Hingehört: “Wish You… Best Christmas Ever”

November 30, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Weihnacht als Ausrede: "Wish You...Best Christmas Ever".

Künstler Diverse
Album Wish You…Best Christmas Ever
Label Trikont
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Wer schon Ende November so adventsgeschädigt ist wie Will Freeman in Nick Hornbys About A Boy, der wird diesen Sampler lieben. Weihnachten ist hier zwar durchweg das Thema, aber eigentlich doch bloß ein Vorwand für eine musikalische Weltreise voller Entdeckungen.

Die besinnliche Stimmung wird gleichermaßen aufgenommen und gebrochen. Von Blues bis Roots, von Mambo bis Rock’N'Roll reicht das Spektrum. Es gibt einige Highlights und reichlich ungewöhnliche Blickwinkel auf das Fest.

So bläst die damals elfjährige Brenda Lee in I’m Gonna Lasso Santa Claus zur Wasserpistolen-Attacke auf den Weihnachtsmann, Peter Bandit nimmt mit Santa’s In The Unemployment Line den Konsumwahn zum Fest ins Visier und Jimmy Butler zeigt mit Trim Your Tree in bester Chuck-Berry-Manier, dass die Hormone mitunter auch am Heiligabend ihr Recht fordern.

Der Christmas Wish von NRBQ und Florence Dores Christmas sind extrem hübsch, die Debonaires zeigen mit Christmas Time, wie Dirty Dancing hätte klingen können, wenn das Kellerman-Resort auch im Winter geöffnet hätte. The Twang (leider die aus Braunschweig, nicht die aus Birmingham) countryfizieren das unvermeidliche Last Christmas.

Am Schluss erleben die Klassiker White Christmas, O Tannenbaum und Leise rieselt der Schnee noch derart wundersame Interpretationen und Instrumentierungen, dass man die Originale kaum erkennt. Doch genau darum geht es hier: Es gibt einfach eine knappe Stunde lang sehr gute Musik. Weihnachten hin oder her.

Ist nicht drauf, aber trotzdem ein Hingucker: Jingle Bells als Furztechno:

Zum Haareraufen

November 20, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Die gängige Praxis bei Manager-Abfindungen ist für die meisten Normalverdiener schlicht zum Haareraufen. Beispiel Citigroup: Als deren Chef Charles Prince unlängst die größten Verluste der US-Großbank seit 93 Jahren verkünden musste, waren seine Tage gezählt. Doch der Abschied wird ihm nicht nur mit 40 Millionen Dollar versüßt: Prince bekommt fünf Jahre lang auch ein Büro, einen Assistenten sowie einen Dienstwagen samt Fahrer bezahlt.

Das ist kein Einzelfall. Und auch in Deutschland sind riesige Abfindungen üblich. Klaus Esser bei Mannesmann, Clemens Börsig bei der Deutschen Bank, Ron Sommer bei der Telekom – sie alle wurden mit einem zweistelligen Millionenbetrag nach Hause geschickt. Dass es derart großzügig belohnt wird, wenn Manager ihren Job nicht ordentlich machen, sich mit dem Aufsichtsrat oder den Aktionären verkrachen oder aus anderen Gründen nicht mehr tragbar sind, ist einer der Gründe, warum die Top-Entscheider hierzulande einen schlechten Ruf haben.

Dass Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD das Thema jetzt angehen, ist deshalb erfreulich. Zumal das Problem an Bedeutung gewinnt: Immer öfter scheiden Manager vorzeitig aus ihren Verträgen aus. Die durchschnittliche Amtszeit von Vorstandschefs hat sich seit 1998 von 8,3 auf 4,7 Jahre verkürzt. Im vergangenen Jahr gab es einen Rekord bei Entlassungen in den Führungsetagen deutscher Unternehmen.

Auch der Hinweis auf die steuerliche Absetzbarkeit der Abschiedsgelder ist in diesem Zusammenhang überfällig. Es kann nicht sein, dass Unternehmen ihre Führungskräfte feuern – und der Steuerzahler dann auch noch indirekt dafür zahlen soll. Riesige Abfindungen für offensichtliche Fehlleistungen von Managern sind Gift für das Klima in einem Unternehmen und im ganzen Land, wenn gleichzeitig kleine Angestellte über Reallohneinbußen klagen müssen.

Doch es greift zu kurz, nur mit dem Finger auf “die da oben” zu zeigen. Wenn Manager ihren Job gut machen, steigern sie den Wert des Unternehmens. Davon profitieren im besten Fall die gesamte Belegschaft und die Volkswirtschaft. Dass sie deshalb gut bezahlt werden, ist richtig – dazu gehören auch entsprechende Klauseln für eine vorzeitige Trennung. Der Vorstoß aus dem Bundestag könnte zudem zur Folge haben, dass die Höhe der Abfindungen zwar sinkt, sich die Manager aber als Kompensation dafür gleich vorneweg höhere Grundgehälter genehmigen. Zudem wäre eine bloß nationale Lösung gefährlich: Wenn Top-Leute in Deutschland schlechter abgesichert sind als anderswo, könnten sie eher bei Firmen aus dem Ausland anheuern – was die deutsche Wettbewerbsfähigkeit langfristig schwächen würde.

Der Anstoß aus dem Parlament könnte dennoch Wirkung zeigen, indem er die Manager zum Nachdenken bringt. Denn wichtiger als eine fixe Obergrenze wäre eine größere Sensibilität in den Vorstandsetagen. Die viel beschworene Verantwortung, die sich die Manager fürstlich entlohnen lassen, haben sie nämlich nicht nur für die Aktionäre, sondern auch für die eigene Belegschaft – und für den sozialen Frieden.

Hingehört: Good Shoes – “Think Before You Speak”

November 19, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

"Think Before You Speak" ist kunterbunt, und die Vertonung von ambitionierter Ungeduld.

Künstler Good Shoes
Album Think Before You Speak
Label Emi
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Morden life is rubbish. Genauer gesagt: Morden ist nicht gerade der Ort, zu dem man unbesorgt seine Kinder mitbringen kann. Die Good Shoes müssen es wissen. Denn sie kommen aus eben diesem Londoner Vorort. Und sie wollen schleunigst raus.

Daran lässt nicht nur die Single Morden keinen Zweifel. Auch der Opener Nazarin hat diese ambitionierte Ungeduld. Für die Good Shoes sind diese Lieder die Werkzeuge zur Flucht, und der Masterplan umfasst derart packende, unbekümmerte und euphorische Musik, dass Think Before You Speak auch Monate nach dem Erscheinen noch begeistert.

Sicher gab es bessere Indie-Rock-Platten in diesem Jahr, und bedeutendere. Aber es gab kaum welche, die so viel Spaß machen.

Da ist Photos On My Wall mit seiner Riesen-Melodie und der irren Gitarre, so schlau, dass man die Textzeile “I don’t think before I speak” kaum glauben mag. Da ist All In My Head mit seinem sich überschlagenden Refrain und wieder dieser Gitarre, die so kreativ, funky und auf den Punkt ist, dass man wohl wirklich Art-Rock dazu sagen muss.

Sophia hat eine famos unangestrengte Coolness (wer “unangestrengte Coolness” für eine Tautologie hält, hat wohl noch nie etwas von Johnny Borrell gehört). Never Meant To Hurt You ist schlicht ein Riesenhit, unfassbar clever, catchy und mit Textzeilen wie “Do you ever feel like you’ve broken someone’s heart?” und später dem noch eingängigere “I never meant to hurt you” so sehr mitten aus dem Leben und aus tiefstem Herzen, dass man allen Casanovas dieser Welt ihre Schandtaten sofort verzeihen muss.

We Are Not The Same ist ein Kracher von ganz ähnlichem Format, Small Town Girl (kein Antwort-Hit zum Lied von Bronski Beat) ist gar ein ganz heißer Kandidat für die Single des Jahres. Eine Zeile wie “everything’s okay / everything’s alright” klang selten so durch und durch überzeugend.

Ab dann gibt es nur noch Hits: In The City (kein Bezug zum Hit von The Jam, aber trotzdem ein klasse Zitat), das irre verspielte Ice Age und zum Schluss ein Titel, den die Good Shoes sicher bald vergessen können: Wait. Keine Sorge, Jungs: Mit solchen Liedern könnt ihr Morden ganz schnell hinter euch lassen.

Eindrücke aus der Provinz: Der Clip zu Morden:

Die Good Shoes bei MySpace.

Stumpfe Schwerter

November 13, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Wieder einmal hat sich Alois Rhiel in vorderster Front gegen die deutschen Stromriesen positioniert. Schon längst hat sich der ehemalige Fuldaer Oberbürgermeister als Hoffnungsträger all derer etabliert, die unter immer weiter steigenden Strompreisen leiden. Nun will Hessens Wirtschaftsminister den Feldzug in den Bundesrat tragen und dort für die Umsetzung seiner schon lange gehegten Pläne werben: Die Stromriesen Eon, Vattenfall, RWE und ENBW sollen gezwungen werden, Kraftwerke an kleinere und neue Konkurrenten abzugeben, die dann den Markt aufmischen und so die Verbraucher entlasten sollen.

Doch wer beim Blick auf die Stromrechnung nun auf eine baldige Ersparnis hofft, täuscht sich. In der Bundesregierung gibt es offensichtlich wenig Sympathie für Rhiels Anregungen, einige Bundesländer haben sie bereits ausdrücklich abgelehnt. Vor allem aber werden die Großkonzerne mit aller Macht um ihre lukrativen Kraftwerke kämpfen. Zwangsläufig würde die Umsetzung von Rhiels Plänen einen langwierigen Rechtsstreit nach sich ziehen, der wohl bis vors Bundesverfassungsgericht ginge.

Zudem dürften Eon & Co. auch zu anderen Mitteln greifen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Stromriesen ihrer Lobby bedienen und mit Investitionsstopps, Abwanderung und dem dadurch verursachten Verlust von Arbeitsplätzen drohen. Und nicht zu Unrecht verweisen die Anbieter auf die Scheinheiligkeit der Politik, die mit Steuern und Abgaben selbst zu den hohen Strompreisen beiträgt. Dass die Pläne aus Hessen schon bald Gesetz werden, ist deshalb so gut wie ausgeschlossen. Dass sie überhaupt irgendwann umgesetzt werden, ist zumindest fraglich.

Auch andere Vorstöße für mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt haben ihre Haken. Die zuletzt von der EU-Kommission angeregte Zerschlagung der Konzerne mit einer Trennung von Stromerzeugung und -verteilung ist juristisch ebenso heikel wie die von Rhiel vorgeschlagenen Maßnahmen. Auch hier dürfte der Gang durch die Instanzen die Hoffnung der Verbraucher auf eine schnelle Entlastung zunichte machen. Die von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos vorgeschlagene Stärkung des Kartellamts dürfte sich ebenfalls als stumpfes Schwert erweisen. Selbst Wettbewerbshüter bezweifeln, dass dies zu sinkenden Preisen führen wird, weil es nach wie vor schwierig bleiben wird, den Quasi-Monopolisten Missbrauch ihrer Marktstellung nachzuweisen.

Mächtiger als die Politik sind derzeit ohnehin die Verbraucher: Der schnellste Weg zu einer niedrigen Stromrechnung führt über den Wechsel des Tarifs oder Anbieters. Doch nur acht Prozent der Haushalte haben im vergangenen Jahr von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Erst wenn der Rest aufwacht – und ebenso wie beim Kauf von Autos, Reisen oder Brot auch hier Preisbewusstsein entwickelt – wird wirklich Schwung in den Markt kommen.

Hingehört: Abba – “Abba – The Album”

November 10, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Abba - The Album" begleitet die Schweden auf dem Weg zum Softrock und ins Musical.

Künstler Abba
Album The Album (Deluxe Edition)
Label Polar
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Wenn es jemals eine Band gab, zu der digitally remastered passt, bei der spätere Neuauflagen von Alben und opulentes Begleitmaterial nicht wie ein Sakrileg wirken, sondern vollkommen integer, dann ist es Abba. Schließlich waren die vier Schweden schon immer technologisch ganz vorne dabei (es war ihre Musik, die vor 25 Jahren auf die ersten CDs gepresst wurde) und verstanden sich von Anfang an als historische Band, mit entsprechender Dokumentation.

Nicht zuletzt passt dazu auch die Musik: Denn die war immer sowohl modernistisch wie klassisch. Dass sie weiterlebt, und dass sie Updates erfährt, ist deshalb nur schlüssig.

Selbst beinharte Abba-Fans der ersten Stunde werden also nichts daran auszusetzen haben, dass es die Alben von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid nun als Deluxe-Editionen gibt. Zumal sie, im Fall von The Album, eigentlich dem fünften Abba-Longplayer, aber nun zweiter Teil der Deluxe-Serie, mit jeder Menge Futter belohnt werden. Das Original-Album erstrahlt hier im neuen Sound-Gewand. Dazu gibt es sechs Bonustracks, ein erhellendes 27-Seiten-Booklet und eine famose DVD.

Die neun regulären Tracks von The Album zeigen Abba anno 1977. Natürlich keine Spur von Punk. Stattdessen war das Quartett auf dem Weg zu Musical-Sounds und fand statt dem bisherigen Europop neue Einflüsse in Country und im amerikanischen Softrock. Dazu kamen erste Versuche, Texte zu schreiben, die nicht nur ein Vehikel für die Melodien waren, sondern tatsächlich etwas zu bedeuten hatten. Das mündet in Stücke wie die grandios überambitionierten Eagle oder The Name Of The Game. Der Einfluss von Fleetwood Mac, Chicago oder Boston ist bei One Man, One Woman oder Move On unverkennbar. Take A Chance On Me ist nichts weniger als die Definition von catchy und klingt fast so, als könne Discofox eines Tages die Welt retten.

Richtig lohnend für Abba-Afficinados sind aber die Bonustracks: Die Live-Version von Take A Chance On Me aus dem Wembley-Stadion zeigt ein anderes Arrangement, Move On klingt auf Spanisch noch anderweltlicher. Absolutes Highlight ist aber die Doris Day Version genannte, ursprüngliche Aufnahme von Thank You For The Music. Dem kann man sich nur anschließen.

Das Video zur Album-Version von Thank You For The Music:

Abba bei MySpace (noch ein Beweis dafür, dass sie mit der Zeit gehen)

Hingehört: Sophie Zelmani – “Memory Loves You”

November 7, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Sophie Zelmani besingt auf "Memory Loves You" den ewigen Herbst.

Künstler Sophie Zelmani
Album Memory Loves You
Label Sony
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Ich habe keine Ahnung, was man am Liverpooler Lipa unter der Schirmherrschaft von Paul McCartney oder an der Mannheimer Popakademie als Kommilitone von Xavier Naidoo wohl lernen mag. “Konzept und Wirkung des Openers” steht aber sicherlich irgendwann im Grundstudium auf dem Stundenplan. Der erste Song einer Platte sollte den Hörer gefangennehmen, mitreißen, begeistern.

Sophie Zelmani, so kann man sich sehr gut vorstellen, hat da sicherlich nicht aufgepasst. Stattdessen aus dem Fenster geguckt, Schmetterlinge in ihr Hausaufgabenheft gemalt und in Gedanken Wolkenkuckucksheime gebaut. Und deshalb ist Wait For Cry auch ein Auftakt, der eigentlich gar nicht stattfindet. Nach 191 Sekunden ist das Lied zu Ende, ohne dass man es überhaupt bemerkt hat.

Das passt natürlich ebenso gut zu Zelmani wie die Vorstellung von der verträumten, etwas abwesenden Schülerin, in die alle heimlich verliebt sind. Seit Jahren nimmt die Schwedin die immer gleichen Platten auf und langweilt ihre Fangemeinde doch nicht im Geringsten. Denn was die Anhängerschar von Zelmani will, sind keine Lieder, sondern Stimmung.

Das Zarte, Unschuldige, leicht Melancholische beherrscht die Schwedin wie niemand sonst. Vor allem aber hat sie (neben ihrer Herkunft, die bei der Zielgruppe für Schmuse-Folk sicherlich lebendige Fantasien von sauberen Seen und glücklichen Kindern auslöst, und ihrem mehr als einnehmenden Äußeren) eine Stimme, die schlicht zu den schönsten der Welt zählt. Wenn sie säuselt, schmachtet, haucht, dann ist das nie weniger als bezaubernd – obwohl sich die vokale Bandbreite hier auf einem Bruchteil des Terrains bewegt, das etwa Mariah Carey oder Fergie durchwandern, um ähnliche Reaktionen zu evozieren.

Im Titelsong klingt diese Stimme, als wage sie sich kaum, gegen das vergleichsweise robuste (mit Schlagzeug und Slide-Gitarre) Klanggefüge anzusingen. I Got Yours hat all die Grazie eines Nick-Drake-Stücks und just durch den Gesang scheint die Sonne auf dieses Kleinod. Sorrow ist ein weiteres dieser geflüsterten Geheimnisse. Und der Rausschmeißer Shade klingt so himmlisch süß und so sehr nach Rette-Mich-Und-Nimm-Mich-In-Deine-Starken-Arme, dass es selbst James Blunt zum Bruce Willis werden lassen würde.

Gelegentlich gibt es Ausbrüche aus dem streng akustischen Korsett. Broken Sunny Day hat eine subtile rhythmische Finesse, eine feine Dire-Straits-Gitarre und eine unterschwellige Orgel-Dramatik. How Different trauert den verpassten Chancen mit einem höchst eleganten Klavier und einem Chor der gebrochenen Herzen nach. Travelling kommt mit so viel Schwung und Beat daher, dass es durchaus dem Repertoire von Kristofer Aström entsprungen sein könnte.

Diese Stücke sind nicht unbedingt die Höhepunkte von Memory Loves You, aber sie retten die Platte davor, allzu hübsch, aber belang- und ereignislos zu verplätschern. Und machen sie zu einem weiteren ganz wunderschönen Album für die Länder und Herzen, in denen immer Herbst ist.

Fast gar nicht da: Sophie Zelmani singt Wait For Cry für das schwedische Fernsehen:

Sophie Zelmani bei MySpace.

Hingehört: Stevie Wonder – “Number Ones”

November 7, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Stevie Wonder beweist: Musikalität muss kein Schimpfwort sein.

Künstler Stevie Wonder
Album Number Ones
Label Universal
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Mehr als alles andere macht vielleicht eine Stichelei die wahre Klasse von Stevie Wonder deutlich. Als Paul Simon, selbst nun wahrlich kein unbedeutender Songwriter, 1975 den Grammy für seinen Longplayer Still Crazy After All These Years erhielt, dankte er auf der Bühne Stevie Wonder – dafür, dass der in diesem Jahr kein Album veröffentlicht hatte.

Wonder stand damals in der Blüte seiner Karriere, künstlerisch wie kommerziell im Zenit: Innerhalb von vier Jahren legte er mit Talking Book, Innervisions und Songs In The Key Of Life ein sagenhaftes Triumvirat von Monster-Alben vor, das seinen Ruf als Tausendsassa und Wunderkind zementierte.

Schon als Zwölfjähriger war er bei Motown unter Vertrag, noch als Teenie lieferte er erste eigene Hits wie das wilde Fingertips (Part 2), das hier den Auftakt macht, oder belieferte andere mit Klassesongs (aus Wonders Feder stammen etwa Smokie Robinsons Tears Of A Clown oder It’s A Shame von den Spinners).

Doch erst dann setzte der Mann, der eigentlich Stevland Hardaway Morris heißt, zum wirklichen Höhenflug an. Als gebürtiger Detroiter hatte er Motown und Soul mit der Muttermilch aufgesogen, und seine ersten Stücke wie das energische Uptight (Everything’s Alright) oder das ungeduldige I Was Made To Love Her zeugen davon. Doch dabei beließ es der Junge mit der Mundharmonika nicht. Reggae und Rock integrierte Wonder ebenso mühelos und virtuos in seinen Sound wie Klänge aus Afrika und aus Musicals. Und aus all dem strahlt eine sagenhafte Lebensfreude, die natürlich noch berückender hervortritt, wenn man weiß, dass der Mann, der diese Oden an die Freude singt, von Geburt an blind ist.

Natürlich sind hier alle Hits drauf. Das packende Signed, Sealed, Delivered I’m Yours, Superstition als die Definition von Funk, das zackige Part-Time Lover, das schlicht bezaubernde I Just Called To Say I Love You. Auch Wonders Duette mit dem Hochadel des Pops: Ebony And Ivory mit Sir Paul McCartney, herrlich schmalzig, und That’s What Friends Are For mit Sir Elton John, ganz sanft.

Nur weniges ist verzichtbar: Higher Ground scheitert beim Versuch, ein zweites Superstition zu werden, die neueren Stücke erreichen nicht das Niveau der Klassiker. Doch die hört man immer wieder gerne, ob Master Blaster oder You Are The Sunshine Of My Life, das einfach viel zu stilsicher ist, um in Kitsch-Verdacht zu geraten.

Dazu gibt es ein paar Entdeckungen: eine sagenhaft wehmütige Version von Dylans Blowin’ In The Wind und Sir Duke, das deutlich macht, dass Musikalität kein Schimpfwort sein muss. Schon gar nicht bei so viel Talent.

Dieser Song ist Funk: Stevie Wonder singt Superstition:

Stevie Wonder bei MySpace.

Hingehört: Silversun Pickups – “Carnavas”

November 5, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Schon in den Initialien ihrer Band haben die Silversun Pickups eine geheime Botschaft versteckt.

Künstler Silversun Pickups
Album Carnavas
Label Danger Bird
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Von Parallelen zu sprechen, wäre schamlos untertrieben. Was hier einsetzt, ist ein lupenreines déjà vu: Eine junge Dame am Bass, ein Berserker am Schlagzeug und ein diktatorischer, seltsam verbissener Frontmann mit der Stimme und dem Bühnen-Gebaren eines Rumpelstilzchens mit einer sehr traumatischen Kindheit. Die Silversun Pickups sind die neue Hoffnung des US-Indie-Rocks. Und so etwas wie die Wiederauferstehung der Smashing Pumpkins.

Auch hier werden Metal-Prägung und Pop-Sensibilität vereint. Im besten Fall wird daraus tiefer, aggressiver Bombast-Rock (Future Foe Scenarios). Es gibt auch die Sorte Hits, zu denen sogar die Träumer auf die Tanzfläche schlurfen, die sonst immer nur am Rand rumstehen (Lazy Eye, Well Thought Out Twinkles).

Manches ist allerdings ein wenig zu uninspiriert und durchschauber oder ertrinkt in der eigenen Wall-Of-Sound- und Gitarrenverliebtheit. Aber die Smashing Pumpkins wurden ja auch erst mit der zweiten Platte ihrem eigenen Talent gerecht.

Hatte ich schon erwähnt, dass der Drummer ein Berserker ist? Der zauberhafte Clip zu Lazy Eye ist der Beweis:

Silversun Pickups bei MySpace.

Hingehört: Kate Nash – “Made Of Bricks”

November 2, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

"Made Of Bricks" von Kate Nash ist ganz und gar britisch. Und ein Genuss.

Künstler Kate Nash
Album Made Of Bricks
Label Universal
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Dass immer mehr Errungenschaften der Popkunst des Vereinigten Königreichs die Küsten des europäischen Festlands mit reichlich Verspätung erreichen, ist ärgerlich und erstaunlich genug. Dass das Debüt von Kate Nash aber gerade in die Top 50 der deutschen Charts eingestiegen ist, überrascht (und erfreut) noch ein bisschen mehr. Denn eigentlich ist dies ganz und gar britische Musik. Voller Zitate, sich seiner Geschichte bewusst, und mit den eigentlichen Highlights in den Texten.

Entweder haben die Deutschen ganz schnell die englische Sprache (und den dazugehörigen Humor) gelernt. Oder die 19-Jährige verkauft eine Menge Platten an Altersgenossinnen, die in ihr zu Recht ein role model sehen. Oder aber schlauer, energetischer und unverbrauchter Pop setzt sich irgendwie immer durch. Denn davon gibt es hier reichlich.

Foundations wird irgendwie von Keyboards in den Himmel getragen. Der Hit Mouthwash ist ebenso vertrackt wie eingängig und eine Hymne für alle Mädchen mit Geist (und alle Jungs, die auf derlei Details Wert legen). We Get On ist so sehr mitten aus dem Leben, dass es einem das Herz zerreißt.

So ähnlich wie das grandios irre Mariella könnten Musicals klingen, wenn sie jemals bedeutend werden sollten. Pumpkin Soup explodiert beinahe vor lauter Selbstvertrauen, die be(d)rückende Ballade Nicest Thing dürfte die Antarktis schneller schmelzen als der Treibhauseffekt – und dann sofort wieder schockfrosten vor lauter Schreck, wie schmerzhaft diese bekackte Sache namens Liebe sein kann.

Ausnahmsweise lügt das Presse-Info einmal nicht: Punk hat hier seine Spuren hinterlassen, Carole King und irischer Folk. Und: Kate Nash liest! Echte Bücher! Die von ihr genannten Bezugspunkte Saul Williams und John Cooper Clarke erkennt man zwar nicht unbedingt in ihrer Lyrik. Aber die ebenso kompakten wie treffsicheren Zeilen von Dickhead oder Bird sind ein Fest und der beste Beleg dafür, dass der Weg durchs Ohr durchaus direkt ins Hirn führen kann.

Made Of Bricks ist so schlau und gleichzeitig unverkopft, dass es eine helle Freude ist. Top 50. Mindestens.

Der beste Beweis für meine role-model-These: Gleich drei Mädels eifern Kate Nash und ahmen Nicest Thing nach:

Kate Nash bei MySpace.