Ohne Weitblick

Juni 29, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Schon wieder sonnt sich die Politik in den starken Zahlen, die Frank-Jürgen Weise vorlegt. Wenn der Chef der Bundesagentur für Arbeit in den vergangenen Monaten seine Bilanzen verkündete, dann waren gute Nachrichten stets sicher. Auch im Juni ging die Arbeitslosigkeit zurück. Doch die große Koalition, die sich dadurch in ihrem Kurs bestätigt fühlt, hat in Wirklichkeit kaum etwas zu der positiven Entwicklung beigetragen. Im Gegenteil: Die Politik droht den Aufschwung zu gefährden, weil sie auch auf dem Arbeitsmarkt ohne Weitblick agiert.

Das Schielen auf Umfragewerte und Tagesaktualität hat längst die Suche nach langfristigen Lösungen verdrängt. Wenn es darum geht, Deutschland fit für die Zukunft zu machen, stehen entweder starke Lobbys (wie im Gesundheitsbereich) oder überholte Ideologien (wie bei der Kinderbetreuung) im Weg – oder aber Maßnahmen, die tatsächlich eine dauerhafte Perspektive eröffnen, werden vom Wähler abgestraft (wie die Agenda 2010, in der viele Wirtschaftsexperten eine der Ursachen für den momentanen Aufschwung sehen). Die Politik feiert den Moment – der bei 3,68 Millionen Menschen ohne Job auch nur relativ schön ist.

An die Schwierigkeiten, die morgen drohen, wird indes kein Gedanke verschwendet. Einfach zu leugnen, dass es hier zu Lande in vielen Bereichen an gut ausgebildeten und motivierten Fachkräften mangelt, ist fahrlässig. Hilfskonstruktionen wie Zuwanderungserleichterungen für ausländische Experten oder Kombi-Löhne für ältere Arbeitnehmer, die wieder in Lohn und Brot kommen sollen, können das Problem allenfalls kaschieren.

Wie ernst die Lage wirklich ist, macht eine ebenfalls gestern vorgelegte Umfrage unter ausländischen Managern deutlich. Die bescheinigen Deutschland zwar gute Standortbedingungen. Doch die Ausbildung der Arbeitnehmer, die eine der Ursachen dafür ist, wurde dabei schlechter beurteilt als im Vorjahr. Dasselbe gilt für den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Unternehmensberatung Ernst & Young warnt: Diese Probleme könnten den Aufschwung abwürgen.

Die Prognosen von Bildungsexperten für die Zeit ab 2015 klingen ebenfalls düster: Dann kommen nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Sie tun das auch mit einer im Durchschnitt deutlich schlechteren schulischen Vorbildung. Schon jetzt fehlen nicht nur Ingenieure und Computerexperten. Auch der kleine Handwerksbetrieb hat mitunter Schwierigkeiten, fähige und willige Lehrlinge zu finden.

Die Lösung kann nur sein, sofort und massiv in Bildung zu investieren. Großbritannien hat in den vergangenen zehn Jahren vorgemacht, dass dies eine sinnvollere Wachstums-Strategie ist als alle Pseudo-Konjunkturprogramme, die Wirtschaftsminister Michael Glos in schöner Regelmäßigkeit vorschlägt. Aber in solch langen Zeiträumen denkt die Politik nicht, solange der Jetzt-Zustand es erlaubt, sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

Hingehört: Lost State Of Franklin – “Fan Choice Originals”

Juni 26, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Wenn der US-Botschafter eine Band wäre, dann wäre er Lost State Of Franklin.

Künstler Lost State Of Franklin
EP Fan Choice Originals
Label LSOF
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Beim Festival International de Musique Universitaire im französischen Belfort waren Lost State Of Franklin in diesem Jahr die “American representives”. Fürwahr: Eine noch amerikanischere Band als das Quartett aus Tennessee kann man sich kaum vorstellen. Johnny Cash lässt hier grüßen, Elvis und Buddy Holly – und dazu ein natürlicher Wille zum Entertainment.

Clint Eastwood ist gleich zu Beginn der amerikanische Prototyp (und dabei so ausgelassen, wie man den echten Clint Eastwood schon lange nicht mehr gesehen hat). 600 Miles kommt so trocken daher wie der Staub in Arizona, 21st Century Woman ist durch und durch sentimental – und gerade deshalb wunderschön.

Ugly Girlfriend ist schließlich so etwas wie der Hit der Hobby-Band. Der Song benutzt die denkbar abgenutztesten Blues-Schemata, doch selbst die Gitarre klingt dabei ironisch und Sänger Scott Franklin wünscht sich eine hässliche Freundin mit genau der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern. Eine Entdeckung.

Der letzte Beweis für die Protoamerikanischheit dieser Band: Lost State Of Franklin spielen Made In The USA:

Lost State Of Franklin bei MySpace.

Interview mit Hans-Peter Dürr

Juni 23, 2007 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 
Hans-Peter Dürr wäre keine schlechte Besetzung für den "verrückten Professor". Foto: GCN

Hans-Peter Dürr wäre keine schlechte Besetzung für den "verrückten Professor". Foto: GCN

Für einen Kernphysiker ist Hans-Peter Dürr enorm bekannt. Das liegt nicht nur an seiner wissenschaftlichen Karriere als Heisenberg-Schüler und Leiter des Max-Planck-Instituts. Es liegt vor allem an seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement.

Beim ersten Fuldaer Zukunftssalon setzte er sich für ein neues Erkennen der Welt, in der wir leben, und der Zusammenhänge, die in ihr wirken, ein. Im Interview äußert er sich zu konkreten Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels hinsichtlich Klimawandel, Terrorismus und US-Raketenabwehr.

Frage: In Ihrem Vortrag haben Sie kritisiert, dass die Menschen des 21. Jahrhunderts immer noch ein Weltbild aus dem 19. Jahrhundert haben. Können Sie dafür Beispiele nennen? Und wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie für die Zukunft?

Dürr: Im 19. Jahrhundert waren wir fest überzeugt, dass die Welt wissbar ist. Dass man nur die Zusammenhänge erforschen und aufdecken muss, um dann die Welt in den Griff zu bekommen. Die festen Naturgesetze schienen es zu erlauben, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, wenn man nur die Ausgangssituation gut genug kannte. Und diese Ansicht vertreten auch heute noch viele: Wenn ein Problem auftritt, muss man nur den Hintergrund erkennen, und dann kann man es lösen. Dieser Ansatz hat die ganze Technik hervorgebracht.

Praktisch mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurde diese Weltsicht durch einige Entdeckungen, etwa von Max Planck, erschüttert. Es kam heraus, dass die Grundlage dieser Welt eine andere ist als wir eigentlich angenommen haben. Das Fundament ist viel offener. Man kann es grob gesagt schon noch erklären, aber wenn man an die Feinheiten geht, funktioniert das nicht mehr. Diese Erkenntnis ist damals für viele erschreckend gewesen.

Auch heute sagen noch viele: So eine Welt akzeptieren wir nicht, denn es bedeutet, dass alle Anstrengungen, die wir machen, um die Welt zu verstehen und in den Griff zu bekommen, am Ende eigentlich nicht fruchten. Andere haben gesagt: Gott sei Dank ist die Welt nicht so klar vorherbestimmt. Denn das entspricht eher unserem Bild vom Menschen. Denn der Mensch ist ja echt kreativ. Er kann auf eine Weise agieren, die niemand erklären kann, er hat eine echte Freiheit. Wenn dies nun auch für die Welt als Ganzes gilt, muss der Mensch nicht mehr außerhalb der Natur stehen. Er ist nicht mehr Herr über die Natur, sondern ein Teil von ihr.

Dieses Umdenken hat im 20. Jahrhundert eingesetzt, aber wir können uns nicht daran gewöhnen. Denn wenn man das zugibt, sagt man ja: Die ganze Wissenschaft kann uns nicht weit genug bringen. Deshalb stecken wir in einer Ambivalenz: Wir machen uns die moderne Physik zu Nutze, aber wir verstehen sie nicht. Es gibt Dinge, die man nicht begreifen kann, aber man kann auf andere Weise ein Verhältnis zu ihnen entwickeln, das es erlaubt zu sagen: Ich verstehe es.

Frage: Wenn man sich diese Komplexität vor Augen hält, müsste man eigentlich sagen: Wir haben gar nichts im Griff. Was hat das für Folgen, beispielsweise in der Diskussion um den Klimawandel?

Dürr: Wir müssen da unterscheiden zwischen dem Unbelebten und dem Belebten. Die Schwierigkeit ist, dass sich das Belebte radikal anders verhält als das Unbelebte. Die Natur ist eben nicht einfach eine sehr komplizierte Maschine, sondern das Belebte ist im Prinzip offen. Das Lebendige hat eine Tendenz, dass es immer differenzierter wird und immer höhere Entwicklungsstufen hervorbringt. Deshalb ist unser Biosystem so empfindlich. Wir wundern uns, wenn wir kleine Veränderungen vornehmen und das plötzlich ganz große Effekte hervorruft.

CO2 ist so ein Beispiel: Kohlendioxyd bildet zwar nur ein Zehntausendstel der Atmosphäre, wenn man also ein bisschen mehr dazu gibt, indem man Kohle oder Gas verbrennt, sollte eigentlich nicht viel passieren. Doch plötzlich verändert sich unser Klima. Das ist wie bei dem Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag einen Taifun auslösen kann. Man sieht daran: Man darf das Lebendige nicht so behandeln wie das Unlebendige. Wenn man auf die drohende Klimakatastrophe reagieren will, müssen wir endlich verstehen, dass wir hier auf der Erde nicht beliebig herumtoben dürfen. Wir müssen darauf achten, dass wir durch unsere Toberei nicht unsere natürlichen Lebensgrundlagen kaputtmachen.

Dabei geht es nicht nur darum, dass die Erde nur eine gewisse Anzahl Menschen verträgt. Es hängt auch davon ab, was diese Menschen tun. Ein Amerikaner lässt 110 Energiesklaven für sich arbeiten, in Mitteleuropa sind es 60, in China momentan noch 10, bei den Indern 6 und in Bangladesch nur einer. Woher der Energiesklave die Energie nimmt, ist dabei völlig unabhängig von der Ressource. Sobald mehr Energie verbraucht wird, als die Erde gewohnt ist – nämlich durch die tägliche Einstrahlung des Sonnenlichts – wird es gefährlich. Wir dürfen auf Dauer einfach nicht mehr Energie verbrauchen als die, die uns täglich zur Verfügung steht.

Wir müssen erkennen: Wir sind Teil eines komplexen Systems und wenn wir uns nicht vernünftig verhalten, zerstören wir unsere eigenen Lebensgrundlagen. Unsere momentane Lebensweise erinnert an ein Krebsgeschwür, das einfach bloß schnell wachsen will, aber dabei den Organismus zerstört, von dem es selbst abhängt. Auf diese Weise katapultiert sich der Mensch selbst aus der Evolution heraus.

Frage: Wie könnte dann die Welt in 200 oder 300 Jahren aussehen?

Dürr: Es kommt darauf an, wie optimistisch man ist. Viele sagen: Der Mensch ändert sich nicht, dann würde die Krebstheorie zum Zuge kommen. Ich habe aber immer noch den Eindruck, dass wir letzten Endes gemerkt haben, was das Problem ist. Instinktiv haben wir den Eindruck: So wie wir jetzt leben, das kann so eigentlich nicht weitergehen, aber eine Veränderung ist unrealistisch. Doch was ist die Realität? Der Realismus ist etwas, was wir aus der Wirklichkeit gemacht haben, indem wir nur das anerkennen, was wir rational verstehen. Alles andere nennen wir Träumerei.

Dabei reicht oftmals das Gefühl dafür, was in einer Situation angemessen oder unangemessen ist, oftmals viel tiefer in die Wirklichkeit hinein. Wenn wir dieses Gefühl einer direkten Erfahrung der Wirklichkeit verlieren sollten, dann fliegen wir aus der Evolution heraus. Der Mensch differenziert sich, er hat besondere Gaben und Stärken. Wenn er diese nur einsetzt, um besser dazustehen als der Rest, dann macht er genau das kaputt, was er zum langfristigen Überleben braucht. Denn eigentlich sind wir dazu veranlagt, die Fähigkeiten, die wir haben, auch der Gemeinschaft wieder zurückzugeben. Das ist keine Errungenschaft der Zivilisation, sondern ein natürliches Bedürfnis. Und es ist die Strategie, die seit dreieinhalb Milliarden Jahren auf der Erde funktioniert: Unterschiedlichkeit wird nicht geopfert, sondern es kommt zu einem Zusammenspiel. Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis zur Kooperation, aber unsere westliche Zivilisation unterdrückt das. An die Stelle der Zusammenarbeit ist der Wettbewerb getreten: Man kooperiert nur so lange mit anderen, wie man für sich selbst einen Vorteil daraus ziehen kann. Dabei heißt “Competition” ursprünglich, zusammen nach einer Lösung zu suchen. Dieses kooperative Zusammenspiel hat den Menschen überhaupt erst hervorgebracht.

Freiheit und Demokratie sind deshalb gar keine schlechten Ziele. Denn Freiheit bedeutet Entwicklung der Fähigkeiten des Individuums. Und Demokratie bedeutet, dass man einen Modus findet, trotz der Verschiedenheit konstruktiv zusammenzuarbeiten. Aber nicht so, wie wir das derzeit machen. Stattdessen muss Demokratie dafür stehen, dass alle an den Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Um das zu erreichen, müssen wir Hierarchien abbauen, kleinräumig denken und mehr auf Subsidiarität setzen. Wir müssen bei allen Entscheidungen so weit wie möglich nach unten. Das politische System muss dabei Rahmenbedingungen vorgeben. Man kann das mit einem Spielfeld und Spielregeln vergleichen.

So ähnlich funktionieren ja auch ethische Vorgaben und Religionen: Sie alle besagen eigentlich bloß, dass die Spielregeln fair sein müssen und dass man darauf achten muss, dass das Spielfeld nicht zerstört wird. Diese Vorgaben spüren wir auch immer noch, und wenn wir dem Menschen mehr Mitspracherecht geben, werden sich diese Ziele auch durchsetzen lassen. Denn wir merken immer noch, zum Beispiel an den sehr ähnlichen Reaktionen bei großen Unglücken: Wir Menschen haben als Menschen etwas gemeinsam. Deshalb glaube ich, dass wir die Probleme meistern können.

Frage: Wenn dies die natürlich Lebensweise ist, warum hat sich die Menschheit, zumindest in der westlichen Welt, dann so weit davon entfernt?

Dürr: Da ist ganz viel strukturelle Gewalt im Hintergrund, die wir zum Teil selbst erzeugt haben. Es gibt immer jemanden, der sagt: Wenn Du nicht schnell genug bist oder nicht alles so machst, wie ich will, dann fliegst Du raus. Das reibt die Leute auf. Wir sind alle atemlos. Wir merken das aber erst, wenn wir Besucher aus anderen Kulturkreisen haben. Die sprechen dann von der Armut in der Ersten Welt. Sie sagen: Ihr lebt ja überhaupt gar nicht, ihr hetzt nur von einer Stelle zur anderen.

Dabei geht es doch darum, eine ganz enge Verbindung herzustellen zu allem, was um uns herum ist und dadurch unsere eigene Lebendigkeit zu spüren. Der Mensch braucht etwas, das wirklich lebensfüllend ist. Stattdessen stecken wir in einer Maschinerie, in einem Teufelskreis. Es gibt immer mehr Menschen, die immer wilder arbeiten und dabei gar nicht mehr zum Leben kommen. Die anderen, die außerhalb stehen, können nicht mehr leben, weil ihnen die Grundbedingungen fehlen – und am Ende kann keine der beiden Gruppen ein Leben führen, das wirklich lebenswert ist. Aber die Instrumente, die wir innerhalb dieses Kreises zur Verfügung haben, reichen nicht aus, um den Kreis zu verlassen. Die Frage lautet deshalb: Wie springen wir raus? Vielleicht braucht es dazu eine kleine Katastrophe, die uns nicht zerstört, aber aufweckt.

Frage: Sehen Sie noch andere Möglichkeiten?

Dürr: Ein Vorbild könnte der Zukunftsrat sein, wie wir ihn gerade in Hamburg gegründet haben und wie es ihn in der Schweiz schon seit 15 Jahren gibt. Denn ein Manko unserer jetzigen demokratischen Struktur ist: Die Zukunft sitzt nicht im Parlament. Aber bei der enormen Geschwindigkeit, in der heute Veränderungen vor sich gehen, müssen wir eine Möglichkeit finden, wie wir Entscheidungen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin überprüfen können. So wie das Bundesverfassungsgericht entscheidet, ob ein Gesetz dem Grundgesetz entspricht, könnte ein Zukunftsrat ermitteln, was die langfristigen Folgen unserer Entscheidungen sind – und ob wie möglicherweise kommenden Generationen damit zu große Lasten aufbürden.

Frage: Wer soll in solch einem Zukunftsrat sitzen? Wer hat die Qualifikation und Legitimation, über langfristige Tragfähigkeit von Gesetzen zu entscheiden? Und ist es nicht eigentlich Aufgabe der Politik, diesen Aspekt auch ohne Zukunftsrat im Auge zu haben?

Dürr: In so einem Rat müssen nicht irgendwelche Weisen sitzen. Man kann ganz einfach anfangen, auf lokaler Ebene, und zunächst einmal die Entscheidungen kippen, die eklatant falsch sind. Zudem bietet uns das Internet heute die Möglichkeit, Probleme und Lösungsansätze aus ganz verschiedenen Teilen der Welt kennen zu lernen und uns dort wechselseitig zu unterstützen. Das wäre mein Ziel.

Man muss dazu auch gar nicht in Konkurrenz zur Politik kommen. Aber ein Zukunftsrat könnte ein Gegengewicht zur Lobby der Wirtschaft bilden. Denn die denkt immer nur kurzfristig. Das Finanzsystem tut so, als ob es wertschöpfend ist, dabei entstehen überhaupt keine Werte. Das System kann nicht funktionieren, denn es braucht Wachstum, um Stabilität zu erreichen. Es weiß aber, dass es gar kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Das ist ein Schwindel. Und darin liegt die Ursache für viele Probleme. Was könnte ein Terrorist alleine schon ausrichten, wenn er nicht die Waffen hätte, die er auch aus unserem Land bekommt? Und wie sollte der Iran ein Atomprogramm starten, wenn ihm Siemens nicht das Kraftwerk verkauft hätte?

Frage: Die USA möchten gerade ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa installieren, um gegen eventuelle Angriffe aus dem Iran gewappnet zu sein. Sehen Sie darin Parallelen zum SDI-System, gegen das Sie in den 1980er Jahren argumentiert haben?

Dürr: Da gibt es sehr viele Parallelen. Beides wird als Abwehrsystem dargestellt, ist aber eigentlich ein Angriffssystem. Außerdem besteht auch hier die Gefahr, dass sich die Gegner gegenseitig hochschaukeln, bis es schließlich zu einer Eskalation kommt. Und in beiden Fällen wird die Öffentlichkeit betrogen. Wenn man wüsste, worum es wirklich geht, würde niemals so viel Geld dafür bewilligt. Erst hieß es, die Raketen sollten einen Asteroiden abschießen, der die Erde bedroht, nun geht es plötzlich um das Atomprogramm des Iran. Aber kein Mensch wird in Polen ein System installieren, um eine iranische Rakete abzufangen.

Frage: Sie gelten als überzeugter Pazifist. Wie sehen Sie den Konflikt mit der islamischen Welt?

Dürr: Die andere Welt fühlt sich, als stehe sie mit dem Rücken zur Wand, und das macht sie wahnsinnig aggressiv. Aber solche Auseinandersetzungen darf es nicht mehr geben. Wir müssen den Krieg absolut ächten. Der Krieg muss weg. Er ist schlicht und ergreifend keine Möglichkeit, Konflikte zu lösen; er taugt nicht einmal als Drohung.

Statt sich als Gegner zu betrachten, als Kraft und Gegenkraft, müssen wir eine Balance suchen. Das würde bedeuten: Wie sollten Verteidigungsministerien abschaffen und stattdessen ein Ministerium für zivile Konfliktlösung schaffen. Die jungen Leute werden nicht mehr zum Wehrdienst eingezogen, sondern bekommen gelernt, wie man miteinander Konflikte behandeln kann, ohne sich gegenseitig totzuschlagen. Dabei könnte uns die Erfahrung der Frauen enorm helfen, denn das war immer ihre Stärke.

Frage: Ist das nicht utopisch?

Dürr: Was ich im Visier habe, ist keine Traumtänzerei. Wir müssen nur das nach außen bringen, was wirklich passiert. Mit dem Internet haben wir die Möglichkeit dazu. Und wir müssen auch von den Politikern etwas mehr Ehrlichkeit verlangen. Natürlich muss es Diplomatie und Mehrheiten geben, natürlich wirkt der Fraktionszwang. Aber sie sollten dennoch ihre persönliche Meinung transparent machen.

Als Direktor des Max-Planck-Instituts musste ich das auch machen: Ich habe Ansichten vertreten, die gut für das Institut waren. Aber daneben gab es immer auch meine private Meinung, die ich auch nie verleugnet habe. Ein Vorbild in diesem Punkt ist für mich Michail Gorbatschow. Er stand immer zu seinen Überzeugungen und hat damit ganz viel bewirkt. Ich habe ihn einmal gefragt, warum er so geworden ist, wie er geworden ist. Und er hat mir verraten: Dabei haben auch ganz viele Traumtänzer eine Rolle gespielt. Wissenschaftler und Schriftsteller und Ärzte. Gorbatschow hat irgendwann erkannt, dass ihre Ideen richtig sind, und er hatte die Macht, sie umzusetzen. Solche Erinnerungen zeigen mir: Man ist gar nicht so ohnmächtig.

Hans-Peter Dürr beim Global Challenges Network.

Southside, Neuhausen ob Eck

Juni 23, 2007 · Posted in Live, Musik · 1 Comment 
Keine Band wird so geliebt wie seine: Kele Okereke von Bloc Party. Foto: FKP Scorpio

Keine Band wird so geliebt wie seine: Kele Okereke von Bloc Party. Foto: FKP Scorpio

Es gibt ein paar Dinge, die man auf einem Rockfestival nicht mehr sehen will. Die aufblasbaren Telekom-Hände zum Beispiel. Jungs mit “Abi 2006″-T-Shirts, die versuchen, ein Dixie-Klo umzuwerfen. Zelte, in denen zu horrenden Preisen T-Shirts verkauft werden, die man in der realen Welt außerhalb des Festivalgeländes ohnehin allenfalls zum Tapezieren anziehen kann. Die schauerliche Sammlung der Verzierungen, mit denen Tätowierer dieses Landes eine ganze Generation verunstaltet haben. Und Bands, die seit fast 15 Jahren nichts halbwegs Aufregendes mehr hinbekommen haben, aber trotzdem noch Headliner sind. Ja, wir reden von Pearl Jam.

Die Grunge-Veteranen, die sich mit Konzerten in Deutschland schon lange rar machen, waren die große Enttäuschung des Southside-Festivals in Neuhausen ob Eck. Die Mannen um Eddie Vedder spielen inzwischen zwar wieder ihre Hits, waren aber dennoch schlicht langweilig. Auch andere große Namen überzeugten nicht (Marilyn Manson) oder lieferten eine allenfalls routinierte Show (Placebo).

Trotzdem gab es für die 45.000 Musikfans genug zu entdecken. Zum Beispiel die neuesten Trends in der Gummistiefel-Mode (dem Augenschein nach sind hier Streifen, kräftige Farben und sogar Batik-Muster im Kommen). Nachdem Unwetter und Regen den Start des Festivals überschattet hatten (bei Aufbauarbeiten kam ein Sanitäter ums Leben, ein Kollege von ihm befindet sich weiterhin in kritischem Zustand), gab es am Freitag viel Schlamm und am Samstag viel Wind und gestern viel Sonne.

Eine Zeltbühne konnte nicht mehr rechtzeitig aufgebaut werden, so dass es beim “Southside” in der Nähe des Bodensees statt der geplanten über 60 Künstler (die auch beim parallel stattfindenden Hurricane-Festival in Niedersachsen vor 55.000 Fans spielten) nur gut 40 Bands zu sehen gab. Doch auch darunter befand sich am gesamten Wochenende noch ganz viel gute Musik.

Art Brut waren der erste Höhepunkt am Samstag. Sänger Eddie Argos, der immer mehr wie ein Erdkunde-Lehrer aussieht, ergötzte sich an der Verehrung, die ihm vor allem die deutschen Fans entgegenbringen, und bedankte sich mit einer famosen Show. Rakes-Sänger Alan Donahue sicherte sich schon früh den Preis als individuellster Tänzer, The Blood Arm holten sich Fans auf die Bühne. Die Kings Of Leon hatten sichtbar Spaß, am Abend konnten es sich die Queens Of The Stone Age erlauben, ihre beiden größten Hits gleich zu Beginn zu spielen, weil sie genug starke neue Stücke im Gepäck hatten.

Gestern jagte dann ein Klasse-Konzert das nächste. Besser als mit den grandiosen Newcomern Mumm-Ra hätte der Sonntag nicht beginnen können. Bloc Party hatten zum Sonnenuntergang mit technischen Problemen zu kämpfen – trotzdem war klar, dass keine der auftretenden Bands ihren Fans mehr bedeutet als diese Gruppe. Die Krönung war freilich der Auftritt von Arcade Fire. Sie überhaupt in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, ist bei dem kanadischen Kollektiv schon Ehrfurcht gebietend. Dass sie ihren Sound aus einer anderen Welt dann tatsächlich auch auf die Bühne bringen, ist, als würde man zum ersten Mal überhaupt Musik hören. Jedes Lied ein Manifest, jeder Ton ein Glaubensbekenntnis – und zwar von jedem der zehn Leute auf der Bühne. Dazu bietet die Band ein grandioses Spektakel – und sieht dabei aus wie eine perverse Sekte, die Kinder zum Frühstück isst, wenn sie nicht gerade Platten in leer stehenden Kirchen aufnimmt. Atemberaubend.

Zum Abschluss bewiesen die Fantastischen Vier (die es bei ihrem Heimspiel leicht hatten) und die Beastie Boys (die taufrisch wirkten), dass die großen Namen ihrem Ruf auch manchmal gerecht werden können.

Im nächsten Jahr soll es ein ähnlich attraktives Programm geben. “Wir werden uns treu bleiben”, verspricht Andreas Sengenbusch vom Veranstalter FKP Scorpio. Man sollte sich das nicht entgehen lassen. Und Gummistiefel einpacken.

Heimspiel: Die Fantastischen Vier sind beim Southside besonders Populär:

Durchgelesen: Sebastian Faulks – “Gesang vom großen Feuer”

Juni 22, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Gesang vom großen Feuer" erzählt zwei Geschichten auf drei Zeitebenen.

Autor Sebastian Faulks
Titel Gesang vom großen Feuer
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung ***1/2

Sebastian Faulks wählt für seinen vierten Roman wieder Frankreich, wieder die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende. Man könnte gelangweilt sein vom Schauplatz und der Kulisse – wenn die Geschichte nicht erneut so “überwältigend und wunderschön, anspruchsvoll, empörend, quälend, schlafraubend” (“The New Yorker”) wäre.

Eigentlich sind es zwei Geschichten, die auf drei Zeitebenen spielen: Es ist die Liebesgeschichte des jungen Engländers Stephen, der 1910 nach Amiens kommt und sich in eine verheiratete Frau verliebt. Und es ist die Geschichte eben jenes Mannes, der wenige Jahre später im Ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld steht.

Er kämpft nicht, er erträgt einfach bloß alles. Wie stoisch er das sagenhafte Gemetzel hinnimmt, und wie er gleichzeitig ahnt, wie sehr diese apokalyptische Erfahrung seine ganze Generation und die ganze Menschheit erschüttern wird, ist ein Dilemma, das auch einen schwächeren Roman spannend gemacht hätte. Der Grund für die Duldsamkeit des Helden liegt natürlich in der Liebesgeschichte.

Faulks schildert beides gleichermaßen packend und oft gelingt es ihm, mit wenigen Sätzen den ganzen Charakter einer Beziehung klar zu machen. “In der Stadt war Madame Azaire hoch angesehen. Ihrem Mann war sie eine aufmerksame, pflichtbewusste Frau, und mehr verlangte er nicht von ihr; sie liebte ihn nicht, aber er wäre wohl auch in Panik geraten, für ein derart überflüssiges Gefühl verantwortlich gewesen zu sein”, ist so ein Beispiel. Zu Beginn gelangt der Leser auf diese Weise enorm schnell an den Kern der Geschichte. Später, an der Front, ist es eben diese Fähigkeit des Autors, die Flüchtigkeit und gleichzeitige Intensität der Beziehungen der Männer an der Front deutlich zu machen.

“Gesang vom großen Feuer” wird so, auch durch seine fesselnden, erschütternden Szenen aus den Schützengräben, zu einem Aufschrei gegen den Krieg, vor allem aber gegen das Vergessen. Und noch dramatischer gestalten sich die Liebsszenen. Gerade, weil sie in einer vergleichsweise prüden Zeit spielen, kann Faulks ihnen eine hoch erotische Anzüglichkeit verleihen, die das ganze Ausmaß der hier verschleuderten Leidenschaft wunderbar klar macht. Große Gefühle.

Beste Stelle: “In diesem Augenblick wusste Stephen, dass er nicht nach England zurückkehren würde. Er gestand sich ein, dass bislang die Möglichkeit bestanden hatte, dass seine Gefühle für Isabelle durch das, was sie miteinander im roten Zimmer trieben, abkühlen oder befriedigt werden könnten. Doch jetzt wurde ihm klar, dass es sich um keinen begrenzten Hunger handelte, der sich stillen oder sättigen ließ. Er verzweigte sich und wuchs und veränderte sein Wesen und besetzte Bereiche seines Denkens und Fühlens, die mit dem körperlichen Akt selbst kaum noch etwas zu tun hatten. Er war ihm wichtiger geworden als seine Lebensplanung, als seine Karriere oder seine Pflicht gegenüber seinem Arbeitgeber. Das Gefühl beherrschte ihn jetzt vollständig: bevor er nicht wusste, wohin es führte, würde er keine Ruhe finden. Fast so entscheidend wie seine Zärtlichkeit gegenüber Isabelle war seine überwältigende Neugier.”

Federn gelassen

Juni 21, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Zehn Monate lange Diskussionen, sechs Wochen Streik, zuletzt ein sieben Tage und Nächte währender Verhandlungsmarathon: Der Streit um die Auslagerung von 50.000 Stellen bei der Telekom hat Spuren hinterlassen. Von einem strahlenden Gewinner kann keine Rede sein. Sowohl das Bonner Unternehmen als auch die Gewerkschaft Verdi haben Federn gelassen.

Das gilt natürlich auch für die Mitarbeiter. Während die Beschäftigten beim anderen ehemaligen Staatskonzern, der Bahn, gerade sieben Prozent mehr Geld fordern, müssen die Telekom-Mitarbeiter, die von der Auslagerung betroffen sind, herbe Einschnitte hinnehmen. Wer in den neuen Service-Gesellschaften tätig sein wird, muss künftig für weniger Geld vier Stunden mehr pro Woche arbeiten.

Dennoch: Bis 2012 sind alle Jobs sicher, die Sparmaßnahmen werden zudem relativ großzügig abgemildert. Und nicht zuletzt hätte die Telekom ihre Pläne auch ohne Zustimmung der Beschäftigten durchziehen können. Verdi hatte deshalb bis auf die Wahrung des Betriebsfriedens kaum gute Argumente. Auch, dass man in Tarifverhandlungen mit Konkurrenten des Bonner Riesen weitaus weniger rigorose Forderungen gestellt hatte, schwächte die Position der Gewerkschaft.

Der neue Telekom-Chef René Obermann hat zumindest sein Image als harter Sanierer bewahrt. Doch der Konflikt hat auch gezeigt, wie viel Arbeit noch auf ihn wartet. In der Festnetzsparte – wo es jetzt die Einschnitte geben wird – laufen weiterhin die Kunden davon. Der Ärger, den die Streiks mit sich brachten, kommt noch dazu. Der Druck der Aktionäre ist nach wie vor hoch, der Börsenkurs trotz der guten Stimmung an den Aktienmärkten ernüchternd.

Wenn Obermann daran etwas ändern will, braucht er nach der Einigung über die Personalkosten nun ein Zukunfts-Konzept für Produkte und Tarife. Doch das ist nicht in Sicht. Vor allem aber muss der Chef seinen Angestellten endlich klar machen, dass die Zeiten, in denen man als Ex-Monopolist eine Sonderrolle beanspruchen konnte, endgültig vorbei sind. Die Bilder von den Streiks deuten darauf hin, dass das noch längst nicht alle im Konzern akzeptiert haben. Erst wenn alle Beteiligten den Wettbewerb annehmen, kann die Telekom bestehen.

Gelingt dieser Bewusstseinswandel, könnten die Kunden zu den echten Gewinnern der Tarif-Einigung werden. Einsparungen von etwa einer halben Milliarde Euro dürften über sinkende Preise an sie weitergegeben werden. Weiterbildung, flexiblere Arbeitszeiten und Leistungsprämien für die Telekom-Mitarbeiter werden langfristig besseren Service bringen. All dies hat die Telekom allerdings schon häufiger versprochen – passiert ist wenig.

Hingehört: Macy Gray – “Big”

Juni 19, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Auf "Big" klingt nun auch die Musik wie die Stimme von Macy Gray: kratzbürstig.

Künstler Macy Gray
Album Big
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Wenn es eine Stimme gibt, die das Attribut “kratzbürstig” verdient, dann ist es die von Macy Gray. Mit Big hat die Amerikanerin nun sogar ein ganzes Album vorgelegt, das man so nennen kann.

Denn zunächst schreckt diese Platte ab. Sie wehrt sich dagegen, dass man sie mag. Die Single Finally Made Me Happy gleich zum Auftakt klingt, als hätte jemand ein Aretha-Franklin-Stück hinbekommen wollen, aber vorher alle Instrumente gründlich desinfiziert und danach vorsichtshalber auch noch die (Aufnahme- und Stimm-)Bänder mit Alkohol gereinigt. Auch Shoo Be Doo verpufft, What I Gotta Do ertrinkt in seiner eigenen Verspieltheit.

Erst Tausendsassa Will.I.Am von den Black Eyed Peas bringt Schwung in die Sache. Zusammen mit Justin Timberlake hat er Okay geschrieben, das einen Marsch-Rhythmus mit einem Kinderchor und Macy Grays unvergleichlichem Schnurren vereint. Auch im enorm entspannten Glad You’re Here hatte er seine Finger im Spiel – und hat gleich noch Kollegin Fergie mitgebracht.

Das irre Ghetto Love sprüht vor Energie. Die hübsche Eleganz von One For Me erinnert mit zuckersüßen Streichern an Mary J. Blige. Das zurückgenommene Strange Behaviour hat enorme Klasse – und weiß auch darum. Das wilde Get Out (wieder von Justin Timberlake und Will.I.Am) würde sogar ins Repertoire der Roots passen.

Mit Treat Me Like Your Money gibt es dann sogar noch einen richtigen Hit, fast am Schluss, wie sich das für eine Kratzbürsten-Platte gehört. Glocken klingen, Dead Or Alive und Run DMC werden zitiert, und der Beat ist so eingängig, dass Outkast zumindest neidisch werden dürften. Der Rausschmeißer Everybody hat Hummeln im Hintern und sogar der Bonus-Track ist zu gebrauchen. Durchhalten lohnt.

Nach der langen Tour noch ein bisschen kratzbürstiger als auf Platte: Ghetto Love, live beim Pinkpop:

Macy Gray bei MySpace.

Hingehört: Kristofer Aström – “Rainaway Town”

Juni 14, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

In einer gerechten Welt wären die Lieder von "Rainaway Town" Hits im Radio.

Künstler Kristofer Aström
Album Rainaway Town
Label V2
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Mädchen mögen so etwas ja angeblich. Harte Kerle mit weichem Kern. Kristofer Aström ist so einer. Im Hauptberuf Sänger im Hardcore-Quartett Fireside, ist er nebenher sanfter Solokünstler.

Auf Rainaway Town perfektioniert der Schwede seinen ergreifenden Americana-Sound. Stücke wie das famose, an Tom Petty erinnernde Just A Little Insane würden in einer gerechteren Welt im Radio gespielt. All In ist definitiv das beste Lied, das jemals vom Internet-Poker inspiriert wurde. Und gelegentlich schimmert auch der Hardcore-Einfluss durch: In der Leidenschaft und Inbrunst der Beziehungsdramen Conjure Me oder A Little Out Of Tune, denen Drummer Johan Hakansson viel Eifer verleiht, oder durch den Willen zur Komplexität, wie er in Blacked Out steckt.

Fallen und der in Soul-Atmosphäre getränkte Rausschmeißer Not Cool Again sind schließlich zum Heulen schöne Liebeslieder. This is heartcore.

Ein Fan hat ein Video zu Just A Little Insane gedreht:

Kristofer Aström bei MySpace.

Hingehört: Arcade Fire – “Neon Bible”

Juni 12, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Arcade Fire liefern ein Album, das nicht von dieser Welt ist, und doch hoch aktuell.

Künstler Arcade Fire
Album Neon Bible
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Diese Band ist aus der Zeit gefallen. Dass seit Funeral drei Jahre vergangen sind, spielt keine Rolle. Es könnten auch 30 Jahre sein oder bloß drei Wochen. Denn Arcade Fire, die neuerdings aussehen, als wöllten sie gleich in Brechts “Mutter Courage” mitspielen oder die Versorgung hinter den Frontlinien von Verdun sichern, leben in ihrem eigenen Universum.

Zuletzt konnte man das ganz wörtlich nehmen: Ein Jahr lang hat sich das Kollektiv in einer Kirche in der Nähe von Quebec eingeschlossen, Songs geschrieben und neue Instrumente gelernt. Das Ergebnis ist Neon Bible.

Die Isolation hat ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die sakrale Umgebung. Das Alte Testament sei eine Inspiration gewesen, Passagen aus dem Koran und jüdische Texte, heißt es. Orgeln erklingen und zig andere Geräusche, die man wahrscheinlich zuletzt in dieser Kombination gehört hat, als die Charts noch von Walter von der Vogelweide dominiert wurden. Und doch ist Neon Bible eine ganz und gar weltliche und höchst aktuelle Angelegenheit.

Black Mirror behandelt gleich zum Auftakt die Realität des Krieges und was das Fernsehen davon übrig lässt. Pauken scheinen den Rhythmus vorzugeben, in dem die Menschheit in ihr eigenes Verderben marschiert. Drohende Streicher geben einen Vorgeschmack auf das, was danach kommen mag. Bruce Springsteen scheint einen Fernseh-Prediger durch das drängende Antichrist Television Blues zu jagen (und am Ende seine Späße mit ihm zu treiben). Eine monströse Orgel lässt in Intervention die Zeile “Working for the church / while my family dies” noch düsterer wirken, das Glockenspiel und der Chor scheinen hingegen direkt aus dem Garten Eden herüberzutönen.

Black Wave/Bad Vibrations behandelt den Tsunami, klingt erst wie Devo und dann tatsächlich wie ein Donner, eine Sintflut, eine Gottesstrafe. “I don’t want to fight in a holy war / I don’t want the salesman knocking at my door / I don’t want to live in America no more”, heißt es im bedrückenden Windowsill. Womöglich geht es um den Untergang von New Orleans, auf jeden Fall schlummern ganz viel Wut und Ohnmacht in diesem Song – und doch das Wissen, dass jeder Mensch die Größe und Fähigkeit und Souveränität hat, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, wenn er nur will.

Dazu gibt es Vertrautes, sofern man im Kontext einer derart abenteuerlustigen Band von so etwas sprechen kann. No Cars Go setzt auf den Drive von Akkordeon und Bläsern. Das famose Keep The Car Running ist eine der irgendwie irren, irgendwie Disco-Lieder, die sich auch auf Funeral schon fanden. Als würde John Mellencamp im Kostüm des Electric Cowboys noch einmal Amerika erkunden. Auf dem Fahrrad.

Im herrlich theatralischen Rausschmeißer My Body Is A Cage singt Win Butler wieder mit so viel Emphase, dass er stets nur einen Halbton vom Nervenzusammenbruch entfernt zu sein scheint. Auch Ocean Of Noise hat eine bekannte Dramaturgie: erst reduziert und gespenstisch wie man es vom späten Johnny Cash oder von Nick Cave kennt, dann erlösend und himmelsstürmend.

Unterm Strich ist Neon Bible so gut, so schräg und so bedeutend, wie man das beinahe schon hatte erwarten dürfen. Es ist ein politisches und mystisches Album, irgendwo zwischen Predigt und Propaganda. Oder, wie es Win Butler sagt: “The record is about the way culture and religion intersect.”

Das Video zu No Cars Go:

Arcade Fire auf MySpace.

Nicht willkommen

Juni 11, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Der Euro ist stark, Flüge werden immer billiger, der Grand Canyon oder die Freiheitsstatue sind nach wie vor attraktive Ziele. Doch während Fernreisen in alle Welt seit Jahren einen Boom erleben, machen sich immer weniger deutsche Touristen auf den Weg in die Vereinigten Staaten. Seit 1999 gab es einen Rückgang um fast 30 Prozent.

Das liegt nicht daran, dass Shopping in New York oder Sonnenbaden in Florida für die Deutschen kein Traumurlaub mehr wäre. Es liegt vielmehr daran, dass sie sich nicht mehr willkommen fühlen. Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center vermitteln die US-Behörden einen eindeutigen Eindruck: Wir wollen unter uns bleiben. Niemand kommt hier rein.

Werden die Pläne Wirklichkeit, die Heimatschutzminister Michael Chertoff nun vorgestellt hat, wird das Buchen einer USA-Reise in Zukunft mitunter einem CIA-Verhör gleichen. Unmengen von Daten sollen vorab erfasst werden – zusätzlich zu den bereits jetzt rigiden Bestimmungen, die es den Behörden unter anderem erlauben, Fingerabdrücke von jedem Touristen zu nehmen oder sich die Inhalte auf Notebooks im Handgepäck anzusehen.

Was sich die USA davon versprechen, ist rätselhaft. Nicht nur, dass die Auswertung solcher Datenberge – wie übrigens auch in Deutschland – die Ermittler überfordern dürfte. Es ist auch naiv anzunehmen, dass potenzielle Attentäter in einem Online-Fragebogen brav ankreuzen werden, wen und was sie nach ihrer Ankunft in die Luft sprengen wollen, an welchen Völkermorden sie bisher beteiligt waren und im Auftrag welches Geheimdienstes sie reisen. Mehr noch: Die USA übersehen, dass es gerade ihre Abschottung und ihre Stilisierung als auserwählte Nation ist, die viele Ausländer abstößt.

Vor allem aber zeigen die neuen Vorschläge, wie weit sich das “Land der Freien, die Heimat der Tapferen” von den eigenen Idealen entfernt hat. Was die Heimatschutzbehörde jetzt praktizieren will, sind Polizeistaat-Methoden. Fragen zu Religionszugehörigkeit, Krankheiten oder Drogenkonsum greifen schonungslos in die Privatsphäre ein. Solche Dinge von unbescholtenen Bürgern zu erfragen, steht keiner Behörde der Welt zu.

Vielleicht sollte jemand Chertoff ins Gedächtnis rufen, dass es gerade die Freiheit der Religion und die Verankerung der Menschenrechte waren, die einst den Ruf vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten begründet haben. Für viele Touristen ist dieser Mythos weitaus attraktiver als Disneyland. Doch die USA sind dabei, ihn aufs Spiel zu setzen.

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