Hingehört: Spank Rock – “Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar”
| Künstler | Spank Rock |
| Album | Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar |
| Label | Bad Blood Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Das Rap-Album des Jahres! Zumindest eine gute Viertelstunde lang muss man das glauben, wenn man das gerade erschienene Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar auflegt. Kein Wunder: Spank Rock, den seine Mama wahrscheinlich weiterhin lieber Naeem Juwan nennt, hatte schon mit seinem 2006er Debüt YoYoYoYoYo die Szene erschüttert und eine Partywelle losgetreten, die von Baltimore aus die ganze Rap- und R’n’B-Szene erreicht hat und noch immer nicht so recht abgeebbt ist.
Der Nachfolger Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar (soll man ihn der Einfachheit halber lieber Eibaeiafl nennen?) ließ fünf Jahre auf sich warten und könnte einen ähnlichen Effekt haben. Denn Spank Rock legt auch mit diesem, größtenteils von Boys Noize produzierten Album die Messlatte verdammt hoch. Vor allem aber beweist er, dass er sich weiterentwickelt hat. Noch immer ist es stilprägend, wie gekonnt er Rap und Electro verschmilzt. Doch diesmal kommen auch Pop-, Funk- und Rockelemente dazu. Und Spank Rock hat mittlerweile auch erkannt, dass das Leben aus mehr besteht als nur Party.
Ta Da ist ein sagenhafter Opener. „A man is not a man if he don’t speak for himself”, predigt Spank Rock da zu einem extrem reduzierten Beat, dann setzt nach 70 Sekunden eine fette E-Gitarre ein. Das reicht, um ein gewichtiges Statement für die folgenden 13 Tracks abzugeben: Hier steckt ganz viel Können drin, ganz viel Ehrgeiz, und auch ein kleines bisschen Augenzwinkern.
Das folgende Nasty (mit Big Freida und Tyette) ist saucool, catchy und fast hysterisch gut gelaunt. Mit dem Car Song (mit Santigold) könnte man problemlos Tote erwecken, so viel Energie steckt drin. Auch The Dance ist so ein Wirbelwind mit ähnlichem Kinderzimmer-Übereifer wie ihn sonst allenfalls Bonaparte an den Tag legen. Und der #1 Hit (produziert von Mark Ronson) ist erst Dancehall und wechselt dann einfach in einen sagenhaften House-Refrain, als sei es das Normalste von der Welt.
Nach knapp der Hälfte von Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar ist man schier umgehauen von der Power und Kreativität, mit der Spank Rock hier zu Werke geht. Das Rap-Album des Jahres hat er trotzdem nicht hinbekommen, und das liegt an der deutlich schwächeren zweiten Hälfte. Vieles ist hier noch ordentlich, aber nichts hat mehr den Killer-Effekt der ersten sechs Tracks.
Race Riot ist ein gutes Beispiel dafür. Beispielsweise auf einem Album der Black Eyed Peas wäre dieser Dancehall-Kracher, der mächtig auf dicke Hose macht, definitiv noch ein Highlight, hier fällt er ab. Turn It Off ist aggressiv, aber eindimensional, auch Hot Potato ist etwas monoton und bei Cool Shit hat man dann wirklich langsam genug von Spank Rocks permanentem Lobpreis der eigenen Großartigkeit, Potenz und Unbesiegbarkeit.
Immerhin aber stößt Spank Rock in der zweiten Hälfte von Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar einige neue Türen auf. „I’ll sell my soul / but the devil don’t need it“, beteuert Spank Rock beispielsweise in Baby, und die Musik klingt ebenso durchgeknallt wie diese Textzeile. Wenn man Prince irgendwann in nächster Zeit auf eine strenge Viagra-Diät setzen würde, käme wohl ein ähnlicher Balzgesang heraus. DTF Dadt hat einen extrem nüchternen, beinahe maschinellen Beat und entwickelt daraus einiges an Bedrohlichkeit. Und im famosen Rausschmeißer Energy beeindruckt neben einem Rhythmus, der ähnlich federnd funky ist wie man das bei The Roots schätzt, ausgerechnet der Gesang. „I need your energy“, singt Spank Rock da – und es klingt so überzeugend, als läge er nach einer wochenlangen Folter im Sterben und hätte wirklich nur noch eine einzige Chance auf Rettung. Dass er ein Lügner ist, kann man in diesem Moment voll und ganz ausschließen. Und von Langeweile kann bei Spank Rock bis auf Weiteres auch keine Rede sein.
#1 Hit? Das könnte bei diesem Kracher durchaus klappen, auch wegen des witzigen Videos:
Draufgeschaut: Killing Me Softly
| Film | Killing Me Softly |
| Produktionsland | USA/Großbritannien |
| Jahr | 2002 |
| Spielzeit | 100 Minuten |
| Regie | Chen Kaige |
| Hauptdarsteller | Heather Graham, Joseph Fiennes, Natascha McElhone |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
Alice hat sich ein angenehmes Leben geschaffen, seit sie nach London gezogen ist. Sie ist erfolgreich in ihrem Job und zufrieden mit ihrer Beziehung zu Jake, der ihr Geborgenheit gibt. Doch dann beginnt sie eine Affäre mit einem wildfremden Mann: Jake ist Bergsteiger, stark und abenteuerlustig. Doch er hat die Frau, die er liebte, bei einem Unglück im Himalaya verloren. Als Alice bei ihm einzieht, ahnt sie: In Adams Vergangenheit schlummern womöglich noch mehr dunkle Geheimnisse.
Das sagt shitesite:
Es gibt ein paar kleine Momente in Killing Me Softly, die sehr gelungen sind und andeuten, wie gut dieser Erotikthriller hätte werden können. Wenn Alice beim zweiten Besuch bei ihrem Liebhaber beinahe zu seiner Tür rennt vor lauter Vorfreude oder wenn in Adam das Misstrauen wuchert und er dabei bedrohlich lange mit einem Küchenmesser spielt, dann hat Killing Me Softly die nötige Spannung und Klasse.
In vielen anderen Sequenzen aber enttäuscht der Film – vor allem durch seine Übertreibungen. Die Metapher des Bergsteigens als Gratwanderung und als ultimativer Test für das gegenseitige Vertrauen wird deutlich überstrapaziert. Heather Graham steht 100 Minuten lang die ultimative Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben, Joseph Fiennes hat hingegen permanent Eiseskälte im Blick.
Es ist das größte Problem an Killing Me Softly, dass sich die Figuren nicht entwickeln, sondern durchweg in ihrer Ausgangsposition bleiben: Die scheinbar brave Alice ist wie von Sinnen von dieser Affäre und plötzlich sogar zu Fesselsex bereit, der scheinbar verwegene Adam versucht immer nur, das Trauma seines Lebens zu überwinden und aller Welt zu beweisen, dass man sich auf ihn verlassen kann. Gerade, weil diese Ausgangssituation nicht verändert wird, ist der Taumel kaum nachzuvollziehen, in den die beiden in Killing Me Softly stürzen. Die Kamera dreht sich, alles ist hektisch, wie im Fieber und nicht nur in den durchaus expliziten Sexszenen schier atemlos. Das wirkt in seiner Rasanz und Unbedingtheit, auch im Finale des Films, beinahe hysterisch.
Eine Frau, die sich ins Abenteuer stürzt und doch voller Angst steckt, und ein Mann, den die Tatsache, dass er Gewalt über diese Frau hat, noch mehr zu reizen scheint als die leidenschaftliche Liebe zu ihr – andere Filme wie Untreu oder auch 9 1/2 Wochen haben aus dieser Konstellation deutlich mehr gemacht. Killing Me Softly ist bloß ein leidlich spannender Film, der statt der nötigen Tiefe nur schöne Bilder und reichlich Nacktheit zu bieten hat.
Bestes Zitat:
“Sie dürfen niemals vom Schlimmsten ausgehen. Es hilft, wenn man es schafft, die Hoffnung zu bewahren.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Nirvana – “Nevermind (Deluxe Edition)”
| Künstler | Nirvana |
| Album | Nevermind (Deluxe Edition) |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ****1/2 |
Kurt Cobain, heute auf der Bühne? Man kann es sich nicht vorstellen. Nicht nur, weil sich der Frontmann von Nirvana 1994 das Leben genommen hat. Sondern auch, weil er Ruhm, Erfolg, Vereinnahmung und seinen Versuch, inmitten all dessen glaubwürdig zu bleiben, stets messerscharf reflektierte. Bis zur Selbstzerfleischung.
Es wäre durchaus spannend gewesen, Cobains Meinung zum aktuellen “Klassiker live”-Trend zu erfahren. Denn eine ganze Reihe von Indie-Göttern ist zuletzt der Versuchung erlegen, in späten Jahren den frühen Ruhm von einst noch einmal aufleben zu lassen. Die Pixies, sicher der wichtigste Nirvana-Einfluss überhaupt, haben eine ganze Tour bestritten, bei der sie Doolittle noch einmal zum Besten gaben. Sonic Youth und Dinosaur Jr. (zwei Bands, mit denen Nirvana in ihren Anfangstagen auf Tour waren) haben diese Masche ebenfalls bereits gefahren. Auch Pearl Jam und die Melvins, zwei weitere Wegbegleiter, gaben ihren Fans schon die Möglichkeit zu derlei Konzert-Zeitreisen.
Nirvana hingegen haben immer propagiert (und vorgelebt), dass Rockmusik jung, frisch und gefährlich sein muss. Eine Revival-Show zum Jubiläum von Nevermind, das in diesen Tagen 20 Jahre alt wird, wäre auch mit einem lebendigen Kurt Cobain (er wäre heute 44) deshalb wohl ausgeschlossen. «Ich möchte nicht irgendwann die Songs umarrangieren müssen, damit sie zu meinem Alter passen», hatte er schon kurz nach dem Erscheinen von Nevermind gesagt.
Die Platte war im September 1991 wie ein Tsunami über die Musiklandschaft hinweggefegt. The Year That Punk Broke heißt ein Dokumentarfilm, der den Siegeszug von Grunge im Allgemeinen und Nirvana im Besonderen einfing. Der Vergleich mit 1977, der in diesem Titel angestellt wird, mag noch anmaßend gewirkt haben, als der Film im Kino lief. Heute, mit 20 Jahren Abstand, ist er es nicht mehr.
Nevermind war «der Anfang vom Ende der klassischen Rockmusik», wie der Musikexpress es einmal formuliert hat. «Nevermind ist zum Klassiker geworden; zu einem jener seltenen Alben, die ihre Fans auf deren Weg durchs Leben begleiten und gleichzeitig neue Fan-Generationen für sich gewinnen», erkennt auch der Rolling Stone an, der Nevermind zudem auf Platz 7 unter den 500 besten Platten aller Zeiten einordnet.
Auch die Macher sind durchaus stolz darauf. Für Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl, inzwischen längst mit den Foo Fighters als Frontmann erfolgreich, war Nevermind «das größte Ding meines Lebens». Bassist Krist Novoselic findet die Platte auch heute noch «einfach stark. Sie hat absolut keine Schwachstellen. Ich überspringe nie einen Song, denn jeder einzelne hat etwas zu sagen.» Und wenn Nevermind-Produzent Butch Vig, der später als Mitglied von Garbage große Erfolge feierte, heute von einer Band gebeten wird, ob er sie vielleicht so klingen lassen kann wie Nirvana, dann antwortet er: «Dann schreibt erstmal so geniale Songs wie es Kurt Cobain getan hat.»
Zum 20. Jubiläum erscheint das Meisterwerk nun neu. Die Bandbreite reicht vom Originalalbum auf einer Remaster-CD über eine Doppel-CD mit allen B-Seiten und reichlich Bonustracks bis hin zur Super Deluxe Edition, die 4 CDs plus eine DVD und ein 90-seitiges Buch enthält.
Das Bonusmaterial bietet Nirvana-Jüngern eine gute Möglichkeit, die Entwicklung der Band nachzuzeichnen. Vor allem wird klar: Schon die Demo-Aufnahmen sind weitaus weniger ramschig als alles, was auf dem Nirvana-Debüt Bleach zu finden war. “Es wird poppiger”, hatte Kurt Cobain schon vor dem Erscheinen von Nevermind in Interviews gewarnt (womöglich ein vergeblicher Versuch, sich vorab vor den dann tatsächlich eintretenden Ausverkauf-Vorwürfen zu schützen) – und die Demos der bereits unter der Regie von Butch Vig laufenden Smart Studio Sessions beweisen das.
Bestes Beispiel ist das bis dahin unveröffentlichte Here She Comes Now. Das ist natürlich rotzig gesungen und mündet nach zweieinhalb Minuten in einem Neil-Young-Gitarrenrausch, bietet bis dahin aber einen fast sanften Sound, der auch den Lemonheads gut gestanden hätte oder, mit anderer Instrumentierung, sogar dem damals noch schwer angesagten Phil Collins (wer diesen Vergleich blasphemisch findet, sei daran erinnert, dass Miley Cyrus unlängst Smells Like Teen Spirit gecovert hat).
Alle Nevermind-Songs haben hier schon genau die Struktur, die sie später auf dem endgültigen Album haben würden. Manches hat lediglich noch nicht den Punch von Nevermind, gelegentlich wurden die Arrangements (Lithium enthält hier noch eine akustische Gitarre) oder Texte (Stay Away firmiert noch als Pay To Play) noch leicht verändert.
Die Deluxe-Edition illustriert auch, wie kreativ Nirvana in dieser Phase waren und wie qualitativ hochwertig der Output der Sessions war. Songs wie Dive oder Aneurysm wären auch auf Nevermind nicht abgefallen – letztlich öffnete gerade dieses Niveau die Tür für die Resteverwertung Incesticide, die ein Jahr nach Nevermind der Anfang des Cash-Ins war.
Anderes zeigt, dass nicht jeder Moment von Nirvana ein magischer war: Das Trio fügte Punk, Metal und Hardcore zusammen, wie es einige Bands Ende der 1980er Jahre taten. «Aggressiver Garagen-Rock aus dem Underground von Seattle» – mit diesem Slogan warb die deutsche Plattenfirma damals für Nevermind. Genau das (und meist nicht mehr) wird vor allem auf den Live-Aufnahmen dann auch geboten. Auch die hier ebenfalls gebotenen Boombox Rehearsals (unter anderem Smells Like Teen Spirit mit anderem Strophentext, Something In The Way, das klingt, als stamme es aus den 1920er Jahren, und eine atemlose Version von Lounge Act) und Drain You und Something In The Way aus den BBC-Sessions lassen noch einiges von der Raffinesse vermissen, die Nevermind dann auszeichnete.
Denn gerade diese erstaunliche Pop-Sensibilität war es, die aus Cobain, Grohl und Novoselic die Speerspitze des neuen Rock machte. Und natürlich mit Cobain ein Frontmann, der zur Verkörperung der Generation X wurde, einer Generation, «die mit sich selbst nichts anzufangen wusste, der es viel zu gut ging, als dass sie zu irgendwelchen Revolten imstande war; die aber zumindest, und dafür eignete sich Nevermind ideal, mit Aufbegehren und Verweigerung kokettieren wollte», wie es der Tagesspiegel formuliert.
Innere Zerrissenheit, die Suche nach einem Ventil dafür und das Wissen um die Mechanismen und die Lächerlichkeit des Pop-Geschäfts – all dies floss bei Nirvana unmittelbar in die Musik. Deshalb ist Nevermind auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen kein bisschen konventioneller oder versöhnlicher geworden, deshalb funktioniert diese Platte noch immer, deshalb hängen sich Teenager nach wie vor Poster mit der Leidensmiene von Kurt Cobain an die Wand.
Diese Musik ist voller Intensität, Authentizität und Leidenschaft, aber auch voller Sarkasmus. Kurt Cobain, der eine schwierige Kindheit hatte, an Depressionen und chronischen Magenschmerzen litt, ficht in diesen Liedern den Kampf mit seinem Schmerz aus, aus dem er niemals so richtig als Sieger hervorgeht. Dass man zu hartem Rock auch seine weiche Seite zeigen kann, das war vorher undenkbar – und Cobain ebnete damit den Weg für spätere Heulsusen von Radiohead bis Nickelback. REM bekamen wegen des Nirvana-Erfolgs einen mit 80 Millionen Dollar dotierten Plattenvertrag, ein anderes Label prognostizierte mutig, dass Pearl Jam die erfolgreichste Band der nächsten 20 Jahre werden würden – und ließ dann ebenso großzügig die Dollars fließen.
Vor allem aber pulverisierte der Ansatz von knüppelhartem Sound und hoch sensiblen Texten die etablierten Genres im Musikgeschäft. Am besten illustriert das wohl der Siegeszug des Videoclips zu Smells Like Teen Spirit, dem ersten Song auf Nevermind, der zur «Nationalhymne zur Gründung der Alternative Nation» (Musikexpress) wurde. Der Song ist für sich genommen schon ein Monster, doch das Video beschleunigte den Aufstieg Nirvanas extrem.
Schlagzeuger Dave Grohl erinnert sich: «Teen Spirit etablierte die Laut-Leise-Dynamik, auf die wir später regelmäßig zurückgriffen, insofern war dieser Song die Visitenkarte der Band. Aber es war wohl das Video, das daraus einen Hit machte. Wenn die Kids den Song im Radio hörten, dachten sie vielleicht: ‹Klingt nicht übel›, aber als sie dann das Video sahen, hieß es: ‹Verdammt cool. Diese Jungs sehen verdammt fertig aus – so als wollten sie ihre gottverdammte Highschool in Schutt und Asche legen.›»
Der Clip lief, und das war höchst erstaunlich, sowohl bei Headbanger’s Ball (dem MTV-Format für Hardrock) als auch bei 120 Minutes (der Show für Indie-Kids) rauf und runter – das waren zwei Lager, die bisher nichts miteinander zu tun hatten und sich sogar gegenseitig verachteten. Säufer und Kiffer, Machos und Schluffis, Lederstiefel und Turnschuhe: Nirvana führten das alles zusammen. Sie waren aggressiv genug für die Metal-Fraktion, aber sie hielten ebenso den alternativen Lebensstil hoch, setzten sich für Feminismus ein und machten sich über das System lustig. «Wer glaubt, den kapitalistischen Moloch ignorieren zu können, ist auf dem Holzweg. Man muss ihn ausbeuten, man muss ihn vergewaltigen – genauso, wie er dich vergewaltigt», sagte Kurt Cobain einmal.
Die alte Rockkultur, in der man eher Haarspray brauchte als ein kaputtes Holzfällerhemd (lustiger Rockfakt: Während der Zeit der Aufnahmen wohnten Nirvana im selben Gebäudekomplex wie Europe, die damals dem Erfolg von The Final Countdown nachhechelten und sich ansonsten mit Groupies amüsierten), pusteten Nirvana einfach weg. «Die Fans und die Leute aus der Musikindustrie haben dafür zu sorgen, dass uns nicht mehr so schale und lahmarschige Musik vorgesetzt wird, wie in den vergangenen zehn Jahren», forderte Kurt Cobain zur Zeit von Nevermind – obwohl er einige der etablierten Elemente ebenfalls nutzte. Ähnlich wie viele Metal- und Hardrock-Platten aus der Zeit ist auch Nevermind schlecht gelaunt und voller Verachtung auf die Welt. Aber bei Nirvana gab es keine Posen, keinen Spaß, keine Oberfläche. Vor allem gab es für sie, und das ist der Unterschied zu den Vorgängern, keine Katharsis – nicht in der Musik, erst recht nicht durch Ruhm, Erfolg oder Groupies. Das Leiden ging immer weiter.
Es ist fast Ironie des Schicksals, dass sich Cobain drei Jahre nach Nevermind auch deshalb das Leben nahm, weil er mit dem Status als Rock-Millionär, Mode-Ikone und Sprachrohr einer Generation nicht zurecht kam – schließlich wollte er immer bloß er selbst (und das heißt: am liebsten auch dagegen) sein. Denn genau dieses Dilemma löste der Ansatz von Nirvana im Laufe der Jahre auf: Pop zu machen und zugleich zu zerstören, ein Lebensgefühl zu artikulieren und sich zugleich zu verweigern. Seitdem sind die Zeiten passé, in denen eine Subkultur automatisch auch Gegenkultur ist. Underground und Mainstream verschmelzen. Nirvana waren der Auslöser dafür. Doch für Kurt Cobain kam diese Revolution zu spät.
Eine Urgewalt: Nirvana spielen Smells Like Teen Spirit bei The Word – und Kurt Cobain preist vorab die Bettqualitäten von Courtney Love:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es mit einer Fotostrecke zu Nirvana und zehn amüsanten Fakten zu Nevermind auch bei news.de.
Draufgeschaut: Twilight – Biss zum Morgengrauen
| Film | Twilight – Biss zum Morgengrauen |
| Originaltitel | Twilight |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 82 Minuten |
| Regie | Catherine Hardwicke |
| Hauptdarsteller | Kristen Stewart, Robert Pattinson, Billy Burke, Sarah Clarke, Ashley Greene, Kellan Lutz |
| Bewertung | ** |
Worum geht’s?
Bella ist neu an der Schule in Forks, ganz im Norden der USA. Dort ist sie bei ihrem Vater eingezogen. Das sonnige Phoenix hat sie verlassen, weil ihre Mutter sich dort neu verliebt hat und sie der Beziehung nicht im Wege stehen will. Auch für Bella bahnt sich schnell frisches Liebesglück an: In der Schule verguckt sie sich in den geheimnisvollen Edward. Doch der scheint sie erst ekelhaft zu finden, dann rettet er ihr mit unglaublicher Stärke und Schnelligkeit das Leben. Bella ist verwirrt: Hat Edward übernatürliche Kräfte? Oder bildet sie sich das nur ein? Schließlich fasst Edward Vertrauen zu ihr und offenbart, was Bella bereits geahnt hatte: Er ist ein Vampir.
Das sagt shitesite:
Seit Mars Attacks dürfte es nicht mehr so viele blassgrüne Gesichter auf einer Kinoleinwand gegeben haben wie hier. Die Ästhetik, irgendwo zwischen Twin Peaks und Grimms Märchen, ist dabei noch das Gelungenste an Twilight – Biss zum Morgengrauen.
Im Kern der Geschichte schlummern zwar durchaus spannende Themen wie Selbstbeherrschung, Lust, Vertrauen und Keuschheit. Doch diese Konflikte werden unfassbar plump erzählt. Es wird melodramatisiert bis zum Gehtnichtmehr, die Rollenklischees (durchweg zerbrechliche Mädchen schmachten durchweg starke Männer an) könnten nicht unorigineller sein und wenn das junge Pärchen dann auch noch im Bibi-Blocksberg-Stil durch die Lüfte segelt, dann hat das vollends eine unfreiwillige Komik.
Alles, selbst die offensichtlichste Gefühlsregung, muss in Twilight – Biss zum Morgengrauen ausgesprochen werden. Weil dem Zuschauer so nicht mal mehr die kleinste Transferleistung abverlangt wird, kann der Film nirgends das entwickeln, worum es hier eigentlich gehen soll: Leidenschaft und Magie.
Bestes Zitat:
“Sterben ist friedlich, leicht. Leben ist schwerer.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: The Rifles – “Freedom Run”
| Künstler | The Rifles |
| Album | Freedom Run |
| Label | Right Hook Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Runderneuert treten The Rifles auf ihrem dritten Album an. Joel Stoker und Luke Crowther sind nach wie vor die Köpfe des Quintetts aus London. Doch vom Rest der Gründungsformation ist auf Freedom Run niemand mehr übrig.
Das personelle Update hat der Band hörbar gut getan: Freedom Run klingt durchweg so frisch und energisch, als hätten sich die Rifles seit ihrem letzten Album Great Escape (2009) ausschließlich von Red Bull ernährt. Vom ersten Song an ist Freedom Run einnehmend und kurzweilig.
„Give me a friend with a heart that beats“, fordert Dreamer, besagter erster Song. Dazu gibt es den ersten von vielen Refrains mit so viel Klasse, wie das sonst nur Mumm-Ra oder die Kooks hinbekommen. Long Walk Back entwickelt rund um ein eingängiges Piano-Riff, eine Akustikgitarre und Handclaps eine Atmosphäre voller Unschuld und Ungeduld.
Bei Sweetest Thing, das zugleich Radiohit, Festivalhymne und Discofeger ist, spielt Rifles-Mentor Paul Weller an der Gitarre mit. In seinem Black-Bam-Studio wurde die Platte mit Produzent Chris Potter aufgenommen. Dass der schon mit Größen wie den Rolling Stones, The Clash oder The Verve gearbeitet hat, lässt der nächste Song mehr als erahnen. Die Vorab-Single Tangled Up In Love baut sich, ganz ähnlich wie einst Bittersweet Symphony, um eine Streicherfigur auf und steigert sich am Ende fast in einen Rausch hinein.
The Jam standen bei Eveline unverkennbar Pate, wenn Stoker und Crowther gemeinsam singen, klingen gelegentlich auch die Harmonies der Rembrandts durch. Auch I Get Low dürfte Meister Weller bestens gefallen: Northern Soul at its best.
Freilich gelingt nicht alles auf Freedom Run: Love Is A Key soll wohl wie die frühen Beatles klingen, beschwört dann aber eher Assoziationen zu Status Quo (die erste Hälfte) und den Monkees (die zweite Hälfte) herauf. Auch das Interlude nach gut der Hälfte der Platte hat eine Prise zu viel Muckertum und scheitert mit dem Versuch, zugleich psychedelisch und heavy zu sein. Falling ist bloß hübsch, hat aber kaum Substanz. Nothing Matters beginnt sehr reduziert und verheißungsvoll, übt danach die ganz große Geste, verpasst aber den Moment, in dem das Lied richtig abheben könnte.
Nach diesem Durchhänger zeigen The Rifles aber am Schluss, dass sie ihr Pulver doch nicht zu früh verschossen haben. Coming Home klingt so einfach und beglückend, wie es sich nun einmal anfühlt, nach Hause zu kommen. Mit Little Boy Blue (Human Needs) beweisen sie, dass sie durchaus auch ein bisschen verschroben sein können. Und Cry Baby ist ein höchst ungewöhnlicher Rausschmeißer: Es gibt keine opulente Monster-Ballade, sondern einen kompakten Song, der ebenso elegant wie lässig aus dem Ärmel geschüttelt wirkt. Das kann man durchaus als Zeichen von Selbstbewusstsein interpretieren. Wie heißt es in einer Zeile von I Get Low? „Take me back to your home / and make a new start.“ Dieses Vorhaben den Rifles mit Freedom Run definitiv gelungen.
Die Single Tangled Up In Love ist perfekt für eine Kneipenparty geeignet, wie The Rifles im Video beweisen:
Draufgeschaut: Der Wixxer

Inspector Very Long (Bastian Bastewka, rechts) und Chief Inspector Even Longer (Oliver Kalkofe) sind auf der Jagd nach einem Superschurken.
| Film | Der Wixxer |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 82 Minuten |
| Regie | Tobi Baumann |
| Hauptdarsteller | Oliver Kalkofe, Bastian Pastewka, Thomas Fritsch, Tanja Wenzel, Wolfgang Völz, Olli Dittrich, Christoph Maria Herbst, Anke Engelke |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
Schon lange hält der Wixxer ganz England in Atem: Er will die Herrschaft über die gesamte Londoner Unterwelt erobern und geht dabei über Leichen. “Eines Tages werden alle Menschen Wixxer sein”, droht er. Nun ist in der Nähe des geheimnisvollen Blackwhite Castles auch noch eine Touristin aus Bitterfeld verschwunden. Steckt der Wixxer auch hinter diesem Verbrechen? Chief Inspector Even Longer ermittelt. Er hat auch noch eine ganz persönliche Rechnung mit dem Superschurken offen: Der Wixxer hat seinen früheren Partner Rather Short auf dem Gewissen.
Das sagt shitesite:
Im Gegensatz zu anderen Parodien (Die nackte Kanone, Scary Movie oder aus deutschen Landen beispielsweise Die 7 Zwerge) lebt Der Wixxer nicht von einer hohen Gag-Dichte. Im Gegenteil: Richtige Schenkelklopfer gibt es trotz der hochkarätigen Besetzung mit einigen der besten deutschen Comedians nicht. Der Humor von Der Wixxer liegt eher im ästhetischen Bereich, in der Stiltreue, mit der die Filme von Edgar Wallace hier ebenso imitiert wie ironisiert werden.
Der Spaß der Macher war bei Der Wixxer unverkennbar groß, und die Komödie profitiert davon durch eine große Liebe zum Detail und den Mut, ein großes Repertoire an filmischen Mitteln auszuschöpfen. So wird mit schwarz-weiß-Bildern, Splitscreen oder Retro-Optik bei den Auftritten eines Pseudo-Klaus-Kinski gearbeitet. Der Spaß der Zuschauer hält sich freilich abseits dieser Mischung aus Hommage und Persiflage in Grenzen. Schon nach wenigen Minuten hat Der Wixxer seine Witzchen über Dieter Bohlen und Adolf Hitler, Castingshows, Ossis und Möpse gerissen – auf diesem Niveau verbleiben die Pointen dann leider auch durchweg.
Bestes Zitat:
“Hass ist eine erstklassige Voraussetzung für eine funktionierende Ehe.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Roots Manuva – “4everrevolution”
| Künstler | Roots Manuva |
| Album | 4everrevolution |
| Label | Big Dada |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Eine Nominierung für den Mercury-Award, eine bei den Brits. Eine Zusammenarbeit mit den Gorillaz und eine Lobeshymne von der Times („his is the voice of urban Britain“). Nicht schlecht für jemanden, der nach mehr als zehn Jahren im Geschäft noch immer keine einzige Platte (weder Album noch Single) in die Top20 gebracht hat. Damit soll nun Schluss sein. Roots Manuva legt mit 4everrevolution sein viertes Studioalbum vor – und einen Großangriff auf den Mainstream.
Der Mann, der eigentlich Rodney Smith heißt, hat dafür auf 4everrevolution eine ganze Menge Verstärkung mitgebracht, die meisten der Mitstreiter kommen aus dem Umfeld seines eigenen Labels Banana Klan. Als Produzenten sind Gibbs King (Revelation), Ollie And Olmino (Beyond This World), Dizz1 (Here We Go Again) und Monkeymarc (Who Goes There?) am Start. King hat zudem das Streicher-Arrangement für Skid Valley beigesteuert, auf dem wiederum Sängerin Skin und Bassist Cass Lewis von Skunk Anansie mitwirken.
Weitere Gaststimmen: Ricky Ranking (Wha’ Mek?, In The Throes Of It), DJ MK (Banana Skank), Daddy Kope (Crow Bars), Rokhsan (Get The Get, Beyond This World), Elan Tamara (The Path) und Spikey Tee (Here We Go Again). Dazu kommt noch Watch Me Dance, das Roots Manuva schon lange in der Schublade hatte und zuletzt an Toddla T weitergereicht hatte – der daraus prompt den Titelsong seines aktuellen Albums machte. Roots Manuvas eigene Version bieten die Damen und Herren von Big Dada freundlicherweise hier zum kostenlosen Download an. Wer davon Gebrauch macht, wird viel Schmackes im Stile von Calvin Harris erkennen und ein großartiges kreatives Durcheinander.
“My music is about merging the most unlikely bedfellows”, hat Roots Manuva einmal in einem Interview erklärt, und 4everrevolution hört man diese Arbeitsweise definitiv an. Trotz der ganzen Armada von Gast-Stars trägt die Platte dabei ganz klar die Handschrift von Roots Manuva. Er hat 13 der 17 Tracks selbst produziert, er rappt gekonnt und kurzweilig über Nerds und Politik, über Frauen und natürlich über seine eigene Großartigkeit, und auf dem sonnig-entspannten Wha’ Mek? macht er sogar etwas, das man mit Fug und Recht „singen“ nennen kann.
Die musikalische Bandbreite ist enorm. Es gibt Reggae und Electro, Soul-Einflüsse und Experimente. „I try and blend loads of different influences towards something that’s the cultural heritage of the UK”, betont Roots Manuva, aber sein Horizont ist keineswegs bloß auf Old Blighty beschränkt. Manches lässt an Outkast denken (Who Goes There?, Noddy), gleich eine ganze Reihe von Tracks setzen auf eine extrem hochgepitchte Snare, wie man das von Eminem kennt, und bekommen dadurch eine geheimnisvolle Härte (Revelation, Takes Time, Crow Bars). Bei In The Throes Of It muss man sogar an Beck denken: Der Track hat einen ganz einfachen Beat und ein simples Bass-Riff, aber das reicht, um mehr als sieben Minuten lang packend zu bleiben, einen beachtlichen Drive zu entwickeln und sogar einen kurzen Abstecher nach Afrika zu machen.
Durchweg merkt man Roots Manuva auf 4everrevolution den Spaß an der Sache und die Inspiration an. Go Champ meistert problemlos die eigene Komplexität, auch in Much Too Plush stecken so viele Ideen, dass das Stück gar keinen Wumms braucht. Trotz all der nicht zu leugnenden Ambitionen verfällt Roots Manuva nirgends in Selbstverliebtheit oder versucht gar, sich allzu plump anzubiedern.
Dazu kommen ein paar Songs, die genug Hitpotenzial haben, um Roots Manuva endlich auch zum Chartbreaker zu machen. Mit Streichern und der Stimme von Skin entwickelt Skid Valley reichlich Dramatik. Beyond This World ist verdammt funky. Der Rausschmeißer Banana Skank hat viel Punch und einen tollen Refrain. Vor allem aber hat 4everrevolution einen sehr gelungenen Spannungsbogen. Ein Urteil, das man bei weitem nicht über viele Hip-Hop-Platten fällen kann: vielseitig und trotzdem eine runde Sache.
Erst wird das Outfit gecheckt, dann ein Video gedreht: So läuft das jedenfalls beim Clip zu Get The Get:
Draufgeschaut: Fickende Fische
| Film | Fickende Fische |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 103 Minuten |
| Regie | Almut Getto |
| Hauptdarsteller | Sophie Rogall, Tino Mewes, Jürgen Tonkel |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
“Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so gern gehabt wie dich”, sagt die 15-jährige Nina zu Jan, in den sie sich verliebt, als sie ihn aus Versehen fast mit ihren Inline-Skates über den Haufen fährt. Auch Jan fühlt sich zu Nina hingezogen, während die beiden den Sommer miteinander verbringen und sich so immer näher kommen. Er hat nur ein Problem: Er fühlt sich als tickende Zeitbombe, denn er hat Aids.
Das sagt shitesite:
Die beiden Hauptfiguren von Fickende Fische wirken leider besonders am Anfang des Films ein Stück weit überzeichnet. Wenn die übercoole Nina und der ultraschüchterne Jan zueinander finden und dann auch noch Dialoge in angeblicher Jugendsprache (“endgeil”) in den Mund gelegt bekommen, dann ist das einigermaßen hölzern. Auch danach behält Fickende Fische immer einen etwas anstrengenden pädagogischen Unterton. Wenn gegen Ende Störgeräusche und wilde Schnitte verdeutlichen sollen, dass die Idylle von zwei verknallten Teenies mit sturmfreier Bude hier eben trotzdem getrübt wird von einer tödlichen Krankheit, dann fließt dieses Problem sogar in den ästhetischen Bereich hinein.
Immerhin schafft es Fickende Fische aber, geschickt an das Schicksal von Jan heranzuführen. Erst nach und nach ahnt der Zuschauer, was den Jungen so verzweifelt und seltsam macht, und als es dann offensichtlich ist, wirft das ein ganz neues Licht auf seinen Charakter und die Beziehung zu Nina. Außerdem lobenswert: Der Film behält konsequent die Perspektive des jungen Liebespaares. Erwachsene wirken hier durchweg wie seltsame, beinahe störende Figuren. Dadurch, und vor allem dank der beiden starken Hauptdarsteller, gewinnt Fickende Fische dann doch noch die nötige Authentizität und wird zu einem netten Porträt einer Teenager-Liebe unter denkbar schwierigen Umständen.
Bestes Zitat:
“Aufs Sterben warten bringt dich um. – Aufs Leben warten auch.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Jasmin Tabatabai – “Eine Frau”
| Künstler | Jasmin Tabatabai |
| Album | Eine Frau |
| Label | Edel |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Singende Schauspieler – das endet fast immer in Peinlichkeiten. Jasmin Tabatabai ist schon immer eine Ausnahme von dieser Regel. Seit Beginn ihrer Karriere als Künstlerin fährt sie zweigleisig und kann mittlerweile auf fünf Alben zurückblicken, mit ihrer Ex-Band Even Cowgirls Get The Blues und als Solistin. Das aktuelle Werk ist sogar nur wegen dieses doppelten Talents entstanden. Denn die Idee zur neuen CD Eine Frau wurde bei den Dreharbeiten zum Film Gripsholm vor mehr als zehn Jahren geboren.
In dieser Literatur-Verfilmung spielte sie die Sängerin und Kurt-Tucholsky-Muse Billie Sunshine. Im Film sang sie in Jazzclubs, und der Schweizer Komponist David Klein, der für den Gripsholm-Soundtrack verantwortlich war, erkannte sofort ihr Talent für dieses Genre. «Seit dieser Zeit belagere ich sie, ein deutschsprachiges Album zu machen», sagt Klein. Nun hat er es geschafft und gemeinsam mit seinem Orchester die Musik für das neue Album von Jasmin Tabatabai beigesteuert.
«David hat komponiert, arrangiert und produziert. Ich kann mich allein aufs Singen konzentrieren, was für mich ein wahrer Genuss ist», erklärt Jasmin Tabatabai die Arbeitsweise. «Singen ist das, was ich überhaupt am liebsten mache, es ist Balsam für meine Seele und ich habe es in den letzten Jahren sehr vermisst», sagt die Deutsch-Iranerin, die sich zuletzt fünf Jahre lang auf Nicht-Musik-Projekte konzentriert hatte.
Eine Frau ist nicht nur deshalb ein erstaunliches Album, weil von Tabatabais Rock-Vergangenheit nicht einmal mehr Spurenelemente zu erkennen sind. Sie schafft es auch, sich diesen neuen Stil zwischen Jazz, Swing und Chanson voll und ganz zu eigen zu machen – und ihn vor allem nicht altmodisch klingen zu lassen. «Wir wollten nicht mit heraushängender Zunge dem Zeitgeist hinterher hecheln, sondern ein Album ohne Verfallsdatum machen», umschreibt Klein die Herangehensweise.
So gelingt es tatsächlich, dass sich eigens für dieses Album komponierte Stücke fast ohne Bruch an Lieder von Reinhard Mey (Herbstgewitter über Dächern), Oscar Straus (Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben) oder Egberto Gismonti (Agua e vinho) reihen, die hier neu interpretiert werden.
Den Auftakt macht – angesichts der Entstehungsgeschichte von Eine Frau muss man sagen: sinnigerweise – die Vertonung eines Kurt-Tucholsky-Gedichts. Augen der Großstadt ist höchst elegant, mit Besenschlagzeug, dezenten Streichern und bloß hingehauchtem Gesang. Gerade durch ihre Zurückhaltung schafft es die Musik, dem Text zu entsprechen, der die Monotonie des Alltags ebenso beleuchtet wie die unendlichen Möglichkeiten eines romantischen Moments.
Das Thema bleibt auch danach fast durchweg: Monogamie für Fortgeschrittene. Jasmin Tabatabai singt wissend und souverän über Versuchungen und Seitensprünge, Verletzungen und Treueschwüre. Sie ist mal ironisch, mal erotisch, immer frech und stolz – und erscheint damit schon sehr bald als Idealbesetzung für diese Platte. «Ich bin eine erwachsene Frau in den 40ern, und so möchte ich auch klingen», sagt sie.
In Kann denn Liebe Sünde sein wechselt sie problemlos zwischen kokett und schnodderig, Ich weiß nicht zu wem ich gehöre wird zur Feier der Weiblichkeit, auch andere Lieder können problemlos als Aufruf zur Emanzipation verstanden werden. Der Titelsong als herrlich entspannter Rumba betrachtet augenzwinkernd die Geschlechterbilder – die sich seit den 1920er Jahren schockierend wenig gewandelt haben.
Männer sind hier meist Gegner, aber keine, die man bekämpft oder verachtet, sondern solche, mit denen man spielt. Auch wegen dieser Perspektive verströmt Eine Frau eine sehr angenehme Unaufgeregtheit. Das sind Lieder, wie sie Bridget Jones unter der Dusche trällern könnte (Ein Brautkleid) oder wie sie Ina Müller singen würde, wenn sie das Kneipenbier plötzlich gegen einen Piccolo im Theaterfoyer eintauschen wollte (Nimm ihn dir).
Inmitten von ganz viel Wohlklang und virtuosen Soli bleibt die Stimme von Jasmin Tabatabai doch stets der Star dieser Platte. An ihrer Eignung als Musikerin kann nach Eine Frau wirklich niemand mehr zweifeln, und sie selbst liefert auch gleich die beste Erklärung dafür: «Man fragt mich oft, weshalb ich als Schauspielerin überhaupt singe. Dabei bin ich durch meine Schauspiel-Erfahrung doch geradezu prädestiniert, mich in die ‹Rolle› der jeweiligen Protagonistin eines Songs einzufühlen, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Wandlungsfähigkeit, das Gespür für Dramaturgie, alles fließt in die Interpretation mit ein.»
Jasmin Tabatabei singt Eine Frau live in Berlin:
Diese Rezension mit einer Fotostrecke zu singenden Schauspielern gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Elegy
| Film | Elegy |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 106 Minuten |
| Regie | Isabel Coixet |
| Hauptdarsteller | Penélope Cruz, Ben Kingsley, Dennis Hopper, Patricia Clarkson, Peter Sarsgaard |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
David Kepesh ist Professor für Literatur, ein anerkannter Kunstkritiker und seit seiner Scheidung vor mehr als 30 Jahren bekennender Junggeselle. Immer wieder bandelt er, obwohl er kurz vor dem Rentenalter steht, mit seinen Studentinnen an. Auch mit der verführerischen Consuela, die halb so alt ist wie er selbst, beginnt er eine Affäre. Beide versuchen, entspannt mit dem großen Altersunterschied umzugehen. Als aus dem Abenteuer aber eine Beziehung zu werden scheint, müssen sie sich doch die Frage stellen: Ist das nur Begehren – oder kann es Liebe sein?
Das sagt shitesite:
Elegy lebt zu großen Teilen nicht von seinem filmischen Vermögen, sondern von der Handlung der Romanvorlage von Philip Roth. Natürlich spielen Ben Kingsley und Penélope Cruz gekonnt, natürlich ist die Wendung in der Mitte ebenso spannend wie die erschütternde Schlusspointe. Natürlich ist es löblich, dass der Film zumindest teilweise das Explizite der Romanvorlage aufgreift, sowohl verbal (“Ich rede und rede. Aber eigentlich will ich sie vögeln”, darf David Kepesh an einer Stelle sagen) als auch visuell (nicht nur wegen der Nacktheit und der Bettszenen). Aber Einiges an Elegy ist auch geschmäcklerisch, zudem ist der Film ein gutes Stück zu lang.
Sehr sehenswert bleibt er trotzdem, nicht nur als ungewöhnliche Liebesgeschichte, sondern auch als schlaue Betrachtung über den Zwiespalt zwischen Unabhängigkeit und Einsamkeit.
Den alten Professor, der lässig sein will, ungezügelt und draufgängerisch und in Consuela vor allem die Schönheit und die Jugend liebt, auf eine junge Frau treffen zu lassen, die streng, kultiviert und züchtig wirkt und in David vor allem die Verkörperung von Kultur und Erfahrung sieht, ist als Ausgangssituation schon spannend genug. Einen ganz besonderen Ton bekommt Elegy aber durch die Stimme aus dem Off. Von Anfang an weiß der Zuschauer dadurch: Hier blickt jemand zurück, aus einer Position des Bedauerns heraus. Diese Beziehung wird kein gutes Ende nehmen.
Als David der Studentin mehr und mehr verfällt, nicht nur aufgrund körperlicher Anziehung, sondern auch emotional, da bricht seine Ideologie plötzlich in sich zusammen. Auch sein eigener Sohn führt ihm vor Augen, dass sein hedonistischer Lebensstil ein Selbstbetrug ist. Wenn er das jahrzehntelang leugnen konnte, dann nur auf Kosten anderer Menschen – und nun ahnt der Professor zumindest, dass er Consuela zum nächsten Opfer machen könnte. Immer wieder macht ihn diese Verwirrung sprachlos – auf die wirklich heiklen Fragen dieser Beziehung antwortet er ganz oft bloß mit Schweigen, und so kehrt sich das Verhältnis von jugendlichem Leichtsinn und erfahrener Weitsicht zwischen Professor und Studentin stillschweigend immer mehr um.
Es ist die größte Leistung von Elegy, die Mutlosigkeit zu offenbaren, die dieser Mann an den Tag legt, den alle Welt doch für klug und souverän hält. Er brüstet sich mit seiner jungen Geliebten, doch er schämt sich, ihrer Familie vorgestellt und dabei womöglich als alter Sack abgestempelt zu werden. Er hat kein Problem mit dem Klatsch und Tratsch, den seine Affären mit Studentinnen nach sich ziehen, aber er fürchtet den Skandal, wenn nun aus einer Affäre eine Liebe werden könnte. Elegy ist damit nicht nur ein Film über die Liebe und das Alter, sondern vor allem über Mut und Begehren.
Bestes Zitat:
“Wenn man mit einer Frau Sex hat, ist das die Revanche für alles, was dich im Leben besiegt hat.”
Der Trailer zum Film:









