Der kritische Blick: Das perfide Spiel von Anders Behring Breivik

Juli 25, 2011 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

76 Menschenleben hat Anders Behring Breivik nach aktuellem Stand auf dem Gewissen. Als er Jagd auf wehrlose Jugendliche auf der Insel Utoya machte, fühlte er sich mächtig. Ich meine: Wir sollten ihm nun nicht noch mehr Macht schenken, indem wir unser Interesse auf ihn und seine krude Ideologie von Rasse und Rache lenken. Denn unsere eigene Neugier hilft nur dem Massenmörder von Norwegen dabei, sich selbst zu inszenieren.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Draufgeschaut: Liebe mich

Juli 25, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Leila (Lauren Lee Smith) hat Spaß daran, Männer gleich reihenweise zu verführen.

Leila (Lauren Lee Smith) hat Spaß daran, Männer gleich reihenweise zu verführen.

Film Liebe mich
Originaltitel Lie with me
Produktionsland Kanada
Jahr 2005
Spielzeit 92 Minuten
Regie Clement Virgo
Hauptdarsteller Lauren Lee Smith, Eric Balfour
Bewertung ****

Worum geht’s?

Leila ist nymphoman. Sie reißt gerne Kerle auf und kennt dann keine Hemmungen. Doch wenn sie auch noch so freizügig ist, so kann sie doch ihr Innerstes nicht öffnen – dann aber lernt sie David kennen. Und mit ihm kommen Gefühle ins Spiel, mit denen beide nicht richtig umgehen können. Als sich auch noch Leilas Eltern trennen und Davids Vater stirbt, wird die Verwirrung noch größer.

Das sagt shitesite:

Was zunächst wie ein reichlich explizites Skandalfilmchen wirkt, entpuppt sich im Fall von Liebe mich schnell als einfühlsame, stark gespielte Studie des Erwachsenwerdens. So versteht es der Film sehr gekonnt und poetisch, die Linie zwischen Sehnsucht und Begierde zu ziehen.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Retro Stefson – “Kimbabwe”

Juli 24, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
"Kimbabwe" ist manchmal eine musikalische Weltreise.

"Kimbabwe" ist manchmal eine musikalische Weltreise.

Künstler Retro Stefson
Album Kimbabwe
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **

Man muss kein ausgewiesener Kenner der nordischen Sprachen sein, um zu verstehen, was „Island“ bedeutet. Es reicht schon, wenn man ein bisschen Englisch kann. „Iceland“ heißt die Insel da. Das bedeutet: Island ist kalt. Scheißkalt. Sommer bedeutet dort: 15 Grad Celsius.

Damit sind die Isländer sicherlich die europäische Nation, die man am wenigsten mit Afrika in Verbindung bringen würde. Trotzdem hat man nun plötzlich Kimbabwe in der Hand, das zweite Album von Retro Stefson. Die Vorab-Single heißt Kimba, als Hommage an den weißen Löwen aus dem afrikanischen Dschungel, ein anderes Lied bekommt den Titel Mama Angola. Der Afrika-Einfluss bleibt nicht nur an der Oberfläche. Das Septett aus Island macht so etwas wie Indie-Weltmusik.

Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Da trifft Hardrock auf karibische Sounds, Eurodance auf Vampire Weekend, Italo House auf Friendly Fires, dezente Elektronik auf eine Heimorgel, die im Proberaum von Foals explodiert. Die Texte von Retro Stefson (die so heißen, weil gleich drei der sieben Mitglieder den Nachnahmen Stefansson tragen) sind wahlweise in englischer, französischer, portugiesischer und isländischer Sprache, es geht darin aber ganz offensichtlich nicht um die Vermittlung von Botschaften, sondern um den Klang der Wörter an sich.

Das Ergebnis klingt ungemein sonnig, aber extrem durcheinander. Das Intro ist beinahe Heavy Metal, dann treffen in Planetarium jede Menge Bongos und Steeldrums auf einen Prog-Rock-Song. Durch Low weht eine zauberhafte Mädchenstimme, mit Karamba und dem Rausschmeißer Senseni gibt es gleich zwei Songs, die locker die 7-Minuten-Marke knacken und tatsächlich einer musikalischen Weltreise gleichen.

Kimbabwe ist ein klassischer Fall eines Albums, das bewundernswert interessant ist – aber auch deutlich macht: interessant heißt noch lange nicht gut. Es gibt ein paar gelungene Momente, aber auch ganz viel Gedudel. Für all ihre Abenteuerlust finden Retro Stefson immer wieder neue Formen, aber leider keinen roten Faden. Das ist ein bisschen, als gehe man auf eine Weltreise und mache dann wahllos alle sechs Stunden ein Foto: Die schönsten Erinnerungen gehen mit dieser Methode sicher verloren.

Island ist wirklich kalt, hat aber gut beheizte Turnhallen. Das Video zu Kimba ist ein weiterer Beweis:

 Retro Stefson bei MySpace.

Draufgeschaut: 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter

Juli 24, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Kommissar 00 Schneider will den Mörder eines Zirkusclowns fassen.

Kommissar 00 Schneider will den Mörder eines Zirkusclowns fassen.

Film 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter
Produktionsland Deutschland
Jahr 1994
Spielzeit 90 Minuten
Regie Helge Schneider
Hauptdarsteller Helge Schneider, Helmut Körschgen, Werner Abrolat, Andreas Kunze, Guenther Kordas, Bratislav Metulskie
Bewertung ***

Worum geht’s?

Im Zirkus wird der Clown Bratislav Metulskie erschlagen. Kommissar 00 Schneider, der sich eigentlich zur Ruhe setzen wollte, nimmt die Ermittlungen auf. Sein Verdacht fällt auf den Kunstsammler Nihil Baxter. Der hatte kurz zuvor ein Auto von Metulskie gekauft – und wirkt auch sonst nicht geheuer.

Das sagt shitesite:

Wenn es Anti-Materie gibt, warum soll es dann nicht auch Anti-Filme geben? Das hat sich Helge Schneider wohl bei seinem zweiten Kinoprojekt gedacht. Denn noch viel mehr als der Vorgänger Texas ist 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter die Verneinung aller Film-Konventionen.

Dort, wo Humor ansonsten quasi verordnet stattfindet, da ist er in 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter schmerzhaft abwesend: beim Auftritt des Clowns, bei einer Unterhaltungsshow im TV, jenseits der Handlungsebene letztlich auch im gesamten Film selbst. Umgekehrt werden banale Szenen, beispielsweise wenn Kommissar Schneider seinen Dienstwagen parken möchte, plötzlich mit einer absurden Komik aufgeladen.

Auch handwerklich wird auf alle Standards gepfiffen: Schnitte kommen zu spät, Versprecher bleiben enthalten, die Kulisse ist als Kulisse erkennbar. Der Kommissar ermittelt in keinem Moment, die Lösung des Falls fällt ihm eher zu. Die Schauspieler stellen ihre Gefühle nicht dar, sondern sprechen sie einfach aus (“Langweilig!”, “Ich reg’ mich auf!”, “Bin ich kaputt!”). Und die Anwesenheit der Kamera (übrigens bedient von Christoph Schlingensief) wird nicht ignoriert, sondern die Film-Situation wird in den Film einbezogen.

Man kann das Trash nennen, Kult oder Dadaismus. Ein Vergnügen ist 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter keinesfalls. Aber dafür einzigartig.

Bestes Zitat:

“Ein edler Tropfen. Etwas hart im Ansatz. Aber er ragt weit in den Hals hinein.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Robbie Williams – “Sing When You’re Winning”

Juli 24, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
"Sing When You're Winning" zeigt Robbie Williams auf der Höhe seine Könnens.

"Sing When You're Winning" zeigt Robbie Williams auf der Höhe seine Könnens.

Künstler Robbie Williams
Album Sing When You’re Winning
Label Emi
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung ****1/2

Was macht ein großartiges Rock-Album aus? Das ist gar nicht einfach. Es braucht den perfekten Zeitpunkt, eine fein ziselierte Spannungskurve, den richtigen Look, eine weit über den Moment hinaus reichende Bedeutung.

Was macht ein großartiges Pop-Album aus? Da ist die Antwort viel unkomplizierter: Hits. So viele wie möglich. Sing When You’re Winning, das dritte Soloalbum von Robbie Williams, hat reichlich davon. Es ist nahe dran an der perfekten Pop-Platte, es galt schon bei Erscheinen im August 2000 als Meisterwerk. Und es ist auch heute noch das beste Album überhaupt von Robbie Williams. Alex Bilmes vom Esquire nennt es in seinen Liner Notes zu dieser Neu-Auflage sehr treffend “Robbies’ strongest, most consistent and cohesive set so far (…), a distillation of all that makes him great and a powerful statement of positivity”.

Das ist durchaus erstaunlich. Denn Sing When You’re Winning verzichtet weitgehend auf eine der wichtigsten Zutaten in der Karriere von Robbie Williams: Von Anfang an hatte er in seinen Texten seinen Ruhm lächerlich gemacht, mit sein Image gespielt, sein Dasein als Popstar thematisiert. Im Sommer 2000 hätte Robbie Williams erst recht allen Grund dazu. Im Jahr zuvor hatte er vor 80.000 Menschen im Slane Castle gespielt. Seine letzten sechs Singles hatten alle mindestens Platz 4 in den UK-Charts erreicht, zwei davon waren Nummer-1-Hits. Er stand mit Superstar Tom Jones auf der Bühne und ging, zumindest in den feuchten Träumen der Boulevardpresse, mit einem Spice Girl ins Bett. „Outside America – a country and a market destined never to quite appreciate his quirky English combination of hilarious and heartfelt, sentimental and sardonic, silly and sublime – Robbie was now perhaps the biggest pop star in the world“, schlussfolgert Alex Bilmes ganz richtig.

Doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger I’ve Been Expecting You und dem Nachfolger Escapology klingt Sing When You’re Winning nicht wie eine Platte, auf der ein Megastar darüber singt, was es bedeutet, ein Megastar zu sein. Das Album hat ein anderes Thema: Robbie singt über das Wesen der Liebe. Zumindest an der Oberfläche.

Der erste Titel ist Programm: Let Love Be Your Energy. Robbie zwingt sich fast zu Optimismus und Dankbarkeit, es gibt einen Chor, Trompeten und Flöten – das ist dann durchaus so sehr over the top, dass ein kleiner Zweifel gesät wird, ob der Sänger hier wirklich das meint, was er singt. Auch die vergleichsweise heftigen Beats (an den Drums sitzt bei Sing When You’re Winning übrigens Chris Sharrock, der mittlerweile bei Beady Eye trommelt) deuten darauf hin, dass da irgendwo unter dem Zuckerguss auch Aggressivität und Frust lauern.

Es gibt noch andere Momente, in denen dieses Spannungsverhältnis zutage tritt. Supreme mit seinem I Will Survive-Sample ist ein perfekter Song, und im Text vereint Robbie Williams seine privaten und öffentlichen Konflikte. Der Refrain gerät sagenhaft einnehmend, doch mit den bitterbösen Wortspielen in der Strophe verwandelt sich Robbie vom Sympath in einen fiesen Kotzbrocken.

Im unwiderstehlichen Singing For The Lonely schmiedet Robbie dann gar einen Bund mit dem Publikum: “Singing fort he lonely / you’re not the only one who feels this / I’m so scared of what I’m doing / all the time”, gesteht er – und macht damit klar: Ich stehe zwar auf der Bühne, aber mir geht es genauso wie all jenen, die sich von meinen Liedern über ihren Liebeskummer hinwegtrösten lassen.

Better Man ist superb und verlegt die Sinnsuche, die bei Robbie Williams so oft das Thema ist, komplett weg von den Themenfeldern Image und Karriere und hinein in den privaten, zwischenmenschlichen Bereich. Auch in Rock DJ beweist Robbies Songwriting-Partner Guy Chambers diese fast kindliche Freude am Prinzip Pop. Der Song klingt plump, ist aber raffiniert. Mit derselben Methode (wenn auch mit ganz anderen Mitteln) arbeitet der Rausschmeißer Road To Mandalay, ebenfalls ein Volltreffer.

Kids, das Duett mit Kylie Minogue, wird ein Killer. Beide spielen mit ihrem Image: Einst waren sie Wegwerfkünstler, jetzt werden sie ernst genommen, die Musik dazu ist ebenso funky wie sexy. Das dann folgende If It’s Hurting You ist der bis dahin verletzlichste, intimste Moment des Albums, absolut himmlisch. Love Calling Earth gerät ähnlich süß und wäre eigentlich schwer zu ertragen, wenn es nicht so gut gesungen wäre.

Das ist ein kaum zu fassendes Qualitäts-Niveau (erst recht, wenn man bedenkt, dass Robbie Williams in dieser Phase auch noch die nicht auf dem Album enthaltene Hammer-Single Eternity herausbrachte) und beweist zudem eine Vielseitigkeit, die man vor dem Hintergrund von Robbies Boygroup-Vergangenheit noch immer bewundern muss. Trotzdem ist Sing When You’re Winning kein makelloses Album. Denn im letzten Drittel schleichen sich einige Schwächen ein.

By All Means Necessary fehlt etwas Zwingendes. Knutsford City Limits ist musikalisch lahm und auch textlich kaum überzeugend. „Ich bin doch auf dem Teppich geblieben. Ich bin immer noch der gute, alte Rob“, soll die Botschaft lauten – aber das ist unglaubwürdig. Forever Texas hat ein furioses Ende, aber ein ähnliches Problem: Robbie Williams versucht sich an Machismo à la Mick Jagger oder Steven Tyler, aber den kauft man ihm nicht recht ab. Wenn er als Clown mit einem Augenzwinkern flirtet wie in Kids, funktioniert das deutlich besser – er ist eben eher Hugh Grant als Russell Crowe.

Trotzdem zeigt Sing When You’re Winning einen famosen Popkünstler auf der Höhe seines Könnens. Das illustrieren auch die Clips von Robbies TV-Auftritten, die auf der Bonus-DVD der Neuauflage von Sing When You’re Winning zu sehen sind. Da legt der damals 26-Jährige ein fast bösartiges, verspieltes Selbstvertrauen an den Tag. Der Blick von Robbie Williams sagt ganz oft: „Ätschbätsch, ich habe es geschafft.“ Gleichzeitig flirtet er unsagbar ironisch mit der Kamera, die dabei natürlich die Öffentlichkeit und sein eigenes Image verkörpert. Auch da ist jedoch nicht alles eitel Sonnenschein in der Karriere von Robbie Williams: „Ich habe so riesigen Erfolg. Aber oft denke ich, dass ich ihn nicht verdient habe“, gesteht er in einem Interview. Diese Unzufriedenheit sollte das Mantra für seine weitere Karriere werden und ihn nach der Trennung von Guy Chambers, über den es hier in der Widmung im Booklet noch heißt, er sei „as much Robbie as I am”, letztlich auch musikalisch verunsichern. Ein so starkes Album wie Sing When You’re Winning hat Robbie Williams jedenfalls nie mehr hinbekommen.

Skandal gefällig? Robbie Williams zieht sich im Video zu Rock DJ erst die Klamotten, dann die Haut, dann das Fleisch aus:

Robbie Williams bei MySpace.

Eine Zusammenfassung der Kritiken zu den Re-Issues von Robbie Williams mit einer Fotostrecke zu seiner Karriere gibt es auch auf news.de.

Draufgeschaut: Netto

Juli 24, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Sebastian (Sebastian Butz) hilft seinem Vater (Milan Peschel) bei der Jobsuche.

Sebastian (Sebastian Butz) hilft seinem Vater (Milan Peschel) bei der Jobsuche.

Film Netto
Produktionsland Deutschland
Jahr 2005
Spielzeit 87 Minuten
Regie Robert Thalheim
Hauptdarsteller Milan Peschel, Sebastian Butz, Stephanie Charlotta Koetz, Christina Große
Bewertung ***

Worum geht’s?

Weil Sebastian mit seinem neuen Stiefvater nicht klarkommt, zieht er zu seinem arbeitslosen Vater. Der träumt von einem neuen Job als Bodyguard. Obwohl sie zunächst nicht miteinander klarkommen, entwickelt sich schnell eine enge Beziehung zwischen Vater und Sohn. Bis sie sich fragen, ob die Rollen nicht falsch verteilt sind.

Das sagt shitesite:

Ohne Vorurteile und ohne erhobenen Zeigefinger wird sich in Netto einem Milieu genähert, das sonst kaum auf der Kinoleinwand stattfindet. Das sorgt zwar in der Thematik für eine gewisse Banalität. Trotzdem wird die Geschichte von Netto gerade deshalb so eindrucksvoll, weil sie so einfach und authentisch ist.

Regisseur Robert Thalheim spricht über Netto:

Amy Winehouse – ein Tod ohne Glamour

Juli 23, 2011 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 
Für ihren Gesang war Amy Winehouse zuletzt kaum noch bekannt. Vielleicht wird das so bleiben. Foto: Universal Music/Marcel Mettelsiefen

Für ihren Gesang war Amy Winehouse zuletzt kaum noch bekannt. Vielleicht wird das so bleiben. Foto: Universal Music/Marcel Mettelsiefen

Noch eine mehr im Club 27. Zu diesem illustren Zirkel gehören Rockstars, die im Alter von 27 Jahren gestorben sind. Viel zu früh, sagt man dann gerne, und man denkt an Legenden wie Brian Jones, Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Janis Joplin und Jim Morrison. Nun gehört auch Amy Winehouse dazu. Die britische Sängerin wurde heute Nachmittag tot in ihrer Wohnung in London gefunden. Vermutete Todesursache: Überdosis.

Überraschend kommt die Nachricht kaum. Wenn man bei Buchmachern auf den nächsten toten Rockstar wetten wollte, und die Briten finden durchaus Gefallen an solch makabren Späßen, dann bekam man für Amy Winehouse längst nur noch schlechte Quoten. Seit Jahren war ihr Image nicht von Musik bestimmt, sondern von Eskapaden.

Drogen, eine turbulente Ehe, Essstörungen – das waren die Dinge, mit denen man in der jüngeren Vergangenheit Amy Winehouse in Verbindung brachte. Dass sie eine talentierte Soulsängerin war, eine gewitzte Songschreiberin und nicht zuletzt eine Stilikone – das verblasste vor all den negativen Schlagzeilen immer mehr.

Was nun bleibt, sind gerade einmal zwei Alben, enorm erfolgreich und vielfach preisgekrönt: Frank (2003) und Back To Black (2006) – ein winziges Oeuvre. Hinzu kommt die Bestürzung über so viel vergeudetes Talent. Und die Erkenntnis, dass offensichtlich niemand willens oder in der Lage war, die Selbstzerstörung von Amy Winehouse aufzuhalten. Trotz all des künstlerischen Potenzials, trotz der lockenden Millionenverkäufe für die Plattenfirma, trotz des Erfolgs, trotz der nun beflissentlich geäußerten Bestürzung: Amy Winehouse hatte offensichtlich weder gute Freunde noch gute Berater. Ihr Fall erinnert damit an den Niedergang von Elvis Presley: Manch einer hat vielleicht versucht, das Ende zumindest hinauszuzögern, schließlich haben alle gut gelebt vom Geld und Ruhm der Skandalnudel. Viele werden sich ein reines Gewissen herbeireden mit dem Argument, Amy Winehouse habe sich schließlich selbst ins Unglück gestürzt. Aber Fakt ist: Ihr Umfeld hat sie sehenden Auges fallen lassen. Niemand hat sie wachgerüttelt, zur Besinnung gebracht, gestoppt.

Mit ihrem Niedergang hat Amy Winehouse so letztlich auch ihren Nachruhm aufs Spiel gesetzt. Es darf bezweifelt werden, dass sie im Club 27 irgendwann zu den prominenteren Mitgliedern zählen wird. Denn anders als beispielsweise Kurt Cobain oder Jimi Hendrix ist Amy Winehouse keineswegs auf dem Höhepunkt ihres Schaffens abgetreten, sondern hat seit fünf Jahren kein Album und seit drei Jahren keine Single mehr veröffentlicht. Anders als bei Jim Morrison gibt es wohl auch kaum brauchbares Archivmaterial, das sich noch posthum ausschlachten lassen und so ihren Namen in Erinnerung halten könnte.

Anders als bei den anderen Mitgliedern im Club 27 hat der Tod von Amy Winehouse auch nichts Glamouröses. Ihre letzten Jahre waren keine Dauerparty, sondern ein Siechtum. Die Boulevardpresse hat jeden Blackout, jeden Fehltritt, jeden gescheiterten Entzug dokumentiert. Dank YouTube und Handykameras waren auch die Fans Amy Winehouse auf ihrem Leidensweg so dicht auf den Fersen, dass eigentlich jeder Versuch einer Überhöhung dieses traurigen Lebens zum Scheitern verurteilt sein müsste.

Das ist vielleicht das einzig Tröstliche am Tod von Amy Winehouse: Den Mythos von “live fast, die young” hat sie vielleicht nicht zerstört, aber zumindest als Mythos entlarvt. Wenn man sich den Tod von Brian Jones vorstellt, dann hat man vielleicht noch gutaussehende Groupies, teure Antiquitäten und Unmengen von Champagner vor Augen. Den Absturz von Amy Winehouse muss sich niemand vorstellen: Alle waren dabei. Wir haben die Aussetzer gesehen und die Busenblitzer, die misslungenen Konzerte und die irren Videos mit ihrem Kumpel Pete Doherty. Wir wissen, spätestens jetzt: Hier riecht es nicht nach Champagner. Hier riecht es nach Kotze.

In der Woche vor ihrem Tod hat sich Amy Winehouse angeblich dreimal bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. Wenn sich der Verdacht des Drogentods bestätigt, dann ist die Sängerin von der Bühne des Lebens so abgetreten, wie bei ihrem letzten Konzert in Belgrad: torkelnd, lallend, desorientiert. Es steht zu befürchten, dass sie so auch in Erinnerung bleiben wird.

Auch hier: Dreck statt Glamour. Amy Winehouse und Pete Doherty beschäftigen sich irgendwie mit Mäusen und schaffen so eine von vielen schrägen Schlagzeilen:

Eine leicht geänderte Version dieses Nachrufs mit Fotostrecken und Videos zu Amy Winehouse gibt es auch bei news.de.

Draufgeschaut: Spider-Man 2

Juli 22, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Spider-Man muss die Stadt vor Dr. Octavius (Alfred Molina) beschützen.

Spider-Man muss die Stadt vor Dr. Octavius (Alfred Molina) beschützen.

Film Spider-Man 2
Produktionsland USA
Jahr 2004
Spielzeit 122 Minuten
Regie Sam Raimi
Hauptdarsteller Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Alfred Molina, James Franco, Rosemary Harris, Cliff Robertson, Willem Dafoe
Bewertung ****

Worum geht’s?

Der Kernphysiker Dr. Octavius forscht an einer neuen Energiequelle. Doch sein Experiment geht schief – und bei der fehlgeschlagenen Kernfusion verwandelt sich der Wissenschaftler zudem von einem ehrgeizigen Forscher zu einem fiesen Bösewicht. Denn die Tentakelarme, die er zur Steuerung seines Experiments benötigt hatte, übernehmen die Herrschaft über ihn und wollen ihn zwingen, das Experiment erneut durchzuführen, diesmal aber mit noch höherem Risiko. Spider-Man will das unbedingt verhindern, denn er weiß: Dabei könnte die ganze Stadt explodieren. Allerdings hat er noch neben dem finsteren Dr. Octavius noch ganz andere Sorgen: Mary-Jane möchte einen anderen heiraten, weil sie ihn nicht als Freund haben kann – und natürlich nichts von seinem Doppelleben weiß.

Das sagt shitesite:

Sehr schnell sind in Spider-Man 2 alle Fronten klar, beinahe sogar etwas zu schnell. Denn immerhin hat Regisseur Sam Raimi hier mehr als zwei Stunden Zeit, um seine Geschichte zu erzählen – und nicht nur die paar Seiten eines Comic-Hefts. Auch nach der äußerst knappen Exposition setzt Spider-Man 2 auf die ultimative Fallhöhe, fast ohne Platz für Graustufen. New York ist wieder eine Stadt mit sehr langsamer Polizei und sehr vielen Gewittern (die Optik und Special Effekts überzeugen hier deutlich mehr als im ersten Teil). Peter Parker ist der ultimative Superheld, er ist die personifizierte Moral, verpflichtet sich der absoluten Selbstaufgabe.

Abgefedert wird das aber, wie schon im ersten Teil, durch eine gute Portion Ironie. Zu Beginn ist Peter Parker kein Superheld, sondern einfach ein überforderter Pizzabote. Später, als er nicht mehr Spider-Man sein, sondern lieber sein eigenes Leben leben will, wird sogar auf Potenzprobleme des Über-Heros angespielt. Auch dieses Prinzip wird in Spider-Man 2 konsequent durchgezogen, und so durchlebt die Hauptfigur eine Achterbahnfahrt zwischen Volltrottel und Weltenretter. Höchst unterhaltsam.

Bestes Zitat:

“Intelligenz ist kein Privileg, sondern eine Gabe. Man sollte sie zum Wohle der Menschheit einsetzen.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Willie Isz – “Georgiavania”

Juli 21, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
"Georgiavania" verzichtet auf Klischees, aber leider auch auf Seele.

"Georgiavania" verzichtet auf Klischees, aber leider auch auf Seele.

Künstler Willie Isz
Album Georgiavania
Label Lex
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung **1/2

Willie Isz veröffentlichen ihr erstes Album! Uninteressant? Ein paar Jungs aus dem erweiterten OutKast-Umfeld haben eine Platte namens Georgiavania gemacht!! Auch nicht so weltbewegend? Dann versuchen wir es doch mal so: Rap-Supergroup!!! Besser?

Der Begriff ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Aber auch nicht ganz falsch, wenn man Willie Isz vorstellen will. Denn das Duo besteht aus Jneiro Jarel und Khujo Goodie. Ersterer hat sich vor allem als Produzent einen Namen gemacht, unter Künstlernamen wie Shape of Broad Minds oder Dr. Who Dat? Der andere ist ein Viertel des legendären Goodie Mob.

Die Väter von Jneiro und Khujo heißen beide Willie, Isz ist ein Monster aus der 1990er-Jahre-Cartoon-Serie The Maxx. Deshalb Willie Isz. Georgiavana ist ihr erstes gemeinsames Album, schon 2009 in den Staaten erschienen, mit mehr als einem Jahr Verspätung dann auch hierzulande in den Läden gelandet.

Soviel zu den Fakten. Natürlich ist das eine leidlich spannende Ausgangsposition. Aber noch immer ist damit nicht die Frage beantwortet: Braucht man das? Die Antwort lautet: eher nicht. Georgiavania ist ein ordentliches Rap-Album, aber mehr nicht.

Blast Off baut auf eine E-Gitarre und wird aggressiv, aber nicht brutal. Danach hüpft der Titeltrack wie durchgeknallt um ein Kinderzimmer-Klavier und einen durchaus coolen Beat herum, unterstützt von OutKasts Big Boi. Loner setzt auf eine Helium-Stimme, das Ergebnis klingt wie (noch mehr) bekiffte Gorillaz.

Einen Beat mit reichlich Wumms und einer Kuhglocke hat Jneiro Jarel für Gawn Jet herausgesucht. “Outerspace punk rock. It’s kinda crunk but it’s kinda funky”, sagt er über den Track, bei dem Tunde Adebimpe von TV On The Radio mitwirkt. In The Red (Politrix) wird ganz laid back, Violet Heart Box setzt auf mehrstimmigen Gesang, The Grussle baut sich gar rund um ein Balkan-Sample auf. In der geheimnisvollen Soul-Ballade I Didn’t Mean To wird eher gesungen als gerappt (und Khujo klingt dabei lustigerweise ein bisschen nach Elvis Costello) – das ist durchaus typisch für Georgiavania, das ganz offensichtlich keine Lust auf Rap-Klischees hat. Willie Isz haben kein Problem damit, auch mal schwach oder verletzlich zu klingen. “Hip-hop needs more albums willing to be this strange”, hat Pitchfork deshalb geschrieben und Spin sieht in Willie Isz “Gnarls Barkley’s fucked-up little cousin.”

Auch die Jungs selber legen die Messlatte hoch. “We definitely want to keep that Dungeon, Goodie Mob, OutKast vibe. A lot of hip-hop is lacking that soul that Dungeon Family used to bring to the table. We’re holding on to that,” erklärt Jneiro die Herangehensweise bei Willie Isz. Das Problem ist: Die Musik wird diesem Anspruch nicht gerecht.

Um als reines Rap-Album zu zünden, hat Georgiavania zu wenig Witz und Punch. Um Genre-Grenzen einzureißen und einen überzeugenden Gegenentwurf zu etablierten Hip-Hop-Posen zu bieten, fehlt nicht nur ein Schuss Pop-Sensibilität. Es fehlt ausgerechnet auch die Seele, die Jneiro und Khujo versprechen. Das allermeiste auf Georgiavania klingt wie vom Reißbrett – und bloß solide.

Willie Isz im Interview:

Jneiro Janel bei MySpace.

Draufgeschaut: Muxmäuschenstill

Juli 20, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Mux (Jan Henrik Stahlberg, links) und Gerd (Fritz Roth) sind Straftätern auf der Spur.

Mux (Jan Henrik Stahlberg, links) und Gerd (Fritz Roth) sind Straftätern auf der Spur.

Film Muxmäuschenstill
Produktionsland Deutschland
Jahr 2004
Spielzeit 89 Minuten
Regie Marcus Mittermeier
Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg, Fritz Roth, Wanda Perdelwitz
Bewertung ****

Worum geht’s?

Herr Mux will die Welt verbessern. Auf eigene Faust zieht er durch die Stadt und bestraft alle, die er bei etwas Verbotenem erwischt: Raser, Schwarzfahrer, Ladendiebe. Schon bald hat er so viel zu tun, dass er den arbeitslosen Gerd als Unterstützung engagiert. Sein charakterliches Ideal ist die brave Kellnerin Kira – doch auch bei ihr muss Herr Mux erkennen, dass hundertprozentige Reinheit und vollkommener Anstand bloß Traumbilder in seinem Kopf sind.

Das sagt shitesite:

Schockierend und entlarvend wird in Muxmäuschenstill gezeigt, wie falsch verstandene Zivilcourage enden kann und welche Rolle die Medien in der Diskussion um den Werteverfall spielen. Die pseudo-dokumentarische Form von Muxmäuschenstill trägt zu diesem beeindruckenden Effekt ebenso bei wie die sehr guten Schauspieler.

Ein Ausschnitt aus dem Film:

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