Draufgeschaut: Nachts im Museum

Nachtwächter Larry (Ben Stiller, links) muss sich mit Figuren rumschlagen, die zum Leben erwecken, wie die von Theodore Roosevelt (Robin Williams).
| Film | Nachts im Museum |
| Originaltitel | Night At The Museum |
| Produktionsland | USA/Kanada/Großbritannien |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 105 Minuten |
| Regie | Shawn Levy |
| Hauptdarsteller | Ben Stiller, Robin Williams, Jake Cherry, Dick Van Dyke, Carla Gugino, Mickey Rooney, Bill Cobbs, Owen Wilson |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Larry ist ständig auf Jobsuche und findet das eigentlich auch nicht weiter schlimm. Bis seine Exfrau mehr Stetigkeit in seinem Leben verlangt und ihm droht, dass er andernfalls seinen Sohn Nick nicht mehr sehen darf. Also macht sich Larry auf die Suche nach einer festen Anstellung und wird fündig: Er soll als Nachtwächter im Naturkundemuseum arbeiten. Was zunächst nach einer wenig aufregenden Stelle klingt, bei der man eine ruhige Kugel schieben kann, entpuppt sich schnell als purer Stress: Eine uralte Goldtafel lagert im Museum – und ihr Zauber sorgt dafür, dass alle Exponate jede Nacht zum Leben erwachen.
Das sagt shitesite:
Das einzige Problem an Nachts im Museum: Der Film versucht tatsächlich, der hanebüchen Story noch so etwas wie Plausibilität und sogar eine Moral zu geben. Blendet man das aus, gibt es hier aber sehr solides und familientaugliches Unterhaltungskino. Nachts im Museum ist einer der ganz wenigen Filme, in denen sich die beeindruckenden Special Effects (immer wieder stark in Szene gesetzt durch die ungewöhnliche Kameraführung) tatsächlich kongenial mit der Handlung ergänzen. Dazu gibt es skurrile Nebenfiguren wie den schrägen Hoteldirektor (sehr putzig: Ricky Gervais), den Aggro-Rentner Gus oder Owen Wilson als Cowboy mit Ladehemmung. Sehr harmlos, aber sehr kurzweilig.
Bestes Zitat:
“Je mehr man über die Vergangenheit weiß, desto besser ist man für die Zukunft gewappnet.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Fitz & The Tantrums – “Pickin’ Up The Pieces”
| Künstler | Fitz & The Tantrums |
| Album | Pickin’ Up The Pieces |
| Label | Dangerbird |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Fast fünf Millionen Haushalte wandern pro Jahr in Deutschland von einem Ort zum anderen. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass genau in diesem Moment irgendjemand auszieht, im Haus, in der Straße, in der Nachbarschaft, in der Stadt. Wenn das lustige Spiel von Parkplatz-mit-Campingstühlen-Absperren, spontane-Absagen-von-sonst-sehr-zuverlässigen-Freunden-Entgegennehmen und sich-schon-wieder-über-die-höchst-eindrucksvolle-aber-äußerst-unhandliche-und-zudem-ungelesene-Gesamtausgabe-der-Werke-von-Jean-Paul-Sartre-Ärgern irgendwo in der Nähe wieder losgeht, sollte man vielleicht einmal genau Hinschauen. Denn möglicherweise wird dabei Musikgeschichte geschrieben.
Bei Fitz & The Tantrums war das so. Michael Fitzpatrick, der Kopf der Band aus Los Angeles, bekam einen Anruf von seiner Exfreundin. Deren Nachbar zog gerade aus, und er ließ unter anderem eine alte Orgel zurück. Fitzpatrick schlug zu, schon am Abend stand das historische Instrument in seinem eigenen Wohnzimmer – und er komponierte darauf Breaking The Chains Of Love, einen lebensfrohen Soul-Stampfer, der alle Freunde von Aloe Blacc in Verzückung versetzen dürfte. „Sometimes, the Music God just gives it to you“, kommentiert Fitzpatrick diese Anekdote, die für ihn zum Schlüsselerlebnis wurde: “I’ve always been a singer. But (…) it never felt right until I wrote that song, and I sang like that. I thought: This feels so real, so natural.”
Der Song macht passenderweise den Auftakt auf Pickin’ Up The Pieces, dem jetzt auch in Deutschland erschienenen Debüt von Fitz & The Tantrums. Nicht nur, weil er die Initialzündung für die Entstehung der Band war. Sondern auch, weil er bereits die klanglichen Koordinaten vorgibt: Fitz & The Tantrums stehen für Soulmusik, die modern ist, aber die Vorbilder aus der Motown-Blütezeit bestens kennt. Und tatsächlich schaffen es Fitz & The Tantrums mit Pickin’ Up The Pieces, diese Ära wieder auferstehen zu lassen. Sie haben (auch neben der legendären Orgel) die passenden Instrumente, um deren Klang zu reproduzieren. Sie haben genug Könnerschaft, um diesen Instrumenten auch die passenden Sounds zu entlocken (Fitzpatrick hat lange mit Beck gearbeitet, Keyboarder Jeremy Ruzumna gehört zur Crew von Macy Gray, Saxofonist James King stand schon mit De La Soul auf der Bühne, weitere Bandmitglieder sind gefragte Sessionmusiker). Sie haben aber vor allem auch die Songs.
Der Erfolg ließ deshalb nicht lange auf sich warten: Im Dezember 2008 spielten Fitz & The Tantrums ihr erstes Konzert, dann erschien die EP Songs For A Breakup Vol. 1 (ebenso wie Pickin’ Up The Pieces aufgenommen in Fitzpatricks Wohnzimmer), das Sextett trat in der TV-Show von Jay Leno auf, später folgte eine Tour im Vorprogramm von Maroon 5.
Dear Mr. President deutet mit dem hämmernden Klavier und der Stimme von Michael Fitzpatrick, die mehrmals an Tom Jones denken lässt, mehr als an, welche Wucht Fitz & The Tantrums im Konzert entfachen können. L.O.V. beginnt mit der berühmten Orgel, holt dann eine ganze Bigband rein, gönnt sich ein Klaviersolo und am Ende einen Abschiedsgruß mit einer Flöte. Höchst raffiniert und veredelt durch die Zweitstimme von Noelle Scaggs schmeichelt sich Winds Of Change im Gehörgang ein. Der Rausschmeißer Tighter lässt an Intensität und Herzschmerz nichts zu wünschen übrig.
Und dann ist da noch der Hit MoneyGrabber, vom Rolling Stone ganz richtig geschildert als „an angry, explosive singalong that could have been penned by Smokey Robinson“. In diesen 190 Sekunden kommen all die Energie, all das Können und all die Cleverness von Fitz & The Tantrums zusammen. Fein.
An der Frisur und am Tanz muss er noch arbeiten: Fitz & The Tantrums spielen MoneyGrabber in der Tonight Show von Jay Leno:
Fitz & The Tantrums bei MySpace.
Draufgeschaut: Stirb langsam
| Film | Stirb langsam |
| Originaltitel | Die Hard |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1988 |
| Spielzeit | 127 Minuten |
| Regie | John McTiernan |
| Hauptdarsteller | Bruce Willis, Alan Rickman, Bonnie Bedelia, Reginald VelJohnson |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Eigentlich will John McClane zu Weihnachten nur seine Ex-Frau und die gemeinsamen Kinder in Los Angeles besuchen. Doch auf der Weihnachtsfeier der Firma seiner Frau gerät der Cop aus New York mitten in ein Verbrechen: Schwer bewaffnete Terroristen nehmen die ganze Party als Geisel, um an die 640 Millionen Dollar zu kommen, die in Form von Aktien im Tresor des Gebäudes lagern. Ganz alleine nimmt er den Kampf gegen die Profi-Verbrecher auf.
Das sagt shitesite:
Stirb langsam ist nicht umsonst zu einer Blaupause fürs moderne Actionkino geworden. Hier treffen alle Stereotypen aufeinander, mit der richtigen Dosis Coolness und Rasanz, Ironie und Härte: Ein aufrechter Einzelkämpfer legt sich mit einer skrupellosen Bande an. Die Straßenbullen kennen ihr Geschäft, aber die Polizeichefs sind unfähig und die FBI-Snobs kaum zu ertragen in ihrer Arroganz. Und obwohl die Cops einen Knochenjob haben (der eine hat vor lauter Dienstbeflissenheit seine Familie zerstört, der andere leidet unter einem Trauma, das ihm nur noch Dienst am Schreibtisch erlaubt), ist ihnen nichts heiliger als das Wohlergehen ihrer Kollegen.
Gerade das hat John McClane zu einem derart prototypischen Helden werden lassen: Er flucht, lästert und setzt sich über alle Vorschriften hinweg. Doch trotz dieser unkonventionellen Methoden kämpft er in Stirb langsam für Anstand, Recht und Ordnung, Familie, Kameradschaft – also durch und durch konservative Werte.
Bestes Zitat:
“You want money? What kind of terrorists are you?”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: “Rave On Buddy Holly”
| Künstler | Diverse |
| Album | Rave On Buddy Holly |
| Label | Fantasy Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **** |
Man tritt Buddy Holly sicher nicht zu nahe, wenn man ihm die goldene Ehrenplakette ans Revers heftet, auf der ganz groß diese drei Worte stehen: Der erste Nerd. Nicht nur wegen der legendären Brille mit Kassengestell und scheinbar daumendicken Gläsern. Sondern auch, weil Buddy Holly drei der elementarsten Nerd-Eigenschaften auf sich vereinte: Er war ein tragischer Romantiker, das Wissen um seine Außenseiterrolle staute in ihm eine gefährliche Energie auf, und als er eine Möglichkeit gefunden hatte, diese Energie in eine Richtung zu lenken, da folgte er dieser Richtung wie ein Besessener.
Die ersten Zeilen seines bekanntesten Hits sind prototypisch dafür: „If you knew / Peggy Sue / then you’d know why I feel blue / without Peggy / my Peggy Sue”. Da spricht, in denkbar einfachen Worten, einer, der von der Liebe enttäuscht wurde, womöglich sogar gleich von der ersten Liebe. Da trauert jemand, der frustriert ist – auch deshalb, weil er weiß, dass er nicht so einfach ein neues Mädchen finden wird. Buddy Holly, 1959 als 22-Jähriger bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, ist der ewige Teenager.
Womöglich fußen genau darauf sein Mythos und sein Einfluss auf die Rockmusik. Beides steht eigentlich in keinem Verhältnis zu Buddy Hollys Erfolg zu Lebzeiten. Drei Alben hat er in seiner gerade einmal 18 Monate währenden Karriere veröffentlicht, einen einzigen Nummer-1-Hit gehabt. Aber die Rolling Stones und die Beatles haben seine Songs gecovert, Die Ärzte und Weezer haben Lieder nach ihm benannt, 2004 wählte ihn der Rolling Stone auf Platz 13 unter den „100 Greatest Artists Of All Time“.
In diesem Jahr wäre Buddy Holly 75 Jahre alt geworden, und das ist Anlass genug für eine weitere Huldigung, die am 1. Juli erscheinen wird: Auf Rave On Buddy Holly spielen 19 Künstler die Lieder des Manns aus Lubbock, Texas nach, von Lou Reed bis Paul McCartney, von Strokes-Sänger Julian Casablancas bis Gnarls-Barkley-Sänger Cee Le Green.
Die Coverversionen geben nicht nur einen guten Überblick über Buddy Hollys Schaffen und die Größe der Schar seiner Bewunderer. Rave On Buddy Holly erklärt tatsächlich auch, was so einzigartig an dieser Musik war, dass John Lennon (ebenso wie Elton John) wegen Buddy Holly nicht nur beschloss, ebenfalls auf der Bühne eine Brille zu tragen, sondern auch feststellte: „Buddy Holly war der Erste, den wir in England kannten, der gleichzeitig singen und spielen konnte – nicht nur klimpern, sondern richtig die Licks spielen.“ Wieso Bob Dylan ihn als „ein Poet – seiner Zeit weit voraus“ bezeichnet, weshalb Bruce Springsteen noch heute seine Platten spielt, bevor er auf die Bühne geht. Und was den Kritiker Bruce Eder dazu brachte, Buddy Holly als “the single most influential creative force in early rock and roll” zu bezeichnen (und dabei Chuck Berry zu vergessen).
Julian Casablancas bringt diese Faszination im Titelsong am besten zum Ausdruck: Auch in seiner Version hat das Stück eine wabernde Energie. Rave On will unbedingt gefallen, und doch steckt eine gewisse Düsternis in diesen nicht einmal zwei Minuten. Auch Modest Mouse, die sich den Chart-Topper That’ll Be The Day vornehmen, gelingt es, dieses leicht schizophrene Element zu bewahren, ihre Version wirkt verloren und doch druckvoll.
Fast alle Künstler, die hier den Hut vor Buddy Holly ziehen, nehmen sich erfreuliche Freiheiten – das funktioniert bestens dank solch robuster Vorlagen und macht Rave On Buddy Holly zu einem wirklich kurzweiligen Tribut-Album. Die Black Keys nähern sich Dearest sehr puristisch und durchaus sexy, Fiona Apple singt Every Day zugleich niedlich und abgeklärt. Geheimnisvoll wird Not Fade Away in den Händen von Florence & The Machine, schmissig Oh Boy von She & Him.
Justin Townes Earle interpretiert Maybe Baby zugleich lässig und leidenschaftlich, Nick Lowe entscheidet sich für ein klassisches Rockabilly-Gewand für Changing All Those Changes, Patti Smith verleiht Words Of Love einen mysteriösen, morbiden Touch. Sogar als Soul-Kracher verkleidet Kid Rock dann Well…All Right, beim Garagenrock der Detroit Cobras (Heartbeat) meint man, Elastica seien nach einer langen Auszeit beim Optiker wieder auferstanden.
Auch ganz abseits der Heldenverehrung bietet Rave On Buddy Holly ein paar echte Höhepunkte. Paul McCartney lässt It’s So Easy in seiner unfassbaren Version gefährlich, sogar dreckig klingen, mit verzerrtem Gesang und ein bisschen Zwischendurch-Gebrabbel in bester James-Brown-Manier. Karen Elson (unterstützt von ihrem Gatten Jack White) verpasst Crying, Waiting, Hoping tolle Harmonies und bringt zudem in Erinnerung, dass diese Akkordfolge auch fast 20 Jahre später (bei Denis von Blondie) noch jede Menge Hitpotenzial hatte. Lou Reed lässt durch Peggy Sue eine windschiefe Orgel geistern. John Doe schließlich singt Peggy Sue Got Married so gut abgehangen wie das sonst nur Keith Richards bei den Rolling Stones hinbekommt.
Dieser Keith Richards führte als Teenager übrigens ein Buch, in dem er alle von ihm gekauften Schallplatten verzeichnete. Der erste Eintrag bei den Singles: Peggy Sue Got Married. Der erste Eintrag bei den Alben: The Buddy Holly Story.
Vor solchen Leuten wurde damals die Jugend gewarnt: Buddy Holly spielt Peggy Sue bei einem Fernsehauftritt 1957:
Draufgeschaut: Mission Impossible
| Film | Mission Impossible |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1996 |
| Spielzeit | 105 Minuten |
| Regie | Brian de Palma |
| Hauptdarsteller | Tom Cruise, Jon Voight, Emmanuelle Béart, Henry Czerny, Jean Reno, Ving Rhames, Kristin Scott Thomas, Vanessa Redgrave |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Gangster sind hinter einen hoch exklusiven Liste her, auf der die Namen aller Informanten und verdeckten Geheimagenten in Europa enthalten sind. Doch sie haben bisher nur die eine Hälfte der Daten. Spezialagent Ethan Hunt soll verhindern, dass sie auch die andere Hälfte bekommen. Doch als seine Aktion scheitert, wird er plötzlich als Verräter verdächtigt und muss vor den eigenen Leuten fliehen. Er hat nur eine Chance, sich reinzuwaschen: Er muss die Liste finden.
Das sagt shitesite:
Die wirre und unnötig komplizierte Handlung von Mission Impossible fällt nicht so sehr ins Gewicht, weil tolle, zum Teil irr überzeichnete Stunts und eine ausgefeilte Ästhetik im Mittelpunkt stehen. Gutes Popcorn-Kino.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Owl City – “All Things Bright And Beautiful”
| Künstler | Owl City |
| Album | All Things Bright And Beautiful |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *1/2 |
Keine Frage: Adam Young ist ein dankbares Opfer. Ein Weichei, das nicht über Sex & Drugs & Rock’N’Roll singt, sondern über die Kraft, die man aus seinem Glauben ziehen kann. Ein Typ aus der Provinz, der seine Band Owl City nennt und den Liedern kitschige Namen wie The Bird And The Worm oder Vanilla Twilight gibt. Ein Hobbykomponist, der mit der Musik anfing, weil er nachts nicht in den Schlaf finden konnte, sein Debüt allein im Keller aufnahm und dessen klangliches Alleinstellungsmerkmal ein Computereffekt ist.
Freilich muss man feststellen: Gegen ein hübsches Lied ist nichts einzuwenden. Dämliche Songtitel haben auch die Beatles vergeben, von Octopus’ Garden bis The Continuing Story Of Bungalow Bill. Und der christliche Einfluss? Elvis Presley hätte ohne seinen Glauben niemals angefangen zu singen, und Johnny Cash hat der Religion einige seiner größten Momente zu verdanken.
All das muss man Owl City zugute halten. Auch auf All Things Bright And Beautiful, dem dritten Album des 24-Jährigen aus Minnesota, finden sich schmeichelnde Melodien im Stile seines Welthits Fireflies, der in 24 Ländern die Chartspitze eroberte. Deer In The Headlights ist erstaunlich stilsicherer Eighties-Powerpop. Das dezente Picking, die straighten Drums und die Gaststimme von Breanne Düren entwickeln auf Honey And The Bee (jaja, die putzigen Songtitel sind auch wieder da) einen beträchtlichen Reiz. Zudem gibt es dank des Gesangseffekts einen unverwechselbaren Sound mit hohem Wiedererkennungseffekt – und welcher Act kann das heutzutage noch von sich behaupten?
Allerdings: Einen unverwechselbaren Sound mit hohem Wiedererkennungseffekt hatten auch Modern Talking und Joseph Goebbels. Und während die Songs auf All Things Bright And Beautiful einzeln betrachtet noch nett wirken mögen, offenbaren sie in Summe die ganze Abscheulichkeit von Owl City.
Da ist nicht nur dieser penetrante Computereffekt (um die Frage, ob er das mit Melodyne oder Autotune hinbekommt, ist unter Musiksoftware-Experten eine Art Glaubenskrieg entbrannt) auf dem Gesang. Da ist auch die Tatsache, dass diese Stimme immer wieder in dieselbe Melodieführung verfällt. Und da sind vor allem die Texte, die nicht nur im höchsten Maße infantil sind (neben dem bereits erwähnten Bambi gibt es diesmal auch Gänseblümchen und Schmetterlinge), sondern schlicht eine Beleidigung für jeden denkenden Geist.
„Sorge dich nicht, lebe“ – das ist auch auf All Things Bright And Beautiful die Überschrift. Egal, welche Schwierigkeiten auch drohen: Ein Happy End ist garantiert. Die Wiesen sind grün, die Blumen blühen und der Himmel ist blau – das gilt nicht nur auf dem Cover, sondern im gesamten Weltbild von Owl City. „Reality is a lovely place“, heißt es trotz Wirtschaftskrise, Klimakatstrophe, Krieg und Dieter Bohlen schon im ersten Song The Real World, später soll die Glückseligkeit durchs Universum fliegen. Nur ein paar Sekunden dauert es in Hospital Flowers, um von einem “dreadful accident” bis zur Zeile “happiness returned to me” zu kommen. Gott ist ja schließlich auch noch da, und Angels sind hier allgegenwertig, sogar garantiert, heißt es im gleichnamigen Stück.
Wer Probleme hat, kann ja immer noch träumen, davonsegeln und vor allem glauben – das ist die Botschaft. Sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Missstände zu erkennen, zu reflektieren oder gar aktiv anzugehen – daran wird nicht einmal ein Gedanke verschwendet.
Besonders bedenklich ist dabei zweierlei: Erstens, dass Adam Young das alles in ein Image kleidet, das sich ganz und gar harmlos gibt. „Ich setze mich einfach ans Klavier und gehe in mich, und dann passiert alles wie von selbst“, erklärt er seine Arbeitsweise. “Ich würde mich seltsam fühlen, wenn ich etwas anderes als diese positive Message zum Ausdruck bringen würde, denn so ticke ich nun einmal”, sagt er zu seiner Motivation – klingt unbedenklich, ist es aber nicht. Zweitens muss man sich darüber empören, dass er für seinen geradezu fundamentalistischen Optimismus sogar auf Stilrichtungen wie House und Rap zurückgreift, die aus dem Untergrund kommen und einst für veritablen gesellschaftlichen Protest standen. Hier werden sie missbraucht für eine ekelhafte Schicksalsergebenheit, die nicht konservativer sein könnte.
Trotz solcher Versuche, die Musik ein bisschen abwechslungsreich zu machen, ist All Things Bright And Beautiful auch abseits der Texte kaum zu ertragen. In Kamikaze schreit Adam Young ausnahmsweise Mal ohne Stimmeffekt im Hintergrund herum wie einst die Nervensäge Pennie bei The Automatic. Galaxies nährt den Verdacht, dass DJ Bobo vielleicht nur ein pompös vor sich her getragenes Glaubensbekenntnis gebraucht hätte, um auch in den USA ganz groß durchzustarten. The Yacht Club ist so verweichlicht, dass man zumindest froh sein darf, dass sich Owl City wohl niemals fortpflanzen werden, aus lauter Angst vor dem anderen Geschlecht. Und Alligator Sky gibt es am Ende noch einmal als Bonus-Track ohne den Rap von Shawn Chrystopher – für alle, denen eine Prise Testosteron, auch noch von einem Schwarzen, dann doch zu gewagt ist.
„Es ist nicht so, dass ich vollkommen ausblenden will, was um mich herum geschieht“, behauptet Adam Young. Aber die Fantasie sei für ihn extrem wertvoll und mit seinen Songs zeichne er am liebsten „ein Bild davon, wie mein Leben in einer Parallelwelt wohl aussehen könnte“. Man wünschte sich, er könne ganz und gar in diese Parallelwelt eintauchen – und nie mehr zurückkehren.
Ein Lied vom Album erspare ich euch. Stattdessen gibt es Fireflies, neu interpretiert als Werbesong für Ikea:
Draufgeschaut: Das Mädchen Rosemarie
| Film | Das Mädchen Rosemarie |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 1995 |
| Spielzeit | 122 Minuten |
| Regie | Bernd Eichinger |
| Hauptdarsteller | Nina Hoss, Til Schweiger, Heiner Lauterbach, Katja Flint, Hannelore Elsner, Mathieu Carrière, Horst Krause |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Rosemarie ist Waise, Problemkind und dann Bardame. Sie träumt von der Welt der Reichen und Schönen. Als sie den Unternehmer Hartog kennen lernt und seine Geliebte wird, hat sie es geschafft. Doch das Gefühl, auch jetzt noch nicht wirklich dazuzugehören, martert sie. Als Hartog sie sitzen lässt und eine andere heiratet, rächt sie sich: Sie wird Prostituierte und spinnt mithilfe des Geschäftsmanns Fribert eine Intrige gegen die feine Gesellschaft, in der am Ende alle Opfer sind.
Das sagt shitesite:
Das Mädchen Rosemarie ist gut inszenierte und spannende Zeitgeschichte, die gekonnt die Stimmung der Wirtschaftswunderjahre einfängt. Inmitten eines höchst prominenten Ensembles ragt Nina Hoss in der Hauptrolle dabei noch heraus.
Hintergründe zur echten Rosemarie Nitribitt:
Hingehört: Fink – “Perfect Darkness”
| Künstler | Fink |
| Album | Perfect Darkness |
| Label | Ninja Tune |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Wie sieht wohl die perfekte Dunkelheit aus? So wie die Räume im Haus der Kultur in Helsinki, das Architekt Alvar Aalto ganz und gar ohne Fenster konzipiert hat? So wie das Herz von Guido Westerwelle? Oder doch eher „wie der Arsch eines schwarzen Stieres in einer mondlosen Prärienacht“, wie der Erzähler in The Big Lebowski es so anschaulich schildert?
In jedem Fall ist Perfect Darkness der perfekte Titel für das vierte Album von Fink. Denn der Singer-Songwriter aus Bristol liefert eine Platte ab, auf der es kein Quantum Trost gibt, in einer Reihe mit Gus Blacks Today Is Not The Day, Bob Dylans Time Out Of Mind oder Leonard Cohens Songs Of Love And Hate.
Im Mittelpunkt steht immer wieder die Stimme von Fink, der eigentlich Fin Greenall heißt und sich als DJ und Produzent einen Namen gemacht hat, wenn er sich nicht gerade mit seiner Gitarre der Trübsal hingibt. Guy Whittaker (Bass) und Tim Thornton (Drums) tragen auf Perfect Darkness zwar Entscheidendes bei, scheinen dabei aber stets das Ziel zu verfolgen, sich möglichst unsichtbar zu machen.
Schon im Titelsong zum Auftakt bleibt das Schlagzeug ganz schüchtern, die Gitarre könnte man fast expressionistisch nennen und der Text kennt „Hoffnung“ nicht einmal aus dem Wörterbuch: „A perfect darkness / is all I can see.“ Dann setzt Fink in Fear Is Like Fire noch einen drauf. „Fear is like fire / you can burn your house down with it“ singt er da mit seiner Stimme, die irgendwo zwischen Kristofer Aström und Rea Garvey rangiert – und man kann gewiss sein, dass er schon ein paar Mal vor derlei Flammen stand und durch die Asche getrottet ist.
Der dunkle Unterton durchzieht das gesamte Album, in Warm Shadow wünscht sich Fink gar das Ende aller Zeit, oder zumindest das Ende des Leids: „I don’t want another day to break.“ Die Musik dazu erinnert mit dem filigranen Picking und sparsamen Arrangement ebenso wie bei Wheels an Nick Drake (dieser Name muss natürlich fallen). Auch die Schwere von Who Says beschwört diese Assoziation herauf.
„Mit Fink singen wir über Beziehungen und Liebe und Gefühle – aber wir singen auch über andere Dinge: um sich greifende Angst, Berliner Sonnenaufgänge, über das Nach-Vorne-Schauen“, sagt Greenall. Das ist irreführend, aber nicht ganz gelogen. Denn gelegentlich finden sich zumindest Spurenelemente von so etwas wie Licht auf Perfect Darkness: Die Single Yesterday Was Hard On All Of Us strahlt inmitten des Zweifels eine verwunschene Leichtigkeit aus. Und auch das letzte Lied bekommt durch den zweistimmigen Gesang und die dezente E-Gitarre ein kleines bisschen Optimismus verpasst. Der Rausschmeißer ist das von Greenall benannte Berlin Sunrise – ganz zum Schluss lässt er also doch noch ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen.
Fink spielen Who Says live in Paris. Natürlich im Sitzen:
Draufgeschaut: Der Liebhaber
| Film | Der Liebhaber |
| Originaltitel | L’amant |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 1992 |
| Spielzeit | 115 Minuten |
| Regie | Jean-Jacques Annaud |
| Hauptdarsteller | Jane March, Tony Leung |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Ein junges Mädchen lernt in der französischen Kolonie Indochina einen reichen Chinesen kennen. Sie beginnt eine Affäre mit ihm. In dem leidenschaftlichen Abenteuer entdeckt sie nicht nur die Lust, sondern auch eine Möglichkeit zur Flucht aus ihrem bedrückenden Alltag im Internat und ihrer kaputten Familie.
Das sagt shitesite:
Erotik plus Exotik – im Fall von Der Liebhaber ist das eine Erfolgsformel. Die gesellschaftlichen Aspekte der Romanvorlage von Marguerite Duras kommen zwar zu kurz, dafür gelingt ein wundervoll fotografiertes Dokument der Leidenschaft.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Toy Horses – “Toy Horses”
| Künstler | Toy Horses |
| Album | Toy Horses |
| Label | Kanoon |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **** |
Einiges an Toy Horses ist ziemlich seltsam. Da ist die nicht ganz unbedeutende Tatsache, dass die Band aus Sänger/Multiinstrumentalist Adam D. Franklin und Multiinstrumentalist Tom Williams besteht – seines Zeichens Stiefvater von Adam. Da ist die sagenumwobene elektrische Ukulele, die Toy Horses bei ihren ersten Auftritten in der walisischen Heimat auf der Bühne gerne zum Einsatz brachten. Und da ist schließlich die erstaunliche Geschichte, dass sie eine Hochgeschwindigkeitskarriere hingelegt haben, ohne irgendeine Spur von Ehrgeiz.
Adam und Tom haben eigentlich nur zum Spaß miteinander musiziert. Als sie ein paar Demos bei MySpace hochluden, ging alles ganz schnell: Ihre Lieder wurden (auf beiden Seiten des Atlantiks) im Radio gespielt, sie traten bei SXSW auf, Ken Coomer von Wilco brannte darauf, ihr Debütalbum zu produzieren. Und dieses Debüt, passenderweise Toy Horses betitelt, wurde prompt zum Album der Woche vom Daily Mirror ernannt, das Duo vom Guardian auf Platz 8 der heißesten Bands des Jahres 2011 gesetzt.
Wieso den beiden Walisern so schnell so viel Begeisterung entgegen schlägt, ist nicht schwer zu verstehen. Toy Horses bieten höchste Songwriter-Kunst: zeitlos, aber nicht angestaubt, massentauglich, aber nicht oberflächlich. Die Platte ist elegant, bewegend und höchst unterhaltsam. Kurzum: Viel besser kann ein Debüt nicht sein.
Play What You Want beginnt wie die besten Momente der Long Winters, schummelt dann eine kleine Ska-Passage ein und mündet in einem großen, ausgelassenen Piebald-Finale. And It Was You hat danach nicht nur die melodiöse Klasse von Crowded House, sondern von den Beatles (denen Crowded House ja immer auf den Fersen waren). Das Klavier hämmert, die Streicher jubilieren, am Ende ist auch hier alles ganz großes Kino, Adam D. Franklin verfällt in die Kopfstimme und hebt alles damit noch eine Etage weiter Richtung Himmel.
Damage Done ist so niedlich und perfekt wie The Shins, wenn sie in Hochform sind. Die akustische Ballade Last Chance ist perfekt geeignet, um Paul McCartney in den Schlaf zu wiegen. Loyal To The Cause hat ein amerikanisches Flair bekommen, das an die Gin Blossoms oder Counting Crows denken lässt – deren Drummer Jim Bogios saß auch bei den Aufnahmen für Toy Horses am Schlagzeug.
Ein weiterer Höhepunkt ist Love At An Arm’s Length, das dank eines leicht wehmütigen E-Pianos und der verträumten Stimme hoch romantisch wird. Kurz vor Schluss drückt No One’s Ever Gonna Leave You noch einmal aufs Gaspedal und zeigt, dass Toy Horses auch ganz klassischen Indierock im Stile der Kooks oder Arctic Monkeys beherrschen. Der Rausschmeißer Interrupt vermählt Ben Folds mit Coldplay und John Lennon, und das Ergebnis ist derart betörend, dass man derlei Polygamie sofort gutheißen muss.
Das alles ist so gelungen, und charmant, dass sich schlicht kein Grund erkennen lässt, warum die Toy Horses ihren Siegeszug nicht mit unverminderter Geschwindigkeit fortsetzen sollten. Die Welt sollte sich besser schon einmal an den Gedanken gewöhnen, bald regelmäßig mit elektrischen Ukulelen konfrontiert zu werden…
An den Special Effects müssen Toy Horses noch arbeiten. Aber wenn YouTube im Video zu Interrupt “The Welsh Lennon/McCartney” einblendet, dann mag man kaum widersprechen:









