Draufgeschaut: Rendezvous mit Joe Black

Dezember 25, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Joe Black (Brad Pitt, rechts) stellt das Leben von William Parrish (Anthony Hopkins) auf den Kopf.

Joe Black (Brad Pitt, rechts) stellt das Leben von William Parrish (Anthony Hopkins) auf den Kopf.

Film Rendezvous mit Joe Black
Originaltitel Meet Joe Black
Produktionsland USA
Jahr 1998
Spielzeit 173 Minuten
Regie Martin Brest
Hauptdarsteller Brad Pitt, Anthony Hopkins, Claire Forlani
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

William Parrish hat Macht, Geld und eine schöne Tochter. Doch er ist alt und spürt, dass sein Ende naht. Als ihm ein junger Mann namens Joe Black begegnet, lässt er sich auf ein verhängnisvolles Geschäft ein. Alle wundern sich über den Fremden – vor allem Williams Tochter, die sich in ihn verliebt hat.

Das sagt shitesite:

Klassischer Stoff, durchaus gekonnt inszeniert. Aber erst ein grandioser Anthony Hopkins und ein passabler Brad Pitt lassen Rendezvous mit Joe Black zu einer faszinierenden, rührenden Ode an das Leben werden.

Der Trailer zum Film:

Futter für die Ohren mit Speech Debelle, The Sounds und Field Music

Dezember 24, 2011 · Posted in Futter, Musik · Comment 
Die Messlatte für das zweite Album von Speech Debelle liegt hoch. Der erste Eindruck ist gelungen. Foto: Verstärker

Die Messlatte für das zweite Album von Speech Debelle liegt hoch. Der erste Eindruck ist gelungen. Foto: Verstärker

Heiligabend, olé. Zeit für die Bescherung. Also wieder einmal Futter für die Ohren, also fünfmal neue, kostenlose Musik aus dem Netz. Passend zum Jahresende gibt es dabei schon reichlich Kostproben von Alben aus dem Jahr 2012.

Field Music aus Sunderland legen im Februar 2012 mit einem neuen Album nach. Plumb wird das Werk heißen. Den Rausschmeißer (I Keep On Thinking About) A New Thing verschenken die Geschwister Brewis schon jetzt auf ihrer Homepage. Das ist komplex wie immer und erstaunlich funky, als würden The Roots sich mit den Talking Heads anlegen. ***

Genau andersrum macht es Speech Debelle. Auch bei ihr steht im Februar das neue Album an (Freedom Of Speech ist der durchaus clevere Titel), aber von ihr gibt es nicht den letzten, sondern den ersten Song gratis vorab. Den Studio Backpack Rap gibt es als kostenlosen Download bei Soundcloud. Der Track ist durchaus zupackend und eingängig, lässt aber auch das nötige Augenzwinkern nicht vermissen. Das deutet auf ein beachtliches Comeback der Mercury-Prize-Gewinnerin von 2009 hin. ***1/2

Und noch ein Vorgeschmack auf den Februar, diesmal von The Megaphonic Thrift. In Norwegen werden die Jungs (mit Mitgliedern von Stereo21, Low Frequency In Stereo, Casiokids und Young Dreams) als so etwas wie eine Indie-Supergroup gehandelt, am 10. Februar erscheint ihr zweiter Longplayer. Tune Your Mind, kostenlos bei Soundcloud verfügbar, ist ein verdammt cooler Name für einen Song, die Musik dazu klingt, als hätte jemand den Beat von Fuckin’ In The Bushes genommen, mit einer guten Dosis Dinosaur Jr. (mit denen waren The Megaphonic Thrift übrigens schon auf Tour) gepaart und dann per Fleischwolf versucht, das Ergebnis in Richtung Shoegaze zu formen. Einigermaßen innovativ, aber nicht sonderlich spannend. **1/2

The Sounds werden langsam zu Stammgästen bei Futter für die Ohren. Wieder einmal verschenken die Schweden einen Remix. Diesmal ist es der Kids At The Bar Remix von Something To Die For, dem Titelsong ihres aktuellen Albums. Irgendwo zwischen Eurodance, House und dem Spaßterror von Does It Offend You Yeah pendelt sich das Ergebnis ein, das auf der Homepage der Schweden gratis bereit steht. Dieser Sound ist zunächst ein Schock, funktioniert dann aber doch recht brauchbar. **1/2

Zum Schluss soll es aber doch noch ein bisschen Rock sein. Shearwater, mittlerweile im Hause Sub Pop unter Vertrag, mögen den besonders gerne, wenn er ebenso episch wie psychedelisch ist. Auf der Homepage von Sub Pop geben sie mit Breaking The Yearlings einen Ausblick, wie Animal Joy klingen wird, das für Februar angekündigte achte Album der Band aus Austin. Nach Breaking The Yearlings zu urteilen, geht es in die Richtung „Depeche Mode trifft Muse“, klingt aber deutlich besser, als man das bei dieser schrägen Paarung vermuten würde. ***

Draufgeschaut: Sweet Home Alabama

Dezember 23, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Kurz vor der Hochzeit wird Melanie (Reese Witherspoon, links) von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Kurz vor der Hochzeit wird Melanie (Reese Witherspoon, links) von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Film Sweet Home Alabama
Produktionsland USA
Jahr 2002
Spielzeit 104 Minuten
Regie Andy Tennant
Hauptdarsteller Reese Witherspoon, Josh Lucas, Patrick Dempsey, Candice Bergen
Bewertung ***

Worum geht’s?

Als aufstrebende Modedesignerin ist Melanie in New York glücklich. Erst recht, als ihr der Sohn der Bürgermeisterin einen Heiratsantrag macht.  Melanie sagt ja, aber es gibt ein Problem: Sie hat dem Bräutigam in spe ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen verschwiegen – und die nicht ganz unbedeutende Tatsache, dass sie noch verheiratet ist. Deshalb reist Melanie in ihre Heimatstadt, um ihre Jugendliebe Jake zu treffen, damit er endlich in die Scheidung einwilligt. Bei der Reise in die Vergangenheit lernt sie nicht nur die Südstaaten wieder zu lieben.

Das sagt shitesite:

Die vorhersehbare Geschichte von den vergessenen Wurzeln und den Vorzügen des Landlebens gerät stockkonservativ, aber höchst charmant. Sweet Home Alabama profitiert zudem von einer guten Besetzung und einigen Seitenhieben auf die Political Correctness der Metropolen.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: I Break Horses – “Hearts”

Dezember 22, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
I Break Horses stellen Shoegaze in die Mitte von "Hearts".

I Break Horses stellen Shoegaze in die Mitte von "Hearts".

Künstler I Break Horses
Album Hearts
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Drei Jahre lang haben Maria Lindén und Fredrik Balck alias I Break Horses an ihrer ersten Platte gearbeitet. Das hört man dem Ergebnis deutlich an. Dieses Debüt hat nichts Spontanes, Beiläufiges, Ungestümes. Das soll nicht heißen, dass Hearts nicht, nunja, pulsierend oder lebendig wäre. Aber jeder einzelne dieser Songs ist ausgefeilt, durchdacht und getestet wie eine päpstliche Enzyklika.

Das hilft enorm, aus I Break Horses mehr zu machen als einfach nur eine weitere Band, die dem unbegreiflichen Shoegaze-Schwachsinn weiterhin grassierenden Shoegaze-Revival verfallen ist. Das Duo aus Stockholm hat kein Problem damit, seine Liebe zu My Bloody Valentine, Slowdive oder The Jesus & Mary Chain zu bekennen, den offensichtlichsten Vertretern des Genres. Wired ist der beste Beleg dafür. Alles, was New Wave jemals gewagt hat, steckt in diesem Lied, und es wird ordnungsgemäß mit einer Riesenladung Reverb verschüttet. Doch I Break Horses schaffen es immer wieder, auch ungewohnte Elemente in diesen Sound zu integrieren.

