Hingehört: Snoop Dogg – “Doggumentary”
| Künstler | Snoop Dogg |
| Album | Doggumentary |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Florian Werner wirft in seinem sehr lesenswerten Buch Dunkle Materie – Die Geschichte der Scheiße einen kleinen Seitenblick auf Rap. Der wurde schließlich schon von Ice-T als “the art of shit talking” definiert, und Werner zieht daraus interessante Schlussfolgerungen. Zum einen macht er deutlich, wie sehr der Sprechgesang eine spielerische Form ist – und dass Rap sich damit per se über Kriterien wie Authentizität erhebt. Zum anderen unterstreicht er, wie wichtig hier nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Klang der Worte ist.
“Dass es den Zeilen bisweilen an inhaltlichen Nährstoffen zu mangeln scheint, ist (…) unerheblich und sogar Teil des ästhetischen Konzepts: Texte im Modus des shit talking mögen zwar in einer scheinbar vertrauten Sprache verfasst sein – doch gleicht diese nicht selten “einem Geheul, einem Schuss oder (…) dem Wind oder einer Welle”, wie der karibische Dichter und Literaturtheoretiker Edward Kamau Brathwaite formuliert. “Diese Dichtung (…) verdankt sich gleichermaßen dem Klang wie dem artikulierten Gesang. Mit anderen Worten: Die Geräusche, die sie hervorbringt, sind Teil der Bedeutung.”
Folgt man dieser durchaus schlüssigen These, dann ist Snoop Dogg der König des shit talking – und damit der König des Rap. Er hat aus sich selbst in fast 20 Jahren nicht nur eine Kunstfigur gemacht, zu der Werbeverträge mit Adidas oder Pepsi ebenso zählen wie weit über drei Millionen Twitter-Follower. Er hat auch seine quasi eigene Sprache erfunden. Snoop Dogg ist sein eigenes Markenzeichen.
Doggumentary heißt nun das elfte Studioalbum des Manns, der als Calvin Broadus geboren wurde. Das klingt ein bisschen nach Greatest Hits, und diese Assoziation passt: Snoop Dogg hält (und das ist durchaus selten bei Rap-Alben) auf Doggumentary fast durchweg ein sehr hohes Niveau, zeigt sich enorm selbstbewusst – und fast ein bisschen altersweise.
Natürlich klebt der “Parental Advisory”-Sticker auf der Hülle. Aber einen Skandal gibt es hier weit und breit nicht. Gangbang Rookie ist nach gut der Hälfte dieser fast 80 Minuten am nächsten dran. Doch dass Snoop Dog, bekanntermaßen im Nebenberuf als Pornoproduzent tätig, auch in dieser Hinsicht kein Kostverächter ist – wen soll das noch schocken?
Der fast 40-Jährige hat derlei Provokation nicht mehr nötig. Er hat andere Stärken, und die spielt er hier aus. Einen ganzen Mannschaftsbus voller Star-Produzenten und prominenter Gäste fährt der Doggfather auf, von R. Kelly über T-Pain, Kanye West und die Gorillaz bis hin zu, jawohl: Country-Altmeister Willie Nelson (zum irren Superman steuert Snoop einen enorm smoothen Gesang bei).
Er überlässt ihnen oft die Bühne, er lässt sie auch ein bisschen die Drecksarbeit machen, um dann um so heller zu strahlen, egal ob mit sonnigen Sounds wie bei Wonder What It Do oder mit der durchaus ernstzunehmenden Aggressivität von My Fucn House .
Und: Snoop Dogg ist clever genug, nicht mehr allzu oft seine Shizzle-Bizzle-Masche durchzuziehen. Er will sich nicht auf einen Trick festlegen lassen, und er beweist mit Doggumentary, dass er viel mehr zu bieten hat – und genau darum weiß. Die Anspielungen auf Lady Gaga, Beverly Hills Cop, Randy Crawford oder einen Soul-Klassiker von Johnny Taylor wären dafür gar nicht nötig, machen aber Spaß.
Die Themen sind natürlich noch immer Basketball und Kiffen, Geld und Weiber, aber der Sound ist so frisch, wie man das nach fast 20 Karrierejahren kaum noch glauben mag. Platinum spielt mit House-Elementen, aus der Single Wet macht David Guetta auf dem hier enthaltenen Remix einen frechen Kracher mit einer gute Prise Eurodance. Manches ist durchgeknallt (We Rest N Cali lässt gar an Busta Rhymes denken), vieles extrem entspannt (mit This Weed Iz Mine gelingt Snoop Dogg sogar schon wieder eine erstaunlich inspirierte Hymne ans Kiffen), alles sehr gewitzt – und der gute alte G-Funk (Peer Pressure und vor allem The Way Life Used To Be), den er auch mit 213 so gerne feierte, hat ebenfalls nichts von seinem Reiz verloren.
Wer so großspurig und augenzwinkernd auf seine Karriere zurückblicken und zugleich so frisch und kreativ bleiben kann, der darf sich von seiner Plattenfirma dann wohl ganz zurecht “der berühmteste Rapper der Welt” nennen lassen. Kein Scheiß.
Kein Kostverächter – das beweist Snoop Dogg auch im Video zu Wet:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
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