Hingehört: Parsons Thibaud – “Parsons Thibaud”

Februar 3, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Parsons Thibaud": dicke Kumpels, hübsche Musik.

Künstler Parsons Thibaud
Album Parsons Thibaud
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Joseph Parsons und Todd Thibaud sind nicht nur Tourpartner, Labelkollegen und dicke Kumpels. Als Duo haben sie jetzt auch, in nur drei Tagen in einem Studio in Boston, ein Album eingespielt. Und Parsons Thibaud ist eine wunderhübsche Akustik-Platte geworden.

Schon der Auftakt Tell Me Hello, eines von fünf komplett neuen Stücken hier, ist herrlich sanft. Auch Dirty World hat eine sagenhafte Reife und Souveränität, klingt aber niemals satt und behält immer mit einem Rest Sehnsucht in Stimmen und Sound.

First Sight, die Neueinspielung eines Songs von Parsons, ist ein Traum von einem Liebeslied. Another Way Around oder My Daddy’s Cadillac bestechen, wie vieles hier, mit perfektem Harmoniegesang und einer rührenden Atmosphäre zwischen Wehmut und Gelassenheit. Eine Entdeckung.

Der Hurricane Song von Parsons Thibaud, nicht bei einem Open-Air-Festival, aber trotzdem live:

Joseph Parsons bei MySpace.

Hingehört: Meshell Ndegeocello – “The World Has Made Me The Man Of My Dreams”

Februar 3, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Meshell Ndegeocello ist noch immer voller Ehrgeiz, aber nie reißerisch.

Künstler Meshell Ndegeocello
Album The World Has Made Me The Man Of My Dreams
Label Universal
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **

Ich bin ja eine treue Seele. Wer der Welt einmal ein Lied geschenkt hat wie Wild Night (Meshell Ndegeocellos Zusammenarbeit mit John Mellencamp), der hat erst einmal ein Stein im Brett. Das führt natürlich nicht so weit, den Weg von Meshell Ndegeocello komplett weiter zu verfolgen. Schließlich macht sie Jazz. Aber wenn man der Bass-Virtuosin dann zufällig einmal wieder begegnet, dann ist das eine durchaus angenehme Überraschung.

Und so hat ihr siebtes Album The World Has Made Me The Man Of My Dreams auch einige erfreuliche Momente. Das hochpolitische The Sloganeer setzt auf Breakbeats und einen Bass, der wie ein Berserker daher kommt. Virgo und Elliptical sind charmant verträumt, Lovely, Lovely und Blacknuss entwickeln sich zu einem musikalischen Abenteuerspielplatz, wie es ihn mit so viel Wille zur Freiheit sonst fast nur bei Björk gibt.

Vieles hier ist derart ambitioniert, doch Meshell Ndegeocello macht nie den Fehler, reißerisch zu werden oder sich zum Protzen hinreißen zu lassen. Neben den nach wie vor beeindruckenden Bass-Fähigkeiten sticht auch ihre Stimme hervor, die der Platte eine angenehme Wärme gibt. Dennoch: Die meisten Stücke erlangen nie eine Bedeutung, die über den Moment hinaus geht. Nichts ist zwingend oder bleibend. Das Problem: Es gibt hier einfach zu viel Musik, aber zu wenige Songs. Schließlich macht sie Jazz.

Auch ganz schön ambitioniert: Ein Fan-Video zu Sloganeer:

Meshell Ndegeocello bei MySpace.

Durchgelesen: Harry Mulisch – “Die Entdeckung des Himmels”

Februar 1, 2008 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Zwei Hauptfiguren und ganz viel Geschichte: "Die Entdeckung des Himmels".

Zwei Hauptfiguren und ganz viel Geschichte: "Die Entdeckung des Himmels".

Autor Harry Mulisch
Titel Die Entdeckung des Himmels
Verlag Rororo
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung ****1/2

Das Attentat mag sein Durchbruch gewesen sein, doch mit Die Entdeckung des Himmels beweist Harry Mulisch, dass er ein großer Autor ist. Der Niederländer versteht es hier, ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte in zwei faszinierenden Charakteren zu konzentrieren.

Da ist der Lebemann Max, der aus seinem Dasein als Casanova eine Philosophie gemacht hat: “Er war frei! Er war wunschlos! Das war ebenso herrlich wie das Ficken oder die Sicherheit vorher, dass es passieren würde. Oder war es vielleicht sogar schöner? Lag der Grund dafür, dass er jeden Tag mit einer Frau schlafen wollte, letztlich vielleicht nur im Erreichen dieses Ziels: dass er es für kurze Zeit nicht mehr wollte?” Und da ist Onno, der Linguist, den ausgerechnet seine Weltfremdheit in die Politik spült und der bald die Verwandtschaft zwischen den beiden Disziplinen erkennt (und beklagt): “Das ist die Politik, die Macht, es ist alles verbal, ein ununterbrochener Schneesturm von Wörtern. Aber es ist kein normales Sprechen, nein, es sind Akte der Äußerung. Es ist Handeln, man tut etwas, ohne etwas zu tun.”

Die Außergewöhnlichkeit ihrer Freundschaft ist beiden schnell klar, sie ergänzen einander nicht nur, sie spiegeln sich auch ineinander, wie Max bemerkt. “Wenn man unterschiedlichen Leuten dasselbe erzählt, dann erzählt man es doch auf so unterschiedliche Weise, wie sich diese Leute voneinander unterscheiden, aber jetzt schien es ihm, als ob er die Geschichte, seine Geschichte, zum ersten Mal sich selbst erzählt hatte.”

Genau diese beiden Themen stehen hier im Zentrum: Historie und Beziehungen. Zwischen Generationen und Liebenden, zwischen Religionen und Parteien. Wie kaum ein anderer hat Mulisch verstanden, wie eng Geschichte und Geschichten zusammenhängen. Und mit einem grandiosen Einfall eines göttlichen Auftrags, dessen Inhalt erst nach mehr als zwei Dritteln des Romans erkennbar wird, schafft er es, diese Verbindung mit viel Poesie (bestes Beispiel: “Die nackten Füße versanken im Sand, der noch immer warm war von der Sonne, und über ihm entfaltete sich der mondlose Sternenhimmel mit einer Geste, die er fast meinte hören zu können: wie ein herrlicher Akkord des gesamten Orchesters.”) und einer erzählerischen Kraft und Klarheit zu verdeutlichen, die man nur schöpferisch nennen kann.

Neben der Wärme, dem Witz und dem Geist, der in diesem Buch steckt, ist das Wissen eine weitere große Stärke Mulischs: Die Entdeckung des Himmels wimmelt von Verweisen, Zitaten und Anspielungen, die Bandbreite reicht dabei von Astrophysik bis Kunstgeschichte. Ähnlich wie Thomas Mann versteht es Mulisch, diesen Kenntnisreichtum nicht zu bildungsbürgerlicher Prahlerei verkommen zu lassen.

Dazu tragen auch die Intermezzi im Himmel bei. Auf dieser Meta-Ebene erzählt ein Engel, wie er den göttlichen Auftrag umgesetzt hat und welche Geschichte(n) sich daraufhin auf der Erde entspannen. Das Räsonnieren, Witzeln und Kopfschütteln über die Menschen verleihen dem Werk bei all seinem Anspruch eine famose Leichtigkeit. Und das Eingreifen der Engel in die Welt und Taten der Menschen ist die vielleicht größte Verehrung ihrer Freiheit und Fähigkeiten.

Dass die Erdenbürger mit diesen beiden Elementen allerdings auf dem besten Weg sind, sich ihrer göttlichen Verwandtschaft zu berauben und sich vielleicht sogar völlig auszulöschen, ist die Sorge Mulischs. Sie spricht hier aus jedem geistreichen Dialog, aus jedem Idyll, aus jeder Reflexion. Am Ende mündet die Sorge in einen flammenden Appell.

Leider lässt sich Mulisch dabei ein bisschen zu weit von seiner Endzeitstimmung mitreißen. Das Ende des Romans ist ein ärgerlicher Bruch, überfrachtet und esoterisch. Den Punkt, auf den Mulisch 800 Seiten lang grandios und packend hinarbeitet, findet er schließlich selbst nicht und verliert sich stattdessen in einer Vision, die viel zu endgültig und eindeutig ist, um mit der Eleganz und Raffinesse mitzuhalten, die Mulisch hier über weite Strecken zuvor unter Beweis gestellt hat.

Beste Stelle: “Nur wer alle Geschichten kannte, kannte die Welt.”

Nicht blenden lassen

Februar 1, 2008 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Der Aufschwung kommt an. Die vielbeschworene Behauptung scheint auf den Lehrstellenmarkt tatsächlich zuzutreffen. Es gibt weniger unversorgte Bewerber, mehr Ausbildungsverträge und mehr Betriebe, die Lehrlinge einstellen. Das ist erfreulich. Denn nicht zuletzt die Debatte um die Jugendkriminalität in Deutschland hat gezeigt, welch schlimme Folgen es haben kann, wenn junge Menschen keine Perspektive haben.

Dass es neuerdings mehr Angebote als Schulabgänger gibt, lässt sich aber auch noch anders interpretieren: Es wird für Unternehmen immer schwieriger, geeignete Lehrlinge für die offenen Stellen zu finden. Ob der kleine Handwerksmeister um die Ecke, der Personalchef einer großen Firma oder Lehrer mit langjähriger Erfahrung: Alle klagen über sinkendes Niveau, was Wissen und Willen der Schulabgänger angeht.

In einem Land, in dem jedes Kind mindestens neun Jahre lang die Schulbank drücken muss, kann es nicht angehen, dass Berufsanfänger nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können sowie Disziplin und selbstverständliche soziale Routinen auch erst noch lernen müssen. Darauf deuten die Zahlen aber hin: Zwei Drittel der Schulabgänger, die an einer Einstiegsqualifizierung teilnehmen, finden danach auch einen Ausbildungsplatz. Ohne diese Schnupperlehre waren sie dazu aber nicht in der Lage. Bei ihnen hat die Schule versagt – aber nicht nur die Schule, sondern auch Kindergarten, Elternhaus und Freundeskreis.

Dass sich Deutschland solche Nachlässigkeit nicht leisten kann, beweist der immer gravierender werdende Fachkräftemangel. Auch das Beispiel Nokia zeigt: Das Land braucht gut qualifizierte Menschen für anspruchsvolle Jobs, wenn es im globalen Wettbewerb um Arbeitsplätze konkurrenzfähig sein will.

Die Wirtschaft, insbesondere der Mittelstand, der sich in der Statistik erneut als tragende Säule des Lehrstellenmarkts erweist, hat dies erkannt. 53.600 neue Ausbildungsbetriebe wurden im vergangenen Jahr gewonnen. Die Unternehmen werden ihrer Verantwortung zunehmend gerecht. Statt sich von den guten Zahlen blenden zu lassen, muss die Politik nun nachziehen – und zwar dringend. Betriebe bestrafen zu wollen, die keine Lehrlinge ausbilden, ist der falsche Weg. Viel eher muss ein Bildungssystem her, dass genug geeignete Bewerber auf den Markt bringt und die jungen Menschen, die für volle Klassen, gestresste Lehrer und unfähige Eltern selbst am wenigsten können, nicht um die Chancen ihrer Zukunft beraubt. Dafür ist kein neuer Ausbildungspakt nötig, sondern eine stärkere und gezieltere Investition in Bildung – vom Kindergarten bis zur Hochschule.

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