Freude am Fahren

März 25, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Muskulöse Flanken und gelungene Details machen den 159 attraktiv. Foto: Alfa Romeo

Muskulöse Flanken und gelungene Details machen den 159 attraktiv. Foto: Alfa Romeo

Auf Italiener ist man hier zu Lande ja gerade nicht besonders gut zu sprechen. Ihre Fußballmannschaften bescheren unseren Teams regelmäßig Blamagen. Ihre Politiker tragen T-Shirts mit Mohammed-Karikaturen. Und der Rest von ihnen kommt nicht einmal zu Olympia, um unseren Wintersport-Assen die ihnen gebührende Aufwartung zu machen.

In einem Punkt aber, das muss man zugeben, haben die Italiener kein bisschen von ihrer Beliebtheit eingebüßt: Dass sie traumhaft schöne Autos entwerfen können, spricht ihnen keiner ab.

Auch mit dem Alfa Romeo 159 ist ihnen das gelungen. Die Sportlimousine verbindet Temperament und Eleganz so symbiotisch wie sonst kaum ein Modell. Der von Giugiaro entworfene 159 ist ein Hingucker: Ein kleiner Spoiler am Heck, drei runde Scheinwerfer als Leuchtengruppe vorn und muskulöse Flanken – das sind die kleinen Details, die das Auto so attraktiv machen.

Auch im Innern kann man nicht satt sehen an schönen Formen: Tacho und Drehzahlmesser, silbern eingefasst, dominieren im Blickfeld. Die Mittelkonsole ist zum Fahrer hin geneigt. Das im Dunkeln rot leuchtende Armaturenbrett bietet einen spektakulären Anblick.

Dabei ist der 159 aber keines von den Geschöpfen, die toll aussehen, sich im Umgang aber als äußerst schwierig erweisen. Im Gegenteil: Einfachheit ist Trumpf – in einem fast ungewohnten Maße. Auf Sperenzchen verzichtet der 159. Wo bei manchem Mitbewerber viele kleine Knöpfe vor der Fahrt zum Studium des Bordhandbuchs zwingen und auf der Strecke zur Ablenkung verleiten, gibt es hier gerade einmal drei ebenso altmodische wie zweckmäßige Regler für die serienmäßige Klimaanlage. Darunter noch vier weitere Knöpfchen und zwei ins Lenkrad integrierte Bedienelemente, die an die Steuerkreuze von Joypads (und den damit verbundenen Spaß) erinnern – das war’s.

Auch sonst kann sich der Fahrer aufs Wesentliche konzentrieren: Tempomat, Einparkhilfen, elektrisch verstellbare Sitze? Das alles gibt es zwar gegen Aufpreis. Aber man kann auch getrost darauf verzichten – und mal wieder genießen, dass hier wirklich noch ein Fahrer notwendig ist, um das Auto zu bewegen.

Dieses Gefühl setzt sich fort, wenn man erst einmal den Start-Knopf gedrückt hat. Die Sechsgangschaltung rastet nicht unsanft, aber spürbar ein; man merkt, dass man hier dem Getriebe Anweisungen gibt. Das straff abgestimmte Fahrwerk gibt ebenso erfreuliche Rückmeldung, und die Lenkung lässt in punkto Präzision keine Wünsche offen.

Dazu ist der Alfa auch noch alltagstauglich. Durch den um 10,5 Zentimeter gewachsenen Radstand gibt es mehr Beinfreiheit im Fond. Der Kofferraum hat ebenfalls zugelegt und fasst nun 405 Liter. Auch von der Leistung her überzeugt die Limousine. Der 1,9-Liter-Motor mit 160 PS ist unter den drei verfügbaren Benzinern zwar der schwächste, lässt aber dennoch sportliches Fahren zu. Der 159 wird damit kein Sprintweltmeister, dafür entfaltet der Vierzylinder seine Kraft sehr gleichmäßig und hält auch bei hohem Tempo noch Reserven bereit.

Die Freude am Fahren wird nur durch ein paar Kleinigkeiten getrübt. Das Handschuhfach ist klein; auch an Ablageflächen herrscht Mangel. Zudem ist die Rundumsicht bescheiden. Die enorm breite B-Säule stört nicht nur, wenn man nach einer hübschen Signorina, sondern auch wenn man beim Abbiegen oder Überholen nach freier Fahrt Ausschau halten will. Für eventuelle Gefahrensituationen ist der 159 aber gewappnet: ABS, ESP und sieben Airbags sind serienmäßig. Außerdem machen die großen Außenspiegel einiges wieder wett.

Vielleicht das entscheidendste Manko: Der 159 ist recht durstig. 9,6 Liter Super verbrauchte der Vierzylinder-Motor im Test. Aber wer “Alfa” sagt, muss eben auch “Benzina” sagen.

Durchgelesen: Natasha Radojcic – “Du musst hier nicht leben”

März 21, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Serbien, Kuba und New York sind die Schauplätze dieses Romans.

Autor Natasha Radojcic
Titel Du musst hier nicht leben
Verlag Berlin Verlag
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

Alexandra, genannt Sascha, ist gar kein böses Mädchen. Sie glaubt nur, eines zu sein. Sie ist außerdem ein bisschen zu faul, um gut zu sein und all den Verlockungen zu widerstehen, die das Leben einem Teenager bietet, der stets umgeben ist vom Fatalismus und Opportunismus der Erwachsenen.

Kaum jemand kann ihr hier Vorbild sein, und niemand kann ihr erklären, wie die Welt funktioniert. Nicht einmal die Mutter, die sie so gerne stolz machen will, auch wenn sie weiß: “Ich bin das schlimmste Mädchen, das je gelebt hat, und wie kann sie mich bitten, gut zu sein, wie kann sie das schlimmste Mädchen bitten, etwas anderes zu tun, als das Schlimmste zu sein.”

Und deshalb tut Sascha ständig Sachen, für die sie viel zu jung ist, deshalb gerät sie überall in Schwierigkeiten, wo sie das Schicksal in Natasha Radojcics Roman hinführt: in Serbien, wo sie aufwächst, auf Kuba, wo sich ihre Familie ein besseres Leben erträumt, in Bosnien, wo sie bei ihrer Großmutter zur Vernunft kommen soll, in Athen, wo ihr Vater sie nicht beachtet, und schließlich in New York, wo sie ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen will, bloß um dann festzustellen, dass dies eigentlich von Anfang an und überall ihr Wunsch war.

Es ist die Leichtigkeit der Sprache, mit dem sie serbische Autorin diesen Kampf um Selbstbestimmung erzählt, die an diesem Roman beeindruckt. Vieles (in der Handlung und im Stil), was leichtfertig und unmotiviert wirkt, erweist sich unter der Oberfläche als heroisch und wahr: der Versuch der Emanzipation, von den Eltern, den falschen Freunden, den fremden Ländern und den Drogen. Am Ende: Ein Triumph des Willens.

Beste Stelle: “Die Ehe meiner Eltern war so merkwürdig, wie sie kurz war. Sie hatten wenig oder gar nichts gemeinsam außer der falschen Vorstellung voneinander.”

Durchgelesen: Susanne Heinrich – “In den Farben der Nacht”

März 17, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Die Figuren von Susanne Heinrich sind nackt - im Wortsinne oder emotional.

Autor Susanne Heinrich
Titel In den Farben der Nacht
Verlag DuMont
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

Hier gibt es nichts zu lachen. Niemals. Die Ich-Erzählerinnen von Susanne Heinrich sind immer todernst. Immer etwas unglücklich. Und immer nackt – oft im wörtlichen, meist im emotionalen Sinne. Sie stecken voller Sehnsucht und Leidenschaft, sie jagen mit bloß liegenden Rezeptoren durch die Welt.

Dort erwarten sie in den Erzählungen der jungen Leipzigerin (Jahrgang 1985) erotische Eskapaden, aufregende Urlaubsreisen und nicht ganz zufällige Autounfälle. Mit allen Sinnen wird hier nach einem Sinn gesucht, und einmal muss sich die Erzählerin sogar von einem Freund erklären lassen: “Du hast dreimal so große Augen wie andere. Du siehst zu viel.”

Diese Analyse scheint auch auf die Autorin zuzutreffen, denn nicht selten sind ihre Erzählungen etwas überfrachtet mit (zugegebenermaßen fantasievollen) Bildern, Zitaten und Querverweisen. Deshalb wimmelt es von Wolken und Wasserbildern, Popsongtexten und Filmdialogen. Man gerät in Versuchung, die Autorin mit ihren Protagonistinnen gleich zu setzen: Sie wissen zu viel und verstehen zu wenig. Sie ahnen aber, dass es da eine Verbindung gibt zwischen Wissen und Verstehen, eine Brücke zwischen Suche und Glück.

Deshalb stürzen sie sich Hals über Kopf in Leben und Liebe, benutzen Lieder und Literatur als Wegweiser und tragen ihre Narben wie Trophäen der Weisheit.

Susanne Heinrich fehlt manchmal noch die Konzentration, um dieses Lebensgefühl in einen rundum gelungenen Text fließen zu lassen. Aber bei dem enormen Talent, das sie mit “In den Farben der Nacht” beweist, sollte man ihr unbedingt die Zeit geben, diesen Fokus noch zu finden – und das Glück.

Falsch verstanden

März 15, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Volker Bouffier hat hehre Ziele. Wer aus einem anderen Land zu uns kommt und einen deutschen Pass möchte, soll sich intensiv auseinander setzen mit dem Land, in dem er leben will, und der Werteordnung, die hier gilt. Das ist eine gute Idee. Die Bundesrepublik steht für Demokratie, Frieden und Freiheit – und alle, die hier leben, sollen von diesen Idealen überzeugt sein.

Allerdings fragt sich, ob Bouffier die deutsche Werteordnung, für die er sich stark macht, selbst richtig verstanden hat. Ein kurzer Blick ins Grundgesetz hätte genügt. “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich” steht dort in Artikel 3. Und: “Niemand darf wegen (…) seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.”

Dabei wird schon jetzt mit zweierlei Maß gemessen – und oft auch vergessen, dass es genug Deutsche gibt, die den Wertekanon der Verfassung nicht kennen oder nicht teilen und den elementarsten Anforderungen an ein humanes Miteinander nicht gerecht werden. Ausländer, die eingebürgert werden wollen, müssen ihre Sprachkenntnisse nachweisen und eine Überprüfung durch den Verfassungsschutz über sich ergehen lassen – Deutsche nicht. Sie müssen auch keinen Eid auf das Grundgesetz leisten, wenn sie nicht gerade Minister, Beamte oder Wehrpflichtige sind. Wenn sie sich nicht vernünftig ausdrücken können, wenn sie verfassungsfeindliche Ansichten haben, selbst wenn sie Menschen essen und ihre Kinder verhungern lassen, spricht ihnen keiner das Recht ab, hier zu leben und alle Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen, die ein deutscher Pass mit sich bringt. Bloß weil sie das Glück hatten, hier geboren zu sein.

Erst recht muss kein Bundesbürger einen Wissens- und Wertetest mit Quizshow-Charakter bestehen – und nicht wenige hätten mit Fragen zu Caspar David Friedrich oder dem Entdecker des Cholera-Erregers wohl auch ihre Schwierigkeiten. Das zeigt, wo wirklich angesetzt werden sollte, um Hassprediger, Ehrenmorde und Ghettoisierung loszuwerden: Wer die Werte stärken will, für die das Grundgesetz steht, muss diese Werte vor allem besser und glaubwürdiger vermitteln.

Um das zu erreichen, brauchen Ausländer in erster Linie bessere Deutschkenntnisse, und Kinder, die schon hier aufwachsen, brauchen mehr Vorbilder, um sich mit diesem Land identifizieren zu können. Mehr Integration funktioniert nur durch bessere Bildung – auch für die Deutschen.

Hingehört: Richard Ashcroft – “Keys To The World”

März 14, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Ein Porträt des jungen Mannes als Künstler.

Künstler Richard Ashcroft
Album Keys To The World
Label Parlophone
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Ich habe Richard Ashcroft noch nie lachen sehen. Nicht mal bei “Live 8″, als ihn Chris Martin auf die Bühne holte und den Milliarden Zuschauern als “den besten Sänger der Welt” ankündigte. Im Booklet seines neuen Albums ist ein Foto, schwarz-weiß. Ashcroft mit Sonnenbrille, Lederjacke, die Haare in die Stirn gekämmt, wie man ihn kennt. Fast. Denn beinahe sieht es aus, als würde er lachen. Doch dann sieht man genauer hin und bemerkt: Er lacht nicht. Er singt.

Diese Erkenntnis ist es, was Richard Ashcroft ausmacht, was ihn noch immer wichtig macht, was ihm in all dem Verve-Größenwahn und all der Solo-Erfolglosigkeit die Würde bewahrt hat. Richard Ashcroft ist dies alles wichtig. Man ist solche Hingabe, so viel Herzblut und Ernsthaftigkeit kaum mehr gewohnt. Aber ihm geht es nicht um Entertainment, Berühmtheit oder Geld. Ihm geht es um Kunst. Seine Texte, seine Musik, sein Gesang – das ist es, wofür er lebt. Und so könnte auch dieses Album wieder A Portrait Of The Young Man As An Artist heißen, frei nach James Joyce.

Gleich zweimal wird die Künstlerrolle als Berufung hier auch thematisiert. Simple Song hat die Melodie eines Klassikers, und wenn der Text dann im Refrain “I’m singing” heißt, dann singt Ashcroft diese Zeile nicht bloß, er zelebriert sie, lebt sie, atmet sie, ist süchtig danach. Das zweite Stück heißt Music Is Power. Es beschwört mit leichtem Funk und schmissigen Streichern die Kraft der Kunst, die Majestät der Melodie – und es gibt nicht viele Leute, denen man diese Botschaft abnehmen würde, ohne dass sie dabei peinlich wirkte.

Denn kaum jemand sonst hat diese Unbedingtheit in der Stimme. Und mit der geht Ashcroft bevorzugt die ganz großen Themen an: Religion (der etwas platte Opener Why Not Nothing?), Verlust der Unschuld (das zauberhaft zarte Sweet Brother Malcolm), die ewigen Gesetze (der erbauliche Rausschmeißer World Keeps Turning) und natürlich die Liebe (der wundervolle Walzer Why Do Lovers?).

Für Nichtiges und Nettigkeiten hat er keine Zeit, und gerade diese Konzentration, diese Fixierung, mit der er Glück und Sinn (eben die Keys To The World) sucht, lässt seine entspannteren Momente so erfüllt und wahr klingen. Diesmal im Angebot: der Sommernachtstraum Break The Night With Colour und Words Just Get In The Way, vom Piano getragen, an Eleganz und Romantik nicht zu überbieten.

Dass hier ein Mann ein klares Ziel anstrebt, unerschütterlich, daran kann kein Zweifel bestehen. Plötzlich hat man das Video zu Bittersweet Symphony wieder vor Augen: Ashcroft bahnt sich seinen Weg, egal, was die anderen von ihm denken. Und er lacht dabei nicht.

Music Is Power versucht Richard Ashcroft auch live bei Jools Holland zu betonen:

Richard Ashcroft bei MySpace.

Rendite statt Kunst

März 11, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

So schnell geht das. Innerhalb weniger Jahre ist das Internet vom vermeintlichen Totengräber zum Hoffnungsträger der Musikindustrie geworden. Es ist noch nicht lange her, dass die Branche mit martialischen Werbeaktionen und Prozesslawinen gegen Tauschbörsen und deren Nutzer versucht hat, den Geist des grenzenlosen Datenaustausches wieder zurück in die Flasche zu stopfen. Inzwischen hat die Musikindustrie nicht nur einsehen müssen, dass das eine Sisyphusarbeit ist. Sie hat auch erkannt, dass sie damit den falschen Gegner jagt.

Denn längst ist erwiesen, dass die Leute, die im Internet nach neuer Musik suchen, nicht weniger, sondern mehr Geld für Tonträger ausgeben. Sie sind auch bereit, für aktuelles oder exklusives Material im Netz zu bezahlen – das zeigen die Erfolge von Musicload oder iTunes.

Dass die Musikindustrie trotzdem mit Umsatzeinbußen kämpft, hat ganz andere Ursachen. Sie hat viel zu lange versucht, den Kunden immer wieder alte Inhalte in neuen Formaten zu verkaufen, statt Künstler aufzubauen, die dem Publikum wirklich etwas bedeuten. Auch aus dem Napster-Schock hat sie noch nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Nach wie vor geht es eher um Rendite als um Kunst. Dabei bietet die Technologie des Internets den Kunden ein unerschöpfliches Repertoire an aufregenden Klängen. Ganz ohne Radio, ganz ohne Marketing. Und ganz ohne Plattenfirmen.

Peinlicher Kleinmut

März 7, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Millionen Fußballfans in Deutschland sind außer sich. Nicht nur, dass wir wohl nicht Weltmeister werden. Wir dürfen noch nicht einmal dabei sein. Die Chancen, im komplizierten Losverfahren eine Eintrittskarte für eines der 64 Spiele bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer zu ergattern, sind denkbar schlecht. Viele bekommen nur Tickets für unattraktive Spiele am anderen Ende der Republik, die meisten Fans gehen komplett leer aus.

Die Empörung, dass nun eine fünfstellige Zahl von Freikarten an Politiker, hohe Beamte und Staatsgäste geht, die sich womöglich nicht einmal für Fußball interessieren, ist deshalb nicht verwunderlich. Dass die Zeitung, die sich gerne als Stimme des Manns auf der Straße versteht, dabei aus vollem Halse mitschreit, auch nicht.

Trotzdem muss man sich fragen, was das Theater soll. Niemand regt sich darüber auf, dass sechs Milliarden Euro aus öffentlichen Kassen für die WM ausgegeben werden. Kein Mensch findet es unangebracht, dass sich Fifa-Boss Sepp Blatter in der Münchner Arena extra einen Sitz genau auf Höhe der Mittellinie einbauen lässt. Und dass ohnehin nur ein Drittel aller Karten in den freien Verkauf geht, während sich Sponsoren, Journalisten und Verbandsvertreter den großen Teil des Kuchens teilen, wird als selbstverständlich akzeptiert.

Doch wenn nun 79 Politiker je zwei Karten umsonst erhalten – selbst im kleinsten WM-Stadion sind das gerade einmal 0,35 Prozent des zur Verfügung stehenden Kontingents – soll das ungerecht sein? Hatte wirklich jemand ernsthaft geglaubt, dass Berlins regierender Bürgermeister, dessen Kommune 46 Millionen Euro für das Olympiastadion ausgegeben hat, nun auch noch eine Eintrittskarte kauft? Der Papst bezahlt auch nicht für seine Polizeieskorte beim Weltjugendtag, und Dr. Motte braucht kein Ticket, um zu einer Love-Parade-Party zu kommen.

Der angebliche Skandal zeugt von erschreckendem Egoismus und peinlichem Kleinmut. Wenn beim erhofften großen Fußballfest nicht einmal die Repräsentanten der Gastgeber mit am Tisch sitzen dürfen, wenn man nicht einmal dem Staatsoberhaupt von Angola seinen Sitzplatz gönnt, der seine Mannschaft begleiten und anfeuern will, wie soll dann bloß “Die Welt zu Gast bei Freunden” sein?

Hingehört: Farin Urlaub’s Racing Team – “Livealbum Of Death”

März 7, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Der ultracoole Farin Urlaub hat auf dem "Livealbum Of Death" seinen Spaß. Wir auch.

Künstler Farin Urlaub’s Racing Team
Album Livealbum Of Death
Label Universal
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Am 2. März 1991 ist Serge Gainsbourg gestorben, und seitdem ist Farin Urlaub der coolste Mann der Welt. Er war mit den Ärzten angetreten, um Liebeskummer und Weltschmerz zu heilen. Er kam dann zurück, um der Jugend des Landes den rechten Weg zu weisen. Das alles führte ihn in die Rock’N'Roll-Realschule, auf den Gipfel.

Dann vollbrachte er es tatsächlich, ein Soloprojekt zu starten, bei dem niemand ernsthaft meint, es würde die Existenz der Ärzte gefährden – weil der große Blonde mit dem schwarzen Hemd gar keine Ego-Trips nötig hat. Aus dem selben Grund wurde aus Farin Urlaub nun wieder eine Band. Sein Racing Team glänzt auf dem Livealbum Of Death.

Darauf sind nicht nur die besten Stücke von Farin Urlaub vereint. Es singt auch ein ganzer Saal das Wort “Hubschrauberpilot”. Junge Menschen geben Szenenapplaus für ein Posaunen-Solo. Und der Start der Show berlinert kokett bei seinen Ansagen: das Über-Icke.

Wie schon bei Nach uns die Sintflut mit den Ärzten gelingt es auch hier beinahe, das Erlebnis des Konzerts zu konservieren. Für alle, die dabei waren, ist das ein unersetzliches Souvenir. Und alle anderen dürften nun merken, was sie im letzten Sommer verpasst haben – als sie womöglich im Urlaub waren.

Sieht nach Spaß aus: Zehn von Farin Urlaubs Livealbum Of Death:

Eine Fanseite für Farin Urlaub bei MySpace.

Interview mit Reinhard Bütikofer

März 6, 2006 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 

Reinhard Bütikofer sieht die Grünen auf Wachstumskurs. Foto: Grüne

Der Untersuchungsausschuss zur BND-Affäre muss und wird nach Ansicht von Reinhard Bütikofer kommen. Dem Bundesvorsitzenden der Grünen geht es dabei ums Prinzip – sowohl was die Einhaltung der Menschenrechte angeht als auch hinsichtlich der Rolle der Opposition im Bundestag. Im Gespräch zieht er außerdem nach sieben Jahren rot-grüner Regierung Bilanz, äußert sich zu Wachstumschancen für seine Partei und erklärt die Zusammenarbeit mit Claudia Roth.

Zu einem Untersuchungsausschuss über die Arbeit des BND werde sich die FDP, die sich heute in dieser Frage entscheiden will, “nach langem Zögern sicherlich durchringen. Das ist sie sich selbst und der deutschen Öffentlichkeit schuldig.” Anderenfalls wäre dies “ein Scheitern an der Aufgabe der Opposition, die die Regierung kontrollieren muss. Da müsste man dann sagen: Die Oppositionsparteien, die es verhindert haben, sind ihrer Aufgabe nicht gewachsen.”

Bütikofer sieht trotz des Berichts des Parlamentarischen Kontrollgremiums “nach wie vor Aufklärungsbedarf. Das betrifft die Arbeit der Agenten in Bagdad, den Fall El Masri und die CIA-Flüge.” Dass die Liberalen so lange zögerten, hat seiner Ansicht nach vor allem parteitaktische Gründe: “Herr Westerwelle hat so getan, als hätte er Gerhard Schröder und Joschka Fischer beim Kriegspielen erwischt.” Dass sich die Grünen – ebenfalls nach einigem Hin und Her – zum Ja durchgerungen haben, begrüßt der Bundesvorsitzende: “Man muss einfach von einer grünen Partei erwarten, dass sie im Zweifel für die Aufklärung eintritt – selbst wenn dabei etwas rauskommt, das für uns schwierig ist.”

Das Gremium sei keineswegs bloß Selbstzweck, um das Funktionieren der Opposition zu demonstrieren: “Man macht keinen Untersuchungsausschuss nur um zu zeigen, dass man die anderen ärgern kann. Ich bin für den Ausschuss, weil er in der Sache gerechtfertigt und erzwungen ist.”

Dem 53-Jährigen geht es dabei “nicht nur um administrative Details, sondern um Grundzüge unseres Selbstverständnisses als demokratische Republik, die den Menschenrechten verpflichtet ist. Akzeptieren wir, dass im Kampf gegen den Terrorismus bestimmte menschenrechtliche Standards eingerissen werden? Das können wir nicht akzeptieren!”

Energisch klopft er dabei mit der rechten Faust auf den Tisch. Auch wenn er Sätze sagt wie “Es geht darum, dass die Verbraucher Rechte haben und die auch durchsetzen können”, merkt man ihm das Engagement an. Ansonsten ist Bütikofer angenehm aufgeräumt. Sogar eine Steilvorlage, um über den politischen Gegner herzuziehen, lässt er ungenutzt. Am Missmanagement beim Eindämmen der Vogelgrippe sei nicht CSU-Verbraucherschutzminister Horst Seehofer schuld. “So eine aktuelle Krise ist kein guter Anlass für parteipolitische Auseinandersetzungen. Die Behörden müssen jetzt besser zusammenarbeiten und die Konsequenzen ziehen aus den Fehlern, die passiert sind, um dann besser vorbereitet zu sein”, fordert er.

Mit Phrasen hält sich der 53-Jährige zurück. Vor jeder Formulierung überlegt er kurz. Nur einmal antwortet Reinhard Bütikofer wie aus der Pistole geschossen. Als es darum geht, ob die Grünen inzwischen in der Opposition angekommen sind, entgegnet er: “Ja klar, wo sonst? Regierung sind wir nicht mehr.”

Den Zeiten, als seine Partei noch den Vizekanzler und zwei weitere Minister stellte, trauert Bütikofer kaum nach. “Das rot-grüne Projekt liegt hinter uns”, stellt er klar. Die Bilanz gebe jedoch allen Grund, “selbstbewusst die neuen Aufgaben anzugehen” und falle “aus grüner Sicht sehr erfolgreich” aus. Viele Dinge, für die sich anfangs nur die Grünen einsetzt hätten, seien heute selbstverständlich, beispielsweise die Minderheitenrechte für Schwule und Lesben.

Die Energiepolitik sei dabei der “strahlendste Erfolg”. Mit dem Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien habe man nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch “Akzente gesetzt bis nach China und Mexiko. Da kann man stolz drauf sein.”

Mit dem Einsatz für Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei habe man ebenfalls richtig gelegen. Zwar erfülle die Türkei noch längst nicht alle erforderlichen Kriterien. Doch gerade der Karikaturenstreit (“Einige der Zeichnungen hatten eine hetzerische Botschaft und haben Islam mit Gewalt gleichgesetzt. Das ist Denunziation”) zeige, dass die Türkei nicht zu den Scharfmachern der islamischen Welt gehöre, sondern eine vermittelnde Rolle einnehmen könnte. “Es wäre doch unglaublich attraktiv, wenn man einen Weg demonstrieren könnte, der zeigt: Islam und Demokratie, Islam und Menschenrechte, Islam und Weltoffenheit, Islam und Moderne – das passt gut zusammen und muss nicht in einen Kampf der Kulturen enden. Die Türkei kann da vielleicht helfen, eine Brücke zu bauen”, hofft Bütikofer.

Auch der grüne Ansatz für die Sozial- und Arbeitsmarktreformen sei richtig gewesen. Die große Koalition stehe heute selbst wieder vor der Frage, wie man bessere Wettbewerbsfähigkeit mit größerer Gerechtigkeit verbinden kann.

Wenn die Grünen also so viele ihrer zentralen Anliegen erreicht haben, wenn selbst der schwarz-rote Koalitionsvertrag grün gefärbt ist, kann sich die Partei dann nicht zur Ruhe setzen, wie es ihre einstige Galionsfigur Joschka Fischer (“Ich habe mir gewünscht, dass er mit uns weiter macht. Aber ich finde es auch positiv, wenn jemand die Fähigkeit hat, einen Strich zu ziehen und zu sagen: Ich kann mir auch ein anderes Leben vorstellen.”) für sich geplant hat?

Das sieht der studierte Historiker und Philosoph ganz anders. Er betrachtet die neue Linie als “eine große Chance, sowohl in linke Milieus auszugreifen als auch ins konservative Lager. Ich sehe für uns eine Wachstumschance in unserer Oppositionslage.” Wie sieht der neue Kurs aus? Die Grünen sollten sich “profilieren als die Bildungspartei”. Statt Zentralismus brauche man Schulen, in denen Lehrer und Schüler selbstständig etwas entwickeln können.

“Wesentlich stärker als bisher” wolle man auch “beim Thema Wirtschaftspolitik Zeichen setzen”. Gerade bei der Energieversorgung habe man gezeigt, “dass Umweltpolitik nicht der Gegensatz zur Wirtschaftspolitik ist. Beides greift ineinander”, sagt Bütikofer. Im Bereich Verbraucherpolitik wolle man weiter mit der Kompetenz und Beliebtheit von Renate Künast punkten, auch die Frage eines freieren Wettbewerbs zähle dazu: “Unternehmerisches Denken und grüne Orientierung – das geht zusammen.”

Die neuen Grünen auf dem Weg zum Neoliberalismus? So weit soll die Umorientierung dann doch nicht gehen. “Unsere Wähler erwarten, dass die Grünen in Fragen wie Integration, Fairness, Friedensorientierung, Atomausstieg und Bürgerrechte verlässlich bleiben”, weiß Bütikofer. Und weiterhin blieben sie “die Partei der vielen Köpfe, auch die Partei der Individualisten”.

Dass dieses Mehrdimensionale auch als Durcheinander erscheinen kann und schwerer zu vermitteln ist als eine starke Führungsperson, die allein in vorderster Front steht, nimmt Bütikofer in Kauf. Die Doppel-Parteispitze mit Claudia Roth funktioniere gut. Während Bütikofer vor allem für Wirtschaft, Soziales und Umwelt zuständig sei, betreue Roth Themen wie Innenpolitik, Einwanderung oder Bürgerrechte. Durch die Arbeitsteilung könne man mehr inhaltliche Orientierung mitgeben, die Partei profitiere davon: “Es gibt keinen Menschen, der über die ganze Bandbreite der aktuellen politischen Themen jeweils Tiefgang haben kann – auch keinen Parteivorsitzenden.”

Homepage von Reinhard Bütikofer.

Hingehört: Placebo – “Meds”

März 4, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

Auf "Meds" werden Placebo schwer mutig.

Künstler Placebo
Album Meds
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***

Schwermütig waren sie schon immer, nun fühlen sich Placebo auch noch schwer mutig. “Quasi wieder ein Debütalbum” habe man auf Vorschlag des Produzenten Dimitri Tikovoi mit Meds gemacht, sagt Sänger Brian Molko.

In der Tat klingen Placebo auf Meds keineswegs wie eine Band, die seit über zehn Jahren dabei ist, sondern frisch und ehrgeizig. Sie sind fast wieder dort, wo sie einst herkamen. Im Reich der manischen Melancholiker haben sie inzwischen ein beachtliches Territorium erobert, brauchen sich vor Vorbildern wie Joy Division, The Cure oder The Smiths kaum mehr verstecken. Einer der Helden, denen sie inzwischen auf Augenhöhe begegnen, ist auf Meds sogar mit dabei: Michael Stipe von REM brummelt kaum erkennbar auf Broken Promise.

Ansonsten blicken Placebo aber in erster Linie in die Zukunft. Der Gitarrensound erinnert des öfteren an Bloc Party. Auch Infra-Red mit viel Verve ist am Puls der Zeit. Das Highlight aber ist Follow The Cops Back Home. Von Brian Molko fast als Mantra gesungen, erinnert die Ballade an die majestätischsten Momente von Suede. Aber diese einstigen Weggefährten haben sie längst hinter sich gelassen.

Und es bewegt sich doch (wenn auch sehr langsam)! Der Clip zum äußerst gelungenen Follow The Cops Back Home:

Placebo bei MySpace.

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