Draufgeschaut: Wild At Heart

August 20, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) können nicht voneinander lassen.

Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) können nicht voneinander lassen.

Film Wild At Heart
Produktionsland USA
Jahr 1990
Spielzeit 120 Minuten
Regie David Lynch
Hauptdarsteller Nicolas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, J. E. Freeman, Crispin Glover, Calvin Lockhart, Diane Ladd
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Sailor und Lula sind Hals über Kopf verliebt. Doch Lulas Mutter will die beiden auseinander bringen – und hat beinahe Erfolg, als Sailor wegen Totschlags ins Gefängnis muss. Doch Lula wartet auf ihn. Als Sailor aus dem Gefängnis kommt, brennen die beiden zusammen durch. Doch die Geister der Vergangenheit lassen sie nicht in Ruhe.

Das sagt shitesite:

Alles an Wild At Heart ist überzeichnet, oftmals bis an die Grenze zu Kitsch und Trash, gelegentlich auch über diese Grenze hinaus. Sailor als die personifizierte Männlichkeit, Lula als aufgekratztes Naivchen, ihr Mutter (grandios: Diane Ladd) als exaltiertes Neurosenbündel – sie alle müssen alles übertreiben, um überhaupt etwas zu fühlen. David Lynch findet dafür die filmische Entsprechung in Effekten (Klang, Musik, Halluzinationen) und macht aus Wild At Heart eine Mischung aus Roadmovie, Liebesgeschichte, Krimi und einer gebrochenen Neuinterpretation des Zauberers von Oz. Sein Film wimmelt vor schrägen Typen, es gibt reichlich Sex und noch mehr Kippen. Doch letztlich wird weder die Form überzeugend noch die recht schlichte Botschaft von Wild At Heart: Alle sind kaputt, alles ist kaputt.

Bestes Zitat:

“Die Welt hat ein wildes Herz und ist total verrückt geworden.”

Der Trailer zum Film:

Interview mit Wir sind Helden

August 20, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 4 Comments 
Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Wir sind Helden dürften gerade ziemlich gespannt sein. Unter anderem wegen der Geburt mehrerer Babys waren sie drei Jahre lang von der Bildfläche verschwunden. Heute kommt nun die neue Single Alles raus, am Abend präsentieren sich die Helden auf der Bühne beim Highfield-Festival, und in einer Woche folgt dann das neue Album Bring mich nach Hause.

Vor der Show beim Highfield habe ich mich mit Jean Michel Tourette, dem musikalischen Mastermind der Helden, unterhalten. Ein sehr angenehmes Gespräch, in dem es um Erwartungshaltung, Duschgel und einen Stop-Knopf ging.

Das neue Album Bring mich nach Hause ist nach langer Pause fertig, aber bisher kennen die Fans die neuen Lieder noch nicht. Ist das die spannendste Phase im Leben einer Band?

Tourette: Gute Frage. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Phase nun die spannendste ist. Natürlich ist es auch sehr aufregend, wenn man ganz am Beginn dieses Zyklus’ steht und nur ein weißes Blatt Papier vor sich hat. Aber auch jetzt sind wir sehr gespannt, was passiert, wie die Leute das Album aufnehmen. Wir haben bisher ja nur Feedback von ein paar ausgewählten Journalisten bekommen.

Gibt es dabei große Überraschungen? Finden die Musikjournalisten Lieder ganz toll, die ihr nicht so gelungen findet? Oder verstehen sie die Texte ganz anders, als sie gemeint sind?

Tourette: Das kommt vor. Am meisten wundert mich dabei, zu welchen Ergebnissen die Journalisten kommen, wenn sie versuchen, das Album unter eine bestimmte Überschrift zu stellen. Man selber denkt während der Aufnahmen ja immer, die Platte sei hoch komplex und sehr vielschichtig. Und dann hören das ein paar Leute von der Presse und sind sich einig: Völlig klar, eine Folk-Platte. Diese Elemente gibt es natürlich auf Bring mich nach Hause, aber in meinen Augen ist das eben nur ein Aspekt. Solche Beurteilungen sind dann manchmal sehr überraschend, aber auch erhellend. Da sind tolle Komplimente dabei, aber auch Kritiken, die uns sehr hart treffen.

Wenn die Fans dann auch ihren Senf dazu geben dürfen: Achtet ihr auf dieses Feedback? Beispielsweise wenn ihr entscheidet, was die nächsten Singles sein werden?

Tourette: Das spielt eine Rolle. Ein Konzert ist schließlich das direkteste Feedback, das man bekommen kann. Natürlich haben wir Stücke, die wir selber am meisten mögen. Aber wenn wir zum Beispiel jetzt bei den Festivals die ersten neuen Stücke ausprobieren und dann ein Song sehr unmittelbar funktioniert, dann ist das schon ein Indiz.

Der Duschgel-Moment.

Der Duschgel-Moment.

Das Gespräch wird kurz unterbrochen: Helden-Bassist Mark Tavassol kommt vorbei und stellt eine Flasche Duschgel auf den Tisch. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: Auf Tour teilen sich die beiden das Gel. Wie solidarisch!

Das neue Album klingt, als ob ihr diesmal auf Erwartungshaltungen überhaupt keine Rücksicht mehr genommen habt und einfach das macht, was ihr wollt.

Tourette: Eigentlich haben wir schon immer das gemacht, was wir wollen. Aber es stimmt. Beispielsweise bei Soundso haben wir mit ein paar Texten und musikalischen Kapriolen unbewusst vielleicht versucht, ein paar Leute abzuschütteln. Wir haben ganz viel im Studio gefrickelt und uns sehr genau mit allen Details beschäftigt. Bei Bring mich nach Hause steht wieder mehr die Spielfreude im Mittelpunkt, neue Instrumente und ein musikalischer Forschergeist.

Das könnte auch als ein Versuch verstanden werden, endlich abzuschließen mit der Vereinnahmung von Wir sind Helden als Sprachrohr einer Generation.

Tourette: Auf jeden Fall. Wir wollen nicht mehr so sehr als Phänomen wahrgenommen werden. Wir sehen uns eigentlich als ganz normale Band – und haben uns immer als normale Band gesehen. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das funktionieren könnte. Platten machen, auf Tour gehen, interessant bleiben. Die ganze Sache mit dem Sprachrohr hing uns zum Hals raus. Alles, was um uns herum passiert ist, wer nach uns kommt und zu welcher Welle wir gerade gerechnet werden, war uns immer völlig egal.

Wenn es einen Stop-Knopf gäbe, den du an irgendeiner Stelle der Karriere von Wir sind Helden hättest drücken können und der eure Popularität genau auf diesem Level eingefroren hätte – in welchem Moment hättest du gedrückt?

Tourette: Das ist schwer. Am Anfang ging alles so schwer, dass ich zuerst jede neue Stufe cool fand. Wenn man bei einem großen Festival plötzlich als Headliner gebucht wird, dann denkt man: Wow! Aber wenn man dann plötzlich in eine Liga mit den Toten Hosen oder den Fantastischen Vier gehört, dann komme ich mir da ein bisschen vor wie ein Blender. Stop gedrückt hätte ich vielleicht deshalb wahrscheinlich nach der zweiten Tour zur Reklamation. Da haben wir in Hallen vor 2000 bis 3000 Leuten gespielt. Das ist die Ebene, die mir am besten gefällt.

Trotzdem erwarten viele Fans von Wir sind Helden noch die Antworten auf die wichtigen Fragen der Zeit. Habt ihr kurz überlegt, für das neue Album das große Lied zur Krise zu schreiben?

Tourette (lacht): Judith hat tatsächlich einige Texte angefangen, die in diese Richtung gingen. Aber wir haben das trotzdem nicht als Pflicht-Thema gesehen. Immerhin haben wir uns ja schon früher zu diesem Thema geäußert, mit Guten Tag, Müssen Nur Wollen oder Die Konkurrenz. Deshalb hat Judith dann auch gesagt: «Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt.» Die Themen, die zwingender waren, waren dann letztlich die persönlichen Themen. Das war für uns viel wichtiger, das musste raus. Wir hatten für das Album 15 Lieder aufgenommen und dann drei rausgekickt: Die Wespe, Lonely Planet Germany und Dumm Didi Dumm. Das waren tatsächlich die Lieder, die etwas Politisches hatten. Sicher werden die demnächst auf unseren B-Seiten landen.

Besonders gut gefällt mir auf dem neuen Album die Ballade von Wolfgang und Brigitte. Das sind Namen, die man nicht allzu oft in Popsongs hört. Woher kam die Idee für das Lied?

Tourette: Die Idee von Judith war, einen ernsten, aufrichtigen, romantischen Song über den Versuch von freier Liebe und großer Kommune zu schreiben, auch über ihre Kindheit. Judith ist ja in einer großen WG aufgewachsen, und das sind eben Namen aus der späten 68er-Generation. Sie besteht allerdings darauf, dass Wolfgang und Brigitte nicht ihre Eltern sind.

Wir sind Helden spielen Müssen nur wollen live beim Highfield 2010:

Dieses Interview gibt es auch bei news.de.

Hingehört: Klaxons – “Surfing The Void”

August 20, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Klaxons haben lange gebraucht. "Surfing The Void" klingt trotzdem frisch.

Klaxons haben lange gebraucht. "Surfing The Void" klingt trotzdem frisch.

Künstler Klaxons
Album Surfing The Void
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Verdammt, ist das lange her! Das Jahr war 2007. Die T-Shirts waren bunt. Die Drogen waren synthetisch. Die Tanzflächen flimmerten voller fluoreszierender Stäbchen. Und die Band, die all dies zu verantworten hatte, war Klaxons.

Das Quartett aus London kam aus dem Nichts und wurde quasi sofort zur Speerspitze von New Rave. So jung, so anders, so innovativ war damals niemand sonst. Es wurde auch niemand mit so viel Lob überschüttet wie Klaxons – und als Folge dieser Überdosis aus Party, Ruhm und Einfluss drohte die Band schließlich zu implodieren.

Dass es nun mit dem heute erscheinenden Surfing The Void überhaupt ein zweites Klaxons-Album gibt, ist annähernd ein Wunder. Denn in beachtlich vielen Versuchen sind Klaxons gescheitert beim Versuch, einen Nachfolger für ihr Debüt Myths Of The Near Future hinzukriegen.

Rückblende: Nach dem Mega-Erfolg von Myths Of The Near Future, das Platz 2 in England erreicht und mit dem renommierten Mercury-Award ausgezeichnet wird, können sich Klaxons zunächst lange Zeit gar nicht aufraffen, neues Material zu schreiben. Mit allen Versuchen sind sie selbst unzufrieden, erklären die Bandmitglieder, die außerdem viel zu beschäftigt sind, bei Festivals in aller Welt den eigenen Erfolg zu feiern.

Erst Anfang 2008 spielen sie live erstmals neue Stücke und gehen danach mit James Ford (Simian Mobile Disco, Arctic Monkeys) ins Studio, der bereits ihr Debüt produziert hatte. Doch aus einem Klaxons-Album im Jahr 2008 wird nichts – die von Schwierigkeiten geprägten Sessions dauern zu lange. Auch 2009 verstreicht: Die inzwischen vollendeten Stücke missfallen der Plattenfirma: Die Bosse schicken Klaxons zum Nachsitzen. Die Band wendet sich daraufhin an Produzent Ross Robinson, der eher für Hardrock bekannt ist als für elektronische Experimente. Erst mit ihm geht alles glatt.

Manch ein Fan wird sich während der langen Wartezeit heimlich gefragt haben, ob es nicht besser wäre, wenn es kein zweites, womöglich weniger spektakuläres Klaxons-Album mehr geben würde. Eine einzige Duftmarke setzen und dann verschwinden – das würde manchem schmecken, der an Pop vor allem die Romantik liebt. Wäre Myths Of The Near Future ein Solitär geblieben, wären Klaxons ewig jung, ewig cool, eine moderne Legende. Egal, wie gut der Nachfolger wird – diese Option verspielen sie damit. Zuletzt haben die Libertines diesen Fehler gemacht, und sie ärgern sich wohl noch heute darüber. Wohl auch deshalb hat die Arbeit an Surfing The Void so lange gedauert.

Das Ergebnis kann alle Klaxons-Fans beruhigen: Surfing The Void ist kreativ, spinnert, frisch und der beste Beweis dafür, dass Klaxons nicht bloß ein paar talentfreie Glückspilze mit dem richtigen Sound zur richtigen Zeit waren. Auch wenn Robinson hier für reichlich Aggressivität gesorgt hat, ist es auch kein bitterböses, desillusioniertes, ausgelaugtes Album. Klaxons haben sich ihren Spaß bewahrt. Nach der Party ist vor der Party.

Zum Start muss man allerdings befürchten, die Band sei ein bisschen zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Der Auftakt Echoes setzt auf das bekannte Erfolgsrezept: wuchtiger Bass, juveniler Chorgesang und ein Text voller feuchter Science-Fiction-Träume. The Same Space fährt dann auch noch die ah-ah-Chöre auf, die vor gut drei Jahren Golden Skans zu einem Hit gemacht hatten.

Doch mit dem Titelsong strampeln sie sich frei von allzu viel Rücksicht auf die Erwartungshaltung: Verzerrter Gesang, Noise-Gitarren und eine Rhythmussektion im Berseker-Modus sorgen für einen steigenden Adrenalin-Pegel. Twin Flames und das angriffslustige Flashover sind perfekte Kandidaten, um die Reihe von genialen Klaxons-Singles fortzusetzen. Das grandios unbeschwerte Valley Of The Calm Trees vereint Duran Duran mit Sonic Youth. Venusia klingt, als würden sich MGMT an einem Song von Muse versuchen.

Klaxons haben trotzdem ein Problem: Als sie 2007 auf der Bildfläche erschienen, waren sie dem Rest der Welt meilenweit voraus. Doch die Elektro-Rock-Mixtur wurde so schnell und so massenhaft kopiert, dass viele der Nachahmer inzwischen längst wieder verschwunden sind. Und die, die übrig blieben, haben die drei Jahre genutzt, um den Rückstand zu Klaxons zu verkürzen. Revolutionär ist nichts mehr an Surfing The Void. Vor allem, wenn sie mehr auf den Sound als auf den Song aus sind, wie im schwachen Extra Atronomical oder dem nervigen Rausschmeißer Cypherspeed, könnten die Stücke genauso gut von Foals, Delphic oder The Big Pink stammen. Das Problem ist: Die Entstehungsgeschichte von Surfing The Void ist definitiv spannender als die eigentliche Musik. Klaxons sind dadurch nicht schlechter geworden. Nur ein bisschen weniger relevant.

Ein feuchter Science-Fiction-Traum ist auch das Video zur Single Echoes:

Klaxons bei MySpace.

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.