Draufgeschaut: Die fetten Jahre sind vorbei
| Film | Die fetten Jahre sind vorbei |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 117 Minuten |
| Regie | Hans Weingartner |
| Hauptdarsteller | Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Jan, sein Freund Peter und dessen Freundin Jule haben eine riesige Wut auf das System. Ihr Ventil: Sie brechen in Villen ein und hinterlassen dort mahnende Nachrichten an die Reichen. Als sie von einem Manager auf frischer Tat ertappt werden, entführen sie ihn kurzerhand und fliehen in eine einsame Hütte in den Bergen. Doch dort treten nach und nach Brüche in ihrer Ideologie auf. Das macht alles nur noch komplizierter – vor allem, weil Jan und Jule eine Affäre beginnen.
Das sagt shitesite:
Eine orginelle Geschichte mit guten Darstellern. Die Dialoge triefen zwar manchmal vor klischeehafter Sozialromantik und haben einige Längen. Trotzdem bietet Die fetten Jahre sind vorbei eine packende Handlung mit subtiler Spannung.
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Napola – Elite für den Führer
| Film | Napola – Elite für den Führer |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 115 Minuten |
| Regie | Dennis Gansel |
| Hauptdarsteller | Max Riemelt, Tom Schilling, Devid Striesow, Joachim Bißmeier, Justus von Dohnanyi |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Friedrich ist gerade fertig und soll eine Lehrstelle in der Fabrik antreten. Doch sein Talent als Boxer eröffnet ihm eine andere Möglichkeit: Er kann an einer nationalpolitischen Erziehungsanstalt aufgenommen werden. Gegen den Willen seiner Eltern entscheidet sich Friedrich, die Nazi-Kaderschmiede zu besuchen. Dort findet der zurückhaltende Junge neues Selbstbewusstsein und gute Freunde. Doch schnell muss er auch erkennen, was er dem Gehorsam und der Kameradschaft alles opfern muss.
Das sagt shitesite:
Der Stoff ist eine Steilvorlage für ein packendes Drama – und Regisseur Dennis Gansel (Mädchen, Mädchen) nutzt sie. Zwar hat der Film leichte Längen. Aber wie aus einer verlockenden Chance eine bittere Lehre wird, das wird hier ebenso einfühlsam wie eindrucksvoll erzählt. Es sind vor allem die kleinen Momente, die von Napola – Elite für den Führer in Erinnerung bleiben: das schelmische Grinsen, als Friedrich erstmals die Uniform trägt. Die Kälte und Brutalität, wenn der Pfarrer beim Essen zwei kleinen Jungen mitteilt, dass jemand aus ihrer Familie an der Front gefallen ist. Verschwörerische Blicke zwischen Friedrich und seinem besten Freund Albrecht. Mit solchen Bildern fängt Napola kleine Momente voller Widerstand und Würde ein – und findet im Boxen zudem eine perfekte Metapher für die Frage, ob man seine Menschlichkeit wirklich komplett überwinden kann.
Bestes Zitat:
“Männer machen Geschichte. Und wir machen die Männer.”
Der Trailer zum Film:
Durchgelesen: Alice Schwarzer – “Die große Verschleierung”
| Herausgeberin | Alice Schwarzer |
| Titel | Die große Verschleierung |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ***1/2 |
Alice Schwarzer eckt gerne an. Für die einst verhasste Bild ist sie neuerdings als Gerichtsreporterin beim Kachelmann-Prozess tätig. Auch sonst weiß sie noch immer, wie man einen hübschen kleinen Skandal inszeniert. Bei ihrem neuen Buch Die große Verschleierung wird es aber ein hübscher großer Skandal werden. Denn sie stellt darin nichts weniger als die Frage, ob Moslems überhaupt in unsere Gesellschaft passen. In der aktuellen Debatte um Integration ist das sozialer Sprengstoff.
Manch einer wird ihr vorwerfen, sie sei eine Trittbrettfahrerin von Thilo Sarrazin. Dabei beschäftigt sich Deutschlands Vorzeige-Feministin bereits seit mehr als 30 Jahren mit dem Problem der Diskriminierung von Frauen. Manch einer wird sie auch eine Rassistin nennen, denn in Die große Verschleierung gibt es etwa Sätze wie diesen: «Die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten. Auch in Mein Kampf stand ja schon alles drin.»
Das ist starker Tobak, doch Alice Schwarzer hat, im Gegensatz zu Thilo Sarrazin, gute Argumente für ihr Unbehagen. Und sie pocht darauf, auf die islamistische Gefahr nicht mit zu weit gehender Toleranz zu reagieren, sondern über die Angst vorm Islam zu reden. Und das gilt nicht nur für Frauen.
Die komplette Rezension gibt es auf news.de.
Hingehört: OMD – “History Of Modern”
| Künstler | OMD |
| Album | History Of Modern |
| Label | Bluenoise |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Wenn längst vergessene Helden zurückkehren, auch noch solche aus den 1980er Jahren, dann gibt es nur selten ungeteilte Begeisterung. Doch bei OMD, die nun ihr erstes Album seit 14 Jahren veröffentlicht haben, ist das so.
Als Andy McCluskey und Paul Humphreys vor fünf Jahren ankündigten, künftig wieder gemeinsam musizieren zu wollen, zauberte das manchem Pop-Fan ein seliges Lächeln aufs Gesicht, der einmal dem OMD-Charme erlegen war. McCluskey hat diesen Effekt einmal sehr treffend als die Fähigkeit bezeichnet, „Melodien zu schreiben, die die Leute, wenn sie sie morgens im Radio gehört haben, noch an der Bushaltestelle pfeifen“. Als sie 2007 erstmals wieder gemeinsam auf der Bühne standen, gab es viel Applaus.
Nun liegt auch das lange erwartete Album zum Comeback vor. Und History Of Modern liefert gleich noch einen Grund für den Jubel über die Rückkehr: OMD sind eigentlich ganz viele Bands in einer. Und die Indie-Jünger aus den Anfangstagen haben beim Namen OMD wohl ähnlich nostalgische Gefühle wie die Eurodance-Afficionados oder die flüchtigen Fans, die bloß ein paar der Hits aus dem Radio kennen. Die neue CD schafft das Kunststück, diese gesamte Palette abzudecken und quasi jede einzelne Phase in der Karriere der Orchestral Manoeuvres In The Dark nachzuzeichnen – und zwar mit Absicht, wie Sänger Andy McCluskey im Interview verrät: «Als wir mit History Of Modern angefangen haben, wollten wir den definitiven OMD-Sound hinbekommen, und den haben wir auf unseren ersten vier Alben geschaffen. Das war der Bezugspunkt, aber zugleich sollte es modern bleiben. Wir wollten keine nostalgische Retro-Platte machen.»
Zum Auftakt bringt New Babies: New Toys mit seiner fiesen Gitarre, dem mächtigen Bass und der verzerrten Gitarre sehr eindrucksvoll in Erinnerung, dass diese Band ihre erste Single auf dem legendären Factory-Label veröffentlicht hat, das damals auch die Heimat etwa von Joy Division war. Zudem klingt der Song fast unfassbar modern – fast könnte man New Babies: New Toys für ein Stück von The Big Pink halten.
Es folgte für die Liverpooler der Durchbruch mit höchst erfolgreichem Radiopop. Songs wie die Single If You Want It oder Sister Mary Says, das eine Opernstimme mit der patentierten OMD-Eingängigkeit verbindet, dürften auch heute noch die Radiomacher glücklich machen. Mit Dazzle Strips wagten sich OMD dann 1983 in eher experimentelle Gefilde. Dem entspricht nun das faszinierende New Holy Ground, dessen Rhythmus auf dem Geräusch von Schritten basiert, und das auch sonst so wenig Instrumente braucht, dass man leicht versteht, warum sich auch gefeierte Jungspunde wie The XX gerne auf OMD berufen.
Danach richtete die Band ihren Blick wieder streng auf die Charts und war ab Mitte der 1980er Jahre auch in den USA erfolgreich. Dieses Kunststück könnten etwa History Of Modern (Part 1) wiederholen, das ein wenig wie die Killers klingt (ebenfalls bekennende OMD-Fans), oder auch Sometimes, das mit seiner Kombination aus Beat und Frauenstimme von Moby stammen könnte (der einmal einen Remix für OMD gemacht hat).
Nachdem sich McCluskey und Humphreys dann 1989 getrennt hatten, machte Ersterer alleine als OMD weiter und lieferte weiter verlässliche Hits. RFWK ahmt nun diesen Sound nach. Als dann 1996 das endgültige Aus für OMD kam, schrieb McCluskey Lieder für andere Leute. So stammt etwa der Atomic-Kitten-Hit Whole Again aus seiner Feder – und die Tätigkeit als Fließbandproduzent hört man den schwächeren Stücken wie Green oder The Future, The Past And Forever After leider deutlich an.
History Of Modern teilt somit auch einige der Probleme der gesamten Karriere von OMD. Ständig war die Band zerrissen zwischen ihren elektronischen, experimentellen Wurzeln und der Anbiederung an den Massengeschmack. Dass sich OMD gerne auf Kraftwerk und Brian Eno berufen, dass man sie heute aber auch mit Schmalzpoppern wie Spandau Ballet in einen Topf wirft – dieses Dilemma begleitet sie auch diesmal. History Of Modern hat hoch spannende, sehr moderne Momente, und schafft es ganz am Ende mit The Right Side? sogar, den ultimativen OMD-Sound gekonnt ins 21. Jahrhundert zu transferieren. Aber es gibt eben auch eine Reihe von Ausfällen. Nicht zuletzt haben sich OMD auch nicht von ihrer Neigung zum Prätentiösen befreit: Album- und Songtitel sowie das abstrakte Plattencover sind nur zwei Beispiel dafür. Aber so ist das eben manchmal, wenn vergessene Helden zurückkehren: Sie bringen auch ihre Sorgen mit.
Noch mehr Ballett, aber ohne Spandau: Das Video zur Single If You Want It:
Diese Rezension gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Kim Novak badete nie im See von Genezareth
| Film | Kim Novak badete nie im See von Genezareth |
| Produktionsland | Schweden |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 88 Minuten |
| Regie | Martin Asphaug |
| Hauptdarsteller | Anton Lundqvist, Jesper Adefelt, Jonas Karlsson, Helena af Sandeberg, Anders Berg |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Erik und Edmund sind Schulfreunde. Den Sommer wollen sie gemeinsam mit Eriks älterem Bruder Henry in einem Ferienhaus am See verbringen. Es wird ein malerischer Sommer, der die beiden immer enger zusammen bringt. Aber als Henry eine Affäre mit der Aushilfslehrerin Eva beginnt, für die auch die beiden Teenager schwärmen, legt sich ein dunkler Schatten über das Idyll.
Das sagt shitesite:
Kim Novak badete nie im See von Genezareth ist so etwas wie die schwedische Version von Stand By Me: eine Geschichte von erster Liebe und tiefer Freundschaft, wie sie für Erwachsene vielleicht gar nicht mehr möglich ist – und die Geschichte von einem Mord. Der Film funktioniert auch deshalb so gut, weil es ganz wenige Dialoge gibt. Wie sehr Erik und Edmund ihre Freundschaft und ihre Sommerferien genießen, das dürfen die Bilder erzählen. Auch die Effekte, die dabei immer wieder eingesetzt werden (ein Kleid, das plötzlich seine Farbe verändert; Szenen, die rückwärts laufen; ein Tagtraum, der zu Staub zerfällt) sind dabei keineswegs prätentiös, sondern entsprechen der verwirrenden und verspielten Stimmung, in der die beiden Hauptfiguren sind. Dazu passt auch, dass die Lösung des Rätsels um den mysteriösen Mord nicht ausgesprochen, sondern nur angedeutet wird. Als Krimi taugt Kim Novak badete nie im See von Genezareth deshalb kaum, dafür umso mehr als sehr poetisches Coming-Of-Age-Kino.
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Hallo, Mr. President
| Film | Hallo, Mr. President |
| Originaltitel | The American President |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1995 |
| Spielzeit | 106 Minuten |
| Regie | Rob Reiner |
| Hauptdarsteller | Michael Douglas, Annette Bening, Martin Sheen, Michael J. Fox |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Andrew Shepherd ist Witwer, alleinerziehender Vater – und seit drei Jahren der Präsident der Vereinigten Staaten. Als er die Umweltaktivistin Sydney kennen lernt, verliebt er sich in sie und möchte mit ihr ausgehen. Doch seine Berater versetzt die Idee in helle Aufregung: Sie befürchten, dass eine neue Beziehung des Präsidenten den politischen Erfolg und den Wahlkampf gefährden könnte. Auch die Opposition nutzt sofort die Gelegenheit, den Präsident auf Freiersfüßen zu attackieren. Der steht somit schnell vor der Frage: Kann er sich mit so einem Amt eigene Gefühle erlauben?
Das sagt shitesite:
Die Idee, den mächtigsten Mann der Welt einmal von einer ganz privaten Seite zu zeigen, erscheint heute nicht besonders originell. Doch drei Jahre vor (!) der Lewinsky-Affäre war es durchaus mutig, den Präsidenten als Mann mit Gefühlen, Hormonen und Komplexen zu inszenieren. Hallo, Mr. President profitiert von der Konsequenz, mit der dieser Ansatz verfolgt wird. Michael Douglas glänzt als selbstherrlicher Macho, der sich in simplen Alltagsangelegenheiten als völlig hilflos erweist. Dazu gibt es in Hallo Mr. President viele nette Pointen – und deutlich mehr Charme als man im Weißen Haus vermutet hätte.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Ringo Starr – “Y Not”
| Künstler | Ringo Starr |
| Album | Y Not |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Es gibt ein paar gewichtige Indizien dafür, dass Ringo Starr eigentlich gar kein neues Album mehr machen wollte. Da ist zum Beispiel das erste Lied, Fill In The Blanks. Es handelt von sinnlosen Telefongesprächen – und wenn man keine spannenderen Themen für seine Songs mehr findet, dann sollte man sich wirklich zur Ruhe setzen. Auch dass der Beatles-Drummer mit Everyone Wins einen Song noch einmal aufwärmt, den er 1992 nur als gut genug für eine B-Seite befand, zeugt nicht gerade von enormer Produktivität. Da sind zudem die nicht gerade schmeichelhaften Kritiken, die Ringo Starr zuletzt für seine Solo-Ambitionen hatte einstecken müssen. Und da ist die Tatsache, dass er auch diesmal nicht ohne A Little Help From His Friends auskommt, auch wenn die ausnehmend qualifiziert und prominent sind: Dave Stewart, Joss Stone und Van Dyke Parks haben beispielsweise ihre Finger im Spiel.
Über all dem schwebt zudem das ewige Bewusstsein, niemals an den Maßstab heranreichen zu können, den nun einmal alle an einen Beatle anlegen. Es ist ein ähnliches Dilemma wie bei Chris Jagger oder Julian Lennon, nur in diesem Fall noch gesteigert: Ringo Starr eifert den Größten nach, zu denen er eine ganz enge Beziehung hat. Doch bei ihm kommt noch die erdrückende Tatsache hinzu, dass er eben nicht nur mit den Größten verwandt ist, sondern selbst in ihrer Blütezeit zu ihnen gezählt hat.
Ein genialer Songwriter wird Ringo Starr trotzdem auch auf seine alten Tage nicht mehr. Insbesondere die Texte lassen zu wünschen übrig, selbst wenn man die mitunter recht plumpe Flower-Power-Philosophie wie im ansonsten netten Las-Vegas-Blues Can’t Do It Wrong außen vor lässt. Seine beschränkten Fähigkeiten als Sänger sind auch hier nicht zu leugnen, was vor allem beim schmissigen Album-Finale Who’s Your Daddy deutlich wird, wo er Joss Stone stimmlich kaum Präsenz oder gar die für einen Rock’N'Roll-Feger dieser Güte nötige Aggressivität und Lüsternheit entgegenzusetzen vermag. Aber vielleicht dachte sich Ringo Starr bei der Aussicht auf eine 15. Soloplatte einfach: Warum nicht?
Die gute Nachricht: Y Not ist trotzdem respektabel geworden, charmant und an manchen Stellen richtig gut. Das bereits erwähnte Fill In The Blanks ist zum Auftakt zwar Fließband-Rock mit schlimmem 1980er-Sound. Doch dann wird es schnell deutlich spannender. Mystery Of The Night könnte sich zu einem Radiohit mausern. Das mit Dave Stewart geschriebene Time hat einen recht organischen Groove und lässt Ringo als Drummer noch einmal richtig glänzen. The Other Side Of Liverpool bekommt erfreulich viel Raum zum Atmen und steckt voller Kindheits- und Teenagererinnerungen an die Tage an der Merseyside, die ein paar Jahre später plötzlich die ganze Welt interessieren sollten.
Auch anderswo spielt Ringo Starr durchaus clever mit seinem Status. Der Peace Dream wünscht sich ein Zeitalter ohne Hunger und Krieg – und zitiert dabei einen gewissen John Lennon. Die Vorab-Single Walk With You ist gar ein Duett mit Paul McCartney, und wird mit seiner melodiösen Opulenz durchaus dieser Paarung gerecht.
Unterm Strich scheint Ringo Starr 40 Jahre nach dem Ende der Beatles sehr zufrieden mit seinem Status als ewiger Hippie. Und er hat nach wie vor Freude am Schlagzeug, an der Musik, am Plattenaufnehmen. Warum auch nicht.
Das Motto gilt auch hier: Ringo Starr singt noch einmal With A Little Help From My Friends:
Draufgeschaut: Casanova
| Film | Casanova |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 108 Minuten |
| Regie | Lasse Hallström |
| Hauptdarsteller | Heath Ledger, Sienna Miller, Jeremy Irons, Oliver Platt, Lena Olin, Omid Djalili |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Giacomo Casanova ist der größte Liebhaber in ganz Venedig. Doch er wird als Lüstling auch von der Inquisition gejagt. Ihm bleibt nur ein Ausweg: Er muss heiraten, um so ein solides Leben vorzugaukeln. Doch gerade, als er sich mit einer ehrbaren jungen Dame verlobt hat, passiert das Unmögliche: Casanova verliebt sich. Und das sorgt für reichlich Trubel und jede Menge Bestürzung – nicht nur in der Damenwelt.
Das sagt shitesite:
Casanova ist ein Film wie ein guter Liebhaber: bildhübsch anzusehen, geistreich, humorvoll und voller Überraschungen. Das Verwirrspiel in den Kulissen Venedigs erinnert in seiner Komplexität und seinem Charme durchaus an die Komödien Shakespeares. Dazu glänzt Heath Ledger als Casanova, der zugleich Schlitzohr, Rockstar und Philosoph ist. Und Natalie Dormer hätte für ihre irre Nebenrolle als notgeile Jungfrau einen Oscar verdient.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: The Hundred In The Hands – “The Hundred In The Hands”
| Künstler | The Hundred In The Hands |
| Album | The Hundred In The Hands |
| Label | Warp |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
Es war ein seltsamer Sommer. Frisbee im Park, Surfen am Strand, barfuß am Grill? Dazu war es erst zu kalt, dann viel zu heiß, dann wieder zu aprilig. Es gab ein paar Tage dazwischen, in denen die Menschen mit der größten Sommersehnsucht einfach aus Prinzip trotzdem kurze Hosen, Miniröcke und Sonnenbrillen trugen. Aber das war eher so etwas wie eine Feier der Idee, kein wirklicher, aktueller Original-Sommer. Ein bisschen wie Woodstock II.
The Hundred in Hands haben den perfekten Hit für diesen Sommer geschrieben, der nie so richtig zum Sommer wurde. Er heißt Pigeons, ist heiter und leicht, aber nicht vollends euphorisch – und kommt natürlich deutlich zu spät. Das passt durchaus zu dem Duo aus Brooklyn. Denn allzu eilig hatten sie es auch mit ihrem gestern erschienenen Debütalbum nicht. Nachdem sie mit dem famosen Dressed in Dresden dank feinem Beat und einer nervösen Bloc-Party-Gitarre schnell viel Aufsehen erregt hatten, zogen sie sich erstmal zurück und machten mit Hilfe der Produzentengrößen Richard X, Jacques Renault und Chris Zane in Ruhe ein ganzes Album.
Es hat sich gelohnt. Denn Jason Friedman und Eleanore Everdell liefern hier extrem stilsichere Popmusik, manchmal Rock (Commotion klingt wie eine gut gelaunte Version der Editors, kombiniert mit dem Gesang der B-52s), manchmal Elektro (Killing It, sehr sexy), immer Disco. You Aren’t Young lässt gleich zu Beginn mit seinem verhuschten Sound und der sehr sparsam eingesetzten, aber doch markanten Gitarre an Saint Etienne denken. Danach beweist auch Lovesick (Once Again), dass The Hundred in The Hands es verstehen, aus Bekanntem etwas Spannendes zu machen: Den Beat hat man schon tausendmal gehört, und auch die Gitarre ist nicht sonderlich originell, trotzdem hat das Lied einen ganz eigenen Zauber.
In der Mitte schwächelt das Album zwar ein wenig (This Day Is Made gerät eher schwach, Gold Blood findet kein Ziel), doch dann gibt es wieder reichlich Highlights. Last City ist ein wahr gewordener Traum für alle, die schon immer wissen wollten, wie eine Kreuzung aus Blondie und The Sounds klingen würde. Und der Rausschmeißer The Beach klingt wie die bezaubernde Annie, wenn die plötzlich in eine tiefe, existenzialistische Krise stolpern würde, in der sie sich vor allem fragt, ob eine Revolution sich lohnen könnte.
Mit Dead Ending haben The Hundred In The Hands zudem noch so einen quasi-Sommerhit dabei. Es ist die Verheißung von bedingungsloser Euphorie, von ewiger Sorglosigkeit, und doch ist sie ein kleines bisschen gehemmt – als wüsste sie, dass all dies vergänglich ist. Eleanore Everdell und Jason Friedman nennen diesen Sound selbst gerne “summertime gothic”. Das trifft es.
Das Video zu Pigeons erzählt die Geschichte des Songs: ein Mädchen, das immer wieder versucht, von den langweiligen Partys ihrer Freunde zu fliehen.
The Hundred In The Hands bei MySpace.
Hingehört: Nikka Costa – “Pro Whoa”
| Künstler | Nikka Costa |
| Album | Pro Whoa |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ** |
Wir müssen über Eklektizismus reden. Denn wenn in zwei Wochen im Februar 2011 (die Plattenfirma hat die weltweite Veröffentlichung verschoben, “nachdem sich zunehmend mehr Territorien der EMI Group für das neue Werk dieser Ausnahmekünstlerin begeistern) Pro Whoa, das neue Album von Nikka Costa erscheint, wird dieser Begriff (laut Fremdwörterbuch eine “unoriginelle, unschöpferische geistige Arbeitsweise, bei der Ideen anderer übernommen oder zu einem System zusammengetragen werden”) in fast jeder Besprechung auftauchen. Das ist auch erst einmal nicht schlimm. Wie viel man aus Eklektizismus als Prinzip machen kann, hat beispielsweise Beck bewiesen, der daraus eine ganze Karriere gebaut hat. Auch kleinere Kaliber wie die Beta Band oder Bran Van 3000 haben tolle Platten gemacht, die vor Einflüssen, Zitaten und Stilen nur so wimmelten. Unlängst haben Klaxons oder Vampire Weekend diese Tradition mit faszinierenden Ergebnissen fortgesetzt.
Eklektizismus kann aber auch bedeuten: Alles Mögliche einfach wild zusammengewürfelt. Kein Mensch käme beispielsweise auf die Idee, einen Roman aufregend oder gar gut zu finden, der einfach nur wahllos aneinander gereihte Buchstaben, Wörter oder Sätze enthält. Und genau diese Methode wendet Nikka Costa nun auf Pro Whoa an. “Ich wollte mich einfach mal richtig gehen lassen”, sagt die Patentochter von Frank Sinatra dazu.
Das Ergebnis: Das Album klingt im besten Fall wie Pink ohne Wut im Bauch, über weite Strecken wie Britney Spears, wenn die nach einem Pro-Tools-Grundkurs plötzlich versuchen würde, ihre eigenen Songs zu schreiben, und in den schlimmsten Momenten wie Vanilla Ice, falls der jemals durch einen bizarren Unfall seine Genitalien verlieren sollte und dann als Therapie versuchen würde, ein Popalbum zu machen, das all die coolen Leute in New York beeindrucken soll.
Der Auftakt ist dabei noch ganz ordentlich. Der Titelsong ist so etwas wie moderner Garagenrock, Never Wanna C U Again recht kompetenter Neo-Soul. Aber die Garage aus Pro Whoa steht allenfalls bei Second Life, und der Soul von Never Wanna C U Again hat von Marvin Gaye oder Aretha Franklin noch nie etwas gehört und kennt auch Amy Winehouse allenfalls im Singstar-Sound. Danach ist Head First zwar musikalisch völlig belanglos, aber immerhin sehr sexy gesungen.
Doch dann, als man irgendwann so etwas wie einen Charakter entdecken möchte, kommt nur noch Durcheinander. Nylons In A Rip: als hätten Tatu beschlossen, eine Red-Hot-Chili-Peppers-Coverband gegründet. Not The Only One: auf genau die Weise penetrant, die von Radiomachern oft als “eingängig” missverstanden wird. Everybody Loves You When You’re Dead: eine dämliche Michael-Jackson-Hommage und kein bisschen besser als die schlimmsten Eurodance-Verbrechen. Stuff: so nichtssagend, dass womöglich sogar Dieter Bohlen den Song als “zu beliebig” abgelehnt hätte. Song For Stadiums: die Entdeckung von Auto-Tune durch David Hasselhoff. Radio: aus dem Mülleimer der Sugababes.
Nur eine Ausnahme gibt es: Ching Ching Ching geht zwar am Ende ein wenig die Luft aus, doch das Lied ist ein Hit – die Sorte Song, die man auf dem kommenden Album der Ting Tings hören möchte. Doch unterm Strich ist Pro Whoa eine komplette Katastrophe. Kein Wunder, dass es der Musikindustrie so schlecht geht, wenn es noch immer Alben von Musikern wie Nikka Costa gibt, die über so überschaubares Talent und so wenig Fokus verfügen – und absolut nichts zu sagen haben.
Der einzige Treffer: Die Vorab-Single Ching Ching Ching lässt an die, ähm, Ting Tings denken:










