Durchgelesen: William S. Burroughs – “Nova Express”

Dezember 28, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Nova Express" ist ein Kampf - für den Autor und den Leser.

Autor William S. Burroughs
Titel Nova Express
Verlag Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1964
Bewertung ***

Wladimir Klitschko würde jetzt wohl sagen: schwääährre Kost. Und in der Tat ist “Nova Express” ein Kampf, für den Leser wohl ebenso wie für den Autor.

Burroughs treibt in dieser Science-Fiction-Geschichte seine Montage-Technik auf die Spitze. Er durchbricht hier Grenzen, sprachlich, stilistisch und moralisch.
Dem zu Grunde liegt die Erkenntnis, dass alles möglich ist, in Technik (immer wieder gibt es Anspielungen etwa auf die Hydraulik), Wissenschaft (Elemente aus kruden, teilweise halbwissenschaftlichen Studien zu Chemie und Biologie fließen hier ein), Politik (schmerzvolle Hinweise auf Gaskammern und die Atombombe durchziehen den Roman), Sexualität (es wird reichlich und schamlos ejakuliert, Burroughs hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren) und Wahrnehmung (wobei dann auch allerlei zum Teil fast putzige Ansichten über Drogen zum Ausdruck kommen).

Nichts muss so sein, wie es scheint, lautet Burroughs’ zentrale Botschaft, und seine visionären Cutup-Texte sind die beste Form, um dies zum Ausdruck zu bringen.

Das Problem ist nur: Die Message, die Burroughs rüberbringen will, hat man recht schnell erkannt. Und danach wird “Nova Express” mitunter zum Presslufthammer, der immer wieder mit der selben Härte, dem selben Lärm und der selben Unnachgiebigkit das selbe tut. Wie ermüdend das werden kann, zeigt ein typischer Absatz des Romans: “‘Dingpolizei hält alle Geschäftsberichte unter Verschluss’ – Und wir dürfen den Katastrophenbericht nicht herausgeben – Eingeklemmte Geisterhand – Explosiver Bio-Vorstoß von Kundschaftern aus dem All, die einen Elektriker anheuern sollen – Im Benzinknall der Geschichte – Der letzte strahlende Held – ‘Unsere Spuren überlagern sich, Mr. Bradly Mr. Martin’ – Kam an kein Fleisch heran, als er überwechselte – Und die Zeit ist abgelaufen für die kranken Spuren – Lange Zeit, von einer Sonne zur nächsten, hielt ich den alten Mantel – Trübes Bild zwischen Licht und Schatten – Murmelte in den Kanaken, von denen ich nicht mehr wusste, wann ich sie aufgetan hatte – Wir treffen uns überall in den kranken Galaxien – Gift der toten Sonne in deinem Hirn, das langsam dicht macht – Flüchtende Nachkommen von Affen im Benzinknall der Geschichte – Explosiver Bio-Vorstoß aus dem All ins Neon – ‘Geisterhand, eingeklemmt in der Tür, ich bin du’ – Kam an Fleisch nie heran – Hielt den alten Mantel in die Sonne – Totenhand zerdehnt die Kehle – Überbringe als letzter den Katastrophenbericht auf deinen Spuren – Mr. Bradly Mr. -”

Diese Sprache ist kraftvoll, treffsicher und entwickelt im Verlauf des Romans eine nicht zu unterschätzende Magie. Dennoch bleibt das Buch unbefriedigend. Denn trotz seiner unverkennbaren Intelligenz und Fantasie findet Burroughs zwar die Wunde seiner Zeit. Doch er fragt nicht nach den Gründen danach oder sucht gar nach einem Heilmittel. Sondern er stochert bloß genüsslich (und virtuos) darin herum.

Hingehört: Ben Kweller – “Ben Kweller”

Dezember 26, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Ben Kweller hat diesmal alles selbst gemacht. Und fast alles richtig.

Künstler Ben Kweller
Album Ben Kweller
Label Red Ink
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***

Alles hat Ben Kweller diesmal selbst gemacht. Das dritte Album soll offensichtlich nicht nur ein weiterer Beleg seiner erstaunlichen Musikalität werden, sondern dem Zufall auch nicht die geringste Überlebenschance lassen. Oder gar unzuverlässigen Mitmusikern, die ständig halbbesoffen im Studio rumlungern und den tieferen Sinn von Stücken wie, ähm, I Don’t Know Why sowieso nie kapieren werden.

Deshalb hat Kweller Orgel, Schlagzeug, Gitarre und alles andere diesmal gleich selbst gespielt – und das Ergebnis dann logischerweise gleich Ben Kweller genannt. Auch das Xylophon, das im schmissigen Opener Run erklingt und dem Stück einen charmant-gestrigen Bruce-Springsteen-Sound verleiht.

So viel Konzentration und einer der größten Solo-Künstler der jüngeren Rock-Vergangenheit als erster Bezugspunkt zeigen bereits: Ben Kweller soll für Ben Kweller der ganz große Wurf werden. Die Lieder scheinen deshalb allesamt dem Great American Songbook entsprungen zu sein, sind perfekt arrangiert und durchweg klasse komponiert.

Das heiter-unschuldige Sundress, das sich zum Ende hin immer mehr aufschwingt. Das ungeduldige Penny On The Train Track. Das zurückgenommene, wunderhübsch gesungene Red Eye und das beinahe klassizistische Until I Die.

Das Problem ist nur: Irgendwie fehlt hier die Authentizität. Vielleicht ist es Kwellers Milchbubistimme, vielleicht auch die allzu gekonnte Produktion von Gil Norton (Pixies, Foo Fighters). Dies sind genau die richtigen Themen, die richtigen Töne und die richtigen Texte. Doch es klingt, als habe Kweller sie nicht erlebt, sondern bloß geträumt.

I Gotta Move wird deshalb kein Startschuss zum Aufbruch, sondern verführt höchstens dazu, mal mit dem Finger über die Landkarte zu fahren. Nothing Happening klingt genauso, wie man sich wohl den perfekten Westcoast-Sound vorstellt, wenn man eben aus Texas kommt. Im seltsam blutleeren This Is War bekriegen sich allenfalls Pappkameraden.

Und die Piano-Ballade Thirteen (Kweller: “Während ich an dem Stück schrieb, kamen diese ganzen Emontionen aus mir heraus. Ich habe an meine Frau Liz gedacht und an all das, was wir in acht Jahren gemeinsam durchgemacht haben.”) klingt so, als ob sie nicht von seinem eigenen Leben handelt, sondern als ob Kweller hier die Story eines Filmes nacherzählt.

Diese Platte lässt keinen Zweifel daran: Ben Kweller hat all das Können und all das Talent, das man sich für einen bedeutenden Songwriter nur wünschen kann. Doch er hat nichts zu sagen. Und das ist eben eine der unersetzlichen Zutaten, wenn man ein großes Album machen will. Sogar wichtiger als das Xylophon.

Irgendwie dann doch ein Hingucker: Der irre Clip zu Ben Kwellers Penny On The Train Track:

Ben Kweller bei MySpace.

Schlicht pervers

Dezember 22, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Man kann das nur pervers nennen: Kurz vor Heiligabend erfahren ein paar tausend Mitarbeiter von BMW, dass sie um ihre Arbeitsplätze bangen müssen. Und die Börse quittiert diese Ankündigung des Unternehmens prompt mit einem satten Kurssprung. Während die einen um ihre Existenz fürchten, machen die anderen damit ihren Reibach. Und das, obwohl das Unternehmen Gewinn erwirtschaftet – mindestens 3,75 Milliarden Euro sollen es in diesem Geschäftsjahr werden.

BMW ist kein Einzelfall: Auch bei der Telekom und der Allianz war dieser Mechanismus zu beobachten. Pikanterweise ist Deutschlands größte Versicherung, die vor einigen Monaten selbst mit der Ankündigung von massenhaftem Job-Abbau trotz eines Rekordgewinns für Empörung gesorgt hatte, mit rund fünf Prozent am bayrischen Autobauer beteiligt. Allein am gestrigen Kursgewinn hat die Allianz damit rund 60 Millionen Euro verdient.

Aus Sicht der Anteilseigner und des Managements sind die Sparpläne beim weiß-blauen Autobauer sicherlich vernünftig. BMW holt jetzt das nach, was Daimler, Opel oder VW bereits hinter sich haben. Das Unternehmen leidet, wie viele andere deutsche Firmen mit einem Exportschwerpunkt, zunehmend unter den teuren Rohstoffen und dem schwachen Dollar. Das drückt auf die Margen. Insofern macht es Sinn, nach Sparpotenzialen zu suchen.

Dass dies aber reflexartig in einen Stellenabbau mündet, zeigt auch die Einfallslosigkeit – und die eigenen Fehlleistungen – der Unternehmensführung. Wenn tatsächlich Überkapazitäten in den Werken aufgebaut wurden, wenn sich der Absatz der Autos nicht wie erhofft entwickelt hat und wenn bei der Größe der Belegschaft ob der zuletzt guten Geschäftsentwicklung offensichtlich Speck angesetzt wurde, dann sind das Effekte, die das Management zu verantworten hat – die jetzt aber die Mitarbeiter ausbaden müssen.

Besonders enttäuschend ist, dass sich BMW offensichtlich von seiner Philosophie verabschiedet hat, auf den Standort Deutschland zu setzen. Als andere Autobauer schon längst ihre Beschäftigtenzahlen reduzierten, wuchs die BMW-Belegschaft in Dingolfing, München und zuletzt in Leipzig noch deutlich. BMW schien sich seiner unternehmerischen Verantwortung bewusst zu sein, zumal es der Firma gut ging – und gut geht.

Dass sich die Münchner ausgerechnet jetzt der weit verbreiteten Philosophie der reinen Gewinnoptimierung anschließen, lässt auch wegen der Diskussion um CO2-Grenzwerte aufhorchen. Da fordert die Autolobby gerade ein Einschreiten der Bundesregierung gegen die EU-Pläne und zum Wohl der deutschen Premium-Autobauer. Das ist auch durchaus legitim. Aber wenn Deutschland für die Hersteller da sein soll, dann müssen die Hersteller auch für Deutschland da sein.

Der Räuber der Landstraße

Dezember 21, 2007 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Need for speed: Der Opel Corsa OPC ist das Traumauto für die Playstation-Generation. Foto: Opel

Need for speed: Der Opel Corsa OPC ist das Traumauto für die Playstation-Generation. Foto: Opel

Fast 200 PS in einen Opel Corsa zu packen, macht ungefähr so viel Sinn wie ein Smart mit Anhängerkupplung, ein Ferrari mit Tempomat oder ein Chrysler Voyager mit Sportfahrwerk. Aber “Sinn” ist schon in der Philosophie ein nicht ganz unumstrittenes Konstrukt. Und in der Automobilbranche ein völlig obsoleter Begriff.

Und das Aufpeppen von Opels Kleinstem, der auch in der neuesten Generation bereits eine halbe Million Mal verkauft wurde, erscheint plötzlich völlig logisch, wenn man am Steuer sitzt. Das im Vergleich zum normalen Corsa um 15 Millimeter tiefer gelegte und auf dem Nürburgring abgestimmte Fahrwerk überzeugt als Kompromiss zwischen dem notwendigen Maß an Komfort und dem wünschenswert großem Spielraum für Sportlichkeit.

Lenkung und Sechs-Gang-Getriebe tragen ebenfalls ihren Teil zu einem Fahrgefühl bei, das der Definition von Agilität und Dynamik sehr nahe kommt. “Links halten”, sagt das Navigationssystem zwar nur gelegentlich, doch in diesem Auto scheint das zum Motto zu werden. Neben 192 PS trägt dazu auch das Drehmoment bei, das durch die Overboost-Technologie auf bis zu 266 Newtonmeter gesteigert wird. Bei Vollgas zerrt die Kraft der Maschine spürbar und sorgt so für einen hohen Adrenalin-Pegel beim Piloten. Auch Zwischensprints werden so zur Freude: Nicht einmal sieben Sekunden braucht man, um ohne zu schalten von 80 auf 120 km/h zu beschleunigen. Das macht den Corsa OPC zum Räuber der Landstraße, auch zum idealen Drängler-Auto.

Die neu entwickelten Recaro-Sportsitze sind schlicht famos, die Materialien makellos, der Sound gelungen. Auch die Optik macht den Corsa OPC zu dem Auto, von dem die Playstation-Generation geträumt haben muss: Markante Front- und Heckschürzen, Dachspoiler, ein an ein Flugzeug-Cockpit erinnerndes (und zunächst entsprechend unübersichtliches) Armaturenbrett und als Krönung das sagenhafte, mittig angebrachte dreieckige Auspuff-Endrohr vereinen die Gefährlichkeit von Rennsport mit spielerischen Elementen.

Allerdings fragt sich, wie die angestrebte junge Zielgruppe für dieses Auto gewonnen werden soll. Dem steht nicht nur ein Anschaffungspreis von 22.700 Euro im Wege. Auch die Versicherung stuft derlei Discotod-Autos gerne sehr hoch ein. Und nicht zuletzt dürfte die Unterhaltung auch durch den Verbrauch reichlich kostspielig werden. Hier schlägt neben dem Turbo auch die extrem kurze Übersetzung zu Buche, die den OPC auf der Autobahn praktisch nur im Bereich jenseits von 4500 Touren unterwegs sein lässt.

Mit Bleifuß-Mentalität zeigt der Bordcomputer dann mitunter schon einmal einen Momentan-Verbrauch von über 30 Liter Super Plus an. Man kann sich aussuchen, ob man dann ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man gerade 721 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer in die Luft pustet, oder ob man lieber unruhig wird, weil jeder gefahrene Kilometer dann 46 Cent allein für den Sprit kostet. Zudem ist das Schluckspecht-Manko auch unpraktisch. Bei zügiger Fahrt beträt die Reichweite im Schnitt nur knapp über 400 Kilometer, das reicht gerade, um vom Opel-Stammsitz Rüsselsheim ins Werk Eisenach, wo der Corsa hergestellt wird, und zurück zu kommen.

Das einzig erfreuliche an den sonst üppigen Werten: Die Verbrauchsdifferenz zwischen behutsamer und sportlicher Fahrt ist nicht halb so groß wie der Unterschied an Fahrspaß, der hier zwischen defensiver und offensiver Fahrweise geboten wird. Die Entscheidung, ob man lieber sportlich unterwegs ist und 11 Liter verbraucht oder behutsam reist und dann immer noch auf 9 Liter kommt, dürfte nicht allzu schwer fallen. Denn wer ein Freund des sanften Gasfußes ist, wird ohnehin keinen Corsa OPC fahren. Das macht schlicht keinen Sinn.

Durchgelesen: Jonathan Safran Foer – “Extrem laut und unglaublich nah”

Dezember 20, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"Extrem laut und unglaublich nah". Und groß. Und erhebend.

Autor Jonathan Safran Foer
Titel Extrem laut und unglaublich nah
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung *****

Schon wieder ein Geständnis: Das hoch gelobte “Alles ist erleuchtet” habe ich ignoriert, weil alles, was so hoch gelobt wird, den kritischen Geist eher skeptisch als neugierig macht. Doch dies war ein Fehler. Ein Fehler, den es schleunigst auszulöschen gilt.

Allerdings auch ein Fehler, der sein Gutes hatte. Denn dank der Unkenntnis des Debütromans von Jonathan Safran Foer wird die Lektüre des Nachfolgers wohl zu einem noch größeren, erhebenderen, augenöffnenden Ereignis.

Was der Mann, Jahrgang 1977, hier mit Sprache, Erzählstrukturen und Typographie anstellt, verdient nur ein Wort: Meisterwerk. Dass er sich mit diesen Mitteln auch noch eines Themas annimmt, das denkbar gefährlich ist, weil es schon weitaus gestandenere Autoren zu vorschnellen Schuldzuweisungen, unerträglicher Gefühlsduselei oder unreflektiertem Patriotismus verführt hat, ist noch erstaunlicher.

Doch gerade, weil es hier um einen Jungen geht, der bei den Anschlägen des 11. September seinen Vater verloren hat, wird “Extrem laut und unglaublich nah” ein nicht nur sehr guter, sondern epochaler Roman. Hier steckt so viel Wissen und Weisheit, so viel Gutes und Güte drin, dass es kaum zu fassen ist.

Eine überbordende, kindliche Phantasie, die sich in ebenso zahllosen wie einleuchtenden Bildern spiegelt (nur eines von tausend Beispielen: “Ich war erstaunt über meine Ehrlichkeit, sie wanderte durch meinen Arm nach unten und kam zum Stift heraus”), wird gepaart mit den omipräsenten Fragen nach den großen Themen unserer Zeit. Internet, Reizüberflutung, Wertewandel: All das stellt Foer zur Debatte, ohne es jemals auszuformulieren. Und durch den geschickten Kunstgriff, mehrere Generationen der Familie des kleinen Oskar einzubeziehen, tappt er auch nie in die Betroffenheitsfalle, sondern stellt mit seinen unfassbar eindringlichen Schilderung der Bombennacht von Dresden auch die Frage: Was ist Terror?

Dieses Buch ist schlau und wichtig ohne Maß. Doch in erster Linie ist es noch etwas anderes: rührend. Es ist eine Liebeserklärung an New York, an das ganze Leben. Gerade, weil hier der Tod, die Bedrohung, die Sterblichkeit über allem schweben (gipfelnd in dem famosen Satz “Am meisten bedaure ich, so fest an die Zukunft geglaubt zu haben.”), wird der Moment, die Fantasie, das Glück umso wertvoller. Eine Erkenntnis, die so schön ist, dass man das Bedürfnis verspürt, dem Autor persönlich dafür danken zu müssen. Und sei es nur, indem man jetzt endlich auch “Alles ist erleuchtet” kauft.

Beste Stelle: “Ich denke und denke und denke, ich habe mich eine Million Mal aus dem Glück hinausgedacht, aber nicht einmal hinein.”

Hingehört: Greyhound Soul – “Tonight And Every Night”

Dezember 19, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Tonight And Every Night": Greyhound Soul schicken Dylan in die Wüste.

Künstler Greyhound Soul
Album Tonight And Every Night
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Von einer Band, die sich nach fünf Jahren Pause zurückmeldet, sollte man einen Paukenschlag erwarten. Zumal, wenn die Combo bisher für Desert Rock stand, wie man ihn in Tucson, Arizona nun einmal spielt. Doch nichts da: Tonight And Every Night schleicht sich an, ganz vorsichtig, fast schüchtern.

Der Auftakt Time To Come Home wird kein unüberhörbarer Startschuss, sondern ein Mantra. Und dennoch fühlt sich dieser Beginn an wie eine, nunja: Heimkehr. Der erdige, sanfte Sound von Greyhound Soul entsteht so selbstverständlich wie eine Pflanze aus dem Samen erwächst.

Auch danach frönen Sänger Joe Pena und seine Mannen nicht dem ausgelassenen Sound der Wüste. Im Gegenteil: Ihre Plattenfirma nennt dieses Werk sogar die bisher “depressivste Blue-Rose-Veröffentlichung aller Zeiten”. Stücke wie die muntere Coverversion Aligator Face (Reprise) lockern diese Stimmung zwar auf. Und auch das hübsche Layin’ Down Lost durchbricht die Düsternis – aber es weiß zu viel vom Leben, um in seiner Heiterkeit wirklich unbeschwert zu sein.

Ansonsten wird hier einer anderen ewigen Größe gehuldigt: Bob Dylan. Do What You Do ist eines dieser letzten Lieder, wie sie auf dessen Time Out Of Mind zu finden waren, Penas Stimme erinnert frappierend an den Gesang von Reibeisen-Robert. So geht es weiter: Dylan romantisch (Angelina), als Hobo (Midnight Radio), verloren (Believe), als Grantler (Wait On Me).

Die unvermeidliche Mundharmonika erklingt dann schließlich in Never To Look Back, doch der Song ist viel zu gut, um Greyhound Soul bloßes Nachäffen vorwerfen zu können. Der Rausschmeißer I’ll Wait Around verstärkt diese Erkenntnis: Zunächst nur Pena und Gitarre, am Schluss gar mit einem Kammerarrangement aus Violine und Cello. Berückend. Und wieder ein Mantra.

Im Norden mag man so was: Layin’ Down Lost, live in Norderstedt:

Greyhound Soul bei MySpace.

Hingehört: The Checks – “Hunting Whales”

Dezember 13, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Die Checks setzen auf klassischen Rockismus.

Künstler The Checks
Album Hunting Whales
Label Red Ink
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Manchmal lohnt es sich tatsächlich, den ganzen Weg quer durch die Erde zu buddeln und auf der genau gegenüber liegenden Seite des Globus zu suchen. Dort, in Neuseeland, kann man beispielsweise Bauxit finden. Oder Zwergpinguine. Oder eine Band, die genau richtig für all jene ist, denen Oasis schon immer zu großmäulig waren, Jet zu ungewaschen und die Kings Of Leon ein Stückchen zu irr. Diese Band heißt: The Checks.

Die Referenzen zeigen schon: Mit Modernismen hat das Qunitett nichts am Hut. Es geht hier um klassische Rockmusik. So klassisch, dass die Checks die Songs ihres Debütalbums problemlos auch von vorne bis hinten auf der Bühne von Woodstock hätten spielen können, ohne dass sie jemand für Zeitreisende hätte halten müssen.

Das Schlagzeug macht den Anfang, dann jault die Gitarre, dann krakeelt Sänger Ed Knowles. So entfaltet der Startschuss Mercedes Children beinahe schleichend seine ganze Pracht – und am Ende wundert man sich förmlich, wo all diese Wucht herkommt. Take Me There tritt dann mächtig aufs Gaspedal, spätestens der herrlich stupide Beat von What You Heard holt den Hörer dann ins Paradies des Garagen-Wahnsinns.

Honest Man macht klar, warum iTunes diese Platte ins Genre “Blues” einordnet, See Me Peter ist psychedelisch, der Titelsong ein echtes Monster. Der absolute Höhepunkt ist Tired From Sleeping, aus dem Produzent Ian Broudie (der Mann, der einst die Lightning Seeds war) eine echte Hymne gemacht hat.

Avantgarde-Apostel mögen all das als rückständig kritisieren. Doch man kann ihnen leicht den Wind aus den Segeln nehmen mit dem Hinweis, dass es nur gute und schlechte Musik gibt. Und Hunting Whales lässt keine Zweifel: Die Checks machen gute.

Das wilde What You Heard live im Radiostudio:

The Checks bei MySpace.

Hingehört: Die Ärzte – “Jazz ist anders”

Dezember 11, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

"Jazz ist anders" fehlen gute Ideen - und ein funktionierender Shit-Detector.

Künstler Die Ärzte
Album Jazz ist anders
Label Hot Action Records
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **

Verwackelte Bilder aus dem Dschungel von Vietnam. Musik von Mike Post. Ein paar Action-Sequenzen mit rauchenden Colts und quietschenden Reifen. Und dann sind sie wieder da: das Ä-Team. Der Chefdenker, der es liebt, wenn ein Plan funktioniert (Farin Urlaub). Der Typ, der zwischen den Einsätzen offensichtlich am sichersten in der Klapse untergebracht ist (Bela B.). Und der aalglatte Frauenschwarm mit dem schmierigen Grinsen (Rodrigo Gonzalez). Sie kämpfen gegen die Bösen (Nazis, Chauvis, Zensur), sie stehen für das Gute (Spaß, Witz, Leichtigkeit). Und wenn sie in arge Bedrängnis geraten, bauen sie aus ein paar scheinbar harmlosen Zutaten (Gitarre, Schlagzeug, Bass) mörderische Waffen und erringen doch noch den Sieg.

So schien es auch diesmal zu sein. Die Vorab-Single Junge ist ein Glanzstück, selbst für Ärzte-Verhältnisse. Die Musik schmissig, treffend, wild. Der Text schlau, fies und so sehr im Leben eines 15-Jährigen wie all die besten Ärzte-Stücke von Zu spät bis Rebell.

In diese Kategorie passt auch das starke Lasse redn. Ein Disco-Beat (!) treibt den Song voran, und in nicht mal drei Minuten kriegen dann nervende Nachbarn, blöde Bild-Leser und Mode-Faschisten ihr Fett weg. Auch das hübsche Liebeslied Perfekt schmückt den Ärzte-Katalog, auch wenn man den etwas schlimmen Gedanken nicht aus dem Kopf kriegt, dass Bela B. da womöglich gerade über Sarah Kuttner singt. Living Hell schafft es schließlich, mit dem typischen Ärzte-Augenzwinkern all die von Ruhm und Geld und Fans genervten Stars auf die Schippe zu nehmen.

Was Attitüde ist, wissen die Ärzte noch immer sehr genau. Das machen Stücke wie die Düster-Ballade Nur einen Kuss oder Belas Vampir-Spinnerei Licht am Ende des Sarges deutlich, die handwerklich perfekt sind und vor lauter Ironie beinahe zerbersten. Das Problem ist nur: Viel mehr als Attitüde ist hier oft nicht. Vieles ist durchschnittlich, das meiste nicht halb so lustig, wie die Ärzte es wohl meinten. Blödsinn wie Breit, Allein oder Niedliches Liebeslied ist schlicht überflüssig. Das Erschreckendste: Neben der Botschaft von der eigenen Coolness und Könnerschaft scheinen die Ärzte nicht mehr viel zu sagen zu haben.

Es fehlt hier eindeutig an ein paar guten Ideen. Und auf dem ersten Album, das Die Ärzte auch selbst produziert haben, an jemandem, der ihnen die schlechten Ideen ausredet. Für den nächsten Einsatz braucht das Ä-Team eindeutig wieder Verstärkung. Es muss ja nicht gleich Mr. (Mousse) T. sein.

Junge ist das Highlight der Platte, und hier gibt es eine recht originelle Abwandlung des Videos, starring Bart Simpson:

Eine Ärzte-Fan-Page bei MySpace.

Kultiviert extrovertiert

Dezember 7, 2007 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Reißzähne zwischen lächelnden Lippen: Der 207 ist sympathisch, aber aggressiv. Foto: Peugeot

Reißzähne zwischen lächelnden Lippen: Der 207 ist sympathisch, aber aggressiv. Foto: Peugeot

Beinahe ist das wirklich wie bei einem kleinen Löwen. Ein bisschen niedlich sieht er aus, aber auch ein bisschen gefährlich. Man ahnt die Majestät und Kraft, die in seinen größeren Artgenossen steckt, und weiß doch ganz sicher, dass er keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Auf den Punkt gebracht wird dieser Charakter beim Peugeot 207 in der Front-Ansicht: Der Kühlergrill scheint den Betrachter anzugrinsen, doch die mit Chrom umrandeten Nebelscheinwerfer, die die Varianten Sport, Platinum und RC ausmachen, wirken wie Reißzähne zwischen diesen lächelnden Lippen und strahlen enorme Aggressivität aus.

Das Design setzt auch sonst auf Unverwechselbarkeit. Hinten sorgen dafür markante Radkästen und die extrovertierte Heckschürze. Im Innern werden die an ein Motorrad erinnernden Instrumente mit roten Zeigern und großem Drehzahlmesser ebenso zu Hinguckern wie das gewagt geschwungene Armaturenbrett. Auch in Punkto Sicherheit lässt der 207 aufmerken: Fünf Sterne erreichte er im Euro-NCAP-Crashtest. Sechs Airbags, ESP, ABS mit elektronischer Bremskraftverteilung und ein Notbremsassistent sind für die Unfallvorsorge an Bord.

Das Kurvenlicht (serienmäßig in der Ausstattungslinie Platinum, im Sport-Modell für 150 Euro Aufpreis zu haben) ist gerade in dieser Jahreszeit ein echter Gewinn. Und das Zusammenspiel von Servolenkung und ESP, das Peugeot Steering Stability Program (SSP) nennt, erweist sich als vorbildlich, wenn man den kleinen Löwen mit gewagten Manövern ein wenig provoziert.

Der gemeinsam mit BMW entwickelte 1,6-Liter-Motor zeigt dann auch seine Stärken: katapultartige Beschleunigung oder spritzige Zwischensprints sind aus den 109 PS zwar nicht herauszuholen. Dafür hat der Vierzylinder dank 240 Newtonmetern auch bei hohem Tempo noch einen kraftvollen, gleichmäßigen Durchzug. Auf Dauer kann man sich so zwar nicht mit den großen Raubtieren auf der linken Spur messen, aber das eine oder andere erstaunte Gesicht in einem Audi oder BMW lässt sich damit durchaus erzeugen.

Wer den Kleinen etwas liebevoller behandelt, wird eine anderen Stärke des 207 entdecken: Obwohl das Getriebe nur fünf Gänge bietet, bleibt er auch bei hochtouriger Fahrt vergleichsweise leise. Und bei sanftem Gasfuß erweist er sich als wahrer Ausdauermeister: Die 4,8 Liter Verbrauch (das entspricht einem CO2-Ausstoß von 126 Gramm pro Kilometer), die Peugeot verspricht, sind dann keineswegs Illusion. Die Reichweite bringt man damit locker in den vierstelligen Bereich. Wie beeindruckend das ist, verdeutlicht eine kleine Zahlenspielerei: Mit gerade einmal acht Tankfüllungen käme man damit auf der Luftlinie bis in den Sudan. Und dort gibt es, wie man hört, sogar noch echte Löwen.

Hingehört: Vienna Teng – “Dreaming Through The Noise”

Dezember 6, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Vienna Teng ist auf der Suche nach sperrigem Adult Pop.

vKünstler Vienna Teng
Album Dreaming Through The Noise
Label Universal
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung **1/2

Man soll ja ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen, und eine Platte wohl auch nicht. Doch in diesem Fall macht das durchaus Sinn. Vienna Teng hockt darauf im Wald, mit wirrer Frisur und dem Layering-Look, der eigentlich erst ein paar Monate später modern werden sollte.

Ein hübsches Mädchen, könnte man denken. Vielleicht eine hübsche Platte, könnte die Schlussfolgerung sein. So in der Art von Jossnorah Stonejones, würde die Assoziation lauten. Doch genau das will Vienna Teng offensichtlich vermeiden. Und deshalb ist bloß ihr Profil zu sehen, nicht ihr Porträt. Und rundherum ist ganz viel unspektakuläres Laub. “Seriös!” schreit dieser Teil der Schwarz-Weiß-Optik.

Genau zwischen diesen Polen bewegt sich auch die Musik auf Dreaming Through The Noise. An die nachdenklichen jungen Damen, die das Radio neuerdings so gerne mag, erinnern etwa Whatever You Want mit seinem perlenden Piano und dem dezenten Druck im Refrain, das wunderschöne City Hall oder der hübsche Rausschmeißer Recessional.

Anderes ist ein bisschen Jazz (Blue Caravan zum Auftakt mit Harfe, Besen-Schlagzeug und Vienna Tengs Stimme wie der Hauch des Frühlings; Love Turns 40, das nur Bass und Gesang braucht, um enorm sexy zu werden; 1BR/1BA, das mit Banjo, Saloon-Piano und Bratschen auch einen kleinen Schlenker in Richtung Country nimmt; nicht zuletzt Transcontinental, 1:30 A.M., das von Till Brönners heiserer Trompete das denkbar offiziellste Jazz-Siegel verpasst bekommt.)

Anderes sitzt irgendwo dazwischen, wie das Kuschellied Nothing Without You oder das beinahe verschwindende, an Enya erinnernde Pontchartrain.
Alles in allem haben die eingängigsten Momente durchaus das Zeug, die Adult-Pop-Hörer anzulocken. Aber Dreaming Through The Noise ist dann doch zu sperrig und gewagt, um sie bei der Stange zu halten. Und das darf man ruhig als Kompliment verstehen.

Auch hier zeigt sich Vienna Teng nur im Profil: Eine Live-Version von Blue Caravan:

Vienna Teng bei MySpace.

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