Hingehört: Eleni Mandell – “Miracle Of Five”

Januar 30, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Das "Miracle Of Five" funktioniert mit ganz viel Schönheit. Und einer tollen Stimme.

Künstler Eleni Mandell
Album Miracle Of Five
Label V2
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Fair ist das nicht. Andere Musiker müssen sich einen Sandkasten ins Wohnzimmer bauen, auf der Suche nach Inspiration um die halbe Welt reisen oder Unmengen von Drogen nehmen, um ein gutes Lied zustande zu bringen. Eleni Mandell macht einfach den Mund auf, und schon klingt es gut. Die Dame aus Los Angeles ist gesegnet mit einer Stimme, wie man sie nicht oft hört. Einnehmend, geheimnisvoll, variantenreich.

Auf ihrem sechsten Album Miracle Of Five changiert die Musik stets sehr angenehm (und manchmal etwas belanglos) zwischen akustischem Pop und softem Jazz, mal Jack Johnson mit Brüsten, mal Sophie Zelmani mit etwas weniger Naivität. Doch umso packender ist der Gesang. Häufig verträumt wie zum Auftakt Moonglow, Lamp Low, gelegentlich auch sanft-stichelnd wie im bezaubernden Girls.

Das sinnlich-verführerische von Joni Mitchell (der Titelsong) findet sich hier ebenso wie die Verruchtheit Shirley Mansons (Beautiful) oder die kieksige Melancholie von Jewel (Invisible Moon). Die Stimme wurde bei dieser Platte zuerst aufgenommen, die anderen Instrumente richteten sich dann daran aus, und um so dominanter wirkt Mandells Alt hier.

Viel besser als bisher (und nach Ansicht der Autorin ein ganzes Stück optimistischer) sind die Texte geworden, ob in der Geschichte vom Streufahrzeug oder dem notorischen Make-Out King. Der ist inzwischen übrigens zum Mann an Mandells Seite geworden. Ob es die Stimme war, die ihn becircte, das will Eleni Mandell dann allerdings doch nicht verraten.

Ganz viel Wohlklang, ein bisschen Stichelei und reichlich Fifties-Ästhetik: Der Clip zu Girls:

Eleni Mandell bei MySpace.

Hingehört: “Nachtschicht Vol. 04″

Januar 30, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Wenn es dunkel wird in Rödelheim: "Nachtschicht vol. 04".

Künstler Diverse
Album Nachtschicht Vol. 04
Label 3P
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Schon zweieinhalb Jahre gestalten Moses Pelham und Bayz Benzon die sonntägliche Nachtschicht auf Planet Radio, und zum vierten Mal gibt es nun einen Sampler mit handverlesenen Stücken aus der Sendung. Nachtschicht Vol. 04 bietet einen klasse Soundtrack für die Geisterstunde und überrascht dabei mit einer erstaunlichen stilistischen Bandbreite. Rap, Rock, Soul, Electro: alles stimmig integriert.

Neben sanften R’n'B-Tönen (Ms Dynamite, Keyshia Cole, Sebastian Hämer) und den exzellenten Mitchell Brothers stehen Kracher von Deichkind und Juelz Santana. Und sogar Wir sind Helden (Darf ich das behalten) klingen in diesem Kontext plötzlich spooky. Gespenstisch gut.

Auch drauf: Das sehr feine Alone With The TV von den Mitchell Brothers:

Hingehört: The Blood Arm – “Lie Lover Lie”

Januar 28, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

"Lie Lover Lie" klingt wie eine Indie-Orgie.

Künstler The Blood Arm
Album Lie Lover Lie
Label Because Musik
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Die Kerls von Franz Ferdinand sind blöderweise stets so schick angezogen, dass man sie sich gar nicht nackt vorstellen kann. Amanda und Brian von den Dresden Dolls sind in ihren Weimarer-Republik-Kostümen so sicher verschnürt, dass sie da wahrscheinlich ohnehin nicht rauskommen. Und was Adam Green, der König des Schweinkrams, im Bett so alles anstellt, das will man besser gar nicht wissen. Aber wenn es jemals so etwas geben sollte wie eine Orgie mit all diesen Beteiligten, im “Club Art Brut”, dann käme dabei so etwas heraus wie The Blood Arm.

Das Quartett aus Los Angeles legt nun sein Debüt Lie Lover Lie vor. Slogans und Disco-Rhythmen à la Franz Ferdinand gibt es darauf en masse, Keyboarderin Dyan Valdés lässt Saloon-erprobte Klavier-Eskapaden wie von den Dresden Dolls erklingen, und Ex-Filmstudent Nathaniel Fregoso verleiht seiner Stimme gerne den Ton des zynischen Komikers – eine Rolle, in die auch Adam Green immer wieder schlüpft.

“Ein paar verdammte Hits” habe er aus diesem Gen-Pool gefischt, verspricht Fregoso gleich zu Beginn, und das ist keine Lüge. Dank seines monströsen Klavier-Riffs und der Zeile “I like all the girls, and all the girls like me” ist Suspicious Character längst zur Club-Hymne geworden. Angela hat eine famose Dramatik und einen geheimen Reggae-Beat. Going To Arizona ist die musikalische Entsprechung einer von ganz viel Whiskey ausgelösten Verbrüderung, der Schlachtruf Do I Have Your Attention ist der beste Twist seit den Fat Boys Chubby Checker. Der Rausschmeißer Dolores wird gar zu einem kaputten Mini-Musical.

“Yo” ist das erste Wort auf dieser Platte, “Why” ist das letzte. Alles, was sich dazwischen abspielt, wird von The Blood Arm mit mächtigem Spaßfaktor und typischem Hollywood-Glamour beleuchtet. Musik, zu der sogar Jungs tanzen dürften.

So funktioniert Entertainment: Suspicious Character live in London:

The Blood Arm bei MySpace.

Durchgelesen: Peter Handke – “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter”

Januar 25, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Aus der Wirklichkeit gibt es kein Entrinnen. Auch nicht für Torleute.

Autor Peter Handke
Titel Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1970
Bewertung ***1/2

Im ersten Moment scheint dies ein Bericht übers Burn-Out-Syndrom zu sein, bevor irgendjemand diesen Begriff überhaupt kannte. Ein ehemaliger Fußballprofi streift durch Wien, und sein einziges Gefühl scheint zu sein: Er ist satt, er hat alles erlebt, nichts kommt ihm mehr erstaunlich, originell oder sehenswert vor.

Beinahe aus Langeweile wird er in gleich zwei Mordfälle verwickelt, und gerade da wird deutlich: Woran er verzweifelt, ist nichts anderes als die Wirklichkeit und ihre Unausweichlichkeit. Er leidet an der eigenen Ohnmacht, aber nur durch eine grenzenlose Übersteigerung des Selbst. Er erkennt andere Menschen gar nicht mehr als solche, noch die alltäglichste Wahrnehmung erscheint ihm wie speziell für ihn gemacht.

Die Unbegreiflichkeit der eigenen Tat wird so zur Unbegreiflichkeit der eigenen Existenz. Und zu Paranoia.

Beste Stelle: “Selbstverständlich, das Haus vor ihm war einstöckig, die Fensterläden waren festgehakt, auf den Dachziegeln lag Moos (auch so ein Wort!), die Tür war geschlossen, darüber stand: Volksschule, hinten im Garten hackte jemand Holz, es musste der Schuldiener sein, richtig, und vor der Schule stand natürlich ein lebender Zaun, ja, es stimmte, es fehlte nichts, nicht einmal der Schwamm unter der Tafel drinnen im finsteren Schulzimmer und die Schachtel mit den Kreidestücken daneben, nicht einmal die Halbkreise draußen an den Mauern unter den Fenstern, zu denen es eine Zeichenerklärung gab, die bestätigte, dass es sich um Fensterhakenschrammen handelte, es war überhaupt, als bekäme man von allem, was man sah oder hörte, bestätigt, dass es aufs Wort stimmte.”

Hingehört: Jet – “Shine On”

Januar 24, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

"Shine On" ist eine gute Platte. Nicht wegen, sondern trotz des Produzenten.

Künstler Jet
Album Shine On
Label Atlantic
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Der Mann scheint echt einen schlechten Einfluss zu haben. Bei Oasis sprach man Noel Gallagher noch den Midas Touch zu. Doch wenn es darum geht, junge Bands mit seinem Segen zu versehen, dann wirkt sich sein Votum scheinbar als verderblicher Hauch aus.

Ocean Colour Scene? In denen hat nie jemand außer Noel etwas mehr als aufrechte Mucker erkannt. Die Seahorses? Kamen nicht mal dahin, dass sie überhaupt jemand gekannt hat. Black Rebel Motorcycle Club? Wurden von einem aufblasbaren Riesenpenis zerstört.

Und nun hat Noel auch noch Jet ruiniert. Nicht nur, dass sich die Bands gegenseitig bewundern. Sie waren auch lange gemeinsam auf Tour, spielten und feierten zusammen. Das Ergebnis: Jet klingen jetzt wie Oasis. Genau so. Und zwar, leider, wie die späten Oasis. Man kann sich das gut vorstellen, wie die Brüder Gallagher und die Brüder Cester sich gegenseitig beweihräuchern, in Bars prahlen und backstage über ihre liebsten 1970er-Jahre-Helden fachsimpeln (Cover und Booklet dieses Albums sehen aus, als seien sie vor 35 Jahren entstanden).

Jet, die einst aufregend und wild waren, die sofort zur Sache kamen, klingen auf Shine On behäbig und gezähmt.

Doch man macht es sich zu leicht, wenn man nur Oasis die Schuld daran gibt. Man darf nicht vergessen, dass Nick und Chris Cester seit dem fulminanten Debüt Get Born ihren Vater verloren haben – ein Schock, der naturgemäß dazu führen dürfte, den Fuß ein bisschen vom Gas zu nehmen. Zudem sind Jet als Musiker auf Shine On hörbar gereift, und das verführt natürlich dazu, weniger aufs Brachiale, mehr aufs Subtile zu setzen. Und schließlich wurde dieses Album (leider) von Dave Sardy produziert, dem Mann hinter den Reglern, der schon Don’t Believe The Truth jeden Punch und Glamour nahm.

Und so ist Shine On zunächst eine Enttäuschung. Holiday möchte gefährlich sein, hat aber keine Wucht. Put Your Money Where Your Mouth Is (jawohl: es gibt auch einen Oasis-Song, der so heißt) möchte sexy sein, klingt aber wie von Eunuchen gespielt. Bereits beim dritten Song ist man dann fast schon verzweifelt, angesichts des Tempos, das man eigentlich von Jet gewohnt war: Wo sind die Hymnen? Wo sind die Kracher? Die Songs, die einen sofort umhauen und mitreißen? Es gibt sie hier nicht.

Aber Bring It On Back (jawohl: es gibt auch einen Oasis-Song, der so ähnlich heißt) leitet zumindest die Wende zum Besseren ein. Die Gitarren verbreiten einen niedlichen Jangle, und der Refrain ist ganz bezaubernd. Ausgerechnet das askustische Kings Horses hat dann erstmals die Dringlichkeit, die einst das Markenzeichen dieser Band war. Und der Titelsong, wohl dem verschiedenen Papa gewidmet, ist natürlich rührend und auch sonst fein gemacht.

Und das, was man bei einem Album früher die B-Seite nannte (fragt Noel!), ist dann sogar richtig gut. Stand Up (jawohl: nach allen bekannten Naturgesetzen muss es demnächst auch einen Oasis-Song geben, der so heißt) ist der erste überzeugende Rocker auf Shine On, famos in seiner Lässigkeit und Dramaturgie und Selbstbekräftigung. Auch das schmissige Rip It Up hätte gut auf Get Born gepasst.

Das herrlich zurückgenommene Shiny Magazine vereint die Beach Boys mit Tom Petty, und klingt in echt noch viel besser, als diese vielversprechende Paarung ohnehin erwarten lässt. Das akustische Eleanor ist dank seiner superben Harmonies ein verdammter Hit. Und das Gospel-inspirierte All You Have To Do befolgt schließlich alle Gebote, die im großen Rock-Lehrbuch unter dem Stichwort “Rausschmeißer” stehen: Du sollst alle mitsingen lassen, du sollst alle zum Schunkeln bringen, und du sollst das längste Lied auf der Platte sein.

Dass es vor allem die leiseren Momente sind, die hier überzeugen, ist dann doch eine Überraschung. Aus dem Jet ist ein Propellerflugzeug geworden.

Die Videos sehen plötzlich aus aus wie vor 35 Jahren: Der Clip zu Rip It Up:

Jet bei MySpace.

Durchgelesen: William S. Burroughs – “Naked Lunch”

Januar 24, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Naked Lunch" ist eine Höllenfahrt.

Autor William S. Burroughs
Titel Naked Lunch
Verlag Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1959
Bewertung ***

Hier von harter Kost zu sprechen, wäre schamlos untertrieben. “Eine Höllenfahrt durch die Ängste und Horrorvisionen der Zivilisation” nannte die “Zeit” diesen Roman, und Burroughs selbst räumt hier im Nachwort der ersten ungekürzten deutschen Ausgabe ein, sein Werk sei “brutal, obszön und abstoßend”.

Anderswo äußert er sich kurz zu seiner Herangehensweise: “Ein Schriftsteller kann immer nur über eines schreiben: was seine Sinne im Augenblick des Schreibens wahrnehmen… Ich bin ein Instrument, das Sinneseindrücke registriert…Ich maße mir nicht an, dem Leser eine ‘Story’, eine ‘Handlung’, eine “‘Kontinuität’ aufzunötigen…Nur sofern es mir gelingt, gewisse psychische Vorgänge direkt aufzuzeichnen, mag ich eine begrenzte Funktion haben…Ich bin kein Entertainer…”.

Fürwahr. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Zynismus, die Leere, das Pornographische – all dies macht “Naked Lunch” zu einer manchmal kaum zu ertragenden Tour de Force. Doch dann erkannt man in all dem Horror plötzlich, warum diese Abgründe so schauderlich sind: Weil man sie auch selber in sich hat, vielleicht noch nicht erkannt und entdeckt, aber doch erahnt. Burroughs verabschiedet den Humanismus, er bricht das Tabu und zeigt den Barbar und das Tier in uns allen, und das ist das erschreckende Verdienst von “Naked Lunch”.

Dazu kommt die stilistische Komponente, die Collage-Technik von Burroughs. Das Auseinanderreißen und Neuzusammensetzen von Texten ist hier ungemein anstrengend, wirkt manchmal willkürlich und sperrig, erweist sich aber als ebenso visionär. Das Wort “Remix” war damals schließlich noch längst nicht erfunden. Burroughs zeigt sich auch darin als radikaler Neuerer mit ungeheurer Wirkungsmacht. Kein Lied von Marilyn Manson, kein Film von Jonas Akerlund wäre ohne sein Werk denkbar.

Beste Stelle: “Ich lehnte mich zurück und ließ mein Gehirn arbeiten, ohne es zu drängeln. Wenn man es zu sehr drängelt, bricht es zusammen wie eine überlastete Telefonvermittlung, oder es sabotiert einen, indem es verkehrt schaltet. Und einen Fehler durfte ich mir nicht leisten. Amerikaner haben einen eigentümlichen Horror davor, das Heft aus der Hand zu geben und die Dinge einfach laufen zu lassen. Am liebsten würden sie in ihren Magen runtersteigen und die Verdauung selbst in die Hand nehmen und anschließend auch noch die Kacke rausschaufeln.”

Kriegserklärung

Januar 11, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

José Manuel Barroso wandelt auf den Spuren von Hugo Chavez. Einen Tag, nachdem der Präsident Venezuelas angekündigt hat, einen großen Stromversorger des Landes zu verstaatlichen, lässt nun der Präsident der EU-Kommission die Bombe platzen: Das beste für den Wettbewerb auf dem europäischen Energiemarkt wäre es, Erzeuger und Verteiler zu trennen. Eon, Vattenfall & Co. sollen Stromleitungen und Gasrohre weggenommen werden. Eine Kriegserklärung.

Die Worte des Portugiesen sind Balsam auf die Seele für jeden, der in den vergangenen Monaten eine Strom- oder Gasrechnung bekommen hat. Brüssel macht klar: Der Markt funktioniert in diesem Bereich nicht, und die Verbraucher müssen die Zeche dafür zahlen. Allein in Deutschland streichen die Energieversorger durch überhöhte Preise pro Jahr 20 Milliarden Euro ein, ergaben EU-Berechnungen.

Die Pläne der Kommission setzen auch am richtigen Punkt an. Theoretisch kann ein Unternehmen derzeit noch so günstig Strom oder Gas erzeugen und dem Verbraucher anbieten wollen – wenn die Monopolisten ihm keinen fairen Zugang zu ihren Leitungen gewähren, wird dieses Angebot nie beim Kunden ankommen. Deshalb aber gleich Enteignungen zu fordern, geht zu weit. Egal, wie raffgierig RWE oder ENBW auch sein mögen: Die Netze gehören ihnen, und das Recht auf Eigentum ist im Grundgesetz geschützt.

Barrosos Vorschlag hat deshalb kaum Aussichten auf Verwirklichung. Neben rechtlichen Hürden stehen politische Widerstände. Letztlich entscheiden die Mitgliedsstaaten über das Konzept. Sowohl Deutschland als auch Frankreich haben massive Bedenken. Zudem sind die Pläne auch nicht ausgereift. Wer soll die Leitungen kaufen? Wer soll sie unterhalten? Dass die Börse gestern so gut wie gar nicht reagierte, zeigt, wie gering die Chancen auf eine Umsetzung sind.

Bessere Aussichten hat Plan B, der nicht auf Enteignung, sondern auf eine stärkere Regulierung setzt. Zwar hat es nach der Liberalisierung der Energiemärkte fast zehn Jahre gedauert, aber in diesem Bereich sind Fortschritte zu erkennen. Aufmerksamere, mächtigere und besser vernetzte Aufsichtsbehörden können durchaus Druck auf die Preise ausüben. Die Bundesnetzagentur hat das zuletzt bewiesen.

Dass die Kommission mit einer Maximalforderung auf den Plan tritt, ist verständlich. Denn so kann Stimmung gemacht und von Seiten der Verbraucher Druck aufgebaut werden. Wie nötig das ist, haben die Energieriesen gestern selbst bewiesen: Sie drohten nach Bekanntwerden des EU-Konzepts prompt mit Investitionsstopps. Dass nicht nur die Kunden den Strom brauchen, sondern die Unternehmen auch die Kunden, scheinen sie zu vergessen. Und der Hinweis, mehr Wettbewerb werde zu weniger Investitionen und mangelnder Qualität führen, dürfte für alle RWE-Kunden wie Hohn klingen, die nach gebrochenen Strommasten im Münsterland im vergangenen Winter tagelang im Dunkeln saßen.

Hingehört: The Shins – “Wincing The Night Away”

Januar 5, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Die Shins inszenieren mit "Wincing The Night Away" diesmal Kino im Kopf.

Künstler The Shins
Album Wincing The Night Away
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Diesmal wird es wohl keinen Film brauchen, um ein Lied der Shins zum Hit zu machen. Vor gut zwei Jahren wurde New Slang im Soundtrack zu Garden State eingesetzt (und später auch noch in einem Werbespot für McDonald’s) und verhalf der Band aus New Mexiko zu ungeahnter Popularität. Diesmal hat das Quartett so viele Hits dabei, dass es auch ohne cineastischen Rückenwind im Rampenlicht bleiben wird.

Wincing The Night Away, das mittlerweile dritte Album der Band, verbindet besser denn je die beiden Traditionsstränge, auf die sich Sänger James Mercer und seine Mitstreiter berufen: klassischen, an den 1960er Jahren orientierten Westcoast-Pop und Indierock britischer Prägung. Auf den Punkt gebracht wird das im stärksten Stück der Platte: Phantom Limb kreuzt die Byrds mit Jesus & Mary Chain.

Das Album kommt dabei zunächst förmlich aus dem Nichts. Erst nach gut zwei Minuten nimmt Sleeping Lessons Gestalt an, verwandelt sich dann aber in einen lächelnden Wirbelwind. Noch heiterer, noch strahlender wird Australia.

Dazu gibt es ein paar Überraschungen: Sea Legs setzt auf einen unbarmherzigen Hip-Hop-Beat (wird von diesem allerdings zerstört), Spilt Needles klingt fast muskulös, das spinnerte Red Rabbits kommt mit Steeldrums daher. Das Kino spielt diesmal im Kopf.

Der Clip zu Phantom Limb legt die Vermutung nahe, dass die Shins mal in der Theater-AG waren:

Die Shins bei MySpace.

Chancen verbaut

Januar 4, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Neue Männer braucht das Land. Der Slogan, den Ina Deter vor fast 25 Jahren in die Republik posaunte, ist wieder aktuell. Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat das starke Geschlecht als neue Problemgruppe im an Sorgenkindern ohnehin nicht gerade armen deutschen Bildungssystem entdeckt.

Eine Erklärung ist nicht allzu schwer: Gruppenzwänge, die Forderung, cool zu sein, der Druck, sich keine Schwäche anmerken zu lassen – all dies wirkt auf Jungen viel stärker als auf Mädchen. Wenn Probleme auftauchen, scheuen sich Jungen deshalb viel häufiger, Hilfe zu suchen. Das Ergebnis kann eine gefährliche Eigendynamik sein – die weltweiten Amokläufe von Littleton bis Emsdetten sind nur die extremste Ausprägung dieses Phänomens.

Hurrelmann hat zum Teil auch schon Antworten parat. Mehr männliche Lehrer und Erzieher sind unbedingt notwendig. Dass auch Jungen – gerade in der Schule – Ansprechpartner und Identifikationsfiguren des eigenen Geschlechts brauchen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Doch in drei von vier Fällen steht in Deutschland eine Frau an der Tafel.

Die Mädchen haben in den vergangenen Jahrzehnten vorgemacht, wie effektiv und befreiend das Aufbrechen klassischer Rollenmuster sein kann. Wenn eine Schulabgängerin heute gerne lernen möchte, wie man Autos repariert oder Computer programmiert, löst das längst eher Be- als Verwunderung aus. Doch ein junger Mann als Kindergärtner oder Kosmetiker? Das können sich die meisten noch immer nicht vorstellen. Während sich das schöne Geschlecht im Zuge seiner Emanzipation neu erfunden hat, haben die Männer geschlafen und sich damit selber Chancen verbaut – nicht nur auf dem Arbeitsmarkt.

Möglichkeiten werden den Schülern aber auch andernorts geraubt. Geschlechtsspezifische Vorurteile haben nämlich auch viele Arbeitgeber, und Unternehmensstrukturen sind oft ähnlich unmodern wie die überholten Vorstellungen von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Es verwundert nicht, dass angesichts solcher Umstände nicht alle Schüler daran glauben, dass ein Umdenken für sie wirklich vorteilhaft wäre. Sie verharren dann in den Mustern, die ihnen die eigene Familie oder die Gesellschaft in vielen anderen Bereichen vorlebt.

Es ist wie so oft: Der Nachwuchs braucht Ziele und Vorbilder. Er braucht aber auch den Willen und das Wissen, um an sie heranzukommen. Und er braucht die Hoffnung, dass sich die Arbeit, die Schüler in ihre eigene Ausbildung stecken sollen, später auch auszahlt – indem qualifizierte Schulabgänger auch qualifizierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze finden, in denen sich moderne Geschlechterbilder auch verwirklichen lassen. Neue Männer können dabei nur der Anfang sein.