Hingehört: Soulive – “Break Out”
| Künstler | Soulive |
| Album | Break Out |
| Label | Concord |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | *1/2 |
Was ist Soul? Wenn man mich fragt: inbrünstig wie Sam Cooke, feurig wie James Brown, sexy wie Marvin Gaye. Wenn man die Brüder Alec (Drums) und Neil Evans (Orgel) sowie den Gitarristen Eric Krasno fragt, die sich zusammen “Soulive” nennen, bereits im Vorprogramm der Rolling Stones spielten und John Scofield als Gast auf einer Platte hatten, dann ist es etwas anderes.
Dann sind es Stücke wie, ähm, Got Soul, in dem die Einfallslosigkeit der Beats nur noch durch die Einfallslosigkeit der Melodie unterboten wird. Es ist eine Version von Crosstown Traffic, die dem Original jeden Punch und Biss raubt. Es ist blutleerer Pseudo-Funk wie Reverb oder vertonte Belanglosigkeit wie Cachaca. Es hat im Fall von Break Out all die Zutaten, die es braucht (reichlich Bläser und Wah-Wah) und ertrinkt doch in Langeweile.
Ihre Band haben Neal, Neal und Krasno gegründet, “um den Jazz wieder auf den Tanzboden zurückzuführen, auf dem er früher einmal zu Hause gewesen war”. Es muss die Sorte Tanzfläche sein, auf der junge Frauen in High Heels und kurzen Röcken tanzen, um alte Männer mit viel Geld und dicken Autos zu bezaubern. Soulive-Musik ist gemacht für Clubs, in die man geht, um Cocktails zu trinken und sein Ego zu sonnen – und dann eben auch tanzt, weil es dazuzugehören scheint. Es ist Musik für Menschen, für die Musik nur ein Alibi ist.
Noch ein Beispiel, wie Soul nicht geht: Soullive live:
Hingehört: The Presidents Of The United States Of America – “These Are Good Times People”
| Künstler | The Presidents Of The United States Of America |
| Album | These Are Good Times People |
| Label | Cooking Vinyl |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | *** |
Wenn Peer Steinbrück irgendwo in seinem Etat noch einen mittleren dreistelligen Betrag übrig hat, dann könnte er allen anderen Ministern im Kabinett These Are Good Times People kaufen. Das Geld wäre gut angelegt. Denn auch auf ihrem vierten Album zeigen die Presidents Of The United States Of America, welch tolle Resultate sich durch Sparsamkeit erzielen lassen.
Gitarren haben hier nur drei Saiten, der Bass nur zwei, das Schlagzeug passt in den Kofferraum von jedem Fiat Panda. Dafür gibt es ganz viel Witz, Schmackes und Kurzweil. Die Single Mixed Up S.O.B. und das zupackende Ladybug zum Start stecken so voller Energie, Frische und Leichtigkeit, dass man kaum glauben mag, dass die Jungs aus Seattle schon seit 13 Jahren Musik machen und allein von ihrem Debüt mehr als vier Millionen Exemplare verkauft haben. French Girl, Rot In The Sun und So Lo So Hi haben mindestens ebensoviel Hitpotenzial wie einst Peaches oder Lump.
Noch ein Pluspunkt: Die Presidents mögen nicht viel von, ähm, Vielsaitigkeit halten, aber These Are Good Times, People hat eine weitaus größere Bandbreite als ihre bisherigen Alben. Keyboards erklingen in Sharpen Up Those Fangs. Ganz akustisch kommen das tolle Bad Times, Loose Balloon und Truckstop Butterfly daher. Flame Is Love bekommt eine Portion Bläser-Power. Und Deleter wird zum Ende gar ein lupenreiner Funk-Feger.
Eines ist sicher: Nach dem Hören von These Are Good Times People würden die Minister grinsen, als hätten sie gerade eine Etat-Erhöhung bekommen. Mindestens.
Auch ein bisschen sparsam: Das Video zu Mixed Up S.O.B.:
Die Presidents of the United States Of America bei MySpace.
Hingehört: Sarah Brightman – “Symphony”
| Künstler | Sarah Brightman |
| Album | Symphony |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | * |
“Mach dich von den Vorurteilen los, und du bist gerettet”, hat Marc Aurel in seinen Selbstbetrachtungen prophezeit. Auch weil ich ein großer Freund der Antike bin (und mich ungern mit Leuten anlege, die eigenhändig die Parther, Markomannen und Sarmaten in die Flucht geschlagen haben), will ich dieser Aufforderung, diesem Versprechen gerne folgen.
Sehen wir Sarah Brightman also mal nicht als den Teufel an, als Personifizierung des durchaus beträchtlichen Unterschieds zwischen Musikfans und Musical-Fans, zwischen Kunst und Können. Auch wenn es schwer fällt: Das Presse-Info preist die Engländerin als die “ultimative Crossover-Sängerin (…) mit einer Stimme von kristalliner Klarheit und schier atemberaubender Schönheit”. Es nennt als Referenzen Andrea Bocelli (mit dem es hier auch ein Dueet geben soll) und Il Divo. Es ruft die schmerzhafte Erinnerungen an den “Smash-Hit Time To Say Goodbye” wach und kündigt ein Duett mit dem “Rocklegionär Paul Stanley (Kiss)” an. Es wirbt ernsthaft damit, dass die “Diva voller Leidenschaft und Inspiration” demnächst in einem Kinofilm mit Paris Hilton zu sehen sein wird und einer der Songs auf dieser Platte in Japan “bereits einen populären Pokemon-Werbespot” untermalte.
All dies ignorieren wir. Wir wollen auf Marc Aurel hören, tolerant sein und uns ganz unvoreingenommen dem Werk nähern, dessen Títelsong Symphony tatsächlich auch noch eine englische Version des Silbermond-Hits, ähm, Symphonie ist.
Es fängt an. Gothica heißt das erste Stück. Keyboards, künstlicher Donner, dann ein Computerbeat, eine Piano-Melodie. All das geht flüssig in das nächste Stück über, Fleur Du Mal mit wuchtigen Drums, Streichern und Powerchords. Es klingt so bombastisch, dass sich die gesamte Besetzung von Jesus Christ, Superstar dagegen ausnimmt wie eine Garagenrock-Band. Das erste, was man von Sarah Brightman hört, ist ein langgezogenes “uuh”. Es ist 7,8 Sekunden lang. Es ist 7,8 Sekunden zu lang. Meine Toleranz ist am Ende. Soll Marc Aurel doch kommen.
Eine recht amüsante Falsch-Übersetzung des Smash-Hits Time To Say Goodbye:
Durchgelesen: Roberto Saviano – “Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra”
| Autor | Roberto Saviano |
| Titel | Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra |
| Verlag | Hanser |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | *** |
Dieses Buch ist eine Anklage. Roberto Saviano, der selbst aus Neapel stammt, liefert hier nicht nur einen akribisch recherchierten Bericht über die Machenschaften der Mafia. Er zeigt auch, wie das organisierte Verbrechen jahrelang in Saus und Braus gelebt hat – auf Kosten der Menschen im Süden Italiens.
Es gibt erstaunliche Einblicke. Saviano zeigt die Maschinerie, die Einnahmequellen und die Brutalität der Mafia. Er zeigt, dass sie nicht nur mit Drogen und Waffen handelt, sondern auch das Geschäft mit Zement, Designermode oder Müllentsorgung dominiert. Das führt in Zeiten von Hedgefonds und Nahrungsmittelspekulanten zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Düstere Bosse und widerliche Gewaltakte gehören dazu. Doch die wahre Macht der Mafia beruht darauf, dass die Spitzen von Camorra, Cosa Nostra und ‘Ndrangheta inzwischen Top-Manager sind. Sie sind die besten Kapitalisten, für die nichts zählt als das Geschäft.
Die Mafia macht damit deutlich, was droht, wenn der Staat dem Markt nur noch ohnmächtig gegenüber stehen kann. “Gomorrha” ist nicht nur ein gekonntes Wortspiel wegen seiner Ähnlichkeit zu “Camorra”, sondern genau das, was sich dann abspielt.
Saviano weiß um die scheinbare Unantastbarkeit dieses Systems, und dennoch nimmt er es nicht hin. Er nennt Hintergründe und Drahtzieher, Verstrickungen und Profiteure. Und er nennt Namen. Das ist zum einen die Stärke dieses Buches, das sich manchmal liest wie eine Ermittlungsakte. Es ist aber auch die Schwäche. Denn Saviano verzettelt sich in seinem aus Wut und Fassungslosigkeit gespeisten Eifer mitunter zwischen Abstraktem und Konkretem, zwischen Strukturen und Personen.
Das mag in Italien, wo das Buch ein Jahr lang auf der Bestsellerliste stand (und wo Saviano inzwischen im Untergrund leben muss) noch angehen. Für die deutsche Übersetzung wäre zwingend eine Reduktion nötig gewesen – oder aber ein Glossar samt Karte, um in der Fülle von Details nicht verlorenzugehen.




