Interview mit The Gaslight Anthem 5


Frisch geduscht und sehr reflektiert: Benny Horowitz.

Frisch geduscht und sehr reflektiert: Benny Horowitz.

Das Klischee besagt ja, dass Drummer nicht besonders helle sind. Erst recht, wenn sie in einer Band spielen, die aus der Hardcore-Punk-Szene kommt und nun ziemlich ironiefrei das große Lied von Amerika singt. Aber bei The Gaslight Anthem kann davon keine Rede sein. Schlagzeuger Benny Horowitz, den ich beim Highfield-Festival getroffen habe, erweist sich nicht nur als charmanter, sondern auch intelligenter und eloquenter Gesprächspartner. Kurz vor der Show von The Gaslight Anthem beim Highfield sprachen wir über Rockstars als Gewissens-Ersatz und die Frage, ob man als Punkrocker auch Luxus genießen darf. Und Benny Horowitz verriet mir, wie es ist, seinen Traum zu leben.

Am besten versuchen wir, das gleich hinter uns zu bringen: The Gaslight Anthem werden immer wieder mit Bruce Springsteen verglichen. Nervt das inzwischen, oder bist Du immer noch stolz darauf?

Horowitz: Beides. Es gibt nur wenige Künstler, mit denen man so gerne verglichen werden möchte. Bruce Springsteen ist cool. Ich habe nicht das Geringste gegen ihn. Ab und zu muss ich mich allerdings selbst daran erinnern. Denn wir werden wirklich so oft nach ihm gefragt, dass das für mich redundant geworden ist.

The Gaslight Anthem haben aber auch ein Stück für ein Johnny-Cash-Tribut-Album beigesteuert, außerdem habt ihr ein Lied für Joe Strummer geschrieben, den verstorbenen Sänger von The Clash. Und live covert ihr ab und zu Songs von Tom Petty. Warum gibt es keine zeitgenössischen, jüngeren Helden, die derlei Verehrung wert wären?

Horowitz: Ich denke, Tom Petty und Bruce Springsteen sind definitiv zeitgenössische Künstler. Auch Johnny Cash war bis zu seinem Tod einer. Sie bringen Platten raus, sie entwickeln sich weiter, sie sind noch immer relevant. Trotzdem umgibt sie eine Art Nostalgie. Solche Künstler repräsentieren eine ganz bestimmte Zeit, ein bestimmtes Gefühl, und daher kommt wahrscheinlich diese Verehrung. Wir covern aber einfach Stücke, die uns Spaß machen. Neulich haben wir ein Stück von Pearl Jam gespielt, die sind immerhin ein ganzes Stück jünger.

Drummer Ben Horowitz von The Gaslight Anthem verriet mir: Er lebt seinen Traum.

Drummer Ben Horowitz von The Gaslight Anthem verriet mir: Er lebt seinen Traum.

Siehst du einen jungen Künstler oder eine junge Band, die mal irgendwann den Status erreichen kann, den Johnny Cash oder Bruce Springsteen haben?

Horowitz: Das ist schwer zu sagen. Es gibt genug Beispiele von Platten, die vor zehn Jahren herauskamen und wie ein Meisterwerk klangen, die man aber nicht mehr halb so gut findet, wenn man sie heute anhört. Es braucht einfach sehr lange, bis man solch ein Renommee aufgebaut hat. Und selbst Bruce Springsteen oder Johnny Cash mussten Rückschläge verdauen oder hatten schwächere Phasen. Sie mussten sich immer wieder neu beweisen, um heute so sehr bewundert zu werden. Ich hoffe, dass es jemanden gibt, der in ihre Fußstapfen tritt und Rock’N’Roll am Leben erhält – und zwar guten Rock’N’Roll, nicht irgendeinen Mist.

Ist es wichtig, dass man als Musiker politisch ist, um bedeutend zu werden?

Horowitz: Ich denke schon. Viele Leute blicken zu wirklich großen Musikern auf, weil sie sich Antworten von ihnen erwarten. Musiker wie Bruce Springsteen oder Bono sind wie unser moralisches Gewissen: Sie sollen uns einen Weg durch unser Leben weisen.

Gibt es genug junge Musiker, die dem gerecht werden?

Horowitz: Auf jeden Fall. Die Punkrock-Bewegung ist immer noch riesig. Für viele dieser Bands gehört es zu ihrem Ethos, zu einer Gemeinschaft zu gehören und sich zu den wichtigen Fragen der Zeit zu äußern.

Auch The Gaslight Anthem machen das. Auf dem aktuellen Album American Slang versucht ihr meiner Meinung nach aber auch immer wieder, euch selbst zu vergewissern, wer ihr seid, was ihr wollt und wo ihr herkommt. Ist das so?

Horowitz: Ja. Ich denke, man kann eine Menge aus unseren Texten ziehen – und das ist wichtig. Jeder, der sich Tag für Tag durch sein Leben kämpft, findet sich darin wieder. Und das sind schließlich die meisten Leute. Die Vorstellung, das Leben sei eine angenehme Reise, finde ich absurd. Meiner Ansicht nach ist es ein Kampf. Jeden Tags aufs Neue.

Aber für Dich dürfte es seit dem Erfolg mit The Gaslight Anthem etwas angenehmer geworden sein.

Horowitz: Klar. Zum ersten Mal in meinem Leben ist es kein riesiges Problem mehr, meine Rechnungen zu bezahlen. Vor ein paar Jahren habe ich noch im Kofferraum meines Autos gewohnt, weil ich mir keine Wohnung leisten konnte. Und jetzt reise ich durch die Welt, überall treffe ich nette Leute und das Essen steht auch schon auf dem Tisch. Ich lebe gerade meinen Traum – und ich fühle mich sogar ein bisschen schuldig deswegen, weil ich weiß, wie viele Leute es gibt, die denselben Traum haben, es aber nicht schaffen.

Trotzdem beschweren sich jede Menge Rockstars über den Stress auf Tour.

Horowitz: Das ist Blödsinn. Jeder, der weiß, wie hart ein echter Job sein kann, müsste merken, dass man als Musiker in einer super-luxuriösen Fantasiewelt lebt. Das muss man sich immer wieder bewusst machen. Ich werde das auch deshalb nie vergessen, weil wir durch wirklich harte Zeiten mussten, um so weit zu kommen. Wir hatten unsere Hände tief in der Scheiße.

Gerade diese Biographie dürfte aber auch dazu führen, dass einige Wegbegleiter jetzt neidisch sind oder euch vorwerfen, The Gaslight Anthem hätten sich verkauft.

Horowitz: Das passiert kaum. Ich hatte ehrlich gesagt viel mehr von diesen Vorwürfen erwartet. Aber die Leute, die wissen, wo wir herkommen, wissen auch, dass man uns da wenig vorhalten kann und dass wir aus den richtigen Gründen groß geworden sind: Wir haben nie auf eine große Karriere spekuliert. Wir haben einfach hart gearbeitet, und dann ist es passiert. Und wenn ein paar Kids im Internet behaupten, wir hätten unsere Seele verkauft, dann kann ich das sogar verstehen. Wenn ich heute 15 wäre, würde ich The Gaslight Anthem vielleicht auch hassen – einfach, weil so viele andere Leute diese Band mögen.

Wie wichtig ist Erfolg dann für dich?

Horowitz: Wir haben schon jetzt viel mehr erreicht, als wir uns jemals erträumt hätten. Ich wäre sehr glücklich, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist und wenn wir erfolgreich genug bleiben, um von der Musik leben zu können und weiter Konzerte spielen und Platten rausbringen. Wir haben einfach große Lust darauf. Und wir werden immer besser, weil wir noch immer gute Freunde sind, uns aber musikalisch auch immer besser kennen lernen.

Benny Horowitz sieht Rockstars als unser moralisches Gewissen.

Benny Horowitz sieht Rockstars als unser moralisches Gewissen.

Bei den Aufnahmen zu American Slang habt ihr ein Videotagebuch geführt. Was war die Idee dahinter?

Horowitz: Ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Wahrscheinlich war das eine Idee der Plattenfirma, um schon vorab ein bisschen Vorfreude auf das neue Album zu erzeugen. Aber mir hat das großen Spaß gemacht. Kevin, ein Freund von uns, der auch viele von unseren Videos gemacht hat, hat das Ganze gedreht. Das war eine nette Abwechslung.

Aber kann es eine Platte nicht entzaubern, wenn man den Fans zu viel Einblick in den Entstehungsprozess gewährt?

Horowitz: So habe ich das noch nie gesehen. Aber es gibt ohnehin nicht besonders viel Zauber in einem Tonstudio. Das ist nicht sexy oder mysteriös, sondern genau das Gegenteil davon: langweilig. Wenn man eine Woche lang immer nur denselben Song hört, dann steht man kurz vorm Durchdrehen. Man ist dann sehr dankbar, wenn jemand wie Kevin mit einer Videokamera kommt und ein paar Fragen stellt.

Euer Sänger Brian Fallon hat Eric Clapton als großen Einfluss für American Slang genannt. Er habe sich ein Beispiel an ihm genommen und endlich gelernt, richtig Gitarre zu spielen. Ist es jetzt schwieriger, die komplexer gewordenen Songs auf die Bühne zu bringen?

Horowitz: Oh ja. Vor allem unser Gitarrist Alex Rosamilia wusste glaube ich nicht, worauf er sich da einlässt (lacht). Er muss jetzt irre komplizierte Sachen spielen und dabei oft auch noch singen. Nach den ersten paar Konzerten hat er ganz schön gestöhnt. Aber das macht die Konzerte viel spannender: Es gibt ein paar Songs, die können wir im Schlaf spielen, und es gibt es paar wie The Queen Of Lower Chelsea oder The Diamond Church Street Choir, die musikalisch wirklich eine Herausforderung sind. Auch für mich – so etwas habe ich vorher noch nie gespielt.

The Gaslight Anthem bei MySpace.

Mehr Fotos vom Highfield 2010 gibt es hier.


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