Vom Studenten zum Massenmörder

August 24, 2010 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
In Hamburg wird Mohammed Atta (Samir Fuchs) vom Studenten zum Gotteskrieger. Foto: ZDF

In Hamburg wird Mohammed Atta (Samir Fuchs) vom Studenten zum Gotteskrieger. Foto: ZDF

Was geschah wirklich am 11. September 2001? Das ZDF ist sicherlich nicht das erste Medium, das dieser Frage nachgeht. Die zweiteilige Dokumentation Der 11. September – Die wahre Geschichte, deren erster Teil heute um 20.15 Uhr gesendet wird, ist trotzdem gelungen. Vor allem, weil die Macher auf Verschwörungstheorien verzichten, aber trotzdem keine Angst vor unangenehmen Wahrheiten haben. So erklären sie nicht nur die hoch komplexen Hintergründe der Anschläge auf das World Trade Center. Sie zeigen auch, wie die Ermittlungsbehörden auf beiden Seiten des großen Teichs versagt haben.

Die komplette Rezension gibt es auf news.de.

Interview mit Good Shoes

August 23, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 3 Comments 
Will Church und Steve Leach (rechts) von den Good Shoes: Ein drittes Album steht in den Sternen.

Will Church und Steve Leach (rechts) von den Good Shoes: Ein drittes Album steht in den Sternen.

Vorab ein Geständnis: Ich liebe Think Before You Speak, das erste Album der Good Shoes. Eine Platte voller Hits. Monatelang habe ich sämtliche DJs genervt, damit sie Lieder davon auflegen – und meistens habe ich dann auf der Tanzfläche sehr frohe Gesichter entdeckt, wenn es geklappt hat. Trotz des etwas weniger gelungenen Nachfolgers No Hope, No Future (und der Tatsache, dass ihr Tourmanager eine Abneigung gegen Mobiltelefone zu haben scheint) traf ich also ziemlich enthusiastisch auf Will Church, den neuen Bassisten der Band, und Gitarrist Steve Leach. Es wurde dann aber doch ein Gespräch über Geldsorgen, Diebstahl, Probleme innerhalb der Band – und Cricket.

Wie läuft die Tour?

Church: Wunderbar. Wir hatten wirklich einen tollen Sommer. Mit dem Auftritt beim Hurricane fing es schon sehr gut an, und dann wurde es immer besser.

Leach: Beim Hurricane habe ich zum ersten Mal The Strokes live erlebt, das war auf jeden Fall etwas Besonderes für mich. Auch das Dockville-Festival in Hamburg hat viel Spaß gemacht.

Gab es auch irgendwelche bösen Überraschungen?

Church: Blöderweise wurden uns am vergangenen Wochenende ein paar Notebooks geklaut. Das war mies. Aber das war zumindest besser als letztes Jahr beim Dockville-Festival: Da haben wir mit den Jungs von Metronomy zusammen Cricket gespielt und unser Sänger Rhys hat den Ball aufs Dach von einer Lagerhalle geschlagen. Er ist dann hochgeklettert, um den Ball wieder zu holen – und das war echt halsbrecherisch.

Steve Leach: gute Schuhe, schlimmes Hemd.

Steve Leach: gute Schuhe, schlimmes Hemd.

Cricket scheint mir eine ziemlich exotische Backstage-Beschäftigung zu sein.

Church: Wir spielen oft. Wir spielen aber auch Fußball. Leider finden wir nicht so oft andere Bands, die gegen uns antreten wollen. Steve und ich sind ein ziemlich starkes Duo, vielleicht liegt es daran.

Apropos andere Bands: Auf No Hope, No Future klingen Good Shoes fast wie eine komplett andere Band, wenn man die Platte mit eurem Debüt vergleicht. Wolltet ihr euch absichtlich davon distanzieren oder war das einfach eine organische Weiterentwicklung?

Leach: Es war ein ziemlicher Kampf, das zweite Album überhaupt hinzukriegen. Wir haben sehr lange gebraucht, und gerade zu Beginn war die Arbeit daran ziemlich unproduktiv und intensiv in einem negativen Sinn. Wir haben einfach ein bisschen die Perspektive verloren. Das lag auch daran, dass wir uns weiterentwickeln wollten, gleichzeitig aber das Ethos bewahren, das schon auf Think Before You Speak sichtbar war. Und No Hope, No Future ist das, was dabei herauskam. In meinen Augen ist es immer noch Pop und einigermaßen zugänglich. Aber man merkt sicher, dass sich unser Songwriting verändert hat. Wir haben diesmal mehr versucht, Sachen zu zerstückeln oder Elemente zusammenzuführen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben.

Bassist Will Church hat keine Lust auf die Kaiser Chiefs.

Bassist Will Church hat keine Lust auf die Kaiser Chiefs.

Ging es auch darum, sich ein bisschen mehr von anderen Indiepop-Bands abzugrenzen? Ihr wart zum Beispiel mit den Kaiser Chiefs und Maximo Park auf Tour, und sie sind das beste Beispiel dafür, dass dieser Sound ein bisschen zu allgegenwärtig geworden war.

Church: Auf jeden Fall. Ich war bei diesen Shows zwar noch nicht dabei. Aber ich persönlich möchte nicht unbedingt in einer Band wie den Kaiser Chiefs spielen. Sie sind enorm erfolgreich, aber musikalisch sind sie ganz weit weg von den Dingen, die ich mag. Und statt sich weiterzuentwickeln oder sich selbst herauszufordern, setzen sie jetzt auf die immer gleiche Formel. Sie haben damit großen Erfolg und viele Hits gehabt. Diese Hits werden auch bleiben – ich verstehe nicht, warum man sie jetzt immer wieder neu schreiben muss, statt den Leuten zu beweisen, dass man auch etwas anderes kann.

Leach: Aber diese Strategie lohnt sich für sie. Sie haben damit einen ziemlich ansehnlichen Lebensstandard erreicht, und ich kann mir gut vorstellen, dass man den dann auch behalten will. Also geht man auf Nummer sicher.

Also kann man davon ausgehen, dass ihr mit dem nächsten Album definitiv wieder auf Weiterentwicklung setzen werdet?

Leach: Ja, wir wollen neue Bereiche erkunden, aber es sollte auch kein totaler Bruch werden. Es ist auch wichtig, ein Element der Kontinuität zu haben. Das ist uns mit dem zweiten Album nicht gelungen.

Gibt es aktuelle Bands, denen ihr nacheifern wollt, die euch inspirieren?

Leach: Ich mag sehr gerne die Platte von Merriweather Post Pavillon, auch In Rainbows von Radiohead finde ich klasse. Sie haben einen tollen Sound, voller Tiefe. Wir probieren schon ein bisschen mit neuen Stücken herum, mal schauen, ob wir das hinbekommen. Leider haben wir keine unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, um unseren Sound so umzusetzen, wie wir uns das vorstellen. Das würde Vieles erleichtern.

Es ist also auch möglich, dass es von den Good Shoes gar kein drittes Album mehr geben wird?

Leach: Das steht in den Sternen. Ich drücke die Daumen. Bis jetzt können wir jedenfalls nicht von unserer Musik leben, um ehrlich zu sein.

Ist es dann besonders wichtig, nach neuen Einnahmequellen wie Werbespots oder Merchandising Ausschau zu halten?

Leach: Auf den letzten Tourneen haben wir uns schon sehr stark ums Merchandising gekümmert. Das ist definitiv wichtig. Es wäre fahrlässig, das völlig außer Acht zu lassen und sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Wir müssen ja schließlich auch eine Menge Rechnungen bezahlen.

Ihr geratet aber nicht in Versuchung, plötzlich nach dem Mainstream zu schielen und nur noch Lieder zu schreiben, die maßgeschneidert fürs Radio sind?

Leach: Nein. Und selbst wenn: Es ist gar nicht so einfach, Hits auf Knopfdruck zu schreiben.

Was würdet ihr machen, wenn es nicht mit einem nächsten Album klappt? Gibt es einen Plan für die Zeit nach der Karriere?

Leach: Keine Ahnung, darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Dann fällt mir schon was ein.

Good Shoes bei MySpace.

Highfield Festival, Großpösna, Tag 3

August 23, 2010 · Posted in Live, Musik · 4 Comments 
Fat Mike von NOFX erwies sich als ewiger Teenager. Und Fan von The Sounds.

Fat Mike von NOFX erwies sich als ewiger Teenager. Und Fan von The Sounds.

Ich glaube nicht an Voodoo. Folkert Koopmanns wahrscheinlich auch nicht. Doch bei der Organisation des Highfield-Festivals hätte der Geschäftsführer von Highfield-Veranstalter FKP Scorpio ein paar Mal schwer ins Grübeln kommen können, ob da nicht doch irgendein böser Zauber im Spiel ist.

Manch einer war dem Highfield nicht gerade wohlgesonnen, nachdem der traditionelle Standort in Hohenfelden (Thüringen) aufgegeben worden war – und der neue auch noch in der Nähe von Leipzig (im bei Thüringern nicht gerade beliebten Sachsen) lag. Dass man so eine Institution einfach woanders hin verpflanzt (und auch noch den Namen mitnimmt), kommt bei Rockfans – die per se ja eher auf Beständigkeit und Tradition achten – eben nicht allzu gut an. Dass der Umzug neben einem auslaufenden Pachtvertrag auch damit zu tun hatte, dass die Veranstalter das Highfield künftig noch größer aufziehen wollen, stößt bei Festivalbesuchern – die zwischen all den Telekomhänden und wandelnden Zigarettenautomaten schon genug von Kommerz umringt sind – auch nicht auf bedingungslose Gegenliebe.

Fakt ist: Wenn irgendwo ein Highfield-Hasser seinen Voodoozauber betrieben hat, dann hat er einen verdammt guten Job gemacht.

Zauber 1: Die Loveparade-Tragödie. Nach den Todesfällen dort wurden die Pläne für das neue Highfield-Gelände noch einmal besonders gründlich geprüft – mit entsprechendem Stress für die Macher.

Zauber 2: Band-Absagen. Wegen Todesfällen in der Familie mussten Skindred und Black Rebel Motorcycle Club kurzfristig passen. Schon Wochen vor dem Festival waren New Young Pony Club aus dem Programm gefallen, für sie wurde immerhin Ersatz gefunden: Fotos aus Hamburg übernahmen den Slot am frühen Freitagabend.

Zauber 3: Dauerregen. Wenn irgendjemand im engeren Umkreis von Hohenfelden Anfang der vergangenen Woche stundenlang einen auffälligen Kulttanz vollführt hat, dann würde ich gerne mal ein ernstes Wort mit ihm reden. Denn wenn es ein Regentanz war, dann hat er mehr als gut funktioniert: Nach ganz viel Niederschlag auf der Halbinsel am Störmthaler See standen die Veranstalter am Mittwochmorgen tatsächlich vor der Frage, ob sie das ganze Highfield absagen sollen. “Bis dahin hätten wir noch die Reißleine ziehen können, danach wäre es zu spät gewesen”, sagt Koopmanns. Und er verrät mir: “Wäre das Highfield noch in Hohenfelden gewesen, hätten wir bei solch extremen Wetterverhältnissen alles abgesagt. Aber beim ersten Highfield in Großpösna wäre das katastrophal gewesen. Die Leute hätten gedacht, dass wir zu blöd sind, einen passenden Standort zu finden”, sagt er.

Die Entscheidung, das Festival durchzuziehen, war nicht nur mit einem ziemlichen Risiko verbunden (Gott sei Dank schien ab Freitag die Sonne, so dass alles recht schnell trocknete), sondern auch mit riesigem Aufwand und entsprechenden Kosten für die Organisatoren. Unter anderem wurden mehr als 8000 Quadratmeter Bodenabdeckungen und mehr als 2000 Tonnen Schotter kurzfristig nach Großpösna in die Nähe von Leipzig gekarrt. Man darf fast sicher sein: Geld verdient hat FKP Scorpio mit dem Highfield diesmal nicht, denn auch die Besucherzahl blieb hinter den Erwartungen zurück: 22.000 Fans kamen – weniger als im Vorjahr in Hohenfelden und auch weniger als auf das neue Gelände passen, das bis zu 25.000 Besuchern Platz bietet und noch ausgebaut werden soll.

Zauber 4: Die Headliner. Das Highfield hatte in diesem Jahr, ähnlich wie viele andere deutsche Festivals, ein Headliner-Problem. Kein Wunder: Es gibt nur wenige richtig große Namen im Musikgeschäft. Und um genau die reißen sich an den Wochenenden im Sommer immer mehr Festivals in ganz Europa. Mit Billy Talent (international keine allzu große Nummer), Placebo (die solide waren, aber seit Jahren nichts Aufregendes mehr gemacht haben) und Blink-182 (deren letztes Album vor sieben (!) Jahren sage und schreibe Platz 14 (!) der deutschen Charts erreichte) war man jedenfalls nicht so gut aufgestellt wie in manchem der Vorjahre. Um fair zu sein, muss man aber sagen: Auch deshalb sind die Veranstalter umgezogen. Nur ein größeres Gelände mit entsprechenden Mehr-Einnahmen dürfte es ermöglichen, in den kommenden Jahren wieder richtige Kracher zum Highfield holen zu können.

Zauber 5: Gewitter. Nach zweieinhalb Tagen in schönstem Sonnenschein, und kurz nachdem die Organisatoren in der Pressekonferenz doch noch ein halbwegs versöhnliches Fazit gezogen hatten, lief der Voodoo-Zauberer noch einmal zu großer Form auf. Kurz nach 20 Uhr fegte ein hübsches Unwetter über das Highfield hinweg – samt peitschendem Regen, Blitz, Donner und heftigem Wind. Fettes Brot mussten ihre Show auf der Hauptbühne für 20 Minuten unterbrechen. Auch im Zelt gab es Sicherheitsbedenken, weil die Statik leiden könnte, wenn der Boden weiter aufgeweicht wäre. Doch auch dort konnte dann weitergespielt werden.

Trotz allem: Das Highfield war insgesamt okay. Das neue Gelände ist praktisch (und soll im nächsten Jahr noch besser gestaltet sein, wie Koopmanns versprach), das Wetter war bis auf die letzten paar Stunden ein Festival-Traum und schließlich gab es auch gestern viele gute Shows zu sehen.

Vorab muss ich zugeben: Ich hatte mich sehr auf Blink 182 gefreut, habe mich dann aber doch vom Gewitter in die Flucht schlagen lassen und bin vorzeitig abgereist. Nach allem, was man hört, haben die Jungs aber überzeugt. Immerhin war Drummer Travis Barker schon vorher kurz auf der Bühne gewesen: Er unterstützte NOFX kurz bei deren Show, die sagenhaft kalifornisch war. In diesem Alter noch so pubertär, scheißdrauf und kurzweilig zu sein, ist schon eine Leistung.

NOFX selbst ließen es sich dann nicht nehmen, The Sounds ihre Aufwartung zu machen. Schon während ihrer eigenen Show hatten sie dazu geraten: “Wenn ihr schlau seid, geht ihr jetzt zur Tent Stage, denn da spielen gleich The Sounds”, empfahl Sänger Fat Mike allen Ernstes seinen eigenen Fans. Und kaum waren NOFX mit ihrer Show am Ende, tauchten sie am Bühnenrand beim Auftritt der Schweden auf.

Und dieser Auftritt war fantastisch. Wenn man “Spaß” definieren müsste, würde das ungefähr so aussehen: eine hüpfende Menge, packende Beats, tolle Melodien und eine extrem gut aussehende Band auf der Bühne, die irgendwie Punk ist, aber auch kein Problem damit hat, mal kurz wie Roxette zu klingen. Was zusätzliche Bonuspunkte bringt: Im Interview erwies sich Sängerin Maja Ivarsson, die auf der Bühne gerne die Schlampe gibt samt “Motherfucker”-Ansagen und einem Security-Mann, den sie zwischen ihren Schenkeln einklemmte, als verdammt nett und höchst clever. Nicht zu fassen.

Auch bei Bela B. gab es reichlich Kraftausdrücke. Wenn ich das richtig verstanden habe, ging es um die Pimmel von Fettes Brot. Und ansonsten, wie immer bei Bela, um Rock-Entertainment der schrägeren Sorte.

Ein Highlight war auch die Band Of Horses. Um es kurz zu sagen: Kings Of Leon für Mädchen – und das ist nicht als Beleidigung gemeint. Wo KoL aus den Siebzigern vor allem den Machismo und das Erdige übernommen haben, setzen Band of Horses auf himmlische Harmonien und etwas sanftere Hippie-Elemente. Sehr gelungen.

Fettes Brot revanchierten sich dann für den Penisneid von Bela B. und ließen sich auch durch die Gewitter-Zwangspause nicht aus der Ruhe bringen (schon im Interview hatten sie einen extrem entspannten Eindruck gemacht). Es gab die äußerst unterhaltsame Rap-Revue, die man inzwischen von ihnen gewohnt ist: mit vielen Hits und kleinen Überraschungen, diesmal allerdings etwas lahmen Ansagen zwischen den Songs. Für ihren Auftritt gilt, was auch für Gelände, Zuschauerzahl und Line-Up beim Highfield gilt: noch ausbaufähig.

Sehr geil: The Sounds spielen Tony The Beat live beim Highfield 2010:

Hier gibt es jede Menge Fotos vom Highfield 2010.

Eine abgewandelte Version meiner Highfield-Eindrücke gibt es auch bei news.de.

Interview mit The Gaslight Anthem

August 22, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 3 Comments 
Frisch geduscht und sehr reflektiert: Benny Horowitz.

Frisch geduscht und sehr reflektiert: Benny Horowitz.

Das Klischee besagt ja, dass Drummer nicht besonders helle sind. Erst recht, wenn sie in einer Band spielen, die aus der Hardcore-Punk-Szene kommt und nun ziemlich ironiefrei das große Lied von Amerika singt. Aber bei The Gaslight Anthem kann davon keine Rede sein. Schlagzeuger Benny Horowitz, den ich beim Highfield-Festival getroffen habe, erweist sich nicht nur als charmanter, sondern auch intelligenter und eloquenter Gesprächspartner. Kurz vor der Show von The Gaslight Anthem beim Highfield sprachen wir über Rockstars als Gewissens-Ersatz und die Frage, ob man als Punkrocker auch Luxus genießen darf. Und Benny Horowitz verriet mir, wie es ist, seinen Traum zu leben.

Am besten versuchen wir, das gleich hinter uns zu bringen: The Gaslight Anthem werden immer wieder mit Bruce Springsteen verglichen. Nervt das inzwischen, oder bist Du immer noch stolz darauf?

Horowitz: Beides. Es gibt nur wenige Künstler, mit denen man so gerne verglichen werden möchte. Bruce Springsteen ist cool. Ich habe nicht das Geringste gegen ihn. Ab und zu muss ich mich allerdings selbst daran erinnern. Denn wir werden wirklich so oft nach ihm gefragt, dass das für mich redundant geworden ist.

The Gaslight Anthem haben aber auch ein Stück für ein Johnny-Cash-Tribut-Album beigesteuert, außerdem habt ihr ein Lied für Joe Strummer geschrieben, den verstorbenen Sänger von The Clash. Und live covert ihr ab und zu Songs von Tom Petty. Warum gibt es keine zeitgenössischen, jüngeren Helden, die derlei Verehrung wert wären?

Horowitz: Ich denke, Tom Petty und Bruce Springsteen sind definitiv zeitgenössische Künstler. Auch Johnny Cash war bis zu seinem Tod einer. Sie bringen Platten raus, sie entwickeln sich weiter, sie sind noch immer relevant. Trotzdem umgibt sie eine Art Nostalgie. Solche Künstler repräsentieren eine ganz bestimmte Zeit, ein bestimmtes Gefühl, und daher kommt wahrscheinlich diese Verehrung. Wir covern aber einfach Stücke, die uns Spaß machen. Neulich haben wir ein Stück von Pearl Jam gespielt, die sind immerhin ein ganzes Stück jünger.

Drummer Ben Horowitz von The Gaslight Anthem verriet mir: Er lebt seinen Traum.

Drummer Ben Horowitz von The Gaslight Anthem verriet mir: Er lebt seinen Traum.

Siehst du einen jungen Künstler oder eine junge Band, die mal irgendwann den Status erreichen kann, den Johnny Cash oder Bruce Springsteen haben?

Horowitz: Das ist schwer zu sagen. Es gibt genug Beispiele von Platten, die vor zehn Jahren herauskamen und wie ein Meisterwerk klangen, die man aber nicht mehr halb so gut findet, wenn man sie heute anhört. Es braucht einfach sehr lange, bis man solch ein Renommee aufgebaut hat. Und selbst Bruce Springsteen oder Johnny Cash mussten Rückschläge verdauen oder hatten schwächere Phasen. Sie mussten sich immer wieder neu beweisen, um heute so sehr bewundert zu werden. Ich hoffe, dass es jemanden gibt, der in ihre Fußstapfen tritt und Rock’N’Roll am Leben erhält – und zwar guten Rock’N’Roll, nicht irgendeinen Mist.

Ist es wichtig, dass man als Musiker politisch ist, um bedeutend zu werden?

Horowitz: Ich denke schon. Viele Leute blicken zu wirklich großen Musikern auf, weil sie sich Antworten von ihnen erwarten. Musiker wie Bruce Springsteen oder Bono sind wie unser moralisches Gewissen: Sie sollen uns einen Weg durch unser Leben weisen.

Gibt es genug junge Musiker, die dem gerecht werden?

Horowitz: Auf jeden Fall. Die Punkrock-Bewegung ist immer noch riesig. Für viele dieser Bands gehört es zu ihrem Ethos, zu einer Gemeinschaft zu gehören und sich zu den wichtigen Fragen der Zeit zu äußern.

Auch The Gaslight Anthem machen das. Auf dem aktuellen Album American Slang versucht ihr meiner Meinung nach aber auch immer wieder, euch selbst zu vergewissern, wer ihr seid, was ihr wollt und wo ihr herkommt. Ist das so?

Horowitz: Ja. Ich denke, man kann eine Menge aus unseren Texten ziehen – und das ist wichtig. Jeder, der sich Tag für Tag durch sein Leben kämpft, findet sich darin wieder. Und das sind schließlich die meisten Leute. Die Vorstellung, das Leben sei eine angenehme Reise, finde ich absurd. Meiner Ansicht nach ist es ein Kampf. Jeden Tags aufs Neue.

Aber für Dich dürfte es seit dem Erfolg mit The Gaslight Anthem etwas angenehmer geworden sein.

Horowitz: Klar. Zum ersten Mal in meinem Leben ist es kein riesiges Problem mehr, meine Rechnungen zu bezahlen. Vor ein paar Jahren habe ich noch im Kofferraum meines Autos gewohnt, weil ich mir keine Wohnung leisten konnte. Und jetzt reise ich durch die Welt, überall treffe ich nette Leute und das Essen steht auch schon auf dem Tisch. Ich lebe gerade meinen Traum – und ich fühle mich sogar ein bisschen schuldig deswegen, weil ich weiß, wie viele Leute es gibt, die denselben Traum haben, es aber nicht schaffen.

Trotzdem beschweren sich jede Menge Rockstars über den Stress auf Tour.

Horowitz: Das ist Blödsinn. Jeder, der weiß, wie hart ein echter Job sein kann, müsste merken, dass man als Musiker in einer super-luxuriösen Fantasiewelt lebt. Das muss man sich immer wieder bewusst machen. Ich werde das auch deshalb nie vergessen, weil wir durch wirklich harte Zeiten mussten, um so weit zu kommen. Wir hatten unsere Hände tief in der Scheiße.

Gerade diese Biographie dürfte aber auch dazu führen, dass einige Wegbegleiter jetzt neidisch sind oder euch vorwerfen, The Gaslight Anthem hätten sich verkauft.

Horowitz: Das passiert kaum. Ich hatte ehrlich gesagt viel mehr von diesen Vorwürfen erwartet. Aber die Leute, die wissen, wo wir herkommen, wissen auch, dass man uns da wenig vorhalten kann und dass wir aus den richtigen Gründen groß geworden sind: Wir haben nie auf eine große Karriere spekuliert. Wir haben einfach hart gearbeitet, und dann ist es passiert. Und wenn ein paar Kids im Internet behaupten, wir hätten unsere Seele verkauft, dann kann ich das sogar verstehen. Wenn ich heute 15 wäre, würde ich The Gaslight Anthem vielleicht auch hassen – einfach, weil so viele andere Leute diese Band mögen.

Wie wichtig ist Erfolg dann für dich?

Horowitz: Wir haben schon jetzt viel mehr erreicht, als wir uns jemals erträumt hätten. Ich wäre sehr glücklich, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist und wenn wir erfolgreich genug bleiben, um von der Musik leben zu können und weiter Konzerte spielen und Platten rausbringen. Wir haben einfach große Lust darauf. Und wir werden immer besser, weil wir noch immer gute Freunde sind, uns aber musikalisch auch immer besser kennen lernen.

Benny Horowitz sieht Rockstars als unser moralisches Gewissen.

Benny Horowitz sieht Rockstars als unser moralisches Gewissen.

Bei den Aufnahmen zu American Slang habt ihr ein Videotagebuch geführt. Was war die Idee dahinter?

Horowitz: Ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Wahrscheinlich war das eine Idee der Plattenfirma, um schon vorab ein bisschen Vorfreude auf das neue Album zu erzeugen. Aber mir hat das großen Spaß gemacht. Kevin, ein Freund von uns, der auch viele von unseren Videos gemacht hat, hat das Ganze gedreht. Das war eine nette Abwechslung.

Aber kann es eine Platte nicht entzaubern, wenn man den Fans zu viel Einblick in den Entstehungsprozess gewährt?

Horowitz: So habe ich das noch nie gesehen. Aber es gibt ohnehin nicht besonders viel Zauber in einem Tonstudio. Das ist nicht sexy oder mysteriös, sondern genau das Gegenteil davon: langweilig. Wenn man eine Woche lang immer nur denselben Song hört, dann steht man kurz vorm Durchdrehen. Man ist dann sehr dankbar, wenn jemand wie Kevin mit einer Videokamera kommt und ein paar Fragen stellt.

Euer Sänger Brian Fallon hat Eric Clapton als großen Einfluss für American Slang genannt. Er habe sich ein Beispiel an ihm genommen und endlich gelernt, richtig Gitarre zu spielen. Ist es jetzt schwieriger, die komplexer gewordenen Songs auf die Bühne zu bringen?

Horowitz: Oh ja. Vor allem unser Gitarrist Alex Rosamilia wusste glaube ich nicht, worauf er sich da einlässt (lacht). Er muss jetzt irre komplizierte Sachen spielen und dabei oft auch noch singen. Nach den ersten paar Konzerten hat er ganz schön gestöhnt. Aber das macht die Konzerte viel spannender: Es gibt ein paar Songs, die können wir im Schlaf spielen, und es gibt es paar wie The Queen Of Lower Chelsea oder The Diamond Church Street Choir, die musikalisch wirklich eine Herausforderung sind. Auch für mich – so etwas habe ich vorher noch nie gespielt.

The Gaslight Anthem bei MySpace.

Mehr Fotos vom Highfield 2010 gibt es hier.

Highfield Festival, Großpösna, Tag 2

August 22, 2010 · Posted in Live, Musik · 3 Comments 
Sebastian Madsen lieferte eine Lehrstunde im Frontmannsein.

Sebastian Madsen lieferte eine Lehrstunde im Frontmannsein.

Das Wichtigste vorab: Mario’s Pizza ist doch da, gewohnt schmackhaft, überteuert und knapp portioniert. Auch der Highfield-Döner ist nicht schlecht. Und backstage gibt es lecker vegetarische Sachen mit sehr viel Knoblauch – vielleicht soll das vor Bela B. schützen.

Ansonsten war der Samstag beim Highfield vor allem: der Tag von Madsen. Auf die Jungs aus dem Wendland hatte ich mich mit Abstand am meisten gefreut, und da war ich offensichtlich nicht der Einzige. Sie ließen dann auch keine Wünsche offen. Vom aktuellen Album Labyrinth gab es tatsächlich nur das Beste (vor allem gelungen: Moped nach Madrid), dazu viele alte Hits (sogar Panik vom Debüt, was ein paar Wochen nach dem Loveparade-Unglück zumindest für manche ein wenig gewagt gewesen sein dürfte).

Vor allem aber hatten Madsen selbst offensichtlich jede Menge Spaß an ihrer Show. Sänger Sebastian griff zwar nur einmal zur Gitarre, um sich kurz an Sepulturas Roots, Bloody Roots zu versuchen. Ansonsten setzte ihn seine Handverletzung noch außer Gefecht und er musste sich aufs Singen beschränken. Die (vom Handgelenk abgesehen) neue Bewegungsfreiheit nutzte er aber für ein bisschen Anschauungsunterricht im Frontmannsein.

Überhaupt boten Madsen nicht nur viel gute Laune und, wie immer, eine gesunde Dosis Optimismus, sondern auch reichlich Spektakel – und das war inmitten von all dem ordentlichen Handwerk (Thrice) und schlimmen Schweinerock (Danko Jones) eine sehr willkommene Abwechslung. Drei Ps dürften dafür sorgen, dass von dieser Madsen-Show noch lange gesprochen wird: Pogo (sehr beeindruckend für einen Act, der nach vor wenigen Jahren als Mädchenband galt), Pyro (jede Menge Funken und Explosionen) und Pixies (als erste Zugabe gab es eine geniale Version von Where Is My Mind und dann auch noch das gefeierte Nachtbaden).

Bei Unheilig bestand das Bühnenbild hingegen aus zwei überflüssigen Menschen ganz hinten und einem noch überflüssigeren Schiffswrack in der Mitte. Sollte das eine Anspielung auf Wann kommt die Flut sein? Oder ein versteckter Hinweis, den man hier auch für möglich halten muss: Das Boot ist voll? Rätselhaft, genau wie der Mega-Erfolg dieser Musik ohne Melodie, Rhythmus oder Zauber. Hinter Sänger Bernd Heinrich Graf prangte ein Logo mit den Initialen UH. Was soll das bedeuten? Unterhose? Ultimativ hässlich? Oder, wie man in diesen Breiten wohl sagen würde: urst hasig? Wie gesagt: ein Rätsel.

Brian Molko und seine Band begannen gleich mit dem Klassiker Nancy Boy.

Brian Molko und seine Band begannen gleich mit dem Klassiker Nancy Boy.

Schließlich hatte der Samstag beim Highfield noch Placebo zu bieten. Frontmann Brian Molko scherzte kurz vor der Show noch (ganz in schwarz und mit Hut) an der Theke im VIP-Bereich. Auf der Bühne (ganz in weiß und mit Strickmütze) zeigten er und seine Mitstreiter dann solides Rock-Entertainment, auch wenn recht früh deutlich wurde, dass Placebo ein paar mehr Kracher vom Schlage des Openers Nancy Boy bräuchten, um eine müde Festivalmenge wirklich noch einmal aus der Reserve zu locken.

Davor hatten Black Rebel Motorcycle Club kurzfristig ihren Auftritt abgesagt. Bei einem Festival in Belgien erlag der Vater von Robert Levon Been einem Herzinfarkt. Wäre das allein nicht schon Grund genug für eine Absage, war er auch noch der Toningenieur der Band. Die traurige Nachricht hatte immerhin einen positiven Effekt: Argentinien bewies, dass es den Deutschen die schmachvolle Niederlage bei der Fußball-WM nicht nachträgt. Denn die Funksalsareggae-Rocker von Karamelo Santo waren freiwillig bereit, den Platz von BRMC zu übernehmen und dafür auf ihren Slot am Nachmittag zu verzichten. Es hat sich gelohnt: Bei ihrer Show war die Zeltbühne erstmals so gut gefüllt, dass niemand mehr reinkam.

Ein irrer Rausschmeißer: Madsen spielen Nachtbaden live beim Highfield 2010:

Mehr Fotos vom Highfield 2010 gibt es hier.

Fotos vom Highfield Festival, 20. bis 22. August 2010

August 21, 2010 · Posted in Fotos, Ich · 2 Comments 

Nachdem in Hohenfelden der Pachtvertrag nicht verlängert wurde, findet das Highfield 2010 erstmals in Großpösna bei Leipzig statt. Das neue Gelände ist nicht ganz so hübsch wie die alte Location am Stausee Hohenfelden (Thüringen). Doch mit Bands wie Blink-182, Placebo, Billy Talent, The Sounds, Wir sind Helden oder Madsen und spannenden Newcomern wie The Drums oder Band of Horses war auch in Großpösna für viel Spaß und Abwechslung gesorgt. Hier gibt es die besten Fotos.

Noch mehr tolle Fotos vom Highfield 2010 gibt es bei news.de, und zwar hier und hier.

Highfield Festival, Großpösna, Tag 1

August 21, 2010 · Posted in Live, Musik · 4 Comments 
Zum ersten Mal findet das Highfield in Großpösna statt.

Zum ersten Mal findet das Highfield in Großpösna statt.

Am Anfang war der Schlamm. Gefühlte zweieinhalb Wochen lang hatte es jede Menge geregnet. Mehr als zweieinhalb Tage lang haben die Veranstalter des Highfield versucht, etwas dagegen zu tun. Gestern Mittag war das Gelände trotzdem noch reichlich rutschig, doch mit viel Rindenmulch, Holzschnitt und Metallplatten auf den wichtigsten Verbindungswegen haben es die vielen Helfer geschafft, alles in geregelte Bahnen zu lenken. Wenn man sich vorstellt, wie es auf der Störmthaler Halbinsel am Mittwoch ausgesehen haben mag, ist es gar nicht so abwegig, dass die Veranstalter zwischenzeitlich vielleicht sogar mal über eine Komplett-Absage nachgedacht haben.

Gestern gab es aber, pünktlich zum Start, strahlend blauen Himmel und reichlich Sonne. Auch sonst überzeugte der neue Standort: Wie schon beim Original-Highfield in Hohenfelden (Thüringen) sind die beiden Bühnen angenehm nah beieinander, ohne sich aber Sound-mäßig ins Gehege zu kommen. Das Zelt rund um die Tent Stage ist auch groß genug, um selbst bei angesagten Bands wie den Drums genug Platz für alle zu bieten – auch das ist ja leider nicht selbstverständlich auf deutschen Festivals. Bei der sehr engagierten Show von Good Shoes wirkt es sogar ein bisschen arg leer. Das kommt davon, wenn man nach einem Debüt voller Hits plötzlich anspruchsvoll werden will. Einziges Manko am neuen Highfield-Standort: Zumindest gestern konnte ich noch keinen Stand von Mario’s Pizza finden.

Dafür gab es sehr nette Interviews. Jean Michel Tourette von Wir Sind Helden bekam während unseres Gesprächs nicht nur Besuch von Bandkollege Mark Tavasssol (der Grund: die beiden teilen sich ein Duschgel). Er plauderte auch sehr offen über die Unlust, weiter als Sprachrohr einer Generation zu gelten und über den Wunsch, auf Festivals lieber zu familienfreundlichen Zeiten zu spielen.

Ben Horowitz von The Gaslight Anthem war frisch geduscht.

Ben Horowitz von The Gaslight Anthem war frisch geduscht.

Auch im Interview mit Benny Horowitz, dem Schlagzeuger von The Gaslight Anthem, ging es um Körperhygiene: Er zeigte sich gleich zu Beginn ganz begeistert vom Highfield, weil er hier zum ersten Mal seit vier Tagen duschen konnte. Dann schwärtmte er von großen Helden und ärgerte sich nur ein bisschen über die paar “kids on the internet”, die seiner Band Ausverkauf vorwerfen.

Die Show von The Gaslight Anthem war ein Überraschungserfolg. Das Quartett aus New Jersey hat sich ja längst auf sehr klassischen Stadionrock verlegt, doch das kam auch beim sehr jungen Publikum bestens an. Sänger Brian Fallon war so angetan, dass er versprach, allen Besuchern einen Sixpack Bier aus Boston als Dankeschön zu schicken – sollte er einmal so reich werden wie Michael Jackson.

Die Rückkehr von Wizo wurde zum Triumphzug.

Die Rückkehr von Wizo wurde zum Triumphzug.

Noch unerwarteter war aber der, man muss es so sagen: Triumph von Wizo. Die wiedervereinten Altpunks haben die Messlatte für Blink-182, die am Sonntag spielen werden, verdammt hoch gelegt. Sie beglückten die Fans mit vielen Klassikern, und bei keiner anderen Band sah man gestern zu viele entzückte und entrückte Gesichter. Besonders erstaunlich: Nicht nur alte Fans feierten mit, die hier noch einmal ihre alten Helden hochleben ließen, sondern auch die Teenies erwiesen sich als erstaunlich textsicher. Wizo hatten selbst ebenfalls sichtlich Spaß an der Sause – und taten den Fans den Gefallen, nur ein einziges neues Stück zu spielen.

Wir sind Helden waren da mutiger, wären damit aber fast auf die Nase gefallen. Mit Denkmal betraten sie die Bühne – und es war sofort ein Ereignis. “Das fängt ja gut an”, meinte Sängerin Judith Holofernes (der übrigens immer noch erstaunlich viele Deppen in der ersten Reihe ein beherztes “Ausziehen!” entgegenrufen, wann immer es geht), als schon beim ersten Stück die Fans den Gesang übernahmen.

Judith Holofernes und Wir sind Helden kamen erst spät in Schwung.

Judith Holofernes und Wir sind Helden kamen erst spät in Schwung.

Doch dann wurde die Helden-Show seltsam schwierig. Gleich drei Stücke vom durchaus gelungenen, aber für die Fans noch unbekannten neuen Album Bring mich nach Hause in die erste Hälfte des Sets zu packen, war  definitiv keine gute Idee. Der Titelsong wird noch höflich zur Kenntnis genommen, nach der Single Alles gibt es aber nicht einmal mehr richtigen Applaus. Erst mit Müssen nur wollen kriegen die Helden die Kurve – überzeugen dann doch noch, und zeigen mit 23:55. Alles auf Anfang dass auch die neuen Songs das Zeug zum Livekracher haben können. Übrigens: Das Bühnenbild besteht mittlerweile aus Wohnzimmerlampen – Wasser auf die Mühlen für all die, die ihnen einen Rückzug ins Private vorwerfen.

Bei Gogol Bordello besteht das Bühnenbild hingegen wie eh und je: aus einer Flasche Wein und jeder Menge irrer Typen. Zwar hat das Gypsy-Punk-Kollektiv inzwischen nur noch eine Tänzerin dabei, trotzdem liefern die Typen um Frontmann Eugene Hütz noch immer eine tolle Show.

Das gilt auch für The Drums. Die haben zwar im Interview viel (und durchaus sympathisch) von Authentizität erzählt, das hindert sie aber nicht daran, auf der Bühne mit einem Tamburin seltsame Ballettverrenkungen zu vollführen (Gitarrist Jacob Graham) oder sämtliche Rockstarposen innerhalb eines einzigen Songs zu vollführen (Sänger Johnny Pierce). Voll ins Zeug legen sich die New Yorker trotzdem nicht, was dazu führen dürfte, dass alle von dem Konzert begeistert sind, die schon vorher The Drums mochten – dass sie aber auch keine neuen Fans gewonnen haben. Die Show ist gut, aber nicht so umwerfend wie die Songs. Immerhin schaffen sie es, auch nach einer guten halben Stunde noch wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Auch eine Leistung bei all dem Schlamm.

Gogol Bordello spielen My Companjera live beim Highfield 2010:

Hier gibt es mehr Fotos vom Highfield-Festival 2010.

Draufgeschaut: Wild At Heart

August 20, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) können nicht voneinander lassen.

Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) können nicht voneinander lassen.

Film Wild At Heart
Produktionsland USA
Jahr 1990
Spielzeit 120 Minuten
Regie David Lynch
Hauptdarsteller Nicolas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, J. E. Freeman, Crispin Glover, Calvin Lockhart, Diane Ladd
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Sailor und Lula sind Hals über Kopf verliebt. Doch Lulas Mutter will die beiden auseinander bringen – und hat beinahe Erfolg, als Sailor wegen Totschlags ins Gefängnis muss. Doch Lula wartet auf ihn. Als Sailor aus dem Gefängnis kommt, brennen die beiden zusammen durch. Doch die Geister der Vergangenheit lassen sie nicht in Ruhe.

Das sagt shitesite:

Alles an Wild At Heart ist überzeichnet, oftmals bis an die Grenze zu Kitsch und Trash, gelegentlich auch über diese Grenze hinaus. Sailor als die personifizierte Männlichkeit, Lula als aufgekratztes Naivchen, ihr Mutter (grandios: Diane Ladd) als exaltiertes Neurosenbündel – sie alle müssen alles übertreiben, um überhaupt etwas zu fühlen. David Lynch findet dafür die filmische Entsprechung in Effekten (Klang, Musik, Halluzinationen) und macht aus Wild At Heart eine Mischung aus Roadmovie, Liebesgeschichte, Krimi und einer gebrochenen Neuinterpretation des Zauberers von Oz. Sein Film wimmelt vor schrägen Typen, es gibt reichlich Sex und noch mehr Kippen. Doch letztlich wird weder die Form überzeugend noch die recht schlichte Botschaft von Wild At Heart: Alle sind kaputt, alles ist kaputt.

Bestes Zitat:

“Die Welt hat ein wildes Herz und ist total verrückt geworden.”

Der Trailer zum Film:

Interview mit Wir sind Helden

August 20, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 4 Comments 
Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Wir sind Helden dürften gerade ziemlich gespannt sein. Unter anderem wegen der Geburt mehrerer Babys waren sie drei Jahre lang von der Bildfläche verschwunden. Heute kommt nun die neue Single Alles raus, am Abend präsentieren sich die Helden auf der Bühne beim Highfield-Festival, und in einer Woche folgt dann das neue Album Bring mich nach Hause.

Vor der Show beim Highfield habe ich mich mit Jean Michel Tourette, dem musikalischen Mastermind der Helden, unterhalten. Ein sehr angenehmes Gespräch, in dem es um Erwartungshaltung, Duschgel und einen Stop-Knopf ging.

Das neue Album Bring mich nach Hause ist nach langer Pause fertig, aber bisher kennen die Fans die neuen Lieder noch nicht. Ist das die spannendste Phase im Leben einer Band?

Tourette: Gute Frage. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Phase nun die spannendste ist. Natürlich ist es auch sehr aufregend, wenn man ganz am Beginn dieses Zyklus’ steht und nur ein weißes Blatt Papier vor sich hat. Aber auch jetzt sind wir sehr gespannt, was passiert, wie die Leute das Album aufnehmen. Wir haben bisher ja nur Feedback von ein paar ausgewählten Journalisten bekommen.

Gibt es dabei große Überraschungen? Finden die Musikjournalisten Lieder ganz toll, die ihr nicht so gelungen findet? Oder verstehen sie die Texte ganz anders, als sie gemeint sind?

Tourette: Das kommt vor. Am meisten wundert mich dabei, zu welchen Ergebnissen die Journalisten kommen, wenn sie versuchen, das Album unter eine bestimmte Überschrift zu stellen. Man selber denkt während der Aufnahmen ja immer, die Platte sei hoch komplex und sehr vielschichtig. Und dann hören das ein paar Leute von der Presse und sind sich einig: Völlig klar, eine Folk-Platte. Diese Elemente gibt es natürlich auf Bring mich nach Hause, aber in meinen Augen ist das eben nur ein Aspekt. Solche Beurteilungen sind dann manchmal sehr überraschend, aber auch erhellend. Da sind tolle Komplimente dabei, aber auch Kritiken, die uns sehr hart treffen.

Wenn die Fans dann auch ihren Senf dazu geben dürfen: Achtet ihr auf dieses Feedback? Beispielsweise wenn ihr entscheidet, was die nächsten Singles sein werden?

Tourette: Das spielt eine Rolle. Ein Konzert ist schließlich das direkteste Feedback, das man bekommen kann. Natürlich haben wir Stücke, die wir selber am meisten mögen. Aber wenn wir zum Beispiel jetzt bei den Festivals die ersten neuen Stücke ausprobieren und dann ein Song sehr unmittelbar funktioniert, dann ist das schon ein Indiz.

Der Duschgel-Moment.

Der Duschgel-Moment.

Das Gespräch wird kurz unterbrochen: Helden-Bassist Mark Tavassol kommt vorbei und stellt eine Flasche Duschgel auf den Tisch. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: Auf Tour teilen sich die beiden das Gel. Wie solidarisch!

Das neue Album klingt, als ob ihr diesmal auf Erwartungshaltungen überhaupt keine Rücksicht mehr genommen habt und einfach das macht, was ihr wollt.

Tourette: Eigentlich haben wir schon immer das gemacht, was wir wollen. Aber es stimmt. Beispielsweise bei Soundso haben wir mit ein paar Texten und musikalischen Kapriolen unbewusst vielleicht versucht, ein paar Leute abzuschütteln. Wir haben ganz viel im Studio gefrickelt und uns sehr genau mit allen Details beschäftigt. Bei Bring mich nach Hause steht wieder mehr die Spielfreude im Mittelpunkt, neue Instrumente und ein musikalischer Forschergeist.

Das könnte auch als ein Versuch verstanden werden, endlich abzuschließen mit der Vereinnahmung von Wir sind Helden als Sprachrohr einer Generation.

Tourette: Auf jeden Fall. Wir wollen nicht mehr so sehr als Phänomen wahrgenommen werden. Wir sehen uns eigentlich als ganz normale Band – und haben uns immer als normale Band gesehen. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das funktionieren könnte. Platten machen, auf Tour gehen, interessant bleiben. Die ganze Sache mit dem Sprachrohr hing uns zum Hals raus. Alles, was um uns herum passiert ist, wer nach uns kommt und zu welcher Welle wir gerade gerechnet werden, war uns immer völlig egal.

Wenn es einen Stop-Knopf gäbe, den du an irgendeiner Stelle der Karriere von Wir sind Helden hättest drücken können und der eure Popularität genau auf diesem Level eingefroren hätte – in welchem Moment hättest du gedrückt?

Tourette: Das ist schwer. Am Anfang ging alles so schwer, dass ich zuerst jede neue Stufe cool fand. Wenn man bei einem großen Festival plötzlich als Headliner gebucht wird, dann denkt man: Wow! Aber wenn man dann plötzlich in eine Liga mit den Toten Hosen oder den Fantastischen Vier gehört, dann komme ich mir da ein bisschen vor wie ein Blender. Stop gedrückt hätte ich vielleicht deshalb wahrscheinlich nach der zweiten Tour zur Reklamation. Da haben wir in Hallen vor 2000 bis 3000 Leuten gespielt. Das ist die Ebene, die mir am besten gefällt.

Trotzdem erwarten viele Fans von Wir sind Helden noch die Antworten auf die wichtigen Fragen der Zeit. Habt ihr kurz überlegt, für das neue Album das große Lied zur Krise zu schreiben?

Tourette (lacht): Judith hat tatsächlich einige Texte angefangen, die in diese Richtung gingen. Aber wir haben das trotzdem nicht als Pflicht-Thema gesehen. Immerhin haben wir uns ja schon früher zu diesem Thema geäußert, mit Guten Tag, Müssen Nur Wollen oder Die Konkurrenz. Deshalb hat Judith dann auch gesagt: «Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt.» Die Themen, die zwingender waren, waren dann letztlich die persönlichen Themen. Das war für uns viel wichtiger, das musste raus. Wir hatten für das Album 15 Lieder aufgenommen und dann drei rausgekickt: Die Wespe, Lonely Planet Germany und Dumm Didi Dumm. Das waren tatsächlich die Lieder, die etwas Politisches hatten. Sicher werden die demnächst auf unseren B-Seiten landen.

Besonders gut gefällt mir auf dem neuen Album die Ballade von Wolfgang und Brigitte. Das sind Namen, die man nicht allzu oft in Popsongs hört. Woher kam die Idee für das Lied?

Tourette: Die Idee von Judith war, einen ernsten, aufrichtigen, romantischen Song über den Versuch von freier Liebe und großer Kommune zu schreiben, auch über ihre Kindheit. Judith ist ja in einer großen WG aufgewachsen, und das sind eben Namen aus der späten 68er-Generation. Sie besteht allerdings darauf, dass Wolfgang und Brigitte nicht ihre Eltern sind.

Wir sind Helden spielen Müssen nur wollen live beim Highfield 2010:

Dieses Interview gibt es auch bei news.de.

Hingehört: Klaxons – “Surfing The Void”

August 20, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Klaxons haben lange gebraucht. "Surfing The Void" klingt trotzdem frisch.

Klaxons haben lange gebraucht. "Surfing The Void" klingt trotzdem frisch.

Künstler Klaxons
Album Surfing The Void
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Verdammt, ist das lange her! Das Jahr war 2007. Die T-Shirts waren bunt. Die Drogen waren synthetisch. Die Tanzflächen flimmerten voller fluoreszierender Stäbchen. Und die Band, die all dies zu verantworten hatte, war Klaxons.

Das Quartett aus London kam aus dem Nichts und wurde quasi sofort zur Speerspitze von New Rave. So jung, so anders, so innovativ war damals niemand sonst. Es wurde auch niemand mit so viel Lob überschüttet wie Klaxons – und als Folge dieser Überdosis aus Party, Ruhm und Einfluss drohte die Band schließlich zu implodieren.

Dass es nun mit dem heute erscheinenden Surfing The Void überhaupt ein zweites Klaxons-Album gibt, ist annähernd ein Wunder. Denn in beachtlich vielen Versuchen sind Klaxons gescheitert beim Versuch, einen Nachfolger für ihr Debüt Myths Of The Near Future hinzukriegen.

Rückblende: Nach dem Mega-Erfolg von Myths Of The Near Future, das Platz 2 in England erreicht und mit dem renommierten Mercury-Award ausgezeichnet wird, können sich Klaxons zunächst lange Zeit gar nicht aufraffen, neues Material zu schreiben. Mit allen Versuchen sind sie selbst unzufrieden, erklären die Bandmitglieder, die außerdem viel zu beschäftigt sind, bei Festivals in aller Welt den eigenen Erfolg zu feiern.

Erst Anfang 2008 spielen sie live erstmals neue Stücke und gehen danach mit James Ford (Simian Mobile Disco, Arctic Monkeys) ins Studio, der bereits ihr Debüt produziert hatte. Doch aus einem Klaxons-Album im Jahr 2008 wird nichts – die von Schwierigkeiten geprägten Sessions dauern zu lange. Auch 2009 verstreicht: Die inzwischen vollendeten Stücke missfallen der Plattenfirma: Die Bosse schicken Klaxons zum Nachsitzen. Die Band wendet sich daraufhin an Produzent Ross Robinson, der eher für Hardrock bekannt ist als für elektronische Experimente. Erst mit ihm geht alles glatt.

Manch ein Fan wird sich während der langen Wartezeit heimlich gefragt haben, ob es nicht besser wäre, wenn es kein zweites, womöglich weniger spektakuläres Klaxons-Album mehr geben würde. Eine einzige Duftmarke setzen und dann verschwinden – das würde manchem schmecken, der an Pop vor allem die Romantik liebt. Wäre Myths Of The Near Future ein Solitär geblieben, wären Klaxons ewig jung, ewig cool, eine moderne Legende. Egal, wie gut der Nachfolger wird – diese Option verspielen sie damit. Zuletzt haben die Libertines diesen Fehler gemacht, und sie ärgern sich wohl noch heute darüber. Wohl auch deshalb hat die Arbeit an Surfing The Void so lange gedauert.

Das Ergebnis kann alle Klaxons-Fans beruhigen: Surfing The Void ist kreativ, spinnert, frisch und der beste Beweis dafür, dass Klaxons nicht bloß ein paar talentfreie Glückspilze mit dem richtigen Sound zur richtigen Zeit waren. Auch wenn Robinson hier für reichlich Aggressivität gesorgt hat, ist es auch kein bitterböses, desillusioniertes, ausgelaugtes Album. Klaxons haben sich ihren Spaß bewahrt. Nach der Party ist vor der Party.

Zum Start muss man allerdings befürchten, die Band sei ein bisschen zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Der Auftakt Echoes setzt auf das bekannte Erfolgsrezept: wuchtiger Bass, juveniler Chorgesang und ein Text voller feuchter Science-Fiction-Träume. The Same Space fährt dann auch noch die ah-ah-Chöre auf, die vor gut drei Jahren Golden Skans zu einem Hit gemacht hatten.

Doch mit dem Titelsong strampeln sie sich frei von allzu viel Rücksicht auf die Erwartungshaltung: Verzerrter Gesang, Noise-Gitarren und eine Rhythmussektion im Berseker-Modus sorgen für einen steigenden Adrenalin-Pegel. Twin Flames und das angriffslustige Flashover sind perfekte Kandidaten, um die Reihe von genialen Klaxons-Singles fortzusetzen. Das grandios unbeschwerte Valley Of The Calm Trees vereint Duran Duran mit Sonic Youth. Venusia klingt, als würden sich MGMT an einem Song von Muse versuchen.

Klaxons haben trotzdem ein Problem: Als sie 2007 auf der Bildfläche erschienen, waren sie dem Rest der Welt meilenweit voraus. Doch die Elektro-Rock-Mixtur wurde so schnell und so massenhaft kopiert, dass viele der Nachahmer inzwischen längst wieder verschwunden sind. Und die, die übrig blieben, haben die drei Jahre genutzt, um den Rückstand zu Klaxons zu verkürzen. Revolutionär ist nichts mehr an Surfing The Void. Vor allem, wenn sie mehr auf den Sound als auf den Song aus sind, wie im schwachen Extra Atronomical oder dem nervigen Rausschmeißer Cypherspeed, könnten die Stücke genauso gut von Foals, Delphic oder The Big Pink stammen. Das Problem ist: Die Entstehungsgeschichte von Surfing The Void ist definitiv spannender als die eigentliche Musik. Klaxons sind dadurch nicht schlechter geworden. Nur ein bisschen weniger relevant.

Ein feuchter Science-Fiction-Traum ist auch das Video zur Single Echoes:

Klaxons bei MySpace.

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.

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