Draufgeschaut: Dogma

Die Engel Loki (Matt Damon, links) und Bartleby (Ben Affleck) suchen einen Weg zurück in den Himmel.
| Film | Dogma |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1999 |
| Spielzeit | 120 Minuten |
| Regie | Kevin Smith |
| Hauptdarsteller | Alan Rickman, Linda Fiorentino, Matt Damon, Ben Affleck, Salma Hayek, Chris Rock, Jason Lee, Jason Mewes, Kevin Smith, Alanis Morissette |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Loki und Bartleby sind Engel. Doch sie haben ein Problem: Sie dürfen nicht zurück in den Himmel, weil sie sich vor Ewigkeiten mit Gott verkracht haben. Bis sie eine Idee haben, die ihnen die Rückkehr nach Hause ermöglichen würde: Wenn sie eine Kirche betreten, deren Besuch einen kompletten Sündenablass verspricht, und danach sterben, müssten sie wieder in den Himmel kommen. Es gibt nur ein Problem: Damit hätten sie Gott überlistet – und dessen Unfehlbarkeit widerlegt. Und weil auf diesem Prinzip die ganze Welt aufgebaut ist, würde alle Existenz vernichtet, wenn Loki und Bartleby erfolgreich sind. Deshalb setzen die Mächte des Himmels alles in Bewegung, um die beiden Engel aufzuhalten.
Das sagt shitesite:
Ein riesiger, frecher, origineller und intelligenter Spaß. Regisseur Kevin Smith, der als Silent Bob auch selbst in Dogma mitspielt, führt nicht nur gekonnt Elemente von Fantasy, Thriller und Mystery zusammen, die er zugleich auch noch alle parodiert. Er schafft es auch, viele tolle Zitate (von Figuren aus seinen eigenen Filmen bis hin zu Hulk und Indiano Jones) einzubauen, die Schmankerl für alle Filmfans sind. Es gelingt ihm auch, dämlichen Pennäler-Humor, für den vor allem der debile Kiffer Jay steht. mit durchaus ambitionierter Philosophie zu verbinden. Natürlich ist Dogma letztlich eher Unterhaltung als Aufklärung. Trotzdem werden hier respektlose, wichtige Fragen über Glaube, Gott, Religion, und was die Menschen daraus gemacht haben, gestellt.
Der Trailer zum Film:
Die totale Schlamperei
Stand die Loveparade unter dem Motto "Scheitern verboten", fragte Maybrit Illner.
Tanz in den Tod hieß diesmal das Thema bei Maybrit Illner. Das mag man makaber finden, trotzdem konnte die Sendung überzeugen. Denn auf den Untertitel Warum wurde die Loveparade zur Katastrophe? gab es diesmal tatsächlich eine Antwort. Und die lautet: Bei der Loveparade in Duisburg wurde geschlampt, geschachert und gemauschelt.
Das ahnte man zwar bereits vorher, dennoch war die Talkrunde angenehm ruhig und interessant. Besonders stark: Paul van Dyk, der mit Furor und guten Argumenten unter Beweis stellte, dass Raver auch Herz und vor allem Hirn haben können. Besonders schwach: Fritz Pleitgen, dem man die persönliche Betroffenheit zwar ansah, der aber trotzdem lieber das Urvertrauen in die Politik retten wollte statt die Ursachen der Katastrophe von Duisburg schnell aufklären.
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Draufgeschaut: A Hard Day’s Night
| Film | A Hard Day’s Night |
| Produktionsland | England |
| Jahr | 1964 |
| Spielzeit | 87 Minuten |
| Regie | Richard Lester |
| Hauptdarsteller | Wilfrid Brambell, Norman Rossington, John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, The Beatles |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Die Beatles müssen es zur Aufzeichnung einer Fernsehshow in London schaffen. Doch das klingt einfacher als gedacht. Denn erstens müssen die Fab Four ständig vor den ihnen überall auflauernden Fans flüchten, was immer wieder den Zeitplan durcheinander bringt. Und zweitens haben sie Pauls Opa dabei. Und der beschert John, Paul, George und Ringo aus lauter Langeweile jede Menge Ärger.
Das sagt shitesite:
Die Filme der Beatles werden oft als harmlose, gar überflüssige Begleiterscheinungen zu ihrer Musik betrachtet. Doch A Hard Days Night beweist, dass man auch auf der Kinoleinwand eine Menge lohnende Einblicke in das Leben, Denken und Wirken von John, Paul, George und Ringo bekommen konnte. Der Film thematisiert nicht nur einige der Konflikte, denen die Beatles zu Beginn ihrer Karriere ausgesetzt waren (der Kampf mit der Kriegsgeneration, der unfassbare enge Terminplan, die Missgunst des Establishments). A Hard Days Night beeindruckt auch, weil einiges hier gar nicht gestellt werden musste: der Fanrummel, die idiotischen Fragen auf Pressekonferenzen, die unzähligen Schmarotzer, die der Erfolg der Beatles mit sich brachte. Zudem gibt es einige unbezahlbare Szenen, etwa Ringo beim Tanzen oder John in der Badewanne. Hier stecken auch schon erste Andeutungen auf den Willen der Band, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Wenn sie etwa über die Feuertreppe aus dem Fernsehstudio in die Freiheit fliehen, dann nimmt das schon die Thematik von Help! vorweg. Vor allem aber ist der Streifen Beleg dafür, dass die Beatles auch in ihren Filmen (wie in ihrer Musik) von einer unbändigen Lust aufs Ausprobieren getrieben wurden. Nicht nur die Szene auf dem Sportplatz, in der sie Monty Pythons Ministerium der albernen Gänge vorweg nehmen, beweist: A Hard Days Night ist herrlicher Dadaismus. Und sagenhaft kreativ – wenn man betrachtet, dass ein vergleichbares Budget heutzutage für einen beliebigen 08/15-Videoclip draufgeht.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Customs – “Enter The Characters”
| Künstler | Customs |
| Album | Enter The Characters |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
So etwas nennt man wohl einen Senkrechtstarter. Vor gerade einmal einem Jahr haben Customs ihr erstes Konzert gespielt. Ihr Debütalbum Enter The Characters wird in ihrer belgischen Heimat demnächst Goldstatus erreichen. Und ein knappes Jahr, nachdem sie sich an einem Radio-Wettbewerb beteiligt hatten, der zum Startschuss ihrer Blitzkarriere werden sollte, ließen sie eben jene Platte von Geoff Pesche (Coldplay, Arctic Monkeys) in den Abbey-Road-Studios mastern. Weil sie bis dahin fast alles an der CD selbst gemacht hatten, war noch genug Geld übrig, um sich das leisten zu können. “Das ist ein perfektes Beispiel dafür, dass man immer denkt, manche Dinge wären unmöglich. Aber wenn man es versucht, entpuppen sie sich als kinderleicht”, sagt Sänger Kristof Uittebroek.
Auch wenn Customs keine Jungspunde mehr sind und die Musikerkarriere nach vergeblichen Anläufen in anderen Bands fast schon aufgegeben hatten, ist es die mittlerweile klassische Geschichte von Aufmerksamkeit im Internet, dem Durchbruch-Song und dem Siegeszug danach. Die steile Karriere ist durchaus nachzuvollziehen, wenn man das morgen erscheinende Enter The Characters hört. Denn Customs bieten ein sehr aktuelles, tanzbares und kompetentes Rockalbum ab, das keinen Deut schlechter ist als die offensichtlichen Vorbilder Interpol oder Editors.
The Matador, das nach einem ebenso seltsamen wie überflüssigen Intro den Auftakt macht, ist zugleich energisch und elegisch. Rhythmus und Virtuosität lassen an die kraftvolleren Momente von Bloc Party denken, doch der Sound schillert hier nicht, sondern ist in Nebel getaucht. Auch bei Justine, das mit seinem Hitpotenzial an die White Lies erinnert, funktioniert dieses Konzept wunderbar. Tonight We All Stand Out ist mit verspielter Gitarre und luftigem Refrain eine sehr gelungene The Cure-Referenz.
Kein Wunder, dass die Belgier stolz auf diese Band sind. Man kennt diesen Effekt auch aus Deutschland. Wenn da plötzlich jemand, wie es dann gerne heißt, “auf internationalem Niveau” musiziert, dann kann man kurz mal seinen popkulturellen Minderwertigkeitskomplex vergessen und eine Band mit einem satten Patriotismus-Bonus ausstatten. Es gibt dabei aber ein Problem, das auch auf Customs zutrifft: Im Nacheifern der Vorbilder und im Nachformen der angesagten Klangbilder geht mitunter die Eigenständigkeit verloren.
Enter The Characters hat noch ein Problem. Schon bei Rex, dem gerade erst fünften Song, wünscht man sich ein wenig Abwechslung vom ewig gleichen Beat aus der Düsterdisco. An dieser Stelle eine Ballade (die dann aber erst vier Stücke später mit dem sehr gelungenen There’s Always Room For One More Poledance kommt), und die Dynamik des Albums hätte deutlich gewonnen.
Stattdessen liefern Customs ein sehr solides, stimmiges New-Wave-Album ab. In der zweiten Hälfte drängen sich die älteren Vorbilder (immer wieder Joy Division, Echo & The Bunnymen) ein bisschen mehr in den Vordergrund. Das etwas zurückgenommene Violence und das kompakte We Are Ghosts ragen heraus. Doch auch hier klingt vieles weiter wie am Reißbrett entworfen, was Uittebroek gar nicht abstreitet. Die Songs von Customs haben “etwas sehr Mathematisches, sehr Geometrisches”, sagt er. Für das nächste Album wünscht man sich trotzdem, dass Customs ein bisschen öfter von der etablierten Erfolgsformel abweichen. In einem Punkt kann man sich recht sicher sein: Bis zur nächsten Entwicklungsstufe wird es beim Tempo dieser Band nicht lange dauern.
Im Clip zu Justine streben Customs nach dem Himmel über Berlin:
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Hingehört: The Duke Spirit – “Neptune”
| Künstler | The Duke Spirit |
| Album | Neptune |
| Label | You Are Here |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | ***1/2 |
Die vielleicht berühmteste Neptun-Statue der Welt steht in Rom. Und zwar, wie es sich für den Gott des Meeres gehört, mitten im Wasser. Er thront im Zentrum des Trevi-Brunnens. Sein Blick geht zur Seite, zur Weite des Horizonts, die ihn wohl stets umgibt. Und seine Hüfte umschlingt ein Tuch, das genauso gut das Segel eines Schiffs sein könnte, das er gerade eben hinabgeholt hat in sein Reich. Doch er ist kein Rachegott. Sein Gesicht ist nicht wild verzerrt von Sturm und Gischt, sondern besonnen, majestätisch, fast ein wenig melancholisch.
Kein Wunder: Papst Benedikt XIV. persönlich hatte sich über den ursprünglichen Neptun/Poseidon/Ozeanus beschwert, denn die Figur war für seinen Geschmack zu brutal geworden. Es wurde noch einmal nachgebessert – so entstand vor rund 250 Jahren der Trevi-Neptun, wie wir ihn heute kennen.
The Duke Spirit wären mit dem Papst wohl mächtig aneinander geraten. Denn hört man Neptune, das zweite Album der Band aus London, dann ist ihre Vorstellung vom Meeresgott an Wucht, Bosheit und Urgewalt kaum zu überbieten.
Warum sie ausgerechnet eine Platte, die sie (mit Queens Of The Stone Age-Produzent Chriss Goss) in der Wüste von Kalifornien aufgenommen haben, mit einem maritimen Leitmotiv versehen, bleibt zwar das Geheimnis des Quartetts. Sicher aber ist: The Duke Spirit kehren mit einer sagenhaft selbstbewussten, reifen Platte zurück. Nach dem bereits äußerst gelungenen Debüt Cuts Across The Land (das viel Lob einbrachte, aber nicht sonderlich oft verkauft wurde, vielleicht wähnt sich die Band auch deshalb nun versunken in die Tiefen des Ozeans) zeigen sie alte Stärken und neue Facetten.
I Do Believe ist zum Auftakt eine schräge Hymne, nur Gesang, eine einzige Zeile immer wieder wiederholt: “I do believe in something you know.” Man kann das durchaus für den Gesang einer Meerjungfrau halten, die den Hörer mitnimmt in ihr Reich unter Wasser. Das ist keineswegs überinterpretiert, den Meeres-Motive durchziehen das gesamte Album. “You always stir up the sea”, heißt es in You Really Wake Up The Love In Me, im Rausschmeißer Sovereign wird ein Bad genommen, im Grünen, im Freien – und das Ganze klingt dank Schunkel-Rhythmus und einer nicht so recht zu fassenden Sehnsucht nicht nur ein bisschen wie ein Seemannslied.
Dazu kommen die wilde Single Send A Littel Love Token, die am ehesten an die alten Duke Spirit denken lässt, das grandios stürmische Into The Fold und The Step And The Walk, das wie eine subtile Version der White Stripes klingt. Immer steht die Stimme von Liela Moss im Vordergrund. Hatte sie sich auf Cuts Across The Land noch gelegentlich den brachialen Riffs beugen oder gegen den rhythmischen Druck ankämpfen müssen, so darf sie hier voll und ganz regieren, verführen, drohen – und immer wieder mit sich selbst harmonieren wie im tosenden Lassoo.
Das tut Neptune ebenso gut wie die größere Vielfalt an Sounds und Instrumenten. Trompeten sind ebenso zu hören wie ein Klavier, ein Glockenspiel und Streicher. Wooden Heart ist beinahe eine Ballade, wird im Refrain aber verdammt wütend ob der Unmöglichkeit, dem Gegenüber wirklich nahe sein zu können. Unter dem Gitarrenschlick von You Really Wake Up The Love In Me steckt eine erstaunliche rhythmische Verspieltheit.
Und dann sind da ja noch die ganz und gar maritimen Songs. This Ship Was Build To Last ist ein sich ganz langsam aufbauender, unvergesslicher Höhepunkt. Die Gitarren bilden einen Strudel, der Bass entfacht einen Monstersturm, und das Schlagzeug klingt wie die torkelnde Mannschaft an Deck, die sich mit allen Kräften gegen diese immer ungezügelter werdende Urgewalt stemmt. My Sunken Treasure, das beste Stück der Platte, klingt wie ein aus den Tiefen des Meeres geborgener Motown-Klassiker. Schließlich Neptune’s Call, mit irrem Drive, entfesselten Gitarren und einer Unbedingtheit in der Stimme, die sonst niemand derzeit hinbekommt. “Neptune is my king again”, erkennt Liela Moss darin an. Aber sie darf sicher sein: Sie hat ihm einen höllischen Kampf geliefert.
Im Clip zu The Step And The Walk sieht es nicht wie unter Wasser aus. Eher nach zu viel Hitze:
Draufgeschaut: Liebe auf Französisch
| Film | Liebe auf Französisch |
| Originaltitel | 7 ans de marriage |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 97 Minuten |
| Regie | Didier Bourdon |
| Hauptdarsteller | Didier Bourdon, Catherine Frot, Jacques Weber, Yan Duffas, Claire Nadeau |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Die biedere Bankangestellte Audrey kann es nicht fassen: Die ganze Welt scheint nur noch an Sex interessiert zu sein. Längst ist sie genervt von lüsternen Kunden, aufreizender Werbung und ihrem promiskuitiven, schwulen Bruder. Bis ihr Ehemann Alain, der sich längst lieber an Pornos und die Nachbarin hält, plötzlich wieder das Interesse an seiner Frau entdeckt.
Das sagt shitesite:
Mit etwas Wohlwollen kann man Liebe auf Französisch als die Fortsetzung von Der bewegte Mann verstehen, nur sind die Protagonisten eben 20 Jahre älter und leben im Nachbarland. Vergleichsweise charmant und züchtig wird hier die Übersexualisierung der Moderne aufs Korn genommen. Das hat ein paar sehr schöne Momente, etwa wenn der sich überall extrem viril gebende Sexologe Claude an der Schlafzimmertür seiner Frau winseln muss, die ihn aber nicht einlässt. Oder wenn der schwule Arnaud seiner kleinen Nichte immer wieder diverse erotische Fachbegriffe erklären muss. Was Liebe auf Französisch an Feingefühl bietet, büßt der Film aber an Biss ein. Man hätte sich gewünscht, dass ein bisschen öfter auf Klischees verzichtet und dafür auf echte Entlarvung (oder wenigstens ein paar richtig befreiende Lacher) gesetzt wird.
Eine Szene aus dem Film:
Durchgelesen: Uwe Tellkamp – “Der Turm”
| Autor | Uwe Tellkamp |
| Titel | Der Turm |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 2008 |
| Bewertung | **** |
Mein Interesse an diesem Buch begann Spätsommer 2008. Der Suhrkamp-Verlag stellte sein Herbstprogramm vor und pries darin das Werk von Uwe Tellkamp als “den großen Wenderoman der jüngeren Generation” an, der Zeitgeschichte mit virtuoser Literatur verbindet, quasi eine Art moderner Zauberberg. Dem musste ich natürlich unbedingt nachgehen, und der Verlag schickte mir freundlicherweise auch prompt ein Rezensionsexemplar.
Gelesen habe ich den Turm allerdings erst anderthalb Jahre später im Urlaub auf Teneriffa, auf der Flucht vor einem sibirischen Winter hierzulande. Nun hat es fast noch einmal ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich hinsetze und meine Eindrücke aufschreibe, an einem leidlich sonnigen Sommerabend.
Ich habe den Turm also gleich mehrfach vor mir hergeschoben, und das scheint mir bei eingehender Betrachtung gar kein so überraschendes Phänomen zu sein. Neben der allgemeinen Zeitknappheit und der Skepsis gegenüber dem Ausmaß der Lobhudelei, der Uwe Tellkamp unter anderem den Deutschen Buchpreis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und bisher knapp eine halbe Million verkaufter Exemplare einbrachte, kam sicherlich auch die Überdosis DDR dazu. Der sah sich im Jubiläumsjahr 2009 hierzulande quasi jeder vom Zeit-Abonnent bis zum Oliver-Geissen-Fan zwangsläufig ausgesetzt – und das machte auch mir nicht eben Lust auf eine halbautobiographische Dresdner Familiengeschichte aus den letzten Jahren des Kalten Kriegs.
Aber, ehrlich gesagt, gab es noch etwas anderes, was zwischen mir und dem Turm stand: Misstrauen. War Der Turm wirklich ein Buch, in das es sich lohnte, ein paar Tage seines Lebens zu investieren? Darunter geht es wirklich nicht bei 973 Seiten, hunderten Figuren, einer hochkomplexen Collage-Form und einem Einstieg, der so sperrig ist, dass es durchaus mehrere Anläufe brauchen kann, bis man sich wirklich Zugang zum Turm verschaffen kann. Gab es tatsächlich noch so etwas wie moderne Meisterwerke in der deutschen Literatur?
Die Antwort lautet: ja. Meisterhaft wird im Turm das Siechtum der DDR dargestellt – ohne Verklärung, ohne Identifikation, gar ohne Anklage. Gerade durch die drei Protagonisten, die in jeweils eigenen (und für den real existierenden Sozialismus durchaus prototypischen) Mikrokosmen leben, kann Tellkamp die Komplexität der Zwänge, die Widrigkeiten des Alltags und die Perfidie der Überwachung auf selten authentische Weise deutlich machen. Da ist der Abiturient Christian, sein Vater Richard, ein Oberarzt mit außerehelichem Doppelleben, und sein Onkel Meno, Lektor, Biologe und Hohepriester des Geistes.
Wie der Versuch der verschiedenen Familienmitglieder, sich in Kunst und Bildung zu fliehen, zwangsläufig ebenfalls immer ins System integriert werden muss, von ihm beschränkt wird und es zugleich aufbricht, das wird von Uwe Tellkamp virtuos, aber doch niemals selbstverliebt erzählt, mit vielen Verweisen und Anspielungen von Hermann Hesse über Alfred Döblin bis hin zu Goethe, Wissensdurst und der Hunger nach Freiheit (in diesem Fall nicht so sehr des Geistes, sondern eher Rede- und Reisefreiheit) haben hier fast erotische, triebhafte Kraft.
Es ist eine Rebellion des Geistes, die jedoch zwangsläufig keine empirische Basis haben kann, sondern sich in Vergangenheit (“die süße Krankheit gestern”) und Zukunft, Theorie und Philosophie fliehen muss.
Tellkamps Roman wurde oft wegen dieses Hohelieds auf den Intellekt gefeiert. Doch der Autor macht auch deutlich, dass sich seine Figuren ihre Höhenflüge nur erlauben können, weil das verhasste System für sie sorgt – und weil sie sich selbst immer wieder mit ihm arrangieren. Sie verachten die verlogenen Parteibonzen ebensosehr wie das glorifzierte Proletariat, doch Erstere erlauben ihnen überhaupt erst so etwas wie einen Rest von gesellschaftlichen Umgang im Sinne der Zeit vor dem Dritten Reich (die hier in ganz vielen Aspekten die Maßstäbe setzt), letztere sind bei profanen Dingen wie Weihnachtsbäumen oder Autoreparaturen ebenso unerlässlich.
Insofern ist es so etwas wie eine intellektuelle Bourgeoisie des Sozialismus, die da im Turmstraßenviertel lebt, quasi in einem Elfenbein-Turm des Wissens. Und Tellkamp nimmt diese Clique durchaus kritisch in den Blick, vor allem durch die immer wieder eingestreuten traumhaft-surrealistischen Kapitel, die manchmal jedem politischen, zeitlichen und gar geographischen Zusammenhang entrissen scheinen – und somit auch den Vorwurf in sich tragen, ein System zu tolerieren und mitzutragen, gegen das eigentlich die Tat gefordert wäre.
Auch die vielfachen Auslassungen deuten in diese Richtung. Wenn es wirklich brenzlig wird, wie bei Richards Affäre mit der Freundin seines Sohnes oder dem offensichtlichen Versuch der Stasi, den Oberarzt zu rekrutieren, dann blendet die Erzählung aus. Dieses Wegschauen, Weghören, Wegducken des Erzählers ist auch den Protagonisten im Turm immer wieder zu eigen.
Zum Schluss schließen sie sich alle dennoch mehr oder weniger offen der gerade beginnenden Friedlichen Revolution an – wohl wissend, dass sie ihnen vielleicht die Freiheit bringen, aber auch ihr Milieu zerstören wird. Insofern hat die Zeit völlig recht, wenn sie in Der Turm einen “großangelegten Selbstvergewisserungsversuch” sieht. Denn nicht zuletzt Tellkamp selbst sieht in seinem Schreiben den “Versuch, Heimat zurückzugewinnen”. Mit Der Turm ist ihm das gelungen, was seinen Figuren vergeblich vorschwebte: eine Zuflucht in der Literatur, ein zeitloses Monument.
Der kritische Blick: Das Abducken nach der Loveparade
Bei der Loveparade ein Kind, Geschwister oder Freunde verloren zu haben, ist sicher schlimm genug. Noch schlimmer ist es, wenn man zuschauen muss, wie sich die Verantwortlichen nun abducken. Und dazu auch noch eigens eine Pressekonferenz einberufen – um dann nichts zu sagen.
Ich meine: Was die Macher sich da erlauben, ist erbärmlich und feige. Zumal sie nicht aus Betroffenheit schweigen – sondern weil sie alle befürchten, juristisch belangt werden zu können, und erst einmal lieber den eigenen Arsch retten wollen, statt etwas zur Aufklärung über das Leid der Opfer beizutragen.
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Das Vakuum nach der Loveparade
Mindestens 15 Menschen starben bei einer Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg. Es ist eine Nachricht, die schockiert. Aber für Journalisten sind solche Tragödien ein echter Stresstest. Im besten Fall glänzen sie mit aktueller, erhellender Berichterstattung. Nach der Tragödie bei der Loveparade gab es davon allerdings wenig. Mein Protokoll zeigt die Geschichte einer traurigen Nachricht und macht deutlich: Dem Wissensdurst der Zuschauer stand auch Stunden nach der Tragödie ein Wissensvakuum der Journalisten gegenüber.
N24 blamierte sich, der WDR gab sich Mühe und Bild strapazierte sehr schnell die Grenzen des guten Geschmacks. Besonders erstaunlich: Wer sich über das Geschehen nur bei Twitter informierte, wusste zumindest nicht weniger als die TV-Zuschauer.
Hingehört: Sheryl Crow – “100 Miles From Memphis”
| Künstler | Sheryl Crow |
| Album | 100 Miles From Memphis |
| Label | A & M |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ***1/2 |
Man soll ein Buch (und wohl auch ein Album) ja nicht nach seinem Cover bewerten. Im Fall von Sheryl Crows neuer CD 100 Miles From Memphis macht das aber durchaus Sinn. Denn die Hülle der neuen Platte ist der beste Beweis für die Widersprüchlichkeit, die Sheryl Crow auf ihren letzten Werken stets an den Tag gelegt hat: Das Design erinnert an legendäre Stax-Alben und schreit ganz laut: Klassiker! Doch das Schwarz-Weiß-Foto zeigt eine Sheryl Crow, die zwar stramm auf die 50 zugeht, Mutter von zwei kleinen Adoptivsöhnen ist und vor einigen Jahren eine Brustkrebsbehandlung überstanden hat, aber hier locker als Endzwanzigerin durchgehen könnte. Auch ihre Pose präsentiert stolz: Jugend!
Es ist ein Spagat, der die Karriere von Sheryl Crow spätestens seit dem Album C’mon C’mon (2002) begleitet: Sie will als Künstlerin ernst genommen werden, sie will sich mit den Größten messen. Aber sie will auch nach wie vor sexy sein. Und erfolgreich.
Das Problem dabei ist wohl schlicht, dass es für diese Rolle keine Vorbilder gibt. Es gibt genug Männer, die im Rock in Würde gealtert sind, und Sheryl Crow fühlt sich vielen von ihnen sehr verbunden. Sie hat im Hintergrund auf einer Johnny-Cash-Platte gesungen, sie hat den Segen von Bob Dylan bekommen, man sagt ihr eine Affäre mit Eric Clapton nach und sie hat ein Duett mit Sting aufgenommen.
An ihrem Renommee gibt es keine Zweifel. Aber eine erwachsene, sogar reife Frau in Rockerpose? Dafür fehlen schlicht die Fixpunkte, an denen man sich orientieren könnte und die diese Option kulturell etabliert hätten. Tina Turner? Die ist eher Performer denn Autor. Joni Mitchell? Die rockt nicht. Und Chrissie Hynde? Der fehlt als Solokünstlerin schlicht der Mainstreamerfolg, um breitenwirksam genug zu sein.
Auch Sheryl Crow hat diesen Spagat zuletzt nicht immer ganz stilsicher geschafft. Die gute Nachricht am heute erscheinenden 100 Miles From Memphis ist aber: Diesmal klappt er voll und ganz. Sheryl Crow scheint nun auf dem besten Weg zu sein, der erste weibliche Rockstar zu werden, der auch im Rentenalter relevant und unpeinlich bleibt. Und sie kommt nach Hause.
Denn 100 Miles From Memphis ist Sheryl Crow aufgewachsen – und sie erfüllt sich nun einen lange gehegten Traum, in dem sie den Sound der Elvis-Stadt auf Platte bannt. Memphis „hat nicht nur meinen Musikgeschmack geprägt, sondern auch mein gesamtes Weltbild. Die Musik von dort ist ein Teil von mir, und sie ist noch immer noch die wichtigste Inspirationsquelle und der zentrale Antrieb für alles, was ich mache“, sagt sie dazu.
Diese Herangehensweise führt nicht nur dazu, dass sich solides, aber auch einigermaßen beliebiges Handwerk, wie es sich zuletzt bei Sheryl Crow immer wieder eingeschlichen hatte, diesmal kaum stattfindet (das etwas überdrehte Peaceful Feeling ist der einzig schwache Moment). Das neue Motto führt auch dazu, dass 100 Miles From Memphis eine sehr stimmige Atmosphäre mit vielen Bläsern, großer Heiterkeit und erstaunlicher Spontaneität bekommt.
In den Texten wird nicht mehr geklagt und gegrübelt wie zuletzt auf Detours, sondern es geht vergleichsweise schlicht und offen zu. Bestes Beispiel ist die Single Summer Day. „Etwas ganz Einfaches und Positives“ wollte Sheryl Crow damit hinbekommen, und in der Tat klingt das Stück wie der erste heitere Morgen nach Wochen voller drückender Schwüle und einem Gewitter in der Nacht.
Der Bonus-Track ist gar in ein paar Minuten entstanden: Eine Coverversion des Jackson-5-Hits I Want You Back steht am Ende von 100 Miles From Memphis – eine Verbeugung Sheryl Crows vor Michael Jackson, für den sie Ende der 1980er Jahre im Background gesungen hatte.
Auch andere männliche Größen sind auf dem Album präsent: Keith Richards lebt im entspannten Eye To Eye seine Vorliebe für Reggae aus. Justin Timberlake (übrigens gebürtig aus Memphis) singt im Hintergrund von Sign Your Name, der zweiten Coverversion. Dem Song von Terence Trent D’Arby wird hier nicht nur jeglicher Machismo, sondern auch seine klinische Eighties-Erotik ausgetrieben. Bei Sheryl Crow ist Sign Your Name keine Balz, sondern ein Flirt; hier wird nicht verführt, sondern verzaubert.
Say What You Want und der Titelsong haben eine charmante Leichtigkeit und viel Motown-Feeling, Roses And Moonlight entwickelt mit dezentem Druck und fast versteckten Wah-Wah-Gitarren ein erstaunliches Sex-Appeal, Sideways ist ein opulentes, aber sehr zärtliches Duett mit Citizen Cope.
Auch Our Love Is Fading ganz zum Beginn des Albums zeigt, warum die neue Sheryl Crow so gut klingt: Das Stück ist heiter und energisch, aber in keinem einzigen Moment anbiedernd. Nach dieser Platte darf Sheryl Crow ebenso entspannt sein wie ihre Fans: Das Alterswerk kann kommen.
Sheryl Crow spricht bei GMTV über 100 Miles From Memphis und spielt danach Summer Day:
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