Hingehört: Owl City – “All Things Bright And Beautiful” 1


"All Things Bright And Beautiful" ist Opium fürs Volk.

"All Things Bright And Beautiful" ist Opium fürs Volk.

Künstler Owl City
Album All Things Bright And Beautiful
Label Universal
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung *1/2

Keine Frage: Adam Young ist ein dankbares Opfer. Ein Weichei, das nicht über Sex & Drugs & Rock’N’Roll singt, sondern über die Kraft, die man aus seinem Glauben ziehen kann. Ein Typ aus der Provinz, der seine Band Owl City nennt und den Liedern kitschige Namen wie The Bird And The Worm oder Vanilla Twilight gibt. Ein Hobbykomponist, der mit der Musik anfing, weil er nachts nicht in den Schlaf finden konnte, sein Debüt allein im Keller aufnahm und dessen klangliches Alleinstellungsmerkmal ein Computereffekt ist.

Freilich muss man feststellen: Gegen ein hübsches Lied ist nichts einzuwenden. Dämliche Songtitel haben auch die Beatles vergeben, von Octopus’ Garden bis The Continuing Story Of Bungalow Bill. Und der christliche Einfluss? Elvis Presley hätte ohne seinen Glauben niemals angefangen zu singen, und Johnny Cash hat der Religion einige seiner größten Momente zu verdanken.

All das muss man Owl City zugute halten. Auch auf All Things Bright And Beautiful, dem dritten Album des 24-Jährigen aus Minnesota, finden sich schmeichelnde Melodien im Stile seines Welthits Fireflies, der in 24 Ländern die Chartspitze eroberte. Deer In The Headlights ist erstaunlich stilsicherer Eighties-Powerpop. Das dezente Picking, die straighten Drums und die Gaststimme von Breanne Düren entwickeln auf Honey And The Bee (jaja, die putzigen Songtitel sind auch wieder da) einen beträchtlichen Reiz. Zudem gibt es dank des Gesangseffekts einen unverwechselbaren Sound mit hohem Wiedererkennungseffekt – und welcher Act kann das heutzutage noch von sich behaupten?

Allerdings: Einen unverwechselbaren Sound mit hohem Wiedererkennungseffekt hatten auch Modern Talking und Joseph Goebbels. Und während die Songs auf All Things Bright And Beautiful einzeln betrachtet noch nett wirken mögen, offenbaren sie in Summe die ganze Abscheulichkeit von Owl City.

Da ist nicht nur dieser penetrante Computereffekt (um die Frage, ob er das mit Melodyne oder Autotune hinbekommt, ist unter Musiksoftware-Experten eine Art Glaubenskrieg entbrannt) auf dem Gesang. Da ist auch die Tatsache, dass diese Stimme immer wieder in dieselbe Melodieführung verfällt. Und da sind vor allem die Texte, die nicht nur im höchsten Maße infantil sind (neben dem bereits erwähnten Bambi gibt es diesmal auch Gänseblümchen und Schmetterlinge), sondern schlicht eine Beleidigung für jeden denkenden Geist.

„Sorge dich nicht, lebe“ – das ist auch auf All Things Bright And Beautiful die Überschrift. Egal, welche Schwierigkeiten auch drohen: Ein Happy End ist garantiert. Die Wiesen sind grün, die Blumen blühen und der Himmel ist blau – das gilt nicht nur auf dem Cover, sondern im gesamten Weltbild von Owl City. „Reality is a lovely place“, heißt es trotz Wirtschaftskrise, Klimakatstrophe, Krieg und Dieter Bohlen schon im ersten Song The Real World, später soll die Glückseligkeit durchs Universum fliegen. Nur ein paar Sekunden dauert es in Hospital Flowers, um von einem “dreadful accident” bis zur Zeile “happiness returned to me” zu kommen. Gott ist ja schließlich auch noch da, und Angels sind hier allgegenwertig, sogar garantiert, heißt es im gleichnamigen Stück.

Wer Probleme hat, kann ja immer noch träumen, davonsegeln und vor allem glauben – das ist die Botschaft. Sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Missstände zu erkennen, zu reflektieren oder gar aktiv anzugehen – daran wird nicht einmal ein Gedanke verschwendet.

Besonders bedenklich ist dabei zweierlei: Erstens, dass Adam Young das alles in ein Image kleidet, das sich ganz und gar harmlos gibt. „Ich setze mich einfach ans Klavier und gehe in mich, und dann passiert alles wie von selbst“, erklärt er seine Arbeitsweise. “Ich würde mich seltsam fühlen, wenn ich etwas anderes als diese positive Message zum Ausdruck bringen würde, denn so ticke ich nun einmal”, sagt er zu seiner Motivation – klingt unbedenklich, ist es aber nicht. Zweitens muss man sich darüber empören, dass er für seinen geradezu fundamentalistischen Optimismus sogar auf Stilrichtungen wie House und Rap zurückgreift, die aus dem Untergrund kommen und einst für veritablen gesellschaftlichen Protest standen. Hier werden sie missbraucht für eine ekelhafte Schicksalsergebenheit, die nicht konservativer sein könnte.

Trotz solcher Versuche, die Musik ein bisschen abwechslungsreich zu machen, ist All Things Bright And Beautiful auch abseits der Texte kaum zu ertragen. In Kamikaze schreit Adam Young ausnahmsweise Mal ohne Stimmeffekt im Hintergrund herum wie einst die Nervensäge Pennie bei The Automatic. Galaxies nährt den Verdacht, dass DJ Bobo vielleicht nur ein pompös vor sich her getragenes Glaubensbekenntnis gebraucht hätte, um auch in den USA ganz groß durchzustarten. The Yacht Club ist so verweichlicht, dass man zumindest froh sein darf, dass sich Owl City wohl niemals fortpflanzen werden, aus lauter Angst vor dem anderen Geschlecht. Und Alligator Sky gibt es am Ende noch einmal als Bonus-Track ohne den Rap von Shawn Chrystopher – für alle, denen eine Prise Testosteron, auch noch von einem Schwarzen, dann doch zu gewagt ist.

„Es ist nicht so, dass ich vollkommen ausblenden will, was um mich herum geschieht“, behauptet Adam Young. Aber die Fantasie sei für ihn extrem wertvoll und mit seinen Songs zeichne er am liebsten „ein Bild davon, wie mein Leben in einer Parallelwelt wohl aussehen könnte“. Man wünschte sich, er könne ganz und gar in diese Parallelwelt eintauchen – und nie mehr zurückkehren.

Ein Lied vom Album erspare ich euch. Stattdessen gibt es Fireflies, neu interpretiert als Werbesong für Ikea:

Owl City bei MySpace.


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