Hingehört: Blood Red Shoes – “Fire Like This”
| Künstler | Blood Red Shoes |
| Album | Fire Like This |
| Label | Cooperative Music |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ***1/2 |
Es gab ein paar Begriffe, die in wirklich jedem Text über Blood Red Shoes auftauchen. Auch in jedem Text über Fire Like This. Also lasst es uns auch hier hinter uns bringen.
Zum einen: die White Stripes. Als sei es noch immer Aufsehen erregend, das zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts miteinander Musik machen und dabei nur auf Gitarre und Schlagzeug setzen, werden Jack & Meg White stetig als Bezugspunkt für die Band aus Brighton herangezogen. Dabei haben Blood Red Shoes in ihrem Sound und Selbstverständnis eigentlich wenig mit den White Stripes zu tun. Von vielen werden sie trotzdem als Ersatzdroge benutzt, bis sich Jack und Meg endlich mal wieder bequemen sollten, ein neues Album vorzulegen.
Zum anderen: Boyfriend. Immer wieder wird die Frage behandelt, in welcher Beziehung Schlagzeuger Steven Ansell und Laura-Mary Carter, die Gitarristin von Blood Red Shoes, eigentlich zueinander stehen. Dabei betonen sie stets und von Anfang an: Da läuft nichts. Das ist zwar eigentlich uninteressant, zeigt aber, dass es noch immer eine Menge Leute gibt, die Frauen im Rock (vor allem, wenn sie eine Gitarre beherrschen und ganz vorne auf der Bühne stehen) noch immer ein bisschen beängstigend finden und deshalb froh sind, wenn sie wissen, dass eben jene Frauen vielleicht doch bloß ganz zahme Liebchen sind, sobald sie ihre Gitarre aus der Hand legen.
Und schließlich: roh. Das sind die drei Buchstaben, mit denen meist der Sound von Blood Red Shoes beschrieben wird. Und so war die größte Sorge vor Erscheinen des zweiten Albums: dass Blood Red Shoes womöglich weniger hart sein könnten als zu Beginn ihrer Karriere.
Fire Like This zeigt: Die Sorge war unbegründet, sogar lächerlich. Blood Red Shoes haben den Weichspüler weggelassen, und stattdessen ihre Verstärker, ihr Tempo und ihre Kreativität noch ein bisschen mehr aufgedreht. Und deshalb ist – und war – natürlich auch die Kategorisierung als „roh“ Quatsch. Denn natürlich klingt das Duo roh, vor allem auf der Bühne. Das lässt sich kaum vermeiden, wenn man auf nur zwei Instrumente setzt, und eines davon auch noch ein Schlagzeug ist, das von Steven Ansell gespielt wird wie ein Punchingball, der ständig droht, zurückzuschlagen.
Aber wer „roh“ als „einfach“ interpretiert, liegt völlig falsch. Blood Red Shoes sind weit entfernt davon, Neandertalermusik zu machen, eindimensional oder bloß kraftmeiernd. Fire Like This ist vor allem deshalb so stark, weil Laura-Mary und Steven es schaffen, mit der beschränkten Instrumentierung eine riesige klangliche Vielfalt zu entwickeln.
Schon Don’t Ask gleich zu Beginn macht das deutlich. Natürlich geht es mit Vollgas los, aber bereits die Strophe zeigt, wie verspielt und durchaus filigran Blood Red Shoes auch sein können. In When We Wake streckt Laura dann sogar die Waffen, gibt sich ganz sanft, zeigt aber trotzdem ein paar Zähne. Die Komposition von Count Me Out ist nicht gezähmt, aber trotzdem stadiontauglich (wie Blood Red Shoes auch in diesem Sommer bewiesen haben, als sie bei vielen Festivals zum überraschenden Höhepunkt wurden). Follow The Lines hat einen nicht bloß angedeuteten Discobeat, dazu kokettiert Laura mit einem fast mädchenhaften „ohoho“, am Schluss sind gar Streicher auszumachen. Und One More Empty Chair kennt natürlich Led Zeppelin, aber mit seinem Call-and-response-Gesang unzweifelhaft auch ein paar Soulklassiker.
Dazu kommt das, was Blood Red Shoes fast noch mehr ausmacht: eine Ursprünglichkeit, ein Drive, eine Wucht, die ihresgleichen sucht. Das ist im vor allem amerikanischen (Hard-)Rock geschult, weiß aber auch um die Freuden einer cleveren Melodie und lässt so an die Pixies, die besten Momente der Queens Of The Stone Age, vor allem aber an Ash denken.
So kommt Light It Up mit der Wucht einer Walze daher und Keeping It Close wie ein Wirbelsturm. Fast ganz zum Schluss entwickelt Colours Fade eine irre, verlockende und gefährliche Anziehungskraft wie ein Strudel.
“The vocals are a bit more pop,” hatte Laura Mary-Carter dem NME erklärt, bevor Fire Like This erschien, “but the music is actually heavier.” Wort gehalten.
Wild oder filigran? Das Video zur Single Don’t Ask entscheidet sich für Ersteres:
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