Hingehört: Tocotronic – “The Best Of Tocotronic”
| Künstler | Tocotronic |
| Album | The Best of Tocotronic |
| Label | L’Age D’Or |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ****1/2 |
Ein Sakrileg war das damals. Ein Glaubwürdigkeits-Supergau wie Dylans Elektrifizierung, Bowies Technoversuche oder die Wiedervereinigung der Sex Pistols. Vielleicht sogar ein Skandal weit größeren Ausmaßes.
Stein des Anstoßes: eine Mundharmonika. Sie ist zu hören auf Sie wollen uns erzählen, gleich am Anfang. Es war damals, 1997, die erste Single vom vierten Tocotronic-Album. Und bis dahin hatte man von den Hamburgern nur ein einziges Instrument gehört: Gitarreschlagzeugbass. Dazu Sprüche, die man auf T-Shirts drucken, auf Schulbänke kritzeln und spät nachts auf Anrufbeantworter von Geliebten und Verhassten schreien konnte. Doch dann taten sie das: eine Mundharmonika! Mehr noch: Ein Keyboard ist ebenfalls zu hören!!
Wenig später zitierten sie Europes Final Countdown in ihren Liedern. Und die Sisters Of Mercy. Und Thomas Bernhard. Es wurde immer schlimmer. Und immer schöner.
Dass sich Tocotronic jetzt ein Best Of-Album gönnen, hat zweierlei Effekt. Zum einen erkennt man nun beim Blick auf das große Ganze plötzlich Kontinuitäten, wo man im Schock des ersten Kontakts Stilbrüche wähnte. Das machen nicht nur die Raritäten auf der zweiten CD deutlich, die einer Limited Edition des Albums beiliegt. Sondern auch die (sehr amüsanten, manchmal allerdings auch etwas nervig cleveren) Betrachtungen der Band selbst.
“Mehr Form als Inhalt, mehr Theorie als Praxis”, bescheinigen sie im Booklet etwa ihrem frühen Gassenhauer Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Und man erkennt: So war das bei Tocotronic schon immer. Von Anfang an war da eine Distanz zwischen Band und Song, zwischen Dirk von Lotzow und dem lyrischen Ich, zwischen Slogan und Meinung. Dies war Kunst, konsequent und konstant. Auch schon zu Zeiten, als die Musik noch nach Punkrock und die Texte noch nach Plakatwand klangen.
Sie sind alle hier, diese alten Freunde: Freiburg, Drüben auf dem Hügel, Die Welt kann mich nicht mehr verstehen. Damals waren Tocotronic die beste deutsche Band, zu der man Bier trinken konnte. Heute sind sie die beste deutsche Band, zu der man Wein trinken kann. Dank Jackpot, Hi Freaks und dem grandiosen Gegen den Strich, auch alles drauf.
Damit macht The Best Of Tocotronic auch den zweiten Effekt deutlich: Es zeigt, was die Jungs – nicht allein, aber als Vorreiter – hier zu Lande geleistet haben. Ohne Tocotronic kein Madsen, kein Tomte, keine Helden, kein Kettcar. Auch keine Sportfreunde Stiller. Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.
Das wird ja immer schöner. Das gilt auch für das herrliche Gegen den Strich:
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