Andreas Glaser, der Tiefbau nicht nur gelernt, sondern auch ausgeübt hat, liefert hier eigentlich bloß die Chronik eines durchschnittlich langweiligen Lebens.
Fußball, Alkohol, Jobsuche, ein paar Frauengeschichten, Musik. Das alles geht nur deshalb über die Bedeutung von Tagebucheinträgen heraus, weil der Autor (Jahrgang 1965) die DDR noch bewusst erlebt, deshalb von der Wende überrascht wird und sich fortan seine Heimatstadt Berlin als einzige Konstante in seinem Leben aussucht. Ausgerechnet Berlin, das sich so rasant verändert, dass Glaser nur noch hindurchstolpern kann.
Dennoch geht dieses Buch leider nicht über eine höchst persönliche Betrachtungsweise hinaus. Der Ossi braucht es nicht, weil er all das selbst erlebt hat. Dem Wessi nützt es nichts, weil Glaser so stark codiert und verklausuliert schreibt, dass es ohnehin nur Eingeweihte verstehen können.
So bleiben nur ein paar leidlich amüsante Erkenntnisse (“Wir soffen, als wäre uns bewusst, dass wir damit den Untergang der DDR beschleunigten.”), und dazwischen viel Ratlosigkeit und Leere. Womöglich ist das sogar Absicht.
Beste Stelle: “Spätestens mit der Wende hätte ich etwas Feldforschung betreiben können, aber ich war die ganzen Neunziger über in keiner Westberliner Diskothek gewesen, denn stumpfsinnige Musik und bekloppte Weiber waren schon in der Zone keine Mangelware.”
In der Sackgasse
Die Experten der Baker-Kommission scheinen sich acht Monate lang nur eine einzige Frage gestellt zu haben. Ihre Vorschläge liefern jedenfalls keine überzeugende Strategie für die Lage im Irak, zeigen keine neuen Möglichkeiten zu einer Stabilisierung der Lage oder gar einer friedlichen und demokratischen Zukunft des Landes auf. Nur für ein Anliegen weist der Bericht einen klaren Weg: Wie kriegen wir am schnellsten unsere Jungs da raus?
Die Frage drängt nicht nur, weil weiteres Blutvergießen vermieden werden soll. Jeder US-Soldat, der die Heimreise im Blechsarg antritt, lässt das Ansehen von Präsident Bush noch weiter sinken. Nicht zuletzt droht die letzte verbliebene Supermacht bei weiteren Verlusten auch ihr Abschreckungspotenzial als Weltpolizist zu verspielen, was mit Blick auf potenzielle zukünftige Konfliktherde – Iran, Nordkorea – für die Durchsetzung von amerikanischen Interessen eine verheerende Wirkung haben könnte.
Die Baker-Kommission zog all dies wohl mit ins Kalkül. Was sie vorlegt, soll aussehen wie eine Exit-Strategie, bei der die USA ihr Gesicht wahren können. Doch was der Bericht wirklich zum Ausdruck bringt, ist die komplette Ratlosigkeit in Washington. Man ahnt dort sehr wohl, dass die Folgen des Krieges den gesamten Nahen Osten noch weiter destabilisieren könnten. Man ist sich bewusst, dass die Zivilbevölkerung im Irak mittlerweile wahrscheinlich mehr leidet als unter dem grausamen Regime von Saddam Hussein.
Dies mit mehr Diplomatie und mehr Eigenverantwortung für die Iraker lösen zu wollen, ist grundsätzlich der richtige Ansatz. Aber er kommt viel zu spät: Eine langfristig angelegte Strategie, die zivilen Aufbau mit einbezieht und die ganze Region im Blick hat – all dies hätte die US-Regierung von Anfang an haben können. Doch im Feuereifer des Kriegs gegen den Terror zählten solche Konzepte nicht viel. Bush wollte die Muskeln spielen lassen und die Scharte des ersten Irak-Feldzugs auswetzen. Er hat sich damit schnurstracks in die Sackgasse manövriert.
Es wäre feige, sich dort jetzt auf Kosten des Iraks hinauszustehlen und die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen, als deren Befreier sich Bush gerne feiern lassen wollte. Eigenverantwortung und Wiederaufbau sind die richtigen Ideen. Aber beides lässt sich erst verwirklichen, wenn die Menschen im Zweistromland sicher leben können. Dafür stehen die USA in der Verantwortung, nachdem sie alle staatlichen Strukturen im Irak zerschlagen haben.
Hingehört: Seachange – “On Fire, With Love”
| Künstler | Seachange |
| Album | On Fire, With Love |
| Label | Glitterhouse |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **** |
Wer seine Band nach dem Wechselspiel von Ebbe und Flut benennt, der muss in großen, beinahe ewigen Zeiträumen denken. Der weiß wohl um die Wirkungsmacht der longue durée, um die Kraft des steten Tropfens, der bekanntlich den Stein höhlt. Hoffen wir deshalb, dass es Seachange verkraften können, dass sie trotz On Fire, With Love, ihres mittlerweile schon zweiten Albums, das keine Wünsche offen lässt, noch immer in der zweiten Indie-Liga spielen. Wenn überhaupt.
Es sieht zum Glück ganz so aus, als scheren sie sich nicht darum. Denn das Sextett aus Nottingham unternimmt hier nirgends einen verkrampften Versuch, es jetzt endlich zu schaffen, big time. Seachange setzen stattdessen auf organisches Wachstum, auf Nachhaltigkeit. Bisher läuft es ja auch nach Plan: Live-Rummel, Internet-Euphorie, erste Singles, vor zwei Jahren ein starkes Debüt.
Und nun: On Fire, With Love, produziert von Tony Doogan (Belle & Sebastian, Teenage Fanclub), an dem zwei Jahre gewerkelt wurde und das eigentlich ein Doppelalbum (eins laut, eins leise) werden sollte. Nun ist es eine CD, gerade einmal 40 Minuten lang. Und superb.
Da ist der Opener Annie, Tacoma, der mit Noise-Elementen spielt, sich dann aber im Refrain zusammenreißt – und alle mit. Da ist Battleground, das wie eine rotzige Version von Coldplay klingt (wenn man sich so etwas vorstellen kann). Da ist das nach vorne preschende No Backward Glance (ich sag’s doch: nach vorne), das wehmütige Anti-Story mit Akkordeon und putzigem Akzent von Sänger Daniel Eastop, da ist der Hit The Key mit feiner Orgel und dem göttlichen Reim “It’s over / Casanova”.
Christmas Letters schafft es, ebenso packend wie nonchalant zu sein, das akustische Midsummer Fires erhält durch die Geige von Johanna Cormack eine besondere Note, Punch And Judy schwelgt ganz bezaubernd, fast selbstvergessen. Der Rausschmeißer In ist grandios arrangiert, voller Spannung, Herz und Emphase – wie alles auf dieser Platte.
Doch niemals wird hier alles in die Waagschale geworfen. Das ist die kontrollierte Offensive, die Politik der kleinen Schritte. Sind Seachange deshalb die große Koalition des Indie? Wir wollen doch nicht ungerecht sein…
Da hat jemand beim WDR eine Menge Geschmack und hat Seachange gefilmt, live in Bonn mit Punch & Judy:
Leben in der Bude
Die Grünen sind keine Partei wie jede andere. Sie sind jünger, weiblicher und bunter als alle anderen Parteien im Bundestag. Und wenn der Kölner Parteitag eines klar gemacht hat, dann dies: Sie sind stolz darauf.
Spontaneität, Standhaftigkeit und eigene Ideen werden hier nicht als Quertreiberei angesehen, sondern als integraler Bestandteil im demokratischen Prozess. Das machte sogar die peinliche Debatte über das neue Parteilogo deutlich: Es ist Leben in der Bude. So kann man streiten, ohne zerstritten zu sein.
Ihre Rolle als Stachel im Fleisch der etablierten Parteien können die Grünen in der Opposition wieder deutlich besser spielen. Sie sind inzwischen nicht nur dort angekommen, sondern schon einen Schritt weiter – mindestens. Bis ins 22. Jahrhundert reichen ihre Konzepte zum Klimaschutz, und bereits bis 2009 ihre politischen Strategien. Dann wollen die Grünen wieder regieren in Deutschland.
Die Frage “Mit wem?” wurde in Köln allenthalben gestellt. Es ist wohltuend, dass die Grünen eine Antwort verweigern und stattdessen ein “Wie?” setzen. Dass es um Inhalte gehen soll, nicht um Mehrheiten, ist zwar ein Credo, das spätestens auf dem Weg zu den Landtagswahlen 2008 wackeln dürfte. Dennoch tun die Grünen gut daran, sich nicht anzubiedern. Ihr eigenes Profil ist stark genug, um zu bestehen. Denn grüne Fragen – die längst auch andere Parteien als die existenziellen Fragen der Gegenwart erkannt haben – gehen sie weiterhin mit ungemeiner Leidenschaft, Glaubwürdigkeit und Kompetenz an.
Dabei profitiert die Partei – trotz aller Zerreißproben, die diese Epoche mit sich brachte – mittlerweile auch von den sieben Jahren in Regierungsverantwortung. Die Grünen haben in dieser Zeit nicht nur Gefallen an der Macht gefunden. Sie haben auch gelernt, fundamentalistische Positionen zu Gunsten von Lösungen aufzugeben, die auch der Lebenswelt gerecht werden. Das haben sie bei den Richtungsstreitigkeiten in Köln ebenfalls erkennen lassen und so eine stimmige Balance zwischen Realismus und Radikalität gefunden. Nach Krisenbewältigung sah der Parteitag jedenfalls nicht aus. Eher nach Aufbruch.
Interview mit Renate Künast
Die Fraktionsvorsitzende Renate Künast (50) wurde bei der Bundesdelegiertenversammlung in Köln erneut in den Parteirat der Grünen gewählt. Im Gespräch zieht sie eine Bilanz des Parteitags und blickt voraus.
Frage: Die Grünen präsentieren sich auf diesem Parteitag als das ökologische Original. Wie grün sind denn Ihrer Ansicht nach inzwischen die Kopien?
Künast: Gar nicht grün. Das ist schlicht Etikettenschwindel, da wird getrickst. Trotzdem zeigt die Debatte, dass die Zukunftsfragen, die wir schon früh gestellt haben, inzwischen auch von anderen als wichtig erkannt werden.
Frage: Wenn andere Parteien grüner werden: Ist das für Ihre Partei eher ein Erfolg oder eher eine Bedrohung?
Künast: Für uns ist das ein gewollter Erfolg, wenn vieles, für das wir früher als “irre” belächelt wurden, heute quer durch die Gesellschaft als bedeutend angesehen wird. Es ist für uns aber auch eine Herausforderung, uns dem Thema weiter zu stellen.
Frage: Ist es in der Opposition einfacher, mit grünen Zielen authentische Politik zu machen?
Künast: Ich behaupte: Wir waren immer authentisch. Aber die grüne Vision muss man in der Regierung eben mit anderen Werkzeugen umsetzen als in der Opposition. In der Regierung muss man hart für jeden Schritt arbeiten. Und da waren wir brillant. Es ist ja kein Wunder, dass die SPD immer, wenn sie Rot-Grün lobt, ständig von grünen Themen wie Ökologie und Atomausstieg spricht.
Frage: Kann der Einsatz für ein Tempolimit und Verbrauchshöchstgrenzen für die Grünen einen ähnlich katastrophalen Effekt haben wie die Forderung, der Liter Benzin müsse fünf Mark kosten?
Künast: Nein. Denn heute ist allgemein anerkannt, dass der Klimaschutz ein riesiges Problem ist. Und auch wir gehen anders ran: Unsere Strategien bieten auch Anreize für die Verbraucher und Chancen für die Wirtschaft.