Der plakative Beat von Load Your Eyes kontrastiert wunderbar mit der betörenden Stimme. Winter Beats ist die perfekte Symbiose aus Gitarren und Elektro, wie sie auch The Naked And Famous hinbekommen, und hat zudem ein finale furioso im Stile von Foals zu bieten. Der Titelsong baut eine New-Order-Gitarre und ein Jean-Michel-Jarre-Keyboard ein. I Kill Love, Baby! setzt auf eine betrübte Orgel und schafft so eine Atmosphäre, in der die Stimme von Maria Lindén (die bei I Break Horses für die Musik zuständig ist) noch ein bisschen besser zu den rätselhaften Texten von Fredrik Balck passen kann als sonst schon auf Hearts.

Pulse denkt schnell die ganz große Geste an, liefert ein bisschen Cure, ein bisschen Joy Formidable und ganz viel Saint Etienne. Eine stoische Gitarre steht im Zentrum von Cancer, dazu kommen Keyboards mit unfassbar viel Hall – Human League oder die ganz frühen OMD hätten Spaß an diesem Track gehabt. Empty Bottles klingt beinahe, als würden die Pipettes plötzlich Stadionrock üben.

Hearts ist eine faszinierende Platte geworden. Das Album lebt von seiner Atmosphäre, kommt am Ende mit No Way Outro schließlich bei einem Track an, der fast nur noch aus „ahaha“ und Zauber besteht, und versinkt somit immer mehr in sich selbst. Kein Wunder, dass I Break Horses drei Jahre dafür gebraucht haben.

Klar, schick, voller Kontraste: Das Video zu Winter Beats passt perfekt zum Sound von I Break Horses:

I Break Horses bei MySpace.

Draufgeschaut: Der Teufel trägt Prada

Dezember 21, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Andrea (Anne Hathaway, links) wird von ihrer Chefin Miranda (Meryl Streep) alles abverlangt.

Andrea (Anne Hathaway, links) wird von ihrer Chefin Miranda (Meryl Streep) alles abverlangt.

Film Der Teufel trägt Prada
Produktionsland USA
Jahr 2006
Spielzeit 109 Minuten
Regie David Frankel
Hauptdarsteller Meryl Streep, Anne Hathaway, Emily Blunt, Stanley Tucci, Gisele Bündchen
Bewertung ****

Worum geht’s?

Andrea bewirbt sich um eine Stelle als Assistentin der Chefredakteurin einer berühmten Modezeitschrift. Die ist ein wahrer Drachen und auch das Modebusiness erweist sich als Haifischbecken. Trotzdem findet Andrea Gefallen an dem Job und der Glitzerwelt der Haute Couture. Bis sie merkt: Ihr neues Leben und die alten Freunde lassen sich kaum vereinen. Sie muss sich für eins von beiden entscheiden.

Das sagt shitesite:

Der Teufel trägt Prada ist ebenso amüsant wie rasant. Der Film profitiert von einem ungewöhnlichen Sujet, Mut zur Selbstironie und zwei restlos überzeugenden Hauptfiguren.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Emmy The Great – “Virtue”

Dezember 20, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
"Virtue" bietet feine Songkunst, wie bloß geträumt.

"Virtue" bietet feine Songkunst, wie bloß geträumt.

Künstler Emmy The Great
Album Virtue
Label Close Harbour Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Der irdische Ruhm ist nicht mehr als ein Windhauch, der bald von hier und bald von dorther weht und seinen Namen ändert wie die Richtung.“

Das schreibt Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie. Emma-Lee Moss wird wissen, was er damit meint. Denn es ist noch nicht lange her, da spielte sie in einer Band gemeinsam mit Florence Welch. Und während die Freundin von einst als Florence & The Machine mittlerweile mit Preisen überhäuft wird und das aktuelle Album Ceremonials in England auf Platz 1 und in den USA auf Platz 6 der Charts gebracht hat, muss Emma als Emmy The Great immer noch kleine Brötchen backen. Virtue, ihr zweites Album, wurde über Crowdfunding finanziert. Die Fans investieren dabei in den Künstler, und wenn es gut läuft, kriegen sie ein bisschen etwas von ihrem Einsatz zurück.

Warum es für Emmy The Great nicht ähnlich erfolgreich läuft, ist nicht leicht zu erklären. Virtue ist voll mit gekonntem Songwriting und schlauen Texten. Emmy The Great singt durchweg bezaubernd von Selbstbestimmung, fantastischen Wesen und natürlich der Liebe.

Eigentlich war Virtue als Konzeptalbum gedacht mit vielen Fabelwesen und historischen Figuren. Das erklärt Songtitel wie Dinosaur Sex (den verträumten Auftakt der Platte) oder Cassandra (das ganz akustisch beginnt und dann mit seiner Sixties-Atmosphäre große Klasse entwickelt). Doch dann zerbrach Emmas langjährige Beziehung kurz vor der Hochzeit – und natürlich wurde diese Krise zusätzlich in den Songs thematisiert.

Das hoch komplexe A Woman, A Woman, A Century Of Sleep ist das offenkundigste Dokument dieser Phase. “You might think I was a house / but I am a woman, a woman”, singt Emmy The Great und malt ein Leben, in dem ihr nichts bleibt als die Fürsorge für den eigenen Garten, als Horrorszenario an die Wand. Auch die Musik steckt voller Aufbegehren und Emanzipation. „Outright feminist“, nennt der Daily Mirror diese Lieder sogar.

Das ist freilich irreführend. Bei Emmy The Great wird keine Politik gemacht. Sie agitiert nicht, sondern sie fühlt, erzählt und träumt. Die Single Iris zählt zu den Höhenpunkten. Der Bass sorgt für Unruhe, das Schlagzeug spielt einen Beinahe-Marsch und am Ende geht Emmy The Great ganz und gar auf in ihrem Lied. Paper Forest (In The Afterglow Of Rapture) ist wunderhübsch, mit einer herrlichen Harfe und faszinierenden Gesangs-Spielereien.

Cassandra hat die Schwermut und Monotonie von Velvet Underground, was einen feinen Kontrast zur zuckersüßen Stimme schafft. Das ausladende Exit Night/Juliet’s Theme, das an die ambitioniertesten Momente von The Beautiful South denken lässt, kann man mit dem ultra-hohen Gesang und der wehmütigen Orgel fast sphärisch nennen. Der Rausschmeißer Trellick Tower ist ein moderner Gospelsong höchster Güte.

Die Antwort auf die Frage, warum Emmy The Great mit diesen sehr eleganten Songs zwischen Folk und Pop, zwischen Kate Bush und Belle & Sebastian, nicht längst durchgestartet ist, liegt wahrscheinlich in ihrem eigenen Zögern. Im Vergleich zum Debütalbum First Love gibt es zwar weniger Gitarrenpicking, weniger Zerbrechlichkeit und mehr Opulenz (immer wieder kommen beispielsweise sehr effektvolle Chöre zum Einsatz). Aber auch auf Virtue klingt fast alles wie bloß geträumt. Emmy The Great scheint das selbst zu ahnen, denn in Sylvia – einem seltenen Moment der Unbedingtheit, der sofort für den spannendsten Song des Albums sorgt – fasst sie das selbst in gewohnt wundervolle Worte: „Time goes by so idly / writing in your diary / and every line the same / that if this is life / then why does it feel like I’m dreaming?“

Ob das die Schwiergermutter geworden wäre? Emmy The Great unscheinbart sich durch das Video von Paper Forest (In The Afterglow Of Rapture):

Emmy The Great bei MySpace.

Draufgeschaut: Tod im Spiegel

Dezember 19, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 1 Comment 
Daniel (Tom Berenger, links) versucht, sich an seinen fatalen Unfall zu erinnern.

Daniel (Tom Berenger, links) versucht, sich an seinen fatalen Unfall zu erinnern.

Film Tod im Spiegel
Originaltitel Shattered
Produktionsland USA
Jahr 1991
Spielzeit 96 Minuten
Regie Wolfgang Petersen
Hauptdarsteller Tom Berenger, Bob Hoskins, Greta Scacchi, Joanne Whalley
Bewertung ***

Worum geht’s?

Daniel verliert bei einem Verkehrsunfall sein Gedächtnis. Schritt für Schritt kehrt er danach mühsam in sein Leben zurück, wobei ihm seine Frau eine große Hilfe ist. Doch langsam kommt ihm ein Verdacht: So liebevoll war sie vor dem Unfall nicht immer. Hatte sie es sogar auf sein Leben abgesehen?

Das sagt shitesite:

Tod im Spiegel setzt auf eine clevere Story, die geschickt mit Flashbacks und Identitäten spielt. Spannend, aber auch ein Stück vorhersehbar.

Ein paar Szenen aus dem Film:

Christian Wulff: Nichts gelernt von Guttenberg

Dezember 19, 2011 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Einen Satz hört man häufig in diesen Tagen von Menschen, die Christian Wulff verteidigen möchten: Politiker sind auch nur Menschen. Das stimmt, zum Glück.

Auch Politiker lassen sich scheiden (was ziemlich teuer werden kann), sie haben Kinder (die eine Menge Geld kosten), sie träumen vielleicht von einem eigenen Haus (wie viele andere Menschen auch), und sie leihen sich deshalb womöglich Geld bei Freunden, die eine große Summe problemlos entbehren können (wogegen nichts einzuwenden ist).

Die Kreditaffäre des Bundespräsidenten wirft aber die Frage auf: Was für ein Mensch ist Christian Wulff? Wie ehrlich ist er? Wie unabhängig? Wie seriös? Nehmen wir einmal an, die 500.000 Euro, die er bekam, hatten tatsächlich nichts mit seinem aktuellen oder früheren Amt zu tun. Warum konnte als Kreditgeber dann nicht ganz offen Egon Geerkens fungieren, was naheliegender gewesen wäre, als dessen Frau zu benennen? Warum verschwieg Wulff dann auf Nachfrage des niedersächsischen Landtags diesen Kredit? Warum brachte er nun bei Bekanntwerden der Ungereimtheiten nicht sofort alle Fakten auf den Tisch?

Sein Umgang mit der Affäre wirkt, als hätte Wulff etwas zu verbergen. Er muss deshalb nicht zurücktreten. Schweden hat ein Staatsoberhaupt (König Carl XVI. Gustaf), das eine Sexaffäre mit einer Pop-Sängerin zumindest nicht dementiert. Russland hat ein Staatsoberhaupt (Präsident Dimitri Medwedew), das sich gerade dem Vorwurf ausgesetzt sieht, eine Wahlfälschung zu dulden. Und Frankreich hatte bis vor ein paar Jahren ein Staatsoberhaupt (Ex-Staatspräsident Jacques Chirac), das gerade wegen Veruntreuung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Im Vergleich dazu wirken die Anschuldigungen gegen den Bundespräsidenten zunächst banal. Aber Wulff ist nicht nur wenig souverän, sondern auch wenig sensibel – beides gehört zu den wenigen Mindestanforderungen, die für einen Bundespräsidenten gelten.

Zum einen zeigt Wulff, wie wenig die Politik aus der Guttenberg-Affäre gelernt hat. Auch der Bundespräsident wählt als Krisenmanagement die Salamitaktik, statt sich mit einem ehrlichen und frühen Eingeständnis eines Fehlers aller Vorwürfe zu entledigen. Ob er nun gelogen hat oder bloß nicht komplett aufrichtig war – das ist Haarspalterei. Auch die Union meint offensichtlich, wie im Falle Guttenberg auf die Trennung zwischen privater Moral und Leistung im Amt verweisen zu können – das ist Unsinn, zumal Wulff, ähnlich wie Guttenberg, seine Beliebtheit in der Bevölkerung eher einem weltgewandten Auftreten und einer jungen Frau zu verdanken hat als seiner Amtsführung.

Zum anderen hat der Bundespräsident offensichtlich unterschätzt, wie brisant sein Privatkredit wirken kann. Ein kurzer Blick auf die Eurokrise, die Proteste in Griechenland oder die Occupy-Bewegung hätte ihm da helfen können. Die Menschen wollen, dass diejenigen in die Schranken gewiesen werden, die meinen, mit Geld die Welt regieren zu können. Sie wollen keine Staaten mehr, die sich vor der Macht der Märkte und dem Diktat der Finanzwelt beugen müssen. Und sie wollen in solchen Zeiten erst recht keinen Bundespräsidenten, der vielleicht von den Einflüsterungen eines Geldgebers abhängig ist.

Draufgeschaut: Somersault

Dezember 19, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Heidi (Abbie Cornish) will sich in einer fremden Stadt durchschlagen.

Heidi (Abbie Cornish) will sich in einer fremden Stadt durchschlagen.

Film Somersault
Produktionsland Australien
Jahr 2004
Spielzeit 106 Minuten
Regie Cate Shortland
Hauptdarsteller Abbie Cornish, Sam Worthington
Bewertung ****

Worum geht’s?

Die 16-jährige Heidi ist ein Ausreißer. Als sie Ärger mit ihrer Mutter hat, flieht sie in einen Wintersportort. Sie findet einen Job und ein paar Freunde und reichlich sexuelle Abenteuer mit Touristen. Erst als sie den Farmerssohn Joe kennenlernt, scheint sie sich selbst zu finden.

Das sagt shitesite:

Somersault ist eine eindringliche Coming-Of-Age-Geschichte. Die etwas schwache Story wird dabei durch herausragende Darsteller und tolle Bilder wettgemacht.

Der Trailer zum Film:

Die ganz persönliche Schuldenkrise des Christian Wulff

Dezember 18, 2011 · Posted in Bewegtbild, TV · 1 Comment 
Rücktritt oder nicht? Günther Jauch ließ es auf jeden Fall menscheln. Foto: ARD/Marco Grob

Rücktritt oder nicht? Günther Jauch ließ es auf jeden Fall menscheln. Foto: ARD/Marco Grob

Ein bisschen seltsam ist das schon. Eigentlich sind sich alle einig, auch an diesem Abend bei Günther Jauch, dass der Bundespräsident meist nicht viel mehr ist als der Grüßaugust der Republik. Das Staatsoberhaupt solle «Sinn stiften und Werte vermitteln», fasst Grünen-Fraktionschefin Renate Künast den Aufgabenkatalog zusammen. Der Bundespräsident hat also ähnlich viel konkrete politische Macht in Deutschland wie der Papst, der Bundestrainer und Thomas Gottschalk.

Eigentlich sind sich alle einig, dass dies auf Christian Wulff in besonderem Maße zutrifft. Nach dem Ärger durch Horst Köhlers übereilten Rücktritt wollte die Kanzlerin bloß einen Bundespräsidenten, der nicht aufmuckt – statt einen, der womöglich sogar Zeichen setzt. Einen «pflegeleichten» Kandidaten, nennt Günther Jauch den ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen ganz treffend.

Eigentlich sind sich alle einig, dass Wulff auch unter diesen bescheidenen Maßstäben als erster Mann im Staate bisher eine zumindest unscheinbare Figur abgibt. Selbst ZDF-Journalist Wolfgang Herles, der Wulff in der Kredit-Sache an diesem Abend mehrmals verteidigt, bezeichnet die Bilanz seiner bisherigen Amtszeit als «lausig».

Soll Christian Wulff doch zurücktreten, könnte man da meinen, wäre doch halb so wild. Zumal er, egal ob im Amt oder a.D., in jedem Fall bis zum Lebensende weiter seine vollen Bezüge als Ehrensold bekommen würde. Kein Mensch müsste sich aufregen, und Günther Jauch hätte wie ursprünglich geplant die Steilvorlage des Tatorts nutzen und über islamistischen Terror in Deutschland sprechen können.

Aber so einfach geht das natürlich nicht. Wie verwerflich es wirklich ist, einen günstigen Kredit über 500.000 Euro anzunehmen und dem niedersächsischen Landtag dann auf Nachfrage nicht die ganze Wahrheit zu sagen, darüber lässt sich im Gasometer trefflich streiten.

Für die eine Extremposition steht dabei Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Man solle die Kirche im Dorf lassen, fordert er ? und mahnt zugleich zur Vorsicht mit Vorverurteilungen, bevor alle Fakten auf dem Tisch liegen. Das wäre eine ganz vernünftige Position, wenn Altmaier nicht selbst sofort mit einem (Vor-)Urteil in die Debatte eingestiegen wäre: Juristisch sei Wulff «nichts vorzuwerfen».

Der Gegenpol dazu ist Hildegard Hamm-Brücher, die 1994 selbst für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert hatte. Die 90-Jährige befürchtet angesichts der Wulff-Affäre einen Schaden für die Demokratie und sieht gar Parallelen zum Ende der Weimarer Republik.

Die ehemalige FDP-Grand-Dame übertreibt damit zwar, hat aber trotzdem die weitaus besseren Karten. Sie verweist auf die Vorbildfunktion, die man von Politikern – und erst recht von einem Staatsoberhaupt – verlangen müsse. Und sie bringt schon sehr früh Joachim Gauck ins Spiel, der bei der Bundespräsidentenwahl knapp gegen Wulff unterlegen war, und dessen moralische Integrität nun im Angesicht von Wulffs ganz persönlicher Schuldenkrise noch ein bisschen heller strahlt.

Altmaier hingegen steht früh auf verlorenem Posten: «Ich habe nicht vor, mich über Einzelheiten zu streiten», meint er allen Ernstes – und erntet Stöhnen aus dem Publikum. Nicht nur dort fühlt man sich angesichts der verzweifelten Verteidigungsversuche an die fatale Nibelungentreue der Union in der Causa Guttenberg erinnert. Immerhin muss man dem CDU-Mann zugute halten: Viele andere aus seiner Fraktion haben sich davor gedrückt, an diesem Abend für Wulff Stellung zu beziehen, wie Günther Jauch verrät.

Altmaiers einziges Ass im Ärmel ist der zutreffende Vorwurf: Auch in anderen Parteien gibt es Spitzenpolitiker, die nichts gegen die eine oder andere Gefälligkeit haben. Der CDU-Mann verweist etwa auf Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder – und kurz ist man froh, dass bei der Auflistung von dessen zweifelhaften Verstrickungen der Name «Putin» nicht einmal fällt, sonst wäre sicherlich auch noch die mutmaßliche Wahlfälschung in Russland diskutiert worden. Auch Künast lässt sich auf eine derart billige Diskussionskultur ein, als sie Wulff und Köhler in einen Topf wirft, um die Frage stellen zu können, ob die CDU überhaupt noch Bundespräsident kann, später auch noch Guttenberg mit dreingibt, um dann vollends an der Moral in der Union zu zweifeln.

Und Günther Jauch? Der will mal wieder menscheln. Wer von uns hat schon so reiche, großzügige und uneigennützige Freunde, fragt er die Runde. Sind Männer mit schwierigen Biographien wie Schröder und Wulff besonders empfänglich für die Einflüsterungen väterlicher Freunde wie Egon Geerkens? Rettet die Besinnlichkeit der Weihnachtstage vielleicht Wulff das Amt?

Immerhin sorgt seine Redaktion für zwei Glanzpunkte. Ein altes Statement von Wulff zur Flugaffäre von Johannes Rau zeigt, wie hoch Wulff selbst den moralischen Maßstab für den Bundespräsidenten anlegt. Ein anderes Zitat aus dem August diesen Jahres, in dem es um Kredit und Vertrauen geht, führt den Bundespräsidenten gleich völlig vor.

Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, wünscht sich derweil, passend zum Titel der Sendung, einen Telefonjoker ins Kanzleramt, um die Frage zu beantworten, ob Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident ist. Das Publikum kann auf derlei Entscheidungshilfe bereits verzichten. Als Günther Jauch die Zuschauer im Saal abstimmen lässt, sagen 70 Prozent: Dieser Bundespräsident ist nicht mehr glaubwürdig.

Bestes Zitat: «Ich bin keine Feministin. Aber die Männer machen das schlecht.» (Hildegard Hamm-Brücher über die Amtszeiten von Horst Köhler und Christian Wulff)

Diesen Text gibt es mit einer Fotostrecke zu Günther Jauch und den besten Zitaten aus der Sendung auch bei news.de.

Die komplette Sendung von Günther Jauch gibt es hier in der ARD-Mediathek.

Quelle:
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Medien Nachrichten -
«Günther Jauch» – Wulffs ganz persönliche Schuldenkrise

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