Durchgelesen: Miranda July – “Zehn Wahrheiten”
| Autor | Miranda July |
| Titel | Zehn Wahrheiten |
| Verlag | Diogenes |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Glauben kann man das kaum: Miranda July sieht auf dem Einband aus wie ein schreckhaftes Häschen im Scheinwerferlicht eines nahenden Trucks. Auch als 34-Jährige wirkt sie noch wie ein verhuschter Teenager, dem es schwer genug fällt, morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen und dem jeder Regentropfen und jedes laute Wort das Herz bricht.
Doch die junge Frau ist offensichtlich nicht nur ein Workaholic von durchaus robuster Konstitution, sondern auch ein künstlerischer Tausendsassa. Ihre Performance- und Videowerke waren schon im Londoner Institute of Contemporary Art und im Guggenheim-Museum zu sehen. Der Spielfilm “Ich und du und alle, die wir kennen”, in dem sie die Hauptrolle spielte und auch Drehbuch und Regie beisteuerte, wurde vor drei Jahren in Cannes als bestes Debüt ausgezeichnet. Und jetzt schreibt sie auch noch Bücher. Und auch die werden Furore machen.
“Zehn Wahrheiten” ist eine Sammlung von 16 Kurzgeschichten, die nicht nur amüsant, rührend und gespickt mit erstaunlicher Poesie sind. July versteht es auch, die stilistische Raffinesse, die in ihren Stories ohne Zweifel steckt, ganz organisch und unangestrengt wirken zu lassen. Es wird gebangt und getrauert, geträumt und gestritten.
Kaum zu fassen, mit welch unbarmherzigem Scharfsinn und spielerischer Leichtigkeit hier die (Un-)Tiefen von Familienleben, Sexualität und Erwachsenwerden ausgelotet werden, wie viele Spleens sich in einem Protagonisten vereinen lassen, welch bizarre Wendungen die Handlung auf meist nur wenigen Seiten zu nehmen vermag. Doch nichts davon wirkt abstrus oder überzeichnet: Miranda Julys Geschichten entspringen einer anscheinend nicht zu bändigenden Fantasie – und stehen doch mitten im Leben.
Beste Stelle: “Es kommt einem gar nicht wirklich vor, als würde man fahren, wenn man nicht weiß, wohin man eigentlich fährt. Es sollte beim Auto die Möglichkeit geben, auf der Stelle zu fahren, so was wie Wassertreten. Oder wenigstens ein Licht zwischen den Bremsleuchten, das man anmachen kann, um zu signalisieren, dass man kein Ziel hat. Ich kam mir vor, als würde ich die anderen Fahrer für dumm verkaufen, und wollte einfach mein Gewissen erleichtern.”
Der Arbeitsmarkt der Zukunft
Wenn in Nürnberg Monat für Monat die frohe Botschaft verkündet wird, dann reklamiert regelmäßig auch Thomas Reitz einige der Lorbeeren für sich. Denn dass die Bundesagentur für Arbeit sinkende Arbeitslosenzahlen vermelden kann, ist auch seiner Firma zu verdanken. Reitz ist Geschäftsführer von Manpower, einem der größten der rund 7000 Personaldienstleister in Deutschland.
Manpower vermittelt und überlässt anderen Firmen Arbeitskräfte. Das Unternehmen ermöglicht seinen Kunden mehr Flexibilität und verschafft Menschen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt, lautet Reitz’ Argumentation. Es höhlt mit seinem Geschäftsmodell den Sozialstaat aus und sorgt langfristig für sinkende Löhne, sagen die Gewerkschaften. Reitz stellt sich im Gespräch diesen Vorwürfen und spricht zudem über Mindestlohn, Fachkräftemangel und den Arbeitsmarkt der Zukunft.
“Niemand sollte mehr davon ausgehen, dass er dort auch in Rente gehen wird, wo er seine Ausbildung gemacht hat. Diese Zeiten sind in Deutschland vorbei, und diesem Kulturwandel müssen wir uns stellen”, sagt er.
Manpower ist an 250 deutschen Standorten vertreten. Das Unternehmen setzt durch die Vermittlung von Mitarbeitern im Jahr gut eine halbe Milliarde Euro um. Das Geschäft boomt: 2006 entfiel bundesweit die Hälfte aller neu geschaffenen Stellen auf die Zeitarbeit, 2007 noch jede dritte. Rund 750.000 Zeitarbeiter gibt es heute in Deutschland, das entspricht 2,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – Tendenz steigend.
Die IG Metall hat die Ausbreitung von Zeitarbeit bereits als “unkontrolliertes neues Virus” bezeichnet. Doch Reitz sieht das anders. Gerne erzählt er die Geschichte vom Buchhalter, der hoch qualifiziert war und in einem Beruf tätig, der sehr gefragt ist. Aber nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit kam er völlig ungepflegt in die Frankfurter Manpower-Zentrale und galt deshalb als unvermittelbar. “Auf solche Dinge muss man die Leute hinweisen. Oft wissen sie gar nicht, warum ihre Bewerbungen abgelehnt werden. Wir haben den Mann zum Friseur geschickt, ihm einen Anzug verpasst und dann mit ihm Vorstellungsgespräche geübt. Gleich beim ersten Kunden kam er so gut an, dass er heute noch dort arbeitet.”
Im Gespräch merkt man schnell: Reitz ist kein skrupelloser Menschenhändler. Der 43-jährige gelernte Maschinenbau-Ingenieur kennt die Situation seiner Klientel. Ältere Arbeitnehmer, “die oft unverschuldet in die Arbeitslosigkeit rutschen”. Die Überwindung, für einen neuen Job umzuziehen, “wenn man gerade erst sein Reihenhaus abbezahlt hat”. Die Schwierigkeiten, nach einem Erziehungsurlaub wieder in die Berufswelt zurückzukehren. “Für die Kunden sind wir Problemlöser und für die Bewerber sind wir immer öfter Karriereberater”, erklärt Reitz seine Philosophie.
Doch ein Samariter ist er auch nicht. Zeitarbeitsfirmen machen ihr Geschäft mit der Not der Unternehmen. Mehr als ein Viertel der deutschen Arbeitgeber hat Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Viele Firmen wollen kurzfristiger auf Veränderungen der Auftragslage reagieren können. “Die Unternehmen brauchen mehr Flexibilität. Die Zeitarbeit ist eines der Instrumente, um darauf zu reagieren”, sagt Reitz.
Personaldienstleister machen ihr Geschäft aber auch mit der Not der Menschen. Sie schöpfe aus dem riesigen Reservoir der 3,6 Millionen Arbeitslosen. “Hauptsache Arbeit” ist für viele davon die Devise. Dass sie in Firmen eingesetzt werden, in denen sie für die gleiche Arbeit zum Teil nur halb so viel verdienen wie fest angestellte Kollegen und ihren Job schnell wieder verlieren können, nehmen sie in Kauf.
Manpower hat im vergangenen Jahr über 34.000 Menschen eingestellt. 92 Prozent von ihnen waren vorher arbeitslos, jeder Siebte länger als ein Jahr ohne Job. Reitz ist erkennbar stolz darauf, jungen Menschen ihre erste Stelle überhaupt zu verschaffen (ein Drittel der Mitarbeiter ist jünger als 25 Jahre) oder scheinbar hoffnungslosen Fällen wieder eine Perspektive zu geben. Rund 40 Prozent der Zeitarbeiter landeten früher oder später in einer Festanstellung beim Kunden, bei hoch qualifizierten Mitarbeitern wie Ingenieuren oder Computerexperten seien es bis zu 90 Prozent. In solchen Fällen bekommt Manpower eine Ablösesumme vom Kundenunternehmen. Rund ein Viertel der Mitarbeiter sucht laut Reitz sogar bewusst nach einer Zeitarbeitsfirma, weil sie das Arbeitsmodell attraktiv finden und nicht ein Leben lang den selben Job für die selbe Firma machen wollten.
Manpower ist mit solchen Werten allerdings der Musterknabe der Branche. Denn die Firma beschäftigt einen großen Anteil an Fachkräften, andere Personaldienstleister konzentrieren sich stärker auf gering qualifizierte Mitarbeiter. Und dort sieht die Situation oft anders aus. Ein Logistiker, für dessen Verleih die Firma Randstad 14 Euro pro Stunde vom Kunden bekommt, klagte in einer Studie der IG Metall: “Von 14 Euro, die meine Arbeit wert ist, bekomme ich brutto 6,07 Euro. Das schreit doch zum Himmel.” Und eine der vielen Leiharbeiterinnen bei BMW in Leipzig erzählt: “Wenn man die festangestellten Kollegen manchmal so in der Kaffeepause reden hört, was sie sich alles leisten können mit ihren Zuschlägen, ihrer betrieblichen Altersvorsorge, dann muss man schon aufpassen, dass man kein Gallenleiden kriegt.”
Weniger als die Hälfte der Leiharbeiter bleibt länger als drei Monate bei der Zeitarbeitsfirma unter Vertrag. Einen Urlaub, eine größere Anschaffung oder schlicht das eigene Leben zu planen, ist unter solchen Umständen kaum möglich. Rund jeder zehnte Leiharbeiter bezieht nebenher trotz Vollbeschäftigung noch Hartz IV. Eine Situation, die auch Reitz inakzeptabel findet. “Da bin ich ausnahmsweise mit den Gewerkschaften einer Meinung: Jemand, der Vollzeit arbeitet, muss davon auch seinen Lebensunterhalt bestreiten können.”
Er verweist auf verbindliche Tarifverträge, die vor zwei Jahren abgeschlossen wurden, und das Bestreben, einen Mindestlohn für die Branche von 6,36 Euro im Osten und 7,31 Euro im Westen einzuführen. Dass ausgerechnet die Arbeitgeber den Mindestlohn wollen, ist auch eine Imagefrage: “Der Mindestlohn könnte uns noch mehr Reputation bringen und deutlich machen, wie viel Gutes Zeitarbeit leistet.”
Ganz ohne Eigennutz ist aber auch dieses Vorgehen nicht. Der mit dem DGB ausgehandelte Tarifvertrag ermöglicht es, die im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eigentlich vorgesehene Gleichstellung von Leiharbeitern und Festangestellten zu umgehen – also niedrigere Löhne zu zahlen. Und der Mindestlohn soll auch dazu dienen, die osteuropäische Konkurrenz auszubremsen, die mit dem Start des europäischen Binnenmarkts 2009 auch in Deutschland aktiv werden könnte. “Das würde uns natürlich in eine sehr nachteilige Situation bringen”, gesteht Reitz.
Er müsste nicht nur ein Stück vom Kuchen mit der neuen Konkurrenz teilen. Auch für die Beschäftigten befürchtet er Nachteile. “Wir hätten dann irgendwann einen Kampf um die niedrigsten Preise und die niedrigsten Löhne. Das wollen wir nicht. Es muss hierzulande gewisse Mindeststandards geben.”
Doch noch streitet die große Koalition über eine Aufnahme der Branche ins Arbeitnehmerentsendegesetz – obwohl die Voraussetzungen erfüllt sind. “Je länger ich die Diskussion verfolge, desto kritischer werde ich, ob der Mindestlohn kommt. Ich vermute, dass auch Taktik dahinter steckt: Die Politik hebt sich das Thema für den Bundestagswahlkampf 2009 auf. Wie attraktiv das ist, hat sich ja in Hessen gezeigt. Und wenn man sämtlichen Branchen den Mindestlohn erlaubt, die ihn jetzt schon wollen, dann ist das Thema für den Wahlkampf weg”, spekuliert Reitz.
Für die Zeitarbeiter soll der Mindestlohn Sicherheit und steigende Einkommen bringen. Doch ein Problem bleibt: Das Lohnniveau außerhalb der Zeitarbeit sinkt. Studien zeigen: In einem Viertel der Betriebe wird durch Zeitarbeit reguläre Beschäftigung verdrängt, ein Zwischenbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2005 bestätigt diese Tendenz. Laut IG Metall droht durch die Ausweitung von Zeitarbeit sogar “eine systematische Abschaffung der Normalarbeitsverhältnisse”.
Reitz kann solche Kritik nicht verstehen. “In Deutschland ist das Thema Arbeit für viele eine heilige Kuh”, sagt er und betont: “Niemand will hier amerikanische Verhältnisse, wo man zwei oder drei Jobs braucht, um überleben zu können. Wir wollen auch kein Hire & Fire. Aber eine gewisse Flexibilität muss man von allen Gruppen am Arbeitsmarkt erwarten. Von den Arbeitnehmern, von den Arbeitgebern, aber auch von den Gewerkschaften.” Wenn Firmen durch Zeitarbeitnehmer flexibler werden, sichere das auch reguläre Jobs.
Der 43-Jährige, der seit 1994 bei Manpower und seit acht Jahren Geschäftsführer ist, sieht ganz andere Probleme, vor allem die mangelnde Qualifikation der Bewerber. “Wir könnten im Moment in Deutschland 5000 Leute einstellen, wenn wir die richtigen Bewerber fänden. Aber nur 20 Prozent aller Kandidaten sind für uns überhaupt geeignet.” Manpower hilft inzwischen auf eigene Kosten über seine “Initiative Q” nach, wenn das Fähigkeitsprofil des Bewerbers nur wenig vom Anforderungsprofil des Kunden abweicht. Kurse werden angeboten, in denen Sekretärinnen Kenntnisse der neuesten Computerprogramme, Lagerarbeiter den fehlenden Staplerschein oder Dreher die Programmierfähigkeiten für eine Maschine erwerben können.
Doch nicht immer reichten solche einfachen Maßnahmen aus. Reitz: “Es ist schon erschreckend, wie schlecht der Bildungsstand teilweise ist, auch wenn jemand zehn Jahre erfolgreich in der Schule war. Da staunt man manchmal schon, was da zum Teil an ganz elementaren Dingen fehlt.” Auch aus einem anderen Grund sorgt er sich vor allem um junge Arbeitslose: “Es gibt viele 30-Jährige, die noch nie über einen längeren Zeitraum gewerblich gearbeitet haben. Für solche Bewerber ist es oft sehr schwierig, um 6 Uhr zur Frühschicht zu erscheinen oder einfach einmal sieben, acht Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten. Sie wollen zwar arbeiten, aber sie sind solche Abläufe einfach nicht gewöhnt und schaffen es nicht.”
Hingehört: Arctic Monkeys – “Whatever People Say I Am That’s What I Am Not”
| Künstler | Arctic Monkeys |
| Album | Whatever People Say I Am That’s What I’m Not |
| Label | Domino |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **** |
“Man darf niemals ‘zu spät’ sagen”, hat Konrad Adenauer einmal festgestellt, “es ist immer Zeit für einen neuen Anfang”. So ist es mir mit den Arctic Monkeys ergangen. Jetzt gerade hängt ein Poster der Jungs aus Sheffield in diesem Raum, gerahmt. Das ist die höchste Stufe der Verehrung, ein Ritterschlag, eine Dauerkarte fürs Walhalla. Aber um ein Haar, man darf solche Geständnisse ja eigentlich nur flüstern, hätte ich diese Band verkannt. Und, was noch schlimmer wäre: verpasst.
Es mag der seltsame Bandname gewesen sein oder der noch seltsamere Albumtitel. Vielleicht auch die Hast, mit der man sich im schon-wieder-eine-neue-Riesenband-aus-England-Jahr 2006 eben nur flüchtig mit jedem Newcomer beschäftigen konnte. Oder die Skepsis, mit der man dermaßen vom Hype befeuerten Werken zwangsläufig begegnet. Erst das zweite Album Favourite Worst Nightmare öffnete mir die Augen (wohl besser: Ohren) über die Großartigkeit des Quartetts um Alex Turner.
Aber zum Glück ist ja immer Zeit für einen neuen Anfang. Und so wurde sofort nach dem Zweitwerk auch das Debüt angeschafft, das ursprünglich als lärmend, chaotisch und natürlich überbewertet abgetan worden war. Das sich aber, natürlich, bei späterer, eingehenderer Betrachtung prompt als Knaller erwies.
Unter Produktions-Gesichtspunkten klingt Whatever People Say I Am That’s What I’m Not im Vergleich noch immer etwas schrottig. Aber alles, was Favourite Worst Nightmare ausmachte, ist hier schon da. Die Riff-Gewalt, die Lust am Experimentieren mit Rhythmen, die schlauesten Zweizeiler seit Morrissey. Wäre The View From The Afternoon ein Auto, würden die Reifen durchdrehen, so unbedingt, so schnell und so kraftvoll will das Stück nach vorne. Riot Van und das herrlich zappelige Mardy Bum stecken voller Romantik, Sehnsucht und Wahrheit.
Allein in der Gitarre von Dancing Shoes vibriert mehr schwarzer Funk und weißer Sex als in der dreckigen Fantasie von Jarvis Cocker, dem geistigen Vater der ganzen Sheffield-Szene, dem auch nie ein tollerer Slogan gelungen wäre als “put on your dancing shoes / you sexy little swine”. So ähnlich wie Punk, nur viel schlauer, ist Still Take You Home. Hätten die Beastie Boys Rock und Rap nicht bloß kombiniert, sondern tatsächlich miteinander verschmolzen, wäre wohl so etwas dabei herausgekommen wie From The Ritz To The Rubble oder Red Light Indicates Doors Are Secured. Der Rausschmeißer A Certain Romance wird ein Naturereignis: ein Gewitter, ein Wasserfall, und zwischendurch ein Regenbogen.
Die Hits sind da noch gar nicht berücksichtigt. Fake Tales Of San Francisco vereint die Call-And-Response-Spielereien von Motown-Klassikern mit dem ernsthaften Furor von The Clash. Das ebenso wilde wie eingeschüchterte When The Sun Goes Down ist sicher die erste von-Null-auf-eins-Single über käuflichen Geschlechtsverkehr seit Gary Glitter noch Platten verkauft hat. Und die Hymne I Bet You Look Good On The Dancefloor wurde von den Sugababes gecovert, was will man mehr dazu sagen?
Und dann ist da noch ein Lied, das nicht nur die perfekte Vertonung von Energie, Talent und Ungeduld ist, sondern charmanterweise sogar eine Entschuldigung für all jene liefert, die sich inzwischen wundern, wie sie die Majestät dieser Band nicht bemerken konnten, obwohl sie doch genau so war sie sich eine Rock-Kapelle immer erträumt hatten: You Probably Couldn’t See For The Lights But You Were Staring Straight At Me.
So sieht kulturelle Relevanz aus: Die Sugababes wagen sich an I Bet You Look Good On The Dancefloor:
Die Arctic Monkeys bei MySpace.
Durchgelesen: Clemens Meyer – “Die Nacht, die Lichter”
| Autor | Clemens Meyer |
| Titel | Die Nacht, die Lichter |
| Verlag | S. Fischer |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | **** |
Als er 18 war, hat sich Clemens Meyer eine Eidechse tätowieren lassen. Es war das erste Tattoo des Autors, der gerade den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Und bezeichnend: Denn wie der Schwanz einer Eidechse sollten auch seine Texte funktionieren, hat er jüngst in einem Interview gesagt: Schlägt man sie entzwei, leben die einzelnen Teile weiter.
Dass der Leipziger seinem in jeder Hinsicht enormen Debütroman “Als wir träumten” nun einen Band mit Stories folgen lässt, macht also keinen großen Unterschied. Die Haltung ist lakonisch, die Sprache so unaffektiert wie der Autor selbst. Auch hier sind die Sätze kurz, Artikel fehlen manchmal ganz (“hast auch bisschen glück gehabt”).
Seine Protagonisten haben viel eingesteckt in ihrem Leben, und manchmal auch ausgeteilt. Doch die Geschichten von Meyer, der selbst vorbestraft ist, sind kein “Unterschichten-Kasperltheater”, wie die Jury beim Ingeborg-Bachmann-Preis wähnte. Dieses Leben zwischen Hartz IV und Kleinkriminalität ist nicht die Gosse, von der man am besten den Blick abwendet, sondern kraftvolle, brennende, ehrliche Literatur mitten aus der deutschen Realität.
Meyer ist keineswegs bloß ein guter Milieukenner, sondern ein guter Menschenkenner. Er ist kein Intellektueller, aber ein Intelligenter. Und er weiß: Die Sehnsucht nach der Reise zum Meer, der Traum vom eigenen Fitness-Studio, der Wunsch, die Operation für den geliebten Hund bezahlen zu können, sind einfach. Aber deshalb nicht klein.
Der Märchenprinz
Man(n) hat es ja schwer genug. Bekanntermaßen gibt es auf diesem Planeten mehr Männer als Frauen. Auf 100 neugeborene Mädchen kommen 105 Angehörige des in diesem Alter noch nicht allzu starken Geschlechts.
Die Evolution hat uns also sogleich in einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf geschickt. Nur die Schönsten, Schlausten, Hartnäckigsten können sich dabei durchsetzen und werden am Ende – wenn wir da im Biologieunterricht richtig aufgepasst haben – mit dem rein rechnerisch seltenen Genuss belohnt, ihr Erbgut mit dem einer Frau vermischen und an die nächste Generation weitergeben zu dürfen.
Als Frau hat man es da leichter. Zumindest statistisch gesehen ist klar: Jede kriegt einen ab. Natürlich ist manch eine zu beschäftigt, anspruchsvoll oder schlicht zu blöd, um den Märchenprinzen zu erkennen – wie wir alle in der Zeit nach dem Biologieunterricht schmerzhaft erfahren haben. Wahrscheinlich wollen sich die Damen auch nicht mit irgendeinem dahergelaufenen, sozusagen evolutionstheoretisch überschüssigen Kerl abgeben. Dennoch: Das Angebot übersteigt in jedem Fall die Nachfrage.
Für eine ganz besondere Spezies Frau sind Männer aber die reinste Mangelware. Dabei sind die Mädels, von denen wir hier sprechen, durchweg aus gutem Hause und stets mit einem Lächeln auf dem Lippen unterwegs. Dazu kommen Modelmaße, ein gesunder Teint und ein exquisiter Modegeschmack. In manchen Fällen gar ein Wohnmobil, ein eigenes Pferd oder eine Stadtvilla.
Doch ausgerechnet für sie kann die Suche nach einem passenden Mann schier hoffnungslos werden. Denn begibt man sich in einen Spielzeugladen mit dem Auftrag, einen Mann für die Barbie-Puppe des Patenkindes zu kaufen, ist das Scheitern so gut wie sicher. Der gute alte Ken ist praktisch nirgends zu finden, förmlich vom Aussterben bedroht.
Man leidet sofort mit all den Plastikschönheiten, die eben diesem Mann als einzig denkbarem Traumpartner hinterherjagen. Einen Ken zu entdecken, wird zusätzlich dadurch erschwert, dass er gut verkleidet ist. Wenn der Mattel-Mann überhaupt noch existiert, trägt er nirgends einen Anzug oder schlichte Jeans. Die Männer, die eine Barbie finden kann, sind von “Fashion Fever” geplagt, als Ritter verkleidet oder als Prinz. Böse Zungen behaupten: Wie im echten Leben.
Hingehört: You Pretty Thing – “Tune In”
| Künstler | You Pretty Thing |
| Album | Tune In |
| Label | Bon Voyage |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | **1/2 |
Am Anfang steht ein Sirenengesang wie einst bei den Eurythmics. Auch hier macht ein Mann (Andreas Schwarz-Ruszcynski, der aus Berlin kommt, aber lieber Blacky genannt werden möchte) die Musik und eine Frau (Jayney Klimek, die aus Melbourne kommt und wirklich so heißt) leiht den Songs ihre Stimme, die ebenso kokett wie stolz klingt.
Es ist eine bekannte Symbiose: gekonnte Popsongs mit viel Drive und hübschen Melodien steuert der eine bei, die andere verleiht dem Ganzen die nötige Attraktivität.
So ist es auch beim Duo You Pretty Thing. Tune In liefert tollen Pop für alle, die sich wünschen, dass Republica noch existierten, Garbage wieder Lust oder Roxette einen Fokus finden würden. Insbesondere Push It hat internationales Niveau (kein Wunder, dass hier irgendwo Annette Humpe ihre Finger im Spiel hatte, wenn auch nur ein bisschen), auch U Pretty Thing und The Silencer (Burn Baby Burn) sind klasse.
Und selbst der Rest dürfte jede Ü-30-Disco (die Protagonisten sind selbst nicht mehr ganz jung) mächtig in Schwung bringen. Wenn Blacky die Stücke fürs nächste No-Angels-Album schreiben sollte, dann hätten die Mädels weit mehr gewonnen als den Grand Prix.
Detlev Buck erklärt, warum er You Pretty Thing so gerne zum Aufstehen hört:
Hingehört: The Teenagers – “Reality Check”
| Künstler | The Teenagers |
| Album | Reality Check |
| Label | XL |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | ***1/2 |
Die Franzosen sind ein durch und durch verdorbenes Volk. Ihre First Lady (Carla Bruni, auch wenn die gebürtige Italienerin ist, was nichts entschuldigt) ist eine bekennende Polygamistin. Ihr bekanntester Schriftsteller (Michel Houellebecq, dem auf dieser Platte ausdrücklich für seine Inspiration gedankt wird) ist ein frustrierter Lüstling. Und ihr bis heute größter Rockstar (der unsterbliche Serge Gainsbourg) hatte seinen spektakulärsten Erfolg mit einer Platte, die der Vatikan als “beschämende Obszönität” empfand.
Kein Wunder also, dass Reality Check, das Debüt der Teenagers aus Paris, nicht gerade züchtig daherkommt. Im Gegenteil: Es wimmelt hier von den Themen, Träumen und Tätigkeiten, für die die Engländer den schönen Begriff sleaze erfunden haben. Beinahe-Inzest, spontaner Sex und sogar die Ferkel von Blink 182 sind alle gleich im ersten Lied Homecoming vertreten.
Starlett Johansson ist ein unverhohlener Annäherungsversuch an die Hollywood-Schönheit, samt dem Versprechen, das Objekt der Begierde nicht für sich allein zu beanspruchen. Natürlich darf dabei auch ein French Kiss nicht fehlen, der hier klingt, als würden Air und Weezer aneinandergeraten. Das düstere Fuck Nicole dreht sich ums Komasaufen, das schmerzhaft authentische Sunset Beach behandelt die Folgen.
Diese Platte ist so schlüpfrig und schmutzig wie eine Boulevardzeitung. Dass sie nicht auch so flüchtig und belanglos ist, hat sie vor allem der Begeisterung der Teenagers zu verdanken. Musikalisch ist das alles todschick, aber – wenn man all den MySpace-Rummel erst einmal abgezogen hat – nicht sonderlich aufregend. Die Beats erinnern an Dancepop der frühen 1990er, die Keyboards an die Pet Shop Boys zu ihren besten Zeiten und die Gitarren sind ebenfalls weit von Virtuosität entfernt.
Doch das Amateurhafte des Trios stört nicht. Als Kompensation gibt es hier nämlich tolle Ideen (das herrlich ausgelassene Streets Of Paris), tolle Zitate (vor allem im schlauen Wheel Of Fortune, wobei die Bandbreite von Beverly Hills 90210 bis zu Michael Jackson reicht) und reichlich Enthusiasmus, wie es im programmatischen und ganz und gar großartigen Feeling Better auf den Punkt gebracht wird: “Who’s there for you when you’re cold and alone? / The Teenagers, The Teenagers / you’re playing our songs and you’re dancing alone / you’re feeling better.”
Fehlendes Können wird hier, ganz ähnlich wie bei den geistesverwandten Art Brut, einfach durch Euphorie und Leidenschaft wettgemacht. Und in diesen beiden Disziplinen sind die Franzosen bekanntermaßen unschlagbar.
Den Clip zum fantastischen Feeling Better haben die Teenagers-Fans beigesteuert:
Hingehört: The Duke Spirit – “Cuts Across The Land”
| Künstler | The Duke Spirit |
| Album | Cuts Across The Land |
| Label | Loog |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **** |
Drei Dinge, die shitesite über The Duke Spirit wusste, bevor wir diese Platte hörten: 1. Die Sängerin von The Duke Spirit heißt Liela Moss. 2. Liela Moss, die Sängerin von The Duke Spirit, sieht atemberaubend gut aus: ein verkaterter Engel oder eine Guerilla-Schönheitskönigin. 3. Liela Moss, die äußerst attraktive Sängerin von The Duke Spirit, ist legendär trinkfest, ein Party-Animal, ein Rock’N'Roll-Derwisch.
Diese drei Dinge könnten fast dafür reichen, dass Cuts Across The Land drei Sterne bekommt. Immerhin fallen Rezensenten noch immer gerne auf den Mädchen-mit-Gitarre-Faktor rein, dem sich gerade Rockkritiker mittleren Alters offensichtlich schwer entziehen können. Wenn dazu noch das Rampensau-Image kommt, das ja unabhängig vom Geschlecht in diesem Geschäft hoch geschätzt wird, ist zumindest ein wohlwollendes Urteil schon so gut wie sicher. Doch, und das ist die gute Nachricht für alle Schwulen, Blinden und Mädchen, die jetzt verdammt neidisch auf Liela Moss sind: The Duke Spirit haben all das gar nicht nötig.
Zunächst einmal sind da die vier männlichen Mitstreiter (die sich übrigens durchaus auch sehen lassen können), die hier ein dermaßen unerbittliches Gitarreninferno entfachen, dass man sich beinahe hinter der Bar in Sicherheit bringen will, um vor dieser Rock’N'Roll-Lawine geschützt zu sein und das Spektakel unbeschadet überstehen (und genießen) zu können. Das ist ein ganz klassischer Sound, mit Mundharmonika, Orgel und reichlich Gitarren.
Schlagzeuger Olly Betts treibt das Ganze voran, haut dabei lieber auf die Toms als auf die Becken und gibt den Stücken damit gleichzeitig Gravitation und Schub. Bassist Toby Butler weiß um die Wirkung der Wiederholung. Und die Gitarrenhelden Luke Ford und Dan Higgins können ihren Instrumenten auf Cuts Across The Land von Slide-Gespenstern bis hin zu Riff-Monstern so ziemlich jeden Sound entlocken.
Vor allem aber ist da, wir müssen schon wieder damit anfangen, Liela Moss. Sie hat nicht nur eine Stimme, die das Unerbittliche von PJ Harvey mit der Koketterie von Debbie Harry vereint. Sie schreibt nicht nur Texte, in denen sie nichts konkret sagt, und die doch genau ausdrücken, wogegen sich ihre Wut richtet und was sie an deren Stelle setzen möchte. Und sie versteht es auch, sich dermaßen unbedingt in diese Lieder zu werfen, dass man gar nicht anders kann, als hinterherzuspringen.
Das ist die große Stärke von The Duke Spirit: Alles hier ist absolut. Der Titelsong als Kampfschrei zum Auftakt, der stampfende Furor von Win Your Love, der Mahlstrom von Bottom Of The Sea, die Urgewalt von Stubborn Stitches, der tiefe, hämmernde Schmerz von Darling, You’re Mean, das brachiale Punk-Gewitter “Lion Rip”, der fantastische, apokalyptische Lärm von Fades The Sun.
Der absolute Kracher aber ist Love Is An Unfamiliar Name, ein Monolith, der sich zum Schluss in einen fast orgiastischen Rausch hineinsteigert. Spätestens dann ist klar: Man muss (auch wenn es nichts schadet) nicht in Liela Moss verknallt sein, um diese Platte zu lieben. Nur in Rockmusik.
Ein, ähm, liela Leuchtturm und ein Geisterschloss: Der Clip zum Titelsong Cuts Across The Land:
Hingehört: Die Schröders – “Endlich 18″
| Künstler | Die Schröders |
| Album | Endlich 18 |
| Label | ASR |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | ** |
Tatsächlich: Seit 18 Jahren gibt es die Schröders schon, Bad Gandersheims dienstälteste Punkrock-Kapelle. Doch ihr siebtes Album Endlich 18 feiert die Volljährigkeit des Quartetts nicht etwa mit einem Karriere-Rückblick, sondern mit neuen Songs. Und die sind weiterhin so eingängig und augenzwinkernd wie ihr legendärer Hit Lass uns schmutzig Liebe machen aus dem Jahr 1995.
Scheißband ist ein von Bläsern und Selbstironie befeuerter Kracher, Thomas ein Hit, Modimi eine Bereicherung für jedes Saufgelage. Nicht alles gelingt komplett, aber nichts geht voll daneben. Insgesamt ist das besser als die meisten Stücke auf dem letzten Ärzte-Album.
Die Schröders feiern ihren Geburtstag mit Scheißband live auf dem Balkon:
Durchgelesen: Thomas Bernhard – “Der Untergeher”
| Autor | Thomas Bernhard |
| Titel | Der Untergeher |
| Verlag | Süddeutsche Bibliothek |
| Erscheinungsjahr | 1983 |
| Bewertung | *** |
Die Handlung ist schnell erzählt. Der Erzähler, der einst mit dem steinreichen Wertheimer und dem hochtalentierten Glenn Gould Klavier studiert hatte, ist auf dem Weg in ein Jagdhaus auf dem Land. Der mittlerweile weltberühmte Glenn Gould ist gerade gestorben, der zerstörte Wertheimer (“Er war zwar unglücklich in seinem Unglück, aber er wäre noch unglücklicher gewesen, hätte er über Nacht sein Unglück verloren, wäre es ihm von einem Augenblick auf den anderen weggenommen worden, was wiederum ein Beweis dafür wäre, dass er im Grunde gar nicht unglücklich gewesen ist, sondern glücklich, und sei es durch sein Unglück.”) hat sich wenige Tage zuvor erhängt.
“Der Untergeher” ist die Geschichte der Flucht vor der eigenen Schuld und Verantwortung. Die ständige Wiederholung der Charakterisierungen von Wertheimer und Gould, für die der Erzähler ebenso Freund wie Rivale war, die Erkenntnisse über das Wesen ihrer Beziehung, über die scheinbare Unausweichlichkeit der Ereignisse, dient der Selbstbestätigung. Bernhard macht das wunderbar deutlich durch kurze Sprünge auf die Meta-Ebene, in denen er zwar in einen gewissen Manierismus verfällt und die Spannung tötet, aber klar macht, dass die Handlung Erzählung ist – und nicht Ereignis. Die Diskrepanz zwischen Realität und Verklärung findet ihre Entsprechung in der enormen Differenz zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Und dadurch schreit aus jeder Seite dieses sagenhaften stream of consciousness (es gibt hier weder Kapitel noch Absätze, sondern nur einen einzigen, ewigen, kreisenden Fluss von Gedanken) die Erkenntnis des eigenen Scheiterns, der Vorwurf der eigenen Inkonsequenz, die Ahnung der eigenen Undankbarkeit.
Um den genialen Virtuosen Gould, der vorgeblich im Zentrum der Erzählung steht, geht es hier am allerwenigsten. Viel eher geht es um Wertheimer, der hier nur als Leiche auftaucht und doch eine wunderbare Figur ist. “Wertheimer wäre gern Glenn Gould gewesen, wäre gern Horowitz gewesen, wäre wahrscheinlich auch gern Gustav Mahler gewesen oder Alban Berg, Wertheimer war nicht imstande, sich selbst als ein Einmaliges zu sehen, wie es sich jeder leisten kann und muss, will er nicht verzweifeln, gleich was für ein Mensch, er ist ein einmaliger, sage ich mir selbst immer wieder und bin gerettet.” Dieser Übergang ist frappierend: Denn am allermeisten geht es natürlich um den Erzähler selbst. “Der Untergeher” ist die Geschichte vom Neid auf ein erfülltes Leben. Letztlich sogar : vom Neid auf einen idealen Tod.
Beste Stelle: “Alle Hochschulen sind schlecht und die wir besuchen, ist immer die schlechteste, wenn sie uns nicht die Augen geöffnet hat.”









