Der Chef-rolet

April 29, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Keine Billigheimer-Optik: der Epica. Foto: Chevrolet

Keine Billigheimer-Optik: der Epica. Foto: Chevrolet

“Kunst entsteht, wenn die Maschine läuft”, lautete das Motto des Schweizer Künstlers Jean Tinguely. In dessen Geburtsstadt Fribourg stellte Chevrolet nun den Epica vor. Der ist zwar kein Kunstwerk – aber doch ein starkes Stück.

Die Mittelklasse-Limousine setzt der Produktpalette der Koreaner die Krone auf. Die Linienführung lässt den Epica noch länger erscheinen, als er ohnehin schon ist (4,80 Meter), unter der Haube sind sechs Zylinder in einem quer eingebauten Motor am Werk: ein echter Chef-rolet. “Bis auf weiteres wird der Epica bei Chevrolet die obere Grenze darstellen”, sagt Deutschland-Geschäftsführer Günther Sommerlad denn auch.

Ab Mitte Juli wird der Epica beim Händler stehen. Das beste Argument ist bei Chevrolet wieder einmal der Preis: Mit dem Zweiliter-Motor, der 144 PS leistet, gibt es die Limousine für 20.890 Euro. ABS, sechs Airbags, Klimaanlage und CD-Radio sind da schon inklusive. Selbst in der Top-Version, mit 156 PS, einem halben Liter mehr Hubraum, Tempomat, Einparkhilfe, Ledersitzen und sechsfach-CD-Wechsler muss man für den Epica gerade einmal 25.490 Euro hinblättern.

Wie ein Billigheimer sieht der Epica trotzdem nicht aus. Innen kann er zwar keine edlen Materialien bieten, gefällt aber mit einer harmonischen Farbkombination und großzügigem Platzangebot. Die Sitze sind sehr bequem, die Instrumente im Blickfeld des Fahrers vorbildlich übersichtlich. Alles, was man nicht unbedingt ständig im Blick haben muss, wurde in die Mittelkonsole verbannt, die dadurch freilich etwas überfrachtet ist.

Außen gibt es typisch asiatische Linien, die an Toyota und Lexus denken lassen. “Beim Design stand ein Wort im Mittelpunkt: einfach”, erklärt Sung Paik, der dem Wagen sein klassisches Antlitz verpasst hat, das stimmig und konsequent umgesetzte Gestaltungskonzept.

Abzug gibt es allerdings für die Motoren. Gerade mit der Zwei-Liter-Variante wird man leicht zum Verkehrshindernis. Sportliches Fahren oder zügiges Überholen sind selbst im vierten Gang kaum möglich. Etwas kraftvoller agiert das größere Aggregat. Die zwölf PS mehr machen sich dabei nicht so bemerkbar wie das deutlich höhere Drehmoment. So wird die 2,5-Liter-Variante, die es nur mit Automatikgetriebe gibt, zumindest zu einer komfortablen Reiselimousine.

Wer gerne entspannt und defensiv unterwegs ist, wird nicht nur das etwas weiche Fahrwerk und die nicht allzu direkte Lenkung schätzen, sondern auch die Geräuschdämmung. Im Vergleich zum Vorgänger Evanda (noch als Daewoo, wie die Marke bis Februar 2005 hieß) ist der Epica mit dickeren Scheiben und zusätzlicher Schaumstoffdämmung ausgestattet, was man ihm anhört – oder eben nicht. Ab August soll es auch ESP geben. Ein Commonrail-Diesel mit vier Zylindern und 150 PS ist für 2007 angekündigt.

Kaum Halbwertszeit

April 26, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · 1 Comment 

Tschernobyl ist 1000 Kilometer weit weg und 20 Jahre her. Aber aktueller hätte der Jahrestag des Super-Gaus kaum sein können: Der steigende Ölpreis sorgt für hohe Energiekosten und Angst, von den Lieferanten abhängig zu werden. Die Diskussion um CO2-Emissionen lässt Atomstrom als verhältnismäßig umweltfreundlich erscheinen. Zuletzt kam eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zu dem Ergebnis, dass der Reaktorunfall bisher gerade einmal 50 Todesopfer gefordert habe. Atomenergie scheint rehabilitiert zu sein. Viele wollen einen Schlussstrich ziehen.

Die Halbwertszeit des menschlichen Gedächtnisses ist offensichtlich nicht so groß wie die des strahlenden Materials. Makabre Hochrechungen von Opferzahlen, mit denen auf Kosten der Betroffenen Politik betrieben werden soll, nutzen dies aus. Dabei sind die Folgen von Tschernobyl nach wie vor präsent. Eine Fläche, die doppelt so groß ist wie der Landkreis Fulda, wird auf Jahrhunderte hinaus für Menschen unbewohnbar sein. 200.000 Quadratkilometer – das entspricht der Ausdehnung Bayerns, Niedersachsens, Baden-Württembergs, Nordrhein-Westfalens und Schleswig-Holsteins zusammen – sind weiterhin mit radioaktivem Material vergiftet.

Noch heute sterben und erkranken Menschen an den Folgen der Strahlung. Nicht zuletzt: Elf Reaktoren vom selben Typ wie der Block, der in Tschernobyl explodierte, sind nach wie vor in Betrieb.

Allzu präsent ist auch noch die Erinnerung an die Tage nach der Katastrophe: Während die offiziellen Stellen hinter dem Eisernen Vorhang gezielt verschleierten, waren die Behörden im Westen völlig überfordert mit der Situation, übertrafen sich gegenseitig mit schockierenden Schreckensmeldungen und verantwortungslosen Verharmlosungen. Das Ergebnis waren “Sofortmaßnahmen”, die sechs Tage nach der Explosion ergriffen wurden, sinnlose und widersprüchliche Schutz-Empfehlungen und eine völlig verunsicherte Bevölkerung, die sich der unsichtbaren Gefahr nahezu hilflos ausgeliefert sah.

Tschernobyl hat uns allen bewusst gemacht, wie ohnmächtig die Menschen im Falle eines Unfalls der enormen atomaren Zerstörungskraft ausgeliefert sind. Die Katastrophe hat sowohl zeitlich als auch räumlich die Dimensionen verdeutlicht, die ein Unglück annehmen kann.

Tschernobyl hat auch andere Probleme in den Blickpunkt gerückt, die mit der Atomenergie verbunden sind. Die Frage nach Zwischen- und Endlagerstätten ist nach wie vor nicht gelöst. In Zeiten von Terroranschlägen mit Passagierflugzeugen kommt neben menschlichem und technischem Versagen zudem ein weiterer Risikofaktor hinzu. Die Antwort kann nur ein vernünftig geplanter Ausstieg aus der Atomenergie sein. Alles andere würde bedeuten, auf Kosten kommender Generationen mit dem Feuer zu spielen.

Durchgelesen: Kristof Magnusson – “Zuhause”

April 25, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Zuhause" ist kein Ort - auch in diesem Buch nicht.

Autor Kristof Magnusson
Titel Zuhause
Verlag Kunstmann
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Selten begann ein Roman so furios. Auf wenigen Seiten schafft es Kristof Magnusson nicht nur, seine beiden Hauptfiguren vorzustellen. Er liefert gleich ein Psychogramm von Larús und Matilda mit. Man kennt die beiden sofort und – was viel wichtiger ist – man bangt unmittelbar mit ihnen mit.

Es sind gestochen scharfe Dialoge, die sie sich gleich am Beginn liefern, und die die besondere Qualität dieser Beziehung klar machen, voller Intensität und Rivalität. Und es sind Beobachtungen des anderen, unfassbar zielsicher, wie sie nur bei Leuten gelingen, die man aus dem Sandkasten kennt. “Ich nahm noch eine Halstablette. Die Plastikfolie um die gelbe Rose in Matildas Hand knisterte. Ich rieb mir die Augen. Matilda sah mich an, lächelte, und ich erschrak ein wenig, denn sie hob nur einen Mundwinkel. Ich kannte dieses halbe Lächeln: Sie sah mich an wie eine wahnsinnige Ingenieurin, die mich entworfen und nun eine neue Fernsteuerung für mich gebaut hatte, mit einem großen roten Knopf drauf, den sie begierig war auszuprobieren. Ein roter Knopf, der mir den Befehl gab, trinkend durch das Land zu ziehen und in einem Anfall von melancholischer Tobsucht die Siedlungen der Schafbauern zu verwüsten und über die Söhne aufs Meer hinausgefahrener Fischer herzufallen, wonach man mich ins Hochland verbannen und noch nach Generationen warnend von mir sprechen würde.” Sofort ist klar: Gerade weil diese beiden besten Freunde sich so viel bedeuten, gehen sie so unerbittlich, ja grausam miteinander um.

Beide erwarten vom Gegenüber nichts weniger als Perfektion, erhoffen für den anderen nichts weniger als das Paradies. Sie suchen Verständnis beieinander, und sie bekommen oft nur Kränkungen.

Der Roman ist aber keineswegs bloß die Geschichte dieser besonderen Freundschaft. Denn “Zuhause” ist natürlich auch hier kein Ort, sondern eine Suche. Es ist auch ein ganz anderer Blick auf Island, ohne Esoterik, dafür mit reichlich historischem Ballast, der sich gar zu einem Krimi auswächst. Der Boden, aus dem heiße Quellen sprudeln und über dem angeblich die Elfen tanzen, ist hier fast überall mit Blut besudelt, und mit Tränen.

Es ist zudem ein Weihnachtsmärchen, in dem sich die Melancholie des Advents nur mit Belle & Sebastian und den Smiths ertragen lässt. Es ist ein fein konstruiertet Roman von fast ausufernder Komplexität, die aber durch tolle Einfälle wie die “Gesellschaft der Liebeskranken in Zürich” oder die Vergleiche mit der Vogelwelt eine schlüssige Form findet.

Schließlich entwirft Kristof Magnusson ein Sittengemälde, jawohl: so etwas wie das Porträt einer Generation.

Beste Stelle: “Erwachsen werden war wie nach Australien fahren. Man wusste, wie die Kängurus aussahen, aber man konnte sich trotzdem nicht vorstellen, wie es sein würde, einem gegenüber zu stehen. Milan und ich hatten uns oft vorgestellt, wie es wohl sein würde in der Welt der Geld verdienenden Menschen, die sich richtige Möbel kauften und abends zu Hause blieben. Wir hatten uns auf Australien gefreut.”

Viel Lärm um nichts

April 22, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Gasprom ist auf dem Kriegspfad. Der russische Riese fühlt sich von der EU drangsaliert und droht, den Gashahn abzudrehen, wenn man keinen direkteren Zugang zu den Kunden bekommt. Brüssel überlegt laut, ob man sich nicht nach anderen Quellen umsehen sollte.

Hinter dem Streit stecken aber nur leere Drohungen. Denn die EU weiß genau, dass sie ohne die Kreml-Unternehmen nicht kann. Schon jetzt wird ein Viertel des europäischen Bedarfs mit russischem Gas gedeckt, in Zukunft dürfte dieser Anteil noch steigen. Und ob andere Energie-Anbieter ähnlich verlässlich sind, ist angesichts der aktuellen Krisen in Venezuela, Nigeria und im Iran zu bezweifeln.

Auch Gasprom übt sich mit dem Hinweis, man könne das Gas auch in andere Länder liefern, bloß in Ränkespielen. Denn zum einen haben sich die Russen auf Jahrzehnte hinaus vertraglich zu Lieferungen nach Europa verpflichtet. Zum anderen gibt es in Nordamerika und vor allem in China zwar durchaus eine steigende Nachfrage nach russischem Gas, aber kaum Pipelines, um das begehrte Gut dorthin zu bringen. Schließlich weiß auch Gasprom-Chef Alexej Miller, dass er in den Europäern vorbildliche Kunden hat, die mit harter Währung pünktlich zahlen.

Wie schon im Streit mit der Ukraine nutzen die Russen ihre Energie-Vorkommen auch diesmal in erster Linie, um die Preise zu treiben. Und um sich als die Weltmacht zu profilieren, die sie militärisch und politisch längst nicht mehr sind.

Durchgelesen: Peter-André Alt – “Friedrich Schiller”

April 20, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Autor, Werk, Entstehung und Wirkung werden in der Biographie beleuchtet.

Autor Peter-André Alt
Titel Friedrich Schiller
Verlag C.H. Beck
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

“Leben – Werk – Zeit” heißt der Untertitel von Alts zweibändigem Schiller-Standardwerk, aus der dieses 120-Seiten-Bändchen konzentriert wurde. Und dies zeigt bereits die besondere Leistung dieser Biografie: Nicht nur der Autor, nicht nur seine Texte werden hier beleuchtet, sondern auch Entstehung und Wirkung.

Deshalb eignet sich “Friedrich Schiller” auch kaum als Einführung in das Werk des Autors, dessen besondere Leistung laut Alt darin bestand, “dass er den Menschen auf den Geschmack der Freiheit bringt, indem er ihn mit der Möglichkeit einer Autonomieerfahrung vertraut macht, wie sie nach Schiller allein das Schöne offerieren kann”, und noch weniger als nachträgliche Interpretationshilfe. Am besten liest man diese Lebensbeschreibung parallel zu Schillers Texten – deren Größe deutlich wird, und auf die Alt wieder Lust macht.

Beste Stelle: “Leib, Genuss, Enthusiasmus, Sehnsucht und Trauer sind für ihn primär Chiffren der poetischen Imagination. Schiller ist an solchen Punkten ein körperloser Autor, der seine empirische Welt auf die Phantasie beschränkt, mit deren Hilfe er den Zwängen der Physis zu entkommen sucht.”

Hingehört: Graham Coxon – “Happiness In Magazines”

April 16, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

"Happiness In Magazines" zeigt Graham Coxon endlich als Rocker mit schrägen Akkorden.

Künstler Graham Coxon
Album Happiness In Magazines
Label Transcopic Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

“Ich war mal bei Blur.” Es gab Zeiten, in denen dieser Satz nicht besonders cool klang. Als Blur nur diese Kunst-Fuzzis mit Riesen-Egos waren, die Verlierer des Kriegs gegen Oasis. Nicht so 2005. Das war nicht nur das Jahr, in dem Damon Albarn mit den Gorillaz plötzlich wieder an der Spitze der Charts stand und die Kaiser Chiefs mit einem Blur-für-Arme-Sound den Franz machten.

Es war auch das Jahr von Graham Coxon. Mit Happiness In Magazines wurde er zum Indie-Übervater, zum Paul Weller seiner Generation. Er gab sich gewohnt mysteriös, war wochenlang nicht zu sehen, tauchte dann bei den angesagtesten Terminen auf, spielte spontane Konzerte und ließ sich von Libertines & Co. als König von Camden feiern. So etwas nennt man wohl: eine Wiedergeburt.

Dabei macht er eigentlich nichts anderes, als er bei Blur auch gemacht hat. Nur verschleierte die Band damals noch die Rollenverteilung: Wer ist eigentlich der Punk bei Blur, und wer ist der seltsame Typ, der auf Kirmesorgeln steht? Wer ist der Rocker mit den schrägen Akkorden und wer ist derjenige, der William Orbit für notwendig hielt? Mit diesem Solowerk macht El Coxo nun klar, dass er auf der richtigen Seite dieser Abwägung steht. Er gibt sich der Lust an der Melodie hin, dem simplen Song, vor allem aber: der spleenigen Gitarre.

Wie famos Coxon das Instrument beherrscht, sieht man am besten auf der Bühne, wo er sich immer noch ein wenig linkisch gibt, die Brille zurechtrückt und sich gefährlich windet. Man erkennt es aber auch auf dieser Platte, denn die Produktion des alten Weggefährten Stephen Street fährt glücklicherweise nichts auf, was den Blick verstellen könnte.

Und so ist dies wie eine Sammlung der besten Coxon-Momente von Blur, also immer die euphorischsten und brüchigsten, wie Coffee & TV, auch You’re So Great und sogar Battery In Your Leg. Nur noch einen Tick besser, befreiter, selbstsicherer.

Der Opener Spectacular wird gleich vollkommen dem Moment gerecht, in dem einen einfach der Schlag trifft vor lauter Begeisterung. In No Good Time macht er noch einmal perfekt den Außenseiter mit Pullunder und Kassengestell, der gar nicht dazugehören will zur Glitzerwelt, und genau weiß, dass dies die weitaus glamourösere Attitüde ist. Girl Done Gone könnte man modernen Blues nennen, wenn das nicht so schrecklich nach Jonny Lang klingen würde. Don’t Be A Stranger ist mit Marimba und lustigen Schlagzeug-Breaks grandios verspielt.

Das unwiderstehliche Bittersweet Bundle Of Misery dürfte eine der bezauberndsten Liebeserklärungen aller Zeiten sein, auch im zuckersüßen All Over Me kommt der Romatiker im Nerd durch. Der Rabauke darf sich dann im famosen Freakin’ Out und dem herrlich trotzigen Rundumschlag People Of The Earth austoben. Der verbitterte Zyniker findet in Are You Ready? sein Zuhause, samt gespenstischer Western-Atmosphäre mit Orgel und Streichern, und schaut auch in Bottom Bunk mal kurz vorbei: “You’re very pretty and your tanned / but I’d rather sleep with my right hand.”

Unfassbar ist der Schlusspunkt Ribbons And Leaves: eine herzzereißende Kombination aus Kinderlied-Melodie und Möderballaden-Atmosphäre, am Ende das hingehauchte Bangen: “Life, I love you.” Spätestens danach kann kein Zweifel mehr daran bestehen: Graham Coxon war mal bei Blur. Und er war nicht der Kopf dieser Band, sondern der Bauch. Und das Herz.

So energisch können Brillenträger sein: Der Clip zum famosen Freakin’ Out:

Graham Coxon bei MySpace.

Der Weg ist das Ziel

April 15, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
So sieht er aus: der offiziell schönste Strand der USA.

So sieht er aus: der offiziell schönste Strand der USA.

Die 14 Etagen des “Adam’s Mark Hotels” sind nur noch ein Haufen Schutt. Nähert man sich dem Trümmerberg, kann man noch ein paar der einstigen Möbel erkennen und die Muster der Tapeten an den Wänden.

Die Hurrikans “Katrina” und “Wilma”, die im vergangenen Jahr über Florida fegten, haben aber nichts mit dieser Zerstörung zu tun. Das Haus, 1974 eröffnet und damals eines der größten Hotels am Strand, wurde gesprengt.

Denn die Stadt Clearwater macht sich fit für die Zukunft. Eine “Beach Walk” genannte Strandpromenade soll entstehen – mit herrlichem Blick auf den Golf von Mexiko, vielen Cafés und reichlich Platz für Radfahrer und Inline-Skater. Wer per pedes unterwegs ist, kann den Sand unter den Füßen spüren. Wasser speiende Schildkröten sollen den Badegästen als Dusche dienen, Skulpturen und Springbrunnen für eine angenehme Atmosphäre sorgen. Ende März erfolgte der erste Spatenstich. Bis 2009 soll die neue Flaniermeile vollendet sein.

“Das jetzige Gesicht des Strandes ist in den vergangenen Jahrzehnten quasi im Wildwuchs entstanden: heruntergekommene T-Shirt-Stände neben vielen kleinen Restaurants und schicken Hotels. Das ist nicht zeitgemäß. Wir wollen ein modernes und einheitliches Ambiente schaffen”, erklärt Doug Matthews von der Stadt Clearwater die Idee hinter dem 30-Millionen-Dollar-Projekt. Er weiß: Sauberes Wasser, feinster Sand, viele Wassersportmöglichkeiten und 361 Tage Sonne im Jahr reichen nicht mehr. “Unser Strand ist seit Generationen bei Touristen beliebt. Aber wir dürfen uns nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Wir brauchen ein zukunftsweisendes Konzept.”

30 Millionen Dollar scheint ein hoher Preis für einen Strandweg zu sein. Die Summe relativiert sich aber, wenn man sieht, wie viel Clearwater mit dem Tourismus verdient: Allein aus Europa kommen jedes Jahr eine knappe Million Besucher in die Stadt, ein gutes Drittel davon sind Deutsche. Beth Coleman von der Tourismusbehörde hofft, dass die Zahlen demnächst sogar noch besser aussehen. “Der Beach Walk wird das Urlaubserlebnis noch einmal verbessern”, ist sie überzeugt und fügt hinzu: “Während der Bauzeit bleiben die anderen Sehenswürdigkeiten natürlich geöffnet.”

Und davon hat die 100.000-Einwohner-Stadt eine Menge zu bieten. Im Aquarium kann man Delfine bestaunen, der Yachthafen und das berühmte Pier 60 locken Sportfischer. Über vierzig Golfplätze gibt es in der Region, allein die Stadt Clearwater hat acht. Vor allem aber gibt es: Strand. 56 Kilometer Strand. Und zwar Spitzenstrand – glaubt man Stephan Leatherman vom Institut für Küstenforschung an der Universität Miami, besser bekannt als “Dr. Beach”. Er kürte den Fort de Soto Park zum schönsten Küstenabschnitt der Vereinigten Staaten.

Der Park bietet nicht nur knapp zehn Kilometer feinsten Sandstrand, sondern vor allem – trotz Picknick-Möglichkeiten, Imbissbuden und Campingplatz – viel Natur. Auf einem Lehrpfad können Besucher, die sich nicht bloß in der Sonne aalen wollen, die heimische Tier- und Pflanzenwelt entdecken: Schildkröten, Muscheln, Fischadler, Klapperschlangen und giftigen Efeu.

Eine besondere Attraktion sind die Reste des alten Militärstützpunkts, von dem der Park seinen Namen hat. Riesige Kanonen stehen heute noch entlang der Rad- und Wanderwege. Im ehemaligen Haus des Quartiermeisters ist ein kleines Museum mit Devotionalien des spanisch-amerikanischen Krieges untergebracht. “Fort de Soto war damals nicht besonders beliebt. Es gab kaum Ablenkung – und die Moskitos waren schrecklich”, erzählt Park-Manager Scott Robinson.

Das, was die Amerikaner Geschichte nennen, lässt sich auch in Clearwaters Heritage Village erleben. Das Freilichtmuseum lässt die Zeit um 1900 wieder auferstehen. Bauernhäuser und Landvillen, aber auch eine Schule und ein Bahnhof samt Dampflok stehen hier – komplett mit Einrichtung wie Spinnrädern oder Telegraphen. Wer eine Überdosis Historie abbekommen hat, kann sich gleich nebenan im botanischen Garten wieder entspannen. Oder einen Abstecher ins “Gulf Coast Museum of Art” machen, wo Werke zeitgenössischer Künstler aus Florida zu sehen sind.

Überhaupt ist die Gegend für Kunstfreunde ein Eldorado. St. Petersburg hat in dieser Hinsicht gleich zwei Höhepunkte zu bieten: Das “Museum of Fine Arts” hat sich auf französische Impressionisten und amerikanische Maler spezialisiert. Weltberühmt ist das Salvador-Dalí-Museum, das knapp 100 Ölgemälde des spanischen Surrealisten zeigt.

Ein Highlight im Kulturkalender ist das Jazzfestival in Clearwater. Größen wie Stan Getz oder Branford Marsalis sind hier schon unter freiem Himmel aufgetreten. Die kostenlosen Shows, die seit 1980 stattfinden, werden für Musikfreunde ein Erlebnis: Szenenapplaus für gelungene Soli oder spontane Tanzeinlagen der Zuschauer sind nicht selten, famose Konzerte in lauen Nächten garantiert. Im vergangenen Jahr kamen an vier Tagen etwa 70.000 Zuschauer.

Boney James beim Clearwater Jazz Holiday.

Boney James beim Clearwater Jazz Holiday.

Auch für die Künstler ist das Clearwater Jazz Holiday etwas Besonderes. Altmeisterin Koko Taylor schwärmt nach ihrem Auftritt von der tollen Stimmung. Ihre 77 Jahre merkt man der Blues-Lady auf der Bühne nicht einen Moment lang an. “Wenn die Leute Spaß haben, feuert mich das noch mehr an”, nennt sie den Grund für ihren Jungbrunnen.

Auch Ramsey Lewis ist inzwischen ein Clearwater-Veteran. Dass er nicht mehr in verrauchten Clubs auftritt, sondern vor großem Publikum und unter freiem Himmel, sieht er nicht als Problem: “Es muss intim sein, aber die Größe ist dabei egal. Man muss einen inspirierten Moment finden. Das geht überall und jederzeit.”

Die Vorteile eines Festivals überwiegen seiner Ansicht nach die Nachteile. “Manche Leute kommen hier her, um Spaß zu haben und entdecken dabei erst den Jazz. Ich selbst treffe hier viele alte Bekannte und freue mich, dass es so viele talentierte Musiker gibt.” Sorgen um die Zukunft des Genres müsse man sich nicht machen. “Wenn die Künstler originell und kreativ sind, wird Jazz überleben. Und gerade solche Festivals erhalten das Momentum am Leben”, meint auch Newcomer Brian Culbertson.

Er schwört nach seiner Show, dass dies nicht sein letzter Auftritt am Golf von Mexiko war: “Die Landschaft ist toll, die Fans sind großartig – und ich war heute Morgen noch am Strand.” Das gibt es wohl nur in Clearwater. Schöne Künste – und schöne Küste.

Ein Go-Kart mit Schaltung

April 15, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Als hätte man einen Mini Cooper mit einem Porsche Cayenne gekreuzt: der Micra C+C. Foto: Nissan

Als hätte man einen Mini Cooper mit einem Porsche Cayenne gekreuzt: der Micra C+C. Foto: Nissan

Bei sechseinhalbtausend Touren reißt der Wind an der Mütze, der Motor macht einen Höllenlärm, und die Topografie der Fahrbahn ist so direkt zu spüren, als fahre man auf ihr Wasserski. Die Tachonadel zeigt längst einen Wert an, den es laut technischem Datenblatt gar nicht geben dürfte. Das alles ist ungefähr das Gegenteil von dem, was man gemeinhin “Laufkultur” nennt. Es ist: Temperament.

Der Nissan Micra C+C ist mit dem 1,6-Liter-Motor ein Spaßmobil. 110 PS verleihen dem gerade einmal 1200 Kilo schweren Cabrio reichlich Rasanz und Fahreigenschaften, die stark an ein Go-Kart erinnern – also enorme Wendigkeit, ein sehr direktes Ansprechen auf Befehle der Pedale und der Lenkung sowie ein unmittelbares Gefühl für den Asphalt. Das Beste daran: auch quietschende Reifen, Motor-Röhren und der Wind im Gesicht sind inklusive.

Das zweiteilige, nahezu komplett aus Glas bestehende Dach von Karmann ist das Highlight an diesem Auto. Es faltet sich innerhalb von 22 Sekunden fast ausschließlich durch hydraulische Unterstützung in den Kofferraum. Die Zahl der Bauteile wurde gegenüber vergleichbaren Dächern reduziert und damit auch die Zahl der potenziellen Fehlerquellen.

Weiterer Vorteil: Auch bei geschlossenem Dach hat man nach oben einen Panoramablick. Außerdem sorgte die Karmann-Entwicklung für ein Plus an Karosseriesteifigkeit. Schließlich nimmt die Konstruktion recht wenig Platz weg: Auch wenn man oben ohne unterwegs ist, fasst der Kofferraum noch 255 Liter. Mit geschlossenem Dach stehen 457 Liter Stauraum zur Verfügung.

Ein Platzriese ist der Micra C+C trotzdem nicht. Zwar ist das Cabrio fast neun Zentimeter länger als die Limousine, aber auf der Rückbank sollte man doch lieber nur die Tennistasche transportieren als die Gegner zum Doppel. Auch Fahrer- und Beifahrersitz bieten für sehr groß gewachsene Piloten etwas wenig Beinfreiheit.

Gewöhnungsbedürftig ist auch das schlüssellose Zugangssystem. Die Fächer in den Türen sind so geformt, dass kleine Gegenstände wie zum Beispiel Schlüssel mitunter schwer darin zu erreichen sind. Zumindest bei längeren Autobahnfahrten wünschte man sich zudem einen sechsten Gang. Der würde nicht nur den Verbrauch reduzieren, sondern auch den Geräuschpegel, so dass man das gute Audiosystem mit Sechsfach-CD-Wechsler (gibt es für 290 Euro Aufpreis) besser genießen könnte.

Ansonsten gibt es nichts zu meckern. Die Windschutzscheibe steht so flach, dass man Wetter (und vor allem Wind) nicht schutzlos ausgeliefert ist, aber dennoch die Cabrio-Freiheit spürt. Vier Airbags, aktive Kopfstützen und das bei der 1,6-Liter-Version serienmäßige ESP sorgen für die nötige Sicherheit. Dank der knackigen Maße ist auch die Parkplatzsuche kein Problem. Mit seiner individuellen Optik, die ein bisschen aussieht, als sei ein Porsche Cayenne über einen Mini Cooper hergefallen, wird der Micra C+C seine Fans gewinnen. Und die dürfen sicher sein: Spaß ist garantiert.

Hingehört: Atomic Kitten – “The Greatest Hits”

April 14, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Atomic Kitten: makelloser Abgang, feiner Pop.

Künstler Atomic Kitten
Album The Greatest Hits
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Mal ehrlich: Als Girl-Group hat man kaum eine Chance auf einen würdigen Abgang. Entweder man (besser: Frau) zofft sich, gerät sich möglichst spektakulär in die Haare, wirft jemanden raus aus der Band und alles ist aus (Spice Girls, Tic Tac Toe). Oder man zofft sich nicht, jedenfalls nicht öffentlich, aber jemand kommt auf den Ego-Trip, die anderen machen das nicht mit, und alles ist aus (Destiny’s Child, Bangles). Oder man verpasst einfach den richtigen Moment für den Abgang und wundert sich eines Tages darüber, dass sich niemand mehr für das neue Album interessiert (Bananarama, Salt’n'Pepa).

Lil, Jenny und Tash haben in dieser Hinsicht alles richtig gemacht. Am Anfang waren sie die Mädels von nebenan, etwas babyspeckig und mit manchmal sogar unreiner Haut, die immer den Eindruck machten, als seien sie gerade auf dem Weg zum Hennenabend. Am Ende waren sie waschechte Glamour-Girls, stets perfekt frisiert und geschminkt, für die man sich eigentlich gar keinen anderen Lebensraum als den roten Teppich oder das Fotostudio mehr vorstellen konnte. Genau so, wie das sein muss. Sie haben einen Haufen Hits rausgehauen und sich dann einfach zurückgezogen, zum Kinderkriegen und Geldausgeben und SichEndlichMalNichtMehrUmDieFigurKümmernMüssen. Ohne großen Krach, ohne Solo-Ambitionen. Makellos.

Und genau so makellos waren auch die besten Songs von Atomic Kitten. Perlen des Pop, Glanzstücke selbst in der an Diamanten nicht armen Girl-Group-Geschichte. Das unsterbliche Whole Again macht den Auftakt, ebenso verführerisch wie unschuldig, ebenso elegant wie inbrünstig. Auch The Tide Is High setzt auf dieses tiefe Grummeln im Harmoniegesang und schafft es tatsächlich, dem Blondie-Hit noch ein unwiderstehliches Break hinzuzufügen.

It’s OK! ist nicht bloß ein Ohrwurm, sondern eine Anaconda von einem Hit, und macht zudem die Stärke von Atomic Kitten deutlich: Es braucht hier keine Monsterbeats und keine prachtvolle Produktion. Die Power steckt in den Songs, in diesem Fall in einem fein synkopierten Gesang im Refrain und den herrlich absurden Streichern. Das mit im Hintergrund plonkerndem Klavier und dezenten Scratches ganz ähnlich konstruierte If U Come To Me ist ein einziger Rausch, ein Glückstaumel, eine Sonne von einem Song. Die Piano-Ballade Someone Like Me treibt den Minimalismus auf die Spitze, ohne mit all den fehlenden Instrumenten auch nur einen Bruchteil seiner Schönheit einzubüßen.

Eternal Flame macht nicht den Fehler, das Bangles-Pathos noch übertreffen zu wollen, sondern besticht mit Leichtigkeit und Karaoke-Charme. The Last Goodbye ist ein Wunder der Würde: Stolz, Kraft und Anmut im Moment der Niederlage. Das (wie einige andere der Hits) von Ex-OMD-Mann Andy McCluskey geschriebene Right Now 2004 ist ein Wirbelwind, anfeuernder als jeder Drill-Instructor. Die schlicht bezaubernde Liebeserklärung You Are richtet sich mit etwas Fantasie sogar an die Fans, Cradle hat einen ähnlichen Tenor und noch mehr Grazie.

Wo es zu solcher Zeitlosigkeit auf Seiten der Songs nicht reichte, hatten Lil, Jenny und Tash immer noch zwei Trümpfe im Ärmel: ihre Stimmen und ihre ansteckende, glaubhafte und mitreißende Fröhlichkeit. Das plumpe I Want Your Love, das ebenfalls etwas zu vordergründig Disco-stampfende Be With U, das seichte Love Doesn’t Have To Hurt oder das Kool & The Gang-Cover Ladies Night mögen keine Höhepunkte der Komponier- und Arrangierkunst sein, aber ein Lächeln oder ein kurzes Zucken in den Füßen rufen sie allemal hervor. Und was, bitteschön, will man von Popmusik mehr verlangen?

Ein Hingucker, vielleicht auch eine Liebeserklärung an die eigenen Fans: Das Video zu You Are:

Atomic Kitten bei MySpace.

Hingehört: D-Sound – “My Today”

April 5, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Man sollte Aufzüge in Norwegen meiden. Dort könnte "My Today" erklingen.

Künstler D-Sound
Album My Today
Label Edel
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung *1/2

Musik sei die Negation der Sprache, das Anti-Wort, hat Milan Kundera in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins geschrieben. So hat er das aber sicherlich nicht gemeint: Die Texte von D-Sound sind ebenfalls gar nicht vorhanden. Zwar gibt es hier Worte, aber keinen Inhalt.

Hülsen und Slogans wie “Sing it!” und “Try this!” verkleben den ersten Song Universally, auch sonst wird auf den Songs des Trios mit einer Infantilität gereimt, wie man sie allenfalls Zwölfjährigen durchgehen lassen würde, die gerade ihr erstes Wochenende im Denk-Positiv-Workshop hinter sich haben.

Man ist deshalb schon dankbar, dass der zweite Song so konsequent ist und mit “Dida da dadada” beginnt, und dann kann man auch die Stärken des deutsch-norwegischen Trios erkennen. Da ist zunächst einmal die Stimme von Sängerin Simone (gebürtig aus Freiburg): einschmeichelnd, angenehm und doch markant. Dazu kommt die Musikalität von Schlagzeuger Kim Ofstad und Bassist Jonny Sjo, die sich am Berkeley College of Music kennen gelernt haben. Und schließlich eine ausgeprägte Vorliebe für luftig-leichten Pop mit Black-Music-Einschlag.

Damit haben D-Sound nicht nur die Norweger (dort erreichen ihre Platten Platin-Status) für sich begeistern können, sondern auch renommierte Kolaborateure gewonnen. Tony Momrelle von Soul II Soul singt auf der netten Single Birthday mit, der sonst eher maulfaule Jazz-Liebling Till Brönner leiht dem sanften Sigh ebenfalls seine Stimme, und natürlich seine Trompete.

Jazz findet sich auch sonst hier gekommt angedeutet, ebenso wie Funk und Soul. Handwerklich ist das alles bestens gemacht, nur die Substanz fehlt. Schöne Musik für den Aufzug. Oder die Tanzschule.

Ein Heimspiel für Sängerin Simone: Birthday live im Jazzhaus in Freiburg:

D-Sound sind (Gott sei Dank) nicht bei MySpace.

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