Spaß statt Sparen
Politiker werben öfter mit schiefen Argumenten für eine an sich gute Sache. Dass Kinder mehr Sport treiben sollen, ist eine prima Idee – und das bei weitem nicht nur, um dadurch das Gesundheitssystem zu entlasten. Dafür, den Urlaub ruhig auch einmal in Deutschland zu verbringen, spricht so viel, dass es den Hinweis auf das dadurch eingesparte Flugbenzin wirklich nicht braucht. Und wenn Renate Künast sich dafür ausspricht, dass die Deutschen am besten alle Toyota fahren sollten, dann sollte man ihr ruhig das Ohr leihen – auch wenn sich die Sache mit der herausragenden Umweltfreundlichkeit als Mär erweist.
Denn wenn die Grünen-Fraktionssitzende “Toyota” sagt, meint sie eigentlich “Hybrid”. Doch die Japaner sind zwar der Hersteller, der die sparsame Kombination aus Benzin- und Elektromotor bisher am erfolgreichsten anbietet, aber schon längst kein Monopolist mehr in diesem Segment. Und wenn Toyota auf Hybrid verzichtet, ist es mit der Emissions-Herrlichkeit mitunter schnell vorbei.
Im Lexus IS 220d beispielsweise. Die Limousine der Toyota-Luxus-Tochter kommt mit einem 177 PS starken Dieselmotor daher. Man muss mit dem Gaspedal schon so sanft und filigran umgehen wie Zinédine Zidane mit dem Fußball, um beim Verbrauch eine sieben vor das Komma zu bekommen. Bei einer Bleifuß-Fahrweise werden die Werte hingegen schnell deutlich zweistellig.
Dafür bietet die Limousine zwar einen entsprechenden Gegenwert beim Fahrspaß. Doch der Vergleich mit Konkurrenten zeigt, dass Lexus beim Selbstzünder technologisch hinterherhinkt. Ein BMW 320d – der auch von den Fahr-Charakteristika her durchaus mit dem IS 220d vergleichbar ist – verbraucht selbst bei sportlichster Fahrweise höchstens sieben Liter Diesel auf 100 Kilometern. Diese Differenz spürt nicht nur die Umwelt, sondern auch der Geldbeutel: Hochgerechnet auf eine Fahrleistung von 20.000 Kilometern im Jahr kommen da bei den aktuellen Spritpreisen knapp 900 Euro zusammen.
Das Geld hat man allerdings leicht übrig, denn mit einem Einstiegspreis von unter 30.000 Euro lässt der Lexus die deutsche Konkurrenz alt aussehen – vor allem, wenn man bedenkt, dass hier zehn Airbags, ESP, Tempomat, Klimaanlage sowie eine exzellente Audioanlage bereits zur Serienausstattung zählen. Dazu kommen eine beeindruckende Laufruhe, ein sehr guter Bedienkomfort (vor allem das Touchscreen-Display, das als Teil des Multimedia- und Navigationspakets 3900 Euro extra kostet, erweist sich hier als überzeugende Lösung) und eine Verarbeitungsqualität, wie man sie von der Luxus-Variante eines Toyota erwarten darf.
Der IS ist jedoch keineswegs bloß ein Auto für Rationalisten. Dafür sorgt vor allem der Fahrspaß. Der 2,2-Liter-Selbstzünder hat ein Drehmoment von 400 Newtonmetern. Wie viel das tatsächlich ist, merkt man vor allem bei Zwischensprints im hohen Tempo: So lange man seine Klamotten anbehält, kann man in einem Auto kaum mehr Spaß haben, als wenn man hier im sechsten Gang von 120 auf 200 beschleunigt.
Dabei ist der Wagen kein brachialer Kraftprotz: Lenkung, Schaltung und eine Fahrwerksabstimmung, die neben dem gewünschten Komfort eine für einen Fronttriebler erstaunliche Dynamik zulässt – samt Unruhe im Heck, die dem Fahrer (trotz des integrierten Fahrdynamik-Managements VDIM) genug Herausforderungen lässt.
Makellos ist freilich auch dieses Auto nicht. Die Cupholder sind schwer zu erreichen. Für Kopf und Beine groß gewachsener Passagiere könnte im Fonds mehr Platz sein. Und bei sehr lauter Musik ist die Stimme des Navigationssystems (selbst in der höchsten Stufe) nicht mehr zu verstehen. Im Testwagen spielte zudem der Schlüssel des Smart-Key-Systems gelegentlich verrückt, so dass sich die Tür mehrmals nur manuell öffnen ließ. Ein Ärger: Dieses Auto vor sich zu haben, und dann nicht einsteigen zu können, ist eine herbe Zurückweisung. Wer einmal drin saß, wird unbedingt fahren wollen – so weit der Diesel reicht.
Hingehört: Bloc Party – “A Weekend In The City”
| Künstler | Bloc Party |
| Album | A Weekend In The City |
| Label | Wichita |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Ein Konzeptalbum. Das war beinahe zu erwarten gewesen. Schließlich bilden Bloc Party die Speerspitze der Bewegung, der man mangels eines treffenderen Begriffes das etwas undankbare Label vom “Art Rock” angehaftet hat, bloß weil sie ein bisschen mehr können (und wagen) als drei Akkorde und 4/4-Takt. Schließlich gilt das Quartett als notorisch verkopft, als etwas zu höflich und ein bisschen zu humorlos für eine ordentliche Rockgruppe. Schließlich ist dies die Band, die vor zwei Jahren Silent Alarm vorgelegt hat, ein Monster von einem Debüt.
Kein anderes Album brachte den Sound des Jahres 2005 so auf den Punkt und schaffte es zudem, auch heute noch spannend und aktuell und tief zu klingen. Dass sich diese Jungs für ihr zweites Werk nicht mit mehr vom Selben zufrieden geben würden, war klar. Was sie nun mit A Weekend In The City vorlegen, ist dennoch eine Überraschung. Ein Schock.
Von einem Konzept will Sänger Kele Okereke zwar nichts wissen. “Das Wort ist mir ungeheuer, es ist schon so überfrachtet”, sagt er, räumt aber immerhin ein: “Es gibt rote Fäden, die sich durch die Songs ziehen.” Es ist ein Album über London und die Terrorangst, über Jugendkultur und Rassismus, über die Leere der Moderne und die Möglichkeiten, sie zu füllen, über Feiern und den Kater danach. Es ist ein Album über 2007, das aber klingt wie eine Platte aus dem Jahr 2070. Denn Bloc Party sind nicht nur in ihren Texten noch ernsthafter geworden, sondern auch in ihrer Musik noch mutiger.
Mit dem Gesang werden hier unglaubliche Dinge angestellt, die Rhythmen sind so unkonventionell, dass man beinahe “Avantgarde” dazu sagen muss. Gleich zu Beginn verstört der Song For Clay mit irren Taktwechseln. Hunting For Witches hat ein Gitarrenriff, das derart scharf und packend ist, dass Franz Ferdinand ihm ewig hinterherjagen werden, bis sie atemlos zusammenbrechen und sich plötzlich fragen, ob es das alles wert war, ob es das ist, warum es wirklich geht.
In The Prayer verlassen die Worte den Mund von Kele Okereke, als seien sie kurz vorher noch Nadeln in seiner Zunge gewesen. Uniform ist ein Abenteuer irgendwo zwischen den drei spinnerten B (David Bowie, Kate Bush und Matt Bellamy). Kreuzberg eröffnet gar die Möglichkeit für so etwas wie intelligenten Stadionrock.
A Weekend In The City ist ein Album, das unbedingt nicht dazugehören will. Das auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, auch nicht auf Zugänglichkeit und die alten Fans. Das Einzige, was hier zählt, ist der eigene Wille zur Kreativität. Bloc Party machen damit nicht nur deutlich, wie leichtgewichtig und oberflächlich die meisten ihrer Zeitgenossen ihr Metier betreiben. Das Ergebnis zeigt auch, welche Möglichkeiten noch immer in Rockmusik stecken, wie viel Hirn, Hingabe und vor allem Leidenschaft man in ein Lied packen kann. (He)art Rock.
Ein irrer Kontrast zwischen höchst komplexer Musik und höchst einfachem Video: der Clip zu Hunting For Witches:
Knietief im Sumpf
Als vor drei Jahren bei Siemens ein Nachfolger für Vorstandschef Heinrich von Pierer gesucht wurde, gab es vier potenzielle Nachfolger: Die Zentralvorstände Johannes Feldmayer, Thomas Ganswindt, Heinz-Joachim Neubürger und Klaus Kleinfeld wurden als Kronprinzen gehandelt. Inzwischen gilt Neubürger als eine Schlüsselfigur der Korruptionsaffäre in der Com-Sparte. Ganswindt saß wegen des Skandals im Dezember bereits im Gefängnis. Gestern wurde auch noch Feldmayer verhaftet. Kleinfeld, der schließlich das Rennen machte und inzwischen der einzige der einstigen Hoffnungsträger ist, der (noch) eine weiße Weste hat, dürfte das unmissverständlich klar machen: Mit einer schärferen Revision und beflissentlich neu formulierten Unternehmensgrundsätzen ist es nicht getan. Denn Siemens steckt knietief im Sumpf. Der Image-Verlust für das einstige deutsche Vorzeige-Unternehmen ist unermesslich.
Man muss sich immer wieder wundern, wenn man in diesen Tagen von den Geschäftspraktiken der Münchner erfährt. Mehr als 14 Millionen Euro – getarnt als Honorare – erhält ein Gewerkschafts-Chef angeblich, um im Betriebsrat die Interessen der Arbeitgeber statt die Belange seiner eigenen Mitglieder zu vertreten. Mehr als 400 Millionen Euro sind nach Siemens-Schätzungen in der Com-Sparte unterschlagen worden, um damit Schmiergelder zu bezahlen. Und 6 Millionen Euro haben Manager auf den Tisch gelegt, um an Aufträge in Italien zu kommen.
Dafür haben die Verantwortlichen auch noch eine außerordentliche Abfindung bekommen, wie gestern im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht ans Licht kam. Zugleich versucht das Unternehmen dort, den Gewinn herunterzurechnen, den der illegale Deal gebracht haben soll, um die fällige Millionenstrafe an die Staatskasse möglichst gering zu halten.
An eine Weltfirma lassen solche Machenschaften nicht denken, eher an Kleinkriminelle. Die Verantwortlichen bei Siemens mögen harten Konkurrenzkampf oder persönliche Karriere-Ambitionen als Gründe für ihr Handeln nennen. Sie mögen sich auch auf VW berufen, wo sich Manager und Betriebsräte gar auf Firmenkosten amüsierten und gleichzeitig der Belegschaft Bescheidenheit predigten. Oder auf Energieversorger, die Entscheidungsträger in den Kommunen angeblich mit Luxus-Reisen umschmeicheln, und gleichzeitig nicht einmal die eigenen Strom-Netze in Schuss halten. Doch der Verweis auf allgemein übliches Vorgehen ist beim besten Willen keine Entschuldigung.
Im Gegenteil: All diese Fälle zeigen, dass überall dort, wo sich die Führung einer Firma nur an Profitmaximierung orientiert, kein Platz für Moral ist. Mit derlei Praktiken verlieren die Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit – und auf lange Sicht womöglich auch ihre Kunden.
Hingehört: Kaiser Chiefs – “Yours Truly, Angry Mob”
| Künstler | Kaiser Chiefs |
| Album | Yours Truly, Angry Mob |
| Label | B-Unique |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Mit dem Erfolg ist das so eine Sache. Manch einem fällt er einfach in den Schoß, so wie den Rakes. Die brachten vor zwei Jahren ihr Debüt heraus, sahen aus, als wollten sie damit nur ein paar Drinks abstauben, und wurden plötzlich riesengroß. Das lag daran, dass sie – ohne es zu ahnen – den Produzenten der Stunde engagiert hatten (Paul Epworth) und dazu ein paar sagenhafte Songs ablieferten. Strasbourg, 22 Grand Job und Work Work Work (Pub Club Sleep) wurden allesamt zu Hits, und plötzlich fanden sich die Jungs um Sänger Alan Donahue nicht mehr an der Theke im Pub nebenan wider, sondern in den Schlagzeilen, in den Charts und – zur Krönung – als Dressmen für Top-Designer Hedi Slimane auf dem Laufsteg. Ab und zu müssen sie sich wohl selbst darüber gewundert haben.
Dieses “Zwick mich, damit ich sehe, dass es kein-Traum ist”-Gefühl kennen auch die Kaiser Chiefs. Denn sie versuchten jahrelang vergeblich, mit ihrer Musik Erfolg zu haben. Vor zwei Jahren brachten sie dann ihr Debüt als Kaiser Chiefs heraus, sahen aus, als wären sie schon ein bisschen zu alt für den Durchbruch, und wurden plötzlich riesengroß. Das lag daran, dass sie in ihren Konzerten ein erstaunliches Spektakel boten und Songs ablieferten, die sich perfekt für diese Show eigneten. I Predict A Riot, Oh My God und Modern Way wurden allesamt zu Hits, und plötzlich fanden sich die Jungs um Sänger Ricky Wilson nicht mehr hinter der Theke im Pub nebenan wieder, sondern auf den großen Festival-Bühnen der Welt, bei Award-Shows und – zur Krönung – als Opener des Live8-Konzerts in Philadelphia.
Nun legen beide Bands ihr zweites Album vor. Und gehen dabei ganz unterschiedlich mit dem Erfolg um. Die Kaiser Chiefs haben sich siebenstellige Albumverkäufe und Shows vor riesigem Publikum so lange vergeblich gewünscht, dass sie nun auf Yours Truly, Angry Mob alles daran setzen, den Platz an der Sonne nicht gleich wieder verlassen zu müssen. Es ist ein sagenhaftes Album voller Hits, fast schamlos eingängig. Man müsste der Band Anbiederung vorwerfen, wenn die Lieder nicht unwiderstehlich gut wären.
Die famose Single Ruby, das fantastische Heat Dies Down oder das irre Thank You Very Much zeigen, dass sie vor gut zehn Jahren wohl die größten lebenden Blur-Fans waren. Deren Produzent Stephen Street saß auch hier hinter den Reglern, und für Love’s Not A Competition (But I’m Winning) hat er sogar ein paar der Tricks herausgeholt, die er schon bei den Smiths benutzte, noch früher.
Ricky Wilson und Chef-Songschreiber Nick Hodgson sind alt genug, um Blur nicht nur aus dem Märchenbuch zu kennen. In Highroyds und dem putzigen Learnt My Lesson Well gehen sie sogar offensiv – und amüsant – mit ihrer vergleichsweise großen Lebenserfahrung um. Wenn sie im Rausschmeißer Retirement aber damit drohen, sich in den Ruhestand zu verabschieden, kann man sicher sein, dass dies bloß ein Scherz ist.
Bei den Rakes hat der Erfolg – nimmt man ihre zweite Platte zum Maßstab – wohl eher Unbehagen ausgelöst. Ten New Messages will nicht auf Teufel komm raus die nächste Stufe erklimmen. Es ist ein Album, das Orientierung sucht. “Dichter des Ersten Weltkriegs und die Sugababes” nennt Sänger Alan Donahue als Inspiration – und bei aller Koketterie zeigt das, dass sich die Band nicht allzu sehr am eigenen Sound und der eigenen Szene festklammern wollte.
So ist die zweite Platte noch ein bisschen cooler geworden als das Debüt Capture/Release. Wenn die Rakes früher den Hörer für sich gewinnen wollten, dann wichen sie ihm nicht von der Seite, machten ihm Geschenke, gaben ihm Drinks aus. Heute werfen sie ihm allenfalls noch einen kurzen Blick zu. Aber was für ein Blick das ist! Hat man sich erst einmal an den erstaunlich schüchternen Sound gewöhnt, dann gibt es hier wahre Wunder zu entdecken.
Little Superstitions ist brodelndes Understatement. Das packende We Danced Together verbindet die Leidenschaft von The Clash mit der Strenge von Human League. Für das exzellente Trouble scheinen die Virtuosität und Spielfreude von Graham Coxon Pate gestanden zu haben. Eine bezaubernde Einlage von Laura Marling versüßt Suspicious Eyes.
Einen Song namens When Tom Cruise Cries muss man einfach lieben, und der Rausschmeißer Leave The City And Come Home ist herzzerreißend toll. Unterm Strich haben die Rakes die etwas sperrigere, aber auch spannendere Platte gemacht als die Kaiser Chiefs. Doch für beide gilt: ein voller Erfolg.
Der Song ist ja gaga genug. Aber Ruby wird noch ein bisschen irrer, wenn man ihn mit einem Orchester von Ukulelen spielt:
Die Kaiser Chiefs bei MySpace.
Mehr als Frieden
Verglichen mit der heutigen EU war das Bündnis, das vor 50 Jahren auf dem Kapitol geschmiedet wurde, ein Wicht. Die Staatengemeinschaft ist mittlerweile viermal so groß und hat dreimal so viele Einwohner wie die sechs Mitglieder der einstigen EWG.
Dass die Römischen Verträge den Grundstein für ein politisches Schwergewicht legen würden, das von Lappland bis an den Libanon reicht, ahnten damals wohl allenfalls die beteiligten Regierungschefs. Doch aus der Wirtschaftsunion wurde viel mehr: Das Ende der Zölle war der Anfang der europäischen Einigung.
Für die Bundesrepublik bot dieser Prozess nach der Katastrophe der Nazi-Herrschaft die endgültige Chance zur politischen Resozialisierung. Und die Idee der Gründungsstaaten, der gegenseitige Austausch von Waren und Dienstleistungen werde am besten dafür sorgen, dass Nachbarn in Europa nie wieder gegeneinander Krieg führen und dabei den ganzen Kontinent in Schutt und Asche legen, erwies sich als Erfolgsformel.
Doch die EU ist viel mehr als ein Garant für Frieden. Sie ist heute der kaufkräftigste Markt der Welt, sie ist eine Instanz, deren Wort auch im Weltmaßstab gewaltiges Gewicht hat, und sie ist – auch wenn das mitunter nur durch die Abgrenzung nach außen deutlich wird – eine auf christlichen Traditionen, auf Toleranz und Menschenrechten basierende Wertegemeinschaft. Sie ist ein Modell, das für viele Regionen der Welt mittlerweile Vorbildcharakter hat und dessen Anziehungskraft letzten Endes sogar stärker war als der Eiserne Vorhang. Europa ist wohlhabend, demokratisch und stabil. Es hat allen Grund, sich einmal selbst zu feiern.
Einen Kater darf es sich aber nicht erlauben. Dafür sind die Herausforderungen viel zu groß, denen sich die EU stellen muss. Gerade die Dimension der Zukunftsaufgaben zeigt, wie wichtig koordiniertes Handeln ist und wie wenig die Nationalstaaten inzwischen auf eigene Faust erreichen können: Klimaschutz, Terrorbekämpfung, Globalisierung – all dies kann die EU nur gemeinsam angehen. Umso dringender muss im Ringen um eine europäische Verfassung eine Einigung erzielt werden.
Die EU-Verfassung muss nicht unbedingt so heißen, aber sie wird gebraucht: als Symbol für ein Ende der Sinnkrise, die eingetreten war, nachdem sich Franzosen und Niederländer gegen den Entwurf ausgesprochen hatten. Als Zeichen für einen neuen Aufbruch, der alle Europäer mitreißt. Und vor allem als Mittel, den Koloss Europa wieder regierbar zu machen. Nur so kann die EU weiter wachsen – nach innen wie nach außen.
Durchgelesen: Dave King – “Homecoming”
| Autor | Dave King |
| Titel | Homecoming |
| Verlag | Aufbau |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **** |
Eine Hauptfigur zu erfinden, die nicht sprechen kann, aber einen 471 Seiten dicken Roman tragen soll, ist ein gewagtes Unterfangen. Doch Dave King meistert es mühelos.
Seine Geschichte von Howard, der seit 30 Jahren kein Wort mehr gesprochen hat, und Ryan, dem Sohn seiner Jugendliebe Sylvia, den er in seine Obhut nimmt als die Mutter einen wochenlangen Drogenentzug antritt, ist spannend und rührend, schlau und unterhaltsam. Wie der Neunjährige und der Kriegsveteran erst eine eigene Form der Kommunikation und dann zueinander finden, wie wichtig sie füreinander werden, wie sie schließlich merken, dass sie einander schon lange gebraucht haben, das erzählt King ganz leise, mit viel Anmut und Poesie.
Ganz nebenbei wird “Homecoming” zu einem Aufschrei gegen die Sinnlosigkeit des Kriegs. Ein grandioser Kniff ist es dabei, dass Howards Sprachlosigkeit von einer Kriegsverletzung herrührt, die er sich zuzog, als er beim Blumenpflücken (!) in Vietnam auf eine Mine trat. Die Ohnmacht, Verletzlichkeit und Wut des stummen Howard wühlt auf und bewegt – auch, weil King die dunklen Seiten nicht verschweigt, die Lethargie und Destruktivität, die ebenfalls in Howard stecken.
Es sind gerade die Passagen, in denen Howard den verpassten Chancen nachtrauert, die am aufrichtigsten sind. Und es ist Howards jahrzehntelang eingeübte Fähigkeit, sich eine andere Welt zu erträumen, in der es keine Behinderung gibt, die ihn so empfänglich für die Veränderung macht, die Ryan in sein Leben bringt – und die diese Begegnung schließlich zu einer ebenso wichtigen Zäsur macht wie die fatale Mine.
Beste Stelle: “Bis der Vormittag halb vorbei ist habe ich mich im Zickzack aus der Stadt herausgearbeitet und fahre an Mais-, Flachs- und Weizenfeldern entlang, die eins wie das andere aussehen und mir alle vertraut vorkommen, und als ich ein paar Häuser passiere, die gerne ein Dorf wären, kommt es mir vor, als sei ich auch hier schon gewesen. Ich biege links ab, tue, als wüsste ich nicht, wo der See und der Fluss liegen, auch wenn die Sonne im Osten ohnehin die Richtung weist. Dann tue ich so, als könne ich mich nicht mehr an die Teenagerpicknicks oder einen späteren gemeinsamen Ausflug mit Ryan erinnern, als er noch ein Baby war. Ich täusche vor, nicht zu sehen, wie viele der leuchtenden Felder, in denen wir uns küssten und unseren Träumereien nachhingen, seit mindestens zwanzig Jahren bebaut sind.”
Mogelpackung
Alle Warnungen von Experten hinsichtlich des Klimawandels lassen nur einen Schluss zu: Die Zeit drängt. Wer in der Zukunft steigende Meeresspiegel, Monsterstürme oder Dürreperioden verhindern will, muss jetzt handeln. Und dabei gehört alles auf den Prüfstand.
Die Politik hat sich in den vergangenen Wochen beinahe überschlagen mit Vorschlägen, um solche Horrorszenarien abzuwenden: Glühlampen, Fernseher mit Stand-By-Modus und Autofahren am Wochenende sollten verboten, Flugtickets stärker besteuert werden.
Nun prescht der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) vor. Der Staat könne die Anschaffung sparsamer Elektrogeräte fördern, so der Plan. Dies würde pro Jahr den Ausstoß von 22 Millionen Tonnen CO2 vermeiden und somit das Klima entlasten. Die Stromeinsparung entspräche dem jährlichen Verbrauch des Landes Hessen.
Die Forderung ist nicht abwegig. Auch an anderer Stelle stellt der Fiskus schließlich Mittel zur Verfügung, um Emissionen zu reduzieren. Wer seine Immobilien saniert, um künftig weniger heizen zu müssen, bekommt Geld vom Staat. Wer sein Auto nachträglich mit einem Partikelfilter ausrüstet, dem steht ebenfalls ein Bonus aus Steuergeldern zu.
Hoffentlich werden die Vorschläge des ZVEI trotzdem keinen Anklang finden. Denn Umweltbewusstsein ist keine Aufgabe des Staates, sondern der Verbraucher. Jeder muss selbst darauf achten, Energie nicht zu verschwenden, um das Klima (und seinen Geldbeutel) zu schonen. Jeder muss auch selbst darüber entscheiden dürfen, ob er eine Waschmaschine, eine Glühlampe oder eine Stereo-Anlage kauft, die auf den ersten Blick günstig ist, sich auf lange Sicht jedoch nicht rentiert.
Mehr noch: Es ist Aufgabe der Unternehmen, solche Kosten transparent zu machen. Wenn es den Herstellern ernst ist mit dem Klimaschutz, dann müssen sie Stromsparwunder, die derzeit nur vier Prozent des Absatzes ausmachen, stärker bewerben und veraltete Geräte aus dem Programm nehmen.
Wer sich daran erinnert, wie vehement sich Industrie und Handel lange Zeit gegen eine Auszeichnungspflicht für die Energie-Effizienzklassen gewehrt haben, der wird in den neuen Vorschlägen des ZVEI schnell eine Mogelpackung erkennen. Dem Verband geht es nicht um die Umwelt, sondern um den Umsatz: In Deutschland gibt es allein rund 30 Millionen Kühlgeräte, die älter als zehn Jahre sind. Würde es nun einen staatlichen Anreiz geben, diese auszutauschen, wäre das ein gigantischer Reibach für AEG, Miele & Co. Die 150 Euro pro Gerät, die vorgeblich der Umwelt zu Gute kommen sollen, würden nämlich direkt in ihre Kassen wandern.
Hingehört: Kim Frank – “Hellblau”
| Künstler | Kim Frank |
| Album | Hellblau |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | ** |
Man hatte sich auf diese Platte freuen dürfen. Sie versprach, ein spannendes Phänomen zu begründen. Denn Kim Frank hätte mit seinem Solodebüt Hellblau so etwas werden können wie der deutsche Robbie Williams. Er hat die Biographie (früher Erfolg mit den anderen Jungs, danach Absturz und seitdem Sinnsuche), er hat das Aussehen, und er hat das Wissen, dass es wohl keinen passenderen Job für ihn gibt als den des Popstars.
Er hat auch die Songs: Vieles auf Hellblau erinnert frappierend an Williams’ erste eigene Platte Life Thru A Lens. Es gibt also um Streicher, Pauken und Trompeten angereicherten Britpop, der sofort ins Ohr geht und dort mitunter lange bleibt.
Doch der Mann, der als Sänger von Echt einst die Teenies der Nation in Verzückung versetzte, wird wohl nie der deutsche Robbie Williams werden. Denn Hellblau macht klar: Er hat nicht die Stimme. Und er ist kein Dichter. Williams’ Gesang kann jubilieren und kokettieren, triumphieren und posieren, manchmal sogar alles zugleich. Kim Frank hat eigentlich nur eine Stimmlage: Er barmt. Das beherrscht er zwar ganz vorzüglich, aber auf Dauer ist es ein bisschen wenig.
Vor allem, wenn er Texte singt, bei denen ein gelegentlicher Binnenreim schon das Höchstmaß an Poesie ist – und das von einem Mann, der einst nicht nur in Junimond das Hohelied auf Rio Reiser sang. Doch Wortwitz und Intelligenz sucht man hier vergebens. Und auch die Fähigkeit, das Leiden am eigenen Ego zu transzendieren und dadurch so etwas wie Gemeinschaft und Mitgefühl zu stiften, wie es Williams so vortrefflich beherrscht, geht Kim Frank ab. Darunter leidet das Album am meisten.
Zwar gibt es ein paar Ausnahmen: Die hübsche Single Lara gefällt, Berlin ist angenehm zurückgenommen. Der Rausschmeißer Abspann übetreibt ein wenig, bleibt dabei aber herzzerreißend. Insgesamt kann man sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass Kim Frank sich nicht genug Mühe gibt. Das ist fahrlässig. Denn nach dem Ende von Echt und einer enttäuschenden Soloplatte wird er womöglich keine neue Chance mehr kriegen.
Für die schlechten Zeiten – ob das schon die (Vor)-Sorge für die Zeit nach der Musikkarriere ist? Jedenfalls gibt es ein nettes Fanvideo dazu:
Der Flitzer des Yaris
Man hört das ja oft: “Klein, aber oho” heißt es fast immer, wenn Polo und Punto, Corsa und Micra ihre Fähigkeiten herausstellen wollen. Beim Yaris liegt die Sache anders. Der Flitzer von Toyota erweist sich als so oho, dass man sich fragt, ob man ihn überhaupt noch klein nennen darf.
Natürlich hat der Yaris all die Vorteile eines klassischen Stadtwagens. Ein knackiges Design, das besonders durch die markante Motorhaube mit zwei scharf geschnittenen Sicken und die sehr weit oben platzierten Scheinwerfer eine charmant-individuelle Note bekommt. Leichtes Handling und erfreuliche Wendigkeit (der Wendekreis beträgt gerade einmal 9,40 Meter). Und nicht zuletzt Spritzigkeit: Mit den 87 PS, die der Yaris aus dem 1,3-Liter-Benziner holt, kann man auf der Autobahn zwar keine Bäume ausreißen oder sich gar mit den Großen anlegen. Aber abseits der Strecken, auf denen es (noch) kein Tempolimit gibt, macht der Motor richtig Spaß: Für kurze Sprints hat er mehr als genug Durchzug, und bei Überlandfahrten erweist er sich als kultiviert und leise.
Das wirklich Erstaunliche an diesem Auto ist aber, wie groß es ist. Auf dem Papier machen 3,75 Meter Länge nicht viel her. Doch im Innenraum möchte man diese Abmessung kaum glauben. Durch den im Vergleich zum Vorgänger vergrößerten Radstand und die weiter vorn ansetzende Windschutzscheibe es hier geräumig wie in einem Kompaktwagen. Auch auf der Rückbank des Viertürers sitzen die Passagiere bequem.
Zudem erweist der Yaris sich als ungemein flexibel: Die Rückbank ist im Verhältnis 60:40 geteilt. Klappt man beide Sitze um – was dank des Easy-Flat-Sitzkonzepts, das aus dem Corolla Verso übernommen wurde, spielerisch leicht von der Hand geht – stehen bis zu 1183 Liter Stauraum zur Verfügung. Für einen Kleinwagen ebenfalls ein beachtlicher Wert.
Auch hinsichtlich der Sicherheit erfüllt der Yaris Maßstäbe aus der nächsthöheren Klasse. Airbags (auch an der Seite und beim Fahrer für die Knie) und ABS sind serienmäßig. Ab “Luna”, der zweiten von vier Ausstattungsvarianten, ist auch ESP ab Werk an Bord. Hinsichtlich der Materialien und Verarbeitung wird der Yaris Toyota-Ansprüchen gerecht, lässt also keine Wünsche offen.
Was stört, ist der Hang zu übermäßiger Innovation. Was am “Smart Key”-Einstiegssystem der “Executive”-Variante so schlau sein soll (wenn ein Sensor den Schlüssel in der Nähe des Wagens erkennt, entriegelt sich die Tür bei Berührung des Griffs von selbst), erschließt sich jedenfalls nicht zwangsläufig. Und die Platzierung des Digitaldisplays mittig auf der Armaturentafel ist auch nach mehreren 1000 Kilometern am Steuer noch gewöhnungsbedürftig. Beim Blick zum Tacho oder zum Check der Tankanzeige kann der Pilot nicht mehr in Fahrtrichtung blicken. Wer geradeaus schaut, sieht dafür hinter dem Lenkrad nur Plastik. Das mag originell sein – sinnvoll ist es nicht.
Hingehört: Air – “Pocket Symphony”
| Künstler | Air |
| Album | Pocket Symphony |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | *** |
Es gibt Tage, da sind einem das Feuer, das Rad und der Buchdruck mit beweglichen Metalllettern scheißegal. Das Telefon und der Presslufthammer können einem dann erst recht gestohlen bleiben. An solchen Tagen ist man sich ganz und gar sicher, was die größte Erfindung der Menschheit ist: Aspirin. An solchen Tagen braucht man Musik, die weich ist, zart und sanft. An solchen Tagen braucht man Air.
In letzter Zeit hatte man Jean Benoit Dunckel und Nikoals Godin fast ein bisschen vergessen. Das lag daran, dass die Franzosen auf der SucheNachDemNeuen zuletzt wiederholt vergessen hatten, ein durchweg gutes Album abzuliefern. Seit dem Soundtrack zu The Virgin Suicides haben sie keine Platte mehr gemacht, die in sich geschlossen war, eine stimmige Atmosphäre und Dramaturgie hatte. Bis jetzt.
Pocket Symphony ist so etwas wie die Rückkehr zu Form. So viel hat sich auf den ersten Blick gar nicht geändert. Nigel Godrich (Godin: “Er ist so cool, dass er glatt Franzose sein könnte.”) saß erneut an den Reglern. Es gibt wieder ein paar Instrumental-Stücke und ein paar Lieder mit handverlesenen Gaststimmen. Und nach wie vor kann niemand Computermusik so analog, warm und sinnlich klingen lassen wie Air.
Ein paar Innovationen gibt es freilich doch. Fernöstliche Elemente und Minimalisten nennen die Künstler neuerdings als Inspiration. Und aus der Arbeit an 5:55, dem Charlotte-Gainsbourg-Album, für das Air die gesamte Musik geschrieben haben, sind zwei alte Freunde übrig geblieben: Jarvis Cocker (Pulp) und Neil Hannon (Divine Comedy) haben in Form ihrer Stimmen und Texte ihre Spuren hinterlassen.
Ihre Beiträge zählen zu den Highlights. Jarvis Cocker wandelt in One Hell Of A Party noch mehr als zuletzt auf den Spuren von Scott Walker, klingt ebenso bedrohlich wie weise. Die Musik hält sich völlig zurück, und dabei wird klar: Niemand kann einen einzelnen Klavier-Akkord derart majestätisch klingen lassen wie Air. Somewhere Between Waking And Sleeping klingt genau wie der Titel das vermuten lässt, und man fragt sich kurz, wie das Meisterwerk Moon Safari überhaupt ohne Neil Hannon auskommen konnte.
Auch das verspielte Once Upon A Time und das wunderhübsche Left Bank hätten dort gut hingepasst. Mer du Japon und der erstaunliche Rausschmeißer Night Sight zeigen hingegen, wie sich das Duo weiterentwickelt hat. Willkommen zurück!
Kein echter Clip, aber ein verdammt feiner Remix von Mer du Japon, den die Teenagers da hingekriegt haben:







