Hingehört: The Head And The Heart – “The Head And The Heart”

Juli 31, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
The Head And The Heart wissen: Rauch fügt ihrer Gesundheit schaden zu. Und ihrem Gesicht.

The Head And The Heart wissen: Rauch fügt ihrer Gesundheit schaden zu. Und ihrem Gesicht.

Künstler The Head And The Heart
Album The Head And The Heart
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Nevermind kommt demnächst noch einmal neu heraus. Zum 20. Jubiläum, mit Bonustracks und edler Verpackung. Ein bisschen seltsam muss es sich da womöglich anfühlen, wenn man gerade auf eine Bilderbuchkarriere zurückblickt, wenn man auf Sub Pop sein Debütalbum veröffentlicht hat und jüngst zu „Seattles bester neuer Band“ gewählt wurde, nicht von irgendjemandem, sondern vom City Arts Magazine aus Seattle.

Josiah Johnson, einer der beiden wichtigsten, nunja: Köpfe und Herzen bei The Head And The Heart, lebt trotzdem gerne in der Stadt, die Nirvana hervorgebracht hat, Jimi Hendrix und, ähm, Jennifer Warnes. „I know why Seattle has produced so much great music. It’s an extension of how much attention Seattle pays to music. It’s embraced by the entire city. It feels like we’re all in this together”, schwärmt er. Johnson nimmt das vielleicht besonders intensiv wahr, denn ebenso wie Jonathan Russell, der andere Songwriter und Frontmann bei The Head And The Heart, ist er ein Zugezogener. Johnson stammt aus Kalifornien, Russell zog es aus Virginia in den Nordwesten der USA.

Dort fanden sie im Sommer 2009 zusammen, spielten unzählige Konzerte, hatten beachtlichen Erfolg mit ihrem selbst produzierten Debütalbum, und bringen eben dieses nun erneut raus. Für den Re-Release auf Sub Pop wurde Sounds Like Hallelujah neu aufgenommen, Rivers And Roads (ein Song, der bei den offensichtlich phänomenalen Konzerten des Sextetts stets besonders gut ankommt) kam dazu, alles wurde neu gemastert. Der Titel der Platte blieb: The Head And The Heart.

Woher der Name stammt, ist nicht überliefert. Vielleicht spielte Woody Allen dabei eine Rolle. Der kommt zwar nicht aus Seattle, sondern bekanntlich aus New York, hat aber mal sehr treffend festgestellt, es sei das Schwierigste im Leben, “Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten. In meinem Fall verkehren sie noch nicht mal auf freundschaftlicher Basis.” Kriegen The Head And The Heart das auf ihrem Debüt hin? Oder, wenn es womöglich kein konstruktives Miteinander zwischen Verstand und Gefühl gibt: Gewinnt dann wenigstens der richtige Körperteil, im Sinne von Friedrich Nietzsche (der pietätvollerweise schon lange vor Kurt Cobains Tod festgestellt hat: „Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.“)?

Zunächst: Das Herz kommt hier nirgends zu kurz. The Head And The Heart machen Musik voller Wärme, mit tollem Harmoniegesang von Josiah Johnson, Jonathan Russell und Charity Rose Thielen (Geige). Der Sound ist in Americana verwurzelt, gerne schwelgerisch, ohne den Beat zu vernachlässigen – perfekt zum Autofahren. Der Gesang lässt mal an Fleet Foxes denken, ganz oft auch an Pedro The Lion. Die Themen sind natürlich das Leben, die Liebe, die Einsamkeit, das Heranwachsen, die Heimat und die Rastlosigkeit. Es gibt Schmachtfetzen wie das herrliche Rivers And Roads und mit Honey Come Home auch genau die Sorte Song, zu der man nach ein paar Redhook Ales (angeblich das beliebteste Bier in Seattle) plötzlich sogar tanzen kann.

Das alles könnte sich allerdings auch leicht in belanglosem Wohlklang verflüchtigen. Doch erfreulicherweise kitzeln The Head And The Heart auch den Verstand. Der Opener Cats And Dogs ist ebenso robust und funky wie das Cake früher gut hinbekommen haben, und baut im Break ein cleveres Beinahe-Zitat von Little Lion Man ein, dem Hit der durchaus geistesverwandten Mumford & Sons. Coeur d’Alene setzt ebenfalls auf eine kluge Dramatik und hat zudem ein packendes, leidenschaftliches Ende zu bieten. Ghosts verbindet Klavier-Komplexität mit einem höchst eingängigen Refrain, wie das auch The Blood Arm wunderbar beherrschen. Und gerade, als The Head And The Heart dann doch Gefahr läuft, ein bisschen zu gefällig zu werden, schwingt sich Sounds Like Hallelujah in nur gut drei Minuten zu einer kleinen Pop-Oper auf.

Einer Fortsetzung des Siegeszugs steht damit fast nichts mehr im Wege. The Head And The Heart müssen nur noch das schaffen, woran Nirvana gescheitert sind: auch in ihrer Karriereplanung ein ausgewogenes Zusammenspiel von Bauch und Kopf hinbekommen.

Wir lernen: Wenn The Head And The Heart ihren Song Lost In My Mind im Studio eines Radiosenders spielen, sind die Köpfe öfter im Bild als die Herzen:

The Head And The Heart bei MySpace.

 

Draufgeschaut: Leo und Claire

Juli 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Leo Katzenberger (Michael Degen) und seine Frau Claire (Suzanne von Borsody) müssen gleich in mehrfacher Hinsicht um ihre Existenz bangen.

Leo Katzenberger (Michael Degen) und seine Frau Claire (Suzanne von Borsody) müssen gleich in mehrfacher Hinsicht um ihre Existenz bangen.

Film Leo und Claire
Produktionsland Deutschland
Jahr 2001
Spielzeit 103 Minuten
Regie Joseph Vilsmaier
Hauptdarsteller Michael Degen, Suzanne von Borsody, Alexandra Maria Lara, Jasmin Schwiers, Franziska Petri, Jochen Nickel, Andrea Sawatzki, Axel Milberg, Dietmar Schönherr
Bewertung ****

Worum geht’s?

Seit Jahrzehnten ist Leo glücklich mit Claire Katzenberger verheiratet. Er betreibt ein erfolgreiches Schuhgeschäft in Nürnberg. Doch als die Nazis ihm als Juden das Leben immer schwerer machen, droht nicht nur sein Geschäft zu zerbrechen, sondern auch seine Ehe. Seine einzige Rettung scheint ausgerechnet die junge Irene zu sein, mit der ihm eine Affäre nachgesagt wird.

Das sagt shitesite:

Leo und Claire ist ein bedrückendes Beispiel für Willkür-Justiz, beruhend auf wahren Tatsachen. Der Film überzeugt aber auch durch die exzellente Besetzung und dadurch, dass er die Zerrissenheit einer jüdischen Familie zwischen Fluchtgedanken und Heimatverbundenheit, Anpassung und Stolz zeigt.

Leider gibt es keinen Trailer zum Film.

Futter für die Ohren mit Robyn, Cat’s Eyes und den Junior Boys

Juli 31, 2011 · Posted in Futter, Musik · Comment 
Robyn zeigt sich mit einem Coldplay-Cover von ihrer sanften Seite.

Robyn zeigt sich mit einem Coldplay-Cover von ihrer sanften Seite.

Wieder einmal ein bisschen Musiknervennahrung für die anstehende Woche. Diesmal gibt es gleich drei sehr reizvolle Nebenprojekte. Jede Menge Deftiges. Und zum Start unser aller liebste Pop-Prinzessin beim Fremdgehen. Alles von mir aufgestöbert – und für Euch kostenlos zum Download.

Eine Kombination, die nicht gerade auf der Hand liegt: Robyn trifft Coldplay. In diesem Fall: Every Teardrop Is A Waterfall von der gleichnamigen, Ende Juni erschienenen EP der Herren Chris Martin & Co. Im Vergleich zum Original nimmt Robyn ein bisschen das Tempo raus und zeigt sich, wie zuletzt auch live, eher von ihrer emotionalen Seite denn als bedingungslose Powerfrau. Bei Stereogum kann man das Ergebnis kostenlos runterladen. Spannend. ***1/2

Am Freitag in den Läden: Get Nice, das neue Album von Zebrahead. Die Vorab-Single Ricky Bobby verschenken die Jungs aus Kalifornien auf ihrer Homepage, zudem stehen im August einige deutsche Festivals für Zebrahead an. Das dürfte zum Pflichttermin für alle werden, die – wie im Falle von Ricky Bobby – schon immer von einer Mischung aus Blink 182, Manowar und den Toten Hosen geträumt haben. **

Noch nicht hart genug? Dann sollte man dringend die Wolves Like Us kennen lernen. In England hat ihr Debütalbum Late Love reichlich Applaus geerntet, seit ein paar Wochen ist die Scheibe nun auch hierzulande zu haben. Wer trotz Lobeshymnen von Visions bis Metal Hammer noch einen Vorgeschmack braucht, kann ihn in Form von We Speak In Tongues auf der Homepage ihres Labels Prosthetic Records kostenlos herunterladen. Und wird feststellen: Für Wucht braucht man kein Tempo, wenn man eine so herrische Harcore-Stimme, so laute Drums und eine vergleichsweise komplexe Komposition hat. **1/2

Auch die Black Lips mögen es bekanntlich heftig. Die Single Modern Art (vom neuen Album Arabia Mountain) gibt es bei Spin zum kostenlosen Download. Einen packenden Refrain ein Glockenspiel und, wenn mich nicht alles täuscht, sogar ein Theremin fahren die Black Lips auf – und klingen trotzdem noch ein bisschen wie die Hives ohne Politur. Und das ist als Kompliment gemeint. ***1/2

Schon ihr viertes Album haben die Junior Boys fertig (teilweise übrigens in Berlin aufgenommen). It’s All True verspricht der Titel, und neben einer gerade abgeschlossenen Deutschland-Tour wollen die beiden Kanadier auch mit dem (im Austausch gegen eine E-Mail-Adresse) kostenlosen Download des Songs mit dem hübsch irreführenden Titel EP Lust darauf machen. Der Track klingt ein wenig, als hätte jemand die Coolness von Zoot Woman mit einem guten Schuss R’n’B-Hormonen gekreuzt. Kein Hit, aber nicht ohne Reiz. **1/2

Wer sich angesichts des katastrophalen Sommers gerne in Selbstmitleid suhlen möchte: Fink haben den perfekten Soundtrack dazu gemacht. Er heißt Perfect Darkness und ist im Kern das Projekt von DJ/Produzent Fin Greenall. Den Titelsong verschenkt er auf der Homepage von Fink. Sensible Gemüter sollten allerdings gewarnt sein: Das Schlagzeug bleibt hier ganz schüchtern, die Gitarre könnte man fast expressionistisch nennen und der Text kennt „Hoffnung“ nicht einmal aus dem Wörterbuch: „A perfect darkness / is all I can see“ – das ist die Botschaft. Bald das neue Lieblingslied im Leonard-Cohen-Fanclub. ***

Noch ein Nebenprojekt: Emirsian. Wer diesen Namen seltsam findet, dem kann geholfen werden. Hinter Emirsian steckt Aren Emirze, Sänger und Gitarrist der Frankfurter Noiserock-Band Harmful. Als Emirsian lebt er seine ruhigere Seite aus und hat mit Accidentally In Between gerade sein drittes Album veröffentlicht (eine Hälfte ist auf Englisch, die andere in seiner Muttersprache Armenisch). Gemixt hat das Ganze unter anderem Dave Sardy (ja, der Typ, der gerade mit Noel Gallagher an dessen Solodebüt arbeitet). Den Song Friends kann man dankenswerterweise hier gratis downloaden und wird eine gute Dosis Melancholie und eine noch größere Portion Songwriterkunst finden. ***

Nebenprojekt, Teil 3: Für Faris Baldwan läuft es mit Cat’s Eyes so gut, dass inzwischen erste Gerüchte aufgetaucht sind, er werde seine Ursprungsband The Horrors beerdigen. Kein Wunder: Im Duo mit der Ex-Opernsängerin Rachel Zeffira macht er derart herrliche Musik, dass man kaum glauben mag, er sei mal ein Rabauke gewesen. Das verträumte Not A Friend verschenken Cat’s Eyes auf ihrer Homepage – schräge Streicher und Italo-Western-Beat inklusive. ****

Draufgeschaut: Les Misérables

Juli 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Inspektor Javert (John Malkovich, links) ist hinter Jean Valjean (Gérard Depardieu) her.

Inspektor Javert (John Malkovich, links) ist hinter Jean Valjean (Gérard Depardieu) her.

Film Les Misérables – Gefangene des Schicksals
Originaltitel Les Misérables
Produktionsland Deutschland/Frankreich
Jahr 2000
Spielzeit 205 Minuten
Regie Josée Dayan
Hauptdarsteller Gérard Depardieu, Christian Clavier, John Malkovich, Virginie Ledoyen, Enrico Lo Verso, Charlotte Gainsbourg, Veronica Ferres, Steffen Wink, Otto Sander, Vadim Glowna
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Weil er ein paar Brote gestohlen hat, um hungernden Kindern etwas zu essen geben zu können, sitzt Jean Valjean im Gefängnis. Inspektor Javert ist überzeugt, dass Valjean – ebenso wie alle anderen Kriminellen – von grundauf böse und unverbesserlich ist. Er wird zur Zielscheibe für die Wut Valjeans, und lässt den Häftling seinerseits seine Verachtung spüren. Als Valjean entlassen wird und es unter falschem Namen zu Ansehen und Vermögen bringt, kreuzen sich die Wege der einstigen Gegner wieder. Für den Polizisten wird die Jagd nach Valjean zur Lebensaufgabe. Für den einstigen Sträfling wird die Flucht zum Kampf um seine eigene Würde.

Das sagt shitesite:

2000 Seiten hat die Romanvorlage von Victor Hugo. Das vielleicht größte Verdienst an der Verfilmung von Josée Dayan war deshalb die Detailtreue: Mit immerhin sechs Stunden Spielzeit konnte der als Vierteiler angelegte Film die meisten der Handlungsstränge von Les Misérables aufgreifen.

Deshalb macht es wenig Sinn, dass Sat.1 den Film für diese Version von Les Misérables – Gefangene des Schicksals noch einmal auf knapp dreieinhalb Stunden zusammenkürzte. Fast alles wirkt nun überzeichnet: Die Figuren sind extrem mildtätig, extrem hoffnungslos oder extrem habgierig. Immerhin wird die Handlung trotz der Zeitsprünge und der erneuten Konzentration nicht allzu holprig. Und natürlich beeindrucken auch in dieser Fassung von Les Misérables die großartige Ausstattung und das Staraufgebot, das selbst in kleineren Rollen noch große Namen wie Otto Sander oder Vadim Glowna zu bieten hat und aus dem John Malkovich als Inspektor Javert noch herausragt, den er als gerechtigkeitsfanatischen Bluthund spielt.

Nicht zuletzt schafft es auch diese Mini-Version von Hugos Meisterwerk, eine beeindruckende Geschichte zu erzählen, in deren Zentrum zwei Männer stehen, die sich gegenseitig ihr Leben zerstören und doch vereint sind durch ein übersteigertes Pflichtgefühl. Zumindest in Ansätzen zeigt Les Misérables – Gefangene des Schicksals auch das Spannungsverhältnis von Solidarität unter den Armen und der Missgunst der noch Elenderen. Und schafft es schließlich auch, die Moral der Geschichte zu transportieren: Es geht im Leben nicht um Stand, sondern um Anstand.

Bestes Zitat:

“Manchmal ist es gefährlicher zu denken als zu stehlen.”

Eine Szene aus dem Film: