Hingehört: Sarabeth Tucek – “Get Well Soon”
| Künstler | Sarabeth Tucek |
| Album | Get Well Soon |
| Label | Sonic Cathedral |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Ein Trauerkloß. Ein anderes Wort kann es nicht geben, um Get Well Soon zu umschreiben, das zweite Album von Sarabeth Tucek. „The world turned upside down / everything shook to the ground“, heißen die ersten beiden Zeilen des Openers The Wound And The Bow. Sarabeth Tucek singt diese Worte nur zur Akustik-Gitarre, mit einer ganz hohen Stimme, als wolle Heather Nova in die Arktis fliehen vor lauter Weltschmerz.
Wooden, das nächste Lied, bekommt dann sogar eine Spiel mir das Lied vom Tod-Mundharmonika verpasst und ist ebenso gespenstisch, bevor nach zwei Minuten ein Gitarren-Orkan in bester Neil-Young-Manier losbricht – wie ein reinigendes Gewitter, als könne Sarabeth Tucek ihre Trübsal selbst nicht mehr ertragen.
Es ist ein bezeichnender Moment für Get Well Soon, das während zwei Wochen in Pennsylvania aufgenommen wurde (übrigens im selben Studio, in dem auch Howl vom Black Rebel Motorcycle Club entstanden ist) und das Produzent Luther Russell einfach im Rough Mix belassen hat. Denn diese zwei Extreme sind die einzigen Facetten, die es auf Get Well Soon gibt: stumme Wut zu aggressiven E-Gitarren und abgrundtiefe Trauer im angenehm akustischen Gewand. Kein Wunder: Sarabeth Tucek hatte nach dem Erscheinen ihrer Debütsingle im Jahr 2007 zwar reichlich Kritikerlob eingeheimst, privat lief es für sie aber alles andere als gut. „Some very bad things happened during the first record and after. It was as if all that had ever troubled me, hurt me, came back just as I was embarking on what should’ve been the happiest time of my life”, sagt sie.
Einer der Schicksalsschläge war der Tod ihres Vaters. Ihr Kummer war so groß, dass sie keine andere Möglichkeit sah, als ihn auf Get Well Soon zu verarbeiten: „It’s hard to explain the ferocity of the grief I experienced when my father died. I really felt like it was going to kill me.” Nun singt sie untröstlich zum Klavier in A View, sie wagt sich mit Rising in düstere Gefilde oder kleidet ihren Schmerz in wunderhübsche Balladen wie Smile For No One.
Wenn sie zu Piano und einem markanten Klavier greift wie in At The Bar, dann wirkt das wie eine melancholische Version von Kate Nash. Das fast nur geflüsterte Things Left Behind erinnert an Sophie Zelmani. Und wenn Sarabeth Tucek beklagt, dass selbst die sonst so heldenhaften Feuerwehrleute sie nicht vor ihrem Verlust bewahren konnten (The Fireman) und der Sound dabei ein wenig zupackender wird, dann würde das auch gut auf eine Platte von A-Camp passen. Die rockigeren Momente (vor allem State I Am In mit seinem tollen Refrain) lassen an Cat Power oder Juliana Hatfield denken.
Auffällig, auch angesichts dieser Bezugspunkte, ist dabei allerdings: Sarabeth Tucek versinkt hier fast immer in eine Rolle völliger Passivität. Sie vermisst, sie wartet, sie bereut, sie bettelt. Angesichts des Themas ist das nicht verwunderlich. Aber trotzdem wirkt es auf Dauer ein wenig ermüdend – vor allem, weil sie dabei manchmal so weit geht, dass sie bloß noch wie ein Opfer wirkt, und kaum mehr wie die Autorin ihrer eigenen Songs. The Doctor ist ein gutes Beispiel dafür, weil der Gesang hier der dramatischen Musik fast ohnmächtig gegenüber steht. Auch das folgende Exit Ghost gelingt nicht: Der Track baut mit reichlich Gitarrenwucht eine ordentliche Fallhöhe auf, hat danach aber nicht mehr viel zu bieten.
Insgesamt ist Get Well Soon aber trotzdem ein Triumph über die Trauer. Ganz am Schluss steht der Song, der diesem Album seinen Namen gab, und bei dem erstmals ein bisschen Hoffnung in diese Platte Einzug hält. “When I wrote the title track I had a friend of mine on my mind. She was so sad… just inconsolable and it was painful to see her like that. The title is a reminder to keep myself well”, sagt Sarabeth Tucek. Get Well Soon – das singt sie also auch ein bisschen zu sich selbst.
Sarabeth Tucek lebt mittlerweile wieder in New York. Im Video zu State I Am In macht sie das aber auch nicht sonderlich glücklich:
Draufgeschaut: Das Mädchen aus der Streichholzfabrik
| Film | Das Mädchen aus der Streichholzfabrik |
| Produktionsland | Finnland/Schweden |
| Jahr | 1990 |
| Spielzeit | 68 Minuten |
| Regie | Aki Kaurismäki |
| Hauptdarsteller | Kati Outinen, Elina Salo, Esko Nikkari, Vesa Vierikko |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Iris lebt noch bei ihren Eltern, verdient ihr Geld am Fließband in einer Streichholzfabrik und träumt von der großen Liebe. Dann lernt sie in einer Bar den eleganten Aarne kennen und wird von ihm schwanger. Als ihre Eltern davon erfahren, werfen sie Iris raus, auch Aarne will nichts von dem Baby wissen. Iris ist all ihrer Illusionen beraubt – und will sich rächen.
Das sagt shitesite:
Selten wurde mit so wenigen Sätzen so viel ausgedrückt: Nur eine gute Stunde lang ist Das Mädchen aus der Streichholzfabrik, in den ersten 13 Minuten des Films spricht zudem keiner der Protagonisten, und auch danach bleiben sie äußerst wortkarg. Trotzdem gelingt es Aki Kaurismäki, ein bedrückendes, eindringliches Porträt einer jungen Frau zu zeichnen, die nichts im Leben hat als ihre Träume – und dann auch diese noch scheitern sieht.
Es sind kleine Szenen wie ihre Demütigung beim Tanzabend, ein Telefon, das nicht klingelt, oder ein Brief, der mit nur drei Schreibmaschinen-Worten auf die handschriftlichen Ergüsse ihres Herzens antwortet, die ihre Kränkung schonungslos zeigen. Trotzdem frisst Iris all ihren Frust scheinbar stoisch in sich hinein, leugnet beinahe das Recht auf ihre eigene Individualität, bis daraus schließlich doch Aggression wird. Wie hart Iris scheitert in einer Welt, in der alle außer ihr bloß Härte und Egoismus zu kennen scheinen, das wirkt gerade durch den Minimalismus und die Konzentration von Das Mädchen aus der Streichholzfabrik umso stärker.
Bestes Zitat:
“Wer alles gibt und dafür nur Enttäuschung bekommt, kann die Erinnerung nicht mehr ertragen.”
Der Anfang des Films:
Hingehört: Jono McCleery – “There Is”
| Künstler | Jono McCleery |
| Album | There Is |
| Label | Counter Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Wonderful Life gilt heute als Plastikpop. Der Song, im Jahr 1987 ein großer Hit für Black, wird heute ab und zu noch im Radio gespielt, oder er findet sich auf Samplern mit Hits der 1980er, neben Liedern von Sandra, der Ersten Allgemeinen Verunsicherung und dem Fließband-Pop aus dem Hause Stock/Aitken/Waterman. Unter anderem haben Kim Wilde, Zucchero und Ace Of Base diesen Song gecovert. Mehr Plastik geht nicht.
Jono McCleery hat nun ebenfalls Wonderful Life aufgenommen. Es ist der dritte Song auf There Is, seinem zweiten Album. Und der Londoner zeigt dabei, was wirklich in dem Song steckt: Weltschmerz, Melancholie, Hoffnung, Dunkelheit. Sein Wonderful Life ist noch ein ganzes Stück verlorener als die Originalversion von Black, famos gesungen und kongenial instrumentiert.
Vor allem aber ist diese Coverversion, ausgerechnet, ein guter Fixpunkt für den Sound von Jono McCleery. Er paart auf There Is, dem Nachfolger seines 2008er Debüts Darkest Light, seine exzellente Stimme (irgendwo zwischen einem ganz entspannten Chris Martin und Andrew Roachford) mit träumerischer Trübsal und dezenter Elektronik. Wer sich schon immer gewünscht hat, Massive Attack würden ihre Folk-Seite entdecken oder Nick Drake liebend gern mit der Studiotechnik des 21. Jahrhunderts ausstatten wollte, der ist hier richtig.
Als Song ragt Wonderful Life dabei heraus, denn ansonsten geht es John McCleery eher um Atmosphäre als um Intro-Strophe-Refrain. Das geht deutlich auf Kosten der Spannung und Wiedererkennbarkeit, wird aber aufgewogen durch ein hohes Maß an Stringenz und Geschlossenheit.
Fears klingt zum Auftakt wie Kele von Bloc Party, wenn der bei seinen Solo-Ausflügen plötzlich auch Lagerfeuerballaden machen würde. Garden bekommt von seinem nervösen Beat etwas Drive verpasst und dürfte allen Fans von Werle & Stankowski gefallen. It’s All beginnt ganz düster mit Bass und Piano und mündet dann in ein Breakbeat-Finale. Gemeinsam mit Fink, die Jono McCleery auch schon auf Tour begleitet hat, ist der reduzierte Soul von Stand Proud entstanden.
Gelegentlich ist There Is nahe am Jazz, und besonders gern arbeitet Jono McCleery mit dem, was nicht da ist: Schweigen, Pausen, Raum. Daraus erwächst die besondere Verletzlichkeit seiner Musik, etwa in der Skizze Raise Me oder dem experimentellen The Gymnopedist. Radiohead müssen da natürlich auch als Bezugspunkt genannt werden. Vor allem aber wandelt Jono McCleery auf den Spuren von Tim Buckley. Der wäre begeistert von Tie Me In, das verträumt beginnt, dann Streicher aufbietet und am Ende sogar ein paar rückwärts laufende Sounds integriert, das alles zusammengehalten von virtuosem Gesang. Dann kann man fast nicht mehr anders, als an die Zeile aus Wonderful Life glauben: There’s magic everywhere.
Kein richtiges Video, aber eben der beste Song hier: Jono McCleerys Version von Wonderful Life:
Draufgeschaut: Stadt der Blinden
| Film | Stadt der Blinden |
| Originaltitel | Blindness |
| Produktionsland | Brasilien/Kanada/Japan |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 121 Minuten |
| Regie | Fernando Meirelles |
| Hauptdarsteller | Julianne Moore, Mark Ruffalo, Alice Braga, Danny Glover, Gael García Bernal, Maury Chaykin, Yūsuke Iseya, Yoshino Kimura, Don McKellar |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
Mitten im Berufsverkehr bleibt ein Autofahrer plötzlich stehen: Er kann nichts mehr sehen. Wenige Stunden später erblinden auch andere Menschen, mit denen er in Kontakt war. Nach ein paar Tagen ist aus dem Phänomen eine Epidemie geworden. Die Bevölkerung wird panisch, die Regierung ist ratlos und weiß sich nicht anders zu helfen, als die Blinden in streng gesicherte Lager abzuschieben, wo sie unter Quarantäne stehen und sich selbst überlassen werden. Dort herrschen schon bald chaotische Zustände – und der Kampf ums Überleben.
Das sagt shitesite:
Die Verfilmung des Romans von José Saramago mag im Vergleich zur Buchvorlage ein wenig enttäuschen, wie viele Kritiker angemerkt haben. Aber für sich betrachtet ist Stadt der Blinden eine erstaunliche, bewegende und mutige Fabel über Eitelkeit und Angst, Trieb und Vernunft, Würde und Gier.
Von Beginn an schafft es Stadt der Blinden, die Wehr- und Hilflosigkeit spürbar zu machen, die mit dem plötzlichen Erblinden einher geht, ohne die Betroffenen bloßzustellen. Wenn dann in der Quarantänestation die einen versuchen, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen und sich selbst zu organisieren, während die anderen in Fatalismus und Bestialität verfallen, dann werden Grundfragen unseres Miteinanders gestellt.
Dass keine der Figuren einen Namen hat und auch die Stadt, in der sich das Geschehen abspielt, nicht zu verorten ist, trägt ebenso zur eigentümlichen Poesie dieses Films bei wie die visuellen Spielereien mit Spiegelungen, Blenden, Unschärfen und Brechungen. Über all dem thront aber Julianne Moore, die die einzige Frau in der Quarantänestation spielt, die noch sehen kann und dadurch zur Mutter Theresa und Jeanne d’Arc in dieser Stadt der Blinden wird. Wie sie zwischen aufopferungsvoller Solidarität, Verzweiflung und Aggression schwankt, ist großartig gespielt – und macht sie letztlich zum Gesicht der Hoffnung, die Stadt der Blinden auch in sich trägt.
Bestes Zitat:
“Freude und Trauer sind nicht wie Öl und Wasser. Sie existieren gleichzeitig.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: The Horrible Crowes – “Elsie”
| Künstler | The Horrible Crowes |
| Album | Elsie |
| Label | SideOneDummy Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **1/2 |
Die Fans von The Gaslight Anthem dürften zu großen Teilen aus zwei Gruppen bestehen. Die erste Gruppe sind Männer um die 41, die schon The ’59 Sound vom Plattenhändler ihres Vertrauens ans Herz gelegt bekamen und beim Hören und dem folgenden Siegeszug der Band aus New Jersey froh waren, dass hier jemand die Fahne der guten, alten, aufrechten Rockmusik hochhält. Die zweite Gruppe sind Jungs um die 14, die American Slang bei MySpace entdeckt haben und beim Hören sofort mitgerissen waren von ihrer ersten Begegnung mit Gitarrenwucht und Kampfgeschrei, mit Punkrock, der etwas bedeutet.
Nun hat Brian Fallon, der Frontmann von The Gaslight Anthem, eine zweite Band. The Horrible Crowes hat er gemeinsam mit seinem Freund Ian Perkins gegründet. Auf ihrem Debütalbum Elsie machen sie gemeinsam Musik, die sich an das erste der beiden Fan-Lager richtet. Und zwar ausschließlich.
Natürlich hört man auch von Brian Fallon die beiden Schwüre, die es in solchen Momenten immer zu hören gibt. Der erste Schwur: The Horrible Crowes bedeuten nicht das Ende von The Gaslight Anthem. Er wolle hier einfach eine andere Seite seines Talents und seiner musikalischen Sozialisation ausleben – selbst ein Mega-Erfolg der Horrible Crowes würde aber niemals The Gaslight Anthem überflüssig machen, betont er: „If this project takes off then we’ll just end up being in two bands I love instead of one.“
Man kann das guten Gewissens glauben. Erstens ist Fallon kein Mann für leichtfertige Versprechungen. Zweitens spielen alle anderen Mitglieder von The Gaslight Anthem auf Elsie auch mit. Und drittens hört man der Platte in jedem Moment an, wie sehr Fallon sich danach gesehnt hat, diese Songs aufzunehmen, die nicht so recht ins Gaslight-Anthem-Oeuvre passen.
„I’ve always wanted to experiment with the darker side of soul music“, erklärt Fallon seine Motivation für The Horrible Crowes, und daraus folgt sogleich der zweite Schwur: „What I’m doing here is so far removed from the stuff we do in Gaslight Anthem. This is a completely different beast.” Das stimmt dann doch nicht so ganz. Zum einen ist da der bereits erwähnte Input der anderen Gaslight-Anthem-Jungs, zum anderen ist Fallons Stimme auch auf Elsie unverkennbar geprägt von Punk und Springsteen. Und nicht zuletzt leben auch die Songs auf Elsie von seiner Inbrunst, dem Ethos dessen, der diese Lieder unter Blut, Schweiß und Tränen geboren hat.
Wer sich zum ersten Lager der Gaslight-Anthem-Fans zählt, wird also durchaus seine Freue an Elsie haben, das nach dem ersten Song benannt ist, den Brian Fallon und Ian Perkins zusammen geschrieben haben (der aber nicht auf dem Album ist). Behold The Hurricane beispielsweise ist recht nahe dran am Sound von Brian Fallons anderer Band, vergleichsweise muskulös und catchy. Auch Go Tell Everybody mit seinem treibenden Schlagzeug und dem kernigen Gesang, die sich zu einem großen Finale steigern, fällt in diese Kategorie.
Anderswo wird deutlicher, warum Brian Fallon für diese Ideen ein neues Vehikel brauchte. Sugar klingt wie U2 ohne Ambitionen (das ist als Kompliment gemeint), in der extrem langsamen Ballade Cherry Blossoms und dem höchst eleganten Black Betty And The Moon offenbart Fallon eine ganz neue Dimension seiner Stimme. Der rührende Rausschmeißer I Believe Jesus Brought Us Together setzt auf einen todtraurigen Drum-Loop, eine Orgel und ein bisschen Klavier. Ladykiller beginnt mit Gelächter im Hintergrund und klingt dadurch fast wie eine spontane Live-Aufnahme. Der Song bleibt entsprechend entspannt – und gewinnt durch diese Lässigkeit fast noch mehr Größe als durch all den Eifer in Brian Fallons Stimme.
Manchmal wird es bei den Horrible Crows sogar richtig experimentell. I Witnessed A Crime setzt auf einen Reggae-Beat und ein Orgel-Riff. Das irre Mary Ann (Brian Fallon: „It’s just madness screamed through a bullet mic“) würde Tom Waits alle Ehre machen.
Das Problem an der Zusammenarbeit von Brian Fallon und Ian Perkins, der hier Bass, Gitarre und Slide-Gitarre spielt, ist die fehlende Aggressivität. Elsie hat durchaus Ecken und Kanten, aber von Punk und seiner Unbedingtheit ist hier keine Spur mehr. Das ist Musik bloß noch für alte Männer, nicht mehr für junge Wilde.
Blood Loss ist ein Beispiel dafür, das reichlich Grandezza zu bieten hat, aber sich eher zum Schunkeln eignet als zum Pogo. Natürlich ist das legitim und gewollt, aber die Vorstellung, dass zur Musik von Brian Fallon plötzlich Feuerzeuge gezückt werden, bleibt trotzdem befremdlich. Vor allem aber fehlt dem Sound der Horrible Crowes das Außergewöhnliche, das The Gaslight Anthem in ihren Songs haben. Viele dieser Stücke könnten auch von den Counting Crows stammen, von den Stereophonics oder einer beliebigen Blue-Rose-Band. Elsie ist deshalb immer solide, aber manchmal nicht mehr als das.
Am deutlichsten wird dieses Problem in Crush. Auch dank der Streicher klingt der Song sehr souverän und erwachsen, aber auch ein bisschen lahm und beliebig. Vor allem aber, spätestens wenn im Break die Textzeile „God’s gonna trouble the water“ erklingt, bieder und rechtschaffen. Und das dürften zwei Attribute sein, die keines der Gaslight-Anthem-Fanlager gerne mit Brian Fallon verbinden möchte.
Immerhin verstehen sie bei aller Rechtschaffenheit noch Spaß: Die Horrible Crowes covern Katy Perrys Teenage Dream live in New York:
Die Horrible Crows sind nicht bei MySpace, deshalb der Link zu The Gaslight Anthem.
Draufgeschaut: Mission Impossible 2
| Film | Mission Impossible 2 |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2000 |
| Spielzeit | 118 Minuten |
| Regie | John Woo |
| Hauptdarsteller | Tom Cruise, Dougray Scott, Thandie Newton, Anthony Hopkins |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Ein Monster-Virus bedroht die Welt: Das in einem geheimen Labor entwickelte Chimera ist in die Hände von Kriminellen geraten. Agent Ethan Hunt muss schnellstmöglich versuchen, den gefährlichen Erreger samt dem Gegenmittel Bellerophon wieder zu beschaffen – zumal es nicht nur um die Menschheit, sondern auch um seine Liebe geht.
Das sagt shitesite:
Mission Impossible 2 steckt voller Klischees und ist komplett unplausibel. Immerhin gibt es aber einige überraschende Wendungen. Und vor allem hat Regisseur John Woo in Mission Impossible 2 sehr innovative und zum Teil großartig inszenierte Stunts zu bieten, eingebettet in eine bis ins letzte Detail durchdachte Ästhetik.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Lindi Ortega – “Little Red Boots”
| Künstler | Lindi Ortega |
| Album | Little Red Boots |
| Label | Last Gang Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Country. Das ist vielleicht nicht gerade die erste Assoziation, wenn man den Werdegang von Lindi Ortega betrachtet. Die Kanadierin bestritt das Vorprogramm bei der jüngsten US-Tour von Keane, auch als Backgroundsängerin von Killers-Frontmann Brandon Flowers war sie im Einsatz, zudem hat sie einen Track mit Electronic-Meister Diplo aufgenommen.
Country ist aber genau das, was Lindi Ortega auf ihrem Debütalbum Little Red Boots (Update: die Veröffentlichung in Deutschland wurde gerade von Ende September auf den 11. November verschoben) macht. Aus ganz vielen Gründen.
Zum einen sind da ihre Texte. Wie bei ihrem großen Vorbild Johnny Cash stecken sie voller feiner Metaphern, trockenem Humor und großer Lebensweisheiten. „What’s a girl supposed to do / when the bitter truth turns into a sweeter lie“, will Lindi Ortega beispielsweise schon im ersten Song Little Lie wissen. Die Musik dazu hat etwas von der Urtümlichkeit der White Stripes, auch das Bedrohliche der Queens Of The Stone Age kann man hier heraus hören.
Trotzdem ist das Country, und das liegt vor allem an der Stimme von Lindi Ortega. Die ist voller Schönheit und Unbedingtheit, der mit Abstand größte Trumpf auf diesem Album. Lindi Ortega lässt immer wieder ein faszinierendes Vibrato erklingen, mal heiser, mal flehend. Jewel könnte man als Bezugspunkt nennen – auch die beherrscht dieses betörende Kieksen, und auch bei ihr ahnt man, dass sie manchmal nur einen ganz kleinen Schritt vom Jodeln entfernt ist.
In Blue Bird macht Lindi Ortega zu Banjo (Country!) und einem Polkabeat klar, wie viel Freude sie selbst an dieser Stimme und mit ihrer Musik hat. In Angels besingt sie die Sehnsucht nach dem Tod, und klingt selbst dann noch angenehm und einschmeichelnd. Das reduzierte (und wunderhübsche) Dying Of Another Broken Heart steht ihr ausgezeichnet. Der Titelsong ist in der Strophe geheimnisvoll, im Refrain dann ausladend und glamourös. Mit Jimmy Dean (und der frechen Textzeile „I’m the baddest boy that your eyes have ever seen“) wandelt Lindi Ortega auf den Spuren von John Mellencamp oder Bruce Springsteen – ein feiner Refrain, eine Mundharmonika und ein paar Gallonen Freiheit sind ihre Wegbegleiter. Das Grenzgebiet zwischen Country und Rockabilly erobert sie dann mit I’m No Elvis Presley – und natürlich muss man bei dieser Sause an Wanda Jackson denken.
Country ist aber noch aus einem anderen Grund das passende Genre für Little Red Boots. Denn diese Musik hat nichts Urbanes. When All The Stars Align feiert die Landschaft, die frische Luft und den Sternenhimmel. Jede Menge Radiopotenzial bringt Black Fly mit, das mit seiner Highway-Romantik an Sheryl Crow denken lässt. Auch mit All My Friends und seinen treibenden Drums könnte Lindi Ortega, die irische und mexikanische Wurzeln hat, im Handumdrehen zum Traum jedes Truckers werden.
Neben ganz vielen guten Songs hat Little Red Boots dann noch zwei sehr gute zu bieten. Der Walzer Fall Down Or Fly ist nach zwei Dritteln des Albums die klassische Ballade, von der man schon die ganze Zeit geahnt hatte, dass sie in Lindi Ortega schlummert. Und der Rausschmeißer So Sad ist das traurigste und schönste Lied seit dem letzten großen Liebeskummer der Band Of Horses. Mindestens.
Das ist dann wohl Modern Country: Das Video zu Angels wurde komplett mit einem iPhone 4 gedreht:
Lindi Ortega gibt es im Oktober zweimal live in Deutschland. Die Tourdaten:
15.10.2011 – Roter Salon (Berlin)
16.10.2011 – Astra Stube (Hamburg)
18.10.2011 – Bariton (Köln)
Draufgeschaut: One Hour Photo
| Film | One Hour Photo |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2002 |
| Spielzeit | 92 Minuten |
| Regie | Mark Romanek |
| Hauptdarsteller | Robin Williams, Connie Nielsen, Michael Vartan, Dylan Smith |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Sey arbeitet in einem Supermarkt und entwickelt dort die Filme seiner Kunden. Vor allem die Bilderbuch-Familie Yorkin, die zu seinen Stammkunden gehört, hat er ins Herz geschlossen. Durch die Fotos, die er für sie entwickelt, verfolgt er schon lange das Geschehen im Hause Yorkin. Doch als er entdeckt, dass etwas in der Familie nicht stimmt, hat seine Nähe gefährliche Folgen.
Das sagt shitesite:
Der Schluss von One Hour Photo ist etwas enttäuschend, doch davor gibt es ein famos gespieltes, einfühlsames Psychogramm in eigenwilliger, sehr gelungener Ästhetik.
Der Trailer zum Film:
Durchgelesen: Jonny Glynn – “Sieben Tage”
| Autor | Jonny Glynn |
| Titel | Sieben Tage |
| Originaltitel | Seven Days Of Peter Crumb |
| Verlag | S. Fischer |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | **** |
Man muss Sieben Tage gar nicht lesen, um zu wissen, dass das hier nichts für zarte Gemüter ist. Die FAZ warnt, der Debütroman von Jonny Glynn sei „sehr brutal“. Spiegel Online will die Lektüre allenfalls „Gewaltjunkies“ zumuten. Und auch der Klappentext lässt keinen Zweifel: „Eine grausame und rücksichtslosere Version von Raskolnikoff. Für alle, die es verkraften können: Der Teufel fleht euch an, dieses Buch zu lesen“, wird da Dazed And Confused zitiert.
In der Tat kann einen beim Lesen von Sieben Tage das kalte Grauen überkommen. Die Hauptfigur namens Peter Crumb ist ein Serienkiller, schizophren und entschlossen, sich am Ende der Woche das Leben zu nehmen. „Ich bin kein guter Mensch. Ich bin kein schlechter Mensch. In sieben Tagen bin ich tot“ – das ist sein Credo.
Erschreckend ist dabei nicht nur die blindwütige Gewalt, mit der Jonny Glynn seinen Protagonisten über seine Opfer herfallen lässt. Viele Passagen lassen an American Psycho denken oder erinnern an die Filme von Quentin Tarantino, wie dieses Beispiel: „Adrian starb ziemlich schnell, übertrieb die Sache allerdings maßlos. Ich hatte seine Drosselvene durchtrennt, und er verlor Unmengen von Blut. Es dauerte nur Minuten, aber er machte aus jeder Sekunde ein Drama – hustete und spuckte und … ganz ehrlich, ich hatte den Eindruck, als wollte er einen scheiß Oscar bekommen!“
Sogar noch in viel stärkerem Maße schockierend ist der fundamentale Zynismus dieser Figur, die keine Hoffnung mehr kennt und keine Reue, die sich auch nicht darum schert, bei ihrem mörderischen Treiben vielleicht von der Polizei erwischt zu werden. Wenn Jonny Glynn kurz das große Ganze betrachtet, dann kann man seinen Roman, erst recht angesichts der jüngsten Ausschreitungen in Großbritannien, als Diagnose einer kranken Welt lesen. „Seht euch doch um, Leute – das Blut fließt so munter wie Bier aus dem Zapfhahn – das ist das einundzwanzigste Jahrhundert. Großbritannien ist eine von Verbrechen verseuchte, in Auflösung begriffene und bis auf die Knochen verrottete Gesellschaft, übersät von Schorf und schwärenden Wunden (…). Ziemlich abgefuckt, würde ich meinen.“
Die Stärke von Sieben Tage ist es dabei, aus dieser Eiseskälte nicht nur einen blutigen Schocker zu machen, sondern ein faszinierendes Psychogramm von Peter Crumb zu liefern. Früh ahnt man, dass ein riesiger Schmerz die Quelle für seine Aggression sein muss, doch bis auf ein paar vage Andeutungen liefert Jonny Glynn lange Zeit nichts, was es irgendwie ermöglichen würde, seine Figur zu verstehen. Erst nach zwei Dritteln von Sieben Tage lüftet er diesen Schleier ein wenig, in einer rührenden Szene, als Peter Crumb seine Ex-Frau Valerie wieder trifft. Da wird deutlich: Dieser Killer ist kein herzloses Monster. Er kennt die Menschlichkeit durchaus – aber er hat sie in sich ebenso getötet wie die unzähligen anderen Opfer in seinem Blutrausch.
Dazu kommt der Kniff mit der gespaltenen Persönlichkeit. Crumb ist mal Peter Crumb, und mal „er“, ein zweites Ich, das ihm immer wieder den Spiegel vorhält, ihn zur Rechenschaft zwingt und ihm doch die finstersten seiner Pläne erst einzuflüstern scheint. „Zwecklos, ich kann nicht einschlafen … er lässt mich nicht. Seine Gedanken rasen wie wild, kochen über vor teuflischen Plänen, brodeln von bösen Absichten“, heißt es etwa an einer Stelle. Aus diesem Doppel-Ich erwächst in Peter Crumb die totale Reflexion, was einen erstaunlichen Effekt hat: Man weiß nicht, ob sein Hass auf die Welt größer ist oder der Hass auf sich selbst.
Zudem steigern diese von Glynn sehr geschickt komponierten Perspektivwechsel die Spannung von Sieben Tage beträchtlich: Nachdem man Peter Crumb ein paar Tage begleitet hat, sind nicht mehr seine Bluttaten das eigentliche Grauen, sondern deren Andeutung und Ankündigung – und die Ausweglosigkeit für die nichtsahnenden Opfer, deren Unschuld für den Täter völlig bedeutungslos ist. Entsprechend gespenstisch klingt es, wenn Peter Crumb räsoniert: „Ich verstehe mich selbst nicht und muss wohl begreifen, dass Kenntnis über den eigenen Zustand noch keine Gewähr dafür ist, dass man diesen kontrollieren kann.“
Peter Crumb erkennt, wenn er gedemütigt wird, er benennt jede Erniedrigung und er weiß um seine abgrundtiefe Einsamkeit, selbst dann noch, als ihm eine gekonnte Pointe kurz vor Ende des Romans einen Ausweg aufzuzeigen scheint. Er verachtet die Menschen, aber nicht aus einer Position der Hybris, sondern weil er sie kennt und Teil von ihnen ist. Passenderweise sind alle Opfer, die Crumb in seinen beinahe absurd grausamen Taten dahinmetzelt, ganz normale Leute, die ein bürgerliches Leben zumindest anstreben. Die einzige, die er verschont, nachdem er sie brutal misshandelt hat, ist eine cracksüchtige Prostituierte. Das ist der wirkliche Horror an Sieben Tage: Peter Crumb ahnt, dass alle Menschen so bestialisch sein könnten wie er – und dass er so normal sein könnte wie alle.
An der besten Stelle trifft Peter Crumb in einer Kneipe ehemalige Arbeitskollegen wieder, die sich über ihn lustig machen: “Ihre Gesichter bebten, warfen Falten, ließen mir ein Hohnlachen entgegenschlagen. Ich blieb ganz ruhig, lächelte sie an. Ihr könnt mir nicht wehtun, sagte ich mir immer wieder – ihr könnt mir nicht mehr wehtun, inzwischen kenne ich die Welt, habe einiges erlebt. Was zum Teufel wisst ihr schon? Auf dem Tisch lag eine Gabel und ich überlegte kurz, sie Paul in die Hand zu stoßen, beherrschte mich aber. Ziemlich würdevoll für jemanden in meiner Verfassung, wie ich dachte.”
Draufgeschaut: American Pie Präsentiert – Nackte Tatsachen
| Film | American Pie Präsentiert – Nackte Tatsachen |
| Film | American Pie Presents – The Naked Mile |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 90 Minuten |
| Regie | Joe Nussbaum |
| Hauptdarsteller | Eugene Levy, Steve Talley, John White, Ross Thomas, Jake Siegel |
| Bewertung | *1/2 |
Worum geht’s?
Erik Stifler kommt aus einer Familie von Weiberhelden – aber er selbst ist noch Jungfrau. Das soll sich ändern, als er mit seinen Kumpels zur “Nackten Meile” fährt, die jedes Jahr an einer benachbarten Uni gefeiert wird. Es gibt nur ein Problem: Eriks Freundin sitzt zu Hause – und ist nur kurz begeistert von der Idee.
Das sagt shitesite:
Der fünfte Teil der American Pie-Reihe ist noch vorhersehbarer als die Vorgänger. American Pie präsentiert – Nackte Tatsachen versucht vergeblich, fehlenden Humor mit noch mehr nackter Haut wettzumachen. Immerhin: Die Idee mit dem Stifler-Fluch ist einigermaßen originell.
Der Trailer zum Film:










