Hingehört: David Guetta – “Nothing But The Beat”

Oktober 31, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Der Titel passt: "Nothing But The Beat" ist Funktionsmusik.

Der Titel passt: "Nothing But The Beat" ist Funktionsmusik.

Künstler David Guetta
Album Nothing But The Beat
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Nein Mann, ich will noch nicht gehen. Ich will noch ein bisschen tanzen.“ So ist es. Oft. Man weiß nicht genau, was der Abend noch so bringen wird. Man weiß aber sehr genau, was der Alltag bereit hält. Im Zweifel: Sorgen.

Das ist ungefähr die Ausgangsposition für diese Zeile in Laserkraft 3Ds mittlerweile zum Faschingshit mutierten Klassiker Nein Mann. Und nicht ganz zufällig kommt in eben jenem Track ganz zu Anfang die Beschwerde über den lahmen DJ: „Nicht mal was von David Guetta macht er.“

Das passt perfekt, denn es zeigt zweierlei: 1. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff von Mainstream-Disco. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Wodka Red Bull und Ed Hardy. Somit auch: das Gegenteil von cool. 2. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff der Idee von Clubbing. Tanzen, feiern, flirten – um nichts anderes geht es hier. Somit auch: um nichts als Oberfläche.

Es gibt also eine Menge Gründe, David Guetta zu verabscheuen. Er sieht aus, als würde er privat gerne Hair Metal hören und passt damit kein bisschen in die durchgestylte Clubszene. In ein paar Wochen wird der Franzose 44 Jahre alt. Wenn Leute dieses Jahrgangs sich der Tanzfläche nähern, dann meint man normalerweise, es handele sich um einen aufgebrachten Papa, der seine Tochter heimholen will – und nicht um den DJ.

Noch dazu ist David Guetta penetrant erfolgreich (Nothing But The Beat erreichte die Top 10 unter anderem in Deutschland, Frankreich, England und den USA). Dazu kommen Texte (und Songtitel), deren Übersetzung mitunter selbst für die Atzen zu doof sein dürften und somit mitten im Proll-Revier landen. Wo sind die Weiber?, Kleines böses Mädchen oder Ich will einfach bloß f…. sind nur drei Beispiele auf Nothing But The Beat. All das sind tolle Argumente für Punkt 1 – und sie haben durchaus Gewicht.

Trotzdem muss es raus: David Guetta ist gut. Und das hat mit Punkt 2 zu tun. In seinen Songs geht es um Party, sonst nichts. Das ist Funktionsmusik. Das Ziel ist Eskapismus, Abschalten, im besten Falle Katharsis durch Tanzen. Im Titelsong bringt David Guetta das auf den Punkt. “So I go out and dance / party my problems away / in the club / nothing really matters.” So einfach ist das. Und es gibt momentan niemanden, der dieses Bedürfnis so treffsicher und massentauglich befriedigt wie David Guetta.

Nothing Really Matters, sein fünftes Album, ist entsprechend großkotzig gleich eine Doppel-CD geworden. CD1 wartet mit einer unfassbaren Riege von Gaststars auf und bietet mehr Chartbreaker als ein durchschnittlicher Bravo-Hits-Sampler. CD2 ist instrumental und zielt darauf ab, seine Fähigkeiten jenseits der gängigen Hitformel zu zeigen.

Flo Rida und Nicki Minaj toben sich über den Opener Where Them Girls At? aus. Die Idee, Snoop Dogg zu einem Eurodance-Track rappen zu lassen, klingt völlig abwegig, funktioniert auf Sweat aber glänzend. Night Of Your Life (mit Jennifer Hudson) ist beinahe ein Klon von Rihannas Only Girl, und nicht viel schlechter. Titanium (mit Sia) hat einen mächtigen Refrain und ein paar clevere La-Roux-Anleihen. Dann ist da noch das bereits erwähnte Nothing Really Matters (mit Will.I.Am). Am Anfang ist eine Gitarre, die bei Mr. Brightside entlehnt ist, dazu kommen Coldplay-Streicher, dann ein satter 4-to-the-floor-Beat und schließlich ein einigermaßen überraschender Ausflug in etwas aggressivere Electro-Gefilde. Das ist kein Meisterwerk, aber durchaus ein Manifest.

Dazu gibt es bisschen House von der Stange, und ab und zu drängt sich auch die Frage auf, warum David Guetta einige der prominentesten Stimmen der Popszene engagieren muss, wenn er sie dann via Autotune doch eh bloß alle wie der Crazy Frog klingen lässt. Auf CD2 zeigt David Guetta dann, dass er keineswegs bloß radiotaugliche Massenware im Angebot hat. The Alphabeat (hatte ich schon “großkotzig” gesagt?) könnte auch von Justice oder Daft Punk stammen. Paris würde problemlos ins Repertoire von Hot Chip passen. Freilich klappt auch hier nicht alles: Sunshine (mit Avicii) klingt wie eine Ibiza-Version der schlimmsten Trittbrettfahrer, die Faithless einst mit Insomnia angelockt hatten. Bei The Future meint man kurz, DJ Bobo habe aus Versehen den Bassregler zu weit aufgedreht.

Natürlich ist das dumm, und es ist in seinen plumpsten Momenten (I Just Wanna F mit Timbaland und Dev) durchaus auch peinlich. Es ist, das ist das größte Manko bei David Guetta, Musik ohne Mysterium. Alles, was hier funktioniert, funktioniert sofort. Alles, was nicht unmittelbar zündet, offenbart auch später keinen Reiz mehr. Aber seien wir ehrlich: Die meisten Nächte sind viel zu kurz, um auf so etwas wie eine Entwicklung zu warten. Je schneller und länger es kracht, desto besser. Dann will man nicht gehen, sondern bloß ein bisschen tanzen.

Wenn das kein Eskapismus ist, dann weiß ich auch nicht mehr: David Guetta macht einen jungen Mann aus Indien sehr, sehr glücklich:

David Guetta bei MySpace.

Draufgeschaut: Helden wie wir

Oktober 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Klaus (Daniel Borgwardt) ist glücklich in der DDR.

Klaus (Daniel Borgwardt) ist glücklich in der DDR.

Film Helden wie wir
Produktionsland Deutschland
Jahr 1999
Spielzeit 92 Minuten
Regie Sebastian Peterson
Hauptdarsteller Volkmar Kleinert, Renate Krößner, Dietmar Huhn, Ulrich Wenzke, Joachim Lätsch, Udo Kroschwald, Kirsten Block, Daniel Borgwardt, Xenia Snagowski
Bewertung ***

Worum geht’s?

Klaus verlebt eine typische DDR-Kindheit. Als er dann vor der Frage steht, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen will, wird er von der Stasi angeworben. Klaus hat kein Problem damit – bis er Yvonne hinterherspionieren soll, in die er als kleiner Junge verliebt war. Beim Versuch, sich zwischen der Dame seines Herzens und seinem Dienstherrn zu positionieren, bringt Klaus aus Versehen die Berliner Mauer zu Fall.

Das sagt shitesite:

Helden wie wir hat nur noch wenig mit der Romanvorlage von Thomas Brussig zu tun. Das scheint zum großen Teil am Budget gelegen zu haben, denn viele der Passagen des Films sind mit dokumentarischem Archivmaterial oder Tricksequenzen gestaltet. Mitunter wirkt der Film nicht geschrieben, sondern kompiliert. Ein großer Teil der boshaften Ironie geht dadurch zwar verloren, dafür gewinnt Helden wie wir eine sehr eigene, durchaus stimmige Ästhetik. Passend dazu wird das Leben in der DDR hier durchaus wohlwollend, aber in jedem Fall respektlos dargestellt. Wenn Achim Mentzel einen grandiosen Cameo-Auftritt hat, wenn im Hintergrund permanent Papp-Plattenbauten errichtet werden oder die durchbürokratisierte Sprache der Stasi persifliert wird – dann kommt Helden wie wir zumindest streckenweise der satirischen Kraft des Romans nahe.

Bestes Zitat:

“Wir sind das Volk? Keine Frage, das waren sie – so brav und gehemmt wie sie dastanden.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Immanu El – “In Passage”

Oktober 31, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Viel Wohlklang und wenig Variationen bietet "In Passage".

Viel Wohlklang und wenig Variationen bietet "In Passage".

Künstler Immanu El
Album In Passage
Label And The Sound
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **1/2

Kennst Du eines, kennst Du alle. So ist das Prinzip bei den Liedern von Immanu El. Nehmen wir also gleich das erste, Skagerak. Der Opener zum dritten Album der fünf Schweden ist im Kern eine Klavierballade, mit hoher Stimme gesungen, zum Ende hin mit reichlich Coldplay-Grandezza und einem Schlagzeug, das quasi ausschließlich Wirbel zu spielen scheint.

So geht es weiter auf In Passage. Mal etwas verträumter wie in Comforting Dawn, mal mit einem fehlzündenden Computerbeat am Beginn wie in Into Waters. Doch insgesamt mit so wenig Variationen, dass man beinahe wetten möchte, das nächste Album von Immanu El werde On Passage und das übernächste dann In Massage heißen.

Das ist keineswegs schlimm, denn In Passage ist eine sehr stimmungsvolle, schöne Platte geworden. Wer bei Saybia die ruhigeren Momente mag oder unlängst Gefallen am neuen Album der Boxer Rebellion Gefallen gefunden hat, der ist hier genau richtig. Überall bei Immanu El gibt es sehr gekonntes Songwriting und die große Geste, gerne wird es ausladend (The Treshold ist mit stattlichen 4:45 Minuten das mit Abstand kürzeste Lied auf In Passage), die ätherische Stimme von Sänger Claes Strängberg passt perfekt zu diesem Sound.

Den größten Anteil am Konzept von In Passage hatte aber sein Zwillingsbruder Per Strängberg. Der war zuletzt ein ganzes Jahr auf hoher See, mit einem Segelschiff, das er selbst mit gebaut hat – nach Vorbild eines im 18. Jahrhundert vor der schwedischen Westküste gesunkenen Schiffs.

Bis nach China führte die Reise mit dem historischen Gefährt, und auch der Rest von Immanu El ließ sich von diesem Projekt begeistern. So steuerte die Band mehrere Kompositionen als Soundtrack für eine Dokumentation bei, die an Bord des Schiffes gedreht wurde. Die Weite des Meeres, die Klarheit des Sternenhimmels, das Flimmern am Horizont – all das sind treffende Metaphern für den Klang von In Passage. Manches davon ist Postrock oder Shoegaze, aber ohne Indie-Ethos. Vieles klingt nach Stadionballade, aber nirgends ist auf In Passage ein Hit in Sicht, der Immanu El in die Stadien führen könnte. So bleibt am Ende eine Menge Wohlklang. Und das ist dann doch ein bisschen wenig.

Immanu El sind auch ohne Segelschiff gerne auf Tour und im Advent noch live in Deutschland zu sehen:

1. Dezember: Lamm Klub (Augsburg)
2. Dezember:  Ostpol (Dresden)
3. Dezember: JUZ Club (Olbernau)
19. Dezember: Café Wagner (Jena)
20. Dezember: MTC (Köln)
21. Dezember: Schaubude (Kiel)

Zu The Treshold haben Immanu El ein Tourvideo erstellt. Natürlich ist auch das sehr atmosphärisch geworden:

Immanu El bei MySpace.