Die Oben-Ohne-Ikone
Für seinen Geburtstag kann ja niemand was. Nicht die armen Leute, die an Heiligabend feiern müssen (weniger Geschenke). Nicht die Bemitleidenswerten, die am Neujahrstag das Licht der Welt erblickten (nur verkaterte Gäste). Erst recht nicht die gebeutelten Geschöpfe, die am 29. Februar ihr Wiegenfest begehen (die Sache mit dem Schaltjahr).
So ähnlich wie ihnen geht es dem Saab Cabrio. Ausgerechnet zum Zeitpunkt der sibirischen Kälte in ganz Europa feiert der schwedische Sommerfrischler seinen 20. Geburtstag. 1986 wurden die ersten Cabrios aus Trollhättan verkauft, damals basierend auf dem Saab 900. Zum Jubiläum gibt es nun Sondermodelle des 9-3, leichte Veränderungen am Design und erstmals einen Dieselmotor.
Das 1,9-Liter-Triebwerk mit 150 PS entstammt der Zusammenarbeit von Saab-Mutter General Motors und dem Fiat-Konzern und kommt auch in der 9-3-Limousine und dem Sport-Combi, aber auch im Alfa Romeo 159 und im Opel Vectra zum Einsatz. Das Geburtstagskind macht mit dem Selbstzünder den Eindruck eines typischen 20-Jährigen: nach außen kraftvoll und erwachsen wirkend, innen aber gelegentlich noch mit kindlichem Übermut und der Leidenschaft eines Teenagers. Will sagen: Auch nach den leichten Retuschen am Exterieur (die Heckleuchten wurden beispielsweise etwas höher gezogen) wirkt das 9-3-Cabrio noch wie ein moderner Klassiker, dynamisch und elegant, vor allem in der neuen Farbe “Electric-Blau”.
Beim Innendesign wird deutlich, wieso der Dachlose so viele Fans gewonnen hat: hochwertige Materialien, vorbildlich platzierte Instrumente und viel Liebe zum Detail machen das Fahren zum Vergnügen. Der Common-Rail-Motor mit serienmäßigem Partikelfilter überzeugt mit Laufruhe und gleichmäßiger Kraftentfaltung – schon ab 1750 Touren stehen 90 Prozent des maximalen Drehmoments von 320 Newtonmetern zur Verfügung. Auch die 200 Kilo, die der aktuelle 9-3 im Vergleich zum Vorgänger für eine größere Steifigkeit zugelegt hat, machen dem 16-V-Triebwerk nie Mühe.
Das Sondermodell “Anniversary” bietet noch bis Ende März mit Preisen ab 38.050 Euro einen Kundenvorteil von 730 bis 1390 Euro gegenüber einem vergleichbar ausgestatteten Serienmodell. Zur Wahl stehen die fünf bekannten Benziner (150 bis 250 PS) und das neue Dieselaggregat sowie die Ausstattungsstufen “Vector” oder “Aero”. Dazu gibt es unter anderem Lederpolster, CD-Player, Klimaanlage und 17-Zoll-Leichtmetallräder im Doppel-Fünfspeichen-Design.
Als neue Einstiegsvariante bietet Saab die “Linear Edition” zu Preisen ab 34.900 Euro an. Hier kann der Kunde zwischen dem Diesel sowie zwei Benzinern (1,8t mit 150 PS und 2,0t mit 175 PS) wählen und dabei jeweils 900 Euro sparen. Lederpolster, beheizbare Vordersitze, ESP, Klimaanlage und 16-Zoll-Felgen sind inklusive. Die Aktion läuft ebenfalls bis 31. März.
Das Angebot soll dem ohnehin erfolgreichen Cabrio – auf dem deutschen Markt gingen zuletzt über 40 Prozent aller Saabs oben ohne vom Band – einen weiteren Schub geben. Für Deutschland-Chef Knut Sexauer ist das 9-3-Cabrio “eine Ikone”. Sie “steht wie kein anderes Modell für die Kernbotschaften der Marke Saab: einzigartig im Design, sportlich, leistungsstark, sicher und vielseitig”. Wenn die Verkaufszahlen nur annähernd so gut bleiben wie zuletzt (2004 und 2005 wurden weltweit jeweils knapp 20.000 Stück vom 9-3-Cabrio abgesetzt), dann kann bald das nächste Jubiläum gefeiert werden: Noch in diesem Jahr wird dann das 250.000. Saab Cabrio seinen Fahrer finden.
Durchgelesen: Hermann Hesse – “Narziß und Goldmund”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Narziss und Goldmund |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1957 |
| Bewertung | ****1/2 |
Ein historischer Roman ist dies beinahe, allerdings ist die Zeit hier bloß Staffage. Stadtmauern gibt es, Klosterleben und Pestbeulen. Aber darum geht es nicht. Es geht um Narziss und Goldmund, ihr Zueinanderfinden, ihre Freundschaft, ihre Polarität.
Narziss als ein Mann des Geistes und der Wissenschaft, Goldmund als Sinnenmensch und Künstler. Der eine hofft auf Erfüllung in der Stetigkeit und will doch ständig ausbrechen. Der andere lebt die Unrast und sucht dabei doch bloß ein Zuhause.
Gerade dieses Akzeptieren des Irrationalen, das Sich-Hingeben in die Emotionalität ist es, was Goldmund so liebenswert macht – und sein Wissen darum. “Er war ein Narr, dass er hier etwas wie Heimat suchte und es mit so vielen Schmerzen, so vielen Verlegenheiten bezahlte. Und dennoch tat und litt er es, litt es gerne, war heimlich glücklich dabei. Es war dumm und schwierig, es war kompliziert und anstrengend, auf eine solche Art zu lieben, aber es war wunderbar. Wunderbar war die dunkelschöne Traurigkeit dieser Liebe, ihre Narrheit und Hoffnungslosigkeit.”
Das macht die unendliche Kraft seines Antriebs deutlich, auch die Tragik seiner Suche, die nie ein Ziel findet. “Wenn er sein Herz befragte, so sah er, dass seine Freiheit ihm lieb war, und er konnte sich keiner Geliebten erinnern, nach der die Sehnsucht ihn nicht in den Armen der nächsten verlassen hätte. Aber dennoch war es ihm wunderlich und ein wenig traurig, dass überall Liebe so sehr vergänglich schien, die der Frauen wie seine eigene, dass sie ebenso schnell satt war wie entflammt.”
Zwei wunderbare Figuren hat Hesse hier geschaffen, und Gegenpole sind sie auch hinsichtlich ihrer Rolle im Roman. Während Goldmund den Leser mit auf Wanderschaft nimmt, in allen Details ausgearbeitet, beleuchtet und eingefärbt wird, bleibt Narziss stets ein Schatten im Hintergrund, eigentlich eine Skizze, doch ebenso genau erkennbar.
Ganz am Ende, wenn man die letzte Seite aufschlägt und es unendlich bedauert, dass diese Geschichte voller Wärme und Weisheit tatsächlich zu Ende geht, ist er sogar die faszinierendere Figur.
Die beste Stelle ist Goldmunds Initiation in das Liebesleben: “Gleich bei ihrem ersten Kuss fühlte ich es in mir schmelzen und auf eine wunderbare Art weh tun. Alle Sehnsucht, die ich je gespürt, aller Traum, alle süße Angst, alles Geheimnis, das in mir geschlafen, wurde wach, alles war verwandelt, verzaubert, alles hatte Sinn bekommen.”
Die besten Alben des Jahres 2005
1. Hard-Fi: Stars of CCTV
2. Coldplay: X & Y
3. Bloc Party: Silent Alarm
4. The Rakes: Capture/Release
5. Oasis: Don’t believe the truth
6. Art Brut: Bang bang rock’n'roll
7. Hansen Band: Keine Lieder über Liebe
8. Wir sind Helden: Von hier an blind
9. Katze: Von hinten
10. Superpunk: Können sie das groß machen bitte
11. The White Stripes: Get behind me satan
12. Franz Ferdinand: You could have it so much better
13. Stars: Set yourself on fire
14. The Duke Spirit: Cuts across the land
15. The Cardigans: Super extra gravity
16. Spitting Off Tall Buildings: Spitting off tall buildings
17. Röyksopp: The Understanding
18. Phonoboy: Trés chic, trashig
19. Sugababes: Taller in more ways
20. Black Rebel Motorcycle Club: Howl
Hingehört: Art Brut – “Bang Bang Rock N Roll”
| Künstler | Art Brut |
| Album | Bang Bang Rock’N'Roll |
| Label | Banana Recordings |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **** |
Was waren die großen Themen 2005? Man konnte Platten machen über Scheißjobs und Ablenkung (Rakes), Chaos und Erschaffung (Paul McCartney), Lüge und Wahrheit (Oasis), X und Y (Coldplay), den Teufel und die Versuchung (White Stripes). Oder über, ähm, mintgrün und kastanienrot (Franz Ferdinand).
Doch auf diesem Album geht es um etwas ganz anderes. Es geht um die Platte selbst. Es geht um Musik. Es ist eine Prozession des Pop, eine Hochmesse für den Hit. Es geht um Art Brut.
Bang, Bang Rock’N'Roll ist deshalb genau der richtige Titel für diese Platte, auch wenn es zunächst wie ein platter Slogan klingen mag. Und Formed A Band ist natürlich genau der richtige Auftakt. “Look at us / we formed a band”, posaunt Sänger Eddie Argos hinaus, als seien er und seine Mitstreiter schon allein dadurch von Midas berührt, als müssten sich Ruhm, Reichtum und Frauen nun automatisch und postwendend auf sie werfen, als sei dieser Akt der einzige Schlüssel zum Glück. Die Musik dazu klingt kalkuliert unkoordiniert, und eigentlich kann es für diesen Sound nur einen einzigen Bezugspunkt geben: die Sex Pistols. Auch die hatten diese von Selbstreferenzen durchzogene Aggressivität. Und auch heute ist es noch genauso erschreckend, wenn Nerds plötzlich mit (zugegebenermaßen etwas brüchigem) Swagger daherkommen.
Der Schlüssel zum Glück ist dabei natürlich nicht die Bandgründung, sondern der Song. Für den kleinen Bruder, der gerade erst den Rock’n'Roll entdeckt hat und sich nun mit Bootlegs und B-Seiten brüstet (My Little Brother). Für die Kunstliebhaber, die ihre Begeisterung für Matisse nur mit einem beherzten “Wooh!” formulieren können (Modern Art). Für die Frischverliebten, die offensichtlich so lange einsam waren, dass sie nun mit “I’ve seen her naked, twice!” angeben müssen (Good Weekend). Für alle, die Velvet Underground einfach nicht mehr aufregend genug finden (Bang Bang Rock’n'Roll). Für alle, die es besonders heroisch finden, sich andauernd mit den viel größeren und stärkeren anzulegen (Fight!). Für alle, die eingesehen haben, dass es keinen Sinn mehr macht, und die das doch unendlich traurig finden (Stand Down). Für alle, denen letztlich der Schein wichtiger ist als das Sein (18000 Lira).
Und für alle, die Art Brut für sich entdecken. Samt dem vollkommen irre machenden Feger Emily Keane (das musikalische Äquivalent von nachts um vier besoffen noch der Ex simsen). Dem Errektionsstörungs-Epos Rusted Guns Of Milan (nicht ganz so gut wie Soft von den Kings Of Leon, aber mit einem tollen “I know I can”-Mantra). Dem packenden Bad Weekend (das mindestens vier doppelte Böden hat). Und dem grandiosen Move To L.A. (das selbst auf Parklife ein Highlight gewesen wäre und außerdem Hennessy auf Morrissey reimt).
Da mögen Teufel und Chaos drohen, Wahrheit und Versuchung locken – das Thema 2005 waren: Art Brut.
Eddie Argos singt Emily Keane, live in Köln, mit Schnauzer.
Brennendes Problem
Schröder mit Zigarre: Das Bild ist noch präsent. Auch in den Köpfen von Gesundheitsexperten und organisierten Tabak-Gegnern. Die setzen ihre Hoffnungen nun auf Angela Merkel. Die neue Regierungschefin ist Nichtraucherin – und soll das brennende Problem endlich konsequent angehen.
Dabei sollten nicht nur Merkels persönliche Vorlieben den Ausschlag für ein Anti-Raucher-Gesetz geben. Denn eigentlich sprechen die Zahlen für sich. Etwa 140.000 Deutsche fallen jedes Jahr dem blauen Dunst zum Opfer. Das sind hundertmal so viele, wie nach dem Konsum von illegalen Drogen sterben. Und zwanzig Mal mehr als Jahr für Jahr bei Verkehrsunfällen auf deutschen Straßen ums Leben kommen. Zudem verursacht Tabakkonsum pro Jahr Kosten von etwa 40 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem – ein Betrag, für den auch all jene aufkommen, die sich nicht wissentlich körperliche Schäden zufügen.
Das Argument, man könne den etwa 20 Millionen Rauchern in Deutschland nicht so einfach ihre lieb gewonnenen Glimmstängel verbieten, ist angesichts solcher Dimensionen lächerlich. Zumal es inzwischen genug Beispiele gibt, wie leicht rauchfreie Zonen geschaffen werden können. Ob in Flugzeugen, auf Bahnhöfen, in irischen Pubs oder in italienischen Expresso-Bars – überall, wo das Rauchen früher selbstverständlich war, wird das Zigarettenverbot heute erstaunlich klaglos akzeptiert.
Die Tabak-Gegner berufen sich auf solche Erfahrungen und fordern nun neue Maßnahmen. Ein Werbeverbot für Zigaretten soll ergehen, öffentliche Räume sollen rauchfrei bleiben, mehr Geld für Prävention und Aufklärungskampagnen fließen, um gerade jungen Menschen vor dem Weg in die Sucht zu bewahren. Die besten Chancen hat aber eine andere Forderung: die höhere Besteuerung, die von Suchtexperten auch für alkoholische Getränke verlangt wird.
Dass dieser Weg funktionieren kann, hat man bei den Alkopops gesehen. Und wenn der Fiskus künftig etwas mehr bei Bier, Wein und Schnaps mitverdient, dürfte das auch den persönlichen Interessen von Angela Merkel entgegen kommen – Raucherin oder nicht.
Durchgelesen: Kirsten Fuchs – “Die Titanic und Herr Berg”
| Autor | Kirsten Fuchs |
| Titel | Die Titanic und Herr Berg |
| Verlag | Rowohlt Berlin |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **** |
Reichlich geboten, hier. Zunächst für den Kopf. “Sätze mit Gebrauchswert, die nützlich sind und dennoch schön”, wie die FAZ erkannt hat. Sätze, die man ausschneiden möchte, auf ein Plakat schreiben oder auf ein T-Shirt. Sätze, die man einem Anrufbeantworter flüstern will oder einem sehr guten Freund an den Kopf werfen.
Kirsten Fuchs, Jahrgang 1977, hat nicht nur Lust auf das Spiel mit Sprache, sie ist richtig geil darauf. Es wird gedrechselt und pointiert, dass es eine Freude ist (und dass man ihr die Open-Mic-Schule anmerkt, durch die sie gegangen ist). Beispiel? “Ich ärgere mich. So wie als ich mal in einem Theaterstück war. Es ging um Kühe, seltsames Thema. Ich habe danach ‘Muh!’ gerufen, weil ich witzig sein wollte. Das Stück war sehr witzig und ich rief ‘Muh!’ und alle drehten sich um, weil sie dachten, ich hätte ‘Buh!’ gerufen. Den ganzen Heimweg habe ich gedacht: Ich habe Muh gerufen. Ich habe Muh gerufen. Das war der seltsamste Satz, den ich je gedacht habe. Ich kam mir vor wie eine Kuh, die man fragt, wie ihr Tag so war. Ich habe Muh gerufen.”
Der Leser ist hier gefordert. Und gerade als er sich überfordert fühlt, gerade als er sagt: Ist ja schön fürs Hirn das alles, aber gibt’s hier auch was fürs Herz?, da legt die Geschichte von der Tanja (die Titanic), die bei dem älteren Sozialarbeiter Herr Berg eine, ähm, Herberge sucht, erst richtig los.
Völlig ungezwungen und ohne Klischees (nicht nur sprachlich) wird hier eine Liebesgeschichte erzählt, von Ost und West, von zu viel wollen und zu wenig wagen, von Sex und Verantwortung. Am Ende ist es eine aufrüttelnde, bewegende, wunderschöne Geschichte mit etwas weniger Opfern als der Untergang der Titanic. Aber nicht minder tragisch.
Beste Stelle: “Bald ist Silvster. Überall Knaller. Alle richten Raketen auf den Himmel, als ob sie mit dem Schicksal haderten und der Fügung, die sich von oben auf sie gestülpt hat, in den Arsch schießen wollen. Wäre ich Gott, ich wäre Silvester nicht zu Hause.”
Hingehört: Tocotronic – “The Best Of Tocotronic”
| Künstler | Tocotronic |
| Album | The Best of Tocotronic |
| Label | L’Age D’Or |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ****1/2 |
Ein Sakrileg war das damals. Ein Glaubwürdigkeits-Supergau wie Dylans Elektrifizierung, Bowies Technoversuche oder die Wiedervereinigung der Sex Pistols. Vielleicht sogar ein Skandal weit größeren Ausmaßes.
Stein des Anstoßes: eine Mundharmonika. Sie ist zu hören auf Sie wollen uns erzählen, gleich am Anfang. Es war damals, 1997, die erste Single vom vierten Tocotronic-Album. Und bis dahin hatte man von den Hamburgern nur ein einziges Instrument gehört: Gitarreschlagzeugbass. Dazu Sprüche, die man auf T-Shirts drucken, auf Schulbänke kritzeln und spät nachts auf Anrufbeantworter von Geliebten und Verhassten schreien konnte. Doch dann taten sie das: eine Mundharmonika! Mehr noch: Ein Keyboard ist ebenfalls zu hören!!
Wenig später zitierten sie Europes Final Countdown in ihren Liedern. Und die Sisters Of Mercy. Und Thomas Bernhard. Es wurde immer schlimmer. Und immer schöner.
Dass sich Tocotronic jetzt ein Best Of-Album gönnen, hat zweierlei Effekt. Zum einen erkennt man nun beim Blick auf das große Ganze plötzlich Kontinuitäten, wo man im Schock des ersten Kontakts Stilbrüche wähnte. Das machen nicht nur die Raritäten auf der zweiten CD deutlich, die einer Limited Edition des Albums beiliegt. Sondern auch die (sehr amüsanten, manchmal allerdings auch etwas nervig cleveren) Betrachtungen der Band selbst.
“Mehr Form als Inhalt, mehr Theorie als Praxis”, bescheinigen sie im Booklet etwa ihrem frühen Gassenhauer Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Und man erkennt: So war das bei Tocotronic schon immer. Von Anfang an war da eine Distanz zwischen Band und Song, zwischen Dirk von Lotzow und dem lyrischen Ich, zwischen Slogan und Meinung. Dies war Kunst, konsequent und konstant. Auch schon zu Zeiten, als die Musik noch nach Punkrock und die Texte noch nach Plakatwand klangen.
Sie sind alle hier, diese alten Freunde: Freiburg, Drüben auf dem Hügel, Die Welt kann mich nicht mehr verstehen. Damals waren Tocotronic die beste deutsche Band, zu der man Bier trinken konnte. Heute sind sie die beste deutsche Band, zu der man Wein trinken kann. Dank Jackpot, Hi Freaks und dem grandiosen Gegen den Strich, auch alles drauf.
Damit macht The Best Of Tocotronic auch den zweiten Effekt deutlich: Es zeigt, was die Jungs – nicht allein, aber als Vorreiter – hier zu Lande geleistet haben. Ohne Tocotronic kein Madsen, kein Tomte, keine Helden, kein Kettcar. Auch keine Sportfreunde Stiller. Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.
Das wird ja immer schöner. Das gilt auch für das herrliche Gegen den Strich:
Der Herr der schrägen Vögel
Ralph T. Heath hat viele berühmte Patienten. Einige spielen in Disney-Produktionen mit, andere in Imax-Filmen. Manche lassen sich sogar eigens zur Behandlung nach Florida einfliegen. Doch bei diesen Stars handelt es sich keineswegs um hoch bezahlte Hollywood- Größen, und Ralph Heath ist auch kein Schönheitschirurg. Er ist Tierfreund. Von Geburt an – und seit 1971 im Hauptberuf.
Damals, genauer gesagt am 3. Dezember 1971, nahm er den ersten verletzten Vogel unter seine Fittiche. Es war ein Kormoran mit einem gebrochenen Flügel, den er auf einer viel befahrenen Straße fand und wieder aufpäppelte. “Ich hob ihn auf, wickelte ihn in eine Decke und nahm ihn mit nach Hause”, erinnert sich Heath. Aus der netten Geste ist eine Institution geworden: Ein Jahr später gründete Heath das Suncoast Seabird Sanctuary und kümmert sich dort inzwischen jedes Jahr um bis zu 12.000 verletzte oder kranke Vögel.
“Das passierte alles über Mundpropaganda. Für den Kormoran brauchte ich Futter, das ich von einem Fischer in der Nachbarschaft bekam. Der fand kurz darauf eine verletzte Möwe und brachte sie zu mir. Und irgendwann wussten alle, dass ich mich um solche Patienten kümmere”, erzählt der 59-Jährige.
Selbst aus dem hohen Norden finden die Tiere inzwischen den Weg zu ihm: Ein Pelikan hatte sich dorthin verirrt und legte dann eine Bruchlandung hin – ausgerechnet auf der Autobahn zwischen Toronto und Montreal. Jemand fand den verletzten Vogel, und Air Canada brachte den Pelikan schließlich als Passagier nach Florida. “Manche finden auch ganz von selbst zu mir. Die laufen einfach den Strand entlang und biegen dann an genau der richtigen Stelle zu mir ab”, staunt der studierte Zoologe über den Orientierungssinn der Tiere.
Die Klinik liegt direkt am Wasser. Ihrem braun gebrannten Chef sieht man an, wie gern er sich hier aufhält. Stolz führt er durch die Anlage in Indian Shores, einem Vorort von St. Petersburg. Auf seinem weißen T-Shirt steht “All For The Bird” – und schnell merkt man, dass dies für ihn kein Werbeslogan, sondern eine Herzensangelegenheit ist. “Ich wollte nach der Uni unbedingt etwas machen, wo ich draußen an der frischen Luft und bei den Tieren sein kann”, sagt er. Seine Eltern gaben ihm die Möglichkeit dazu – und schenkten ihm das Grundstück unmittelbar am Strand, das inzwischen sechs Millionen Dollar wert ist. Einen richtigen Operationssaal mit modernsten Geräten gibt es dort, Käfige für die verschiedenen Vogelarten, weitläufige Gehege für die Patienten, die sich schon wieder etwas erholt haben.
Manche Tiere müssen auch für immer hier bleiben. Man sieht dem ansonsten heiteren Lockenkopf den Zorn an, wenn er aufzählt, wie die schwersten Verletzungen entstehen: Grausame Fischer, gefährliche Stromleitungen oder achtlose Autofahrer sorgen oft dafür, dass die Tiere irreparable Schäden erleiden. Der älteste Dauergast “lebt seit über 30 Jahren hier und ist inzwischen blind. Aber der Vogel kennt sich bei uns so gut aus, dass er sich trotzdem in seinem Gehege orientieren kann und seine Mahlzeiten findet.”
500 Pfund Futter verschlingen die Vögel am Tag. Vor allem Fische, aber auch Gras und Körner. “Das ist für uns der größte Kostenpunkt”, erläutert Heath. Das Seabird Sanctuary finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Viele Besucher lassen ein paar Dollar da, manche berücksichtigen die Tierklinik in ihrem Testament, gelegentlich kommt Geld rein, wenn die Vögel als Statisten bei Dreharbeiten gebraucht werden. Die zwei Dutzend Mitarbeiter – von ausgebildeten Tierärzten über Studenten bis hin zu engagierten Nachbarn – sind alle ehrenamtlich tätig.
Jeden Sonntag gibt es eine Führung durch die Anlage. Überall piept und singt es, wird geraschelt und geflattert. Es gibt Eulen, Adler, Spechte oder die seltenen braunen Pelikane zu beobachten, auf die Ralph Heath besonders stolz ist. Am meisten Freude hat er aber, wenn er seine Patienten wieder los ist. “70 Prozent der Tiere können wir zurück in die freie Wildbahn entlassen”, sagt Heath. “Das ist für mich der schönste Moment: Wenn ein Vogel sich berappelt, seine Flügel ausbreitet, vielleicht einen Zwischenstopp auf einem Dach macht – und wir ihm dann zum Abschied noch einmal winken können.”
Hingehört: The Minus 5 – “The Gun Album”
| Künstler | The Minus 5 |
| Album | The Gun Album |
| Label | Cooking Vinyl |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **1/2 |
Es sind nicht die ganz großen Namen, aber es ist doch eine respektable Runde. The Minus 5, gegründet 1993 von Scott McCaughey (damals beinahe noch ein Young Fresh Fellow) und Peter Buck (ja, der von REM), haben wieder mal ein paar Kumpels eingeladen. Wilco sind bei zwei Stücken dabei, zwei Jungs von den Decemberists, Schlagzeuger Bill Rieflin (Ministry), Sean Nelson (Long Winters) und einige andere, denen Gitarren, Melodien und Tradition am Herzen liegen.
Erneut hat das Werk keinen Namen, soll aber wegen der Pistole auf dem Cover The Gun Album genannt werden. Und wieder einmal ist die Platte allerliebst, ebenso clever wie warm, stets ganz nah an den Vorbildern, ohne ihnen aber auf die Füße zu treten oder sie gar in den Schatten zu stellen.
My Life As Creep bezaubert mit federndem Beat und perlenden Gitarren. Bought A Rope setzt auf satten Bass und Psychedelik, Original Luke kommt im Rockabilly-Gewand daher, Cigs, Coffee, Booze ist herrlich abgehangen.
Nicht selten schleicht sich aber auch Belanglosigkeit ein. Dann hat man den Verdacht, dass bei all der schönen Wiedersehensfreude keiner der Kumpel zu fragen wagte, ob der Song eigentlich viel taugt. Die Lieder ergehen sich in diesen Momenten in reiner Musikalität und lassen das Zwingende vermissen. Das macht The Gun Album manchmal etwas flüchtig und leichtgewichtig. Es ist nicht der ganz große Wurf, aber es ist doch eine respektable Platte.
So etwas nennt man wohl eine Steilvorlage: Ein Fan-Video zum wilden Aw Shit, Man:







