Selig, Haus Auensee, Leipzig 1


Auch von einem nur zur Hälfte gefüllten Haus Auensee ließen sich Selig nicht die Laune vermiesen.

Auch von einem nur zur Hälfte gefüllten Haus Auensee ließen sich Selig nicht die Laune vermiesen.

Es gibt ein paar erstaunliche Effekte an diesem Abend mit Selig in Leipzig. Zuerst: Ich komme von einer Party, die unter dem Motto „schwarz-weiß“ steht – und auch im Haus Auensee scheinen Selig dieser Kombination sehr zugetan. Die Bassdrum, das Tuch über der Orgel, der Longsleeve von Bassist Lenard Schmidthals, das T-Shirt von Keyboarder Malte Neumann (geschmackvollerweise mit einem Oasis-Zitat versehen): alles schwarz-weiß. Gitarrist Christian Neander ist komplett in schwarz gekleidet, Sänger Jan Plewka trägt schwarze Jeans zum weißen T-Shirt.

Die zweite Überraschung: Das Haus Auensee in Leipzig ist nur etwa zur Hälfte gefüllt. Ein (übrigens schwarzer) Vorhang ist hinter dem Mischpult aufgespannt, um den Anblick von der Bühne aus etwas weniger trostlos zu machen. Die Leute, die da sind, amüsieren sich zwar köstlich (auch wenn viele von ihnen inzwischen ein Alter erreicht haben, in dem sie aussehen, als gingen sie eigentlich nicht mehr auf Konzerte). Aber ein bisschen enttäuschend ist es (vor allem wohl für Selig selbst) schon, dass eine Band, die einer ganzen Generation deutscher Rockbands den Weg geebnet hat, dann ein sehr achtbares Comeback hingelegt und gerade ein gutes neues Album veröffentlicht hat, kein größeres Publikum ins Haus Auensee in Leipzig lockt.

Die größte, faszinierendste, unfassbarste Überraschung ist aber: Jan Plewkas Stimme. Noch immer. Als Selig vor mehr als 15 Jahren die deutsche Musiklandschaft auf den Kopf stellten, klang sein Gesang schon, als könne er damit kein einziges weiteres Konzert überstehen. Verraucht, gebrochen, aufregend. Nun, fünf Alben später und in einer Phase der Karriere, in der die Konzerte von Selig von einer Brauerei präsentiert werden, ist es noch immer so.

Selig leben von dieser Stimme, denn nicht zuletzt drückt sie aus, wofür diese Band steht: fühlen, leiden, leben – ohne Rücksicht auf Verluste. Das funktioniert sehr gut bei den neueren Songs wie dem packenden Hey Ho, das im Haus Auensee in Leipzig als letztes Lied vor der Zugabe erklingt, oder dem Comeback-Schlachtruf Wir werden uns wiedersehen.

Am besten greift dieser Effekt aber bei den alten Songs, und die sind es auch, die gestandene Männer an diesem Abend in Phasen der Entrückung bringen, die sie sonst wohl allenfalls noch beim Fußball erleben. Keine Frage: Für sie ist dieser Abend voller Momente für die Ewigkeit – ob beim durchaus spektakulären Lass mich rein oder Wenn ich wollte in der Zugabe.

Beim feinen Die Besten spielt Jan Plewka das alte Chuck-Berry-Spiel und lässt Jungs gegen Mädchen ansingen. Er spielt auch mit der eigenen Geschichte und schäkert ein bisschen mit dem Leipziger Publikum. „Guck mal, ein T-Shirt von uns von ganz früher“, entdeckt er. Und sorgt dann dafür, dass sich all jene besonders stolz fühlen dürfen, die „damals in der Moritzbastei“ schon dabei waren.

Den Abschluss macht natürlich Ohne Dich, das auch in Leipzig beweist, dass es nichts weniger als eine Hymne ist. Es ist ein sehr passender Abschluss für einen Abend mit viel Nostalgie und einer gesunden Portion Aktualität. „Wir sind Selig. Seid ihr es auch?“ will Jan Plewka kurz vor Schluss wissen. Die meisten dürften das noch einer soliden Show bejahen. Und mit der erfreulichen Erkenntnis nach Hause gehen, dass Selig nun voll und ganz mit sich im Reinen sind. Vielleicht zum ersten Mal in ihrer Karriere.

Viel bewegender kann ein Schlusspunkt nicht sein: Selig spielen Ohne Dich live im Haus Auensee in Leipzig:


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