Hingehört: Gregory Darling – “Shell”
| Künstler | Gregory Darling |
| Album | Shell |
| Label | Soulfood |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | 1/2 |
Ein Bullshit-Detektor ist eine wichtige Sache. Nicht nur, aber gerade auch in der Musik. Falls jemand nicht weiß, was das ist, dann gibt es hier einen kleinen Test.
Angenommen man bekommt eine CD in die Hand gedrückt von einem Mann, der zur Musikschule (!) gegangen ist und 1990 (!) mal einen halben Hit (!) mit seiner Band hatte. Der danach als Session-Musiker (!) unterwegs war und nun (!) sein erstes Solo-Album aufgenommen hat, und zwar im Studio von Julian Lennon (!), am Meer (!) in Frankreich (!). Der im Booklet seinen Eltern dankt, dafür, weil sie ihn gemacht haben (!). Und dessen Referenz für diese Platte unter anderem ist, dass sie Radio(!)-Hits (!) in Italien (!!!) enthält.
Wer einen auch nur halbwegs funktionierenden Bullshit-Detektor sein Eigen nennt, der hat bei jedem Ausrufezeichen einen deutlichen Ausschlag erkennen können, und eigentlich sollte spätestens beim Stichwort “Julian Lennon” die Nadel abgebrochen sein.
Wer dem entgegnen mag, das sei aber alles sehr voreingenommen und man sollte Gregory Darling doch eine Chance geben und sich die Platte Shell erst einmal anhören (shitesite rät aus gesundheitlichen und versicherungsrechtlichen Gründen dringend davon ab), der wird schnell eines Besseren belehrt: Es gibt hier absolut null Inspiration, dafür aber ein sechseinhalbminütiges Jazzpiano-Stück namens Lost For Words, viel steriles Gedudel und zur Krönung das Stück Angel Of Mercy (das heißt im Ernst so), das an Plattitüden nicht zu überbieten ist. “I used to give you pleasure / now I give you pain”, reimt Gregory Darling da und “I used to make you happy / now I make you sad.” Der zweite Teil stimmt jeweils.
Dass offenbar ungestraft wertvolles Erdöl verschwendet wird, um solchen Schrott auf CDs zu bringen, ist ein Fall für Wolfgang Schäuble.
Wer es wirklich wissen will: Der Clip zu Angel Of Mercy:
Hingehört: Lunascape – “Reminiscence”
| Künstler | Lunascape |
| Album | Reminiscence |
| Label | Noir |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | ** |
Es gibt Tanzmusik und Dancemusic. Erstere ist, vereinfacht gesagt, Musik zu der man tanzen kann. Letztere ist scheiße.
In der Dancemusic-Szene ist Lunascape so etwas wie ein Sternchen (astronomisch passt das nicht, zugegeben, aber ich habe mir auch diesen beknackten Bandnamen nicht ausgedacht). Denn Lunascape ist in erster Linie Kyoto Baertsoen, Ex-Sängerin von Hooverphonic. Glaubt man ihrer Plattenfirma, hat sie nicht nur eine stattliche Zahl von Fans dieser Band für ihr neues Projekt gewinnen können, sondern auch in Japan bereits eine große Gefolgschaft. Und in Dancemusic-Kreisen.
Dabei ist ihre Musik beinahe völlig ungeeignet für die Disco. Lunascape setzt auf sphärische Klänge. Dido muss man da als Bezugspunkt nennen, und Enya. Vor allem aber erinnert Baertsoens Stimme sofort an die Cranberries. In der Stimme steckt oft eine mühsam unterdrückte Wut, die sich gerade auf dem letzten Millimeter vor dem Ausbruch noch beherrschen kann, ebenso wie bei Dolores O’Riordan. Und besondes wenn Bass und Schlagzeug etwas muskulöser werden, ist die Ähnlichkeit zu den Cranberries frappierend, wie in Mindstalking.
Meist wird hier aber auf Electro-Beats gesetzt, auf Loops und ausgefallene Instrumente. Das kann originelle Streicher zu Folge haben wie in Tears From The Moon, arabisch (und völlig irre) enden wie bei Lane Navachi oder auch so klingen wie die misslungenen Ethno-Versuche von Nelly Furtado (Yairo). Meistens ist es schlicht gefällig. Schöner wäre natürlich, wenn es gefährlich wäre.
Irgendwas mit Märchen: Der Clip zu Mindstalking:
Durchgelesen: Jimmy Boyle – “Schlachtplan”
| Autor | Jimmy Boyle |
| Titel | Schlachtplan |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | ** |
So grausam und blutrünstig wie das Cover ist auch das gesamte Buch. Kein Wunder, bei einem Autor, der einst als “gewalttätigster Mann Schottlands” galt und mit 23 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Die sprachlich eher schlichte (wenn man es bei einem Autor dieses Kalibers wagen darf, das zu sagen) Geschichte beginnt denn auch hinter Gittern, führt schließlich in die Freiheit und singt zwischen den Zeilen das alte Lied vom kleinen Mann, der von Anfang an keine Chance hatte.
Am stärksten ist “Schlachtplan” (neben seinem gelegentlich aufblitzenden pechschwarzen Humor) im ersten Abschnitt. Wie Hero, der Held der Geschichte, von seinem Leben in “Der Anstalt” erzählt, das eher ein ausschließliches Leiden ist, geht an die Nieren. Die Grausamkeiten der Wärter, die Hybris der Ärzte in dieser Einrichtung für psychisch gefährdete Gefangene braucht gar nicht im Detail geschildert zu werden, um in ihrer gesamten Grausamkeit erkennbar zu werden. Was Boyle famos gelingt, ohne es auszusprechen: Er zeigt, dass die völlige Abwesenheit von Menschlichkeit die größte Folter ist.
Als Hero schließlich und plötzlich aus der Anstalt entlassen wird, muss er seine Freiheit als Hilfsarbeiter in einem Schlachthof verbringen. Zusammen mit ein paar Komplizen, ebenfalls allesamt seltsame Typen und “Heroes Of The Underwold”, wie der englische Originaltitel dieses Romans heißt, rächt er sich schließlich auf sympathische und bauernschlaue Art am System und an den einstigen Peinigern für das erlittene Unrecht.
Das hat zwar Charme und Chuzpe, ist aber am Ende etwas erdrückend in seiner zentimeterdick aufgetragenen Moral, die im letzten Satz gipfelt: “Die ultimative Rache ist, sich für das Gute zu entscheiden.”
Beste Stelle: “Ich bin so ein Mensch, dessen Fingerknöchel blau geworden sind vom ständigen Klopfen an die Tür des Lebens.”
Hingehört: Kings Of Leon – “Because Of The Times”
| Künstler | Kings Of Leon |
| Album | Because Of The Times |
| Label | RCA |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Da hilft kein Drumrumreden: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Natürlich ist das ständig so, schließlich bin ich katholisch. Aber diesmal fühlt es sich wirklich wie eine schlimme Schuld an. Es geht um Sascha. Ein guter Freund von mir, der auf der shitesite schon öfter erwähnt wurde. Und zwar, so wird jetzt klar, oft als Quelle seltsamer Tipps und Bewertungen.
Damit geschieht ihm Unrecht. Sascha hat, das möchte ich hier noch einmal in aller Deutlichkeit betonen, einen exquisiten Musikgeschmack und ist auch sonst ein feiner Kerl.
Unlängst kamen allerdings ernste Zweifel daran auf – und die Frage, ob Saschas Ohren irgendetwas Schlimmes zugestoßen ist. Es ging um die Kings Of Leon, um Because Of The Times. Wir beide sind Fans der ersten Stunde und hatten uns natürlich entsprechend auf das neue Album gefreut. Aber Sascha behauptete allen Ernstes, diese Platte würde “nicht rocken”. Natürlich, entgegnet ich. Und Amy Winheouse trinkt nicht, und Joe Cocker kann tanzen. Und Dieter Bohlen ist Komponist.
Ein bisschen ist Saschas These allerdings zu verstehen. Denn auf Because Of The Times, ihrem dritten Album, haben es die Kings Of Leon offensichtlich nicht mehr nötig, anzugeben. Es gibt hier kein Molly’s Chambers und auch sonst keine Hits. Sollte man sich einen Song dieser Platte beim DJ wünschen und er würde fragen: “Welchen denn?”, dann hätte man ein ernstes Problem. Die Antwort könnte nur heißen: “Spiel halt das ganze verdammte Album, du Depp.”
Die Band weiß inzwischen so sehr um ihre Stärken, dass sie sie nicht mehr ständig ganz vorne im grellsten Scheinwerferlicht positionieren müssen. Schon beim Opener ist das so: Das siebenminütige (!) Knocked Up schleicht sich an wie Das Ding aus dem Sumpf. Ganze zwei Minuten dauert es, bis das Schlagzeug einsetzt. Aber wie es dann klingt: Wie ein Monster, das Godzilla als Haustier hat, das Hulk zum Frühstück verspeist und böser ist als Wolfgang Schäuble.
Danach macht das tolle Charmer vielleicht am besten deutlich, wie die neuen Kings Of Leon funktionieren: Druck statt Tempo, Wucht im Sound statt protziges Rifforama. Der Rock kommt hier vom Bass, nicht vom Schlagzeug. Und diese Stimme ist natürlich noch immer schlicht irre.
Die neue Souveränität eröffnet auch Möglichkeiten, die es im Followill-Universum bisher nicht gab. Wie Charmer in das grandiose On Call übergeht, hat große, zeitlose Klassse. My Party vollführt ein paar irre Tricks und läutet die unfassbare zweite Hälfte (Sascha hat einen Plattenspieler und würde wohl darauf bestehen, dass man “B-Seite” sagt) dieser Platte ein.
Das exzellente True Love Way ist famos konstruiert und bringt all die neuen Stärken der Band zur Geltung. Ragoo hat einen verdammt sexy Groove, Fans einen Bass, den man gerne supergeil nennen möchte. Die Atmosphäre von Trunk lässt an Soul-Klassiker denken, oder wenigstens an Purple Rain. Und in Camaro steckt all die Urgewalt des, jawohl: Rock. Sorry, Sascha.
Mein Gott, ein Keyboard-Intro! das wundervolle On Call live bei David Letterman:
Die Kings Of Leon bei MySpace.
Hingehört: Justice – “Cross”
| Künstler | Justice |
| Album | Cross |
| Label | Ed Banger |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Ich zitiere ja immer gerne die unsterbliche Spruchweisheit des Liam Gallagher. Und so soll es auch diesmal geschehen. “All this dance music these days is that same silly beat going DANK DANK DANK and some guy singing ‘We’re all free’ when you’re not. It’s shit. You go round someone’s house and they put a tune on, and it goes DANK DANK DANK, and you sit there and have a cup of tea, and it’s going DANK DANK DANK. I’ve got to slag it right off.”
Soweit der Mann, der noch mehr pfeilscharfe Aphorismen im Köcher hat als Augenbrauen im Gesicht. Und natürlich bin ich weit davon entfernt, seiner heiligen Liamigkeit zu widersprechen.
Aber: Seit der große Liam so sprach, sind mehr als zehn Jahre ins Land gegangen. Aus dem Material, das heute in Glowsticks steckt, hat man damals noch seltsam riechende Knetmasse hergestellt und die als Spaß verkauft. Zu Tanzmusikveranstaltungen ist man dereinst allen Ernstes noch mit Warnwesten gegangen. Und vor allem hatten die Franzosen damals noch nicht entdeckt, dass man zum Keyboardspielen und als DJ nur eine Hand braucht. Die andere Hand ist also frei für die obligatorsiche Gauloises – und das Zwei-Hände-Problem war es ja, was die Grande Nation jahrzehntelang daran gehindert hat, vernünftige Rockmusik zu machen.
Nun machen die Franzosen einfach Tanzmusik, die rockt. Und am besten machen das Gaspard Augé und Xavier de Rosnay alias Justice. Sie haben uns den unsterblichen Remix von Simians Never Be Alone geschenkt, so etwas wie den letzten Strohhalm für jeden verzweifelten DJ, der endlich etwas Schwung in die Bude kriegen will. Und sie legen nun ihr erstes Album vor, auf dessen Cover ein Kreuz zu sehen ist, und das deshalb qua Konsens schlicht Cross genannt wird.
Von DANK DANK DANK ist das natürlich denkbar weit entfernt. Auf Cross wird dekonstruiert, zerpflückt, verschoben. Alles ist bloß ein Versatzstück, und doch ist alles eins. Kaum zu glauben, dass derlei Kopfmusik so sehr in die Beine gehen kann. Genesis beschwört gleich zum Start Michael Jacksons Thriller herauf, ist ebenso zackig ober doppelt so gespenstisch.
Let There Be Light (na, alle bibelfest hier?) setzt auf eine unerbittliche Hi-Hat voller alttestamentarischem Zorn und geht so sehr in die Beine, dass man den Auszug aus Israel mal eben locker schafft. D.A.N.C.E. könnte auch Tied To Your Iron Chair On A Planet With Quadrupple Gravitation And A Surface Made Of Superglue heißen, und trotzdem würden es mit seiner Kinderstimme und den Quincy-Jones-Streichern jeden, der es hört, zum Tanzen bringen.
DVNO fügt dem, was Daft Punk gemacht haben, zwar nichts hinzu, rockt aber wie Sau. Und im feinen Tthhee PPaarrttyy sorgt eine gewisse Uffie für den nötigen Schwung und Helium-Pop-Faktor.
Fang den Glowstick, Liam!
Nochmal kurz zusammengefasst, worum es hier geht: D.A.N.C.E.
Hingehört: Molly Johnson – “If You Know Love”
| Künstler | Molly Johnson |
| Album | If You Know Love |
| Label | Verve |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **1/2 |
Um diese Stimme wäre es wirklich schade gewesen. Seit den 1970er Jahren singt Molly Johnson in Bands. Doch noch ein paar missglückten Karriere-Anläufen und einem halbwegs gelungenen (mit der Formation Infidels), der sie nicht glücklich machte, war die Kanadierin fast zehn Jahre lang von der Bildfläche verschwunden. Erst Ende der 1990er wagte sie sich als Solisten zurück ins Rampenlicht – und gewinnt seitdem mit ihrem höchst geschmackvollen Sound zwischen Jazz und Pop immer mehr Fans.
Ihre dritte Platte If You Know Love dürfte ein paar weitere hinzufügen, denn dies ist ohne Zweifel adult pop der besseren Sorte. If You Know Love überzeugt vor allem mit einer enormen Bandbreite: Es gibt hier heiteren Vaudeville wie den Titelsong, hübschen Bossa Nova (Let’s Waste Some Time), klassischen Chanson mit Akkordeon und allem drum und dran (Tristes Souvernirs) sowie ein irres Cover (Bruce Springsteens Streets Of Philadelphia klingt hier nicht mehr leidend, sondern schon transzendiert).
Sunday ist wunderbar entspannt, Let’s Do It sogar ein echter Höhepunkt: Sexy, sinnlich, verführerisch und augenzwinkernd erfolgt da die Aufforderung “let’s do it / let’s fall in love” zu sanftem Swing. Doch beispielsweise Robbie Williams, der sich ja auch schon in diesem Metier bewährt hat, könnte diesen Song niemals so souverän singen. Da müsste schon ein Kaliber wie Bryan Ferry ran, oder Rod Stewart. Auch auf dessen Gesang trifft alles zu, was man auch an Molly Johnsons Stimme bewundern muss: Darin steckt ganz viel Liebe, genug Humor – und genau die richtige Dosis Enttäuschtsein.
Kein Video, aber sehr hörenswert: Molly Johnson und ihre Version von Streets Of Philadelphia:
Hingehört: Wallis Bird – “Spoons”
| Künstler | Wallis Bird |
| Album | Spoons |
| Label | Island |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **1/2 |
Als sie anderthalb Jahre alt war, verlor Wallis Bird durch ein folgenschweres Aufeinandertreffen mit einem Rasenmäher die Finger ihrer linken Hand. Vier davon wurden wieder angenäht.
Die mittlerweile 24-Jährige mag es sicher nicht, auf diesen Unfall reduziert zu werden. Doch die Kenntnis darum macht ihr Debütalbum Spoon noch ein bisschen beeindruckender. Denn die Irin erweist sich hier als virtuose Gitarristin. Stücke wie Counting To Sleep oder ihr Radio-Hit Blossoms In The Street haben so viel rhythmische Komplexität und Wut in der Stimme, dass man an Alanis Morissette denken muss. Slow Down wäre in den Händen geringerer Talente (hallo, James Blunt!) arg banal geworden, erhält hier aber eine Joni-Mitchell-Sinnlichkeit. The Circle ist sehr hübsch, Just Keep Going hat enorme Kraft.
In 6ft steckt die lässige Trägheit, wie man sie zu später Stunde von Kneipenkünstlern kennt, am letzten Tag einer anstrengenden Woche. Kein Wunder: Wallis Bird ist lange in Pubs aufgetreten, unter anderem zwei Jahre lang in Mannheim. Inzwischen ist sie auf dem Weg, das UK zu knacken. Und kleine Unfälle dürften sie dabei nicht aus der Bahn werfen.
Ein Clip zu Blossoms In The Street, gedreht, Achtung!, auf der Straße:
Hingehört: The Hives – “The Black And White Album”
| Künstler | The Hives |
| Album | The Black And White Album |
| Label | No Fun |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Von dem Moment an, in dem sie zum ersten Mal das Gitarrenkabel in den Verstärker gesteckt haben, wollten die Hives die Welt erobern. Spätestens mit dem dritten Album Tyrannosaurus Hives hatten die Schweden es geschafft: Die Welt zappelte hilflos in ihrer Hand wie Fay Wray in der Pranke von King Kong.
Doch was macht man nun, wenn man die Welt beherrscht? Es gibt nicht viele Möglichkeiten: Man kann sie ein bisschen an der Nase herumführen. Man kann ihr mit ein paar Proben der eigenen Kraft zeigen, dass sie sich zurecht unterworfen hat. Oder man kann den ganzen Laden in die Luft jagen.
Die Hives machen auf The Black And White Album alles zugleich. Am Anfang steht die Bombe. Tick Tick Boom ist ungefähr die Art, wie sich Thor nach einer zweijährigen Auszeit zurückmelden würde, wenn er Zeus mal eben zeigen wollte, wo der, ähm, Hammer hängt. Niemand im Universum kann dieser Riff-Urgewalt das Wasser reichen.
Danach kommen die Beweise der eigenen Größe: Try It Again, Won’t Be Long, Return The Favour und vorneweg You Got It All…Wrong schwingen das Zepter, lassen keinen Fuß ruhig, kein T-Shirt trocken und kein Trommelfell ohne eine ordentliche Konditionseinheit. Allesamt sind sie Hymnen, die ultimative Definition von Lebensfreude und Selbstvertrauen, mit Killer-Riffs und Riesenrefrains.
Doch dazu verwirrt das Quintett auch mit Elementen, die man noch nie aus Fagersta gehört hat. Ein Xylophon erklingt hier, ein Cheerleader-Chor. Es gibt Anspielungen auf Devo (Giddy Up!) und Zwölftonmusik (Puppet On A String), dazu ein gespenstisches, von einer Orgel getragenes Instrumentalstück (A Stroll Through Hive Manor Corridors). Und schließlich das programmatische T.H.E.H.I.V.E.S., produziert vom Hip-Hop-Guru Pharrell Williams, das klingt wie Michael Jackson, wenn der mit Punkrock und New Order aufgewachsen wäre.
Diese Experimente gelingen nicht immer, dienen aber der Dramaturgie des Albums und zeigen, wie die Schweden klingen können, wenn sie ausnahmsweise mal den Fuß vom Gas nehmen. Das Black And White Album ist deshalb sicher nicht die aufregendste Platte der Hives. Aber die spannendste.
Der einzige Sprengstoff, den man problemlos auf eine Konzertbühne bekommt: Der Clip zu Tick Tick Boom:
Hingehört: Belle And Sebastian – “Push Barman To Open Old Wounds”
| Künstler | Belle And Sebastian |
| Album | Push Barman To Open Old Wounds |
| Label | Jeepster |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ****1/2 |
Dieses Album ist vor zwei Jahren erschienen. Doch die Musik darauf ist viel älter. “Natürlich”, stöhnen jetzt die Insider. “Es ist ja eine Sammlung der EPs von Belle And Sebastian aus den Jahren 1997 bis 2001.” Klugscheißer! Diese Musik ist noch älter. Es ist, um genau zu sein, Musik aus den Wunderbaren Jahren.
Denn die Lieder von Belle And Sebastian funktionieren genau wie diese grandiose Fernsehserie. Es geht vordergründig um kleine Anekdoten aus der Kindheit, um ein zerbrochenes Lieblingsspielzeug, das Ausbüxen trotz Hausarrest oder die Prügelei mit der Tochter vom Klassenlehrer. Doch in Wirklichkeit geht es natürlich um die großen Dramen des Lebens, um Verlust und Scheitern und um kleine, unvergessliche Momente eines allumfassenden Glücks.
Genau wie bei Wunderbare Jahre, wird dies alles erzählt aus einer seltsamen Art von Retrospektive, die dem Ganzen nicht nur einen süßen Hauch von schmunzelnder Nostalgie und Wehmut verleiht, sondern durch die vorgebliche Distanz und Unbeteiligtheit auch enorm weise wirkt. Weil der Erzähler weiß, hier wie da: Dies sind die schönsten Geschichten. Weil wir alle sie kennen, weil wir alle mitfühlen können. Und weil wir wissen, dass in den kleinen Episoden die großen Tragödien stecken.
“When I was a boy” heißt denn auch die erste Zeile im ersten Song Dog On Wheels, in dem all der Schwung, all die Hoffnung und all die Trübsal eines ganzen Dorfs aus Mexiko steckt. Auch sonst wimmelt es vor Verweisen auf die Vergangenheit, die im Rückblick natürlich immer spannender, glücklicher und bedeutender wirkt, als sie es damals wirklich war. Gleich ins Jahr 1975 führt uns The State That I Am In (grandios auch hier der Einstieg: “I was surprised, I was happy for a day in 1975″), und noch weiter zurück die Ästhetik der EP-Cover: Sepia-Töne, Pop-Art, Fifties-Schwarzweiß und Siebziger-Kuschel-Look: Alles blickt hier zurück.
So steckt auch in Liedern wie A Century Of Fakers oder Marx And Engels all das Leiden an der Moderne – oder in Photo Jenny all die angebliche Unschuld längst vergangener Tage, als die Wünsche noch klein waren und kuschelnde Mädchen ein Skandal.
Im unfassbar guten Belle And Sebastian (natürlich eine Geschichte über tragisch endende Jugendliebe) wird das Feststecken in den Träumen und Traumata der Kindheit sogar thematisiert. “Oh Sebastian wrote his diary that / He would never be young again / But you will / Fellow, you are ill.” Dazu die Musik: Simon & Garfunkel spielen Motown. Mit Dave Grohl am Schlagzeug. Und einem Flötensolo.
Auch sonst: diese Klänge! Lazy Painter Jane schafft es, gerade durch das Fehlen von Präzision enorme Dynamik zu entwickeln. Das erschütternde You Made Me Forget My Dreams vereint eine Steel-Gitarre mit einem kleinen Abba-Zitat. Über Gitarrenjangle und eine Orgel, von der Brian Wilson geträumt haben muss, wird in A Century Of Elvis eine Kurzgeschichte erzählt. So ähnlich wie Le Pastie de la Bourgeoisie würde wohl Jonathan Richman klingen (noch so einer, der sich energisch weigert, das Kindsein zu vergessen), wenn er Bibliothekar wäre.
Die schlicht perfekte Selbst-Reflexion This Is Just A Modern Rock Song steckt voller Witz und subtilem Drive und melodiöser Perfektion. Die edle Melancholie von I Know Where The Summer Goes hätte Burt Bacharach zur Ehre gereicht. Legal Man lässt einen Sitar-Lehrer eine Orgie mit einem ganzen Mädchenpensionat feiern. Und I’m Waking Up To Us ist, wie so vieles hier, ein Traum, der gegen die eigene Verbitterung ankämpft. Und zum Heulen schön.
Reißt die alten Wunden auf! Sie sind alles, was wir haben.
Sogar in Wunderbare Jahre-Ästhetik: Der Clip zu Lazy Painter Jane:
Belle And Sebastian bei MySpace.
Hingehört: Ben Hamilton – “Bull In A China Shop”
| Künstler | Ben Hamilton |
| Album | Bull In A China Shop |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | *1/2 |
Elefant im Porzellanladen? Von wegen! Ben Hamilton ist eher so etwas wie ein warmer Löffel im Butterfass. Oder ein Wattebausch in einer Wolke. Denn Bull In A China Shop ist eine dieser Platten, die man hören kann, ohne dass sie einem etwas sagen. Oft hilft es dann, die Platte noch einmal zu hören, und nochmal, um ihre verborgene Schönheit zu entdecken. Doch bei Ben Hamiltons zweitem Werk ist das zwecklos: Nichts bleibt hier hängen, egal wie sehr man es versucht.
Die ersten zehn Sekunden klingen noch wie Wonderwall, und dann setzt der Gesang des 2,10-Meter-Manns ein. Die Stimme erinnert an US-Vorbilder wie Matchbox 20 oder die Wallflowers, ist heiser und rauchig – und Radiomacher verwechseln diese Eigenschaften ja gerne mit Charakter und Intensität. Dabei kommt das Heisere nur davon, dass die Sänger jahrelang geschnorrte Zigaretten geraucht haben, während sie Lyrik schrieben, die niemand wollte.
Der Titelsong lässt danach an die dritte Britpop-Liga denken, Dodgy meinetwegen (kennt die noch jemand?) oder Hurricane #1. Spätestens beim Gitarrensolo von Forrest Love, dem drittem Stück, ist man tödlich gelangweilt von dieser Platte.
Es gibt ein paar Refrains mit Potenzial im James-Blunt-Sinne (Milestone, Satan Is Drag), doch selbst die klingen eher müde als mitreißend. Natürlich tauchen im Presse-Info die Worte “hand made” auf, und das ist immer ein Warnsignal (ebenso wie zwei weitere biografische Fakten: Exil-Engländer und Vorprogramm von Fury In The Slaughterhouse). Man kann dieser Platte wirklich nichts vorwerfen. Außer dass sie klingt wie Phil Collins mit schlechteren Melodien. Vor zwölf Jahren.
Ben Hamilton spielt Avenue Of Plenty live in Hamburg:










