Draufgeschaut: Tandoori Love
| Film | Tandoori Love |
| Produktionsland | Schweiz/Deutschland/Österreich |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 92 Minuten |
| Regie | Oliver Paulus |
| Hauptdarsteller | Lavinia Wilson, Martin Schick, Vijay Raaz, Shweta Agarwal, Verena Zimmermann |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
In einem kleinen Ort in der Schweiz dreht ein Team aus Indien einen Film. Rajah, der am Set für die Verköstigung der Stars zuständig ist, verliebt sich dann aber im Supermarkt in Sonja, die Kellnerin aus der Dorfgaststätte «Zum Hirschen». Um sie für sich gewinnen zu können, heuert Rajah als Koch im «Hirschen» an. Das Lokal floriert – doch die Filmcrew darbt so sehr, dass schon bald die ganze Produktion vor dem Aus steht. Und Sonjas Verlobter Markus, dem das Gasthaus gehört, ahnt nichts davon, dass er sich nicht nur einen Meisterkoch, sondern auch einen Nebenbuhler ins Haus geholt hat.
Das sagt shitesite:
Die Handlung ist hier zweitrangig. Entscheidend ist das Spiel mit Formen. Ganz ähnlich wie Fatih Akin im durchaus geistesverwandten Soul Kitchen versteht es Paulus dabei, kulturelle Schranken und rassistische Vorurteile auf beiden Seiten mit großer Leichtigkeit vorzuführen. Er betrachtet das eigene Metier auch mit einem Augenzwinkern – und er ist mutig genug, auch das Schräge zu wagen. Etwa die mitunter psychedelische Tanzeinlagen. Oder die betörende Inszenierungen der Kochszenen – seit 9 ½ Wochen wurden Lebensmittel nicht mehr so verführerisch fotografiert. Wer Bollywood mag (oder Filme, in denen das Kino mit sich selbst spielt), der kommt dabei auf seine Kosten. Für alle anderen bleibt eine mutige, wenn auch nicht umwerfende Komödie.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Keane – “Night Train”
| Künstler | Keane |
| EP | Night Train |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *1/2 |
Zugegeben: Es gibt Originelleres, als den aktuellen Tonträger von Keane zu verreißen. Kaum eine Band ist bei Journalisten so unbeliebt, wird in der Presse so gerne durch den Kakao gezogen und von Kennern so reflexartig belächelt wie das Trio aus East Sussex.
Wer in England einmal Musikjournalist werden will, der muss vorher wahrscheinlich das Pflicht-Seminar „Wie schreibe ich einen Keane-Verriss?“ besuchen. Und so passiert es dann, dass es bei Keane nicht einmal cool wird, wenn man sich in der Entzugsklinik mit Pete Doherty anfreundet, wie das bei Sänger Tom Chaplin der Fall war.
Zugegeben: Die Band hat einen beknackten Namen, sieht scheiße aus und übt sich in der nicht besonders spannenden Kunst des Wir-schreiben-Popsongs-so-ähnlich-wie-die-Beatles. Aber das hat Oasis auch nicht daran gehindert, Götter zu werden.
Das Problem an Keane ist nur: Sie sind nicht besonders gut. Sie sind das genaue Gegenteil von spannend. Und sie haben nicht den kleinsten Furz Humor. Das Presse-Info zur neuen EP Night Train ist fast rührend in seinen Bemühungen, dieser Band so etwas wie Relevanz zu verschaffen: Die letzten drei Alben von Keane haben sich alle “mehr als eine Million Mal verkauft”. Sie sind „überraschend angesagt in HipHop-Kreisen“, spielen „rund um den Globus in ausverkauften Stadien“, haben „astreine Hymnen“ geschrieben, „etliche Preise abgeräumt“ und „sich immer wieder neu erfunden“.
Immerhin beantwortet die Presseabteilung von Universal aber auch die (sicher nicht ganz einfache) Frage, warum es nun eine EP von Keane geben muss: Sie hatten schlicht Zeit und Lust, „nach so einer langen Tour einfach ins Studio zu gehen und etwas vollkommen Neues zu erschaffen“, sagt Songschreiber Tim Rice-Oxley. Und so entstand Night Train quasi zwischendurch, in verschiedenen Studios auf drei Kontinenten.
Vollkommen neu ist bei diesen acht Songs natürlich nichts. Es gibt immer noch die Sehnsucht nach Harmonie, die bei Rice-Oxley so groß ist, dass er (gemeinsam mit Phil Collins und Paul Young) wahrscheinlich heimlich längst an einer Künstler-Allianz zur Bekämpfung des roten Bereichs bastelt. Und es gibt weiter die Stimme von Tom Chaplin, die auch nach jahrelangem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch noch unerträglich seicht klingt.
Allerdings ist der krampfhafte Versuch, alles perfekt zu machen, einer gewissen Spontaneität gewichen, die der Band hörbar Spaß gemacht hat. Es gibt einen instrumentalen Opener (House Lights), eine Coverversion von Ishin Denshin (im Original vom Yellow Magic Orchestra und hier mit japanischem Sprechgesang), den schlimmen Eighties-Zombie Your Love (bei dem Rice-Oxley beweist, dass er noch schleimiger singen kann als Chaplin) und zwei Songs, bei denen der Rapper K’Naan mitmacht (das mit einem Beinahe-Eye Of The Tiger-Sample arbeitende Looking Back und das pervers penetrante Stop For A Minute, das im Gehörgang klebt wie frisch lackierte Bienenscheiße). Und natürlich einen reichlich pompösen Rausschmeißer (Night Train), der zu den großen Vorbildern Radiohead etwa in dem Verhältnis steht wie Mark Medlock zu Dieter Bohlen.
Keane bleiben also auch auf EP-Länge eine kaum zu ertragende Seicht-Band, auch wenn sie jetzt ganz offensichtlich selbst wieder Spaß an ihrem Job haben. Sie werden sich, das ist nach Night Train gewiss, nicht so bald auflösen. Immerhin wird es also weiter genug Unterrichtsmaterial für das Verriss-Seminar geben.
Es geht noch uncooler: Stop For A Minute, bei einem Konzert für die, ACHTUNG!, Website der Sun:
Draufgeschaut: Ocean’s 13
| Film | Ocean’s 13 |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2007 |
| Spielzeit | 122 Minuten |
| Regie | Steven Soderbergh |
| Hauptdarsteller | George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Al Pacino, Andy Garcia, Ellen Barkin |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Reuben möchte in ein neues Hotel investieren. Doch sein Partner Willie Bank hintergeht ihn – und kurz darauf liegt Reuben im Sterben. Seine Freunde rund um Danny Ocean haben nur eine Chance, Reuben zu retten: Sie müssen es Willie Bank heimzahlen und darauf hoffen, dass diese Genugtuung Reuben wieder auf die Beine bringt. Ihr Plan ist perfide: Wenn Bank sein neues Hotel mit einem riesigen Casino eröffnet, wollen sie dafür sorgen, dass alle Gäste gewinnen – und den Inhaber so ruinieren. Doch damit das klappt, müssen sie gleich reihenweise Hürden überwinden.
Das sagt shitesite:
Auch im dritten Teil funktioniert der Coup der Ocean-Bande ganz ausgezeichnet. Die Perfektion, in der das Gangster-Team arbeitet und jeden Schritt vorausplant, ist natürlich vollkommen unglaubwürdig. Doch das wird wettgemacht durch ein Pointenfeuerwerk, dem eine mehr als alltägliche (und einleuchtende) Erkenntnis zu Grunde liegt: Es kann immer etwas schief gehen. Zu bester Unterhaltung trägt auch die enorme Stilsicherheit bei: nobles Las-Vegas-Ambiente, coole Sprüche und eine Ästhetik, die mit Überblendungen, Bongo-Musik und Splitscreens genau jene Ära wieder auferstehen lässt, aus der diese Ganoven zu stammen scheinen. Nicht zu Unrecht werden sie an einer Stelle als „analoge Gangster in einer digitalen Welt“ charakterisiert. Dieses Bekenntnis zur Nostalgie (und der Mut, sich auch Zeit für Schräges zu nehmen wie die Tränen von Danny Ocean beim Gucken von Oprah oder den Streik in Mexiko) machen den enormen Charme von Ocean’s 13 aus.
Der Trailer zum Film:
Mozart für Gruftis
Die Peterskirche ist „städtebaulich prägend für die Leipziger Südvorstadt“, behauptet eine Infotafel im Seitenschiff. Das ist eine gewagte These. Denn die Kirche, die erstmals 1213 erwähnt wird und die in der jetzigen Form 1882 erbaut wurde, ist zwar – steht man erst einmal direkt davor – höchst imposant. Ihr 88 Meter hoher Turm überragt locker die höchste Spitze der berühmteren Thomas- und Nikolaikirche. Trotzdem kann man diese Kirche auch gut übersehen. Sie ist rundum so dicht bebaut, dass man 50 Meter an ihr vorbeispazieren kann, ohne sie auch nur annähernd zu bemerken.
Ich habe jahrelang nicht weit entfernt von der Kirche gewohnt, ohne überhaupt zu wissen, dass sie da steht. Dann, eines Nachts, wählte ich auf dem Weg nach Hause eine Abkürzung – und plötzlich ragte da diese Kirche in den dunklen Himmel, als sei sie klammheimlich binnen weniger Stunden von Mainzelmännchen gebaut oder von Aliens kurz hier zwischengelagert worden. Das war ein ziemlicher Schock.
Ähnlich überrascht müssen die Spaziergänger gewesen sein, die gestern Nachmittag an der Peterskirche vorbeikamen. Denn obwohl es ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch ist, regiert in der Kirche die Trauer. Obwohl niemand gestorben ist, erklingt Mozarts Requiem in d-Moll. Und obwohl es keinen Gottesdienst gibt (oder gerade deshalb), ist die Kirche rappelvoll.
Wer von den Spaziergängern womöglich gar einen Blick durch die prachtvoll bemalten Fenster wagt, bekommt ein höchst ungewöhnliches Spektakel zu sehen. Im Altarraum musiziert ein Universitäts-Orchester höchst gekonnt, dazu erklingt ein ebenso kompetenter Chor aus Gesangsstudenten. So weit, so erwartbar. Aber das Publikum! So etwas gibt sonst wohl nicht einmal beim Kostümball und höchstens in den weniger schlimmen Träumen von Tim Burton. Da sitzt Napoleon Bonaparte neben jemandem, dessen Uniform an ein finsteres autoritäres Regime der Zukunft denken lässt. Da kommen Damen herein, die geradewegs den Seiten von Interview mit einem Vampir entsprungen zu sein scheinen, und ältere Herren, die wohl erst reagieren, wenn man sie mit «Fürst der Finsternis» anspricht. Auf der Empore steht das Phantom der Oper – und direkt neben mir sitzt jemand, der sonst wohl eher zu Satan betet als in der Gemeinde St. Petri.
Denn das Konzert findet im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens statt, der jährlichen Zusammenkunft der Schwarzen Szene in Leipzig. Immer an Pfingsten wird die Stadt zum Walhalla für an die 20.000 Gruftis. Sie kommen aus ihren dunklen Kellern aus aller Welt – und bringen, so weit ich mich erinnern kann, erstaunlicherweise fast immer die Sonne mit. Es regieren Dark Wave, Industrial und das, was aus mir noch immer unerfindlichen Gründen „Electronic Body Music (EBM)“ heißt, in den Clubs der Stadt. In dieser Szene hat man natürlich ein Faible für das Morbide – und durchaus auch für Mozart. Das gilt zumindest für Mary Machregor-Reid. Wie die meisten, die sich kurz vor Einlassbeginn auf dem Kirchvorplatz tummeln, sieht sie nicht aus wie jemand, der regelmäßig eine Kirche besucht. Und erst recht nicht wie ein Fan von klassischer Musik.
«Man kann eben nicht nach dem Aussehen gehen. Ich sehe zwar wie ein Punk aus, aber ich bin mit viel klassischer Musik aufgewachsen. Und das Requiem von Mozart gehört neben dem von Brahms zu meinen absoluten Favoriten», erzählt die Neuseeländerin. Nach dem Mozart-Konzert geht es weiter zu einer Rockshow an der Moritzbastei. Und ganz besonders freut sie sich auf den Auftritt von Alien Sex Fiend. Sie hat 24 Stunden Anreise auf sich genommen, um beim Wave-Gotik-Treffen dabei zu sein. «Alle Goths kennen das Festival, auch am anderen Ende der Welt. Und es ist großartig hier. ich werde auf jeden Fall wieder nach Leipzig kommen», schwärmt sie.
Auch eine Gruppe junger Damen aus Mannheim und Stuttgart, deren Kleider so ausladend sind, dass sie später nicht die enge Wendeltreppe auf die Empore heraufkommen werden, ohne den Putz von den Wänden zu scheuern, beteuert: «Das ist für uns nicht nur ein schräges Event. Wir hören auch zuhause Mozart.» Sie waren tags zuvor beim Viktorianischen Picknick dabei und übernachten extra in einer Pension, um genug Zeit, Platz und sanitäre Grundausstattung zu haben, sich jeden Tag neu zu stylen. Das Trio war schon im vergangenen Jahr dabei, als das Requiem in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals aufgeführt wurde.
Auch da war schon die Stüba-Philharmonie am Werk. „Das war wirklich strange“, erzählt mir der Trompeter kurz vor dem Konzert (während er einen Zigarillo raucht und damit wohl nicht gerade seine Blechblaskarriere befeuert). „Die Leute wussten zum Beispiel nicht, dass man zwischen den einzelnen Sätzen nicht klatscht. Aber für uns ist so etwas natürlich spannender als ein normales Konzert“.
In der Kirche muss man derweil zweifeln, ob die Peterskirche einen vergleichbar imposanten Schauplatz abgeben wird wie der Völkerschlachts-Koloss. Denn die im Zweiten Weltkrieg stark ramponierte Peterskirche ist eigentlich ein vergleichsweise ungruseliger Ort. Kurz vor dem Konzert, als das Orchester noch einmal probt, ist hier wenig von der besonderen Atmosphäre zu spüren, die Sakralbauten sonst auszeichnet. Die Gemeinde sitzt auf hellen Holzklappstühlen und schaut auf einen Altar, der aus Beton gemacht scheint. Den Fußboden ziert höchst profaner PVC-Belag und irgendwo baumelt noch ein bisschen Baustellen-Absperrband.
Doch für das Andächtige soll schließlich die Musik sorgen, und als das Konzert beginnt, wird es tatsächlich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Ich kann zwar nach wie vor nichts mit klassischer Musik anfangen, aber in dieser Umgebung bekommen die Klänge noch einmal eine neue, spannende Dimension.
Auch Dirigent Wieland Lemke ist danach überaus angetan. «Für uns ist das natürlich auch ein besonderes Konzert. Aber dieses Publikum ist ungeheuer offen und begeisterungsfähig. Und wir können bei solchen Gelegenheiten klassische Musik vielleicht auch Leuten nahe bringen, die sie sonst nicht so gut kennen.» Wenn er wählen müsste zwischen dem regulären Publikum bei einem klassischen Konzert und der schwarzen Szene, fällt seine Entscheidung nicht schwer: «Wave-Gotik-Treffen, definitiv.»
Vor dem Konzert hatte er die Gäste diesmal vorsichtshalber instruiert, erst ganz am Schluss zu klatschen. Und auch sonst ist erstaunlich, wie hoch anständig (ja: beinahe konservativ) das Publikum ist. Vor dem Einlassbeginn stellen sich alle brav vor dem Hauptportal an, obwohl man sich (wie ich) auch problemlos durch einen Seiteneingang in die Kirche schleichen kann. Es gibt einen extrem höflichen Begrüßungsapplaus und während des gut einstündigen Konzerts (bis auf ein paar Babyschreie und den Typ vor mir, der seinem Nachbarn eine Flasche reicht mit dem Satz: „Das ist Wermut, Du Sau!“) andächtige Stille.
Als der letzte Ton verklungen ist, spenden die Zuhörer stehende Ovationen. Als erster springt ein Kerl ganz begeistert auf, der in seinem Militaria-Outfit den Eindruck erweckt, als habe er auch schon damals bei Goebbels immer am lautesten gejubelt. Und nach der schwarzen Messe spenden viele auf dem Weg zum Ausgang noch brav für die Restaurierung der Peterskirche. Vielleicht, damit es im nächsten Jahr noch ein bisschen düsterer werden kann.
Wo der Mensch noch bei sich selbst ist
Dieter Nuhr ist der Marktführer, wenn es um die seltsame Kombination aus Fußball und Comedy geht. Seit 1998 begleitet er die großen Turniere mit kurzen Einspielern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und hat damit mehr internationale Erfahrung als jeder Nationalspieler im aktuellen DFB-Kader für die Weltmeisterschaft in Südafrika. Nun will Nuhr mit zwei Shows bei RTL auf die WM einstimmen. Beim Auftakt gestern Abend spielte das runde Leder nur eine Nebenrolle. Das hatte aber den Vorteil, dass die Sendung auch für Leute interessant werden konnte, die keine Fußballfans sind.
Den kompletten Artikel gibt es bei news.de.
Outfits, die ich am Wochenende NICHT tragen werde
Die Stadt ist schwarz. Wie immer zu Pfingsten findet in Leipzig das Wave-Gotik-Treffen statt. Ob in der Fußgängerzone, beim Einkaufen oder im Kino: Man kommt sich vor wie beim Kostümball. Ich werde das Wochenende nutzen, um ein wenig über die seltsame Welt der schwarzen Musik zu berichten. Und stehe natürlich sofort vor der Frage: Was ziehe ich da an?
Schließlich will ich ja bei meinen Recherchen nicht aussehen, als ob ich dazugehöre. Aber auch nicht auf den ersten Blick als der Feind erkannt (und womöglich irgendeinem obskuren nordischen Gott zum Opfer dargebracht) werden. So recht habe ich mich noch nicht entschieden. Ich habe aber ein paar Outfits, gefunden, die ich auf jeden Fall NICHT tragen werde.
Alle diese Shirts gibt es bei Spreadshirt (oder man kann sie sich dort selber basteln, wie ich das hier gemacht habe).
Hingehört: Crystal Castles – “Crystal Castles (II)”
| Künstler | Crystal Castles |
| Album | Crystal Castles (II) |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Coolness ist eine wichtige Sache. Erst recht in der Musik. Vor allem, wenn man elektronische Musik macht, der immer der Makel der allzu leichten Reproduzierbarkeit anhaftet, die sie beliebig zu machen droht, und die deshalb umso mehr etwas Besonderes braucht, um eine Existenzberechtigung jenseits von Speichern, Modulen und Festplatten zu erlangen.
Keine Frage: Crystal Castles sind cool. Die Geschichte, wie sie sich kennen gerlernt haben, ist cool: Produzent Ethan Kath entdeckte Sängerin Alice Glass in einer Punkband und schickte ihr fertige Songs, auf denen sie dann sang. Die Legende der ersten Single Alice Practice ist cool: Eigentlich sollte das nur ein Mikrofon-Test sein, doch es wurde mitgeschnitten und schließlich als fertiger Song veröffentlicht. Die Interviews, in denen sie vom rauhen Leben inmitten von Junkies und Ratten in Toronto erzählen, das vor der Band-Karriere ihr Alltag war, sind cool. Ihre Konzerte, in denen die Sängerin gerne mal das Schlagzeug zerstört oder die Band einfach nach ein paar Minuten Chaos wieder die Bühne verlässt, sind cool. Und wenn Alice Glass in den Spiegel schaut, dann sieht sie die totale Coolness.
Die Idee, das morgen erscheinende zweite Album genauso wie das erste einfach Crystal Castles zu nennen, ist cool. Die Platte in einer Kirche in Island, einer selbstgebauten Hütte in Ontario und einer Garage hinter einem Kiosk in Detroit aufzunehmen, ist auch cool. Und die Selbstcharakterisierung von Crystal Castles könnte nicht cooler sein: “We are Crystal Castles, we are 1 boy and 1 girl, we are named after She-Ra’s home, we play rough.”
Kein Wunder also, dass Crystal Castles viel Eindruck gemacht haben. Ihr Debütalbum wählte der NME unter die 50 bedeutendsten Platten der Nullerjahre. Ihr Songs bei MySpace und last.fm wurden insgesamt mehr als 50 Millionen Mal angeklickt. Und Celestica, die an Saint Etienne erinnernde Vorab-Single zum zweiten Album, ist für Radio-1-DJ Zane Low einfach mal die “hottest record in the world”.
Es gibt nur ein Problem: Crystal Castles (II) ist extrem cool, aber nicht besonders gut. Es gibt hier viel experimentelle Elektronik, die man im psychischen Ausnahmezustand sicherlich enorm ansprechend findet. Das sägend-nervige Fainting Spells. Das übel gelaunte Doe Deer, das wohl das letzte Prodigy-Album rechts überholen will. Baptism, mit seinem Mix aus OMD und Justice so etwas wie eine perverse House-Hymne. Das irre Vietnam, bei dem Robocop am Schlagzeug zu sitzen scheint, und dass gekonnt ein Stina-Nordenstam-Sample androisiert.
Was es aber nicht gibt: Musik, die so gut ist, dass sie einen allein durch die Kraft des Sounds in den psychischen Ausnahmezustand versetzen kann. Und das sollte Musik eigentlich schaffen. Doch Empathy scheitert daran und bleibt eher so etwas wie eine Hot-Chip-B-Seite. Violent Dreams ist Air für Arme. So ähnlich wie Birds klangen womöglich die Stücke auf dem zweiten Klaxons-Album, das die Plattenfirma komplett in den Müll geschmissen hat. Pap Smear ist so etwas wie eine zurückhaltende Version von La Roux – und wer bräuchte so etwas?
Das alles ist kompetent gemacht, tanzbar und zur richtigen Zeit im richtigen Club bestimmt ein voller Erfolg. Aber dass man zu jedem Track vergleichsweise leicht eine Referenz findet, zeigt, wie wenig innovativ und experimentell dieser Sound in Wirklichkeit ist. Nicht cool.
Ein Clip zur hübschen Vorab-Single Celestica:
Durchgelesen: Thomas Meinecke – “Musik”
| Autor | Thomas Meinecke |
| Titel | Musik |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ** |
Karol ist Flubegleiter. Wenn er nicht gerade durch die Welt jettet, sitzt er zu Hause in Wolfratshausen und denkt nach. Über Musik. Genauer gesagt: Wo sie herkommt, wie sie sich verändert und, vor allem, welche Rolle Sex in ihr spielt und wie Swing, Disco oder House die Gesellschaft und die Sexualität verändert haben.
Seine Schwester Kandis recherchiert derweil zu Claudia Schiffer, Ludwig II. und D.H. Lawrence – und landet ebenso bei grundsätzlichen Fragen der Ästhetik.
Das klingt nach einer nicht ganz unspannenden Ausgangssituation. Trotzdem hat das Buch eine Menge Probleme. Das größte davon steht gleich auf dem Cover, und zwar links unten. Hier von einem „Roman“ zu sprechen, ist nicht mehr nur eine großzügig-postmoderne Auslegung des Genres, sondern Leserverarsche.
Denn es gibt keine Handlung und keine Charaktere. Stattdessen benutzt Thomas Meinecke seine Figuren bloß, um ihnen seine eigenen Betrachtungen in den Mund zu legen. Seine Figuren reden kaum und handeln nicht – sie reflektieren immer bloß, sogar wenn sie tanzen, träumen oder Sex haben. Wie schon im Plattenspieler macht der Autor damit den Eindruck von einem, der ganz viel gesammelt hat und es jetzt endlich einmal loswerden will.
Die Detailfülle und Faktenkenntnis Meineckes ist beeindruckend, seine Gedanken sind teilweise originell, dürften aber nur für beinharte Discofans zu einem echten Quell der Freude werden. Und sie werden in einen Text gegossen, der durchaus gekonnt ausgearbeitet und verschachtelt ist.
Ohne Frage ist die Form das Beste an Musik: Meinecke arbeitet wie ein Hit-Produzent oder ein DJ, spinnt Zitate ein, poliert die entscheidenden Stellen, sorgt für einen schicken Sound und baut ein paar Anspielungen für Insider ein. Aber gerade diese Herangehensweise steht einem echten Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen erst recht im Weg.
Die bessere Form wäre hier eine kulturwissenschaftliche Betrachtung, ein Essay zu Pop aus Gender-Perspektive oder meinetwegen ein Sachbuch zum Thema „Tanzmusik und was sie aus uns gemacht hat“ gewesen. Als Roman versagt Musik komplett. Denn, anders als im Pop, gilt hier: Eine tolle Oberfläche allein macht noch keine Literatur.
Kein Grund zum Klagen
“Der Fußballplatz ist kein rechtsfreier Raum”, sagt Michael Becker. Da hat er Recht. Seine Idee, als Berater des verletzten Michael Ballack nun Kevin-Prince Boateng wegen eines Fouls möglicherweise vor Gericht zerren zu wollen, ist trotzdem reichlich irre. Ich meine: Wenn man damit anfängt, kann man Fußball gleich vergessen.
Den kompletten Kommentar gibt es bei news.de.
Hingehört: Annie – “Don’t Stop”
| Künstler | Annie |
| Album | Don’t Stop |
| Label | Totally |
| Erscheinungsjahr | 2009 |
| Bewertung | *** |
In Zeiten, in denen das schwedische Produzententeam Xenomania etwa ein Drittel der Charts weltweit beherrscht, ist es schwierig, als weiblicher Popstar so etwas wie Individualität zu entwicklen. Ein Image, einen Wiedererkennungswert, irgendetwas, was darüber hinaus geht, nur die austauschbare Schönheit am Mikro und im Videoclip zu sein.
Das hat auch Annie schon bemerken müssen. Das durchaus bemerkenswerte Debütalbum der Norwegerinnen brachte ihr ein paar halbe Hits, machte aber letztlich nicht genug Eindruck. Die Plattenfirma ließ sie fallen. Und deshalb dauerte es fast ein Jahr, bis der seit Ende 2008 mehr oder weniger fertige Nachfolger Don’t Stop endlich in die Läden kam. Und, so viel sei vorweg genommen: Auch er wird die Welt nicht erschüttern.
Annie hat zwar wieder genau die richtigen Helfer zu Hand, um das alles enorm modern und extrem schick klingen zu lassen. Von den zwölf Songs auf Don’t Stop sind fünf aus dem Hause Xenomania, drei hat Paul Epsworth (unter anderem Bloc Party) produziert. Sie setzt auch wieder auf das Image, das schon bei Anniemal gut funktioniert hatte: Eine Stimme, die eigentlich nicht singt, sondern stets nur haucht (und dabei extrem sexy ist). Ein Look, der sie als Vamp mit Hirn stilisiert – die unwiderstehliche Mischung aus Blondinen-Klischee und grandiosen Ergebnissen in der Pisa-Studie. Und Texte, in denen sich Annie in der Regel als selbstbewusste, überlegene Frau zeigt.
Wer bei diesem Gesamtpaket an Robyn denkt, liegt gar nicht falsch. Doch wo Robyn es zuletzt auch auf Albumlänge geschafft hat, ein Werk aus einem Guss hinzulegen, bleibt hier vieles Stückwerk. Dem Titelsong geht ausgerechnet im Refrain die Luft aus. Das an Calvin Harris erinnernde I Don’t Like Your Band ist nicht halb so clever wie es gern sein möchte. Marie Cherie würde zwar, wie der NME richtig bemerkt hat, wunderbar auf einen Sofia-Coppola-Soundtrack passen, hat neben einer tollen Atmosphäre aber nicht viel zu bieten. Der Gag von The Breakfast Song hat sich schon abgenutzt, bevor die 190 Sekunden des Lieds rum sind.
Trotzdem gibt es hier natürlich genug, um weiter an Annie glauben zu können (oder gar von ihr zu träumen) – und um zu verstehen, wie sie seit ihrem Durchbruch vor fünf Jahren zur Vorreiterin einer ganzen Riege neuer Popstars von La Roux bis Little Boots werden konnte. Vor allem der Auftakt gibt Anlass zu kühnsten Hoffnungen. Der Opener Hey Annie mit luftigen Drums, bezaubernden Chören und einem Glockenspiel ist ein Volltreffer und erinnert an die letzten Glanztaten von Bloc Party. My Love Is Better ist ein Electro-Feger mit forderndem Bass und genau der richtigen Mischung aus Koketterie und Arroganz. Und auf Bad Times flüstert Annie noch ein bisschen höher als sonst, die Gitarre legt eine Fährte zu New Order.
Doch was fehlt, ist eine vernünftige Dramaturgie des Albums, eine Stimmung, ein roter Faden. Man wird den Verdacht nicht los, dass man hier mit einem anderen Tracklisting (oder der “Shuffle”-Taste) viel bessere Ergebnisse hätte erzielen können. Wie man hört, wurde die Reihenfolge der Lieder in der langen Warteschleife bis zur Veröffentlichung gleich mehrfach geändert. War wohl keine so gute Idee.
Mit Videos zum neuen Album hat es Annie erstaunlicherweise nicht so. Immerhin gibt es eine ziemlich beeindruckende Live-Version von Songs Remind Me Of You:























