Nase zu und durch
Preisfrage: Kann man leidlich prominent sein, sich für 50.000 Euro vor einem Millionenpublikum bloßstellen lassen, halbnackt im Urwald an einem Kamelschwanz knabbern, sich danach von Sonja Zietlow und Dirk Bach (ausgerechnet!) verarschen lassen – und trotzdem noch cool sein? Thomas Rupprath und Jay Khan haben es gestern Abend jedenfalls im Dschungelcamp versucht. Nach einer reichlich ekligen Dschungelprüfung und sieben von neun möglichen Sternen bleibt das Fazit: Sie hätten nur eine Chance gehabt, wenn sie sich ein paar Hilfsmittel bei Synchronschwimmerinnen geliehen hätten.
Zudem ließ RTL am Tag 10 des Dschungelcamps 2011 ausnahmsweise eine Chance für den perfekten Audience Flow verstreichen: Die Rolle des Chefkochs, Kellners und Ernährungsberaters bei Ich bin ein Star – holt mich hier raus bleibt einem gewissen Dr. Bob vorbehalten. Dabei meine ich: Viel besser geeignet für diesen Job wäre Christian Rach.
Draufgeschaut: 39,90
| Film | 39,90 |
| Originaltitel | 99 Francs |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 2007 |
| Spielzeit | 100 Minuten |
| Regie | Jan Kounen |
| Hauptdarsteller | Jean Dujardin, Jocelyn Quivrin, Patrick Mille, Vahina Giocante, Elisa Tovati, Nicolas Marié |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
Octave arbeitet in einer Werbeagentur. Der Job, der von anderen als “kreativ” betrachtet wird, ist für ihn selbst nur erträglich, weil er viel Geld für wenig Arbeit bekommt. Als seine schwangere Freundin Sophie ihn verlässt, verliert er völlig den Halt.
Das sagt shitesite:
Die Verfilmung des Bestsellers von Frédéric Beigbeder ist ähnlich zynisch, knallig und amüsant wie das Buch. Dass der Mensch in 39,90 als Produkt betrachtet wird, ist schon nach dem Intro klar, in dem die Namen der Schauspieler jeweils mit einem Strichcode versehen sind. Danach wird ein schonungsloser Blick geworfen auf die Welt der Werbung: Das Leben von Octave ist an Dekadenz nicht zu überbieten, er ist (wie alle seine Kollegen in der Branche) ein ewiger Teenager, abgehoben, überbezahlt und oberflächlich. Das Starke daran ist: 39,90 überhöht diesen Lifestyle so stark, dass es amüsant wird statt nach erhobenem Zeigefinger zu riechen. Und Jean Dujardin versteht es, den Octave authentisch zu machen, ohne jemals Sympathie für ihn einzufordern. Er leugnet jede Verantwortung, er ist Dandy und Wrack, gleichzeitig komplett selbstverliebt und voller Selbsthass – weil er weiß, wie hohl seine Welt ist, wie unmoralisch seine Arbeit und wie banal sein Vergnügen. Verstörende Szenen, tolle Pointen und Bilder und Dialoge, die stets auf den maximalen Effekt aus sind – damit schafft 39,90 als Film eine kongeniale Entsprechung der Botschaft des Buches: Konsum bedeutet zwangsläufig Manipulation.
Bestes Zitat:
“Kein verantwortungsloser Idiot hatten in den letzten 2000 Jahren so viel Macht wie ich.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Spokes – “Everyone I Ever Met”
| Künstler | Spokes |
| Album | Everyone I Ever Met |
| Label | Counter Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Als Musikjournalist hat man es nicht immer leicht. Es ist das alte Dilemma, das Elvis Costello mit dem schönen Satz auf den Punkt gebracht hat: „Schreiben über Musik ist wie Tanzen zu Architektur.“ Da ist was dran – und trotzdem bleibt das Anliegen, mit einem Text deutlich zu machen, wie so eine neue CD klingt und wirkt, was sie für Gefühle und Erinnerungen weckt.
Das Ergebnis sind dann manchmal legendäre Schwurbeleien wie die von den „sonic cathedrals“, die eine Band da mit ihrem Sound errichtet, oder Genres wie „ethereal darkwave“.
Spokes machen es einem da einfacher. Ihren Sound kann man sehr treffend mit zwei Wörtern umschreiben: Arcade Fire. Das Schöne daran: Das Quintett aus Nordengland betont natürlich seine Eigenständigkeit, stört sich aber keineswegs an diesem Vergleich.
Leugnen wäre auch zwecklos angesichts des Debütalbums Everyone I Ever Met. Die Vorab-Single We Can Work It Out (kein Beatles-Cover, dafür aber erfreulicherweise hier verfügbar zum kostenlosen Download) ist bezaubernd opulent und beschwingt. Und schon zuvor hat der Opener 3 4 5 alle Zutaten, die auch bei Win Butler & Co. für packenden Sound sorgen: Das Lied beginnt ganz ruhig, dann baut das Schlagzeug Dramatik auf, es gibt reichlich Drive, Streicher, eine Frauenstimme (Ruth Ilgunas) im Hintergrund und mehr heiligen Eifer als beim Eröffnungsgottesdienst zum CSU-Parteitag.
Es geht mal ganz beschaulich zu (das sehnsuchtsvolle Canon Grant), mal voller Wucht (Torn Up In Praise), beim Titelsong lassen sich Spokes erst fünf Minuten Zeit, bevor der Gesang von Liam Morley einsetzt.
Manches klingt nach Saybia (das akustische Sun It Never Comes), anderes erinnert an Electric Soft Parade (Peace Racket), an einer Stelle sind die Ähnlichkeiten zu No Surprises von Radiohead so groß, dass man eine Urheberrchtsklage befürchten muss (Give It Up To The Night).
Everyone I Ever Met ist nach der 2008er EP People Like People Like You ein Ausrufezeichen, ebenso ambitioniert wie aufrichtig. Es gibt hier keine Ironie, keinen Zynismus, keine Anspielungen. Nur Herzlichkeit, Gefühl. Leidenschaft.
Robin Hood? Oder doch eher Dschungelcamp? In jedem Fall erweisen sich Spokes im Video zu We Can Work It Out als Naturmenschen:
as Ergebnis sind dann manchmal legendäre Schwurbeleien wie die von den „sonic cathedrals“, die eine Band da mit ihrem Sound errichtet oder Genres wie „ethereal darkwave“.
Spokes machen es einem da einfacher. Ihren Sound kann man sehr treffend mit zwei Wörtern umschreiben: Arcade Fire. Das Schöne daran: Das Quintett aus Nordengland stört sich nicht einmal an diesem Vergleich, betont aber natürlich seine Eigenständigkeit.
Leugnen wäre auch zwecklos angesichts des Debütalbums Everyone I Ever Met. Die Vorab-Single We Can Work It Out (kein Beatles-Cover, dafür hier verfügbar zum kostenlosen Download) ist bezaubernd opulent und . Und schon zuvor hat der Opener 3 4 5 hat alle Zutaten, die auch bei Win Butler & Co. für packenden Sound sorgen: Das Lied beginnt ganz ruhig, dann baut das Schlagzeug Dramatik auf, es gibt reichlich Drive, Streicher, eine Frauenstimme im Hintergrund und mehr heiligen Eifer als beim Eröffnungsgottesdienst zum CSU-Parteitag.
Es geht mal ganz beschaulich zu (das sehnsuchtsvolle Canon Grant), mal voller Wucht (Torn Up In Praise), beim Titelsong lassen sich Spokes erst fünf Minuten Zeit, bevor der Gesang von Liam Morley einsetzt. Manches klingt nach Saybia (das akustische Sun It Never Comes), anderes erinnert an Electric Soft Parade (Peace Racket), an einer Stelle sind die Ähnlichkeiten zu No Surprises von Radiohead so groß, dass man eine Urheberrchtsklage befürchten muss (Give It Up To The Night).
Everyone I Ever Met ist ebenso ambitioniert wie aufrichtig. Es gibt hier keine Ironie, keinen Zynismus, keine Anspielungen. Nur Herzlichkeit, Gefühl. Leidenschaft.
http://www.counterrecords.com/spokes/eflyer.php
http://www.myspace.com/spokessound
Draufgeschaut: French Kiss
| Film | French Kiss |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1995 |
| Spielzeit | 111 Minuten |
| Regie | Lawrence Kasdan |
| Hauptdarsteller | Meg Ryan, Kevin Kline, Timothy Hutton, Jean Reno, Suzan Anbeh |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Kate und Charlie sind ein glückliches Paar. Doch kurz bevor sie sich entschließen, ein Haus zu kaufen und damit ihre gemeinsame Zukunft zu besiegeln, verliebt sich Charlie auf einer Dienstreise in eine Französin. Kate reist nach Paris, um ihn für sich zurückzugewinnen. Doch das wird schwieriger als gedacht. Vor allem, weil sie auch noch den vorlauten Franzosen Luc abwimmeln muss, den sie im Flugzeug kennen gelernt hat – und der sie prompt als nichtsahnenden Kurier für seine krummen Geschäfte benutzt.
Das sagt shitesite:
French Kiss ist ein amüsanter Culture Clash. Mit Charme, reichlich Slapstick und vielen sehr humorvollen Bildern wird hier mit den Vorurteilen zwischen Neuer und Alter Welt gespielt – und natürlich eine romantische Liebesgeschichte erzählt, wie das stets sein muss, wenn Meg Ryan mitwirkt. Sie gibt Kate wie fast immer: rational, nüchtern, verklemmt, neurotisch, hysterisch und voller amerikanischem Selbstmitleid. Das ist ein durchaus reizvoller Gegenpart zu Kevin Kline, der schon allein in seine Mimik all die übertriebene Extrovertiertheit des Klischee-Franzosen legt. Das Ende von French Kiss ist natürlich klar, aber da würde der Franzose wohl einfach sagen: C’est la vie…
Bestes Zitat:
“Ich weiß nicht, wie man euch in Frankreich erzieht. Aber unverschämt und interessant ist nicht dasselbe.”
Der Trailer zum Film:
Interview mit White Lies
White Lies aus London veröffentlichen in einer Woche ihr zweites Album Ritual. Gemeinsam mit meiner Kollegin Ines Weißbach habe ich Bassist Charles Cave und Schlagzeuger Jack Lawrence-Brown bei der Geburtstagsfeier von MDR Jump im Haus Auensee in Leipzig getroffen. Wir sprachen über Umarmungen, ganz normale Helden und die Unlust, sich selber zu sehen.
Euer neues Album heißt Ritual. Was ist ein Ritual für euch?
Lawrence-Brown: Wenn wir mit der Band unterwegs sind, gehört für mich zum Ritual, ziemlich spät aufzustehen. Dann kommt Harry [gemeint ist Harry McVeigh, der Sänger der White Lies] und steckt seinen Kopf für ein paar Minuten in mein Leben. Er nervt dann alle ein bisschen mit seinem Drum’N'Bass. Vor der Show trinken wir dann etwas und versuchen, etwas Gutes zu essen. Dann umarmen wir uns unmittelbar bevor es auf die Bühne geht. Das ist unser tägliches Ritual, wenn wir mit den White Lies auf Tour sind.
Ihr umarmt euch, bevor ihr auf die Bühne geht?
Lawrence-Brown: Ja, schon immer. Das ist Aberglaube. Ich weiß nicht genau, ob es einen Einfluss auf die Qualität unserer Show hat. Aber selbst wenn wir erkältet sind, so wie jetzt gerade: Wir umarmen uns trotzdem.
Apropos Aberglaube. Das zweite Album gilt als grundsätzlich schwierig für Bands. Wie war’s bei euch?
Cave: Wir haben keinen Druck verspürt. Wir konnten es eher kaum abwarten, endlich wieder Songs zu machen. Das war quasi Luxus und eine Zeit der Entspannung nach einer so langen Tour. Es war sogar entspannender, als einfach gar nichts zu tun.
Für immer mehr Bands ist es wegen der Krise der Plattenfirmen schon ein Luxus, überhaupt ein zweites Album machen zu können.
Cave: Auf jeden Fall. Wir haben aber nicht darüber nachgedacht, als wir das Album produzierten. Wir waren ziemlich selbstsicher, haben uns aber auch über die Möglichkeit eines zweiten Albums gefreut. Denn White Lies hatten vor Ritual genau zwölf Lieder als Band. Wir hatten viele Ideen und Inspirationen im Hinterkopf durch die Erlebnisse, die uns das erste Album beschert hat.
Hat die Tour nach dem Debüt To Lose My Life auch euren Musikstil beeinflusst? Es scheint, als stünde auf der neuen Platte der Rhythmus mehr im Vordergrund als bisher.
Lawrence-Brown: Wir haben auf der Tour viel gelernt und haben jetzt auch musikalisch andere Möglichkeiten. Bei hunderten von Shows in den vergangenen Jahren muss man auch auf seinem Instrument dazulernen. Wir haben außerdem viel andere Musik gehört, die uns beeinflusst hat.
Was für Musik?
Lawrence-Brown: Die Band, die mich in den vergangenen beiden Jahren am meisten beeinflusst hat, ist Talk Talk. Vorher wusste ich nicht sehr viel über diese Band. Sie hatten eine beeindruckende Karriere und wurden mit der Zeit immer abstrakter in ihrer Musik. Sie hatten kein Problem damit, hunderttausende Pfund vom Geld ihrer Plattenfirma für eine experimentelle Platte auszugeben. Ich hatte wirklich Spaß, das zu entdecken. Manche Lieder waren so ruhig und leise produziert, dass du kein Talk-Talk-Album im Zug hören kannst, weil du einfach nichts hörst.
Wollt ihr da auch hin, dass ihr in dreißig Jahren nur noch experimentelle Musik macht?
Lawrence-Brown: Es ist ziemlich schwer vorstellbar, welche Musik wir in dreißig Jahren spielen. Ich hätte einfach gern diese Freiheit und den Ehrgeiz, den Mark Hollis verströmt. Wir konnten aber jetzt schon bei unserer zweiten Platte so frei arbeiten wie wir wollten – und hatten auch den Ehrgeiz dazu.
Ihr habt Ritual mit Alan Moulder eingespielt. Er produzierte unter anderem die Nine Inch Nails, The Killers und die Smashing Pumpkins. Flößen solche großen Namen Respekt ein?
Cave: Er ist nicht ins Studio gekommen und hatte ein Nine-Inch-Nails-T-Shirt an. Er hält dir zum Glück seinen Lebenslauf und die legendären Alben, die er gemacht hat, nicht vor. Er glaubt nicht, dass er das alles einfach so nochmal reproduzieren könnte. Er will sich immer verbessern und sich selbst testen. Es ist schön, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er ist ein sehr bescheidener Mensch und war interessiert daran, was wir zusammen schaffen können. Es gab keine bestimmten Erwartungen an die gemeinsame Arbeit. Wir hatten aber eine wunderbare Zeit.
Ihr seid also nicht nervös gewesen.
Cave: Nein, überhaupt nicht. Würdest du nervös sein, wenn du den besten Arzt der Welt treffen würdest? Ich glaube nicht.
Hat er die White Lies auf eine neue Stufe gehoben?
Cave: Das haben wir schon selbst gemacht. Das Demo, das wir ihm von unserer Platte gegeben haben, war schon anders als unser erstes Album. Aber er hat die Songs zu einem Album verbunden und so gut gemacht, wie sie sein konnten.
Charles, du warst Anfang 2010 in Tibet. Haben die Erlebnisse dort Einfluss auf das neue Album gehabt?
Cave: Ja, ich habe einen Song darüber geschrieben. Wir hatten aber noch viel mehr Einflüsse. Die einflussreichsten Dinge für uns sind eigentlich wirklich langweilig, wenn man darüber spricht. Wir waren zusammen auch an wirklich seltsamen Orten wie Island oder Russland. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass diese Orte deine Musik beeinflussen. Es ist einfacher, einen Song über etwas scheinbar viel Geringfügigeres zu schreiben. Weil es dir mehr bedeutet.
Warum heißt das Album Ritual?
Cave: Viele Songs haben etwas mit Dingen zu tun, denen Menschen im Leben nachgehen. Das können auch Rituale sein. Rituale haben für verschiedene Menschen auch aus unterschiedlichen Kulturen immer andere Bedeutungen. Manchmal ist das religiös, manchmal sind es einfach Angewohnheiten oder Aberglaube. Auf einer einfachen Ebene könnte das schon die Familie sein, zu der du jeden Abend zum Abendessen nach Hause kommst. Deine Frau macht Essen, du redest mit den Kindern. Das ist ein Ritual.
Ein einfaches Ritual, bei dem Menschen vielleicht gar nicht wahrnehmen, dass es ihnen wichtig ist.
Cave: Ja, stimmt.
Würdet ihr so auch gern eure Musik sehen: Sie umgibt die Menschen, ohne dass sie wirklich merken, wie viel sie ihnen bedeutet?
Cave: Ich weiß nicht. Davon abgesehen, dass unsere Musik teils sehr dramatisch ist, glaube ich, dass die Bedeutung oft sehr subtil ist. Ich würde gern Musik machen, die ein wenig Zeit braucht, um sich ins Bewusstsein der Zuhörer einzugraben. Ich hoffe, dass ist uns auf dem jetzigen Album gelungen.
Das klingt, als seien auf dem ersten Album To Lose My Life für euren Geschmack zu viele Hymnen gewesen.
Cave: Ich glaube, dass wir mit dem Pomp auf dem ersten Album sehr viel kompensiert haben, unsere Zweifel an der Produktion. Wir haben die Lieder überproduziert, um sie so selbstbewusst wie möglich klingen zu lassen. Trotzdem hatten wir nie einen Song in den Top 40 der englischen Charts. Die Leuten mögen unsere Lieder bei Festivals und anderen Liveauftritten. Aber unsere aktuelle Single Bigger Than Us ist erfolgreicher als alles, was wir bisher gemacht haben, weil das Lied in Großbritannien, Holland und Dänemark viel im Radio gespielt wird.
Zu Bigger Than Us gibt es ein interessantes Video, in dem ein kleiner Junge im Krankenhaus liegt. Habt ihr Einfluss auf eure Videos?
Cave: Nicht wirklich. Regisseure von Musikvideos sind meistens verhinderte Filmemacher. Das merkt man. Sie haben nicht die Finanzierung oder die Ideen, um einen echten Film zu produzieren. Deshalb machen sie Musikvideos. Wenn wir Musikvideoideen zugeschickt bekommen, merkt man, dass diese Leute die Idee zu dieser Handlung schon ewig im Kopf haben. Und jetzt suchen sie nur noch einem Vorwand, um endlich an das Geld zu kommen, um die Idee umzusetzen. Musikvideos sind für mich ein totes Genre. Wir müssen sie aber trotzdem machen. Musikfernsehen ist immer noch populär. Die Tage der unglaublich guten Musikvideos von Radiohead oder Björk sind aber lange vorbei. Damals war das eine tolle Werbung für deren Musik.
Ihr würdet also lieber komplett auf Musikvideos verzichten?
Cave: Genau. Ich finde Videos von Liveshows besser. In Musikvideos wäre ich lieber nicht zu sehen. Denn wir drehen für zehn Minuten und müssen dann wieder fünf Stunden lang warten.
Ein Trailer macht Lust auf das neue Album Ritual:
Dieses Interview mit den White Lies gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Wild Wild West

Artemus Gordon (Kevin Kline, links) und James West (Will Smith) sollen einen fiesen Wissenschaftler finden.
| Film | Wild Wild West |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1999 |
| Spielzeit | 102 Minuten |
| Regie | Barry Sonnenfeld |
| Hauptdarsteller | Will Smith, Kevin Kline, Kenneth Branagh, Salma Hayek |
| Bewertung | ** |
Worum geht’s?
US-Präsident Ulysses S. Grant wird von einem irren Wissenschaftler bedroht: Der hat eine Wunderwaffe entwickelt und will nun den Präsidenten zwingen, ihm die Macht zu geben. Zwei der besten Männer sollen ihm das Handwerk legen: der Draufgänger James West und der Verwandlungskünstler Artemus Gordon. Doch bevor sie sich auf die Jagd nach dem gefährlichen Dr. Loveless machen können, haben sie erst einmal ein ganz anderes Problem zu lösen: Sie können sich auf den Tod nicht ausstehen.
Das sagt shitesite:
Schon das Intro zu Wild Wild West sieht aus, als würde Shaft auf Ennio Morricone treffen, und auch danach mischt der Film fleißig die Genres. Irgendwo zwischen Starship Troopers, Jules Verne, Mad Max, Spaghettiwestern, Indiana Jones und Transformers entsteht so ein sehr üppiges Spektakel, aber leider nur selten Humor. Ein schwarzer Cowboy? Dieser Gag ist schon nach wenigen Minuten aufgebraucht, und auch danach hat Wild Wild West nicht mehr viel zu bieten als ein paar nette Zitate und alles in allem routinierte Hollywood-Unterhaltung. Die Ausstatter hatten hier definitiv mehr Spaß als die Zuschauer.
Bestes Zitat:
“Und mal ehrlich, unter uns: Diese ganze Sklaverei? Ich begreife sowieso nicht, warum die so einen Rummel darum machen. Im Ernst: Wer möchte denn nicht, dass sich Leute für einen abschuften und dabei auch noch singen?”
Der Trailer zum Film:
Die Sehnsucht nach Kontinuität
Matthias Sammer wird nicht neuer Sportdirektor beim Hamburger SV. Er entschied sich, beim DFB zu bleiben – und stellt die Hamburger Verantwortlichen damit bloß. Natürlich mag man Sammer vorwerfen, dass er überhaupt so intensiv mit dem HSV verhandelt hat, wenn er sich jetzt plötzlich doch gegen das Angebot entscheidet. Aber dass das Ganze nun in einer Blamage endet, liegt einzig und allein an der Hamburger Führungsriege: Hätte sie den Coup nicht voreilig in die Öffentlichkeit getragen, wäre alles womöglich anders gelaufen. Nun wirft das Wechseltheater ein fragwürdiges Licht auf die Professionalität der HSV-Bosse.
Den kompletten Kommentar zu Matthias Sammer und dem HSV gibt es bei news.de.
Draufgeschaut: Ray
| Film | Ray |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 152 Minuten |
| Regie | Taylor Hackford |
| Hauptdarsteller | Jamie Foxx, Kerry Washington, Regina King, Clifton Powell |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
Ray Robinson ist blind, seit er ein kleiner Junge ist. Das hat in ihm aber nicht nur einen ungeheuren Ehrgeiz erweckt, sondern ihm auch geholfen, das absolute Gehör zu entwickeln. Als Pianist will er Karriere machen und geht dazu nach Seattle. Dort wird sein Talent schnell entdeckt – und als Ray Charles stellt der blinde Pianist die Musikwelt auf den Kopf. Doch auch der immense Erfolg kann die alten Dämonen nicht vertreiben. Mit Drogen, Frauen und Arroganz setzt Ray seine Karriere aufs Spiel.
Das sagt shitesite:
Es gibt an Ray nur zwei Dinge auszusetzen: Der Schluss ist arg kitschig geraten und am Beginn wirkt der Slang der Musiker in der Jazz-Szene zumindest in der deutschen Übersetzung arg hölzern. Doch dazwischen wird Ray zu einem meisterhaften Biopic. Jamie Foxx spielt den Ausnahmemusiker mit beeindruckender Tiefe und enormer Präsenz. Er ist ganz nah dran an den Bewegungen, Gesten und der Mimik, ohne dass dies je wie Manierismus wirkt. Stattdessen macht er klar: Für Ray Charles waren die Ohren seine Augen und die Musik seine Welt.
Der Film zeigt Ray Charles als einen Mann, der nicht nur sein Augenlicht verloren hat, sondern damit auch die Möglichkeit, unabhängig zu sein. Wie sehr er ständig auf der Hut sein muss, um nicht verletzt oder hintergangen zu werden, wird hier mit vielen kleinen Details erzählt – und lässt letztlich verstehen, wieso Ray Charles die Opferrolle so vehement ablehnte und in eine mitunter schwer zu ertragende Selbstherrlichkeit umwandelte. Gerade die Tatsache, dass Ray den negativen Charakterzügen so viel Raum gibt, macht den Film so eindrucksvoll. Die Titelfigur ist hier eben nicht nur Tausendsassa, sondern auch Junkie, Chauvi und Konformist. Das ist ein durchaus schlauer Griff, denn letztlich erstrahlt die musikalische Genialität von Ray Charles dadurch in umso hellerem Licht.
Bestes Zitat:
“Weißt Du, mein Name ist mir egal. Hauptsache er steht auf der Platte.”
Der Trailer zum Film:
Der Klang des Aufruhrs
«Rock» ist das erste Wort dieser Dokumentation. Ein Mann sagt es, ruft es, schreit es. Immer wieder. Rock. Rock. Rock. Er ist das Sinnbild dessen, was man sich wohl unter einem Rockstar vorstellt: wirre Frisur, ein Anzug irgendwo zwischen Fell und Samt, darunter ein freier Oberkörper. Dann verändert sich sein Text, minimal. «Fuck, fuck, fuck», ruft er jetzt.
Die Eingangsszene ist sinnbildlich für Wild Thing, die zweiteilige Arte-Dokumentation, mit der Regisseur Jérôme de Missolz die Geschichte der Rockmusik erzählen will. Zum einen fängt die Lautmalerei aus «Rock» und «Fuck» auf denkbar knappe Art die Quintessenz dieser Musikrichtung ein: Im Rock geht es ums Aufbegehren gegen Unterdrückung, gesellschaftlich, aber auch sexuell. Es geht um die Feier der Individualität, die letztlich Identität stiftet.
Zum anderen macht schon dieser Beginn klar: Wild Thing ist ein ganz und gar persönlicher Blick auf die Geschichte des Rock. Der erste Teil befasst sich heute Abend mit der Zeit von den Rock-Pionieren wie Chuck Berry bis zum Ende der Hippie-Ära. Teil 2 blickt in einer Woche auf die Phase, in der es nicht mehr in erster Linie ums Erschaffen ging, sondern um Destruktion. In beiden Fällen geht es nicht um die berühmtesten Musiker des Genres, nicht um Hits und Erfolge. Jérôme de Missolz stellt stattdessen die schrägen und tragischen Figuren vor und betont deren Bedeutung und Einfluss. Er ist, wie er selbst sagt, «auf der Suche nach den letzten unbeirrbaren Helden».
Jérôme de Missolz orientiert sich stark an der eigenen Biographie (und Plattensammlung). Er wäre (wie die meisten Musikjournalisten) ganz offensichtlich selbst gerne Rockstar geworden und er erweist sich (wie alle beinharten Rockfans) gelegentlich als unerträglicher Snob. Sein Blick auf die Geschichte des Rock ist deshalb nicht exemplarisch, aber trotzdem aussagekräftig. Geschickt zeigt die Dokumentation die Wirkungsmacht dieser Musik, wichtige Erneuerer und unverkennbare Traditionsstränge.
Iggy Pop, Ex-Frontmann des Stooges und Gottvater des Punk, der hier hampelnd, philosophierend und beschwörend als eine Art Erzähler auftritt, beschreibt den Rock’N’Roll als das Mittel, den unsichtbaren Vorhang zu lüften «zwischen Dir und allem, was lebenswert ist in der Welt». Jérôme de Missolz selbst erklärt Satisfaction von den Rolling Stones zur «Hymne an die Frustration der Jugend» und Bob Dylans Like A Rolling Stone zu einem «elektronischen Manifest, einer musikalischen und gesellschaftlichen Grenzverletzung». Das sind durchaus wertvolle, tiefgründige und richtige Gedanken.
Wer die Doku allerdings als Einführung in die Rockmusik begreift oder gar so etwas wie ein Standardwerk des Genres erwartet, wird enttäuscht – und das liegt ausgerechnet an der Musik. Zwischen den Interviews gibt es immer wieder Performances der Künstler zu sehen, zum Teil auch bisher unveröffentlichtes Archivmaterial. Doch in den seltensten Fällen werden The Who, die Rolling Stones oder Janis Joplin dabei in Bestform erwischt. Weder gibt es die größten Klassiker zu hören noch wirklich ultimative Auftritte zu sehen. Die Musik, die man hört, ist mitunter so lahm, dass man kaum nachvollziehen kann, wie sie all die gesellschaftlichen und kulturellen Neuerungen ausgelöst haben soll, von denen hier die Rede ist.
Auch die Riege der Experten ist bis auf wenige Ausnahmen eher zweite Liga. Wer sich auf die Jagd nach der Essenz des Rock machen will, käme wohl eigentlich kaum auf die Idee, Jimmy Carl Black (Schlagzeuger von Frank Zappas Mothers Of Invention), Garry Duncan von Quicksilver Messenger Service oder Reg Presley, den Sänger der Troggs, als bedeutendste Zeitzeugen zu sprechen. Doch ebenso wie an legendäre Konzertmitschnitte kamen die Macher an prominentere Namen wohl nicht ran.
Deshalb meint man manchmal, ein Buch wäre die bessere Form für Jérôme de Missolz musikalische Zeitreise gewesen. Als Film bleibt Wild Thing ein Vergnügen vor allem für Kenner.
So klingt der Abspann der Doku: Wild Thing in der Version von The Damned:
Diese Rezension zu Wild Thing gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: FC Venus
| Film | FC Venus |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 100 Minuten |
| Regie | Ute Wieland |
| Hauptdarsteller | Christian Ulmen, Nora Tschirner, Anneke Kim Sarnau, Heinz Hoenig, Florian Lukas |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Paul zieht mit seiner Freundin Anna aus Berlin zurück in seinen Heimatort Imma – angeblich, weil ihm ein alter Freund dort einen tollen Job angeboten hat. Doch in Wirklichkeit will er als Stürmer seinem vom Abstieg aus der dritten Kreisklasse bedrohten Fußballverein aus der Patsche helfen. Anna ist entsetzt von diesem Trick, und noch mehr erschüttert sie, wie sehr die Amateurkicker von Eintracht Imma das Miteinander im Dorf prägen und vor allem den Spielerfrauen das Leben zur Hölle machen. “Du kannst Deinen Mann aus dem Verein nehmen, aber nicht den Verein aus Deinem Mann”, lautet deren Devise. Anna bietet Paul eine Wette an: Wenn die Frauen aus dem Ort in einem Fußballspiel gegen die Männer gewinnen, müssen die ein für alle Mal aufhören mit ihrem Lieblingssport. Paul akzeptiert – doch als Anna den FC Venus auf die Beine stellt, beginnt seine Siegesgewissheit schnell zu schwinden.
Das sagt shitesite:
Mit vielen netten Zitaten, unter anderem aus Western-, Sandalen- und natürlich Sportfilmen, macht FC Venus im Jahr der Fußball-WM in Deutschland die Sache mit dem Runden und dem Eckigen zu einem amüsanten Kampf zwischen (und Vergnügen für) Mann und Frau. Gerade, weil es hier nicht um Profis, Weltruhm und Millionen geht, wird deutlich, was der Fußball nun einmal ist: ein Gottesdienst, eine Droge – und ein Beziehungskiller. Deshalb geht es hier auch gar nicht so sehr um Fußball, sondern um Geschlechterklischees und gekränkte Eitelkeiten. Weil das alles hier mit einem sehr charmanten Augenzwinkern und pfiffigen Dialogen überhöht wird, ist FC Venus letztlich: ein großer Sieg für den Sport.
Bestes Zitat:
“Das hier ist die 3. Kreisklasse, mein Freund, und da ist der Schiedsrichter Gott. Und Gott tut, was er will.”
Der Trailer zum Film:





