Kein Rabatt

Mai 24, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Bis man verurteilt ist, gilt man als unschuldig. Und bis man sich verdächtig macht, gilt man als unverdächtig – auch in Zeiten des Terrors. Das Bundesverfassungsgericht hat wieder einmal deutlich gemacht, dass es keinen Rabatt auf Grundrechte gibt, auch wenn die Strafverfolgungsbehörden gerne gläserne Bürger hätten, die überall und jederzeit aufzuspüren sind.

Das Karlsruher Urteil schützt alle unbescholtenen Bürger, die schon jetzt unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung ohne ersichtlichen Grund zahlreiche persönliche Daten preisgeben müssen, beispielsweise beim Erwerb einer Eintrittskarte für ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft.

Es stärkt zugegebenermaßen auch all jene, auf die das Profil eines Terrorverdächtigen passt. Doch dass darunter wirklich die Sicherheit im Land leidet, muss bezweifelt werden. Denn weder im Kampf gegen die RAF in den 1970er Jahren noch nach dem 11. September 2001 hat sich die Rasterfahndung als wirkungsvolles Instrument erwiesen. Seit den Terroranschlägen von New York wurden 8,4 Millionen Menschen in Deutschland durchleuchtet – kein einziger Schläfer wurde dabei gefunden.

Mehr noch: Die riesige Menge der gesammelten Daten ist für die Beamten kaum zu bewältigen, selbst brauchbare Spuren gehen deshalb darin unter. Von den Rucksack-Bombern in London hatte die Polizei sogar Videoaufnahmen – und konnte die Anschläge trotzdem nicht verhindern.

Das Geld, das jetzt eingesetzt wird, um einem fragwürdigen Generalverdacht nachzugehen, sollte lieber in eine bessere personelle und technische Ausstattung der Polizei fließen. Wenn Beamte auf der Straße präsent sind statt vor einem Computerbildschirm zu sitzen (wo sie auch noch nichts finden), dann fühlen sich die Menschen sicherer. Auch potenzielle Attentäter schreckt eine Streife vor Ort wohl deutlich mehr als eine abgefangene E-Mail.
Die Polizei käme dann auch wieder ihrer eigentlichen Aufgabe nach: Nicht wahllos zu schnüffeln und die gesamte Bevölkerung für potenziell kriminell zu erklären, sondern tatsächliche Verbrecher zu finden.

Vision ist verblasst

Mai 12, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Europa kann funktionieren. Von Riga bis Lissabon werden Waren auf dem Binnenmarkt gehandelt. Als politische Einheit bewies die EU unlängst gegen die Hamas oder im Atomstreit mit dem Iran Stärke. Als Friedensgemeinschaft hat die Union dafür gesorgt, dass einstige Erzfeinde nun freiwillige Partner sind.

Gerade diese Idee war es, die das Konzept vom vereinten Europa einst so verheißungsvoll gemacht hat. Doch die Vision ist verblasst. Dass Nachbarn nun Freunde und Grenzen nun offen sind, nehmen viele schon als Selbstverständlichkeit hin. Was stattdessen von Europa beim Bürger ankommt, verbreitet wenig Begeisterung: Die Brüsseler Verwaltung erscheint als weltfremdes Paragrafenmonster, die Gemeinschaftswährung wurde schnell zum Teuro, und die Osterweiterung wird in erster Linie als Bedrohung empfunden. Was die EU ihnen bringt, verstehen die Menschen nicht. Und das liegt nicht an den Menschen, sondern an der EU.

Wenn Angela Merkel mehr Bürgernähe propagiert, trifft sie damit den Kern des europäischen Problems. Zwar zeigte die Kanzlerin kaum wirkliche Lösungen auf. Dennoch ist der Ansatz richtig: Europa muss vor allem übersichtlicher und verständlicher werden. Es muss den Menschen in den mittlerweile 25 Mitgliedsstaaten seine Stärke und seine Stärken vermitteln. Nur dann kann überhaupt so etwas wie eine europäische Identität entstehen, nur dann werden die Menschen wieder an die Idee Europa glauben – und nur dann bekommt die EU auch die Legitimität, die ihr jetzt noch fehlt.

Dass Europa bisher vor allem ein Gedanke ist, der von oben nach unten forciert wird, haben nicht nur die Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden gezeigt. Merkels Beharren auf einem einheitlichen Verfassungsvertrag mag deshalb überraschen. Doch die Kanzlerin weiß: Wenn es tatsächlich gelingen könnte, der EU eine gemeinsame Verfassung zu geben, wäre dies womöglich der von ihr erhoffte Beginn einer neuen Ära, sicher aber das Ende der europäischen Sinnkrise.

Umso wichtiger wird es sein, das (von der EU selbst geschaffene) Verfassungsproblem überzeugend zu lösen. Dass man den nach heftigen Auseinandersetzungen gefundenen Verfassungstext noch einmal neu diskutieren muss, mag lästig erscheinen, könnte aber auch eine Chance werden. Womöglich war Merkel gestern auch aus diesem Grund darauf bedacht, sich für die Zeit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr alle Optionen offen zu lassen. Auf die jetzt vorliegende Formulierung pochte sie jedenfalls nicht.

Hingehört: Phoenix – “It’s Never Been Like That”

Mai 3, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Spätestens mit "It's Never Been Like That" setzen Phoenix auch Frankreich auf die Pop-Landkarte.

Künstler Phoenix
Album It’s Never Been Like That
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Wie Franzosen klingen sie wirklich nicht. Eher so, als kämen sie aus Birmingham, Melbourne oder sogar, ähem, Phoenix, Arizona. International also. Universal.

Das ist auch auf dem dritten Studioalbum von Phoenix noch immer eine kleine Überraschung. Denn schließlich kommen die vier Jungs tatsächlich aus Versailles. Das klingt nicht nur so, als würden sie sich morgens nach dem Aufstehen in ihre barocken Kostüme schmeißen. Es bringt auch das Stigma mit sich, dass Franzosen bisher international mit ihrer Musik kaum Aufsehen erregen konnten, jedenfalls nicht mit Gitarrenklängen.

Um auch die letzten Pop-Provinz-Vorurteile auszuräumen, haben sie ihr neues Werk It’s Never Been Like That in Berlin aufgenommen. Und haben dabei vieles ganz anders gemacht. “Es ging uns darum, wieder ganz von vorne anzufangen”, schildert Sänger Thomas Mars die Herangehensweise. Das hört man zwar oft aus dem Mund von Bands, aber im Fall von It’s Never Been Like That hört man es auch auf der Platte.

Die spielerische Leichtigkeit und den bedingungslosen Optimismus wird man diesmal nicht finden. Auch das Luxuriöse, Elegante, Ausgeklügelte, für das man die Franzosen bisher kannte, haben die vier einstigen Schulfreunde ganz bewusst draußen gelassen. Stattdessen entstand alles spontan im Studio. Phoenix ohne Masche.

Resultat ist das bisher geschlossenste Werk der Band – und ein Album, das trotz der Lust an der Innovation erstaunlich sehr nach Phoenix klingt. Das schmissige Consolation Prizes geht sofort in die Beine, Rally setzt sich ebenso unmittelbar im Ohr fest. Die Hitsingle Long Distance Call hat sich dort schon längst eingenistet.

Der Höhepunkt ist Napoleon Says gleich zum Auftakt. Eine flirrende Gitarre und ein trockener Strokes-Beat münden in einen tollen Refrain. Mit solchen Liedern könnten Phoenix am Ende noch das schaffen, was selbst dem Empereur stets versagt blieb: England zu erobern.

Fast wie Jarvis Cocker, aber mit Tricolore: Phoenix spielen das wunderhübsche Consolation Prizes live in Conan O’Briens Late Show:

Phoenix bei MySpace.