Hingehört: The Kooks – “Konk”

April 26, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Auf "Konk" wollen die Kooks raus aus der Talent-Falle.

Künstler The Kooks
Album Konk
Label Emi
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ****

Es ist ein bisschen unfair, wenn man mit so viel Talent und Können gesegnet ist, dass man sein Metier nicht nur versteht, sondern dominiert. Wenn Roger Federer beim Tennis eine ganze Armee von Gegnern an die Wand spielt, wenn die Coen-Brüder jeden ihrer Filme zu einem Ereignis machen oder wenn Investor Warren Buffett jede noch so seltsam wirkende Geldanlage zu einem Riesengeschäft macht, dann meinen die Leute oft, dass dahinter wenig Anstrengung steckt. Weil es keine Mühe kostet, ist es auch nichts wert.

Auch die Kooks könnten schon bald mit solchen Vorwürfen konfrontiert werden. Denn nachdem Inside In/Inside Out vor zwei Jahren quasi nur über Mundpropaganda zu einem Überraschungshit wurde, legen sie nun mit Konk nach. Und beweisen schon wieder ihr riesiges Talent, ohne auch nur die Spur von Ehrgeiz erkennen zu lassen.

Selbst den Druck, der durch den Erfolg des Debüts (zwei Millionen verkaufte Exemplare brachten dem Quartett aus Brighton einen Platz im Vorprogramm der Rolling Stones ein) entstanden ist, lässt die Band um Sänger Luke Pritchard lässig an sich abgleiten. Hier wird nicht auf eine verlässliche Masche gesetzt, sondern viel gewagt (und gewonnen): der große Wurf wie das bezaubernde Gap oder Shine On, aber auch akustische Skizzen wie One Last Time.

Dieses todsichere Gespür für gute Songs ist durchaus nicht mehr weit weg von Größen britischer Songwriting-Kunst wie Travis oder den Kinks (das Album wurde nach dem Studio von deren Ray Davies benannt, in dem die Lieder auch aufgenommen wurden).

Vor allem mit dem famosen ersten Drittel der Platte beweisen die Kooks das. See The Sun, das enorm eingängige Always Where I Need To Be oder das dezent glamrockende Do You Wanna sind die musikalische Entsprechung eines perfekten Sommertags. “Man sollte das Publikum glücklich machen”, findet Gitarrist Hugh Harris. Mit Konk haben die Kooks das geschafft. Ganz mühelos.

Auch das könnte ein perfekter Sommertag gewesen sein: Die Kooks spielen Always Where I Need To Be live beim Bestival:

Die Kooks bei MySpace.

Hingehört: Kettcar – “Sylt”

April 26, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Wie immer bei Kettcar: "Sylt" ist langweilig. Aber noch mehr.

Künstler Kettcar
Album Sylt
Label Grand Hotel Van Cleef
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Wenn ich bösartig wäre, stände hier nur ein Wort: langweilig. Man hat diese Musik einfach über. All diese Bands, die ein bisschen rocken wollen, aber auch schmusen. Die viel Wert auf die Texte legen, aber schrecklisch nuschelnde Sänger haben. Die so rechtschaffen linksliberal sind, dass sie die Taz sicher gleich zweimal abonniert haben. Man weiß nicht mal mehr genau, ob das nun Kettcar ist oder Tomte oder Niels Begemann und der Hund Kante.

Das liegt nicht nur daran, dass Kettcar viele Nachahmer gefunden haben, sondern auch an der notorischen Umtriebigkeit der Grand-Hotel-van-Cleef-Künstler. Von der tollen Hansen Band bis zu obskuren Gastauftritten: Überall macht man mit, trägt etwas bei.

Dahinter steckt natürlich ein Künstler-Ethos, das nicht auf die geniale Eingebung wartet, sondern auf Maloche setzt – und sich damit selbst eine quasi niemals versiegende und in der Qualität kaum schwankende Schaffenskraft unterstellt.

Auch auf ihrem dritten Album Sylt verstecken sich Kettcar nicht, sie machen kein Geheimnis aus sich, sondern sie veräußern sich. Mit Tanzbarem wie Nullsummenspiel, schlauen Gedanken wie Wir müssen das nicht tun, hübschen Melodie wie in Verraten oder Slogans wie Wir werden nie enttäuscht werden. Auch das trägt zur Inflation ihres Sounds bei.

Aber noch etwas anderes: Dass es plötzlich so viele aufrechte deutsche Bands gibt, die alle mit Rockmusik etwas zum Stand der Dinge mitteilen wollen, macht diese Gemeinschaft auch repräsentativ. Und relevant. Was sie sagen, was sie umtreibt, was sie stört, beschäftigt offensichtlich auch viele andere Menschen. Kettcar sind die Stimme der Generation Praktikum.

Es geht hier um gescheiterte Jugendliche, die auf eigenen Füßen stehen wollen und dann doch wieder bei den Eltern einziehen müssen (Würde, das mit einer Built-To-Spill-Weltschmerz-Gitarre anfängt und dann in Ash-Jubilieren mündet). Um die Frage, ob die unbefristete Festanstellung nun ein Triumph oder eine Tretmühle ist (Geringfügig, befristet, raus). Und um Freunde, mit denen man nichts mehr anfangen kann, weil die Arbeit, die man gefunden hat, auseinanderstrebende Biographien erzwingt (das ganz und gar wundervolle Am Tisch).

So viel Einverstandensein, so viel Übereinstimmung bringt freilich auch ein Element des Konservativen mit sich. Nichts ist einfacher, als sich hier aufgehoben und verstanden zu fühlen, wenn man eben erst sein Studium beendet hat oder gerade in der Neon blättert. Genau dieser Faktor könnte der Musik leicht das Individuelle, die Rebellion rauben. Doch Kettcar sind schlau genug, diese Gefahr zu erkennen. Sie kritisieren, aber sie wissen, dass sie sich in die Kritik einbeziehen müssen. “Das ist Graceland, ich bin einer von ihnen”, heißt es etwa in der Single Graceland, einer beißenden Abrechnung mit Wolkenkuckucksheimen, wie sie nicht nur Elvis bewohnt hat.

Das ist die große Stärke von Sylt (das in Berlin aufgenommen, aber nach der Insel benannt wurde, die dem Untergang geweiht ist, weil sich die Nordsee nicht um die High Society schert): Hier passiert nichts weniger, als dass jemand die Introspektion in den Zusammenhang der Gesellschaft stellt. Statt in der Gefühlsduselei zu versinken, rasen Kettcar damit schnurstracks auf die Bedeutsamkeit zu.

So schlimm kann ein Klassentreffen sein: Das Video zum wundervollen Am Tisch:

Kettcar bei MySpace.

Hingehört: Benzin – “Auf los geht’s los”

April 21, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Benzin möchten Rockstars sein. Aber aus den richtigen Gründen.

Künstler Benzin
Album Auf los geht’s los
Label Global Records
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

Es ist ein Dokument des Ehrgeiz. Auf los geht’s los, Auftakt und Titelsong des zweiten Albums von Benzin, gibt die Richtung vor. Diese vier Jungs planen Großes. “Unser wichtigstes Projekt, in dem unsere Hoffnung steckt”, heißt es hier, und dann wenig später “der Wille ist Energie, die uns antreibt so wie nie”.

Auch andere Lieder wimmeln von Beweisen für die grenzenlosen Ambitionen der Jungs. “Ich will ganz weit hoch”, singt der Frontmann mit dem schönen Künstlernamen Kalle Karacho. “Dies wird keine Kopie, dies wird ein Meisterstück” oder “Wir sind hier, um die Welt zu retten”. An anderer Stelle heißt es in Anspielung auf die durchaus geistesverwandten Sportfreunde Stiller: “Wo, wenn nicht hier? Und wer, wenn nicht wir?”

Trotz all der Unbedingtheit und des Fleißes, der in dieser Platte steckt, trotz all der unverkennbaren Einflüsse von Emo bis Crossover klingt die Band aus Ulm aber zum Glück kein bisschen stromlinienförmig. Sie tappt nicht in die Falle, sich auf jedes Experiment eines Produzenten einzulassen oder jeden Mist mitzumachen, den die Plattenfirma für eine gute Idee hält (Hallo, Revolverheld!) und dann am Ende ohne Charakter dazustehen.

Benzin möchten gerne Rockstars sein, daran besteht kein Zweifel. Doch es geht ihnen nicht nur um das Geld, den Ruhm und die Mädchen. Es geht ihnen in erster Linie um die Musik. Und die ist gut genug, um das Ziel zu erreichen. Laut!, Wir sind hier und das famose Sonnenaufgang dürften Hits werden (und diesmal nicht nur in den Hörercharts des SWR, wo die Band nach ihrem Debüt bereits Stammgast war). Cottbus im Regen erinnert an die melancholischeren Momente von Weezer und hat das Zeug zur Hymne. Und Maradona stellt hinsichtlich Leichtigkeit, Witz und Kreativität (ganz so wie sein Namensgeber) sogar alles in den Schatten, was es in der deutschsprachigen Rockmusik derzeit gibt.

Für echte Videos reicht das Budget wohl noch nicht, aber die Fans haben das feine Sonnenaufgang mit bewegten Bildern versehen:

Benzin bei MySpace.

Hingehört: Clavin Harris – “I Created Disco”

April 20, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Cool oder peinlich? Calvin Harris ist auf "I Created Disco" beides.

Künstler Clavin Harris
Album I Created Disco
Label Ministry Of Sound
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **1/2

Die Bee Gees? Abba? Giorgio Moroder? Michael Ammer? Wer auch immer Disco erfunden hat: Calvin Harris war es nicht. Dennoch behauptet der Schotte nicht ganz zu Unrecht: I Created Disco.

Immerhin hat er sich zuerst auf MySpace, dann als Remixer etwa für Sophie Ellis Bextor und zuletzt als Songlieferant (und angeblicher Lover) von Kylie Minogue einen Namen als verlässlicher Tanzflächen-Füller für Hipster gemacht. Noch eine Gemeinsamkeit: Auch dies ist Gebrauchsmusik. “Meine Song sollen die Leute nicht groß zum Nachdenken, sondern einfach zum Tanzen bringen”, sagt Calvin Harris.

So reicht manchmal schon eine einzige gute Idee, um ein Stück gelungen zu machen, wie das über-ironische Zitat von Visages Fade To Grey ausgerechnet in Colours. Auch die irren Singles The Girls und Acceptable In The 80s sind Volltreffer.

Der zupackende Opener Merrymaking At My Place und der Rausschmeißer Electro Man mit seiner Cyber-Romantik verfehlen ihre Wirkung nicht. Einige Male taumelt Calvin Harris aber auch bendenklich auf dem schmalen Grat zwischen saucool und arg peinlich.

Ziemlich irre Idee, funktioniert aber erstaunlich ordentlich: Disco unplugged. In diesem Fall Merrymaking At My Place in einer Boutique in London:

Clavin Harris bei MySpace.

Zum Leben erwacht

April 19, 2008 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Das Ritz Carlton prägt Berlins pulsierende neue Mitte.

Das Ritz Carlton prägt Berlins pulsierende neue Mitte.

Berlin ist bekanntlich eine Reise wert. Das galt in den Roaring Twenties, als der Verkehrslärm hier schon so laut war, dass der Schutzmann auf der Friedrichstraße eine Trompete brauchte, weil man seine Trillerpfeife nicht mehr hören konnte. Das galt Ende der 1970er, als eine blühende Subkultur und das morbide Mauer-Flair der geteilten Stadt lockten. Doch selbstverständlich gilt es auch heute. Vielleicht mehr denn je.

“Heute kann man durch die Stadt wandern und sich dabei in Träumereien über die prachtvolle Entfaltung architektonischer Vorstellungen verlieren, die andernorts systematisch verraten und erniedrigt wurden”, hat der italienische Journalist Sandro Veronesi einmal festgestellt. Die deutsche Hauptstadt ist für ihn “eine Art Atlantis, das hier auftaucht, all die von den großen Architekten des 20. Jahrhunderts verfassten Prinzipien wieder an die Oberfläche bringt und sie an ihrem natürlichen Platz zeigt, nicht an Denkmälern oder außergewöhnlichen Prachtbauten, sondern an normalen Häusern, die auch bewohnt werden. Man streift durch Berlin und sieht das, was die moderne Architektur hätte sein müssen und nicht geworden ist: Proportion, Maß, Raum, Leichtigkeit, Rationalität.”

Berlin ist aber nicht nur ein lohnendes Ziel für Architektur-Fans, sondern immer mehr auch für Musical-Freunde. Heimlich, still und leise ist die Hauptstadt dabei, Hamburg seinen Rang als deutsche Hochburg in diesem Metier abzulaufen. Allein rund um den Potsdamer Platz gibt es drei Spielstätten. Im Theater am Potsdamer Platz (gebaut von Renzo Piano) hatte im Oktober Mamma Mia Premiere. Das Abba-Spektakel hat weltweit schon 30 Millionen Zuschauer begeistert. Die längst legendäre Blue Man Group fand ihre Heimstätte in einem extra für sie zum “Bluemax” umgebauten Kino. Und im Theater des Westens hat morgen Elisabeth seine Hauptstadt-Premiere.

Bis vor kurzem lief dort Roman Polanskis Der Tanz der Vampire, das ab November in Oberhausen zu sehen sein wird. “Ich bin zum Leben erwacht”, heißt eine zentrale Zeile aus dem Titelstück des Grusicals. Und dieses Motto gilt für die ganze Stadt – und definitiv für den Potsdamer Platz.

Aus der größten Baustelle Europas ist innerhalb weniger Jahre das erste Wahrzeichen von Berlin neuer Mitte geworden. Das Gegend, die einst schon einmal das pulsierende Herz der Stadt war, doch dann fast vierzig Jahre von der Mauer zum Stillstand gezwungen wurde, pulsiert wieder. Unzählige Cafés gibt es hier, eine Spielbank, Legoland, Einkaufspassagen und Großraumkinos.

Und selbst, wenn man nur durch die Straßen wandert, beeindruckt der Platz, etwa durch postmoderne Hochhäuser wie den Bahn-Tower, das spektakuläre Dach aus Zeltbahnen über dem Sony-Center oder das Debis-Haus im riesigen Daimler-Areal.

Der Alte Fritz vor seiner eigenen Statue.

Der Alte Fritz vor seiner eigenen Statue.

Im 450 Millionen Euro teuren Beisheim-Center, das in nur 18 Monaten errichtet wurde und mit seiner hellen Sandstein-Fassade an die Chicagoer Art-Déco-Wolkenkratzer der 1920er Jahre erinnert, hat das “Berlin Ritz-Carlton” sein Zuhause gefunden. Das Superior-5-Sterne-Haus ist ein Highlight für sich: Über 4000 Kronleuchter aus Swarovsky-Kristall, edle Antiquitäten in den Salons und Konferenzräumen, vergoldete Säulen rund um den marmornen Treppenaufgang und 14 über das gesamte Haus verteilte Marmorkamine setzen hier den Standard, was Luxus angeht.

Nicht ohne Stolz nennt Hoteldirektor Thorsten Ries sein Haus, das sich immerhin der Konkurrenz von knapp zwei Dutzend weiteren 5-Sterne-Herbergen in der Hauptstadt erwehren muss, “das teuerste Hotel Berlins”. Das günstigste der 302 Doppelzimmer im pulsierenden Mittelpunkt der Metropole ist für 325 Euro pro Nacht zu haben.

Dafür gibt es nicht nur einen tollen Ausblick auf den Tiergarten oder den Potsdamer Platz. Das edle und elegante Ambiente lässt auch all den Trubel unmittelbar vor der Tür vergessen. Innenarchitekt Peter Silling ließ sich bei der Ausstattung und Gestaltung des 2004 eröffneten Hotels von Karl Friedrich Schinkel inspirieren – jenem Baumeister, der im 19. Jahrhundert der Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat wie kein anderer.

Wo Schinkel einst gelebt hat, weiß natürlich der Alte Fritz. Das Haus Unter den Linden 67, in dem der Baumeister einst lebte, ist eines von nur 13 Gebäuden der Straße, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. “Mit dem Krieg ging das alte Berlin unter, vor allem in der Mitte”, sagt der Alte Fritz, der eigentlich Olaf Kappelt heißt und in der Verkleidung des Preußenkönigs als Stadtführer arbeitet. Er erzählt von den Fäkalien links und rechts der Prachtstraßen, von Voltaire und dem treuen Kammerdiener Fredersdorf, als sei dies tatsächlich seine Residenzstadt. Und er teilt mit Friedrich II., dessen Bild angeblich selbst noch in Paris auf dem Nachttisch jeder zweiten Frau stand, auch die Eitelkeit. Das bemerkt man etwa, wenn er vor seinem “eigenen” 1851 errichteten Reiterstandbild steht. Die DDR-Regierung wollte die 13,50 Meter hohe Statue einst einschmelzen lassen, doch auf wundersame Weise überlebte das Denkmal.

Ähnlich wie der Potsdamer Platz ist die Statue damit ein Sinnbild für die Vitalität dieser Stadt. Egal, was die Geschichte damit anstellt: Die Mitte Berlins wird immer wieder neu zum Leben erwachen.

Hingehört: Lupe Fiasco – “Lupe Fiasco’s The Cool”

April 19, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Lupe Fiasco beweist großen Horizont. Und noch mehr Talent.

Künstler Lupe Fiasco
Album Lupe Fiasco’s The Cool
Label Atlantic
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Wenn Hip-Hop den ganz großen Wurf versucht, ein Konzeptalbum, dann wird das entweder ein beeindruckendes Dokument der Fähigkeiten des Genres (Paul’s Boutique von den Beastie Boys, De La Souls 3 Feet High And Rising, fast alles von den Roots). Oder ein in seiner Peinlichkeit nicht zu toppendes Scheitern (50 Cents aufgeblasenes Curtis).

Lupe Fiasco (bürgerlich: Wasalu Muhammad Jaco, wer sich das besser merken kann) versucht sich bereits auf seinem zweiten Album an der Königsdisziplin. Diese fast 70 Minuten lange Platte erzählt die Geschichte von The Cool, einer Figur aus dem gleichnamigen Song seines für den Grammy nominierten Debütalbums Food & Liquor. Er tritt hier auf als Michael Young History, dazu kommen der Zuhälter The Game und eine verführerisch-verderbliche Dame namens The Streets. Das klingt arg konstruiert, nach Musical oder Küchenpsychologie. Doch Lupe Fiasco schafft es auf die richtige Seite.

Das liegt nicht nur daran, dass der Jay-Z-Schützling aus Chicago mit reichlich Können als MC gesegnet ist, wie er etwa im halsbrecherischen Go Go Gadget Flow oder dem starken Gold Watch unter Beweis stellt. Er hat auch eine thematische Bandbreite und einen musikalischen Horizont wie wenige seiner Kollegen (vom leichten Flow in Paris, Tokio über die von Snoop Dogg angefeuerte Elektro-Ausgelassenheit von Hi-Definition und die Beat- und Gitarrenwucht von Hello Goodbye bis hin zur niedlichen Eingängigkeit des famosen Hip Hop Saved My Life).

Im Gegensatz zum Rap-Durchschnitt ist Lupe Fiasco für Hits auch nicht auf die passenden Samples angewiesen. Spätestens das famose Superstar zeigt, wie sehr er aus seiner eigenen Kreativität schöpfen kann. Das ist am Ende die Erkenntnis: Nichts ist so cool wie Talent.

Der Clip zu HipHop Saved My Life, mit vielen Klischees und einer genialen Idee: Poster, die sprechen können:

Lupe Fiasco bei MySpace.

Hingehört: Elin – “Girl Talk”

April 19, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Girl Talk" von Elin wirft die Frage auf, ob es wirklich eine deutsche Avril Lavigne braucht.

Künstler Elin
Album Girl Talk
Label Edel
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **1/2

Gestern habe ich sie entdeckt. Im Regal, auf Augenhöhe, hübsch verpackt: Maltonade. Weitere Recherchen ergaben, dass es auch einen “Bio-Drink” bei Aldi gibt und angeblich sogar eine Sinalconade. “Me-Too-Produkt” nennt das der Handel. Schließlich ist es selten genug, dass jemand eine Idee hat, die gut ankommt. Und dann will man ihn ja nicht mit dem ganzen Ruhm und Reibach alleine lassen. Und, keine Frage: Wenn man Bionade nachmachen kann, dann kann man auch Lolita nachmachen. Genauer gesagt: Avril Lavigne.

Die Idee hatten natürlich schon einige, doch nun ist man auch in Deutschland darauf gekommen. Das Ergebnis ist Girl Talk von Elin. Songwriter, die sonst für N’Sync, Cher oder die No Angels arbeiten, haben ihr zwölf höchst gefällige Stücke geliefert, die zwischen Pop-Ballade und Radiorock schwanken.

Die Single Better With You ist die Sorte Song, nach der sich Britney Spears inzwischen die Finger lecken dürfte und zeigt vor allem im Refrain Elins beeindruckende Stimmkraft. My Best Friend eifert ganz unverhohlen Elins großem Vorbild Kelly Clarkson nach und ist enorm putzig in seinem beschränkten Teenager-Horizont.

Superficial und Unperfect wandeln von allen Stücken am deutlichsten auf Avrils Spuren, You Think und der famose Titelsong sind so eingängig, dass sie sowieso Hits wären – egal, wer sie singt. Never Had It Before hat den unerschütterlichen Optimismus der S-Club 7 (und stellt die Jungfrauen-Unschuldigkeit so wenig verklausuliert in den Vordergrund, dass man Pädophilen-Attacken befürchten muss).

Auch You Don’t Know Me (das klingt, als würde sich ein 40-jähriger Komponist in die Gefühlswelt eines 14-Jährigen zurückkrampfen) und Radio (man kann sich denken, wie das klingt), lassen die sonst hier gezeigte Geschmackssicherheit vermissen. Mit Fly On Your Wall, Colors und Moving Forward gibt es auch einen vergleichsweise erwachsenen Dreierpack.

Gerade diese Stücke, die deutlich machen, dass hier einfach ein paar Fließbandschreiber einen neuen Abnehmer für ihre Auftragsarbeit gefunden haben, sind allerdings auch nicht wenig erschreckend. Denn sie machen klar, wie sehr dieses bei den Aufnahmen zur Platte gerade 13-jährige Mädchen, das aus einem Dorf bei Bremen kommt, gerne Fußball spielt und im Interview im besten Bravo-Plauderton über Boys und Girls und Cliquen stöhnt, von einer genau kalkulierenden Maschinerie vereinnahmt wird, die all ihre Begeisterung, all ihre Träume und ihr unbestreitbares Talent nur kurz ausschlachten wollen, solange die Masche sich noch gut verkauft.

Was Elin noch nicht wissen kann: Am Ende ist es wie bei der Bionade: Die Kopie mag günstiger sein, vielleicht sogar genauso lecker. Doch sie ist nicht halb so cool. Und hat nichts geleistet.

Statt des sagenhaft billigen Clips zur Single Better With You gibt es hier eine Avril-Lavigne-Parodie, die das wenigstens zugibt:

Elin bei MySpace.

Schwarze Schafe

April 17, 2008 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Wo kann man noch guten Gewissens einkaufen? Nun, da sich das ganze Ausmaß der Überwachungsstrategie im deutschen Einzelhandel zeigt, wird sich mancher Kunde diese Frage stellen. Diejenigen, die aus Solidarität mit den bespitzelten Lidl-Mitarbeitern oder aus Empörung über die Methoden des Discounters auf Boykott gesetzt haben und zu anderen Ketten ausgewichen sind, werden bitter enttäuscht sein. Denn es gibt viel mehr schwarze Schafe als gedacht.

Nicht nur die Billigheimer überwachen ihre Mitarbeiter, sondern auch angesehene Unternehmen wie Rewe. Selbst die Fuldaer Supermarktkette Tegut steht nun am Pranger. Tegut aber mit Lidl in eine Ecke zu stellen, wäre unangebracht. Wo Lidl heimlich intimste Details aus dem Leben seiner Angestellten protokollieren und auswerten ließ, setzte Tegut von Anfang an auf Transparenz. Betriebsrat und Mitarbeiter wussten, dass in den Märkten observiert wird. Protokoll-Passagen, die das Privatleben der Mitarbeiter betrafen, hat Tegut nach eigenem Bekunden ignoriert und die beauftragte Detektei sofort zurückgepfiffen. Gut so.

Für den Einsatz von Schnüfflern und Kameras hat nicht nur Tegut zudem gute Gründe. Dem deutschen Einzelhandel gehen pro Jahr 3,9 Milliarden Euro verloren, weil Ladendiebe zuschlagen, Mitarbeiter sich am Sortiment bedienen oder Lieferanten tricksen. Diesen Schaden bezahlen letztlich die ehrlichen Kunden – das kann nicht angehen. Kameras in den Verkaufsräumen dienen hier der Abschreckung und helfen bei der Strafverfolgung.

Dennoch sind die derzeitigen Zustände nicht tragbar. Dass flächendeckend Detektive im Einsatz sind, die offensichtlich in Überschreitung ihrer Kompetenzen und oft aus eigenem Antrieb heraus mit Stasi-Methoden ins Privatleben anderer eindringen, ist ein Unding. Wenn Chefs ihre Angestellten nur als Humankapital und Werkzeug zum Profit sehen und zum Teil selbst noch deren Freundeskreis und ihr Liebesleben auf Kompatibilität mit der Firma überprüfen wollen, geht das ebenfalls deutlich zu weit. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, um die Privatsphäre auch am Arbeitsplatz besser zu schützen.

Doch auch der Einzelhandel steht in der Verantwortung. Wenn er Detektive einsetzt, muss er klare Vorgaben machen, was sie dürfen und was nicht. Denn, ob strafbar oder nicht: In jedem Fall ist Bespitzelung ein kolossaler Schaden für die Unternehmenskultur. Was ist das für eine Firma, in der Mitarbeiter unter Generalverdacht stehen, sich auf Kosten des Arbeitgebers und der Kunden zu bereichern? In der sie ständig befürchten müssen, belauscht zu werden? In der keiner dem anderen über den Weg traut? Niemand würde in so einem Laden gerne arbeiten. Und niemand sollte dort gerne einkaufen.

Hingehört: Collective Soul – “Afterwords”

April 16, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Afterwords" beweist: Collective Soul haben weder Talent noch Geschmack.

Künstler Collective Soul
Album Afterwords
Label India
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung *1/2

Ein seltsames Kollektiv ist das. Tatsächlich fast ohne fremde Hilfe haben Collective Soul zehn Millionen Platten verkauft. Das Quintett aus Georgia sieht sich selbst irgendwie in der Nachfolge von Grunge, vermarktet sein neues Album aber exklusiv über eine Supermarktkette. Sie sind auf Tour mit den chronisch melancholischen Counting Crows und möchten mit dieser Platte doch bewirken, “dass alles um sie herum positiv ist”.

Ähnlich inkonsistent ist die Musik. Hört man Afterwords, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass der Sänger in Kuschelrock-Bettwäsche schläft, der Gitarrist ein Metallica-Poster an der Wand hat und der Produzent in seinem Auto ausschließlich Mainstream-Radio hört. Die Resultate können manchmal ganz hübsch sein wie in der eingängigen Liebeserklärung All That I Know, dem an Reamonn erinnernden Good Morning After All oder der wahren Geschichte vom Georgia Girl. Manchmal erinnert der Sänger, der ausgerechnet Ed Roland heißt, auch sehr stark an Roland Gift von den Fine Young Canibals. Und bei I Don’t Need Anymore Friends könnte man meinen, The Darkness seien aus der Gruft erwacht.

Im durch und durch kruden What I Can Give You kommt das alles zusammen: eine Heavy-Rock-Gitarre, eine Schmuse-Stimme und ein süßes Piano-Break, das Mike & the Mechanics auch nicht harmloser hinbekommen hätten. Die Texte sind durchweg so peinlich, wie das zwangsläufig der Fall ist, wenn Menschen zu viel glauben und zu wenig wissen. Und Hollywood ist fast schon tragisch in seinem verkrampft-rechtschaffenen Versuch, ein Hit zu sein. Klarer Fall: Collective Soul können vielleicht viel und die Platte macht ohne Zweifel klar, dass sie auch viel wollen. Doch das hilft nichts, wenn man kein Talent, keine Botschaft und keinen Geschmack hat.

Lieber nur ein Interview mit Sänger Ed Roland (dann muss man die Musik nicht hören):

Collective Soul bei MySpace.

Unangebrachte Hetze

April 12, 2008 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Wenn sich ausgerechnet ein 74-Jähriger zum Fürsprecher der Jugend macht, ist das erstaunlich. Und es ist auch bezeichnend, dass Roman Herzog mit seinen Thesen auf weit mehr Resonanz stößt als sämtliche Nachwuchsorganisationen der Parteien, die mit ähnlichen Argumenten bisher vergeblich versucht haben, den Konflikt zwischen den Generationen auf die politische Tagesordnung zu setzen. Doch da gehört das Thema dringend hin.

Die vergangenen Tage lieferten genug Anlass für Warnungen. Als vorgezogenes Wahlgeschenk bekommen die Rentner entgegen aller haushaltspolitischen Vernunft eine Extrawurst. Zudem soll der unsinnige Gesundheitsfonds auf Teufel komm raus durchgeboxt werden – das bedeutet höhere Beiträge auch für alle, die jung und gesund sind, damit Alte und Kranke keine Abstriche beim Standard der Versorgung machen müssen. Und trotz boomender Konjunktur wird der dringend notwendige Schuldenabbau weiter auf die lange Bank geschoben.

Angesichts des demografischen Wandels – der übrigens in vollem Gange ist, weil viele heutige Rentner und all die, die es bald sein werden, nicht genug Kinder auf die Welt gebracht haben – kann sich da bei jungen Menschen schon einmal ein Gefühl der Ohnmacht breitmachen. Müssen sie jetzt den Wohlstand bezahlen, in dem vorausgegangene Generationen auf Pump gelebt haben? Und dabei zugleich auf Leistungen verzichten, die früher selbstverständlich waren?

Genau dieser Gedanke wäre falsch, gerade bei der Rente. Denn auch wenn die Politik immer öfter diesen Eindruck erwecken will: Die Rente ist kein Almosen, das ein großzügiger Staat den bedürftigen Alten spendet. Die heutigen Senioren haben einen Anspruch auf ihre Alterseinkünfte. Sie haben jahrelang Beiträge bezahlt, sie haben Deutschland aufgebaut und nach vorne gebracht. Sie haben sich die Rente im besten Sinne des Wortes verdient.

Wenn das System des Generationenvertrags sich als überholt erweist, dann ist das nicht die Schuld der Rentner, sondern ein Versagen der Politik. Und wären die Alten, wie Herzog behauptet, tatsächlich auf “Ausplünderung” aus, würden sie ihre Partikularinteressen viel stärker verfolgen. Der Misserfolg der Grauen Panther zeigt, dass dies nicht so ist. Im Gegensatz zu vielen Politikern kochen die Rentner keineswegs nur ihr eigenes Süppchen. Sie machen auch Abstriche, weil sie die gesamte Gesellschaft im Blick haben. Herzogs Hetze ist deshalb unangebracht. Sie ist eine Beleidigung für die Leistung und Vernunft der Rentner ebenso wie für die Fähigkeit der Jungen, selbst an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.

Beinahe noch erschreckender ist, dass das ehemalige Staatsoberhaupt offensichtlich die Grundregeln der Demokratie vergessen hat: Jeder hat in unserem Land die gleichen Rechte auf Durchsetzung seiner Interessen – egal, wie alt er ist.

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